Nr. 253 Erstes Blast
178. Jahrgang
Zreitag. 26. Oktober 1928
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Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr Fnedr TBilh Lange. Derantwortlich für Politik Dr Fr Wilh Lange für Feuilleton Dr H.THyriot, für den übrigen Teil Er ist Blumfdjein; für den Anzeigenteil Kurt Hillmann. sämtlich in (Riehen
SesprechungenmitparkerGllbett
Der Reparaiionsagcnt unterrichtet das Reichstabinetl übcrdenBerlausseincrRe^e
Berlin, 25. Off. (priaafinformalion.) wie In palilifchen («reifen oerlaufet, Hai bereits gestern abend eine kurze Besprechung zwischen Parker Gilbert und dem Reichswirtschaftsminister Dr. L u r f I u s stattgefunden. Diese erste Fühlungnahme ist heute mittag in einer Besprechung i n d e r Reichskanzlei fortgesetzt worden, an der außer dem Reparationsagenfen Reichskanzler Füller, Reichsfinanzminister Dr. h i l f e r d i n g und Reichsbantprapdent Dr. Schacht tennahmen. Die Besprechung dauerte etwa li Stunden und galt im wesentlichen der Unterrichtung der deutschen Stellen über die Auffassung in dem an der Repara- tiot.sfrage interessierten Ausland. 3m übrigen wird in den beteiligten Kreisen über den Inhalt der Verhandlung strengstes Stillschweigen bewahrt. Es ist anzunehmen, daß in den nächsten Tagen das Relchskablnett Zusammentritt und daß bann dem Reparationsagenfen der deutsche Standpunkt über die Wege mifgefeilf wird, die zu der Einsetzung des Gutachterausfchusses für die Repara- fionsfragc führen sollen, wie wir zu wissen glauben, berichtet der Reparafionsagenf, daß sich keine Einheitsfront gegen Deutfchland gebildet habe, so daß immerhin eine Aussicht auf einen günstigen Fortgang dieser Verhandlungen besteht. Ulan hofft deshalb in hiesigen Kreisen, daß die Dinge einen sachlichen verlaus nehmen werden. Voraussetzung dazu ist natürlich, einwandfreie Sachverständige zu finden, die das gesamte Problem nach reinen weltwirtschaftlichen Gesichtspunkten zn lösen vermögen.
Eine lahme Berieidigung.
Lord Eushendun begründet das Flottcn- kompionnß.
London, 25. Oft (WTB.) Lord Cushendun, der stellvertretende Minister des Auswärtigen, hielt in Blackpool eine Rede, in der er die Sjaltung der Regierung in der Angelegenheit des englisch-französischen Flottenkompromisses verteidigte. „N.chts," so führte er u. a. aus, „war törichter und alberner als der größte Teil der Kritiken, die gegen dieses Kompromiß vorgebracht worden find. Dieselben Leute, die unaufhörlich mit lauter Stimme nach einer internationalen llebereinfunft schreien, verfielen plötzlich in wahre Paroxismen der Wut und des Mißtrauens, weil wir mit Frankreich eine freundschaftliche Vereinbarung getroffen haben.
Es ist das Ziel der britischen Politik, mit sämtlichen Ländern gleichmäßig gute Beziehungen zu unterhalten. Eine neue englisch-französische Entente existiert nicht, weil die frühere nicht aufgelöst worden ist und weil freundschaftliche Beziehungen zu Frankreich einen wesentlichen Faktor der englischen Politik darstellen.
Es ist aber völlig falsch, zu behaupten, daß die englische Regierung sich als Werkzeug benutzen ließ, damit Frankreich in ungerechter Weise gegen Deutschland auftreten konnte. Ich gebe zu, daß die Aussichten für eine internationale Abrüstung zur Zeit nicht besonders ermutigend sind. Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen, aber es ist nicht mehr zu hoffen, daß wir etwas ausrichten können, wenn man uns als im Verborgenen arbeitende Verschwörer oder als unglaubliche Tölpel hinstellt, wenn es uns einmal gelingt, mit irgendeiner Ration uns über diese so verwickelten Dinge zu verständigen.
Es ist uns vorgeworfen worden, daß wir uns in dem Kompromiß mit Frankreich damit einverstanden erklärt haben, daß Frankreich kleine Unterseeboote in unbeschränkter Zahl baut und daß seine ganzen militärischen Reserven für die Rüstungseinschränkung außer Betracht bleiben.
Was die Unterseeboote betrifft, so haben wir Frankreich nichts derartiges gestattet aus dem einfachen Grunde, daß es jedes Recht schon jetzt besitzt und wir nicht die Macht haben, seine
Ausführung zu verhindern.
Die Regierung hat die vollkommene Abschaffung der Unterseeboote vorgeschlagen, aber alles, was sie erreichen konnte, war eine Begrenzung der größeren Unterseeboote, und, da sie glaubte, daß ein Sperling in der Hand besser sei, als eine Taube auf dem Dache, war sie damit einverstanden.
Sie war bestrebt, die militärischen Reserven eln- zuschränken, aber |i< fand sich im vorbereitenden Abrüstungsausschuß in dieser Frage in Gesellschaft einer kleinen Minderheit.
Sie hätte durch Festhalten an ihrer eigenen Auffassung verhindern können, daß überhaupt etwas zustande kam, aber sie hätte ih ren Standpunkt nicht durchsetzen können. Die Regierung ging aber nicht darauf aus, die Abrüstung zu vereiteln, weil sie nicht in allem ihren Willen haben konnte. Als sie nicht alles erreichen konnte, was sie wollte, nahm sie, was sie b e F o m - men konnte. Das war die alleinige Grundlage ihres Vorgehens beim Abschluß des englischfranzösischen Kompromisses.
Bayern und die Reichsreform.
Die bayrische Delegation zum Ergebnis der Landerkonferenz.
München, 25. Oft. ($11.) Zu dem Abschluß der Länderkonserenz wird der „Bayerischen Staatszeitung" aus Kreisen der bayerischen Delegation folgende Auffassung bekannt:
„®ie von der R e i ch s r e g i e r u n g dem Ausschuß vorgelegten Entschließungen, die man in Kreisen der bayerischen Delegation als ungeeignet für die Fortführung der Beratungen bezeichnet hatte, sind zwar den beiden neugeschaffenen Unterausschüssen überwiesen worden, jedoch nur zur Kenntnisnahme, nicht als Material. Vergleicht man die aufsehenerregende Entschließung der Reichsregierung und die jetzt vom Ausschuß angenommenen Richtlinien. so ergibt sich, daß die neuen Richtlinien, doch sehr bedeutungsvolle Zugeständnisse an den Standpunkt der süddeutschen Länder enthalten. 3n dem Beschluß ist von der „Aufrechterhaltung" leistungsfähiger Länder die Rede, womit Bayern, Sachsen, Württemberg und Baden ausdrücklich feststellen wollen, daß territoriale Veränderungen in ihrem Gebiet nicht in Frage kommen können. Weiter wird besonders betont, daß die Beseitigung des Dualismus zwischen Reich und Preüßen nicht getrennt vorgenommen werden dürfte. 3n dieser Wendung ist eine Abkehr von dem von dem früheren Reichskanzler Dr. Luther vertretenen Standpunkt zu erblicken, der bekanntlich das preußische Problem unter vorläufiger Beiseite- legung der süddeutschen Staaten in Angriff nehmen wollte. Ebenso gegeben ist aber auch eine Abkehr von der Entschließung der Reichsregierung, die in Punkt 4 a l s Vorbedingung für eine Beseitigung des Dualismus zwischen Preußen und dem Reich einseitig die Klärung des Verhältnisses des Reiches zu den übrigen Ländern forderte, aber diesen selbst nicht zugechand, daß diese Klärung nur gleichzeitig mit der Beseitigung des Dualismus zwischen Reich und Preußen möglich sein sollte. Daraus hat in der Sitzung der bayerische Ministerpräsident sofort hingewiesen.
Was den abgelehnten bayerischen Antrag zu Ziffer II Sah 3 betrifft, so geht er auf die bayerische Besorgnis zurück, daß der Sah seitens des Reiches dazu benutzt werden tonnte, um weiter in d i e Hoheitsrechte der Länder einzugreifen, wäh.end die Mehrheit ihn augenscheinlich dahin deutete, daß durch ihn nicht nur eine Erhaltung der jetzigen eigenstaatlichen Au gaben, sondern weiter eine Rückübertragung sämtlicher Reichs- aufgaben auf die Länder erstrebt werde. Selbstverständlich kann im Laufe der Verhandlungen der Antrag stets wieder eingebracht werden.
Wenn das Ergebnis dec dreitägigen Verhandlungen des Verfassungsausschuses a:ch in mancher Hinsicht nicht befriedigt, so wird man doch den Tlmstand nicht übersehen dürfen, daß bei dem jetzt eingeschlagenen Weg die Länder diejenigen sind, die bei der Reugestal-
hmg ein immerhin gewichtiges Wort mitzu - reden haben. Wären die jetzigen Verhandlungen gescheitert, so wäre mit der Möglichkeit zu rechnen gewesen, daß der Reichstag die einh its- lüsterne Wirtschaft und alle möglichen anderen Organisationen, wie der Lutherbund, zum Scha- ben der Länder de Führung an fiep gerijen hätten. Durch die neuen Richtlinien ist aber auch für diese eine Fessel geschaffen worden, die nicht von heute auf morgen gesprengt werden kann."
Münchener Echo.
Der erste Ansturm abgeschlagen.
München, 25. Olt. (Tll.) Als bisher einziges Blatt äußert sich der „Bayer. Kur." zum Abschluß der Länderkonfe enz und ertlärt, daß man zugeben müsse, daß im Vergleich der Länder
konferenz vom Januar d. 3. die Initiative derer, die unler allen Umständen eine weitgehende Reichsreform wünschen, stark vorgestohen sei und an Boden gewonnen habe. Man könne nicht t>erfennen, daß die zutage tretenden Schwierigkeiten vorerst keine Lösung gefunden hätten, sondern nur vertagt sei. Das Damolles-Schwert der Vernichtung sei zwar noch nicht auf die deutschen Länder herab- gesaust, es hänge aber drohender denn je über ihnen. Auch die eingefleischtesten Unitaristen mühten aus dieser Konferenz die Lehre ziehen, daß die Zeit noch nicht gekommen sei, um den auf purem Zentralismus ruhenden Einh.its- staat zu errichten. Sie mußten erkennen, daß eine radikale Umstürzung des gegenwärtigen verfassungsrechtlichen Zustandes in Deutschland mehr Schwierigkeiten als Erleichterungen bereite.
M Raubmörder Heidger überwältigt wurde.
Erneut gestellt. — Erbittertes Jeuergefecht durch die halboffene Tür. — Ein viertes Opfer. — Verwundet in die Hände der Polizei. — 3<n Krankenhaus gestorben.
Köln, 25. Okt. (MTB.) Wie schon kur; gemeldet wurde, ist der flüchtige Raubmörder Johann Heidger nach schwerem Belagerungskampf überwältigt worden und in schwer verletztem Zustande i n d i e Hände der Polizei gefallen, die ihn in das Krankenhaus schaffte, wo er heute abend gegen 20 Uhr an Herzschwäche gestorben ist. Der bei der Belagerung des Raubmörders heute vormittag schwer verletzte potizeioberwachtmeister und Offizieranwärter M a l b o o m ist heute abend gegen 22 Uhr ebenfalls seinen Verletzungen erlegen. Das Schuldkonto der Gebrüder Heidger hat sich damit auf vier Todesopfer (ein Kafsenbote und drei potizeibeamte) erhöht.
Oer letzte Kampf.
Ein neues Opfer des Raubmörders.
lieber den Kampf mit dem Raubmörder und über seine Festnahme werden folgende Einzelheiten bekannt: Der Mörder ist heute vormittag um 7.30 Uhr am Niederländer Ufer durch ein offen- stehendes F e n st e r in die Villa des Generaldirektors Dr. Oertel von der Kolonia-Verfiche- rungsgesellfchaft eingestiegen. Er bedrohte die Dienstmädchen und forderte sie auf, ruhigzublei- ben. Diese benachrichtigten aber Generaldirektor Dr. Derlei, der zunächst seine Kinder einschloß. Als er auf nachdrücklichen Wunsch seiner Gattin die Kinder zu sich herüberholen wollte, stand hinter der Tür im Eßzimmer bereits der Mörder. Er hielt ihm die Pistole auf die Brust mit einer Bewegung, sich ruhig zu verhalten. Der Generaldirektor flüchtete in sein Badezimmer. Diese Begegnung hatte der Chauffeur beobachtet, der sofort auf die Straße lief und Alarmschüsse abgab. hierdurch wurden die Streifen der
Polizei aufmerksam, und das U e b e r f a 11» kommando konnte benachrichtigt werden. Schon nach wenigen Minuten war Heidger eingekreist. Jetzt begann das schwierige Werk, festzustellen, in welchem Raum er sich verborgen hielt. Die Kriminalpolizei und Schupoleute drangen in das Haus ein und durchforschten jeden Raum, bis man endlich in das südöstliche Eckzimmer der obersten Etage kam, wo sich Heidger verborgen hatte. Als er merkte, daß die Verfolger ihm auf den Ferfen waren, rückte er f ä m 11 i ch e Möbel gegen d i e Tür. Die Polizeimannschaften versuchten, die Tür einzudrücken, was aber nur teilweise gelang, da es eine sehr schwere Tür war. Bei dieser Gelegenheit bekam ein Ober- Wachtmeister ed n e n schweren Kopfschuß. Man nahm nunmehr Handgranaten zu Hilfe, und damit wurde zunächst die Tür gesprengt. Die Polizeimannschaften warfen eine zweite Granate in den Raum hinein, und Heidger wurde aufgeforbert, herauszukommen. Nach der zweiten Handgranate lud er nochmals eine Pistole und erst nach der dritten Handgranate chrie er, kam aber immer noch nicht heraus. Er aß unmittelbar neben der Tür zu- ammengefauert und hielt in jeder Hand einen schußfertigen Revolver, bis ihn schließlich ein Schuß um die Ecke unvermutet zur Strecke brachte. Er hatte einen Brustschuß und einen Bauchschuß, sowie schwere Verletzungen im Gesicht davongetragen.
Oer Polizeibericht.
Der Polizeibericht meldet folgeirdes: Die Kölner Polizei hctt an ihrem Verdacht festgehalten, daß Heidger aus den Häusern zwischen Riehler Wall, Kaiser-Friedrichs-llfer und Oppenheim-S.raße nicht entkommen war, und hatte durch dauernde Streifen dieses Häuserdreieck
Mußte England 1914 kämpfen?
Die Bündnisverpflichtung der Entente mit Frankreich und Rußland.
London, 26. Okt. (TU.) Der Reorganisator der liberalen Partei, Sir Herbert Samuel nimmt in einem sensationellen Artikel im „Manchester Guardian" zu der Frage Stellung, ob England genötigt gewesen wäre, an Frankreichs und Rußlands Seite in den Weltk rieg einzutreten. Er macht von der bisher fast unbekannt gebliebenen Tatsache Mitteilung, daß im Jlahre 1912 zwischen englischen und französischen Staatsmännern eine Vereinbarung in der Frage stattgefunden habe, inwiefern England moralisch oder rechtlich durch die Entente gebunden sei. Im Jahre 1912 habe England eine Mittellung an Frankreich gelangen lassen, wonach keinerlei Verpflichtungen Englands bestünden, Ruh- land oder Frankreich Bündnishilfe zu leisten. Ein Teil des Kabinetts, so erzählt Samuel weiter, habe sich den Kopf darüber zerbrochen, ob England auch dann an der Sette von Frankreich zum Schutz feiner eigenen berechtigten Interessen in den Krieg eintre en müsse, wenn Deutschland es unterlasse, Belgiens Reutralität zu verletzen. Für ihn habe ein derartiges Problem niemals bestanden: denn er sei sich stets klar darüber gewesen, daß ein Krieg zwischen Frankreich und Deutschland ohne Verletzung der belgischen Reutralität undurchführbar sei. Sei aber Belgiens Reu- tralttät einmal verletzt worden, so habe für England d i e klare Verpflichtung bestanden, Bündnishilfe zu leisten.
Reue Verhaftungen in Worms.
Die „unsichtbare" Besatzung.
Darmstadt, 25.Okt. (WTB.) Durch die französische Kriminalpolizei wurden am Abend des 22. Oktober wieder drei Deutsche in Worms verhaftet, und zwar der Chauffeur Jäger, der Fuhrmann Sackreuter und der Schornsteinfeger
hamscher. Der Verhaftung liegt folgender Tatbestand zugrunde: Am 21. Dltober gegen Mitternacht standen in der Färbergasse zwei Männer in Zivil bei einer Frauensperson. Jäger, der vorbeiging, stieß zufällig einen der Zivilisten an, worauf ihm dieser in deutscher Sprache zurief: „Du frecher Bursche". Nach einem Wortwechsel kam es zwischen den beiden Zivilisten und Jäger zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf zwei Bekannte Jägers, nämlich Sackreuter und hamscher, ihm zu Hilfe eilten. Die zwei Zivilisten flüchteten darauf mit der Frauensperson Am nächsten Tage wurden die drei Genannten verhaftet. Man konnte es den beiden Zivilisten weder ansehen, daß sie Franzosen sind, noch konnte man auch an- nehmen, daß französische Offiziere um diese Zeit bei einer Frauensperson stehen würden. Die beiden haben auch nicht französisch gesprochen und sich weder als französische Offiziere noch als Angehörige der Besatzung zu erkennen gegeben. Das Vorkommnis zeigt die Gefahren, die entstehen können, wenn die Besatzung „unsicht- b a r" wird. Auch in diesem Falle sind von den deutschen Behörden sofort Schritte zur Freilassung der Verhafteten unternommen worden.
Auionomisten vor Gericht.
Straßburg, 24. Oktober. (TU.) Vor der M ü lhauser Strafkammer hatten sich zwei Elsässer, Zink und Martz, wegen Beteiligung an den Dammerkircher Kundgebungen gegen das auto= nomistenfeindliche Wahlbureau zu verantworten. Das Dammerkircher Wahlbureau hatte beim ersten Wahlgang trog starken Minderheitsergebnisses den Kandidaten Centlivre gegen den mit starker Mehrheit siegenden Autonomisten als gewählt bezeichnet. Es war bann zu Zusammenstößen zwischen den Wählern und Gendarmen gekommen. Die Gerichtsverhandlungen gegen die neiden Angeklagten Zink und Martz mußten mit Dolmetschern geführt werden, da der Richter kein Deutsch unb die Angeklagten kein Französisch verstanden. Bei der Gerichtsverhandlung kam es zu neuen heftigen Zwischenfällen, da der Rechtsanwalt Kraehling vom Gericht daran gehindert wurde, gewisse Fragen zu stellen, wogegen er Einspruch erhob. Sofort bemächtigte sich
des Publikums eine nervöse Stimmung, die sich in Kundgebungen entlud. Ein anwesender Geistlicher, der vom Gerichtspräsidenten zur Rede gestellt wurde, antwortete, daß er gegen d i e Parteilichkeit des Gerichts protestiere. Auf Zureden des Präsidenten zog Rechtsanwalt Kraehling schließlich seinen Einspruch zurück und die Angeklagten wurden wegen Revolte gegen die Polizeigewalt zu sechs Tagen Gefängnis verurteilt.
SesahnngsoMere als Seidenschmuggler.
Duisburg, 26. Okt. (Täl.) Entgegen anderslautenden Meldungen wird von zuständiger Stelle bekannt, daß voraussichtlich am 2. Rovember vor dem Duisburger Schöffengericht ein interessanter Prozeß beginnen wird, in dem u. a. Angestellte der Seidenfirma Sibille & So. aus Lyon, die in Duisburg eine Zweigniederlassung besitzt, verwickelt sind. 3n den Jahren 1926—1928 gelangten große Posten Seidenwaren unverzollt nach Duisburg. Die Untersuchung der Angelegenheit hat ergeben, daß Offiziere der Besatzung die Seide in ihren Koffern, die nicht kontrolliert werden durften, nach Deutschland brachten. Ob auch Militärflugzeuge zu diesem Zweck benutzt wurden, ist noch nicht genau bekannt. Anklage wurde bisher erhoben gegen drei Angestellte der Zweigniederlassung der Lyoner Firma in Duisburg. Ein Eisenbahuobersekretär aus Duisburg steht unter der Anklage der Mitwirkung.
Von polnischen Aufständischen mißhandelt.
Kattowitz, 25. Ott. (Privatmeld.) Der kürzlich von den Richterschächten ent'assene M i n - derheitsangehörige Oberhäuer Wiesner ist in der Rähe des Laurahütter Friedhofes durch uniformierte Aufständische überfallen und so schwer mißhandelt worden, daß seine llebersührung in das Knappschaftslazarett notwendig war, wo Wiesner noch vernehmungsunfähig liegt. Eine po i^etliche Verfolgung der Täter ist eingeleitet worden, jedoch sind diese bisher nicht ermittelt worden.


