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26.10.1928
 
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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)

Zreltag, 26. Oktober 1928

Ein Königreich der Buren?

Südafrikas Selbständigkeiisbestrebungen gegen die britische Vormundschaft.

Von Dr. Georg Häfner.

Wie kürzlich bekannt geworden ist, soll der Herzog von Gloucester, der dritte Sohn des engllschen Königs, Ge­neralgouverneur vonSüdafriko werden: da man davon spricht, daß der Prinz demnächst die holländische Kron­prinzessin 3 u 11 a n a heiraten werde, falb maßgebende europäische und südafri­kanisch Politiker der Ansicht, daß die Südafrikanische ilnion in ein vorläufig eng mit Großbritannien verbündetes Kö­nigreich umgewandelt werden soll.

Das reiche Südafrika, ungefähr so groß wie Deutschland, Frankreich und Italien zusammen, aber nur von wenigen Millionen Menschen be­siedelt, ist stets das Sorgenkind John Dulls gewesen. In einem grausamen Krieg hatte man um die Jahrhundertwende die beiden Duren- republiken Transvaal und Oranjes rei- st a a t niedergeworfen: trotz den unmenschlichen Härten jenes Feldzuges, trotz Konzentrations­lagern, in denen bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr 400 000 Menschen fast 30 000 Frauen und Kinder ums Leben kamen, war es englischer Staatskunst gelungen, diese von Hoß gegen das britische Imperium erfüllten Nach­kommen holländischer Auswanderer schon andert­halb Jahrzehnte nach dem Friedensschluh von Pretoria zur Teilnahme am Weltkrieg auf englischer Seite zu bewegen. Aber damit war nur äußerlich der tiefe Gegensatz verdeckt, der tatsächlich nicht an Bedeutung ver­loren und in den letzten Jahren zu einem immer größeren Erfolg der im Jahre 1902 völlig be­siegten Duren geführt hat. Dir Engländer wand­ten auch an der Südspihe Afrikas zunächst ihre alte politische Regel an, einen zerschmetterten Gegner nicht zur Derzweiflung zu treiben, son­dern sich mit ihm auszusöhnen und ihm Gelegen­heit zu bieten, als Verbündeter im britischen Imperium eine Rolle zu spielen. Vier Jahre nach ihrer Niederlage durften sich die beiden Burenrepubliken, die nun englische Kolonien ge­worden waren, eine eigene Verfassung geben. 3m Jahre 1909 wurde dann die Süd­afrikanische Union gegründet, in der die beiden früheren Durenrepubliken mit Kapland und Natal zu einem britischen Dominion vereinigt worden sind. Im Rahmen dieses Staa­tes, dessen Generalgouverneur von der englischen Regierung ernannt wird, eroberten sich die Duren dann Schritt für Schritt ihre politischen und kul­turellen Rechte zurück, bis es ihnen im Jahre 1924 gelang, hn südafrikanischen Parlament die Mehrheit zu erringen und der Union eine burisch-nationalistische Regierung zu geben. Auf friedliche Weise haben die zähen Dauern, hartnäckig wie ihre holländischen Vor­fahren, ihre Niederlage in ein-en Sieg verwandelt, und heute stehen Südafrikas Engländer vor der Frage, wie sie sich dem überwuchernden Ein­fluß der Buren entziehen und ihre britische Eigenart erhalten können. Für Großbritannien bedeutet das die Notwendigkeit, mit einem all­mählichen Abfall Südafrikas und also dem Ver­lust eines überaus wertvollen Gebietes zu rechnen.

Schritt für Schritt suchen die Buren die Eng­länder weiter zurückzudrängen. Der südafrika­nische Premierminister Herhog hat die eng­lische Regierung vor wenigen Tagen davon ver­ständigt, daß die Südafrikanische Union Eng­lands Recht, den Generalgouverneur zu ernennen, nicht mehr voll anerkennen könne. Man fordere, daß entweder ein Mitglied des königlichen Hauses oder ein Südafrikaner das wichtige Amt erhalle. Kaum zwei Jahre sind vergangen, seit Südafrika sich eine eigene Flagge gegeben hat und schon folgt ein weiterer, praktisch viel wichtigerer Vorstoß gegen die britischen Hoheitsrechte. Zwar hat der Generalgvuverneur

von Südafrika schon seit mehreren Jahren nur noch theorettsch das Recht gehabt, sich in die inneren Angelegenheiten der Union zu mischen, tatsächlich aber hat er sich darauf beschränkt, bei feierlichen Gelegenheiten als Stellvertreter des britischen Königs zu repräsentieren. Run aber verlangen die Buren, daß ihr höchster Beamter entweder aus ihren eigenen Reihen entnommen oder zur Anknüpfung wichtiger außenpolitischer Beziehungen benutzt werden solle. General Herhogs Forderung, ein Mitglied des Königs­hauses zum Generalgouverneur zu ernennen, weist deutlich auf den Herzog von Glou- c e st e r hin, durch den ein Anschluß an Holland, die europäische Heimat der Buren, gefunden werden soll: sie ist von der Drohung begleitet, sich andernfalls in verhältnismäßig kur­zer Zeit unter südafrikanischer Führung vom Mutterland" freizumachen.

Freilich hat England noch einige Machtmittel in der Hand, um die Selbständigkeitsgelüste der Buren zu zügeln. Da ist zunächst das frühere Deutsch-Südw« st- Afrika, das jetzt als Mandatsgebiet des Völkerbundes dem General­gouverneur von Südafrika unterstellt ist, aber staatsrechtlich keine Einheit mit der Union bildet. England weih, daß Südafrika vorläufig noch zu manchen Opfern bereit wäre, um diese frühere deutsche Kolonie endgültig zugesprochen zu er­halten. Es gibt ferner in London einen Ober- kommissar für Südafrika, der nicht nur die politische Verbindung mit der Union aufrecht­erhält, sondern dem auch die englischen Kolonien Dasutoland, Betschuanaland, Rhodisia und Swasiland unterstehen. Diese Gebiete bilden geo­graphisch und, in immer wachsendem Maße, auch wirtschaftlich eine Einheit mit Südafrika, haben aber eine ganz anders geartete Bevölkerung. Sie können von England ato Druckmittel und, wenn es besser in den Rohmen der brittschen Politik paßt, auch als Köder für die Südafrikanische Union benutzt werden.

Rhodesia, nach dem großen Eroberer Cecil AhvLes benannt, stimmte im Jahre 1923 über den Anschluß an die Union ab stimmberech­tigt waren freilich nur die Weißen und lehnte die Vereinigung mit den Duren mit über­wältigender Mehrheit ab. Sind doch die rho- desischen Farmer britischer als Englands kon- servattve gesonnen und seit Südafrikas Flaggen­wechsel sind sie mit ihrem südlichen Nachbarn geradezu verfeindet. Noch bedeutsamer für die englische Politik sind aber die britischen Kolo­nien, die fast gar keine weihe, aber dafür eine um so stärkere schwarze Devölkerung besitzen. B a- s u t o l a n d zum Beispiel, das zwischen Kap­land, Natal und den Oranjefreistaat eingesprengt ist, hat eine weitgehende Selbstverwaltung der Eingeborenen, und die schwarze Devölkerung ist. im Gegensatz zu den Negern der Union, recht wohlhabend. In der Südafrikanischen Union sind die Schwarzen dagegen völlig entrechtet; den eineinhalb Millionen Weißen gehören neun Zehntel des Landes, während die Neger auf dem unfruchtbaren und entlegenen Rest zusam- mengedvängt leben. Das große schwarze Proletariat, das in den Bergwerken und Fabriken arbeitet und sich mit überraschender Schnelligkeit vermehrt, lebt von Hungerlöhnen, die oft, bei schwerster Arbeit, nicht den zehnten Teil des Lohnes ausmachen, den die Angehörigen der weihen Gewerkschaften erhalten. Nun hat sich der schwarze Teil der Bevölkerung all­mählich organisiert, und er bildet auf diese Weise eine wachsende Gefahr für die weihe Oberschicht, deren gröhte Furcht es ist, daß die angrenzenden Negergebiete als Sammel­punkte für die schwarze Freiheitsbewegung dienen und den Negern der Union eine erhöhte Stoß­kraft verleihen könnten. Englands Macht be­ruht nun in der Drohung, die Neger seiner

Erika.

Novelle von Max Gidow.

Seit ich zur Schule ging, muhte ich täglich zweimal an der Villa mit dem schönen Garten vvrübergehen, der, über alles Mah gepflegt, vom ersten Frühjahr his in den spätesten Herbst Blüten hervorbrachte: Schneeglöckchen und Kro­kus, Tulpen und Hyazinthen, Rosen und Astern. Oft blieb ich dort stehen und sah durch die ge­schmiedeten Gitter, gar zu gern hätte ich einmal auf den sauber geharkten Wegen laufen mögen. Aber, obwohl schon damals kein Zaun für mich zu hoch war, hätte ich kaum gewagt, heimlich in diesen Garten einzudringen, nicht aus Furcht vor Entdeckung oder Strafe, nur aus Scheu vor seiner Schönheit.

Er gehörte einer jungen, reichen Witwe, die dort mit ihrem einzigen Kinde lebte. Manchmal Iah ich ihr Töchterchen, wie es allein über die Gartenwege ging, langsam und immer etwas traurig, gar nicht wie die anderen Kinder, mit denen ich herumtollte. Einmal stand sie am grohen Gittertor, wie ein gefangener Bogel im Dauer, und schaute mit grohen Augen auf die Straße. Da wagte ich, sie anzusprechen.Wie heißt du denn?"Erika Thalmann."Willst nicht einmal mit mir spielen?" Sie schüt­telte den Kopf: Mama erlaubt es nicht, sagte sie, und das war alles, was ich von ihr erfahren konnte.

Bald darauf hörte ich, dah ihre Mutter sich toiebcr verheiraten würde. Ein paar Tage später stand ich unter der Menge an der Kirchentür, sah die Glaskutschen herankommen, aus denen eine prächtige Gesellschaft stieg, sah schließlich auch das Brautpaar und Erika, die vor ihrer Mutter einherging und Blumen streute. Sie schien mir in ihrem weihen Kleidchen so fcpnb und unwirklich so wie ich mir die Engel dachte.

Aber am nächsten Tage, als ich aus der Schule kam, sah sie sehr irdisch und sehr wirklich auf der Treppe vor dem Nachbarhaus, im Arm eine Puppe, und schaute mich an, als ob sie gern mit mir sprechen wollte, aber nicht wühte, wie es anfangen.

Ich sagte aufmunterndGuten Tag" und fragte sie. was sie beim hier wolle.Mama ist mit dem neuen Papa verreist und ich wohne solange bei Fräulein Siegel/'

Fräulein Siegel war unsere Nachbarin, eine vertrocknete alte Jungfer, die Kinder nicht leiden formte. Wir nannten siedie olle Knusperhexe".

Am gleichen Tag noch traf ich Erika wieder. Sie lächelte mir entgegen.Jetzt darfst du wohl immer auf die Strahe gehen?" erkundigte ich mich, weil ich glaubte, daß sie auf ihre neue Freiheit stolz fein mühte.Ial", sagte sie, aber ihr Lächeln erlosch:Fräulein Siegel schickt mich immer herunter, damit ich ihre Wohnung nicht schmutzig mache."

Mit Erika war ich bald so vertraut, dah wir uns kaum noch trennen mochten. Ich konnte mir kaum denken, dah sie jemals wieder hinter dem Gitter in der schönen Billa wohnen würde. Jeden Abend vor dem Zubettgehen winkten wir uns noch einmal vvn Fenster zu Fenster einen Gute­nachtgruß zu.

Nach drei Wochen kam die junge Frau von der Hochzeitsreise zurück und besuchte ihr Kind. Jetzt erst erführen wir, daß Erika noch einige Zeit bei Fräulein Siegel bleiben müsse, weil es der neue Papa so wolle. An diesem Abend wartete ich vergeblich am Fenster. Erst als ich endlich im Bett lag, hörte ich Erika weinen. Die alte Jungfer redete mit unangenehm scharfer Stimme auf das Kind ein, aber es schrie immer wieder: Ich will zu meiner Mama... ich will zu meiner Mama!" Ich muhte den Kopf unter die Decke stecken, weil ich das Schluchzen nicht ertragen konnte. Dabei ballte sich freilich meine Hand zur Faust, und als ich eingeschlafen war, träumte ich, daß ich der Knusperhexe die Fenster ein­schmisse. Tags darauf kam Arnold, mein bester Freund, um mich abzuholen. Wir wollten auf den Wiesen am Fluß herumstromern.Erika muh mit! bestimmte ich, und der andere fügte sich, obwohl er das Mädchen nicht mochte.

Für Erika war alles neu; sie hatte noch nie einen Frosch gesehen und fragte schüchtern, ob denn diesegarstigen Tiere" auch schwimmen könnten.Och, bist du dumm!", lachte Arnold. Natürlich, die schwimmen wie Menschen." Sie ging mit mir am älfer entlang und sah neugierig zu, wie ich die Frösche ins Wasser jagte. Arnold war zurückgeblieben und rief plötzlich nach mir. Er hatte eine Ringelnatter entdeckt, die er mir zeigen wollte. Ich lief hin, und während wir die Schlange verfolgten, achteten wir nicht auf das Mädchen, das am Ufer kniete.

Kolonien gegen eine abtrünnige Südafrikanische Union stark zu machen, wahrend es bisher der beste Bürge für eine Niederhaltung der Ain- geborenen war.

Für Deutschland ist die Entwicklung in Südafrika nicht nur wegen des Schicksals der früheren Kolonie Deutsch-Südwest von Be­deutung; es schweben auch zur Zeit W iri­sch a f t s v e r h a n d l u n ge n mit der Süd­afrikanischen Union, die immer mehr Handels­beziehungen zu Deutschland eingegangen ist, und man kann an nehmen, daß der Abschluß eines Ha ndelsvertrages mit Südafrika un­mittelbar bevorsteht. Politische Aenderungen kön­nen natürlich auch zu wirtschaftlichen Verschie­bungen führen. Vorläufig ist Deutschland nach Großbritannien wohl der beste Abnehmer süd­

afrikanischer Erzeugnisse: aus Südafrika sind im Jahre 1926 für 70 Millionen Mark Wolle und für säst 2*/2 Millionen Marl Gold gekauft wor­den. Auch Mais ist ein wichtiger Handels­artikel im Verkehr mit der Union, die im Aus­tausch von Deutschland vorwiegend Fertigwaren bezieht. Die Südafrikaner tragen deutsche Strümpfe, arbeiten an deutschen Maschinen, be­nutzen deutsche Eisenwaren und haben u. a. vor einigen Monaten eine Anzahl deutscher Loko­motiven bestellt. Es spricht für den Selbständig­keitsdrang der Union, daß sie jetzt mit der Meist­begünstigung, die andere britische Dominions ge­nießen, nicht mehr einverstanden ist, sondern dar­über hinaus einen Handelsvertrag mit Deutsch­land abschließen will.

Albrecht Daniel Thaer.

Zu seinem 1OO. Todestag am 26. Oktober 1928.

Von Or. George Geffous, o. Professor der Landwirtschaft an der Universität Gießen.

100 Jahre sind ins Land gegangen, seitdem ein Menschenleben fernen Abschluß fand, dessen Wirken nicht nur für die deutsche Landwirtschaft, sondern auch für unser gesamtes Vaterland zum größten Segen geworden ist. A l b r e ch t T h a e r hat es als die ihm von der Vorsehung zu- gewiesene Aufgabe betrachtet, die deutsche Land­wirtschaft von Grund auf zu reformieren. Sie und die ihr zugehörige Bevölkerung aus den ihr über Jahrhunderte ausliegenden, nunmehr uner­träglich gewordenen Fesseln zu lösen, ein neues Geschlecht von ßanbbauem heranzuziehen, das persönlich wie wirtschaftlich frei, ausgerüstet mit den erforderlichen Kenntnissen, imstande sei, die unerschöpfliche, produktive Kraft des heimatlichen Bodens als den kostbarsten Besitz der Nation in einer den privaten wie öffentlichen Interessen entsprechenden Weise möglichst vollkommen aus- nutzen.

Zur Lösung dieser von ihm selbst gefaßten Aufgabe hat er durch Wort und Tat so viel beigetragen, als vhst einem ganzen Geben und einer ganzen Menschen kraft überhaupt erwartet werden durfte.

Cs ist eigentümlich, daß, wie später Max Eyth, der Gründer der Deutschen L.-.tzdwirt- schafts-Gesellschaft, auch nicht Landwirts sondern von Hause aus Ingenieur war, Albrechk sT h a e r ursprünglich ebenfalls einen ganz anderen Beruf, nämlich den des Arztes, ausübte, bevor er sich der Landwirtschaft widmete. Nicht etwa man­gelnder Erfolg seiner medizinischen Tätigkeit trieb ihn zur Landwirtschaft. Im Gegenteil, als Sohn eines angesehenen Arztes am 14. Mai 1752 in Celle geboren, erlangte Thaer in seiner Vater­stadt bald einen solchen Ruf, dah er in jungen Jahren bereits zum kurfürstlichen Hosmedikus ernannt wurde. Trotz erfolgreichster ärztlicher Tätigkeit war er davon unbefriedigt: man nimmt an, daß er bei aller Schärfe des Verstandes aber einem tiefen und leicht erregbaren Gemüt durch den fortwährenden Verkehr mit den Kranken zu sehr erschüttert wurde. Ablenkung suchte und fand er zunächst im Gartenbau, später in der Land­wirtschaft. Thaer schilderte dies später selbst einmal:Wenn die animalische Natur - - die leider! in ihrem kranken Zustande der Gegenstand meiner ernsten Untersuchungen und Geschäfte ist meine Kräfte erschöpft hatte, so fand ich, seit jeher, bei der gesunden vegetabilischen Natur Erholung und Aufheiterung. Ich war Botaniker, Blumist, Gärtner. Aber Botanik war mir hier zu steril: das Blumenbeet ward mir zu kleinlich; ein Garten zu enge und zu einförmig. Ich hatte Gelegenheit, einen beträchtlichen, schön gelegenen Platz zu erlaufen, in der Nachbarschaft des hiesigen fruchtbaren Stadtfeldes und bald darauf mehrere Aecker und Wiesen, die zu­sammengenommen eine kleine, aber vollständige Wirtschaft ausmachen konnten. Also ward ich Landwirt in den Stunden meiner Muße und ruhete hinter dem Pfluge aus von meinen Ar­beiten."

Die Erwähnung der Pflugarbeit war nicht nur schöne Phrase von Thaer, um seine landwirtschaft­liche Tätigkeit schwungvoll zu schildern. Er hatte sich als junger Arzt «ein richtiges Landgut zu­sammengekauft, Wohn- und Wirtschaftsgebäude darauf errichtet und betrieb während der Sommer­monate neben seiner ärztlichen Tätigkeit, die er zunächst noch weiter beibehielt, auf 33 Hektar Landwirtschaft. Als Nichtfachmann suchte er sich die fehlenden theoretischen Kenntnisse von den berühmtesten landwirtschaftlichen Autoren zu ver­schaffen, holte aber auch Rat für die Praxis bei erfahrenen Landwirten. Thaer erkannte bald die Mängel der bestehenden Dreifelderwirtschaft, auch daß die zu ihrer Verbesserung gemachten Vor­schläge und Versuche keineswegs genügten.Ei­frigst war er bemüht um ein auf Erfahrung und Wissenschaft beruhendes System, mit dessen Hilse jeder kluge und unterrichtete Landwirt die für seine Verhältnisse zweckmäßigste Betriebsweise ausfindig machen könne." Von allen Schrift­stellern boten ihm nur englische Autoren dafür die gewünschte Anregung. Die damals berühmte englische Landwirtschaft wurde entsprechend ihren (genau wie in Deutschland auch) durchaus ver­schiedenen Wirtschaftsarten bereits nach bestimm­ten allgemeinen und sicheren Grundsätzen be­trieben. Hier wurden methodische und exakte Versuche angestellt, vor allem hatte der prak­tische Sinn der Engländer auch für den landwirt­schaftlichen Betrieb erkannt, daß es bei ihm wie bei jedem Gewerbe darauf ankommt, einen an­gemessenen Gewinn zu erzielen. Thaer fand in der englischen Literatur den Hinweis, daß der Landwirt genaue Berechnungen in seinem Betrieb an st eilen muß. Die Frucht seiner Studien bildete seineEinleitung (sollte heißen Anleitung) zur Kenntnis der englischen Landwirtschaft und ihrer neueren, praktischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf Vervollkommnung deutscher Land­wirtschaft für denkende Landwirte und Kame­ralisten".

Obwohl Thaer niemals selbst England besucht hat, war es feinem scharfen, kritischen Verstand trotzdem gelungen, aus der Literatur ein treff­liches Bild über englische Landwirtschaft zu ent­werfen. Er gab nicht nur eine klare Schilderung des Verhältnisses der Landwirtschaft zur In­dustrie in England, sondern zeigte auch die An­wendbarkeit der in der englischen Landwirtschaft vorhandenen Einrichtung und befolgten Grund­sätze auf deutschen landwirtschaftlichen Betrieben. Thaer wurde durch dieses erste Werk mit einem Schlag der berühmteste landwirtschaftliche Schrift­steller. 3m Keim entwickelte er schon in dieser Abhandlung sein ganzes System, welches er später in seinenGrundsätzen der rationellen Landwirtschaft" ausführlich behandelte, ohne darin durch dauernden Vergleich mit den eng­lischen Verhältnissen zu stören. Auch taucht in diesem Werk zum erstenmal der Gedanke der Er­richtung einer Akademie des Ackerbaues auf. Es ist erstaunlich, welche Fülle von packenden

Auf einmal hörte ich ein dumpfes Klatschen, als ob jemand einen schweren Stein ins Wasser geworfen hätte. Ich drehte mich nach Erika um, aber ich sah sie nicht mehr. Erschreckt sprang ich ans ilfer: große Wellenringe zitterten über die graugrüne Fläche. Flußabwärts tauchte dann noch einmal der Kopf des Mädchens auf, ein Stück seines blauen Kleidchens wurde sichtbar und verschwand wieder in Der* Flut.

Ich wollte mich, dem Kinde nach, ins Wasser stürzen, aber Arnold hielt mich zurück.Du kannst doch nicht schwimmen!", sagte er furcht­sam, und dann rannten wir beide, wie auf Kom­mando, fort, ohtze uns auch nur einmal urnzu- sehen, so verstört waren wir.Zu Haus nichts davon sagen!", flüsterte Arnold, als wir uns trennten. Qtber als ich, erregt, die Treppe hinauf- schlich, um mich irgendwo auf dem Boden zu ver­stecken, traf ich meine Mutter, die sofort merkte, daß etwas Außergewöhnliches geschehen fein mußte. Sie fragte und drohte so lange, bis ich alles eingestand.

Sie nahm mich entschlossen bei der Hand und eilte mit mir zur ilnglücksstelle. Don weitem schon sahen wir am ilfer eine Gruppe Men­schen, in Deren Mitte die kleine Erika lag. Ein Angler, der, von uns . unbemerkt, flußabwärts hinter einem Gebüsch gestanden, hatte den Vor­gang beobachtet und das Mädchen gerettet. Als Erika, in warme Jacken gehüllt, sich wieder etwas erholt hatte, brachte man sie in die Villa zu ihrer Mutter.

Wochen vergingen. Ich erfuhr von meinen Eltern, daß es der kleinen Freundin wieder gut ging, daß sie aber jetzt immer bei ihrer Mutter bleiben und nie mehr zur Knusperhexe zurück­kommen würde.

Tag für Tag umlauerte ich ium die Villa und versuchte alles, um Erika wiederzusehen. Endlich entdeckte ich sie einmal im Garten, am Gewächs­haus. Ich kletterte über das Gitter, schlich mich an sie heran und hielt ihr von hinten die Augen zu. Als Erika mich erkannte, schreckte sie zu­sammen.Ich darf nicht mehr mit dir spielen", sagte sie betrübt und wich unwillkürlich zurück.

Verständnislos blickte ich sie an.Ich konnte doch wirllich nichts dafür", verteidigte ich mich. Erika faßte nach meiner Hand; aber da wurde vom Hause her ihr Name gerufen, sie lief weg und lieh mich stehen.

Ich sah ihr nach, bis sie verschwunden war, und bis vor meinem Blick Villa und ©arten flimmernd verschwommen. Dann drehte ich mich um, packte voll Wut ein paar Blumentöpfe, die neben mir standen, und zerschmetterte sie an Der Mauer des Gewächshauses. In ein paar Sähen war ich am Gitter, schwang mich darüber, ver­hielt noch einmal und ging endlich pfeifend davon.

Ich traf Erika nicht wieder. Nur einmal sah ich sie noch, sie stand am geschmiedeten Gitter, das Körperchen fest an Die ilmjäunung gepreßt, traurig und einsam, wie ein gefangener Vogel.

Frankfurter Theater.

3m Neuen Theater wurdeDie D r c i groschenoper" (The Beggars Opera), bearbei­tet von Bert Brecht, Musik von Kurt Weill, zum ersten Male für Frankfurt a. M. gegeben.

Brecht hat die nun vor 200 Jahren aus der Taufe gehobene englische Bettleroper zu neuem Leben erweckt, wohl weniger aus historischen Gründen, als weil er sie gerade in der heutigen Zeit für besonders aktuell hielt. Dieses Spiel, der Kamps zwischen aroei Bettlerkönigen, zum Teil im Kabarett-Ton aufgezogen, enthält im wesentlichen tragische Momente, gewürzt durch eine feine Iro­nisierung der gesellschaftlichen Zustände. Belebt und verbunden werden die einzelnen Bilder durch Gesangeinlagen im Balladenstil, die nach Bänkel- sängerart vorgetragen werden. Zu dem ganzen hat Kurt Weill eine ausgezeichnete Musik geschrie­ben, die den beiden Grundrichtungen des Stückes, Empfindsamkeit und Satire, Rechnung trägt.

Die Inszenierung war von Renato Mordo, das Bühnenbild von Lothar Schenck vorn Trapp. Ein aus bunten Lappen zusammenge­flickter Zwifchenvorhang bereitete geschickt auf das Milieu vor, das den Geruch der Echtheit in sich trug. Dos Orchester war sehr zweckmäßig auf der Bühne hinter einem Vorhang untergebracht. Das Zusammenspiel war ausgezeichnet und bot einen künstlerischen Höhepunkt in der Szene, in der der zum Tode bestimmte Macheath Abschied nimmt, um im letzten Moment dem Leben wiedergegeben zu werden. Theo Lingen als Banditenchef und Großmann als Bettlerfürst traten besonders hervor. Die Aufführuna fand lebhaften Beifall und wird sich voraussichtlich wie in Berkin zu einem Kassenerfolg auswachsen. Dr. W.