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Ar. 22 Drittes Blatt

Donnerstag, 26 Januar 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)

Rausch der Zahlen.

Hinter den Kulissen des größten deutschen Postscheckamts.

Von Dr. Paul Bloch.

DaS ist das Haus der bargeldlosen Zah­lungen: täglich fliehen hier Tausende und Aber­tausende von Schecks und Anweisungen, Mil­lionen über Millionen an Mert zusammen, aus Berlin, dem Reich, aus den fremden Staaten, von Privaten und Behörden, für Private und Acmter, große Firmen und kleine Vereine. Mehr als 2000 Beamte und Angestellte sind tätig, die gewaltige Flut der Aufträge zu erledigen, die beglichenen Schulden zu streichen, die ein­gezahlten Beträge gutzuschreiben, die Quittungen und Belastungen auszufertigen für alle Ge­genden des Reichs.

Es ist eine stille, in der Oesfentlichkeit zumeist unbekannte Arbeit, die hier im P o st s ch e ck - a in t geleistet wird, verantwortungsvolles, er­müdendes Rechnen. Die Zahl herrscht. Wohin man schaut, an den Plätzen der Beamtinnen Ziffern und wieder Ziffern, auf den Tischen in den langgestreckten Räumen liegen die Bogen mit Zahlen und wieder Zahlen, die Karten und Schecks, die Lieberweisungen und Umschläge. Rummern, Rummern, kurze, einstellige, drei­stellige. sechsstellige in buntem Durcheinander, in verwirrender Vielfalt. Sechs Geschosse hin­durch ein Triumph der Zahl.

Aber man wird ihrer Herr. Mit Menschen- Lräften und mit Maschinen. Roch überwiegen die lebendigen Arbeiter, noch ist die Maschine nur Hilfe, nur Unterstützung, nicht alleinige Vollbringerin der Arbeit. Aber auch das Post­scheckamt beginnt, mehr und mehr die auto­matischen Arbeitskräfte heranzuziehen.

Schon ist natürlich die mühselige Beschriftung der Briefumschläge mit der Schreibmaschine oder gar der Hand von den zahlreichen Typen der Adressiermaschinen abgelöst. Schon wird täglich ein ganzer Sah der gestanzten Adressenplatten verarbeitet, sodaß für jeden expedierten Brief- umschlag sofort Ersatz geschaffen ist. Schon werden die Briese mit Schneidemaschinen geöffnet, je 4050 auf einmal, sauber, exakt, schnell, werden sie bei der Expedition maschinell geschlossen, gummiert und gestempelt, schon wird das Geld automatisch gezählt, die Kurse umgerechnet, die erledigten Zahlkarten und Schecks durch Loch- stanzmaschincn entwertet. Schon vor allen Dingen hat die Rechenmaschine die schwierige, mühe­volle. oft fehlerhafte Addition der Beamtin in weitem Maße ersetzt.

550 Rechenmaschinen verschiedenster Sy­steme stehen zur Verfügung. 3n den fünf je 57 Meter langen Buchhaltereisälen, deren jeder wieder in V em Winkel in zwei Trakten ver­läuft. bildei sie jeweils die Krönung einer langen Pultreihe. Von einem Punkte aus kann der beaufsichtigende Oberbeamte den ganzen Raum überblicken, sieht Lisch um Tisch. Kopf um Kops, blonde und dunkle, alte und junge, Bubiköpfe und Knoten, sieht hier auf dem Ge­sicht das angestrengte Rechnen, dort ein flüch­tiges Lächeln250 Beamtinnen sitzen in jeder Buchhalterei acht Stunden am Tag und rechnen, buchen, registrieren.

135 000 Kunden wollen bedient sein. Schnell, genau. Da laufen die Zahlkarten ein von den Tausenden Postanstalten im Reich, fein gebündelt, die Lieberweisungen der Kunden, Schecks werden gesandt, werden unten an der Kasse zur Barauszahlung vorgelegt. Rachnahmc- karten, Sammclschecks und Postaufträge gehen ein, Karten, Briefe. Zettel, in allen Farben, grün und gelb, weih und braun, schmuhiggrau und blau, dickes und dünnes Papier. Alle besät mit Ziffern.

3n der Eingangsstelle werden sie sortiert, geordnet nach Rummern. Sn großen Körben bringen Beamte und Angestellte die Zettel­stapel. die Kartentürme, auf breiten Tischen beginnt die Sichtung. Eilige Hände fassen in die Flut des Papiers, wie ein Wunder ist es. Die Zehntauscnder scheiden zuerst aus, dann die Lausender, die Hunderter, die Zehner, die

Einer. Lieber den Tischen hängen weihe Taseln mit deutlich sichtbaren Rummern. Das sind die Konten derer, die Tag für Tag nachweislich das gibt cs über 150 Zählkarten er­halten. Alle für diese Rummern eingehenden Karten scheiden als erste aus. Aber auch für diek l e i n e n K u n d e n" kommen genug Briefe: Da ist für den einen fast täglich ein Stapel von 100 Zetteln, für den zweiten findet sich nur ab und zu eine Anweisung an. Aber mit größter Geschwindigkeit fliegt Schein zu Schein, Karte zu Karte. Bald türmen sich von neuem die Berge, die geordneten Haufen, und harren des Abtransportes in die Buchhaltereien.

Hier geht die Bearbeitung weiter. Die F e i n- ll r b e i t beginnt, die Vergleichung der Kon- tennummern auf Liebereinstimmung mit dem Kon­teninhaber (wie viele Fehler macht hier das Publikum), die Austeilung an die ein­zelnen Arbeitsplätze, an die Beamtinnen, deren je zwei ein Revier bearbeiten. Sie sitzen sich gegenüber: Buchführer und Gegenbuchsührer. vor ihnen stapelweise die Konten, lose Blätter, nach Rummern geordnet. Die eine bucht die Gut- und Lastschriften, die Einzahlungen, Schecks und Lieberweisungen, während die andere Beamtin die Kontoauszüge anfertigt, die an die Post­scheckkunden gesandt werden und ihnen ständig Auskunft über die Veränderungen auf ihrem Konto geben. Rummern werden einander zu­gerufen, zugesprochen. zugeflüstert. Ziffern, Zahlen, Summen, dann ist ein Augenblick Pause. Von neuem beginnt das ernste Spiel: Rüm­mer und Ziffer und Zahl und Summe.

Schnell muß es gehen und genau muß es sein, was hier getan wird. 430000 Buchun­gen sind im Durchschnitt am Tage zu l e i st e n. und die gewaltige Zahl verteilt sich auf verhältnismäßig nur wenige Stunden. Gut- und Lastschriften sollen und müssen am gleichen Lag des Auftragseingangs erledigt wer­den, am selben Lag noch muh die Benachrich­tigung an den Kunden erfolgen, damit dieser spätestens im Laufe des nächsten Tages über den Stand seines Kontos genau unterrichtet ist und von neuem verfügen kann.

Auch bei den Buchungen findet die Maschine Eingang. Man ist dem Beispiel der großen Banken gefolgt und hat Buchungsmaschinen ein­gestellt. die eben doch schneller noch und billiger arbeiten. Indessen sind die Versuche noch nicht beendet. Roch schreiben Hunderte und Aber­hunderte von Frauenhänden Zahl unter Zahl, errechnen die Beamtinnen die Salden und Kon­ten, denn nur die großen Aufträge werden im allgemeinen mit den Rechenmaschinen erledigt. Die Sammelausträge sie gehen zumeist von Behörden und großen Firmen ein erfordern eine besondere Bearbeitung und genaue Lieber­prüfung.

Den Beamtinnen ist je nach dem Verkehr e i n Revier b i s zu 100 Konten zugeteilt, hat sie Glück, so sind nicht allzuviele Buchungen Tag für Tag zu erledigen, hat sie Pech, so kann sie sich kaum retten vor immer neuen Aufträgen und Karten. Aber es wird gewechselt. Jeder soll einmal Glück haben und einmal Pech. Indessen haben von Anfang an manche Reviere mit nachweislich sehr geringem Verkehr einen größeren Lirnsang. 400, 600, 800, 1000 Konten, haben andere wieder nur 25 oder 50, eines gar nur sechs. Diese sechs Kunden aber, es sind Behörden, die gleich bei Errichtung des Post­scheckamtes sich ein Konto sicherten, alte, ehr­würdige Kunden haben einen derartig um­fangreichen Scheck- und Lieberweisungsverkehr, dah ihre Buchungen oft die 100-lontigen Re­viere bei weitem übertreffen. 10 8 Millionen Buchungen mit 26,5 Milliarden Mark Lirnsah für 131 000 Kunden war die Arbeitsleistung des vergangenen Jahres.

Die Arbeit muh früh beginnen. Lim 6 Llhr bereits fängt in den einzelnen Räumen der

Dienst an, Vorbereitungen, Grob-Aussortierung, erste flüchtige Ordnung, denn um 8 Lihr muß bereits mit den Buchungen begonnen werden. Lim 10 Lihr folgt die zweite Post, der zweite Ansturm vor allem mit den auswärtigen, den zahlreichen, süddeutschen Briefen, Schecks und Lieberweisungen. Am Spätnachmittag muß alles aufgearbeitet sein, in den letzten Stunden von 3 bis 5 Llhr verlassen sämtliche Briefe das Amt. 50 000 bis 55 000 sind es im täglichen Durch­schnitt. Wer leistet noch so schnelle Arbeit? So genaue?

Gewiß, auch Irrtümer kommen vor, aber die Zahl der Fehler ist gering. Besondere Rech­nungsstellen prüsen die gesamten Buchun­gen, vergleichen noch einmal Auftrag mit Er­legung, gehen Irrtümern und Fehlerquellen nach. Alle Belege werden aufbewahrt. In um­fangreichen Ablegeräumen finden sich die Karten, Lieberweisungen und Schecks abgelegt, gegen 200 Millionen die Zahlkarten werden ein Jahr, die Lieberweisungen und Schecks zwei Jahre aufbewahrt nach Postanstalten und Eingangs­tagen geordnet, mit einem einfachen Griff jeder­zeit zugänglich. Auch dies ein Wunder der Organisation. Ein Gang durch jene Räume er­möglicht die Frequenz des Amtes ab­zulesen. Man sieht die kleinen Stapel der stillen Monate, die Durchschnittshöhen und die Wol­kenkratzer der starken Tage: Silvester. Heiligabend. Vor den Festen überhaupt sind Lage, an denen die Arbeit kaum zu überwältigen ist. Richt minder am Ultimo, besonders bann, wenn er auf einen Freitag oder Samstag (Lohn- unb Gehaltstag) fällt. Da brängen sich unten in der Halle, wo die Schecks zur Barauszahlung präsentiert werden, die Menschen, da reichen die 15 Zahlstellen nicht aus, fünf Reservestände müssen geöffnet werden, um die 70 000 bis 80 000 Besucher zwischen 8 und 1 Lihr reibungslos ab­zufertigen.

In 12 Sekunden fliegt der Scheck bis zum 6. Geschoß: die vier Kilometer lange Hausrohrpost führt zu allen Abteilungen des Hauses, drunten wartet der Kunde, die Sich­tung. Vergleichung und Buchung muh sofort vorgenommen werden, alle andere Arbeit bleibt liegen, wenn so ein Barscheck zu erledigen ist. In 10 bis 12 Minuten ist er wieder im Kassen­raum. und das Geld kann an den Einreicher ausgezahlt werden.

Es ist verständlich, daß bei solchen Leistungen eigene Werkstätten unerläßlich sind. Reben Re­paraturräumen für Maschinen befindet sich eine vollständige Setzerei und Druckerei, die täglich 3000 Limschläge, 60000 Zahlkarten und 1 00000 Schecks und Lieberwei­sungen mit der Äontennummer und der Kun­denanschrift bedruckt. Der Verbrauch ist unge­heuer, die Bestellungen der Kanzlei finden nie ein Ende. Die Wirtschaft arbeitet gewaltig.

Schöffengericht Gießen.

" Gießen. 25. Jan. Im Rovember 1926 stieß ein damals hier wohnhafter Student auf der Straße der Johanna Z. von Gießen wider das Bein, so daß eine geringfügige Verletzung entstand. Diesen Umstand benutzten die Z. und ihr Bräutigam Karl W.; durch Drohungen mit Anzeige bei Rektor und Polizei versuchten sie schriftlich und mündlich den Studenten zur Her­gabe von 100 Mk. Schmerzensgeld zu veranlassen. Wegen versuchter Erpressung erhielten sie Gefängnisstrafen von 1 und 2Mo­na t e n.

Unter Ausschluß der Oesfentlichkeit wurde gegen einen ehemaligen Unterfeldwebel wegen Mißbrauchs der Dienstgewalt verhan­delt. Er wurde zu 4 Monaten Gefängnis und Degradation verurteilt.

Ein Einwohner von Heldenbergen hatte im Jahre 1924 eine Beschwerde gegen den dortigen

Bürgermeister bei dem Ministerium eingereicht und mit einem falschen Ramen unterschrieben. Wegen Urkundenfälschung erhielt er eine Geldstrafe von 50 M k. an Stelle 1 Woche Gefängnis.

Ein wegen Diebstahls vielfach vorbestrafter Kaufmann aus Erlangen hatte im Oktober 1924 von dem Wohnzimmertisch eines Lauterbacher Hauses eine Geldbörse mit etwa 100 Mk. ent­wendet. als er dort eine Uhr instand setzte. Mit Rücksicht daraus, dah er seit 1923 nicht mehr Straffällig geworden ist. kam er mit 3 Mo­naten 1 Woche Gefängnis durch.

Wirtschaft.

Vom Geld- und Kapitalmarkt.

Seit Beginn des Jahres 1928 geht die Dis­kussion über eine Diskontänderung der R e i ch s b a n k hin und her. 5>ie in der letzten Woche ausgetretene Unsicherheit über die Geld- fituation. die auch auf Monatsgeld und bank­girierte Warenwechsel Übergriff, hat sehr schnell wieder der früheren Flüssigkeit Platz machen müssen. Allerdings dauerte der Ausgleich am Privatdiskontmartt etwas länger. Der Medio­ausweis der Reichsbank und die in der Vor­woche abermals eingetretene Herabsetzung des Diskontsatzes der Bank von Frankreich, hat die Debatte Über die Möglichkeiten einer Diskont- ermähigung wieder erneut aufleben lassen, und man hat an der Börse sowohl, als auch in Fach­kreisen davon gesprochen, daß tatsächlich die Lage des Geldmarktes in eine Aera der Zins- s e n t u n g hineingeraten ist. Zu dieser Auffas­sung berechtigen einmal die verschiedentlichen Zinsherabsetzungen, wie sie von den deutschen Banken vorgenommen worden sind, u. a. auch die Herabsetzung des Reportgeldsahes als auch die Zinstendenz im Ausland. Die aus Reuyork vorliegenden Rachrichten lassen die Gefahr einer Diskonterhöhung als endgültig gebannt erschei­nen. Man rechnet für diesen Donnerstag mit einer Diskontermähigung der Bank von England, die zur Zeit die Kontrolle über den Markt voll­kommen verloren hat. Die Entscheidung der Bank von England hängt, abgesehen von der Ver­fassung des Geldmarktes, vor allem von wäh­rungspolitischen Voraussetzungen ab, die eine Ermäßigung der Bankrate von der Bewegung des Geldflusses abhängig machen. Wenn die Reichsbank bisher mit einer Diskontsenkung ge­zögert hat, die vorzunehmen sie in Anbetracht der Marktsätze in der Lage gewesen wäre, so liegt dies daran, daß sie erst die Entscheidung der Bank Den England abwarten will, und daß sie sich anscheinend noch nicht über die Entwicklung der inländischen Konjunktur klar ist. Die letzte Frage ist zur Zeit sehr schwierig zu beantworten, da man nicht weiß, wo die Grenze zwischen Konjunktur und Saison liegt. Zweifellos deutet die Geldfülle der letzten Wochen auf einen Rückgang des Beschäftigungsgrades der Wirt­schaft hin, der jedoch, wie besonders die Be­wegung auf dem Arbeitsmarkt zeigt, saison­bedingt ist. Wenn die Reichsbank die Aufgabe haben soll, die Konjunktur zu beurteilen, um auf Grund dieses Urteil« ihre geldpolitischen Maßnahmen zu treffen, so zeigt sich gerade heute die Schwierigkeit, die in dem Problem der Kon­junkturbeurteilung liegt und die es der Reichs­bank schwer macht, ihre diskontpolitische Ent­scheidung zu treffen. Die Lage ist heute so be­schaffen, daß die Reichsbank mit ihrer Diskont­änderung, die kommen muß, und mit dem Aus­maß derselben entscheidet, ob die Konjunktur sich in einer rückläufigen Bewegung befindet. Mit anderen Worten: es wird sich wieder der organische Zusammenhang zwischen Konjunktur und Geld- bzw. Kapitalmarkt zeigen, und aus dieser Auffassung heraus muh die Reichsbank vorsichtig und gründlich alle Faktoren abwägen, ehe sie ihre Entscheidung trifft.

Oer Reichöbankausweiö vom 23. Januar.

Rach dem Ausweis der Reichsbank vom 2 3. Januar hat sich die gesamte Kapi­talanlage der Bank in 'Wechseln und Schecks. Lombards und Effekten um 262,5 Mill, auf

Cs zogen drei Burschen wohl über den schein ....

Roman von Erica Grupe-Lörcher.

27. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Raymond schritt auf dem Teppich auf und ab. Es wäre eine wenig vornehme Gesinnung. Aber du magst nicht Unrecht haben, Dietwart, bei grauen, besonders bei jungen Mädchen spielt bas alles ja eine große Rolle! Und Gefühle lassen sich nicht kommandieren. Vielleicht ist es auch eine Stim­mung, die vorübergeht. Laß ihr Zeit!"

Das ist auch meine Meinung. Derartige Lebens­und Schicksalsfragen dürfen nicht über das Knie ge brachen werden. Aber ich habe nicht viel Hoffnung, sage ich dir, wenn ich offen sein soll. Die ganze Zeit und die Veränderung aller Verhältnisse um uns, in die wir hinein gedrängt werden, ob wir wollen oder nicht wird das Zugehörigkeitsgefühl von Melu­sine zu mir nicht erhöhen. Wir Deutschen sind hier im Elsaß jetzt ja tief im Kurs gesunken!"

Raymond wehrte mit einer impulsiven Bewegung ab.O, es ist ja so gemein, so gemein, wie man sich hier jetzt gegen die Deutschen benimmt! Jetzt fühle ich, wie sehr ich mit dem Deutschtum verwachsen bin, gerade, weil ich dieses Benehmen in ganz Straßburg als schamlos empfinde! Und Melusine'!' Macht sie es nicht fast ebenso wie das Elsaß? In den guten Zeiten, als daß Deutschtum hier auf festen Füßen stand, hätte es ihr nichts ausgemacht, in eine hohe deutsche Beamtenfamilic hineinzuheira­ten. Solange du ein eleganter, blüljenber, frischer Gesellschafter und Tänzer warst, gefielst du ihr als Bräutigam. Jetzt, wo du eine körperliche Einbuße erlitten hast, wo du in Mitleidenschaft gezogen bist durch ein nationales Unglück, wo man dir die Spuren deiner schweren Verwundung noch anjiefjt, jetzt erkalten ihre Gefühle zu dir."

Der Freund hörte regungslos zu. Er fand keine Worte, um die bittere Anklage Raymonds zu ent­kräften. Aber jedes Wort grub sich ihm ins Herz.

^Warte ab, Raymond! Urteile noch nicht end­gültig." Er streckte ihm die Hand hin:Was auch kommen möge unsere Gefühle zueinander wird

es nicht beeinträchtigen können, Raymond. Das Wort gebe ich dir!"

Da die Anwesenheit von Alceste, der den Wagen gleichfalls bestiegen hatte, der Baronin Reserve auf­erlegte und sie die Tochter in seiner Gegenwart nicht nach der frostigen und förmlichen Verabschie- dung uom Verlobten fragen wollte, wurde dennoch das Verhältnis von Melusine zu Dietwart von Schätzer der Mittelpunkt der Unterhaltung.

Obgleich das Auto in glatter, sicherer Fahrt schnell durch die Straßen und aus der Stadt hin­an sfuhr, war es doch ein gutes Stück Weges und Alceste wollte die Gelegenheit benutzen, der Tante und Kusine einmal unter sechs Augen seine Ansicht zu sagen, nm sie umzustimmen.

Es ist mir vollständig unverständlich, Tante He­lene, wie du auch jetzt noch die Beziehungen von Melusine zu diesem Deutschen sanktionieren kannst", platzte er in seiner leidenschaftlichen Art heraus.

Die Baronin sah ihn ruhig an:Ich habe seiner­zeit meine Einwilligung zu der Verlobung gegeben. Es liegt jetzt nicht der geringste Grund gegen Diet­wart vor, mein Wort rückgängig zu machen."

Jetzt wandte er sich direkt an seine Kusine:Ich muß sagen, Melusine, ich hätte dir mehr wie soll ich sagen? mehr nationales Gefühl zuge- traut! Gott, damals, mit 18 Jahren, warst du ein blutjunges Ding, das sich in einen so eleganten Tänzer verlieben konnte. Und standesgemäß war solch hohe Beamtenfamilie schließlich an und für sich auch. Aber jetzt, wo wir im Lande mit allem Deutschen fertig sind, mit allem Deutschen, wo es nur eine Frage der Zeit ist, daß die Deutschen wieder samt und sonders aus dem Lande hinaus und über den Rhein müssen?"

Sein Spott verwundete sie gerade in ihrer frisch aufgewühlten Stimmung doppelt scharf. Er riß plötzlich und mit schonungsloser Hand den Schleier von einem Bilde weg, das sie sich bisher kaum selbst zu enthüllen gewagt hatte. Deswegen entgeg­nete Melusine jetzt mit einer Heftigkeit, die er noch nicht an ihr wahrgenommen und die abstach gegen die eiystige reizende, amüsante, tändelnde Kratz- bürstigkeit, mit der sie früher seine Anzapfungen pariert hatte:

Calmier dich, mon eher! Ich werde das tun, was was meinen Gefühlen entspricht!"

Als man draußen im Schlosse angelangt war, gab es genug andere Dinge zu besprechen, und das war Melusine lieb. Ihre Verlobung mit Dietwart wurde seinerzeit der alten Dame mitgeteilt. Sie hatte in ihrer vornehmen, selbstbeherrschenden Art jeden Ein­spruch unterdrückt. Hatte es aber auch nicht über sich gewinnen können, ihrer Enkelin Glück zu dieser Wahl zu wünschen. Die Tatsache war eben von ihr, wie man sich unter Diplomaten auszudrücken pflegte, zur Kenntnis genommen". Und während der gan­zen Dauer des Krieges war nie der Name Diet- warts mit einer Frage oder Erwähnung über ihre Lippen gekommen.

Jetzt aber schien es, als ob neues Leben, neue Kraft in den Greisenkörper stieg, seit ihr Enkel Alceste so hoffnungssrohe Nachrichten brachte. Sonst war ihre Tochter Helene bei ihren allwöchent­lichen Besuchen die Hauptperson gewesen und man hatte allerlei Dinge zwischen Mutter und Tochter zu besprechen gehabt. Nun beherrschte Alceste fast vollkommen die Unterhaltung.

Man saß wieder in der gemütlichen Ecke des einen Salons, dort, wo der alte Marmorkamin brennende Holzscheite knisternd umschlang, und ließ sich eine Tasse warmen Tee nach der Autofahrt im frostigen Nooemberwetter munden. Der Park draußen lag in der reizlosen Oede des Vorwinters. Der alte Jacques hatte den Lehnstuhl seiner Herrin ans Ka­min gerückt. Auf einem kostbaren Tischchen mit alter eingelegter Mosaik, über die eine feine Spitzen­decke gebreitet lag, blitzte der Tee in goldgelber Farbe in den durchsichtigen Sövrestassen. Jacques reichte silberne Körbchen herum, die in gläsernen Schalen zierliches Gebäck trugen: entzückende kleine petit tours-Stückchen, wie man sie in den Straß­burger Konditoreien so vortrefflich herzustellen ver­stand, winzige Aprikosentörtchen aus Mürbeteig, von der Köchin des Schlosses gebacken, und zum Schlüsse kleine, zierlich geschnittene Sandwiches, mit pikantem Aufschnitt belegt, da man nicht zum Abendessen bleiben wollte.

Die alte Baronin rührte fast nichts an. Sie lehnte in ihrem Stuhl, die eine Hand um den Krückengriff ihres Stockes gepreßt. Hatten je diese nachtschwarzen Augen, die in den letzten Jahrzehn­ten zuerst soviel gemeint, die dann wartend und

brennend aus dem Schlosse in die Zukunft gestarrt, hatten diese Augen je seit achtundoierzig Jahren so leuchten, so heißen Anteil nehmen können wie jetzt, da ihr Enkel ihr das Programm des bevor­stehenden Einzuges der französischen Truppen ent­warf?

Eine leidenschaftliche Freude kam über sie. Ob es nicht möglich sei, auch sie an diesem Tage mit Anteil nehmen zu lassen? Sollte sie dazu verdammt fein, hier draußen weit vor den Toren der Stadt, wohin kaum der Ton der Marseillaise bringen konnte, jene Stunden zu durchleben?

Alceste neigte sich ihr über die goldene geschwungene Lehne des seidenen Rokokosessels entgegen. In seinen dunklen lebhaften Augen stand eine lebhafte Freude: Erandmama, wie wär's? Du weißt, dadurch, daß ich mit ins Komitee der Rezeption gewählt bin. habe ich mancherlei Vorzüge. Mir ist ein ganzes Fenster in einem der beiden Ministerien angeboten worden. Von dort aus könnte man glänzend die Parade ansehen, die General Petain vor dem ein­stigen deutschen Kaiserpalast abnimmt. Möchtest du von diesem Fenster aus zusehen?"

Ihre Hand krampfte sich fester um ihren Krück­stock.Oh, Alceste, wenn das ginge? Aber ich mit meinen steifen Gliedern, die kaum noch zum Dienst hier gehorchen? Wie käme ich hinauf?

Es gibt einen Fahrstuhl in jedem der beiden Mi­nisterien. Man wird di chim Auto hinfahren, Grand­mama! Du steigst im Fahrstuhl zum ersten Stock­werk hinauf. Droben sind es bis zu dem bestimm­ten Zimmer nur wenige Schritte"

Die Greisin richtete sich auf. Vor ihren Augen leuchtete das Bild auf, das sich ihr bieten würde und auf das sie feit fast einem halben Jahrhun­dert gewartet!

Oh, war es nicht etwas Großes um eine Zuver sicht, um ein Ausharren, um eine Kraft, die sich gegen verhaßte Zustände auflehnte, um in die Zu­kunft zu starren und warten zu können?

Man schied nach einer Weile mit der genauen Verabredung, wie sich die Teilnahme der allen Dame am Morgen des Einzugstages einfügen sollte. Melusine hatte der Großmutter ihre Begleitung zu- gefagt. Die Baronin lehnte eine Teilnahme ihrer seits in irgendeiner Form sanft, aber bestimmt ab.

(Fortsetzung folgt.)