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Donnerstag, 26. Januar 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 22 Zweites Blatt

Deutsche Siedler in Kanada.

Don Major a.D. Moßdorf, Berlin.

Volk ohne Raum" ist kein leeres Schlag- Wort sondern eine furchtbare Wahrheit, die in drei kurzen Worten die ganze Tragödie des zu eng gewordenen Lebensraums für die stetig wachsende deutsche Bevölkerung kennzeichnet. Die unausbleibliche Folge hiervon muhte es sein, dah sich wagemutige deutsche Männer und Frauen aufmachten, um im fremden Land neue Entwicklungsmöglichkciten zu entdecken. Gar man­ches Unternehmen dieser Art, das mit kühnsten Hoffnungen begann, gelangte früher oder später zu einem traurigen Abschluß. Mangelhafte Vor­bereitungen, fehlende Geldmittel, aber auch ge­winnsüchtige Verführer trugen vielfach die Schuld an deren Scheitern.

Mit um so größerer Freude vernimmt man deshalb die Kunde von gelungenen Sied­lungsversuchen, wie sie jetzt aus einem Bericht eines in Ottawa erscheinenden kanadischen Blattes zu entnehmen ist. Danach haben in den letzten Fahren die Deutschen unter den Ein­wanderern nach Kanada einen beträchtlichen Teil gestellt. Besonders in den kanadischen Prärie- provinzen, wohin die ankommenden Deutschen zumeist ihren Weg nehmen, sind auf diese Weise viele deutsche Siedlungen entstanden. Ueber zwei solcher Kolonien liegen jetzt nähere Rachrichten vor. Danach entschloß sich vor einiger Zeit cm junger Freiburger Jurist, Dr. Fritz Schnei­der, mit seiner Frau, einer angehenden Aerztin der Freiburger Universität, sein Glück in Ka­nada zu suchen. Mit Freunden und Rachbarn, die ähnliche Absichten hatten, schloß sich das Ehepaar zusammen. Rach sorgfältiger Prüfung kauften sie eine große. Farm von 3000 Acres 25 Kilometer nördlich von Winnepeg. Andere Deutsche kamen hinzu, so dah sie bald eine Gruppe von 90 Menschen bildeten, die jetzt mit der genossenschaftlichen Bearbeitung ihres Besitzes 6rschäftiat sind. Der Aeltefte unter ihnen ist 32 Jahre alt, mehr als die Hälfte verheiratet. Diese wohnen in eigenen gesonder­ten Häusern, während die Junggesellen gemein­sam in einem Gebäude Unterkunst gefunden haben. Alle leben nach streng eingeteilten T geszeiten. Um 4 Uhr morgens wird aufge­standen. Rach einem einfachen ersten Frühstück wird bis zum zweiten Frühstück um 9 Uhr durchgearbeitet. Mittagessen gibt es um 12 Uhr, Kaffee um 4 Uhr und Abendessen um 7 Uhr. Einmal in der Woche wird von den Frauen gebacken, wobei 100 schwere Brote hrrgestellt werden. Außerdem sind die Frauen für den Gemüsebau und das Geflügel verantwortlich. Zur Landbestellung werden die neuesten Ma­schinen verwendet, so daß in diesem Fahr 1000 Rcrcs mit guten Ernteerfolgen unter dem Pfluge waren. Zunächst ist noch Deutsch die allgemeine Umgangssprache. Dr. Schneider hält aber zwei­mal in der Woche für alle Siedler englische Sprachkurse ab. Es besteht die Absicht, noch Land hinzuzuerwerben und die Bestellung noch auszudehnen, sobald mehr Fachkenntnisse über die Landwirtschaft in Kanada gesammelt sind.

Die andere Kolonie ist von einer Gruppe deutscher Adliger geplant, die, so meint das englische Blatt, zu der Ueberzeuguna ge­kommen sind, dah das Leben in ihrem Vater- land für sie unerträglich geworden sei. Unter der Führung eines Dr. Schmidel von See­berg beabsichtigen sie eine Kolonie in der Rähe der Stadt St. Walburg in Saskatsche- wan zu gründen, wo sich bereits mehrere Deut­sche niedergelassen haben. Dr. Seeberg soll ge­äußert haben, daß sie bereit wären, ein Kapital von wenigstens 200 000 Pfund in ihr Unterneh­men zu stecken. Fn dieser Gruppe sollen sich Angehörige der ältesten Adelsfamilien Deutsch­lands befinden, so ein Graf von Bülow, ein Reffe des früheren Reichskanzlers, und ein Frei­herr von Vincke. Fn dem englischen Bericht wird zum Schluß gesagt, dah Kanada diese Einwanderung deutscher Siedler willkommen heißt, weil ihnen der Ruf vorausgeht, ausge­zeichnete Landwirte zu fein.

Gießener Giadttheater.

Karl Millöcker:Der Bettelstudent".

Die gestrige Ausführung von Millöckers reichlich angejahrtemBettelstudenten" erweckte den lebhaften Wunsch, unserm Operettenreper­toire möchte durch die Aufnahme eines guten modernen Werkes wieder einmal etwas frisches Blut zugeführt werden; die drei Akte des Li­brettos von Zell und ® enee strotzen weder von Einfällen noch von Handlungsfülle, und ihre musikalische Verbrämung lebt feit allzu geraumer Zeit mehr oder minder ausschließlich von der heute nicht mehr ganz einleuchtenden Popularität des schmalzigen Schlagerliedes, das zugleich die handlungsmähige Pointe der Fabel umschreibt: .Ach, ich hab sie ja nur auf die Schulter ge­küßt ..." Während im übrigen auch die gelegent­lich opemhaft anspruchsvolle Fnstrumentierung der Partitur kaum über die Oberflächlichkeit und die vielfachen Banalitäten der Musik hinweg- zutäuschen vermag.

Die Aufführung erschien nicht eben dazu an­getan, die Einwände gegen das Stück zu ent­kräften. Sie war im musikalischen Teil unter der Stabführung von Kapellmeister Reff im Wittel­akt am ausgeglichensten, zuletzt reichlich forciert und nicht rei von Unebenheiten in Einsätzen und Uebergängen.

Die Inszenierung besorgte Oberspielleiter Decker, von dem man schon erheblich bessere Leistungen gesehen hat. Die Dialogszenen waren an vielen Stellen ohne Ordnung, Schliss und Präzision, bei allerlei textlichen Hemmungen (so daß die Souffleuse störend eingreifen mußte) und mehrfachen, unverständlichen Verschleppun­gen und Pausen. Es sollte doch gerade bei einem Werk, auf dessen handlungsmähige und musika­lische Frische man sich ja nachgerade nicht mehr unbedingt verlassen kann, besonderer Wert auf eine sorgsame und ausgefeilte Einstudierung gelegt werden.

Von der Besetzung sind an erster Stelle zwei Gäste von der Frankfurter Oper zu verzeichnen: Elisabeth Friedrich sang die arme, aber mit ausgiebig und detailliert besungenen, weiblichen Reizen ausgestattete Polenjungfrau Laura Vo°

Und sie bewegt sich -och...

Rückblick auf die Länderkonferenz.

Don Hoftat Theodor Dickes, M. d. 5t, Stuttgart.

Der Aufsatz des Vorsitzenden der Deut­schen Volkspartei in Württemberg, der na- turgemäh wesenllich aus dem Gesichtswinkel schwäbischer Verhältnisse geschrieben ist und sich deshalb auch eingehender mit der selt­samen Einstellung des württembergischen Staatspräsidenten Bazille beschäftigt, ist auch für uns Hessen wegen des hier an­geschnittenen ProblemsS ü d West­deutschland" von höchstem Interesse.

Wenn in den letzten Monaten die Erörterung der Vereinheitlichung des deutschen Staats wesens in der Oesfentlichkeit_ einen so breiten Raum eingenommen hat, so wäre es durchaus falsch, zu glauben, die Sehnsucht nach dem allen und großen Fdeal des deutschen Ein­heitsstaates sei plötzlich so über Rächt aufs neue erwacht und nun gälte es, die Stimmung zu nutzen, die vor allem die deutsche Fugend be­herrscht, um dieses Ideal zu verwirllichen. Rein, so liegen die Dinge doch nicht. Der Rus nach einer Verwaltungsreform und die Er­kenntnis, daß nur durch eine solche größten Stils die so notwendige Herabminderung dcr allmählich ins Unerträgliche gewachsenen Staatsausgaben herbeige,ührt werden kön­nen, also rein praktisch und nüchterne Erwägungen haben den Stein ins Rollen gebracht. Wer die Dinge, so wie sie sich in der Rachkriegszeit ent- wickelt haben und wie sie zwangsläufig sich weiter entwickeln werden, mit ruhigem Verstand betrach­tet, wird sich der Einsicht nicht verschließen kön­nen, also rein praktische und nüchterne Erwägungen werden kann, bis er das, was heute schon Mil­lionen Deutsche als notwendiges Ziel erkannt haben, auch erreicht haben wird. Das wird nicht von heute auf morgen geschehen, darüber mögen noch lange Fahre vergehen, aber die Gewißheit bleibt, daß des Vaterlandes Rot ganz von selbst dazu führen wird, Zustände zu be­seitigen, die auf die Dauer nicht ertragen werden können.

Daß eine Revision des Verhältnisses zwischen Reich und Ländern nicht länger hinausgeschoben werden kann, wird auch von denen zugegeben, die an dein föderativen Charakter des Reiches nicht rütteln lassen wollen. Mit eindringlicher Deutlich leit hat es die eben zu Ende gegangene Länderkonferenz gcze gt, deren Zusammen­tritt man mit berech igtec Skepsis entgegensah und in deren Ergebnis, meines Erachtens frei­lich mit Unrecht, viele nur das Negative, das Ablehnende erblicken. Wenn auch die gefaßten Entschließungen wenig befriedigen werden, so ist doch immerhin der Reichsregierung, die auch künftig in der Durchführung der vorgesehenen Maßnahmen die freilich von einzelnen Ländern stark angefochtene Fnitiative hoben wird, die Möglichkeit gegeben, ihren Einfluß geltend zu machen und so, zunächst wenigstens, eine wert­volle Vorarbeit zusammen mit den Ländern zu leisten, die der später kommenden Gesamtreform nur förderlich sein kann. Man wird aber auch daran denken müssen, in die beiden nach einem Beschluß der Länderkonferenz zu bildenden Kom­missionen neben Männern Der Wirtschaft, neben Arbeitgebern und Arbeitnehmern, vor allem aber auch Vertreter der Selbstverwal­tungsorgane zu entsenden, da es sich letzten Endes bei allen in der Länderkonferenz auf­geworfenen Fragen nicht nur um Die Regelung der Verhältnisse zwischen Reich und Ländern handell, sondern auch um das zwischen Ländern und Gemeinden.

So zweckmäßig zusammengesetzte Organe, in denen neben den Vertretern der einzelnen Landes­regierungen, Männer des praktischen Lebens sitzen, werden in ihren Beratungen schließlich doch zu einem Ergebnis kommen müssen, das wesentlich anders aussieht, als die Reden, die auf der Länderkonferenz selbst von den beiden süddeutschen Ministerpräsidenten, dem bayrischen

und dem württembergischen, gehalten worden sind, heute vielleicht vermuten lassen. Wenn auch die grundsätzliche Stellungnahme beider nicht Überraschen konnte, da sie sich ja wiederholt in Wort und Schrift zu dem aufgeworfenen Pro­blem geäußert hatten, um so mehr die Form, in die der württembergische Staats­präsident seine Worte zu kleiden beliebte. Freilich das eine darf nicht übersehen werden: Bazille liebt es, in blumenreicher Sprache, in Superlativen zu sprechen, und ganz besonders seine Katastrophenideen zu entwickeln, die ihm schon mehr wie einmal zum Verhängnis ge­worden sind. So war man auch in den Kreisen, die Bazille und seine Gepflogenheiten schon lange kennen, und das ist schließlich das württem­bergische Volk in seiner Gesamtheit. bisher immer geneigt, nicht jedes Wort, das von ihm gesprochen wurde, gleich auf die Gold- w a g e zu legen. Vielleicht hätte man auch dem Wort, das er diesmal auf der Länderkonferenz sprach, und das begreiflicherweise soviel Auf­sehen erregte, und Entrüstung hervorrief, keine ernstliche Bedeutung beigemessen und es in Würt­temberg nicht so tragisch genommen, wie dies im übrigen Reich geschah. Aber diesmal blieb auch die Wirkung in Württemberg nicht aus. Wenn der Staatspräsident glaubte, davor warnen zu müssen, mit mehr oder weniger gewaltsamen Mit­teln, als welche schließlich doch nur Mehrheits­beschlüsse Der Parlamente in Betracht kämen, fo war das zweifellos sein gutes Recht, bei dem er auch jene Männer auf feiner Seite haben dürfte, die im Gegensatz zu ihm den Einheits­staat aus wirtschaftlichen, nicht zuletzt aber aus politischen, ja aus vaterländischen Gründen er­streben. Denn wirklich, nichts könnte dem Ein­heitsgedanken. der auch im Sinne unseres Vater­landes auf dem Marsche ist, mehr schaden, als die Absicht, die Durchführung der Vereinheit­lichung des Reiches rücksichtslos und so schnell als möglich zu erzwingen. Auch diese Dinge brauchen, wie schon angedeutet, ihre Zeit. Und diese Zeit wird für den Gedanken arbeiten. Wenn so die Mahnung Bazilles eine Berechti­gung hatte, um fo mehr verdient die Drohung schärfste Verurteilung, wenn er meinte:Sollte dieser Weg beschritten werden, so wird eine un­mittelbare Gefahr für den Bestand des Reiches heraufbeschworen, denn nichts ist irriger als die Meinung, die Länder würden sich schließlich in ihr unvermeidliches Schicksal fügen. So wie die Dinge in Europa liegen, kann dieses Spiel mit dem Feuer den gangen Äon­tinent in Brand stecken.<*

Diese Worte, die man geneigt war, als eine bedauerliche Entgleisung zu bezeichnen, gewinnen aber immerhin eine gewisse Bedeu­tung dadurch, daß Herr Bazille, dem die Gunst des Fnterpretierens sonst sehr geläufig ist, am letzten Samstag in einer Stuttgarter Zeitung von diesem Wort und seinem Sinn keines­wegs abrückt, sondern im Gegenteil es noch unterstreicht, ja geradezu verschärft. Das württembergische Volk in seiner überwältigenden Mehrheit, auch die Der Partei des Herrn Staats- präsik^nten angehörenden schwäbischen Männer und Frauen, werden diese Haltung ihres Staats­präsidenten auf das schärfste verurtei­len, weil sie kein Verständnis dafür haben, dah das Staatsoberhaupt eines deutschen Landes, wenn Worte überhaupt noch einen Sinn haben sollen, Damit droht, der deutsche Süden würde im Kampfe gegen den deutschen Einheitsstaat, jedenfalls unsere bisherigen Feinde gegen den deutschen Rorden in Anspru ch nehmen. Der Württembergische Landtag, dem gerade jetzt, da diese Zeilen niedergeschrieben werden, eine Inter­pellation zugegangen ist, Die Den Staatspräsi­denten vor die Notwendigkeit stellt, sich wegen seiner Berliner Rede zu verantworten, kann keinen Zweifel darüber lassen, daß mit den Worten seines Staatspräsidenten das toürttem-

Sprechstunden der Redaktion.

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bergische Volk s ich nicht identifizieren läßt. Das wird, wie zweifellos anzunehmen ist, mit aller Deutlichkeit geschehen, auch Dann, wenn aus Gründen Der Parteidisziplin und des Koali- tionszwangeS für Bazille sich noch eine Mehr­heit von einer oder zwei Stimmen ergeben sollte.

Auf Der Länderkonferenz wurde, wenn auch nur kurz, der Gedanke eines großen, südwest deutschen Staates, wenigstens gestreift. Cs handelt sich dabei um einen Gedanken, der bereits kurz nach der Revolution im Süden die Gemüter bewegte, um die Frage, ob nicht aus Gründen der Staatsvereinfachung und der so erzielten Ersparnisse Der Zusammenschluß von Württemberg, Baden, und dem früheren Grohherzogtum Hessen, so­wie der P f a l z zu einem großen südwestdeutschen Staat zweckmäßig wäre. Fa. es gab Zeiten, in denen diese Frage aktuell zu werden schien. Rur Die separatistischen Vorgänge im besetzten Gebiet und Die Befürchtung, durch die Verände­rung von Ländergrenzen gerade im Süden diese separatistische Bewegung ungewollt zu fördern, führten dazu, daß die Diskussion über diese Frage bald wieder verstummte. Freilich, auch später noch, wurde der Plan von Zeit zu Zeit immer wieder in manchen Kreisen besprochen, ohne ernst­liche Beachtung zu finden. Und das erfreulicher­weise. Die Bildung eines großen Südwestdeutsch­lands neben dem großen Bayern hätte, beson­ders bei Berücksichtigung Der parteipolitischen Struktur Der Länder zu einer Annäherung dieser geführt und die Gefahr einer neuen Mainlinie in die Nähe gelegt. Und von dieser Mainlinie will man nicht das geringste wissen.

Die Einstellung der Parteien zu dem Gedanken des' Einheitsstaates ist heute in Württemberg freilich eine andere als in Den Fahren des alten Reichs. Waren früher Demokraten in Württemberg die Vertreter des traditionellen und schärfsten Partikularismus, Der bekanntlich zur Gründung Der Deutschen Partei im Fahre 1866 geführt hatte, und Liberale und Konser­vative Die Anhänger und FörDerer des Reichs­gedankens, so sehen wir heute das Bild ver­kehrt, Demokraten im Kampf für den deutschen Einheitsstaat und, wenigstens in Der Führung, Die Deutschnationalen als Die Vertreter des partikularistischen Gedankens, Der in starker An­näherung an Bayern gefördert wird. Fn Wirk­lichkeit geht diese Abneigung freilich mehr gegen Preußen, gegen das Preußen vo' heute. Wenn Bazille aber, um Die angeblich voi Preußen drohende Gefahr zu bannen, Die Rück kehr zumBismarckreich" wünscht, Die. toie noci, einmal gesagt toerDen muß, eine Utopie ist, fo übersieht er dabei, daß gerade eine Neuregelung des Verhältnisses zwischen Reich und Ländern nach dem Vorbild der Bismarckschen Reichsver- fassung einem Großpreuhen, das zweifellos kom­men würde, im Reiche eine Vormachtstel­lung verschaffen mühte, die zweifellos nicht nur nicht seinen Wünschen, sondern auch nicht denen der Anhänger des Einheitsstaates er­wünscht fein könnte.

Der Gedanke Des Einheitsstaates ist auch In Württemberg wie im übrigen Süddeutschland auf Dem Marsch, und wird einmal, Darüber möge man sich nicht täuschen, fein Ziel erreichen. Denn auch hier wird das Wort, Das an der Spitze zu finden ist, wahr werden, jenes Wort, das man freilich zu Unrecht Galilei In den Mund gelegt hat, das aber feine Bedeutung auch diesem Mann gegenüber hat und seine Be­rechtigung, weil er aus dem Glauben an die von ihm erkannte Wahrheit trotz aller Verfolgungen und Bedrückungen immer wieder neue Kraft und neuen M u t schöpfte. So wollen auch wir uns den Glauben an Die deutsche Einheit unD den Deutschen Ein­heitsstaat nicht nehmen lassen, mögen Die Schwie­rigkeiten zunächst guch noch so große fein.Und fie bewegt fich dochl"

walska mit großem stimmlichen Einsatz, blleb aber schauspielerisch, zumal im Schlußakt, ziemlich konventionell; Richard von Schenk gab den bramarbasierenden Krakauer Obersten Ollendorf mit dröhnenden Tiraden und breiter Drastik, hatte jedoch mehrfach merllich mit Textunsicher­heiten zu kämpfen. Gleichwohl wurde sein großes Couplet im Mittelakt (Das nach bewährtem Muster durch zahllose, aktuell improvisierte Zu- satzstrophen zu verlängern ist) ein stürmischer und mit xtlichen Dacapos bereicherter Sonder­erfolg. Steinbrecher spielte Den bettel» haften und wider Willen unter die Haube ge­brachten Studenten Rymanovicz; gesanglich bis auf einige Unreinheiten im zweiten Akt ange­messen, schauspielerisch dagegen ziemlich obenhin; ferner sind in größeren Chargen zu erwähnen: Die Damen Klara Zeller (a. G.) und Käthe F 11 e r, sowie Fritz Schröder (Fanicki), der aber leider den gesanglichen Anforderungen Der Partie nicht überall gewachsen war.

Die Aufnahme war sehr freundlich. Dr.Th.

Oer schöne Clown.

Don Signor Saltarino.

Der berühmteste Elown aller Zeiten, Der Stern seines Faches, Der bis heute Unübertroffene, war schon dadurch eine Merkwürdigkeit, daß er als Clown! einer der schönsten Männer seiner Zeit war, Den Die Männer bewunderten und die Frauen anbeteten. Dieser Clown war Louis Auriol, am 11.August 1806 in Tou- louse als Kind eines Kunstreiterpaares geboren. Sein Lehrherr war der Seiltänzer Pierre Forioso, ein Freund des Vaters. Nachdem Auriol mit verschiedenen Kunstreitergesellschaften das südliche Frankreich, Deutschland und Holland bereist hatte, debütierte er 1843 im Pariser Zirkus Franconi. Mit dem ersten Abend waren sein Erfolg und sein Ruhm gesichert. Aurtols Kunststücke erregten Die Bewunderung von Mil- lionen, und die Zeitschriften aller Länder brach­ten fein Porträt.Wer feinen Flafchentanz nicht gesehen, hat gor nichts auf der Welt gesehen!" schrieb ein begeisterter Korrespondent aus Paris.

Auriol war aber nicht nur ein schöner, geist­reicher und graziöser Clown, er war auch der erste Akrobat feiner Zeit. Als solcher zeigte er eine solche Beweglichkeit und Gelenkigkeit, dah Die ganz verdutzten Zuschauer nicht wußten, was sie mehr bewundern sollten: seine Equili- bristik oder seine tollkühnen Salti. Nie wieder hat ein späterer Clown die wirbelnde, ver­blüffende und dabei graziöse Drehgeschwindigkeit Auriols erreicht. Und wie originell war der kleine, fistelstimmige Kreisch, mit dem er seine ganze Arbeit begleitete und der an eine Kinder- trompete erinnerte. 3n jeder Vorstellung über­raschte er mit neuen Tricks. Er war ein Uni­versalartist. Auf einer mir vorliegenden Madri­der Lithographie ist er als Fongleur zu Pferde, Parforcereiter, Flaschenequilibrist, Stuhlakrobat und Springer gezeichnet. Auriol drehte mit Hilfe des Trampolins den Doppelsaltomortale über acht Pferde, auf denen die Stallmeister saßen, setzte durch Feuerwerksreifen oder durch einen Kranz von Pfeifen, ohne eine einzige zu zer­brechen, überflog mit einem gewaltigen Hecht­sprung ein Peloton von 24 Soldaten, die ihre Dajonettgewehre gekreuzt hatten. Das sind recht gefährliche Zirkustricks, die man heute kaum mehr sieht.

Wir haben nur wenige Artistenfiguren aufzu­weisen, Die sich bei uns einer gleichen Popularität erfreuten wie Die Familie Auriol in Frankreich. Zu nennen wären Der alte Ernst Renz, seine Schwiegertochter Oceana Renz, der alte Seil­tänzer Wilhelm Kolter, neuerdings der Uni­versalartist Sylvester Schäffer. Da reifte ein­mal Der berühmte französische Maler Horace (Bernet mit Der Schnellpoft von Marseille nach Paris. Unter Den Passagieren, Die mit ihm fuhren, befand sich auch em brutalschöner Mann, der im Kontrast zu feiner Körperbeschaf- fenheit eine eigentümlich bizarre, zur Grimasse neigende Beweglichkeit zeigte, die den Maler unwillkürlich interessierte. Dieser Passagier, dachte er, ist ein Original und kann, wenn zu nichts Besserem, eventuell als Opfer eines harmlosen Scherzes Dienen.

Und die Gelegenheit lieh nicht lange auf sich warten. Die Reisenden hatten vor einem Hügel den Wagen verlassen. An Der einen Seite Der

Chaussee befand sich ein ziemlich breiter Graben. Den Lernet, ein getoanDter Springer, mit Leich­tigkeit nahm. Er forderte den Mitreisenden auf, ihm zu folgen. Dieser zögerte.Ach so, Sie kön­nen nicht springen!" rief (Bernet herüber. Na, wenn Sie dieser Ansicht sind, so will ich es versuchen," gab der Geneckte zurück,aber unter der Bedingung, daß wir um etwas wetten meinetwegen um das Frühstück." Der Maler war Damit einverstanden, jener nahm unter all­gemeiner Heiterkeit Der Zuschauer Anlauf, lin­kisch zwar und schwerfällig, kam aber doch über den Graben. (Bernet mußte das Frühstück be­zahlen. 3m Laufe des Tages wiederholte sich der Vorgang. Der zweite Graben war aber be­deutend breiter als Der erste. Der Maler sprang toieDer mit Eleganz hinüber unD rief Dem anDem zu, ihm zu folgen:Wetten wir um das Diner!" Der arme Mann mußte sich entsetzlich anstren- gen, kam aber doch hinüber.

Man brauchte damals fünf Tage, um von Marseille nach Paris zu kommen. 3eden Tag wiederholten sich diese Szenen. 3n Paris ange­langt, meinte der Springkonkurrent zu dem Maler:Mein Herr, ich Dante 3hnen, dah Sie mich während der Reise so vortrefflich ver­pflegt haben; nun hoffe ich aber auch, daß Sie bei meinem Debüt nicht fehlen werden." 3hrem Debüt?"3a. 3ch bin Louis Auriol und im Zirkus Franconi als erster Bajazzo engagiert. 3ch befolgte den Grundsatz, der stets bei der berühmten deutschen Reitergesellschaft meines früheren Prinzipals Renz gilt: Rach dem Schwersten immer noch das Schwerere Hindernisse gibt es nicht..

Hochschulnachrichten.

Es haben Berufungen angenommen: Professor Dr. jur. Max Grünhut in 3 e n a auf den durch das Ableben des Geh. 3ustizrats E. Landsberg in (Bonn erledigten Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozeh; Geh. Rat Professor Dr. Her­mann Oncken in München auf Den Lehrstuhl der neueren Geschichte an Der Universität Berlin.