Nr.24 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Samstag, 28. Januar '928
Oie Insel Paneuropa.
Von Or. Paul Rohrbach.
MS vor vierhundert Jahren der Engländer Thomas More seine berühmte Schrift erscheinen lieh' „Heber die beste Staatsform und die neue Insel" Utopia', waren „Reue Inseln" etwas ganz Modernes. Amerika war eben entdeckt, und von jedem heimkehrenden Schiff wußte die Mannschaft immer Merkwürdiges von den Dingen zu erzählen, die man gefunden hatte. Diese Einkleidung des berühmten Staatsromans muhte also von vornherein das Interesse der Leser wecken. Wenn man aber näher zusieht, so erkennt man hinter den Zügen der Insel Utopia (d. h. Airgendsland) die Insel England, wenn auch weniger aus den Einrichtungen und der Sinnesart der geschilderten Bewohner, als aus gewissen Andeutungen anderer Art.
Es steht jetzt eine neue Zusammenkunft in Paris über das Problem „P a n e u r 0 p a" bevor, und die Vorbereitungen sind im Gange. Reue Inseln gibt es in unseren Tagen nicht mehr zu entdecken, und wenn einer jetzt eine Utopie verfassen will — feit Plata haben Utopien noch nicht aufgehört, modern zu sein — so ist eine der hübschesten Heberschriften, die er dazu finden kann: „Paneuropa!" Das klingt geographisch und politisch gar nicht nach „Rir- gendsland", und Optimisten denken, es brauchten nur ein Plan und ein Wille da zu sein, und die Vereinigten Staaten von E u - r 0 p a seien schon eine so gut wie gelöste Ausgabe.
Thomas More wählte als ein erfahrener Staatsmann und Menschenkenner einen a n - deren Weg, indem er schon durch den Titel fein Ideal als ein bloßes Gedankengebilde hinstellte und den Hintergrund einer Wirklichkeitshoffnung nur schattenhaft, gleichsam entsagend, durchscheinen ließ. Er war auch sonst ein anderer Mann, als die meisten Paneuro- päer. Als Großkanzler Heinrichs VIII. weigerte er sich, des Königs Ehescheidung anzuerkennen und durch den Suprematseid dem König auch als kirchlichem Oberherrn zu huldigen. Dafür wurde er in den Tower gesperrt und geköpft. Von der heutigen paneuropäischen Weichheit war nichts in ihm. Paneuropa ist, wie jedes staatliche und soziale Idealbild, eine Sache der Gesinnung.
Wirtschaftsverträge, selbst Zollunionen, kann man abschliehen mit dem Rechenstift in der Hand. In Dänemark z. B., das doch wirklich noch weit von einer freundschaftlichen Gesinnung gegen Deutschland entfernt ist, fängt man an, die Frage einer Zolleinigung zu überlegen. Warum? Weil die Ausfuhr von Butter, Käse, Eiern usw. aus Dänemark nach England infolge der zunehmenden Versorgung Englands durch seine Dominions, namentlich Kanada, mehr und mehr in Frage gestellt wird. Die dänische Landwirtschaft hatte sich seinerzeit, als der Getreidebau nicht mehr lohnend genug war, entschlossen auf viehzüchterische Qualitätsproduktion umgestellt. England war ein ungeheuer aufnahmefähiger Markt, und die dänischen Landwirte hatten glänzende Zeiten: ihr Land war sozusagen der Meierhof Englands. Damit ist es vorbei. Die dänischen Betriebe sind in einer schweren Krisis, am meisten in dem dänisch gewordenen Rord-Schleswig, weil dort durch das Steigen der dänischen Valuta noch besondere Verluste dazu treten. Auch der Reichsdäne überlegt sich, widerwillig genug, aber durch den materiellen Druck genötigt: Zoll- verband mit dem deutschen Wirtschaftsgebiet wäre schließlich eine Hilfe!
Wenn unsere Paneuropäer solch einen immerhin möglichen Vorgang, der zunächst als eine erste Auflockerung des herrschenden starren Ab- schluhsystems betrachtet werden könnte, als eine Verheißung auf ihrem Wege betrachten wollen, so können sie es ruhig tun. 3m Grunde aber ist die Einstellung der hervorragendsten Führer des Paneuropäismus nicht einmal so sehr wirtschaftspolitisch, wie Pazifistisch international gerichtet. Sie benutzen aber die wirtschaftlichen Motive, namentlich das tatsächlich drohende Schreckbild Amerika, nur mehr als einen
Es zogen drei Äurschen wohl über den Mein .... Roman von Erica Grupe-Lörcher.
29 Fortsetzung.
Nachdruck verboten.
Während sie im Gespräch die Kaiser-Wilhelm- Straße hinabschritten, riß allerlei Unruhe und sonderbares Geräusch ihre Aufmerksamkeit an sich. Es war ein dunkler, mondloser, von leichten feuchten Nebelschleiern durchwallter Nooemberabend. Man hörte in kleiner Entfernung Stimmengewirr. Sonderbar! Jetzt, in der beginnenden Nacht, auf dem Platz vor dem Kaiserpalast?
Schölzcr ging einige Schritte vorwärts, sich in den Schatten des Landtagsgebäudes drückend. Als die Freunde ihn eingeholt, berichtete er feine Mutmaßungen: „Da vorne, ganz nah am Kaiser-Wil- Helm-Denkmal, ein kleiner Knäuel von Menschen ist es, lauter Männer. Aber Einzelheiten konnte ich noch nicht unterscheiden."
Die beiden andern sahen sich an. Dann meinte Raymond halblaut: „Am Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Gott, da werden wahrscheinlich einige Franzosenköpfe eine Demonstration arrangieren. Irgendeinen Zettel ankleben, ober Aehnliches. Dem General Rapp in Kolmar haben sie vor einigen Tagen einen Lorbeerkranz mit einer großen blauweißroten Schleife umgehängt. Vielleicht —"
Ein dumpfer schwerer Knall platzte in seine Worte herein. Die Erde erdröhnte im nahen Umkreis. Ein großer Gegenstand schien mit ungeheurer Wucht niedergestürzt zu fein. — „Das Denkmal ist umgestürzt v‘
Sie dachten alle drei dasselbe. Ohne ein Wort zu wechseln, eilten sie vorwärts. Hinter einigen Baumstämmen, die im weiten Halbkreis den Platz mit seinen Anlagen umgaben, konnten sie im Schutze der Dunkelheit nahe herankommen, ohne selbst beobachtet zu werden.
Raymond stand am weitesten vorne. Er beugte sich vor und seitwärts — plötzlich packte er unwillkürlich die Hand von Dietwart, der unmittelbar hinter ihm stand: „Ja, das Denkmal ist weg! Auf dem Sockel fehlt die Reiterstatue. Das haben nicht die
guten Vorspann. Es ist zwar ein gewisser Materialismus, wenn auch ein im Ausdruck verfeinerter, zu sagen: Wirtschaft ist Schicksal! Walter Rathen au und Karl Marx waren sicher sehr verschiedene Köpfe, aber ihre Ideen von der Wirtschaft als dem eigentlichen Schicksal der Völker und von dem materialistischen Geschichtsprinzip zeigen ein Stück innerer Verwandschaft. Trotzdem ist es richttg, daß die wirtschaftlichen Tatsachen einen starken Druck in der Richtung auf einen zukünftigen halben oder ganzen europäischen Zollverein ausüben. Rur die Insel Paneurvpa im Sinn des Grafen Coudenhove-Kalergi wird darum doch mindestens auf so lange ein „Rir- gendsland" bleiben, wie es nicht gelingt, d i e Wurzel des europäischen Militarismus zu zerstören. Diese Wurzel aber liegt in Frankreich, und sie bleibt dort liegen, trotzdem der nächste paneuropäische Kongreß in Paris ftattfinben soll.
Dies haben mit ihrem gewöhnlichen nüchternen Scharsblick auch die Amerikaner erkannt, als sie die Werbung des französischen Außenministers Briand um den merkwürdigen Sonderfriedenspakt zwi chen Frankreich und den Vereinigten Staaten kurzweg a b l e h n - t e n. Man hat es ja nachgerade durchschaut, daß dieser Paktvorschlag auch nur ein Umweg zu dem zäh festgehaltenen Ziel der französischen Politik war, den im Diktat von Versailles geschaffenen Zustand des „friedlichen Eu
ropa" — um mit dem Italiener Ritti zu sprechen — zu verewigen. Auch Graf Coudenhove-Kalergi lehnt es ab, an den „friedlosen" Grenzen deS heutigen Europa um seines paneuropäischen Gedankens willen irgend etwas zu ändern. Er behauptet statt dessen, auf seiner Insel Paneuropa würden politische Grenzen bedeutungslos sein, da die Staaten nur noch die Rolle von bloßen Derwaltungskörpem spielen würden.
Ist damit etwa gesagt, daß zukünfttg nicht mehr die Praxis geübt werden würde, die Deutschen in Südtirol oder im heutigen Polen, die Slowenen, die zwangsweise an Italien gekommen sind, oder die Magyaren in Rumänien, von ihrem angestammten Volkstum hinweg zu „verwalten"? Keineswegs. Eine Sicherheit gegen die jetzt geübte unerträgliche Bedrückung nationaler Minderheiten, und eben 0 eine Sicherheit für die Revision der untragbaren Festsetzungen der Friedensdiktate, ist durch kein solches Paneuropa zu gewinnen. Ein Paneuropa, das keine Insel „Rirgendsland" wäre, könnte erst entstehen, wenn sich vorher eine pan- europäische Gesinnung ge1 ittet hätte. Festhaltung einer Kontrolle über das Rheinland, sei es auch einer angeblich internationalen, wie sie auch die jetzigen paneuropäischen Kongreß- freunde in Paris verlangen, ist aber das Gegenteil davon und ein Hohn auf den gepredigten Paneuropäismus.
Geschichten aus aller Welt.
Der Küchenchef des Herrn Paderewski.
(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
(aga) Reuh 0 rk.
Ignaz Ian Paderewski, dessen Hand auf dem Klavier eine glücklichere ist als in der Staatsmannskunst, hat seine xte transkontinen- tale Konzertreise durch die Vereinigten Staaten angetreten. Das hat er feit fünfundzwanzig Jahren foundfoviele Male getan, und die Tatsache wäre kaum erwähnenswert, wenn nicht ein besonderer und für den Künstler höchst betrüblicher Hmstand damit verbunden wäre. Ignaz Ian ist hierzulande noch niemals zuvor auf die Kunstwalze gegangen, ohne daß ihm die Pull- man-Schlaf- und Salonwagen-Gesellschaft einen weit und breit berühmten farbigen Küchenchef als Leibkoch mitgegeben hätte. Dieser Künstler vom Schmortopf und Kochlöffel, James Copper, hat aber jetzt das bei der Pullman Compagnie als äußerste Grenze der Betätigung ausgesetzte Alter erreicht, und kurz ehe Pade- rewski seine Tournee begann, teilte er ihm aus Chikagv mit, daß er sich habe pensionieren lassen. Der schwarze Küchenkönig war aber so nett, von seinem königlichen Vorrecht der Ernennung seines Rachfolgers Gebrauch zu machen; er hat einen jungen Mairn namens James Davis in sein Amt eingesetzt, und Paderewski hat der Wahl seine Zustimmung geben müssen.
Der emeritierte Oberkoch hat auf fünfzehn Kunst reisen PadercwskiS in der Küche fernes Privatwagens das hölzerne Szepter geschwungen. Ignaz 3an hatte sich dies bei der Pullman Co. ausbedungen. Copper war durchaus nicht stolz darauf, beim er hielt was auf seine Würde. Warum auch nicht? Wenn der ehedem blondgelockte Pole Meister des Klavierspiels ist, so ist der schwarzwollige Afro-Amerikaner mindestens ein ebenso hervorragender Meister am Küchenherd. Auf einer Reise bemerkte Paderewski einmal dem Kellner gegenüber: „Sagen Sie, bitte, Herrn Copper, ich lasse ihm bestens danken. Der Braten war köstlich, der Salat herrlich und die Rachspeise war besser als je." Worauf der Ganymed mit der Antwort zurückkam: „Herr Copper läßt 3hnen danken, und ich soll 3hnen sagen, daß auch die Suppe nichts zu wünschen übrig ließ." Was aber der Pianist seinerseits wieder mit der Botschaft beantwortet haben soll, daß das Salz fabelhaft, der Pfeffer pyramidal und die Zahnstocher himmlisch gewesen seien.
Ein andermal rettete Copper den Künstler mit Zuhilfenahme eines Wellholzes und seiner Bratpfanne vor einer ihn bestürmenden Schar Landstreicher in Kalifornien. Die Vagabunden hatten den Privatwagen Paderewskis förmlich umzingelt, als sie erfahren hatten, daß Copper von 3gnaz 3an beauftragt worden war, jedem Bedürftigen einen halben Dollar zu geben. Als der Vorrat an Halbdollarstücken erschöpft war, griff der Koch zu dem altbewährten Angriffsmittel, mit dem schon weiland Stammutter Eva in übler Laune ihren Adam aus der Küche vertrieben haben soll. Es dauerte nicht lange, da war kein „Tramp" mehr zu sehen.
Ein Drama um Mitternacht
(—) Paris.
3n der Rue Toufsrah in Paris schlagen die Uhren in allen Wohnungen die Mitternacht, der Schlummer senkt sich auf diesen stilleren Teil der» brausenden Weltstadt, — da schleicht mit behutsamen Schritten eine größere Polizeipatrouille in eines der Häuser in dieser Straße hinein, weckt den eingenickten, beim Anblick der Uniformen zu Tode erschrockenen Concierge und bedeutet ihm leise, mit dem Finger auf dem Mund, man sei vyn der Rachbarschaft aus telephonisch alarmiert worden, er müsse sofort alle Türe?, verschließen und daS Licht ausmachen, bei hier oben im Hause, — das Flüstern be- koi erregtere Färbung, — passiert etwas ®ra .tiches!
Auf den Zehen steigen die Beamten von Stockwerk zu Stockwerk. Als sie im vierten ange- tommen find, hören sie deutlich eine scheinbar schon mit dem Lebensatem kämvfende Stimme rufen: „Latz mich lo«i Latz mich los! Oh. oh. diese Schmerzen!" 3m Ru blitzen die elektrischen Taschenlampen auf, man schlägt mit den Fäusten gegen die Tür, — aber es wird still, niemand antwortet. Dem mitgekommenen Concierge im Hintergründe sträuben sich die Haare auf dem Kopf. Kurz entschlossen schlagen zwei kräftige Polizisten die Tür ein, mit vorgehaltener Waffe bringt man ein und sieht sich einem — Papagei gegenüber, der sofort in feinem Käsig, sehr von sich und seiner Kunst eingenommen, die tragi- fchen Worte von vorhin wiederholt —
Er gehört der Schauspielerin Madame Lamont, die von der heutigen Vorstellung noch nicht zurück ist, in der sie u. a. auch diese Schmerzensrufe auszustotzen hat. Beim Repetieren hat der Papagei sie ihr abgelauscht und sie gelernt.
Wackes getan. Nein! Könnt ihr's glauben, es sind lauter elsässische Studenten. Ich erkenne einige von ihnen —"
Mit einem unterdrückten Aufschrei von Wut unterbrach er sich selbst. „Atteste ist unter ihnen! Schon eben glaubte ich, seine Stimme dazwischen zu hören, — jetzt sehe ich ihn —"
Dann prallten sie alle drei wieder um einige Schritte zurück. Ein lautes Gelächter brach dort vor ihnen auf. Ein Lachen, das getränkt war von Spott, von Rachsucht, von frecher lleberhebung, von brutaler Selbstüberhebung. Ja, man lachte, man wollte sich ausschütten vor Lachen über den gelungenen Heldenstreich!
Man gellte seinen hämischen Spott ungeniert in die Nycht hinaus! Denn wer sollte diesem Trupp wehren, ihn bestrafen? Waren sie nicht Vertreter der jetzt die Oberhand gewinnenden Richtung? Einer Richtung, die fast ein halbes Jahrhundert lang den Mund halten' mußte, einer Generation, die von der älteren den Haß, die geheime Opposition mit sich herangezogen, um nun endlich ans Ruder zu kommen, um alle Macht an sich zu reißen!
Mochte man sie ringsum hören! Wer andern Sinnes mar, konnte nur die Faust in der Tasche ballen und war klug genug, sich schweigend zurückzuhalten. Eine Polizei gab es in diesen Tagen nicht. Und wer gleichen Sinnes war wie dieser Trupp, der freute sich dieser Tat und lachte zustimmend.
Deswegen dämpfte man jetzt auch die Stimmen durchaus nicht und überhastete sich nicht und ließ sich fein Programm nicht stören! Ganz beutlid) gewann man den Eindruck, sie führten noch weiteres im Schilde.
„Wir gehen hinterher!" entschied Raymond sofort, „wir wollen sehen, was die noch Vorhaben." Unterwegs, während sie der Studentengruppe in einiger Entfernung folgten, tauschten die drei ihre Ansichten. Man hatte mit irgend etwas herumhantiert. Dann sah man, es mußten Stricke gewesen sein, denn ein schwerer Gegenstand wurde jetzt weiter ge- chleift, über den Fahrweg, über eine kleine Fußgängerbrücke und dann auf der einen Seite des anggezogenen Broglieplatzes entlang.
Jetzt kamen die drei Freunde an der Stätte vorbei. Der Sockel erhob sich teer. Das kolossale bronzene Reiterstandbild des alten Kaisers lag seitwärts auf dem Boden. „Der Kppf fehlt an der Statue. Den
werden sie jetzt mit sich schleifen," meinte Wenger, „wohin nur?"
Passanten, die sich noch auf der Straße befanden, wurden auf das Gebaren des Trupps dort vorne aufmerksam. Einige blieben kopfschüttelnd stehen, weil sie im Dunkel der Nacht den Zusammenhang sich nicht erklären konnten. Andere schlossen sich dem Trupp an. Es ging durch die schmale Schlauchgasse nach dem Kleberplatz. Diejenigen, die den schweren Gegenstand mit Stricken vorwärts — und hierher geschleift hatten, machten am Denkmal des Generals Kleber halt.
Das erregte keineswegs das Erstaunen Raymonds oder seiner Freunde. Kleber, als Sohn einfacher Leute hier in Straßburg am Gerbergraben geboren, hatte als Feldherr Napoleons des Ersten die.französischen Fahnen in siegreichen Schlachten geführt, vis am Fuße der Pyramiden beim ägyptischen Feldzuge der Dolch eines fanatischen Muselmannes seinem Leben vorzeitig ein Ende machte. Vor siebzig Jahren hatte man sein einbalsamiertes Herz in einer Urne unter dem Denkmal hier in ein kleines Gewölbe gebettet. Seit der Deutschwerdung des Elsasses nach dem siebziger Kriege war dieses Denkmal für die oppositlonslüsterne elsässische Studentenschaft mit französischer Gesinnung das Symbol ihrer Anhänglichkeit zu Frankreich geworden. Wie manches Mal war man noch zur Geisterstunde nach heimlichen Versammlungen oder Kneipabenden hierher gezogen, hatte im Gänsemarsch, schweigend, mit gezogenem Hute das Denkmal umschritten und dann der halblauten Ansprache eines der Mitglieder gelauscht, die gewöhnlich von der Glorie Frankreichs handelte und von der unverbrüchlichen Treue der abgerissenen Provinzen. Und dann war man wieder schweigend auseinandergegangen, leise--unauffällig,--da
mit nicht einer der deutschen Behelmten etwas davon merke.
Am Tage tobte warm pulsierendes Treiben über diesen Platz, der sich im Herzen der alten Festungsstadt befand. Jetzt lag er still, verlassen da. Eine eigenartige Stimmung lag über der ganzen Stadt in diesen Tagen des Ueberganges, in die|en Tagen ohne Rückgrat, ohne festen Halt, ohne festumrissen« Konturen.
Die drei hatten einen kleinen Bogen umschrieben und standen nun im Schatten einiger engbrüstiger alter Häuser, neben denen eines der alten winke-
SS scheint, dah er in dem unerwarteten mitternächtlichen Besuch der hohen Polizei ein Kompliment für seine hervorragende Bühnenbegabung erblickt, denn plötzlich bricht er in ein langanhaltendes, gellendes Gelächter aus. unter dessen Klängen die Polizei mit den längsten Gesichtern der Welt den Schauplatz verläßt.
„Anna Palowna sehr gefragt".
(r) A m st e r d a m.
Wenn man diese Heberschrist in einem großen holländischen Blatte lieft, freut man sich als modernen Aesthet und Kunstenthusiast. daß die schwerfälligen, kaltblütigen, holzschuhbewehrten Holländer soviel übrig haben für die leichtbeschwingte, anmutige und hinreißende Kunst der begnadeten Tänzerin. Man schließt einen Augenblick lang genießerisch die Lider, um sich das reizvolle Bild etwa eines pawlownischen Sylphidentanzes mit seinen zärtlichen Biegu igen und zierlichen Wendungen in die Erinnerung zurückzurufen. Hnd dann schlägt man notgedrungen die Augen wieder auf, da man sie benötigt, um nun endlich einmal zu lesen, warum denn ausgerechnet in den Riederlanden die Anna Pawlowna so „gefragt" ist —
Hnd erlebt eine duschenartige Heberraschung. Die „Anna Pawlowna', die in Amsterdam fo „gefragt“ ist, ist eine — Tulpenzwiebel, die auf dem Zwiebelmarkt der letzten Woche von den großen Tulpenzüchtereien mit auffälliger Vorliebe getan t worden ist.
3a, das hätte man sich doch gleich denken können. —
Zci^e kontra Charleston.
(h) Konstantinopel.
Kemal Pascha ist gar kein so großer Fanatiker des Modernen. Als er einst einem hiesigen Tanzunterricht beiwohnte, freute er sich zwar über die feidenbestrumpften Charleston-Beine der anwesenden Ausländerinnen, äußerte aber sogleich sein Mißfallen, als auch Damen der türkischen Gesellschaft am Tanze tcilnaßmen. Seither sann der allgewaltige türkische Staatslenker auf Abhilfe und fand sie endlich durch das Geschick des Generalinspektors des öffentlichen Hnterrichts und der 3ugenderziehung in Konstantinopel, Selim ©irrt) Bet. Der verstand es nämlich, den Rationaltanz eines wilden Volksstammes in der Hmgebung von Smorna, den Zeibek, salonfähig zu machen, und Kemal war hiervon derart begeistert, dah er den „Zeibek" sofort als türkischen Rationaltanz propagieren lieh. Dieser soll jetzt den Kampf mit dem Charleston ausnehmen. Hm die Töchter Selim Sirry Beis, Sehna und Azads, bereisen gegenwärtig Europa, um auch die Rationaltänze von Casto- muni, Adana, Erzerum und Trapezunt zu modernisieren. 3n Anwesenheit Kemal Paschas darf jetzt natürlich nur Zeibek getanzt werden. Aber auch sonst beginnen die modernen türkischen Frauen und Mädchen dem Charleston untreu zu werden. Sie tanzen gegenwärtig viel lieber — Zeibek? Ach nein — black bottom und english walse.
Der letzte Dtorch.
(v) Budapest.
Irgendwo in einem Dorf an der so nahen rumänischen Grenze ist ein „Wunder" geschehen. Ein Stovch, ein richtiger schwarz-weißer Storch, ist dort auf unb^reifliche Weise zurückgeblieben und trotz aller Winterkälte nicht erfroren. 3m Gegenteil, wie man hört, fühlt er sich recht wobl, und sogar aus der Hauptstadt erhält er Besuche, die sich eingehend noch seinem Befinden erkundigen. Die Blätter bringen Situationsberichte wie vom Krankenlager einer hohen oder sogar höchsten Persönlichkeit, obwohl, wie erwähnt, besagter Vogel vollkommen gesund und ebenso guter Dinge ist wie fein Gastgeber, dessen Hausdach er ziert und der bereits durch Geschenke, die für den Vogel bestimmt waren, wohlhabend zu werden beginnt. So wäre denn alles in schönster Ordnung, wenn eine „wundertätige Frau" des Storchdorfes, eine richtige alte, häßliche Here, nicht höchst seltsame Schlüsse aus dem Zurückbleiben des Tieres, das längst, wie jeder andere anständige Storch, in Afrika weilen sollte, gezogen hätte. Genaues ist über diese Schlußfolgerungen der Alten nicht bekannt ge-
ligen Gäßchen abzweigte. Der Trupv am Denkmal legte sich keine Reserve auf. Sie ordneten den abgeschlagenen Kopf des Denkmals dem General Kleber zu Füßen. Ein sonderbarer Anachronismus! Das Haupt des ersten Hohenzollernknisers als Trophäe zu Füßen eines napoleonischen Generals?
War diese Tat nicht bereits ein Ausfluß echt gab lischen Esprits, den diese jungen Elsässer mit unentwegt treuem französischem Gedankengang« offenbarten?
„3d) wollt', ich hätte einen großen Wasserschlauch hier und könnt mit dem Strahl in diese Versammlung reinsahren," knirschte Wenger empört vor sich hin, in feiner urwüchsigen Art.
Ader Raymond schwieg. Seine herabhängenden Hände krampften sich zusammen. Er sah in diesem ganzen Vorgang ein Symbol. Bis zur Unerträglich« feit würde von jetzt ab hier die Unduldsamkeit gegen alles Deutsche aufschießen!
Hatte man nicht während dieser achtundoierzig Jahre deutschen Besitzes das Dentmal des französischen Generals Kleber hier' im Zentrum der Stadt unangetastet gelassen? War je dem Denkmal des Marschalls Dezai am Rhein, war dem Standbild des Präfekten Lezai-Marnesia je ein Unbill unter deutscher Zeit zugefügt?
„Ich werde hier nicht bleiben können!" sagte Raymond plötzlich, als fasse er alle feine auf ihn einstürmenden Gedanken hiermit zusammen. Und dann nochmals unter einem lastenden Seufzer: „Nein. Wenn das der Anfang ist von dem, was kommen wird...? Dann gehe ich von hier fort!"
Wenger sah ihm ins Gesicht: „Raymond, hier, aus deiner Heimat, aus dem Elsaß?"
,3a. Wenn es aufhört, — mir eine Heimat zu sein. Tägliche Nadelstiches tägliche Arroganz von der anders denkenden Seite werd« ich auf die Dauer nicht ertragen!"
Wenger begann langsam weiter zu gehen, hinein in die Schatten der Torbogen der 2Iubette, die sich an der einen Seite des Kleber Platzes hinzoa. „Ich weiß nicht, ob du da recht tätest. Raymond. Ich meine: recht gegen unsere Heimat! Wenn alles, was von uns Elsässern hier noch deutsch fühlt, weggehen würde, — bann hätten ja die Franzosen hier freies Feld!"
(Fortsetzung folgt.)


