Ausgabe 
26.10.1928
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 255 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Freitag, 26. (Moder (928

Turnen, Sport und Spiel.

Sandball im Männertumverein (D.T.)

Die erste Mannschaft ist am kommenden Sonntag spielfrei.

Di« zweite Mannschaft spielt in Heu­chelheim gegen die erste Mannschaft des dor­tigen Turnvereins. Die letzten Spiele haben gezeigt, daß die Heuchelheimer ein nicht zu unter­schätzender Gegner und auf eigenem Platze nicht so beicht zu schlagen sind. Die Männerturner müssen daher alles aufbieten, um ehrenvoll ab» zuschneiden.

Die z. Z. in guter Form befindliche Jugend- Mannschaft hat den Turn- und Sportverein Butzbach als Gast und dürft« als sicherer Sieger aus diesem Treffen hervorgehen.

Di« Echülermannschaft trügt gegen die gleiche vom T. B. Grohen-Linden ein Fveundschaftsspiel aus. Der Eifer der kleinen Männerturner ist bekannt: es wird den Gästen schwer fallen, den Sieg mit nach Hause zu nahmen.

Handball der Gp.-Dg. 1900.

ö. Nun hat auch im Handball der Berbandsspiel- betrieb eingesetzt. Leider hat die Beteiligung der Lahnkreisoereine an den Handballpunktspielen keine großen Fortschritte gemacht. Fünf Mannschaften kämpfen bei den Sen'oren um die Meisterschaft, und zwar 1. und 2. Mannschaft des 23. f. L. Wetz­lar, 1. und 2. Mannschaft der Sp. Dgg. 1900 Gie­ßen und eine Mannschaft des 23. f. B. Gießen In der Jugendklasse, in der der Pflichtspielbetrieb ein- geführt ist, haben 23. f. L. Wetzlar und Gießen 1900 auch wieder je 2 Mannschaften gemeldet, denen sich je eine Mannschaft von Sp. 23. Wetzlar und 23. f. B. Dießen zugesellen. Die Schülerpflichtspiele werden von je einer Mannschaft des 23. f. L. Wetzlar, des 8. f. B. Gießen und der Sp. Dgg.1900 bestritten.

Für die 1900er ist sowohl bei den Aktiven, als euch bei der Jugend der erste Punktspielsonntag «ine interne Sache. Es stehen sich nämlich gegen­über die 1. und 2. Senioren- sowie die 1. und 2. Jugendmonnschaft des Vereins. Es unterliegt keinem Zweifel, daß sich die ersten Garnituren die Punkte sichern werden, jedoch haben die Treffen len Reiz, daß die zweiten Mannschaften nun ein­mal den Befähigungsnachweis für die Teilnahme «in den Derbandsspielen erbringen müssen. Der zweiten aktiven Mannschaft sollte das eigentlich nicht schwer fallen, schon im Hinblick auf die Tat- kache, daß in ihr verschiedene, in der vorjährigen Meistermannschaft tätig gewesene Spieler mit- wirken.

V. f. 23.

Die Ligamannschaft empfängt am kom­menden Sonntag zum fälligen Derbandsspirl Die Liga des V. f. R. Butzbach. Ihre Aufstellung gu diesem Treffen wird aller Wahrscheinlichkeit nach gegen die der Borsonntage etwas verändert fein: während die H ntermännschaft stchenbleibt, werden voraussichtlich kn der Läuftrreihr sowohl, wie im Sturm Ilmstellungen vorgenommen, um der Mannschaft eine größere Durchschlagskraft zu verleihen, die unbedingt notwendig ist, wenn sie die noch ausstehenden Punktkämpfe gegen die stärkeren Vereine des Gaues gewinnen will. Ob nrit den geplanten AmstellungLn die erwünschte Wirkung erzielt wird oder nicht, in jedem Fall sollte die V. f. D.-Mcrnnschaft am nächsten Sonn­tag in der Lage fein, sich durch einen klaren Sieg zwei weitere Punkte zu erkämpfen. Butzbach hat bis jetzt erst zwei Verbandsspiele absolviert und tu beiden ein Unentschieden herausholen können. Die Elf ist wohl technisch nicht sehr auf der Höhe, versteht es aber, diesen Mangel durch großen Eifer und Energie auszugleich.n_ Jedenfalls darf die V. f. D.°Elf trotz ihres Vorteils, auf eigenem Platz zu spielen, die Punkte nicht von vornherein als gewonnen betrachten, da die hartspielen­den Butzbacher sich nicht so ohne weiteres als geschlagen bekennen werden.

Ursprünglich sollte die L i g a r e s e r v e die gleiche Butzbachs zum Gegner haben. 23. f. N. hat jedoch feine 2. Mannschaft von den Verbandsspielen zurück­gezogen. Die 23. f. B.-Elf hat sich deshalb die Erste

Ettingshausens zu einem Gesellschaftsspiel verpflichtet.

DieDri11e kämpft auf hiesigem Platz mitßau- b a ch s Z w e i t e r um die Punkte, die sie, nach ihren letzten Leistungen zu schließen, gewinnen kann. Auch auf eigenem Platz hat die 4. M a n n s ch a f t die Zweite Lollars im Punktspiel zum Gegner. Auch ihr darf man einen knappen Sieg voraussagen.

Fußball der Sp.-Vg. 1900 Gießen.

ö. Das Fußballprogramm für den kommenden Sonntag sieht die Reise der Liga- und der Liga- reseroe-Mannschaft nach Herborn vor. Im 1900er Lager sieht man diesen Meisterschastsbegeg- nungen mit einer gewissen Sorge entgegen. Erstens war Herborn für die Gießener immer ein heißes Pflaster, sodann ist 1900 gezwungen, in die erste und Aroeite Mannschaft je fünfzig Prozent Ersatz einzustellen. Dazu kommt, daß der Gastgeber auf heimischem Gelände immer von ganz besonderem Kampfeseifer beseelt ist. Wohl werden in der L i g a e l f Verteidigung und Läuferreihe, trotz Er­satz, den Gegner in Schach halten können, aber die Sturmzusammensetzung verspricht nicht viel Erfolg. Auch in der Gruppe der Ligareseroen stellt Herborn eine sehr kampfkräftige Mannschaft, gegen die die Gießener Gäste wohl kaum um eine Nie­derlage herumkommen werden. Die Gießener sind insofern vom Glück begünstigt, als die dritte Mann- schast spielfrei ist und alle Spieler dieser Elf als Ersatz in den höheren Mannschaften verwendet werden können.

Dre 1. Jugend trägt das am Sonntag aus­gefallene Rückspiel gegen Lollars 1. Jugend in Lollar aus, wobei die Gießener, obwohl etwas geschwächt, Sieger bleiben sollten. Die 2. Ju­gend ist spielftei. Die 3. Jugend irägt ein Gesellschaftsspiel in Marburg aus. Gegner ist die 4. Jugendelf vorn Verein für Bewegungs­spiele 05 Kurhessen. Der Ausgang ist ungewiß.

Die beiden Schülermannschaften sind spielfrei.

Fußball in Heuchelheim.

Rachdern der Sportverein Heuchelheim zwei Sonntage hintereinander auswärts gespielt hat, tritt er am nächsten Sonntag auf eigenem Platz dem V. f. R. Lich gegenüber. Lich ist die Mann­schaft in der ^-Gruppe Großen, die bis jetzt noch kein Spiel verloren hat. Heuchelheim tritt in neuer Aufstellung an, soUte aber doch dem starken Gegner auf eigenem Platze gewachsen sein.

F. Sp. V. 1926 Steinbach.

Am kommenden Sonntag empfängt der Fuß - ballsportverein Steinbach die 1. Mann- schäft von Teutonia Steinberg. Wenn auch Steinbach das Gesellschaftsspiel 3:1 gewann, darf es den Kampf doch nicht leicht nehmen, da Teutonia alles daransetzen wird, diese Schlappe wieder gut- zumachen.

Spielvereinigung 1926 Leihgestern.

Kommenden Sonntag ist die 1. Els der Spvgg. Leihgestern bei der 2. Mannschaft des F. C. Daubringen zu Gast. Spielt Leihgestern mit dem gleichen Eifer wie am Vorsomrtag, so dürste ein Sieg für sie im Bereich der Möglichkeit liegen.

Fußballklub 1926 Großen-23useck.

Der Klub fährt am Sonntag mit seiner ersten Els nach Daubringen, um dem dortigen Sportverein von 1921 im VerbandsPiel gegen­über 8 u treten. Durch den Regen sind die Platz» Verhältnisse in Daubringen sch'e.lst. Beide Mann­schaften, die in Freunpchafts- wie in Pflicht­spielen stets knapp auseinandergingen, werden auch diesmal in dem Kampf um die Tabellen­stelle mit alter Mühe sich einsehen müssen.

Die zweite Mannschaft emp ängt den Reuling Queckborn. Queckborn konnte sich bis jetzt noch nicht durchsetzen, und wird auch Mühe haben, gegen die Platzmannschaft zu ge­winnen.

(Selb fällt »sm Himmel.

Roman von poiil Enderling.

Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.

27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verlieren, ging Inge in das Zimmer ihres Vaters. Blinsky richtete sich auf. Sein leidenschaftlicher Blick folgte ihrer entschwindenden Gestalt.

Grotteck hatte nicht geglaubt, daß Inge ihm schreiben würde. Aber am nächsten Mittag kam ihr Brief.

Lieber Herr Grotteck! Ich bin beim Telephonie­ren immer etwas ungeschickt und habe mich wohl nicht recht klar ausgedrückt. Rechnen Sie alles mei­nen Nerven zu gut, die durch die Pflege meines Gäters etwas in Unordnung geraten sind. Sie dür­fen nicht vergessen, daß Mäochennerven ein leicht zu beschädigendes Gewirr sind trotz Sport und allem andern, was uns den Männern gleichmachen inöchte.

Mein Vater sagte mir, Sie reifen zu Ihrer Mut­ter. Tun Sie es noch beutel Fliehen Sie aus der Stabil Städte sind nichts für Menschen wie Sie. Sie gehören zwischen die Weiden und Birken Ihrer Heimat, von denen Sie mir einmal geschwärmt hoben. Sie gehören in die Ebene, die den Blick ioeit macht. Ich beneide Sie um Wald und Feld unb um Ihre Mutter, bie ich burch Sie kenne, als h-ette ich Sie gesehen.

Kehren Sie nicht mehr in bie Stabt Aurütf! Ver­gessen Sie nicht, daß Ihre Aufgabe dort liegt, bert, zwischen Weichsel unb See. Sie haben Land zu hüten, Sie haben ein Erbe zu hüten benken Sie Tag unb Nacht daran! Und wenn wir uns medersehen, bann lädjeln wir ... wie es bei Shakespeare irgendwo heißt.

Ihre Inge Brodersen."

$r las den Brief hundertmal, ohne damit fertig zu werden. War es nicht ein Abschiedsbrief?Keh­ren Sie nicht wieder in die Stadt zurück!" Aber schrieb man so, wenn man sich trennen wollte? Shnxmg nicht Liebe in jedem Wort?

Es klopfte und unter bedrohlichem Hüsteln trat bfif alte Lehrerin ein. Sie stand wie die verkörperte

Verlegenheit da, als sie vorbrachte:Ich wollte nur noch mal an meine vier Pinscher erinnern, da Sie ja doch heute reifen, wie mir Frau Zedlitz sagt. Nicht wahr, Sie vergessen sie nicht?"

Grotteck verneinte mechanisch.

Fräulein Fuchs rieb ihre Hände.Es findet sich dort sicher ein gutes Plätzchen für die Tiere. Und Milch ist ja wohl auch dort?"

Er nickte und dachte dabei: Warum soll ich nicht wiederkehren?

Sie wurde ängstlich.Ich störe doch nicht? Dor einer Reise ist ja so viel zu besorgen unb zu be­denken. Unb ich helfe auch, die Tierchen zu ver­packen, wenn wir uns Wiedersehen. Das wollte ich bloß sagen, Herr Grotteck."

Wenn mir uns Wiedersehen, dann lächeln wir ...", sagte er, wie aus einem tiefen Traum heraus.

Wie?" fragte sie erschreckt.

Er trat zu ihr und drückte ihre welke, lederne Hand.Dann lächeln wir", wiederholte er.Nun müssen Sie mich aber wirklich verlassen, mein lie­bes Fräulein."

Er fuhr mit dem Nachtzug nach ^Berlin. Da er es vermieden hatte, ein Schlafabteil zu bestellen, faß er zwischen unfreundlichen Menschen eingepreßt, auf einer harten Bank der dritten Klasse.

Im letzten Augenblick war ein kleiner brünetter Herr eingestiegen, der mit nervösem Lächeln einen Platz suchte, bis er unter dem schadenfrohen Grin­sen der Fyhrtgenossen heraus mußte.

Es fiel Grotteck auf, daß der Fremde im Gang vor feinem Abteil stehenblieb, ohne sich anderswo nach einem Platz urnzufehen. Je länger er ihn be- trachtete und das war leicht, da jener oft in bas Abteil blickte, desto bekannter tarn er ihm vor. Hatte er ihn nicht einmal bei Brobersens ge­sehen? Ach, alles hatte für ihn Beziehungen zu Brobersens gefunden. Es war wohl ein Irrtum.

Aber nach der nächsten Viertelstunde ging er doch hinaus auf den Gang und berührte die Schulter des Fremden, der eben angelegentlich aus dem Fenster in die dunkle Nacht blickte.Ich glaube, ich hatte schon das Vergnügen?"

Der andere griff höflich zum Hut.Sie irren, mein Herr. Eine Verwechslung. Oh, bitte 1" Und er

Heuchelheims 1. Jugend tritt gegen die gleiche von Großen-Buseck an. Hier sollte man dem Gastverein die größeren Sieges- aussichten geben.

Arbeiter-Turu unb Sporibund.

Die 1. Mannschaft der Freien Turner- schäft Gießen muß zum Rückspiel nach Friedberg fahren. Friedberg stellt auf eigenem Platze einen nicht zu verachtenden Gegner. Zeigt Gießen keine bessere Gesamtleistung, als an den beiden letzten Sonntagen, so dürfte die Mannschaft wenig Siegesaussichten haben. Der Ausgang des Spieles ist offen zu lassen.

Die Spitze der 1. Bezirksklasse führt mit drei Punkten Vorsprung die 1. Mannschaft Wie - f e ck s. Am kommenden Sonntag hat diese Mann­schaft auf eigenem Platze Alsfeld I zum Gegner. Alsfeld verfügt über eine gute Mannschaft. Wieseck wird sich sehr anstrengen müssen, wenn es als Sie­ger den Platz verlassen und seine Tabellenführung nicht aufs Spiel setzen will

Naunheim I. hat auf eigenem Platze Mar­burgs I. zu Gast. Marburg zeigte in den letzten Spielen eine merkliche Formverbesserung, während Naunheim auch zu diesem Spiele wieder mit Ersatz antreten muß. Der Ausgang dieses Treffens ist daher offen zu lassen.

In Lollar treffen Lollar I. gegen GießenId zusammen. Auch hier ist der Sieger ungewiß.

In der I u g e n b f l a f f e treffen sich m Klein- Linden die dortig« Jugend mit der Jugend von Treis. Hier werden die Platzbesitzer Sieger bleiben.

Am kommenden Sonntag findet in Gambach wieder einGeräte-Wetturnen zwischen dem 3. und 6. Bezirk statt. Im Vorkampf, der im Frühjahr stattfand, siegte der dritte Bezirk mit 79 Punkten Vorsprung. Auch diesmal wird der 3. Bezirk wieder die Führung einnehmen.

Sonntagnachmittag findet in Krofdorf eine Bezirksübungsstunde für das Kinver­tu r n e n statt. Als Uebungsplan werden die Frei­übungen für das Kinderturnen 1929, sowie Neck- unb Gesellschaftsspiele geboten.

Fußball in Güddeutschland.

Mit dem kommenden Sonntag beginnt, wie ander­wärts auch, im

Bezirk Main-Hessen

die Serie der Rückspiele. In der Gruppe Main fällt das Treffen Eintracht gegen F. C. 1893 Hanau aus, da der Frankfurter Meisterklub drei Spieler zu Repräsentativzwecken in Weimar abstellen soll. Der F. Sp. 23. Frankfurt sollte nach feinen jüngsten Leistungen mit Viktoria Aschaffenburg leichtes Spiel haben. Auch Union Niederrod wird, namentlich auf eigenem Platze, mit der F. 23g. 03 Fechenheim keine allzu großen Schwierigkeiten haben. Sehr fraglich ist der Ausgang des Treffens Germania Bieber ?egen Kickers Offenbach, während Rotweiß Frank- urt von Hanau 1860/94 wohl einen Sieg mitbrin­gen wird.

In der Gruppe Hessen hat die Wormatta Worms die schwere Ausgabe, den wieder erstarkten Sp. 23. Wiesbaden zu schlagen. Es sollte ihr knapp gelingen. Nicht leichter ist die Leistung, die F. Sp. 23. Mainz gegen den 23. f. L. Neu-Isenburg vollbringen soll. Der F. C. Langen wird vermutlich Alemannia Worms die Punkte mitgeben müssen. Ein gleiches Schicksal wird auch der S. G. Höchst gegen die F. Vg. Arheilgen nicht erspart bleiben.

Bezirk Bayern.

In der Gruppe Nordbayern wird sich die Sp. 23g. Fürth im Kampfe gegen Bayern Hof in acht nehmen müssen. Würzburg 04 dürfte gegen den 1. F. C. Nürnberg ehrenvoll unterliegen. Der F. C. Bayreuth hat in dem 23. f. R. Fürth einen Geg­ner, der gern mit Ueberraschungen aufwartet. Keinerlei Aussichten hat Franken Nürnberg gegen den A. S. 23. Nürnberg.

In der Gruppe Südbayern könnte der D. S. 23. München von der derzeitigen schlechten Form Wackers München profitieren. Schwaben Ulm

sah schon wieder in die Nacht draußen, die von wenigen Lichtern durchblitzt war.

Verwundert begab sich Grotteck auf seinen Platz Aurürf. Aus den Worten des Fremden hatte er er­sehen, daß es ein Russe war: das slawisch betonte R" war zu stark ausgefallen. Er glaubte nun be­stimmt, daß er ihn schon einmal gesehen, aber er wußte ihn nicht unterzubringen.

Ein leichtes Unbehagen überkroch ihn angesichts dieses Herrn, der den Platz vor dem Abteil die ganze Nacht nicht verließ, obwohl ihn der Schaff­ner, wie deutlich zu hören mar, auf freie Plätze in den Hintern Wagen aufmerksam gemacht hatte.

Wenn es feine Aufgabe war, ihn zu beobachten, so erfüllte er sie mehr eifrig als geschickt. Aber wer konnte chm einen solchen Auftrag gegeben haben?

Grotteck knüpfte seinen Mantel fester trotz der drückenden Hitze im Wagen, lehnte sich zu­rück an die harte Wand und verfiel in einen kur­zen, unruhigen Schlaf.

Die wenigen Traumminuten trugen ihn im Sauseschritt durch die Gassen und Gäßchen der Stadt, die er eben verlassen hatte. Fährmann saß im Alcazar und trank mit der hüstelnden Lehrerin Schmollis, die eine Meute ruppiger Köter um sich versammelt hatte, die dazu Beifall bellten. Broder­sen schoß auf Blinsky. Kiewening hatte die lachende Martha Rebmann auf dem Schoß, die mit Münzen um sich warf. Beide lauschten einem Radiolautspre­cher, der die Eroika spielte. Ein grünlackiertes Auto fuhr durch den dunklen Mauergang, zerbarst kra­chend und schüttete aus dem zerborstenen Kühler Wolken von Banknoten aus. Stramme Schupoleute rasten heran, aber merkwürdigerweise in der Rich­tung des Alcazars, wo Quevedo händereibend be­teuerte, daß noch Platz sei

Nur von Inge träumte er nichts. Sie allein blieb fern. Als er das mit halbwachem Sinn überdachte, überfiel ihn Trauer. Wo war sie in diesem Augen­blick? Wachte sie? Träumte sie von ihm? Wanderte ihre Seele den Weg von ihm fort?

Der Zug raffelte in eine thüringische Station ein, bas Tempo wurde schlaffer, mit einem klirrenden Ruck hielt der Sßagen.

Als Grotteck den brünetten Herrn noch immer vor dem Abteil stehen sah, kam ihm der Gedanke, ihn zu erproben. Er naym den Hut unb versieh

wird die Münchener Bayern nicht leicht zu einem Siege kommen lassen. Weniger aussichtsreich ist die Lage von Jahn Regenschurg gegenüber S. 23.1860 München.

Abpaddeln her Paddler-Gilde Gießen.

Anläßlich des Abpaddelns sand bei schönem Herbstwetter eine Fahrt nach der Badenburg statt. Die schon vorgeschrittene Jahreszeit schreckte eine recht stattliche Schar Paddlerinnen und Paddler nicht ab, chre Boote nochmals dem kalten Wasser der Lahn anzuvertrauen. Gleichzeitig mit dem Abpaddeln wurde di« Vereinsmeister- schast im Faltbooteinsiher auf der 25 Kilometer langen, mit fünf Wehren ver­sehenen Lahnstrecke WarburgG ehen (Baden­burg) ausgetragen. Am Tage des Abpaddelns konnten auch die ®rringer verschiedener Preise festgestellt werden. Eine Zusammenstellung aus dem Fahrtenbuch ergibt, daß die ausgesetzten Preise verschiedene Mitglieder zu recht beacht­lichen Stiftungen an gespornt haben. Jnsge'aint wurden 14 000 bis 15 000 Kilometer, von dem einzelnen ausübenden Mitglied durchschnittlich 4000 bis 5000 Kilometer, im Faltboot zurückgelegt. Di« sportlichen Ergebnisse sind fast durchweg besser als im Vorjahre. Es hat sich gezeigt, daß auch Kräfte vorhanden sind, die den Rennsport erfolgreich ausüben können. Eine der nächsten gaben der Paddler-Gilde wird deshalb die An- scha.fung eines Rennkajaks sein müssen. Im Paddeljahr 1928 wurden u.a. folgende Flüsse befahren: Lahn, Rhein, Main, Mosel, Reckar, Kinzig, Eder, Edersee, Weser, Aller. Leine, Saar, Weiter, Ridder, Ridda, Trave, Strecken an dcr Rord- und Ostseeküste, Tegler See usw., und zwar in etwa 800 Cinzelsahrten, bei Wanderfahrten, eine Tagessahrt als eine Fahrt gerechnet.

Aus der übrigen Deveinstätigteit im abge» laufenen Paddeljahre sind insbesondere erneuter Mitgliederzuwachs, der dadurch notwendig ge­wordene Dootshauserweiterungsbau und die Schaffung eines Lagerplatzes an der Badenburg hervorzuheben. Die Fortschritte begründen die Hoffnung, daß auch in Zukunft die Paddler- Gilde Gießen weiter gedeihen und sich würdig einveihen wird in die Reihe der Vereine und Verbände, deren oberstes Ziel die Ertüchttgnng der Jugend ist. Daß neben dem Sport auch die Kameradschaft und Geselligkeit gepflegt wird, hat der an das Ab paddeln sich anschließende Unter* haltungsabend bewiesen. Die sportlichen Ergeb­nisse:

l.Vereinsmeister im Einerfaltbovt (MarburgGießen, 3 Stunden 9 Min.): Ernst Witting.

2. Preis für die Aktiven (Wertung: Anzahl der vom An- bis zum Abpaddeln ge­fahrenen Kilometer unter Höherbewertung der Vereinsfahrten um 50 Prozent): Hugo Decker, 1996 Kilometer.

3. Preis für die Jugend: Heinz Möser, 1545 Kilometer.

4. Meistgefahrene Kilometer vom Abpaddeln 1 927 b i s zum Abpaddeln 1 9 28 (ohne Höherbewertung der Dereinssahrten: Ernst Roeller, 1984 Kilometer.

Anerkannte deutsche Höchstleisiuugen.

Der Leichtathletik-Ausschuß der D. S. B. hat nachstehende Leistungen als neue deutsche Höchstleistungen anerkannt: Weitsprung: 7,645 Meter R. Dobermann (Marienburgrr S. C.) am 10. Juni 1928 in Jena. Hammerwurf: 46,05 Meter I. Mang (6.03. 89 Regensburg) am 17. Juni 1928 in Regensburg. 4X400- Meler-Staftel: 3: 21,6 Teutonia Berlin (Dünler, Schmidt, Böcher, Engelhard) am 30. Juni 1928 in Berlin. Frauen: 200 Meter: 26,9 Sek. Frl. W. Wittmann (S. C. C.) am 30. Juni 1928 in Berlin. 4x200-Meter-Stafsel: 1:50,6 S. C. Charlottenburg (Mäckelmann, Schwabbauer, Hell­wig, Wittmann) am 24. Juni 1928 in Berlin. 3X 800-Meter-Staisel: 8:04 S. C. Charlottenburg (Laue, Dehmer, Roestel) am 24. Juni 1928 in Berlin.

Abteil unb Wagen. Als er am Zug entlangging, sah er den anbem gleichfalls aussteigen unb sich forschenb umsehen.

Im Augenblick ber Abfahrt sprang Grotteck wie­der in den Zug, ganz vorn, unb er hatte bie Ge­nugtuung, ben närrischen Verfolger denn bas war er nun schon für ihn eilig einsteigen zu sehen. Immerhin waren sie jetzt beide burch bie Schlafwagen getrennt.

Er zündete sich eine Zigarre an, um den Rest ber Nacht zu durchwachen. Die Sache war doch ernster, als er gedacht hatte.

Es war nicht schwierig, feiner Spur zu folgen. In der Stadt wußten alle seine Bekannten, daß er zum Freistaat Danzig fuhr, um feine Mutter zu besuchen. Wer aber hatte ein Interesse daran, das zu kontrollieren?

Das Geld in den Geheimtaschen begann zu drücken. War es nicht doch besser, es ins Dunkel der Nacht auf den Bahndamm zu werfen? Viel­leicht war es seine Bestimmung, irgend jemand un­vermutet in den Schoß zu fallen.

Unsinn. Dieser slawische Herr machte einen zu scheuen und zu ungeschickten Eindruck. Er sah eigent­lich aus, als ob er selber genug auf dem Kerbholz hatte, um Beamte heranzurufen. Wie mochte es zum Beispiel mit seinem Paß aussehen? Uebrigens worauf war denn eine Verhaftung zu gründen? Das Geld war niemals gefordert worden. Kein In­serat, kein Anschlag hatte seinen Verlust gemeldet. Es war wie vom Himmel gefallen.

Als der Zug bei grauendem Morgen sich Berlin näherte, fühlte er sich wieder sicherer. In der un­ermeßlich großen Stadt konnte er untertauchen und diesen Anfänger seiner eignen Lächerlichkeit preis- geben. Kopf hoch!

Endlich kamen die südwestlichen Vororte in Sicht. Die riesigen grauen Steinkulissen der beginnenden Großstadt stiegen auf. Der Zug fuhr in die Halle des Anhalter Bahnhofs. Grotteck stieg gleich aus und begab sich zu feinem früheren Abteil zurück. Die Handtasche lag noch im Netz, von der gleichen verschnürten Hutschachtel seiner einstigen Nachbarin aetrönt. Aber als er sie öffnete unb mit einem flüchtigen Blick ihren Inhalt musterte, merkte er gleich, baß fremde Hände darin gewühlt hatten.

(Fortsetzung folgt) i