Ausgabe 
27.7.1928
 
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Nr. 175 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 27. Juli (928

Amanullah wieder zu Hause.

Don unseren, H.-Q3<rid>lcrfuUcr.

Rachdruck. auch mit Quellenangabe, verboten?

Teheran. 3uli 1928.

2lrnanullab. Äönifl non Mghaniftan. Hot Tehe­ran. wo er den periilchen Käufer Resa Schah be­suchte. verlassen und ift inzwischen wieder in Äabul eingevrossrn. wo er von der Bevölkerung freudig begrübt wurde. Er ift über acht Monate von seinem Lande forty.Dc'cn und da« alle wichtigen europäilchcn Länder und auch die wichtigsten astatischen Gebiete seiner beiden groben Dachbarn Indien und Rußland berichtigen ton­nen. ohne hab er hierbe, durch irgendwelche crnflcrcv. ttmgntflc in Innern Londe gestört wurde Die Prophezerungen derlallchen Pro­pheten. die meinten, dah seine Abwesenheit von Kabul nur mit einem Sturz ^ndrgen tonne, haben tonnt Unrecht behalten Dre Mutter des Königs hat über der Ruhe und der Ordnung im Lande gewacht, und die ubersechztg- jährrge Stau. d:e zwar nicht lesen und schreiben kann, aber in den Annalen der Geschichte Asgha- nistans sicher als eine der klügsten und tüch­tigsten Herrscherinnen des Landes ^rzmchnet werden wird, hat die Interessen ihres Sohnes mit ebenso kluger wie energischer Hand wahr- genommen. So findet Amanullah bei seiner He,m- kehr fein Land in musterhastcr Ordnung vor und da» Reformwerk. das er begonnen hatte, ist erhalten geblieben

.'la<l)deni er in Europa und Allen die Ge­legenheit hatte, bk verschiedensten Dinge zu stu- dieren. ist er also doppelt in der Laae. dies Werk lortzuseden und es -u dem Abschluß zu bringen, den er wünscht. Afghanistan so zu reformieren, büh das Land unabhängig und svei seinem eige­nem Schicksal leben kann. Amanullah hat hier­bei ollerdings wohl andere Ideen, als man lic ihm in Europa z.T. zugeschrieben hat Erschla­gene Diplomat.e und Ausbau der Wehrmacht gelten ihm durchaus nicht al- die einzigen Mittel, mit denen das Land in die Höhe zu bringen ist. denn er weift, daft Wrssenlchast und Technik cbenfe wieeinemoderneIndustrie-An- l ag« nötig sind, um sein Land in die Höhe zu bringen, bezeichnend ist daher auch, was er aus Europa mitgebracht bat: eine Wollwäscherei, eine Spinnerei, eine Tuchfabrik, die dazu Kencn stylen, um den Import feines Landes an derartigen Daren zu verringern, sowie eine Zuckerfabrik, die wohl dazu bestimmt ist. das alltnächttge Zuckcrhandetsmonopvl der Aussen in Asien zu brechen. Das ift, wenn man so will, beides shm- bolttch, da ja der Tertilhandel in angio-indischen

Händen liegt.

Da« Demerlenswerteste an seiner Reise ifl aber, daft er nicht allein die wirtschaftlichen Dinge, sondern auch geistige Werte beson­ders schätzen gelernt hat. Dicht umsonst haben ihm Berlin und Orford Shrendoktorhüte ver­lieben. Das Hauptbestreben des Stonig# wird daher, wie hier verlautet, dahin gehen, daft er vor allen Dingen das Schulwesen seines Landes ansbauen und zahlreiche ausländische Lehrer in sein Land berufen wird. Afghanistan braucht vor allen D.ngen eine gebildete und er­gebene Beamtenschaft, di« in der Lage ist. den Erfordernissen eines modernen StaatSwesenS zu entsprechen. Die Hauptfrage, um die eS für die Zukunft gehen wird, ist daher die. was für Leute der König von Afghanistan nun in sein Land berufen wird, um seine künftigen Beamten und Diplomaten erziehen zu lassen. Denn natur* gemäft wird das Land, das diese Erzieher stellt, den meisten Smfluft auf die Weiterentwicklung Afghanistans haben, ja möglicherweise für das Schicksal der ausschlaggebenden Reformen ent­scheidend sein.

Die hier zu fällende Entscheidung richtet sich naturgemäß nach dem politischen Ein­druck. den der König von den verschiedenen Ländern, die er besuchte, gehabt hat. ES ist nun interessant zu beobachten, daft die Reise z. T. doch wohl ganz andere Ergebnisse

Möwe im Sturm.

Vornan von Sophie Moerft.

22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Oft 'ne Arbeit so gut wie 'ne andre. Drüben beim Schmoller. gleich hinter der Eck', suchen sie Damen für die Bedienung. Okftcrn hat die Frau die vorigen rauspejeht. Sie führt ein scharfes Regi­ment. Dann fo ein Mädel ein biffcl mit den Herrn schöntut rnuo ist ». Ja. da wär' wohl heut noch mvwfommen.'*

Maria kannte die große Konditorei, hatte selbst einmal mit fieinz und Elena dort gesessen - sie sah noch die schwarzgekleideten Mädchen mit den weiften Tändelschürzen. die zwischen den Tischen hingingen, fast hätte fic gelacht bei dem Gedanken, wenn ihr nur nicht fo oerjroeifelt zu Sinn ge­wesen wäre. Sie winkte der Wirtin, sie allein zu lassen. Aber als sie deit nächsten Tag und den über­nächsten immer vergebens in den Blättern gesucht hatte alle Zeitungen forderten fust da», was sie nicht konnte: und was konnte sie denn ' da wurde sie klein. Ähr biftchcn Geld schmolz hin wi« der Schnee in der Sonne, und al» man den vierten Februar schrieb, meldete sie sich in der Schmoller- scheu Konditorei.

Am siebenten kam fiein3 Godesheim aus den Bergen zurück. Wie erschlagen war er. als er von dem Mädchen erfuhr, wo er sie suchen müsse,fiter wohnt sie nimmer. Die Frau Schmoller duldet keine, die nct bei ihr im fiause wohnt."

Zweimal hatte er von der Reife aus an sie ge schrieben. icdoch keine Antwort erhalten. Sollte er lic nun dort ouffuchen? Er konnte fich nicht baiu entlchlietzen. Sie dort als Aufwartung der Gäste zu sehen seine Regina unmöglich. Auf seine christliche slehende Bitte hin traf sie ihn am 'ruhen Morgen, als noch keine Gäste in das Lokal kamen, im Englischen (Barten. Und wie er sie sich ent- U'gcnfommen sah, schlank und vornehm, jeder

W und sicher, schien es ihm unmöglich, daft die Geschichte des Trampels Wahrheit sei.

er mußte es schnell genug glauben.

<m'S0' Heil». 3d) batte keine Wahl. Meine Mittel waren zu Ende. Das sollte ich anfangen?" schreiben. Ich habe doch jetzt das Recht, für dich einzustehen.'

In allen anderen Dingen, ober hierin

gehabt hol. als man dies urlprünglich annahm. So rft E n g la n d. das die Afghanen auf Grund .hier Siege nach dem Welttnege nicht mehr so sehr fürchteten w c früher, zweifellos chnen durch- aus n.cht so ungefährlich erschienen, wie z. B. R uft la n d. D'.e grofte Flottenparade, bte Vor­führung der modernen Tanks und der Eindruck der englischen Kriegsmaschinerie haben bei den Afghanen durchaus nicht etwa das Vertrauen zu England geweckt, sondern haben im Gegenteil ihre Abneigung gegen tne Engländer erneut ver­stärkt. Denn das alles konnte auf die Afghanen nur den Eindruck machen, daft England äufterst knegslusttg fei, und daft England eine grofte Kriegsmaichinerre unterhalte, um damit au ge­gebener Zeit über kleine und schwächere Staaten herzufallen. DaS englisch-afghanische Verhältnis .st daher auch zweifellos seit dem letzten Besuche stark abgekühlt, obwohl nunmehr äufter- l'.ch der Verkehr zwilchen dem englischen Ge­sandten und dem König von Afghanistan etwas kubier vor sich geht, als das früher der Fall war.

Ebenso haben aber a.uch bic russischen Methoden, den Äönifl zu beeindrucken, völlig versagt. Wie versichert wird, war auch von dem Gesichtspunkt des Königs aus der Eindruck der Menschenmassen in Ruhland. insbesondere nach den vorangegangenen Besuchen in England. Frankreich und Deutschland, ein äufterst kläg­licher. Die Massen erschienen verhungert und verlumpt, und bei mehr als einer Gelegenheit konnte man das schäbige WerktagSgewand des russischen Alltags durch den falschen Pomp der Staatsattionen yindurchschimmern sehen. Das ging soweit, daft mancher Afghane überlegt haben mag. ob denn die englischen Behauptungen von bem baldigen Zusammenbruch des Sowjet- Svstems nicht doch wahr seien. Der Eindruck der KönigSreise durch Ruhland. auf den die Sowjet- Herrscher so groben Wert gelegt haben, ent­spricht somit wahrscheinlich nicht ganz den Er­wartungen, die man in Rußland hegte Bei näherer Bekanntschaft verlieren eben nicht nur Persönlichkeiten, sondern mitunter auch politische Begriffe wie der Bolschewismus, einiges von ihrem Glanz, d. h. diesmal von dem Rufe ihrer Gefährlick^eit. Rußland, so scheint es. gilt den Afghanen trotz allem md)t mehr als die grofte Gefahr, die es eine Zeit lang war. Das kann bei der eigentümlichen Psychologie des Orients jedoch nicht zu einer übertriebenen Annä^rung zwischen Russen und Afghanen führen. 3m Gegen­teil. man muh annehmen, daft die Tlfghanen. trotz der groben russischen Freundschastsgeschenke. Ruhland gegenüber sehr viel selbständiger, d. h. also unf reunblieber auf treten werden, als das bisher der Fall war. Man kann sich das eben jetzt leisten!

Bemerkenswerterweise liegen auch die Schluß- folgcrungen. die man in Kabul auS dem Ergeb­nis der Europareise zieht, auf einem Gebiet, das man zunächst nicht erwarten sollte. Man glaubt nämlich neuerdings in Kabul ganz ernst­haft daran, daft für die Unterrichtung von Orientalen nur Orientalen selbst geeignet find: und wenn nicht alles täuscht, so hat es den Anschein, alS ob man künftig sehr viel stärker als früher gebildete Perser und ge­bildete Türken in afghanische Dienste ziehen wird. Da» afghanische Heer ist ja nicht umsonst ursprünglich einmal von Türken reformiert wor­den. und es liegt nahe, diese alte Tradition auf­leben zu lassen. Entsprechend gilt dieS auch für manche Zweige der Verwaltung und des Schul­wesens. wo man die in Europa ausgebildeten Perser und Türken gut verwenden zu können glaubt. Das würde naturgemäß heiften, daft infolge der Reife des Königs durch Europa die Europäer in Afghanistan künftig schlecht ab» schneiden werden In Afghanistan, da» lange Zeit in seiner Abgeschlossenheit von der Welt unb unter dem Schutz feiner Himmelstürmenden Berge glaubte, sich um die orientalischen Ange­legenheiten wenig kümmern zu brauchen, ist man somit zu der Heberzeugung gekommen, daft die Entente der Orientalen, der mit den Europäern vorzuziehen fei. Die FreundschaftS-

Das ift kleinlich. Maria.'

Nenn' cs fo, roenn du willst. Ich mutz aber handeln, wie es mir mein Gefühl uorfd>reibt. Ge­rade weil ich deine Verlobte bin. Gerade darum kann ich es nicht. Loh mir meinen Stolz. Es ift der einzige Besitz, den ich noch habe."

Und wie lange soll diese Sklaverei dauern?"

Wenn der nächste Wechsel eintrifft, ift sie zu Ende. Vorausgefetzt, daft er kommt." Sie sah müde drein.Noch habe ich nicht nach Berkin gefchrieben. Ich habe den Mut nicht, zu sagen/ Elena hat mich verlasten. Die Tante warnte mich, und ich war so sicher. Vielleicht sagt sie nun: .Ich lebe, du bist über­haupt nicht dazu geeignet, meine fiilfc zu be­kommen.' Sie tut nichts, wenn sie es für töricht hält."

Ich muh dich täglich sehen und sprechen, Moria, sonst ertrage ich diesen Zustand nicht. Es kann auch sein, dah ich bald Nachricht bekomme, wie meine Zeichnungen gefallen haben, und dah ich bann schon im nächsten Monat nach Berlin übersiedle. Aber ehe ich dich in solcher Loge zurücklasse, oer- zichte ich lieber auf die ganze Stellung da."

Das sollst du nich:. Unter keinen Umständen. Du willst doch für mich und unsere Zukunst ar­beiten. Also hilft es nicht, wenn wir uns zeitweilig trennen müssen."

Kannst du mich nicht einmal am Tage treffen?"

Die Frau Schmoller läht keins von den jungen Mädchen heraus, außer an ihrem freien Nach- mittag. Sie ift sehr strenge im Punkte der Moral, sie sagt, eine Konditorei muffe auf ihren Ruf achten, roenn sie nicht bald verrufen fein wollte. Und sie duldet auch nicht, dah die Angestellten Trinkgeld nehmen. Gott sei gedankt dafür. Denn ich dächte, mir hätte jemand" Sie schauerte zusammen, fieinz zog ihren Arm noch fester in seinen.

Mein geliebtes tapferes Mädchen."

Ich hatte auch Glück, daß ich ein Kämmerchen für mich allein bekam. Die anderen vier schlafen zwei und zwei zusammen. Zwei von ihnen sind Mädchen aus gutem fiause. die froh sind, ,au| so anftänige Weise' untergekommen zu sein. Du siehst, ich hätte es bei meiner Unwissenheit noch sehr viel schlechter treffen können."

Maria, ist es dir schrecklich, wenn ich früh, ehe es voll wird bei euch, komme und Zeitungen lese und mich still an einen Tisch beim Fenster setze? Nicht da. wo du zu tun haft das mute ich dir nicht zu du wirst mir schon ein Zeichen geben. Wenn ich dich denn nicht sprechen kann, aber sehen muß ich dich."

Verträge mit der Türkei und mit Persien die der König in Angora bzw Teheran abge­schlossen hat. haben somit durchaus nicht nur eine fnmptomatischc Bedeutung, londern sie ent­springen der Erkenntnis, dah die Interetten- fiemeinlchaft zw.fchen den orientalischen Staaten eftr viel größer ift. als he etwa mit einem europäischen Staate sein könnte. Denn auch die

wenigen europäischen Staaten. K ren Mitarl»eit man In Afghanistan weiter schätzt man denkt z. B. an Frankreich oder auch an Deutsch­land, werden nut gelobt, weil sie in Afghani­stan. daS Io fern von iebcr Verührungsmöalich- keit mit dielen Landern liegt, machtpolitisch nichts zu sagen haben.

Austern, Seeigel und Vouillabaiffe.

Ein Kapitel vom Esten.

Von L»ans Ciemfen.

Ist es nun nicht bald Zett.

mal wieder vom Esten zu reden''

Der fiunger und die Liebe, erhalten das (Betriebe.

Von der Liebe ist unmerzu die Rede, vom Hunger selten, vom Essen n.e. SS gilt nicht für fein. Aber ehrlich' ist besser al# ..fein". ..Essen" ist etwa# sehr wichtige-. Wir wollen uns doch nichts vormachen!

Sage mir, was du itzt! Hub ich will dir sagen wo du wohnst.

Was mich betrifft, fo habe ich in der letzten Zeit viel ..Bouillabaisse" gegessen. Do war ich? 3n Marseille? Stimmt! Hnd da. in Marseille, hat man ja nun mahrhastig wohl Stoss genug für Anen Speech über# Essen

Zwei grofte Dcscheickc (was nun kommt, da­habe ich nicht erfunden, das ist von Heine), zwei, große Geschenke haben die Franzosen der Menschheit gemacht: die französische Revolution und die französische Küche. Hnd wer weift, was wichtiger ist? Das weift Gott. Ich weift es auch. 2llxr ich sag' es nicht. Ich will hier vom Essen reden und nicht von der Politik.

Vielerlei gefällt mir an der französischen.Küche. Dreierlei gefällt mir besonders: das Gemüse, der pot au feu" und dashors doeuvre".

Am Gemüse erkennt man eine gute Küche am besten. Ein gutes Stück Fleisch anständig zu kochen oder au braten. daS ist noch nicht w schwer. Erst beim Gemüse fängt eS an. DS soll kein Matsch, lein Pamps, kein Brei sein, es soll, um Gottes willen, nicht in ein und derselben Mehlsauce (für die da# WortTunke" eigen# erfunden scheint) seinen besonderen Geschmack ver­lieren. Es soll aussehen und schmecken, als wäre eS gerade eben ün Garten hinter dem Hause frisch gepflückt. Erbsen sollen Erbsen bleiben. Bohnen Bohnen, und der Kohl soll ruhig etwas von seinem niederträchtigen Kohlgeruch behalten! Hauptsache: es bleibt .Kohl. Man muh wissen, wozu Petersilie und wozu ein bißchen RoSmarin, wozu Butter und wozu Speck gehört. In Frank­reich weist man das

Derpot au feu, der Suppentopl. ift Ge­sellen- unb Meisterprüfung jeder Küche. Sin gutes, grDfteS Stück Rindfleisch langsam und lange gekocht an kleinem Feuer, daS gibt Bouillon. Kartoffeln dazu. Wurzeln (keine zier­liche Karotten, fondern richtige, grofte, dicke Wur­zeln). Sellerie, Porree, etwas Peterttlienwurzel. unb je nach Hausgebrauch noch dies unb jenes Kraut bazu. bas gibt denpot au feu". SS ist bie einfachste Sache der Welt. Alle einfachen Sachen sind gut. Aber alle einfachen Sachen sind leider auch schwer zu machen. (Das ist nicht nur in der Küche so.) Schon über bie Dauer bes Kochens gehen bic Meinungen weit auSeinanber. Drei Stunden, vier Stunden, einige sagen: sechs und mehr.

Das Rindfleisch aber soll man gesondert offen? Richt mit Senfsauce ober Meerrettich, sondern so, wie es ist. mitflros sei", mit großen, dicken Salzkörnern bestreut. Wer das nicht kennt, kann sich nicht vorstellen, wie diese dicken, groben Salzkörner es anfangen, den richtigen Original* und Hrgefchmack au« bem guten Rindfleisch her- auSzuholen. Ein grüner Salat dazu, bas kann nicht schaben.

Heber . hor< doeuvres" könnte ich ein Buch schreiben Auch in Schweden, in Dänemark. In Rußland gibt« diese Sitte unb diese Art von Vorspeisen. Die richtigen sind es nicht. sind sehr gut. aber zu fett, zu fttchtfl und zu scharf. Wodka. Kom unb Kümmel brauch! man. wenn man sie vertragen will Das ift nicht das Richtige! Auch die Io gelchäyte fiummermatzon- naile ift keine gute Vorspeise. Viel zu schwer' Vorspeisen sollen leicht sein und den Appetit nicht füllen, londern anregen . Kaviar! DaS ift da« Wahre' Ader es gebt auch billiger

Vielerlei daS ift der Witz des hüt > doeuvre". Aber beileibe nicht viel davon! Rur gerade so viel, daß man. nachdem man sich alles angesehen und von einigem einiges probiert hat. sich freudig zurecht fetzt unb erwartungsvoll fragt: ..Was nun?"

In Marseille fami man sich feinhort doeuvre" auf ber Strafte einhandeln unb auf der Strafte verzehren. Denn was wäre wohl geeig­neter zumhors doeuvre". zur Vorspeise, zur Einleitung, als bic Auster? In Marseille ist die Auster ein Volksnahrungsmittel. Das Dutzend von zwei Franks an Das sind breiunb- dre.ftig Pfennig. Erschwinglich für den Arbeiter. Hnd daS Gute dabei ift. bas bic Auster durchaus nicht immer bann am besten ift. wenn sic grost unb dick unb fett unb teuer, sondern sehr ost gerade bann, wenn sie klein unb billig ist. Da liegen sie auf schrägen Tischen (schräg, damit das Meerwasser ablaufcn kann), eingebettet in Tang und Meerespflanzen. die frisch unb feucht, wie grüner Deesalat. auSsehen. GS riecht und buffet weit über bi« Strafte nach Meer unb Satzgeruch und Tiefseeforschung.

Hnd genau so schmeckt es bann auch nach Meer Wenn bas nicht wäre, diese Erinnerung an# Meer, an Salzwafser und Salzlust, an Wind und Sturm und Sonne. Sand und Felsen, so frisch, so kühl, so stark wie nur das Meer. was wäre die Auster, wenn das nicht wäre? Ein Richt# Sin Dreck. Sonst iftk man immer Erde, rn jeder Pflanze, in jedem Gemüse, ein biftchen von der guten, alten, sonnen beschienenen, tweckigen Erde (Hnd das ift das beste daran!) Rur nnt der Auster iftt manMeer".

Reben ihr auf den schrägen Tischen liegen noch vielerlei Arien von Muscheln. Aber keine ist fo sehr ..Meer", wie die Auster. Lassen Sie sich ein Dutzend öffnen! Trinken Sie ein Glas Ehablis dazu! Das ist das beste, was Sie machen können in Marseille.

Wollen Sie mal Seeigel probieren? Krie­gen Sie keinen Schrecken! Das ist was Gutes. Sieht gar appetitlich aus und schmeckt ganz leicht nach Kaviar. Hnd denken Sie: Sogar die greu­lichen Tintenstsche, die Polypen mit ihren Regen­würmer- und Schlangen-Armcir, sind viel besser als ihr Aussehen unb ihr Rus. Sie erinnern an Krebse. Besser find freilich wohl bie Lan­gusten. Aber an die eigentlichenfrutti di rnarc", bieMeeresfrüchte", Seenelken, See­rosen, oder was es nut sein mag, da habe ich mich doch nicht herangetraut. E# steht zu scheußlich aus! Ich will lieber gar nicht davon reden, sonst verderben wir uns noch den Appetit für das Glanzstück des Marseiller MenüS: bic Bouillabaisse".

Komm, roenn bu es nicht Inff en kannst. Aber besser ist es, du kommst nicht."

Darauf ließ Godesheim zwei Tage verstreichen und ging nur an Schmoller vorbei. Am dritten trat er ein, las Zeitung, trank seinen Kaffee, ber ihm von einem fremden, schwarzgekleideten Wcfen ßibnidjt wurde, unb sah Maria flüchtig hinter bem Büfett auftauchen unb ebenso wieder verfchroinben. Sie hatte fich nicht überwinden können, in bas Lokal zu treten, solange er dort unter den übrigen Gästen faß.

Das Spiel wiederholte sich zwettnal, bann ging er nur noch vorüber, unb einmal, an einem Mittwoch, als fie einige freie Stunden hatte, fuh­ren sie hinaus nach Starnberg, unb liefen mit Schlittschuhen über den See nach Leoni. Die Villa, in ber bic Schwestern im vergangenen Som­mer gewohnt, lag still und verschneit, unb wie sie über ben See zurückglitten, schien es ihnen beiden, als lägen jene Monate schon weit, weit zurück.

fierr Johannes Eduard Schulze feine Eltern hatten ben langweiligen Nachnamen wenigstens durch einen netten Vornamen auibessern wollen, und Ihre fiohett Frau «chulzc hatten bic Berliner Gesellschaft zu einem Funsuhriee eingeladen.

Ihre Villa lag im Grünewald, aber wer bei Schulzes verkehrte, kam im eigenen Auto. Denn es auch in diesem frisch vergoldeten und ariftofra- liHerten fiause immer etwas langweilig war die fioheit hielt auf Form, fo war es doch eine Auszeichnung, gebeten zu werden. Leute ohne tadellose Manieren, die in ben legten Jahren so häufig geworben waren, konnten mit keinem noch so wohl oSortierten Gelbschrein biefen Mangel zu- decken.

.Hch vettange Aristokratie," sagte die fioheit. Aristokratte ber Gesinnung, bes Geistes unb des Benehmens." Wonach sie ihre Bekanntschaften zu- fdmmenfteilte. Ihr Mann war durchaus damit zu­frieden.

Er war ein blonder, freundlicher fierr, dem keiner an sah, daß er m geschäftlichen Dingen sehr scharf oorging.

2lls er vor zwanzig Jahren, ein junger Anfän­ger, vom frühen Morgen bis zum sinkenden Abend im Betrieb tätig war, sagten seine Kutscher von ihm:fiei is 'n Schinner gegen sin Cüt, aroer hei is ok 'n Schinner gegen fick sülwst." Und fie taten, was er verkannte.

Leder war ein kostbarer Artikel geworden, fierr Schatze hatte verstanden, fich früh etnzudecken und

Beziehungen in aller Welt anzuknüpfen, er war langst ein reicher, feit einigen Jahren ein schwer­reicher Mann, roenn er auch den Bankdirektor Kost- mann lange nicht erreichte.

finiter Möllmann stand ber Dollar ber Wallstreet- Millionäre. Das war eine Stellung, an der nicht zu rütteln war

Die Bank in der Mohrenstraße führte, wahrschein­lich weil sie in der deutschen Reichshauptstadt lag, den Namen: International American Bank. Kost- mann war Generaldirektor. Da er aber als Ameri­kaner nichts auf Titel gab, ließ er sich nur mit Namen nennen. Er wußte, sein Nome bedeutete das fiundertfache seines Titels.

Er war gekommen, weil Schulze ein Aktionär seiner Bank war, weil man sich immerhin von Zeit zu Zeit einmal persönlich zeigen muhte und ober den Grund hätte er niemand zugegeben weil Ihre fioheit ihm noch immer so außerordentlich dank bar war für den Dienst, den er ihrer geliebten Nichte geleistet

Denn ohne Ihre fitlfe, verehrter fierr Möllmann cs ist nicht ausjubenfen, in welche Lage das arme junge Geschöpf geraten wäre."

Worauf sich fierr Äollmonn dann jedesmal erkun­digte, wie es ber fierzogin ginge, und ganz einig mit der fioheit ronr, daß ein solches Menschenkind nicht in die Verhältnisse gehöre, in denen es zur Zeit lebe.

fieute hörte sich die Auskunft etwas anders an.

Wir find in so großer Sorge um Maria. Sie ant­wortet nicht auf meine Briefe. Mein Mann hat in einem Wiener Blatt gelesen, daß ihr Schwager, Sie wissen, der famose Großfürst ich mache aus meiner Abneigung durchaus kein fiehl, daß der mit seiner Gemahlin in Wien eingetroffen ist, einen Prozeß an- juftrenflen gegen den jetzigen Besitzer von Erdmanns- darf Unklar ist mir bas, sehr unklar, denn der Besitz war meiner Kusine von ihrem Mann hinter- lasten und sollte auf den Sohn, der dann gefallen ist, übergehen. Mit Familtengeldern gekauft, sollte ec- wohl so etwas wie ein Majorat werden, aber das ist nicht mehr geordnet worden. Nun hat ihn ein Detter aus ber Seitenlinie, nach Aussage der Attheimschen Familie der berechtigte Erbe. Immerhin, wenn da etwas nicht stimmt, wäre doch Maria die Besitzerin, was tut mein teurer Sergei Wladimirowitsch dort Und wo ist meine Nichte? Sie wurde In dem Blatt nicht erwähnt. Es wäre ja unerhört, wenn fie München verlassen unb mir nicht bie kleinste Nach­richt gegeben hätte. Ach, man hat mit einer großen Verwandtschaft seine Not, fierr Kollmann."

f (Fortsetzung folgt.) y r r /