Nr 227 Drittes Blatt(Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefseuj Mittwoch, 2b. September 1928
»erienarbtit im Gießener Stadtparlament. Die ®kr en« Stadtverordnetenversammlung beauftragte toi« bisher a'ljähr- lich. vor dem 'beginn ihrer Sommerserien eine Feriendeputatlon in der olle Fraktionen txrtTvt«n sind mit der Beschluhfaffung über die eiligsten Ange!egende ten der Ltadtv«- waltung. Ueoer die Bef«Hü k die « Deputation in den Sitzungen vom 3. und 24. August. 4 und 14. September liegt an» ein Bericht vor. dem wir folgende bedeutsamere Angaben entnehmen:
Jerlenfurfe an der Cünbetunlocrfltäl Gießen im Herbst 1928.
Der Landes-UniversitLt G esten toerden zur Durchführung der im H«bst 1928 vorgesehenen Aerienturte 1000 Mk. alt einmalige Beihilfe bewilligt
Verlegung d« Fuhrwerkswaage am JleufldMrrtoc.
E» wird beschlossen, die FuhrwerkSwaaac von der Neustadt an die nördliche Öde der Strohe „Hinter der Westanlage" nächst d« Bahnüberführung au v«legen und die ehemalige Pumpstation Hinter der Destanloge zu einem Wshn- gebäude füt den Dieger umzubauen. Der vor der vchuldrenerwohnung liegende Dorgarten ist, soweit nötig, in die Strohe einzubeziehen.
Beitritt der Stadt jur Gesellschaft der Freunde der Deutschen Hochschule für Leibesübungen.
Dem Beitritt der Stabt aut Gesellschaft der Freunde der Deutschen Hochschule für Leibe«, üdungen, Tharlottenburg. mit einem Jahres- beitrag von 50 Wk. wird zugestimmt.
Aliceschulocrcin Gießen.
Dem Aliceschulverein e. D. Giesten wird für do« Rechnungsjahr 1927 ein weiterer Zuschuß in Höhe von 3968.75 Mk. bewilligt.
Beschaffung ein« Lrsah-stkkumutotorenbotterk für do» 6lrffrljltät»w«L
Der für die Erweiterung der Akkumulatoren- battenc «forderliche Kredit in Höhe bi» zu 271 000 DU. wird bewilligt. Die Lieferung d« Mumulatorenbott«ie wird zu etwa gleichen Deilen den Firmen Gottfried Hagen in Köln-Kolk und Dilhclm Hagen in Soest L D. übertragen, jedoch nnt der Maßgabe, dost auf den Anteil brr Firma Wilhelm Hagen die gesamte Lieferung der Steinzeugkästen entfällt. Der Umbau der allen Zellen wird der Firma Gottfried Hagen zum Preik von 8,13 Ulf. für eine Zelle übertragen.
Bebauungsplan für da» Gebiet zwischen IDorfroeg, verlängerte Schub«tstraste. Mulroeg und Bergwerk.
Drr vorliegende Bebauungsplan nebst Ort«- bausotzung wird genehmigt.
Bebaming»plan für do» Gebiet zwischen Wieseck« Teg und IHarburger Strohe.
Der vorliegende Bebauungsplan nebst Orts- VausoHung wird genehmigt.
Beleuchtung der Strohe hinter den Schiehgörten.
Für die Beleuchtungsanlage in d« Strohe Hinter den vchietzgärten wird ein Kredit von 750 DU. bewilligt.
Verstärkung der Gasleitung Im Großen Steinweg Die Grd- und Rohrv«legungsarbeitcn der neu verlegten Gasleitung im Drosten Steinweg sind der Firma Übermann G. m. b. H zu den gleichen Preisen wie für die RohrverlegungSarbeiten in der Grünberger Straste übertragen worden.
Beschossung eine» Schoumiöschgeröt» für die Feuerwehr.
Für die Beschossung eines Schaumgenerator» für die Feuerwache wird ein Kredit von 2400 Wk. bewilligt mit der Mastgabe, dost im Rechnungsjahr 1928 hiervon 1000 DU. unb zu Anfang des Rechnungsjahres 1929 1400 DU. verausgabt wer- den. Die Lieferung wird der Minimal A.-G. für Süddeurschland übertragen.
Bauliche Veränderungen aus dem Vlchmarktplatz.
Die zur Durchführung d« Schutzimpfungen aus den, Diehmarktpiatz am Güterbahnhof ertorder-
SerStiimialisparis.-AuL-enragenEduardsU
Dem nächt> «scheint im Berliner Mau» rlliuS-B«lag die grrst angelegte psycholo- gisch«, geschichtlich« und politische Studie .Die Tragödie Eduards VII." von D. H. Edward». Mit Erlaubnr» des llkrloges teilen wir den Abschnitt mit, welch« den ersten osfiAiellen Besuch de» damals sechzigjäonaen englischen Königs — er war ein Jahr zuvor zur Regierung gelangt — in Pari» fchü- bert 3n den Maitagen de» Jahre» 1902 wurde der Grund zu der englisch-sranzö- fischen Freundschaft gelegt — durch diesen Besuch
Am 1. Mai, nach ein« glänzend verlaufenen Mittelme«reik. trifft der König In Pari» ein. Er wird aus dem Bahnhof von Präsident Loubet und dem gesamten französischen Stabt- nett empsangen. Der König, in ber weithin sichtbaren, in Rot und Gold säst aggressiv wirkenden englischen Feldmarschallsuntform. hält an d« Seite von Loubet seinen Einzug in Paris. Der Empsang ist eiskall bi» unfreundlich Die Staatsequipage, von ein« besonders starken Jtü- rassi«abteilung vollständig eingcrahmt, wird nur von mürrischen Gesichtern betrach- t e t. Die einzigen Zurufe, die an der König» Ohr dringen, sind. Es leben die Buren, e» lebe Marchand, es lebe Fafchoda. Mit dem Lächeln des Weltmanrres und des SpvrtS- mannes grosten Stils, ber, ohne mit d« Wimp« zu zudem sein Lieblingsps«d im Rennen geschlagen sehen kann, grüßt der König militärisch die wenigen, fast an den Fingern abzählbaren Person«, bie vielleicht mehr zu Ehren seines Aachbarn im Bürge«od als für ihn den Hut ziehen. Die uniformierten Engländer in den nachfolgenden Wagen werden bereit» mit Zischen und höhnischen Zurufen begrüßt Ohne ernste Zwischenfälle kommt der Zug vor der englischen Botschaft an. In der Umgebung des König» konstatiert man mit Besorgnis den unfreundlichen Empfang. Ein Hofcharge erllärt nach der Schilderung von Lee xum König: .Die Franzosen können uns nicht leiben." Ohne jede Bitterkeit gibt ihm der König zur Antwort: .Warum sollten sie denn auch?"
Loubet und Delcassä fahren in» Elysee. Doll« Sorgen und Aengste, wie d« Besuch weit« v«lausen würde. (LS ist noch keine Stunde ver- ?langen, da erfcb.int her König in einer cin- achen Equipage ohne Militärbegleitung und ohne besonderen Schutz Im PräsidentcnpalaiS. um Frau Loubet seine Auswartung zu machen. Während brr König diesen Besuch macht wird der Dorstand ber manschen Handelskammer tn Paris aus die Botschaft zitiert. An fetne Paris« UntCTtanen hält der König nach sein« Rückkehr aus dem Elysee, nicht für diese, fonbem für die Pariser Abendblätter bestimmt
eine von ihm improvisierte Programmred.-. Aach ein« liebenswürdigen Anspielung auf de schönen ötunben. die « bei seinen früheren Betuchen in Par.» verlebt habe, erllärt der König, er vertraue darauf, dast die Epvch? des Streite» zwischen den derben Böllern überwunden set In der D«gangei h it hätte es Mihverständnisk und Ursache zu Zerwürmisi« geben können, ab« « glaube, dast alle Meinung »verschieden beiten beseitigt und vergessen werden würden. Er vertraue darauf, dost -nd^cha't unb
die Bewunderung, die ganz England für Frankreich und dessen glorrc-.che Tradition empfinde, sich in nächst« Zukunft in ein Gefühl der wärmsten Freundschaft und Anhänglichleit zwischen den beiden Böllern verwandeln werde. Dieses Ziel zu erreichen, sei sein unabänd«llcher Wursich.
Wie würde d« Boulevard, unter dem Einslust der Rechtspresse stehend, daraus reagieren? Für den ersten Abend feines Aufenthalts hatte d« König um Veranstaltung ein« ® a I a D o r - Teilung In dem Tht»tre francaise gebeten. D« König, diesmal ul» Mann von Welt im Frad, sitzt in d« sorgfältig bewachten Präsidentenloge. Da» vornehme Publikum, zu drei Di«tel Angehörige lener nationalistischen Kreise, die von ein« engllsch-franAbsischen Bct- ständigung nichts willen wollen, Halle bei d« Ankunft des König» und des Präsidenlenpaares GrabeSschweigen bewahrt. In brr grosten Pause ist d« König plötzlich auS der .ogc verschwunden. In d« Umgebung des Präsidenten nahm man an. ber alte Herr habe sich zurüdziehen trotten. D« König bleibt fort Endlich erfahren die französischen Amt» per so-,en, dast d« König im grosten Foyer ausgctaucht ist. alle Bekannte begrüßt Hal unb inmitten deS Zirkel» ein« französischen Schauspielerin ver- sich«t habe, .sie verkörpere für ihn den ganzen Geist und den ganzen Esprit Frankreichs."
Am nächsten Vormittag grobe Parade in Dincennes. D« König nnist auf dem Wege von der englischen Botschaft dorthin durch die ärmeren Biertel von Pari» fahren und «hält von der friedlich gesinnten, politisch links stehenden Devöllerung dies« Dtertel seine erste fierzliche Ovation. RachmitlagS wagte er ich noch einmal in die Hochburg seiner Feinte. Er ist Ehrengast de» nationalistischen 3 o de i - klubs bei einem Reimen in Longcharnps. Abends unterstreicht d« König bei dem Gala- diner^Englands Wunsch, Frankreichs Freundschaft Sgctoinncn. AlS Präsident Loubet ihn am 4.
at wiederum in feierlichem Aufzuge abhvlt, am ihn zum Invalidenbahnhof zu begleiten, find die Straßen zum Bahnhof von einer bi s zur Raserei begeisterten Volksmenge dicht besetzt, unb als Abschiedsamß klingt Eduard ber Zuruf des republikanischen Paris entgegen: .Es lebe unser König!"
lichen baulichen Veränderungen w«ben genehmigt und der hierzu erforderliche Kredit Im Betrage von 7000 Mk. bewilligt
Herstellung b« (Bteleantagc der Straßenbahn.
Die Beschaffung von 105 000 ManSfeld« Schladenpslastersteinen zur Glei-einfaffung in b« Mäusburg. auf bem Kreuz platz, in b« Reuen Bäue, sowie In d« Bahnhof- und Walltor- straste von b« Firma ManSfeld In Eisleben wird genehmigt. D« bt«für erford«liche Kredit in Höhe von 27 300 Mk. wirb bewilligt.
Errichtung ein« lvarkehalle mit IransformatorenflaHon usw. an ber Volkshalle
Für die S«ichtung von Abortanlagen in Verbindung mit der von dem städtilchen Elektrizitätswerk prvjekti«ten TranSfvrmatorenstation nebst Kafkraum unb Wartehalle an ber Dollshalle wird ein Betrag von 11300 Mk. bewilligt.
Geschwindigkeitsbeschränkung für Kraftfahrzeuge.
Don dem ablehnenden Schreiben deS Polizeiamts vom 16.3uni 1928 wird Kenntnis gegeben. Stadtverordneter Dr. Krausmüller regt an, an geeigneten Stellen der Durchgangs
strasten Schilder mit d« Auffchriff „20 Kilometer" anzubringen.
Errichtung einer Transsormalarenskakion o«bunben mit ein« Wartehalle der Straßenbahn.
Für die E«ichtung ein« Transformatoren- Ration, verbunden mit einer Wartchalle der Straßen bahn für die Endstation Dollshalle, einem Kasferaum und einem D«kaufsraum für Milch, Selterswafs« und d«gleichen wirb ein Kredit von 11 700 Mk. zu Lasten Im Voranschlag des Elektrizitätswerks und d« Strahenbahn vorgesehen« Mittel bewilligt.
Beschaffung einer Gielchrichteranlage.
Die grundsätzliche Zustimmung zur Beschaffung ein« Dlelchrichteranlage und Inanspruchnahme eines Betrages bis zu 30 000 Mk. hierfür wird erteilt. Die Detriebsbeputotlon wird ermächtigt, die Arbeiten und Lieferungen zu vergeben.
Die Irlepbonanfagc
im Derroalhingsgebäube de» Elektrizital»werke».
?ür die ilmä b-rung b« Telephon an läge be» tichen GlektritzitätLWerkes wirb ein Betrag von 8050 Mt. ju. Verfügung gestellt. Die Be
triebsdeputation wird zur Vergebung der Ao- beiten und Lieferungen ermächtigt.
Beschaffung
ein« Caullprrdjrranlagr für die Polf»baUe.
Der 2'e chaffung einer Laulsprecheran.aae für tne DolkShalle durch da» Elektrizitätswerk wird grundfätz ch zugcsttmmt unb hler'ür ein Krebst von 15COO Wk. zur Tterlügung gestellt. D.e Bo- tricbSbeputanon wird zur D«gedung der Liek- rung ermächtigt
Au» ber Sesflschtn 6dnflerbun6btmeauna
H. S. Zur Vorbereitung de» 2. Hessischen Sängerbünde »feste» da» in den Tagen vom 12 bis 15. Juli 1929 in Darmstadt hatte findet, wirb am kommenden Samstag, 2t. Sept, in Darmstadt b.*r Mustkausschuß zu'am- mentreten. um die Bundesmaf enchöre 'estzu- legen, die während der ganzen Veranstaltungen zum Bortraa gebracht w«ben folten
Eine große BundeSvorstandssitzung des Hessischen Sängerbünde» findet am 27. Oktober tn Wetzlar statt, die sich mit dem am 25 Oktober in Giesten starrsindenden Bundessängertag beschä tteen w.rd. An dem Bund.SsänaeNag w«den sich die Iknre'.« sämtlicher angeschlof en« Bundesvercin« beteiligen. Die BundesvorstandSsitzung wird da> vollständige Programm für da» Längervundes'est 1929 ausarbeiten und dem Säng. unterbreiten. Auf dem Bundessängerlag wirb auch die Ehrung von 21 Dirigenten für 25jährige Tätigkeit sErnennung zu Ehrenchvrmeist«n be» Hessischen Sängerbundes 1 unb 41 Vorstandsmitgliedern von Bundesverkinen, die 25 Jahre für ihren Verein Im Vorstand aktiv tätig waren Letztere «halten das Abzeichen für Verdienste. Die Anmeldung für Au>
10. September geschlo kn. Weitere Anme.d.in^en für dieses Jahr sind demzufolge ztvedloZ
Für 40jährige aktive Sangestätigkeit wurden vom Hes sichen Sängerbund mit der Ehrenurkunde auSgezeiinct G.B. vicber- kranz Büdingen: Johann Knaf VII. unb Vba. Weitzel: G.-V. Lied« franz Erseiben: 6 helft. Glock. G.-B. Germania Glattbach: Ioh Ad. Lahm. Rud. Schud, Gg. Morhard: M.-G.-D. Dieder-Olm: Adam Seeger. Hch. Fr sich. 3a f. Karl Sieben. Peter Jaust IV.; G.-V. Clrb«täfel Weilenau: Dlkvl. Pertch^n; G.-B .Froh Inn. Darmstadt: Dilh. Wi.'m«; G.-D. Lieberkranz Dcltershain: Hch. Kaufmann VI.; G^B. Sän- Srlranz Bcerfeiden: Adam Lang. G.-V. Vk-bcr» m) Stockheim: Wisst. Grill. Jak. K-edel, Wilst. Heim; G.-V. Liederkranz Bensheim Kari Völkers G.-V. Liet<rzweig Darmstadt: Adam Ehrist, G.-D. Dembach-Hahn Ioh. Phil- Lantelmc. G.-V. Harmonie Goldbach: Horm Fuchs: G.-V. Lted«Iust Ob«-Seemen Kaspar 'Heppel VI.; G -D. LicderkranA Kesselbach Hch Schnell I.; G.-V. Eintracht Rohrbach Karl Bert II.. Gg Bayer; M.-G.-V. Ucb«ou: Levich Schönbera« unb Phll. Waldbau». Hilarta ; Andre sch« Männerchor Offenbach. P«t« Brehm. 3ul Oerst«
Aus dem Amtsverkündigungsblaii.
• 7)a»2Init»D<rfünbiflunfl»bloit 9»r M vom 21. September enthalt: Verordnung über Zulassung eine» volk»bcaehrens. — Straßensperre. — Personenstand»- und Betrieb»ausnahme — Schließung ber Maler- unb Weißbinder ZwangKMnung für den Kreis Gießen. — Die Zeiffchrift: „Die alte Heimat". — Festsetzung ber Mieten für Lehrer- dienstwohnungen.
Srieffaflen ber Hebaftion.
(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schristleitung)
W. B. in SL Die Realment»aeschichte 3. ’.R. 16H ist zum Preis von 3,50 All. erschtencn als Rr. 110 d« Erinnerunosblätt« deutsch« RogimeTtt«, und ist aufkr durch alle Buchhank'.ungen zu bezirhen durch Deutsches He«ctz-Archiv (Major a. D Deist- Darmstadt. Eme Fortsetzung d« B.lb«reibe tkr 25. R. D. ist rncht mehr crschterren. Sehr viele bort nicht veröffentlichte Bilder, namentlich des R. I. 168 unb ber 25. R. D , wirb da» zu Weihnachten erscheinende Buch: .Die Hessen fan Weltkrieg" von Major a. D Deist enthalten.
Seid fällt vom Himmel.
Roman von Paul Sn sterling.
Copyright by Carl Dunder, Verlag. Berlin.
1. Fortsetzung Nachdruck verboten
„vriorata, nicht wahr? Wk gewöhnlich?" Ein älliicher Kellner mit fahlem, übernächtigem Gesicht schob ein schmale», hohe» (Blaß vor ihn, und er trank den schwarzen, tintigen Wein in tiefen Zügen. Er trank ihn wie Wasser.
Langsam klärte sich das Blld. Er unterschied die einzelnen Thpen des recht gemischten Publikums. Leute in guten Anzügen, daneben Handwerker mit offenem hembkragen, mit schwieligen, breitgearbei* trten Händen. Heitere Frauen, bie mit stillem Behagen einen honiggelben Dein schlürften, der ölige Spuren an den Glaswänden hinterließ. Junge Kavaliere mit ihren Mädchen, die mit schüchtern- frechem Blick um sich sahen. Dazwischen die Kellner, auf runden Tabletten ganze Tiaserbattenen^ balancierend. Cs roch nach Tabak, Alkohol, Schweiß und Zwiebeln.
Sein Rachbar zur Linken war ein gutmütiger Spießer, der selig verträumt nach den fpielenden Damen schaute unb die Melodie vernehmlich mit- brummte. Der Nachbar zur Rechten war ein sorgsam gekleideter Herr in den Dreißigern, glattrasiert und höflich. Er nahm Grottecks hingehal- lenen Hut ab und brachte ihn an einen überfüllten Kleiderständer unter.
-Den Mantel auch, he« Nachbar?"
Grotteck erschrak, und er brachte nur ein kurze» JDante* hervor.
Der andere schien nicht abgeschrcdt. ..Bißchen voll heute. Ja, das Alcazar ist eine Goldgrube. Ader, wenn man sich einridjtct, geht es jchon."
Grotteck mißfiel d« ein wenig stechende Blick dieses Herrn. Leichtes llnbehagen übeniefelie ihn, unb er verdeckte es durch seine hochmütigste Miene.
Die Musik schrillte noch einmal auf unb schwieg plötzlich. Donnernder Beifall brandete auf. Die jungen Kavaliere erklärten ihren Tarnen die gewagten Pointen des Liedes. Die Alten schmunzelten
breit Aus einer rauhen Kehle kam ein bewundernde» „Sakrament nochmal!"
Die Klavierspielerin, ein schlankes, brünette» Mädchen, erhob sich und verließ mit einem Teller da» Podium.
„Nun folgt die Serappunaeark', sagte der Nachbar. ,.Nau» mit den Groschen, sonst wirst du verdroschen." Er fingerte in der Westentasche.
Grotteck beobachtete da» Mädchen, da» an jeden Tisch trat, um in bem Teller die freiwilligen Gaben All sammeln. Jedem Klirren der Geldstücke folgte ihr kühle» Lächeln und ein kleines, beinahe hoch- mütlgcs Äopfnkfen. Sie war hier neu, und Grat- ted stellte fest, bah sie die hübscheste war. Ihre Haltung inmitten dieser angeregten und nicht aus gute Manieren bedachten Gesellschaft war sicher und eigcmlid) tadellos. Mit gewandter Selbftoerftnnb- lichkeit verstand sie, sich einigen Vertraulichkeiten und Handgreiflichkeiten zu entziehen. Sie versteht, Abstand zu halten — dachte er —, eine große Kunst und eine wichtige für jede Lebenslage, auch für da» Alcazar.
Nun stand sie an feinem Tisch und reichte den Teller hin, auf dem mehrere Zehn- und Fünfpfennigstücke eine Mark umrahmten, die zur Aufmunterung hineingetan war.
Als er in ihre müden braunen Augen sah, empfand er e» demütigend, daß gerade dies Mädchcn hier die angetrunkenen Männer anbetteln mußte. In einer Anwandlung rittettichen Gefühls legte «, ohne aufzusehen, einen Fünfmarkschein auf die Münzen.
Das Mädchen erschrak sichtlich. .Haben Sie es nicht kleiner? Ich kann nidjt rausgeben.“
..Das sollen Sie auch nicht“, sagte Grotteck vergnügt. ^Nehmen Sie an. daß ich bie Kunst zu ehren verstehe oder daß sie gerade mein Lieblings- stück gespielt haben.“
Sie schüttelte ungläubig den Kops, zögerte mit einem hil'losen Blick zu seinem Nachbar herüber und ging dann endsich, ohne in der Verwirrung zu danken. Er merkte, daß sie beim Wettergehen verwundert noch chm zurückblickte.
„Sie geben zuviel“, sagte ber Nachbar „Sie verderben die Preise.“
Grotteck schwieg und leerte fein Glas.
„Aber natürlich — wenn Sie es dazu haben! Der lang hat, läßt lang hängen.“
Zu jeder andern Zeit wäre Grotteck jetzt aufgestanden, um achselzuckend den Tisch zu verlassen. Aber er fühlte sich jetzt nicht sicher genug dazu. Vielleicht irritierte ihn auch nur der lauernde Blick de» aufdringlichen Menschen. Seine Hand tastete unsicher auf den aufgebauschten Manteltaschen. Das Geld! — empfand er mit Unbehagen. Es war eine Narrhell ohnegleichen gewesen, unmittelbar nach der wilden Szene draußen, gerade hier mit Geld zu protzen.
„Ich habe gerade Geburtstag“, sagte er stockend über ber gedankenlosen Ausrede. Er stand unter bem Zwang, die auffallende Ausgabe irgendwie zu erklären.
„Aha, darum und deswegen? Darf ich mir erlauben, zu gratulieren?“
„Sehr liebenswürdig.“
„So bin ich, am ganzen Körper, haha. Wollen Sie nicht übnaens doch Ihren Mantel oblegen? E» ist hier reichlich warm.“
Grotteck. dem ber Schweiß nieder;urinnen begann, brachte nur mit Anstrengung die Behauptung heraus, daß er erkältet sei. Was wollte dieser Mensch von ihm?
Er blickte nach der Tür, aber er wagte nicht auf- zustehen und ließ sich ein neues Glas oorletzen. Nein, jetzt konnte er nicht auf die Straße treten, wo man vielleicht schon auj ihn lauerte. Hier in dem krausen Menschengewühl war eine oewiste Sicherheit Und er empfand beschämt, daß er nicht sagen konnte, wovor er Sicherheit suchte.
Er leerte das neue Glas in einem Zug zur Hälfte. Die Kehle war ausgedörrt, bie Zunge war ein trockener Lappen.
„(Ein schöner Zug von Ihnen“, witzette der Nachbar.
Grotteck lachte ein heiseres Lachen, und « wandte sich bem andern zu. „Berkehren Sie hier täglich?“ »ragte er, um nur etwas zu sagen und diesen Kerl von feiner Person abjulerfen.
..So ziemlich Mein Beruf zwinat mich dazu, an solchen Punkten ein bißchen Um|chau zu halten. Eine nette Menagerie hier, wie?“
,^hr Beruf? Da» für einen Beruf haben Su bam, wen, na jr&ixn berff“
„Man darf, o bitte. Aber raten Sie mal! Denn Sie es rauskriegen, zahle ich bk nächste Lage.“
Grotteck riet auf Bankbeamter ober Reisender. .Ihre Hände sehen nicht nach körperlicher Arbeit aus.“
„Unb boch, mein Herr Unb boch — Bisweilen bin ich zur Handarbeit genötigt, zur Brachtalgewatt. verstehen Sie?“
„Nicht ganz. Nach einem Hausknecht sehen Sie ja auch nicht au».“
Der andere lachte triumphierend. „Sie raten es nicht.“
ite Klavierspielerin hatte ihren Nundgang be- endet, unb bas Snmmelgdb wurde oben verteilt. Grotteck sah deuttich den grünlichen Schein von Hanb zu achen, und er bemerkte die Blicke der Rapelle für kurze Zeit auf sich gerichtet. Ich habe so ziemlich das Dümmste getan, was in meiner Situation möglich war, dachte er erbittert.
Eine schmalzige, sentimentale Melodie kroch schleimig durch den Kaum. Da» Publikum unter- brach die Unterhaltung und lauschte gespannt. Grotteck stellte mit Genugtuung fest, daß ber Geig« jeden Strich verpatzte, und daß die Klavierspielerin richtig fpielie, nur daß sie reichlich dick auftrug.
Aus dem Podium stand plötzlich vorne eine üppige, stark geschminkte Dame und fang. Ihre bemalten Augendeckel klappten im Rhythmus des seriösen Liedes auf und zu.
„Schön fft die 3u—u—genb, sie kehrt nicht mehr..."
Ja — dachte Grotteck —. du kannst freilich kla- | gen und heulen. Aber ich bin jung. Ich bin jung, I und bas ist schön, wie es irpenbmo heißt. Unb ich ! habe bie Taschen voll Geld —
Al» er soweit war. fuhr er zusammen. Hatte « I dies nicht alles laut gesagt? xyattt er zuviel ge- i trunken' Er blickte zu seinem Nachbar hinübe». I Ab« ber saß begeistert wie alle andern und nickte eben beifällig der Sängerin zu.
Er bestellte das dritte Glas und kühlte ärgerlich, daß feine Stimme filterte. Neue Gäste waren ae> kommen, die in dem Gang zwischen den Tischen stehenblieben und auf bie Quevedo zuichoß, wie die Spinne auf ihr Opfer: „Es ist noch Platz rcichsich Platz, Nur einen Augenblick, bitte schön"
(Fortsetzung folgt.)


