Ausgabe 
26.7.1928
 
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Nr. IN Srfter Blaff

178. Jahrgang

Donnerstag, 26. Juli 1928

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L»schrift für Drahtnach- rieten: Anzeiger tiefte«. Potfdfe iflonfo.

Kran Nun am Mai, 11BM.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Chefredakteur

Dr. Friede Wild. Lange. BerantwonNch für Poliitti Dr. Fr. Wild Lange- für Feuilleton Dr H.Tdyriot. für den übrigen Teil Ernst Diumschein: für den An« zeigenteil flurt ßiDmann. sämtlich in Drehen

Theologie, Golf und Politik.

$um achtzigsten »eburtStag bei Earl of Valfour.

Corb Balfour, der am Mittwoch feinen 8 0. (Beburtelag feierte, nahm am vor­mittag an einem In Downing Street abge- hattenen Aablnefferat teil. Da» Glück­wunschtelegramm de» König, nennt Balfoureinen alten J r e u n b und treuen nnb geschätzten Ratgeber dreier Souveräne". Am Nachmittag wurde Corb Balfour al» Geschenk seiner Jreunbe von beiden Häusern be» Parlament» ein Kraftwagen übergeben.

Qlu» uraltem AdelSgcschlecht stammt der Mann, btt den größten Teil seines Lebens alS ein­facher Mr. Arthur FameS Balfour die höchsten Remter Im Britischen Weltreich ein­nahm und crft spät zum Lord erhoben wurde. 3ur Seiet seines achtzigsten Geburtstage- hat man nun ein Seflbanfett veranstaltet, auf dem der Prinz of Wales einen Toast auf die Ge­sundheit des greifen Staatsmannes auS ge­bracht hat. und die Mitglieder der Regierung sind mit dem gesamten diplomatischen EorpS zu der Feierlichkeit erschienen. DaS Parlament hat eine Sammlung veranstaltet, auS der dem Poli­tiker, der ihm seit einem halben Jahrhundert angehört hat. ein herrliches Luxusautomvbil ge­kauft worden ist, und daS gesamte öffentliche Leben deS FnselreichS nimmt teil an der Ge­burtstagsfeier Denn LordBalfour ist fein ge­wöhnlicher Staatsmann, sondern ein gebore­ner Politiker, dessen Lebensgeschichte die Geschichte des britischen Volle- in den letzten fünfzig Fahren ist.

.Wer den Papst zum Vetter hat. kann Kardi­nal werden", sagt cm Lpricharnri Arthur 3a- «nes Balfour, der am 25. Juli 1848 geboren wurde, war vorsichtig in der Wahl seiner (Altern gewesen, seine Mutter war Lady Vlanche GaS- cohne Eecil, die Schwester deS berühmten Lord Salisbury, und wer in England aus diesem Geschlecht flammt, braucht sich über seine Zukunft keine Sorgen zu machen. Die ersten Earls vs Salisbury werden schon im 3afcre 1149 erwähnt: das Adelsgeschlecht erlosch bann später, aber die Erben von Lord Burley übernahmen im Jahre 1605 den Namen, den seitdem viele berühmte Männer getragen haben. Auch Lord SaliSburyS eigene Söyne sind bekannte Staatsmänner gewor­den, sein dritter Sohn, der im Jahre 1864 ge­borene Lord Robert Eecil, ist der be­kannte englische Völkerbundminister, der vor eini­ger Zeit zurückgetreten ist. und dessen jüngerer Bruder, der im Fahre 1869 geborene Lord Richard Heathcote Eecil. ist ebenfalls em bekannter Politiker. ES wat also selbstver­ständlich. bah der junge Balfour, nachdem er in Ewn erzogen worden war und in Cambridge die ilnioerfität besucht hatte, in die Diplomatie ein­trat. Schon im Alter von sechsundzwanzig Fah­ren konnte der junge Mann, der vorläufig von niemand ernst genommen wurde, dank feinen Beziehungen a l s Abgeordneter insn - terhauS einziehen, und vier Fahre daraus machte ihn fein Onkel Salisbury, damals briti­scher Qhibenminifter. zu feinem Privatsekre- 1 ä r. 3n dieser Eigenschaft begleitete er den groben Staatsmann im Fahre 1878 zum Ber­liner Ä ongrefi. und bei dieser Gelegenheit wurde die Welt zum erstenmal auf ihn auf­merksam.

Aber Arthur Balfour, dessen Laufbahn so verheiftungsvoll begann, war es noch keineswegs klar, ob er in der Diplomatie ausharren solle. Er verfaßte im Fahre 1879 eine halb theologische, halb philosophische Schrist und ist auch später fernen kritischen theologischen Studien, soweit es seine Feit erlaubte, treu geblieben. Fm Fahre 1895. also in einer Zeit, in brr er schon eine wichtige "Rolle spielte, erschien sein Buch' »Die Grundlagen des Glaubens. Eine Einführung in das Studium bet Theologie Erst fünf Fabre sind vergangen, leit eine andere Schrift, die ebenfalls auf vhllofopdisch-tbeologrfchem Gebiet liegt. Lord Balfour als Wissenschaftler gezeigt hat. ^GotteSglauben und Denken" heißt diese Studie, die das Thema in Form von Fa- miltenbriefen behandelt. Cs ist sehr zweifelhaft, ob Balfour wirklich ernsthaftes Fnteresse für theologische Fragen gehabt hat. Vor fünfzig Fahren glaubte man in England, daß der zarte Fünglmg. der stets kränklich war und den un­angenehmen Londoner Winter nicht vertragen formte überhaupt für keine ernsthafte Arbeit zu gebrauchen fei Damals bildete er im Un­terhaus die .Four th Party", zu der auch LordEhurchill. Sir Henry Drummond-Dolfs und Sir Fphn Gorst gehörten. Die Vorstöße. die Valfour damals auf politischem Gebiet unter­nahm. wurden von den Routiniers nur be­lächelt: man nannte ihn einen Dilettanten, dem an ÄorDertraft und Charakterstärke fehle. Aristokratischer Hochmut. Lebemannsfitten und kne Sucht nach theoretischen Diskussionen raubten Sympathien.

ilbcr Corb Salisbury hielt etwas von seinem Reffen. Er machte ihn im Fahre 1886 zum 6e Ire t ä r für Schottland und verschaffte ihm fo e.ncn ruhigen Posten, der nur dadurch Bedeutung erhielt, daß Balfour nun einen 5 i h i m Kabinett halte. Fnzwischen war der junge Mann durch familiäres llnglück etwas ernster geworden, war doch im Fahre 1882 fein Bruder Vyranctf Maitland Balfour, der kurz vorher eine Professur für Morphologie erhalten hatte, im .JIter von einunddreihig Fahren bei der Bestei-

Französische Kriegsgerichte am Rhein.

Nachdem in jüngster Zeit der britische Außen- Minister einige unverbindliche Worte zum Thenia ,"Rheinlandraumung" gesagt bat, sehen etliche unverbesserliche Toren bereits alle Hindernisse beseitigt ihnen erscheint die zweite und dritte DesahungSzone schon so gut wie befreit. Wer nicht allzu heftige Enttäuschungen erleben will, tut gut daran, sich an bie F r a n z v s e n herr­sch a s t am Rhein zu erinnern, die gerade in den letzten Wochen unverfälscht durch eine Reihe von Gewalttaten zum Ausdruck gekommen ist. Französische Kriegsgerichte tagen am Rhein, immer wieder hört man von Urteilen, wie sie sonst nur in Kolonialländern bekannt geworden sind. Austerordentlich harte Freiheits­strafen werden verhängt und Geldbuhen auf­erlegt. die zur »Tat' in keinem Verhältnis stehen. Frankreich arbeitet heute noch am Rhein mit einem Gewaltsystem. w ie ehedem, wenn eS gilt, feinen Machtwillen zu demon­strieren. Fremde Kriegsgerichte auf deutschem Boden liefern alltäglich den Beweis, dah un­sere Landsleute am Rhein unter ein Kolonial- fystem gestellt worden sind, wie es europäischen Völkern bisher nicht zugemutet werden konnte.

Daß sich Vorfälle ereignen, wie her des fran­zösischen Unterleutnants Picardet, der in angetrunkenem Zustande auf dem Bahnhof Mar- milianSau mit einem Pfälzer in Streit geriet, dabei mit einer Reitpeitsche auf den Deutschen eindrang und nur mit Mühe von fünf anderen Deutschen von seinem Opfer getrennt wurde, ist bedauerlich, aber noch nicht das eigentlich Furcht­bare. 3ede Armee enthält Elemente, die ähn­lich geartet sind: in Deutschland hat man sich immer bemüht, derartige Rotobtinaturen beizei­ten unschädlich zu machen. Dast sich aber ein Gericht findet. daS nunmehr gegen bieDeut- fchen Anklage erhebt, bah Richter sich finden, bie trotz des klaren TatbestanbeS zu ihrer Verurteilung kommen, obwohl sie tn Rot- toehr gehandelt haben, ist unglaublich und wirft ein seltsames, aber bezeichnendes Licht auf bie französische Rechtspflege. 3n der ganzen Welt gilt erwiesene Rotwehr alS freisprechendes Mo­ment bei ben Gerichten, Beihilfe bazu wird nicht anders gewertet. Französische Kriegsgerichte je­doch verhängen schwere Strafen über die betroffenen Deutschen, machen aus Recht Unrecht, um beweisen zu können, dast Frankreich die Macht am Rhein besitzt. Der Täter ein Fran­zose geht frei aus, seine Opfer wehrlose Deutsche werden unter Anklage gestellt So mag man in ben französischen Kolonien mit ben Eingeborenen umspringen, deutlich spürt man aus derartigem Vorgehen der Franzosen die Wert­schätzung. der wir uns bei ihnen erfreuen.

Dir im Reiche können Frankreich nicht daran hindern, seine Anschauungen über Rechtspflege vor aller Dell lächerlich zu machen. Wir müssen unS aber unter allen Umständen dagegen wehren, dah es seine Kolonialmethoden gegen Deutsche auf deutschem Boden antoenbet Selbst wenn die Franzosen sich dazu entschliehen sollten, die zweite Zone am Rhein freizugeben, sollte diese als grobe Geste vor der Well ausschließlich gedachte Maßnahme unS nicht im Kampfe gegen die "Besatzung ruhen lassen. 'Diese Zone ist mili­tärisch bedeutungslos im Gegensatz zur dritten, der Pfalz und Rheinhcs en mit den Brückenköpfen Maiirz und Kehl, aus der ein Einfallstor nach Deutschland gemacht worden ist. 65 000 Gewehre bleiben auch dann noch am deutschen Rhein

und unterstreichen jedes Urteil -er Kriegs­gerichte. Eie recht bald zu beseitigen, wird Die vornehmste Ausgabe deutscher Austenpolitik fein. Frankreich verlangt Auslieferung von vier Deutschen.

Ein unerhörtes Verlangen auf Gründ des Nheinlandabkommens.

Landau. 25.3uli. (TU.) Auf Grund de» Ar­tikels 4 des Rheinlandabkommen» und der Ordon­nanz 2 hat die französische Befahungsbehörde an die deutsche Regierung das verlangen gestellt, die am 11. Juli 1928 vom französischen Kriegsgericht in Landau unter der Anschuldigung, die französische Zahne von dem Osfizierkasino in Zweibrücken herabgerissen zu haben, in Abwesenheit zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilten drei deutschen Staatsangehörigen Bäcker weist und die Arbeiter Schimmel und Lutz auszuiicfern. Die drei Angeschuldigten hatten sich der ihnen dro­henden Verhaftung dadurch entzogen, dah sie sich aus unbesetztes Gebiet begaben, weiterhin ist von der französischen Besahungsbehörde die Ansliescrung des vom französischen Kriegsgericht In Landau am 16. Juli ebenfalls im Abwesenheits­verfahren wegen des sogen, waximiliansauer Zwischenfalls am 3. Juni unter der Anklage der Gewalttätigkeit gegenüber einem sranzösischen Ossi- zier zu zwei Jahren Gefängnis und 200 Franken Geldstrafe verurteilten Arbeiters Merz aus Heu- pfotz verlangt worden.

Nach Artikel 4 des lkheinlandabkomniens hoben die deutschen Behörden auf ©erlangen eine» hierzu ermächtigten Offiziers der Befatzungvtruppen jede Person, die eines Verbrechens ober Vergehens gegen Angehörige oder das Eigentum der bewaffneten Streitkräfte der Alliierten angeklagt und der Gerichtsbarkeit der alliierten Truppen unterstellt ist, zu verhaften und dem nächsten Befehlshaber der alliierten Armeen zu übergeben. Gegen diese Bestimmung hat die deutsche Abordnung schon nach Abschlust des Rheinlandabkommens bei den Alliierten Ein­wendungen erhoben, die aber von ben De- satzungsbehorben abgelebt würben. Somit muffen also noch der Auslegung be» Rheinland- abkommens die vier angeschuldigten Deutschen, deren Aburteilung in Abwesenheit erfolgte, aus- geliefert werden. Ihre Verurteilung erfolgte ohne genügende Beweismittel. Schimmel, Lutz und Weist bestreiten nach wie vor jede Schuld. Es wäre von katastrophaler Wirkung für die Bevölke­rung des besetzten Gebiete--, wenn dem Ausliefe­rungsverlangen der französischen Besatzungsbehör- ben ftattgegeben würbe. An mostgebenber deut- scher Stelle ist von einem berartigen französischen Ansinnen noch nichts bekannt.

Ein französisches Denkmal auf deutschem Boden.

Sin neuer Affront durch die Besatzung^« organc

Koblenz. 25. JuIL (WIB.) Die französische Besatzung nahm ihren diesjährigen Nationalfeier­

tag zum Anlatz. um ein in der Höhe von Koblenz im Jahre 1797 errichtete» Denkmal de» französischen General» Hoche zu einem S I eg e » d en k rn a I der sranzösischen Armee auszugestalten. Da» Denkmal sollte Im Jahre 1800 mit Relief», die Sicge»taten der fran­zösischen Armee darstellend, versehen werden. Da» unterblieb jedoch damal», weil polltlsche Vor­gänge in Frankreich die Anbringung in Vergessen­heit geraten Hetzen. Am 14. Juli d. J. wurden von der Besatzung von den in Pari» In einem Museum befindlichen, für do» Hoche-Denkmal bestimmten Marmorplatten schwere Bronzeabgusse her- gestellt und Im zehnten Jahre der Be­setzung deutschen Boden» am Sockel de» Denkmal» unter festlichem Gepränge und Teil­nahme des Oberkommlssar» der Rhelnlandkom- misston Ilrarb, angebracht. Ein wahrhaft seltsamer Beweis französischen Berftänbigung»- willen» im Augenblick, wo man ben Besuch be» deutschen Autzenminister» in der sranzösischen Hauptstadt zur Unterzeichnung des Kriegsächtungs- poktcs wünscht.

Die englische Meinlandbesahung

Chamberlain im Unterhaud.

London, 25. Full. (WTB.) 3n Beantwor­tung einer Frage deS Arbeiterführers Wod - gewood erklärte Eharnberloin im Un­terhaus : Die gesamten Fahreskoften des briti­schen Besoyungsheeres in Deutschland betrogen 1 299 700 Pfund Sterling und der Betrag, den England zur Begleichung dieser Kosten aus der Dawes-Annuität erhält, beläuft sich auf 950 000 Pfund Sterling. Wenn die britischen Truppen zurückgezogen toürben, fo werde England diese 950 000 Pfund Sterling nicht toetter erhalten Hierauf ersuchte Wodgewood den Staatssekretär deS Aeuheren, festzustellen, was England in bar profilieren würde. fallS es seine Truppen zurückziehe. Ehamberlain er­widerte: Wenn man von der Annahme ousgeht, dast die durch eine Zurückziehung der britischen Truppen verursachte Verminderung der von Deutschland zu zahlenden Besatzungstosten nicht von anderer Seite durch eine dement­sprechende Verstärkung deS BesotzungsheereS ausgeglichen würde, fo könnte England 2 2 Prozent deS Betrages, den eS zurzeit an BefatzungSkosten erhält, für Repara- ttonSrechnung beanspruchen. Es ist je­doch keineswegs sicher, und eS ist viel­leicht sogar unwahrscheinlich, dost die Truppen, die England ohne Vereinbarung zurückziehen würde, nicht durch Truppen einer an­deren Macht erseht würden. Fn diesem Falle würde England durch die Zurückziehung seiner Truppen nichts profitieren.

Tschuchnowskis Filmaufnahmen zeigen 3 Personen

Berlin. 26. Juli. (WTB. Junffprud).) Die Dai" meldet au» Moskau, der russische Jllcgrr Tschuchnowski stellte fest, bah aus ber Filmauf­nahme bei ber Sichtung ber THalmgrcengruppe brel Personen ; u erkennen flnb. Da» Schicksal bes schwedischen Gelehrten wirb somit immer mysteriöser.

gung des Montblanc abgestürzt und umS Leben gekommen. Lord Salisbury glaubte, der öffent­lichen Meinung trotzend, seinen Reffen zum Staatssekretär für Frland ernennen zu können. Die irischen Rationaiften. die sich auf einen strengen Gouverneur gefotzt gemacht hotten, lochten, und die grohen Londoner Zeitungen er­hoben Protest; denn Frland war schon damals eine wunde Stelle im britischen Empire Bald aber verstummte daS Lachen, und die 3ren. die eine sehr energische Hand zu spüren bekamen, nannten ihren Staatssekretär nur noch .den Bluthund", während die konservative Partei zu der lleberzeugung gelangte, datz Salisburys Resse ein grober Staatsmann und ein großer Redner sei. Der Mann, der vorher wegen seiner allzu akademischen Reden verschrien war. entwickelte sich zu einem_ poli­tischen Praktiker ersten Ranges, der im höchsten Matze den Vorzug aller großen englischen Staatsmänner befaß, nicht auf Theorien zu be­harren, sondern der lebendigen Entwicklung nach­zugeben.

Rach dieser Probe standen Arthur Balfour alle Remter offen. 1891 wurde er Schatzlord undleader des Unterhauses; 1898 vertritt er dann seinen Onkel gelegentlich im Ministerium des Aeuheren, führte Verhandlungen mit Ruß­land wegen der Eisenbahnen in Rordchina und beschäftigte sich mit der Durenfrage in Süd­afrika. Als Lord Salisbury dann am 11.3uli 1902 zurücktrat, wurde Balfour Minister­präsident. 3n die erste Zeit seiner Amts­tätigkeit fiel die Krönung König Eduards VII., er hatte den Transvaa'.krieg zu beenden, wurde wegen der deutsch-englischen Flottendemonstration vor Venuzuela angegriffen, hatte heftige Kämpfe in der Fre.handelsfrage auszufechten und mußte als Vertreter der britischen Weltmacht bei der Beendigung des russisch^ ap an ischen Krieges und bei der Lösung der M roHofragc entscheidend mitwirken. Es gab in dieser Zeit kein wichtiges

politisches Probsem. in dos er nicht verstrickt gewesen wäre.

Dann aber verlor er die Lust am politischen Leben und erklärte am 8. Rowrmber 1911. drei- undsechzig Fahre alt. dah er zu müde für fernere politische Arbeit fei Er widmete sich seinen Lieb­habereien. schrieb Bücher, musizierte und spielte Golf. .Die Leute, die Reden halten oder anhören, statt Golf zu spielen, sind nicht im­stande. die Möglichkeiten des Daseins auszu­kosten!" Es wird nicht festzustellen sein, ob der britische Staatsmann die'e Worte ironisch oder ernsthaft gesagt bat; sicher ist nur. dah Balfour ein leidenschaftlicher Golfspieler gewesen ist. der von 1894 bis 1895 Vorsitzender des .Royal and Antient Golf Elub of St. Andrews" war und jetzt, kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag, nach­dem er sich gerade von einer schweren Krankheit erholt hatte, schon wieder auf dem Golfplatz ge­sehen worden ist. Der Krieg schreckte ihn dann aus seiner Ruhe auf. 3m Mai 1915 wurde er Marineminister unter Asguith, und es gelang ihm. schwerwiegende Meinungsverschieden­heiten in der Admiralität auszugleichen; er hob auch die von Churchill eingeführte LanderbeHand­lung der deutschen llntcr eebeot<^esangenen aus. 3m Dezember 1916 wurde er bann Außen­minister unter Lloyd George, fuhr im April 1917 nach Amerika und veröffentlichte nach seiner Rückkehr im Rovember desselben Fahres seine bekannte Deklaration der jüdischen Heimstätte in Palästina. Als er im Fahre 1925 nach Pa­lästina reifte, bereiteten ihm die Zionisten einen begeisterten Empfang, während die palästinensi­schen Araber sich tüyl und ablehnend verhielten. 3n Syrien kam es aber zu gewaltigen arabischen Demonstrationen, und Balfour muhte französischen militärischen Schutz in Anspruch nehmen, um das Land schnell verlassen zu fönnen.

Fnzwischen hat Balfour England auf vielen internationalen Konferenzen vertreten, im Fahre 1919 auch als englischer Bevollmächtigter den

Vertrag von Versailles unterschrieben und im Fahre 1922. kurz nachdem er zum Earl ernannt wurde, die Streichung aller internationalen Kriegsschulden vorgeschlagen. Ein Fahr vorher, am 6. Füll 1921. als der englische Politiker Baron Alcrander Balfour starb, wurde er sälschllch in Europa totgelagt, aber Totgefagte leben bekannt­lich lange.

Oie Unterzeichnung des Ketloggpattes.

ttcht Ltrefemann nach Paris?

Paris. 26. Füll. lWTB. Funkfpruch) 3m Anschluß an den gestrigen Empfang des ameri­kanischen Botschafters Herrick bei Br iand macht Reuyorl Herold ausführliche "Mitteilungen über den Stand der Vorbereitungen zur ilnter- zeichnung des KriegSächtungspakles So erklärt das Blatt, daß die von der französischen Regie­rung an neun Mächte gesandten Einladun­gen zur Vornahme der Unterzeich­nung des Kriegsächtungspaktes in Paris nunmehr von allen mit Ausnahme Polens, dessen Zustimmung dieser Tage erwartet werde, ange­nommen worden seien. Aus den Aeutzerungen der Mächte, so berichtet das Matt weiter, gehe hervor, daß die Unterzeichnung des Paktes durch die Anwesenheit von mindestens sechs Außen­ministern eine Bedeutung erlangen werde, die sich nur mit der Unterzeichnung des Versailler Vertrages vergleichen lasse. Es sei so gut wie sicher, dah außer Staatssekretär Kellogg und Dr. Strefernann auch Briand. Cham­berlain fotine die Außenminister von Bet- ?|ien und der Tschechoslowakei nach Paris tnrnnen würden. Durch die Zutage Dr. St re le- manns fei das letzte Hindernis für die Abhal­tung der Feierlichkeiten in Paris beseitigt wor­den. Das Datum der Llnterzeichnung tat llhven-