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Montag. 26. März 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)

die

lchäftigen.

die sich sie bei

Mehr dürfte nach dieser flüchtigen Bekannt­schaft über die Begabung und Eignuyg der jun­gen Dame im Rahmen unseres Personals schwer­lich zu sagen sein. Dr. Th.

sie sind inzwischen doch etwas skeptischer ge­worden und glauben zu fühlen, daß zum min­desten der Wahltermin für sie nicht sehr günstig ist. Wir kominen gerade in die großen Früh- jahrslämpfe um die neuen Tarife hinein, was in erster Linie für die Kommunisten einen Vor­teil bildet, weil sie hier am stärksten auf die Un- zufriedenheit spekulieren können. Die Hoffnung der Sozialdemokraten, mit dem ganzen kommu­nistischen Besitz aufzuräumen, wird sich deshalb nur zum klein st en Teil erfüllen. Auch in einem neuen Reichstag werden die Kommunisten eine sehr unbequeme Konkurrenz für die So­zialdemokraten bleiben.

Auch das Zentrum sieht mit einiger Sorge auf die politischen Wirkungen der wirtschaftlichen Kämpfe, da seine Arbeiterschichten im Westen davon beeinflußt werden müssen. DaS Zentrum aber sieht noch mehr, das eine Reubildung

Eines aber steht fest: von dem Ergebnis seiner Berliner Reise und den dortigen Verhandlungen hängt die wettere innenpolitische Entwicklung Rumäniens ab. Ohne Anleihe, ohne eine be­friedigende Einigung mit Deutschland kann Gewaltpolitik der Regierung Bratianu auf Dauer nicht fortgesetzt werden. Daß sie überhaupt noch am Ruder hält, verdankt der ungeschickten Taktik der Opposition, die allen wichtigen Anlässen prompt in verschiedene, sich gegenseitig befehdende Gruppen a u s e in­an d e r f ä l l t. Auch mit ihrem Exodus aus dem Parlament hat sie nicht eben einen be­rauschenden Erfolg davongetragen. Das Rumpf- parlament wird sich deswegen in seinen Ar­beiten nicht stören lassen. Und der Großteil der Bevölkerung bringt den politischen Ereig­nissen im Lande noch immer die gleiche Interes- senlosigkeit entgegen, solange andere, sensa­tionellere, pikantere Dinge die Ocffentlichkeit be-

Bratianus Kampf auf zwei Krönten!

Oie Auswirkung ter Genfer Niederlage. - TitulescuS Berliner Reise. - Oie Opposition marschiert aus dem Parlament!

Don unserem ^.-Berichterstatter.

In der Schule bestand der Frühling darin, daß man von derKamtschatka" aus (so h^eh die hinterste Dank) den Lehrer mit Taschen­spiegeln blendete. Das war ein ungemem ver­gnügliches Spiel. Der Primus auf der vorder­sten Bank erhielt die strenge Weisung, seine goldene Drille ab und in die Sonne zu legen. Der Lehrer sah vor der Wand auf dem Ka­theder und sprach und sprach. Die ganze Klasse aber sah mit innerlicher Freude, wie einHäs­chen", ein goldenes Lichtscheibchen, langsam und vorsichtig seine Kreise um das ehrwürdige Haupt zog. Die Kunst bestand darin, möglichst ungeniert auf dem redenden Lehrerkopf spazierenzugehen bald die Glatze ausleuchten zu lassen, bald das Ohr purpurn erschimmern zu machen und ihm erst im letzteii Moment frech in die Augen au springen. Denn dann kam der Wutausbruch. Worauf der Primus aufzustehen hatte und zu sagen:Verzeihung, Herr Lehrer, aber ich glaube doch, daß es ein Reflex von meiner goldenen Brille gewesen ist. die hier in der Sonne liegt. Die Situation war gerettet, der Vortrag ging weiter, und das helle Häschen wagte sich ganz langsam und scheu wieder hervor ...

Am herrlichsten aber ist der Frühling auf der Steppe! Sie ist wie ein ebenes Rasenmeer: un­geheuer wölbt sich der Himmel, tags blauer als blau, und nachts ein festlicher Himmelssaal, wo alle Silbersachen ausgestellt sind. Ungehemmt schnellen die Winde durch diesen Raum und lassen weder Baum noch Strauch aufkommen. Die Steppe verzaubert Auge und Ohr: die meilen­weit entfernte Kirche dort hinten hält man immer wieder für ein weißes Pferd (... De- such?...), der goldene Grashorczont schaukelt und schwankt im Sonnenlicht. 2m Rebel braucht man drei Schritt von Hause schon den Kompaß, und nachts ist die Luft voll von geisterhaften Geräuschen, dort knarrt ein Wagenrad au» zehn Kilometer Entfernung, hier bellt ein Hund, der weit, weiß Gott wo, h«rumläuft, jetzt schimp­fen sich, mitten aus der Lust, zwei Dauernwmber herum, und jedes Rascheln der Schlange, zedes Huschen der Spitzmaus vereinigt sich mit alle­dem zu einer gespenstischen Symphonie.

And eines Tages steht die ganze Steppe voll Tulpen, Iris und Krokus. Schwefelgelb sind die Tulpen, krebsrot, und auch geflammt; die Iris aber spielen all« Farben: blau, gelb,

presse, deren Schlagwort vonUngarns Platz an der Sonne" Herrn Titulescu unan­genehm in die Ohren klingen würde. Man kennt auch den Standpunkt der Londoner Finanz- kreise, die das rumänische Anleiheproblem erst erwägen wollen, wenn Herr Titulescu vor allem mit Deutschland ins reine gekommen ist. Darum geht Herr Titulescu nach Berlin, weil sich nur über diesen Umweg vielleicht auch in London etwas erreichen ließe. Bemerkenswerter­weise hält sich die Bukarester Regierungspresse von Angriffen gegen Stresemann zurück, obgleich sie durchblicken läßt, daß ihm an der ungünstigen Entscheidung in «Senf ein nicht geringer Anteil zugefallen ist.

Denn es besteht hier in Rumänien da! aller­größte und dringendste Interesse, die schwebenden Fragen mit Deutschland zu bereinigen und end­lich geregelte Beziehungen aufzuneh- men. Rach statistischen Berechnungen hat die Einfuhr Deutschlands aus Rumänien in den neun ersten Monaten des Vorjahres 168 081 000 Mark betragen, während ein Iahr früher die Einfuhr Deutschland im gleichen Zeitraum sich auf 88 853 000 Mark belief. Es ergibt sich so­mit für das Iahr 1927 eine Zunahme um bei­nahe 87 v. H. Die Ausfuhr Deutschlands nach Rumänien stieg von 91616 000 Mark in den ersten neun Monaten des Iahres 1926 auf 117 522000 Mark für den gleichen Zeitraum t I. 1927, erhöhte sich allo nur um 28 v. H. Die Monate IanuarSeptember 1927 schlossen für Rumänien mit einem Gewinn von 48 550 000 Mark oder rund 1,9 Milliarden Lei ab. Diese wenigen, amtlichen Zahlen zeigen klar, welche Bedeutung das Deutsche Reich als Ausfuhr­land für Rumänien besitzt. Welchen Umfang würde der Handel erst annehmen, wenn es zu ordentlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten käme. Ist doch Rumänien das einzige Land ünter allen ehemaligen feindlichen Staaten, das mit Deutschland noch keinen Handels­vertrag abgeschlossen hat! Zwar dürfte man in Berlin gewiß nicht hartherzig sein und die Reigung bekunden, die Angelegenheit vom nüch­ternen, geschäftlichen Standpunkt aus zu be­trachten. Aber in Bukarest will man noch immer nicht die «Schwierigkeiten verstehen, die sich für Deutschland aus der Erfüllung des Dawesplanes ergeben. Deutschlcmd hat also heute weniger als jemals Ursache, über seine früheren An- gebdte hinauszugehen, die von Rumänien in un­begreiflicher Kurzsichtigkeit seinerzeit abgelehnt wurden. Ein besonderer Optimismus ist also nicht am Platze. Alles wird von der Bereitwillig­keit TitulescuS abhängen, von dem es hier aller­dings heißt, daß er sich mit gebundener Marsch­route nach Berlin begibt.

Eine deutsch-russische Expedition nach dem pamir-plateau.

Unabhängig von dem politischen Streit zwi­schen Deutschland und Rußland und unbeeinflußt von der kritischen Stimmung, die durch die Ver­haftung der deutschen Ingenieure im Donez- Gebiet geschaffen worden ist, nehmen die Vor­bereitungen für die in Aussicht genommene deutsch-russische Forschungsexpedition nach dem Pamir-Plateau ihren Fortgang, so daß in aller Kürze mit dem Ausbruch der Expedition gerechnet werden kann. Die erfreuliche Tatsache, daß nach dem Kriege auch die deutsche Wissenschaft wieder Anschluß an die internationale wissenschaftliche Forschung gewonnen hat, ist Anlaß zu diesem gemeinsamen deutsch-russischen Vorgehen gewesen. Die Expedition geht aus von der Rotgemeinschaft der deutschen Wissenschaft, der Akademie der deutschen Wissenschaften, der Akademie der Wissenschaften in der Sowjetunion und dem Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein. Reben dem Pamir-Plateau sollen außerdem noch eine Reihe bisher unerforschter Gebiete Zentral- Asiens aufgesucht werden. Das Hauptforschungs­bereich der Expedition umfaßt aber die riesen­haften Gebirgsmassive, die sich den Himalaja- Ketten anschließen, sowie Transalai und Seltau. Die Expedition wird geleitet von dem inter­national bekannten deutschen Forscher Rick- mers (Bremen), der zuletzt eine erfolgreiche deutsche Turkestanexpeditwn durchführte. Reben ihm werden nicht weniger als elf deutsche und neun russische Forscher der verschiedensten Wis­sensgebiete teilnehmen. Außerdem beteiligen sich an der Expedition noch einige bekannte Alpi­nisten. die die 6000 bis 7000 Meter hohen Gletscher des Transalai besteigen wollen. Di« Vorbereitungen zu der Expedition, die in den Händen des Berliner Professors F i ck e r liegen, sind soweit vorgeschritten, daß sich die Expedition schon in allernächster Zeit in Marsch sehen kann, und voraussichtlich bis in den Dezember hinein ihre interessanten Arbeiten durchführen wird.

schwarzbraun, hellgrün, in tausend Ueberlaufun- gen und Ruancen. Und das stand beileibe nicht etwa bloß hier und da, nein, das hatte die ganze Steppe mit der Frechheit des Frühlings in Beschlag genommen, so daß man beim Reiten trotz aufrichtigen Bedauerns die Dolden zer­stampfen mußte. Die Luft war so schön, daß man für jeden Atemzug danken mußte; o wie sie einen zur Liebe zu überreden verstand, diese Luft! Die wenigen Parks und Haine bei den Gutshäusern waren durchtrillert und durch- schmettert tausende Rotenköpfchen hüpften von Ast zu Ast. Eines Morgens wacht man auf vom ersten, süßen, langgezogenen Staren­pfiff: da sitzen sie alle, aufgereiht amTelePhon- draht, und find, sozusagen, angekommen. Welch ein Leben! Welch ein unaufhörliches Gebell, Ge­zirp, Geschnatter und Gezwitscher! Vielleicht kann man wirklich schon ans Meer fahren und baden gehen?

Anspannen, wir fahren! Die Foxterrier zittern schon vor Aufregung.

Nr. 75 Zweites Blatt

Allerhand Frühlinge.

Don Sigismund von Radecki.

Ganz merkwürdig war der Frühling im alten Petersburg. Er wurde nämlich vom Stadthaupt- mann angeordnet. DaS klingt unwahrscheinlich, aber eS war so. Und das Merkwürdigste: er kam dann auch wirklich, der Frühling, auf Tag und Stunde. Dieses ging folgendermaßen zu: alle Regenrinnen hatten bereit- wochenlang ge­wimmert, und dennoch hielt der Winter die Stadt in feinen eisigen Armen. Denn mit dem massiven Rewa-Cis konnte die Sonne beim besten Wille, nicht fertig werden und ebensowenig mit dem Äckeri, schokoladebraunen Eispanzer, der Ersparnis eines ganzen Polarwinters wie Schildkrot das Strahenpflaster überkrustete. Und solange dies Eis sestsah, zog es in der Stadt wie im Keller. Dann kam die berühmteFabri­kation des Frühlings": ein Telegramm vom Stadthauptmann:

.Schnee und Eis sind in drei Tagen aufzu­brechen und abzuführen. Wiederholen ist nicht meine Sache. Zu bestrafen verstehe ich. Treposf.

Ich habe daS Telegrammformular selbst ge­sehen. Klinge kleines Frühlingslied ...

Zur selben Stunde aber sah man auf allen Straßen ganze Trupps von weihbeschu^ten Hausknechten mit schweren Eisenstangen die harte Schokoladetafel ausbrechen. Das war eine sehr lustige Arbeit, und ich habe ost dabei geholfen; der Stolz bestand darin, eine möglichst gewaltige Scholle abzusprengen, so daß man den muscheli- aen Pflasterabdrucl auf der Rückseite anstaunen konnte. Es war ein Beireiungswerk, eS lag etwa« Revolutionäres darin! Endlose Fuhrenrelhfrn schleppten das Eis weg, die Erde atmete aut die Bäume konnten Wasser saugen, ließen ihre Knospen platzen und vor allem: die erste Räderdroschke ratterte nach all .den Schlitten wieder durch die Straßen! Merkwürdigerweise kam das große Rewa-Eis stets um di^elbe Zeit in Gang. Die ganze kilometerbreite Polarland- schast (über die vor kurzem noch elektrische.Bahnen gefahren waren) setzte sich auf einmal maiestatisch in Bewegung und zerbrach mit donnerndem -Aus­schlagen an den scharfen Pfeilern der Drucken, die schwarz voll Menschen standen.

Gastspiel im Siadtiheater.

In der gestrigen Fremdenvorstellung Höhensonne" von Ludwig Fulda gastierte auf Anstellung Fräulein Eva C h r i st a aus Regensburg in der Rolle der Angela.

Die Partie ist für eine «Schauspielerin, die sich vorstellen will, nicht sehr dankbar und (dar­stellerisch) wenig repräsentativ für den Refe­renten zu unbedeutend und zu zersplittert, um Wesentliches über die jeweilige Trägerin zu er­mitteln. Es gibt hier keine eigentlichgroße Szene", die wirkliche Anforderungen an schau­spielerische Qualitäten stellt und von der Mittle­rin mehr verlangt, als vorteilhaft auszusehen und gut xu sprechen. Die Angela ist vom Autor mit menschlichen Eigenschaften dürftig ausge­stattet, ist eine Lustspielfigur in hergebrachtem Rahmen und konventionellen Stils; nicht viel herauszuholen.

Wir sahen eine Salondame von sicherem Auf­treten, distinguierter Erscheinung und diskreten schauspielerischen Umgangsformen, die einen ge­schmackvoll »usammengeftellten Toilettenwechsel vorführte und sich übrigens mit geläufigem Zu­spiel ins Ensemble einfügte; das llangvolle, dunkelgefärbte Organ des Gastes ist uns an­genehm in Erinnerung geblieben.

der Regierung im neuen Reichstag nicht ganz einfach sein wird. Mit dem Schlagwort der großen Koalition ist es nicht getan, es muh auch ein Programm vorhanden fein, und wie sich um nur das herauszugreifen Zentrum und Sozialdemokraten über die Schulfrage verstän­digen sollen, das weiß vermutlich selbst heute Herr von Guerard nicht, trotz der sehr engen inoffiziellen Verbindungen, die er zur Sozial­demokratie unterhält. Die innerpolitische Zukunft bleibt uns also die große Sphinx. Wir wissen, daß der Wahlkampf unerbittlich ist, wie sich aber nachher die Gruppierungen vollziehen, wissen wir nicht. Möglich bleibt alles, möglich bleibt sogar, daß Zentrum und Deutschnationale sich wieder­finden. Allerdings nur, nachdem das Zentrum sich davon überzeugt hat, daß der Umweg über die Sozialdemokratie ungangbar ist.

Oem Ende entgegen.

Bei uns in Deutschland ist doch wirllich, wenigstens in der Politik, das Unwahrscheinliche das einzig Wahrscheinliche: Als das Zentrum die Koalition nicht rasch genug kündigen konnte, um aus der kompromittierenden Ehe mit den Deutschnationalen herauszukommen und sich nun herausstellte, daß der Reichstag ohne schwere Gefährdung nationaler Interessen nicht so­fort aufgelöst werden konnte, da Hut nie­mand recht daran geglaubt, daß es möglich sein würde, das Rotprogramm durchzuberaten und fertigzustellen, das dann Hals über Kops aufgestellt werden mutzte. Schon Koalitionsregie­rungen haben nur eine beschränkte Autorität, weil sie zwischen Parteiprogrammen den Aus­gleich schassen müssen; nun aber sollte eine Re­gierung, die theoretisch in der Luft hing, weil sie keine Parteien mehr hinter sich hatte, ein Arbeitspensum bewältigen, an dsn eine Mehrheitsregierung hätte scheitern können. Wären damals Wetten aufgelegt worden, dann würde die Quote, die für den erfolgreichen Aus- gang dieses Beginnes gezahlt wurde, nicht allzu hoch gewesen sein.

Heute stehen wir nun vor der überraschenden Tatsache, daß das Experiment wirklich ge­lungen ist. Die Schwierigkeiten, die sich auf den verschiedensten Gebieten zeigten, sind so gut wie überwunden und wenn nicht im rechten Augenblick von einem bösen Zufall noch ein Stein in das parla.nentarische Stilleben hinein­geworfen wird, dann kann der Reichstag Ende nächster Woche im Bewußtsein treuer Pflicht­erfüllung nach Haufe gehen. Der Etat wird, was aus Gründen des Auslandkredites und der Reparationsverpflichtungen nötig war, erledigt fein. Die Sozialrentner und kleinen Rentner 6c» kommen ihr Teil. Auch für die Auslanddeutschen ist geschehen, was im Rahmen der vorhandenen Mittel erreichbar war und selbst daS landwirt­schaftliche Rotprogramm ist geschasst, das, wenn es auch nur einen Anfang darstellt, doch wenig­stens die erforderlichen Mittel bietet, um einer unübersehbaren Agrarkrise entgegenzuwirken. Die Bilanz der letzten Woche ist also nicht unbe­friedigend. Aber gerade angesichts dieses Aus­gangs drängt sich doppelt die Frage auf, ob es notwendig war, im Ianuar den Konflikt um das Schulgesetz zu überspitzen und die Krise künstlich zu provozieren. Was inzwischen ge­schehen ist, beweist eigentlich, daß das Zentrum picht gut geführt war, als es den Bruch der Koalition beschleunigte. Denn das «Schulgesetz war doch nur ein Teil des Regierung-Pro­gramms, nicht einmal das Kernstück und bis zum Herbst hätte sich noch mancherlei erledigen lassen, was jetzt unter den Tisch fallen muh. Welche Folgen die vorzeitigen Wahlen auf finanzpolitischem Gebiet hüben, wer­den wir vielleicht erst im nächsten Iahr merfen, wenn der kommende Finanzminister das Kunst­stück fertig bringen soll, seinen Haushaltsplan ins Gleichgewicht zu bringen.

Aber darüber zu reden, hat heute eigentlich keinen rechten Sinn mehr. Die Kugel, die ein­mal den Gewehrlauf verlassen hat, ist nicht mehr aufzuhalten. Deshalb ist es auch ein törichtes Gerede, wenn davon gemunkelt wird, daß in der letzten Zeit Versuche gemacht wurden, jetzt plötz­lich die Reuwahlen doch auf den Herbst zu verschieben und zu diesem Zweck die auf­gelöste Regierungsgemeinfchaft mit beschrankten Zielen zu rekonstruieren. Das wäre im Ia­nuar denkbar gewesen, heute ist der Zeitpunkt dafür verpaßt. Aber der vsychologrsche Bo­den auf dem derartige Versuche gewachsen sind, ist doch einer kurzen Untersuchung teert. Es zeigt sich eben wieder einmal, dah der deutsche Parlamentarismus zielbewuht ist nur in der Re- gation, daß die Parteileidenschasten stark arbeiten, solange es sich darum handelt, eine Regierung zu zerschlagen, die ihnen nicht mehr patzt; datz dann aber regelmäßig ein heftiger Katzeniammer einfeht, wenn sich die Folgen der eigenen Politik Herausstellen. Im Ianuar haben zumal die S o - zialdemokraten geglaubt, daß sie aus den Reuwahlen eine reiche Ernte mitbringen wurden,

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Bukarest, März 1928.

Der Zwei-Frontenkrieg der liberalen Regie­rung des Herrn Dintila Bratianu nach außen und nach innen hat vorläufig zwei Ergebnisse gezeitigt: die bekannte «Senfet Riederlage in der ungarischen Optantenfrage und den Be- schlutz der Opposition, an den Sitzungen der Kammer nicht mehr teilzunehmen. Anlaß dazu gab die unbefriedigende Haltung der Re­gentschaft, die auf die in verschiedenen, großen DolkSvei^ammlungen der nationalen Bauernpar­tei formulierten Forderungen der Opposition nach sofortigem Rücktritt der Regtzrung mit Aus­flüchten geantwortet und sich mu der Erklärung begnügt halte, sie wolle die Lage objektiv prüfen und ihren Standpunkt zu einem späteren Termin mitteilen. Damit wurde der entfAloffenfc Wille Bratianus offenbar, die Zügel der Regierung nicht aus der Hand zu geben. Damit zeigt sich aber auch, dah die Regentschaft gegen den Willen der Liberalen nichts auszurichten ver­mag. Die Chancen des Oppositionsführers Dr. Iulius Maniu stehen im Augenblick recht schlecht. Etwas allzu voreilig hatte er versucht, aus der Genfer Riederlage in der Optantep- frage einen Strick für die liberale Regierung zu drehen. Auf der einen Seite schloß sich seine Partei den Lobsprüchen für Titulescu, die diesem von der rumänischen Kammer und Re­gierung für dessen Haltung in «Senf ausge­sprochen wurden, widerspruchslos an, auf_ der anderen Seite benutzte er die für Rumänien ungünstige Entscheidung des Völkerbundrates, um den Abgang der Regierung zu verlangen. Der Widerspruch, der in diesen beiden Haltungen zum Ausdruck kommt, wird verständlich, wenn man bedenkt, datz der jetzige Auhenminister Ti- tulescu, trotzdem ec liberaler Parteigänger ist, auch bei der Opposition größtes, persönliches Ansehen genießt und von dieser, sofern sie cineS Tages an die Macht gelangen sollte, auch weiterhin als Außenminister gehal­ten werden möchte. Man weiß, dah Titulescu heute vielleicht der einzige rumänische Staats­mann ist, der im Ausland« Autorität und Kre­dit genießt. Und weil man dies weiß, möchte man ihn nicht gleichzeitig mit der Regierung stürzen. Ietzt verlangt man seine Rückkehr nach Bukarest. Aber Herr Titulescu, der sich von den Strapazen der Genfer Tagung wieder ein bißchen an der Riviera ausruht, hat schon seine Reisekoffer gepackt, um nach "Berlin ^Ursprüglich hätte er zuerst einen Abstecher nach London unternehmen sollen. Aber diese Absicht wurde endgültig fallen gelassen. Man fürchtet den Empfang durch die Rothermere-

Gelisame Methoden.

Es ist für die Politik dec deutsch-französischen Annäherung und des Ausgleichs durchaus wünschenswert, wenn sich die Völker gegenseitig kennenlernen und zu diesem Zweck Organe schaf­fen, die um Verständnis für die Geistesverfas­sung, die politischen und wirtschaftlichen Be­dürfnisse und die kulturellen Vorzüge der einen Ration bei der andern werben. In diesem Sinne hat fast die gesamte Ocffentlichkeit in beiden Ländern z. B. die «Schaffung der beiden Monats­schriftenRevue d'Allemagne" in Paris undDeutsch-Französische Rund­schau" in Berlin begrüßt, die unter Wahrung des beiderseitigen nationalen Standpunktes ihren Lesern die Einrichtungen, Persönlichkeiten und Gedankengänge jeweils des Rachbarlandes in wertvollen Aussätzen aus beiden Lagern ver­traut machen. Man sollte öeirfen, daß in diesem Stadium der gemeinsamen Verständigungsarbeit jene Art Propaganda als unzweckmäßig und töricht preisgegeben wäre, mit der man im Krieg und in den ersten Rachkriegsjahren die öffent­liche Meinung des andern Landes zu vergiften und gegen die eigene Regierung aufzuwiegeln versuchte.

Leider scheint man in Frankreich noch nicht zu dieser Erkenntnis gelangt zu fein. Denn seit einigen Monaten werden die deutschen Redaklio- nen mit einem Machwerk beglückt, das unter der prätentiösen BezeichnungDie Welt-Korre­spondenz" in Paris verfaßt und gedruckt, in deutscher Sprache die deutschsprachige Presse Mitteleuropas zur Aufnahme kostenfreier oder ganz billig angebotener Artikel veranlassen will, die einer bestimmten Propaganda dienstbar sind. Wen die zahlreichen Druckfehler, das mangelhafte Deutsch und die französischen Autornamen, so­weit fte sich nicht hinter Abkürzungen oder ano­nymen Zeichen verbergen, nicht hinreichend ab* schrecken, der merkt allerdings erst bei aufmerk­samer ßeftüre, welchen Aufgaben dieseKorre­spondenz" dient. Propaganda gegen den An­schluß. für ein Ostlocarno, für einzelne Staats­männer der Kleinen Entente, gegen jeden natio­nalen Zug der deutschen Außenpolitik, die man ja offen nicht angreifen kann, ohne sich ver­dächtig zu machen. Dazwischen sind allerhand Belanglosigkeiten eingestreut; so findet man in der jüngsten Rümmer ganze sechs Zeilen über die ArMten des Sicherheitsausschusses, zu dem Zweck, Paul-DoncoursVerdienste" um die Schaffung dieses Ausschusses herauszustreichen und zu behaupten, sein Ziel sei:durch die «Snt* Wicklung des Schiedsgerichtsverfahrens die Sicher­heit zu gewährleisten und somit die fortschreitende Abrüstung zu ermöglichen". Ganz so naiv, der­artige Rotizen zu übernehmen, sind freilich deutsche Blätter nicht. Aber es gehört ein gutes Matz Unverfrorenheit dazu, um derartige Dinge, ober auch einen Artikel des französischen Gene­rals Rudant über die Sicherheitsbedürfnisse Dolens deutschen Zeitungen auch nur anzubieten, Die deutsche Krise, angeblich aus deutscher Feder, dahin zu kennzeichnen, daß sie eine europäische

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