Ausgabe 
25.10.1928
 
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Hr.252 Zweites Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhesten) Donnerstag, 25. Oktober (928

Don unserem römischen ^»Korrespondenten.

Rom. Oktober.

In einem jener abgeschmackten Theaterstücke, die Berlin alljährlich als Repräsentanten der deutschen Kunst ins Ausland schickt, kommt ein Graf vor. Soweit nichts Besonderes. Run erhebt aber ein bürgerlicher Snob seine Augen zu dem Grafentochterlein, worauf die noch aus der Marlittzeit stammende Mutter des Ver­messenen die Arme ringt:Aber bedenke doch, figlio mio, ein Conte! Ein Eon te1

An dieser Stelle erhob sich in Rom allge­meines Schütteln des Kopfes. Unverständiges Grinsen. Wegwerfendes Ach'elzucken. Denn was ist das schon, ein Conte? Jeder Besitzer eines altersgrauen Landhauses ist Conte. Wie jedes erste Semester in Deutschland Doktor ist.

Vielleicht hat sich der Heberseher in den ita­lienischen Adelssitten und -Wappen nicht so recht ausgekannt. Ein richtiger Graf entspricht im Rom der zahlreichen Patrizier schon eher einem Prin­cipe, wie zum Beispiel der bisherige Gouver­neur Principe Potenziani seinem Rachfol^er Prin­cipe Boncompagni die Tore des Kapitols ge­öffnet hat. Conte hingegen kann auch ein Mann sein, dessen Vorfahren zu Beginn des vorigen Jahrhunderts noch mit Gipssigürchen handelten.

Denkt man noch an die zahllosen Marchese und Barone, so begreift man allmählich die g e r i n - ?ere Einschätzung des Adels in 3 ta­ten. Dasvon", dasde" vor dem Ramen hat schließlich alle Begriffe verwirrt besonders im Ausland, wo man allzuleicht geneigt und gewohnt ist. in einer einfachen Herkunftsbezeich­nung Wappenglanz zu wittern. Freilich tragen gerissene L<wte zu dieser kleinen Verwechslung bei, indem sie dasvon" geflissentlich betonen und auf der Karbe vom Familiennamen trennen, wo ernsthafte Schweizer im Gegenteil eine Zu- sammenziehlmg vornehmen, um ja nicht in einen falschen Verdacht zu kommen. In Lauterbrunnen zum Beispiel heißt jeder zweite Mann Don All- men, was durchaus nicht dasselbe ist wie etwa von Tavei oder von Sprecher, um wirkliche Adelsgcschlcchler zu nennen. Ebenso liegt es in Italien mit demde". Ein Blick ins Adreßbuch zeigt, dah die de und di und del und dello und delle annähernd so zahlreich sind wie anders­wo die Meier und Müller. Warum soll einer nicht von Capua sein, di Capua, oder von München, de Monaco? Sinnlos daher, D'A n - nunzio vorzuwerfen, er habe sich unberech­tigterweise ein Adelsprädikat zugelegt, obwohl er ursprünglich nur Rapagnetta geheißen habe, Rübchen. Rübchen hin, Rübchen her, mit dem Llebersehen kommt man nicht weit, denn schließ­lich heißt Annunzio auch nur Anzeige oder, zu deutsch, Inserat. Erst vor einigen Jahren hat Mussolini seinen Vorkämpfer adeln, zu einem Für st en vom Monte Revoso erheben lassen. Den einfachen Conte hätte er vermutlich abgelehnt...

Der Mißbrauch in der Führung von Adels­titeln, die lange Zeit mehr oder minder käuflich waren, die gewollte oder ungewollte Verwechslung von leichter erhältlichen päpstlichen Prädi­katen mit königlichen, die Sitte, Jnvesttturen, die vor der Einigung Italiens von den verschie­densten Regierungen des Landes unternommen wurden, ohne die königliche Sanktion zu über­nehmen, und andere Unregelmäßigkeiten der ver­schiedensten Art hatten schließlich eine derartige Adelsinflation bewirlt, dah man, eine stabilere Währung zu bekommen, heraldische Pro- vinzrommissionen einsetzte, die in jahrelanger Ar­beit eine gründliche Säuberungsaktion vornahmen. Das war im Ausgang des vergan­genen Jahrhunderts, 1894,95. Als Ergebnis der Arbeit von 12 Kommissionen lag 1922 der erste italienische Almanach vor, der amtliche Elenco Ufficiale Robiliare Jtaliano, eine nach Familien zusammengestellte A d e l s l i st e, die etwa zehn­tausend Ramen umfaßte.

Bald aber und gerade auf Grund dieses Elenco sah sich der Adel veranlaßt, eine Revision vorzunehmen, die eine Unterstützung erfuhr durch

Gerhard Menzel:Toboagan"

Erstaufführung im hessischen Landeskhealer.

Menzels SchauspielToboggan" wurde mit dem Kleistpreise ausgezeichnet.

Zehn Jahre ist das nun schon her, daß wir in den Schützenlöchern lagen, in Feuerstellungen hau­sten, in Unterständen und Telephonbuden hockten, hungrig, müde, blutig, dreckig, verlaust, Tag und Nacht von Mündungssener, Einschlägen und Leucht­kugeln geblendet, vom ewigen Krachen und Trom­meln, vom Schreien und Stöhnen zermürbt ... Zehn Jahre ist das her und noch länger, heute steht das alles wieder auf vor einer friedlich gesinnten Menge festUch gekleideter Männer und Frauen. Ist der Krieg schon Theater geworden?

Nein; aber wir sind, wie man sich überzeugen muß, auch heute noch nicht mit dem Erlebnis innerlich fertig geworden; noch immer betasten wir, überlebend und längst im Trockenen, was damals, im Inferno der vier furchtbaren Jahre, auf uns alle eindrang.

Ja, es scheint, als ob diese Frist erst habe ver­streichen müssen, um das Erlebnis, das übermächtig in uns war (und oft noch ist und bleiben wird für die kurze Ewigkeit unseres Daseins), zu gestal­ten, es in verständliche Worte zu fassen, einen Sinn im Sinnlosen zu finden.

Gerade die letzten Jahre haben ja immer neue Versuche gezeitigt, sich mit dem menschlichen Pro­blem des Krieges, mit der Fülle von ungelösten Fragen, die sich an das Kriegserlebnis knüpfen, in irgendeiner Form auseinanderzusetzen. Und es sieht so aus, als ob wir längst noch nicht alles gesagt, gefragt und zu Ende besprochen hätten. Viele wer­den sich von vornherein abwenden und nichts mehr hören wollen, wenn nur das Wort Krieg fällt; aber immer wieder tauchen welche unter uns auf, Junge und Alke, Miterlebende, Nacherlebende, Uebrr- lebende, die am Kriegserlebnis ersticken müßten, wenn sie nicht Worte fänden, zu sagen, zu fragen, anzuklagen oder Leid zu tragen, wie es nun einem gerade am nächsten liegt und am nötigsten scheint.

*

Gerhard Menzel, der mit diesem Stück aus namenloser Verborgenheit gezogen wurde, schrieb das Drama vom Artilleriehauptmann Hans To­boggan, der ein seltsames und erschütterndes Schick­sal im Kriege erfuhr; das Schauspiel eines Men­schen, der den Tod überwinden wollte; die über­

das 1924 herausgekommene Gesetz gegen den Mißbrauch der Adelstttel. eines der erstenRei- nigungsgesehe" des Faszismus. Richt, daß dem Mißbrauch immer eine unehrliche Absicht zu­grunde läge, er dient vielmehr einer begreiflichen Vereinfachung und wird mehr von den Bekannten des Adeligen getrieben, als von ihm selbst. In Italien steht nämlich das Recht auf das Adels­prädikat nur dem primogenito zu, dem Erstge­borenen, die übrigen Familienmitglieder müssen oder müßten sich vorstellen:Mein Sohn, Principe T. Mein anderer Sohn, Robile dei Principi T." Oder: Gestatten Sie, Robile dei Conti V- Robile dei Duchi. Robile dei Marchesi. Der eine also ist Fürst, Graf, Marchese, der andere nur Robile des Fürsten, Grafen. Mar­chese und so fort Eine Formelsteifheit, die dem Dokumentenschreiber weiter nichts ausmacht, im DaUsaal oder Salon aber unbequem wird, so unbequem, daß beide Teile, der sich Dorstellende wie der Dvrgestellte darauf verzichten und sich Herzog oder Baron nennen, wie der Erstgeborene auch.

Mussolini will das abernicht. Keiner soll mehr scheinen, als er ist. Der Duce hat die Aufstellung eines neuen Almanachs angeordnet, eines richtigen Gotha, in dem nicht mehr die Familien aufgezählt werden, sondern jeder Adelige einzeln mit feinem ihm zustehenden Ramen und dem des Großvaters. Damit man gleich die Dorkriegsconte erkennt.

Die Familienmitglieder erhalten nur das ihnen Persönlich zukommende, abgeschwächte Prädikat. Jedes Jahr wird die Liste unter Streichung der Abgeschiedenen erneuert und in neuer Auf­lage herausgegeben.

Außerdem wird den Revisionären scharf auf die Finger gesehen, hatten sich doch auch die 12 Provinzkommissionen vielfach nicht nur von Archiven, sondern auch von örtlichen Traditionen leiten lassen, wenn gerade keine Dokumente vor­handen waren. Run steht der Duce selber an der Spitze der Regia Consulta Araldica, unter­stützt von seiner rechten Hand, dem Unter ftaatd- sekretär Giunta. Bisher unterstand die Kgl. heraldische Consulta dem Innenministerium.

Rach einer Schätzung, die mir die Consulta selber gab, wird der neue Elenco gegen 40 bis 45 000 Ramen umfassen. Die Reuernennungen und die Anerkennung der vor der Einigung Italiens vollzogenen Adelsinvestituren gehören nach wie vor zu den königlichen Dorrechten, aber bei Ausübung der königlichen Dorrechte muh nach dem Gesetz, das am 20. September, dem Erinnerungstage an die Einigung Italiens, unter dem römischen Lldler, herauskam und Mussolinis Macht über die der Krone erhob, zuerst der faszistische Großrat gehört werden, also der Duce. Cäsar geworden, bestimmt der einstmalige Rebell also in Wahrheit auch über die Adelsrechte der Urgeschlechter.

Churchills Husarenritt.

Oie englischen Wahlen und das Reparationsproblem.

Don unserem ^.-Berichterstatter.

Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! London, Oktober 1928.

Die englischen Wahlen stehen nunmehr ernst­haft vor der Tür. Rur noch wenige Wochen liegen vor der Wiedereröffnung des Parlaments, das im Winter voraussichtlich feine letzte Sitzung vor den Wahlen abhalten wird, ba eine Früh- jahrssession kaum In Frage kommen dürfte. Das Interesse ganz Englands ist somit auf inner­politische Dinge beschränkt und in den Reden der Politiker spielt allgemach der Wähler und sein Interesse, d. h. auf deutsch seine wirt­schaftliche Lage und seine Besteue­rung, eine immer größere Rolle. Verständlich genug daher, dah die Außenpolitik des großen Landes zur Zeit wenig interessiert, und daß die britische Regierung das Bestreben zeigt, sich mög­lichst wenig um die Angelegenheiten von Län­dern zu kümmern, die von Großbritannien und seinen Steuerzahlern so und soviele Kilometer entfernt sind. Sie hat dieser Ansicht denn auch oft genug Ausdruck gegeben: Schon in diesem Frühjahr erklärte sie, die Rheinland­frage wäre nicht akut, und als das nichts half und diese Frage in Genf doch behandelt wurde, wandte sie das gleiche Rezept auf die Reparationsfrage an, von der sie er­klärte, daß sie für eineendgültige" Regelung noch nicht reif sei, bis sie schließlich Herrn Churchill, den britischen Schatzkanzler. nach Paris schickte, um doch mit einemmal eine aktive Politik, und zwar In einer zweifellos außenpolitischen Frage, mitten Im Wahl- kam p f zu beginnen!

Angesichts dieser Haltung kann man kaum annehmen, daß England sich be onders freiwillig zu einer Oltiioität entschlo fen hat. In England selbst hat denn auch Churchills Reise größte Ueberraschung hervvrgerufen. und selbst die offi­ziöse Times vermochte nur mit Mühe und Rot das unerUärllch plötzlich Aktive der Handlungs- weise Churchills vor ihren Le em zu entschul­digen. Eine neue Gelegenheit, schrieb sie etwas kläglich, sei gekommen und verteidigte Herrn Churchill mit der Behauptung, es gehe schließ­lich nicht an, dah England zahm und artig einem Uebereinkomrnen zustimme, einem Geschäft

HlJBWIUrana JUUIÄMIINIIM

menschliche, unheimliche und erschreckende Kund­gebung männlichen Willens, der ein weltaltes Ge­setz zerbrechen möchte: Hauptmann Toboggan will beweisen, aller Wissenschaft zum Trotz, daß gegen den Tod dennoch ein Kraut gewachsen ist der einfache Wille zum Leben.

Phantasie? Utopie? Vorstoß ins Uebersinnliche? Mag alles fein. Aber es kommt hier gar nicht so sehr auf den physiologischen oder klinischen Fall des Hauptmanns an; der könnte auf mancherlei Weise erklärt, verstanden und also als Erscheinung oder gar als Wunder abgetan werden; z. B. mit der einfachen Feststellung einer Fehldiagnose, einer überschätzten Verwundung, die nicht oder nicht so unmittelbar tödlich zu wirken brauchte, wie man annahm. Das kommt ja vor. (Werfel hat übrigens imTod des Kleinbürgers" einen ähnlichen Fall erschütternd beschrieben.)

*

Erstes Bild: Feuerstellung. Toboggans Batterien im Gefecht. Toboggan wird von einem Einschlag bei den Geschützen schwer verwundet. Dann im Gefechtsstand, tief unter der Erde: während der Regimentsstab die Geschicke seines Abschnittes leitet, liegt Toboggan nebenan und soll sterben. Nach dem Spruch des Arztes, nach menschlichem Ermessen hat er nur noch ein paar Minuten. Aber er stirbt nicht, er trotzt dem Tode, er reißt sich zusammen, rafft sich auf, wankt in die Stellung zurück, zu der Batterie, die nicht mehr auf sein Kommando hört: ein neuer Führer hat schon seinen Platz einge­nommen.

Da erscheint in der Nacht, wie ein Gespenst, von den Toten erstanden, der alle Hauptmann wieder, seinen Dienst zu tun, als ob nichts gewesen wäre. Aber er muß erleben, daß er gar nicht mehr mit- zählt. Er ist ausgefallen. Die Lücke ist schon ge­schlossen. Man rechnet nicht mehr mit ihm. Wenn er schon wirklich für kurze Zeit mächtiger war als der Tod: im Leben ist nun fein Platz mehr für ihn. Er steht, ausgeftoßen, zwischen Tod und Leben.

*

Auch im Etappenbahnhof, im überfüllten Warte- faal ist er nur ein Schatten, der nicht leben und nicht sterben kann, ein Irrer, einer der etwas abgektiegt hat da vorne für alle Zeit, den man adeln läßt, dem mcm ans dem Wege geht, weil er unheimlich ist.

Rach ta-gelangem Warten ans der vergessene-n Station halten versprengte Soldaten einen Zug

möglicherweise, das zwischen Deutschland und Frankreich (lies: also ohne England!) ab­geschlossen würde. Schliehlich habe man in Genf der Behandlung der Reparationsfrage nicht zu diesem Zwecke beigestimmt.

Das ist ein Wechsel in der britischen Außen­politik, wie er plötzlicher innerhalb von 24 Stun­den wohl seit vie'en Jahren nicht erlebt wurde. Denn noch 24 Stunden vorher hatte die eng­lische Regierung durch das gleiche Blatt er­klären lassen, daß siedie Zeit für eine aktive Behandlung noch nicht für gekommen" erachte, und daß man sich daheremstestens überlegen müsse, ob man nicht besser bis zu einem günsti­geren Zeitpunit war'.e"! Ja, das englische Des­interessement ging sogar so weit, daß man sich damit zufrieden gefea wollte,zuletzt feine Zu­stimmung zu den Dingen so zu geben, wie sie der Reparationsagent schließ ich mit Deutschland und Frankreich abmachcn" würde. Also ein Ver­zicht auf die Mitarbeit, wie er deutlicher kaum ausgesprochen toerben konnte, da man es sogar abgelehnt hatte, die kommende Reparationskon­ferenz in London statt!Inden zu las en. obwohl der Reparationsagent hierum ausdrücklich gebeten hatte, und statt dessen Berlin vorschlug.

Versucht man allerdings hinter die Gründe des plötzlichen Erwachens des britischen Löwen zu kommen, so ist das nicht schwer. Der Schlüssel für das englische Verhalten liegt diesmal eindeutig in der Finanzlage. Muß doch das kommende Budget des Schatzkanzlers Churchill die Platt­form abgeben, mit der die konservative Partei in den Wahlkampf zieht. Das Gerede um die Außenpolitik Großbritanniens, das z. T. hyste­rische Geschrei um die Schutzzölle, di? Furcht vor einer weiteren Bolschewisierung der Arbeiter­partei, und was sonst an innerpoli ifchen Fragen genannt werden mag, ist eben für den englischen Durchschnittswähler doch nur Humbug oder Bei­werk, im Poll ischon Kampfe er aubtes Mittel mehr nicht. Zählen tut im Wahlkampf al ein das Budget, der Staatshaushalt, wie er mit feinen verschiedenen Steuern den einzelnen Staats­bürger belastet. Das ist nicht nur gute alte englische Tradition, sondern ent pringt über­haupt der englischen Mentalität, di? in der Po- li.ik die Wahrnehmung geschäftlicher

an und fahren heim. Toboggan unter ihnen. To­boggan will zu seiner ©ehebten, zu Anna Ka- marra. Gleich nach der Verwundung hat er dem Adjutanten einen Dries für sie gegeben,... ein wenig zu früh, wie er bald merken muß.

*

In den letzten Bildern schrieb Menzel auf8 neue das Drama vom Heimlehrer, das oft und immer wieder und in mancherlei Gestalt und Ver- kleidung beschriebene, die Geschichte vom Totgesag­ten und Verschollenen, vom ewigen Enoch Arden. Zuletzt, vor Menzel, schrieb es Brecht.Trom­meln in der Rocht". Oder die Frau zwischen zwei Männern, älnd er wußte zuletzt die gute, di? be­freiende Lösung: wie das Mädch.n doch am Ende zu jenem ersten, alten und rechtmäßigen Ver­lobten heimsindet ...

Menzel spricht, mit nicht geringerem Anrecht aus Wahrhaftigkeit, ein bitteres R:in: Toboggans Anna hat ihren Hauptmann längst vergessen, zu den Toten geworfen, sich einen Da heimgebliebenen genommen, mit dem sie tanzt und vom Kriege nichts weiß. Auch hier hinten ist für Toboggan kein Platz mehr, auch hier ist er schon gestrichen und ausgetilgt; er ist lein Heimkehrer, sondern ein Wiedergänger, der Grauen und Abscheu er­weckt, statt Liebe und Trost, Zartheit und Frieden zu finden.

Was bleibt da übrig: Toboggan läuft, nun ganz entwurzelt, ohne Heimat und Hoffnung in die Rächt hinaus, immer weiter, fort fort, im Schneetreiben auf einem emjamen Weg bricht er nieder und stirbt.. .nun wirklich und oh e Wb er­stand, der Regel und dem ewigen Gesetz unter­tan: gegen den Tod ist doch kein Kraut gewachsen. Während der Schnee ihn zudeckt, kommen zwei nächtliche Spazierer vorüber, die nicht einmal nach ihm Hinsehen: Anna und der andere...

Dieses Ende Ist trostlos und voll unendlicher Bitterkett, dennoch wird niemand sagen können, alles sei nur eine Ausgeburt dichterischer Phan­tasie. Die nüchterne Wirklichkeit hat ähnliches oft genug Dorgelriüöet, und das ganze Stück macht auch nicht den Eindruck, als ob es am Schreibtisch hinter dem Kriege her geschrieben wäre; diese acht Bilder sind erlebt.

Ein Stück Tragödie blitzt auf; das Schauspiel von Toboggan würde von einer überwältigenden Symbolkraft sein, wenn es den Krieg als Gesamt-

Interessen des Staatsbürgers und damit des Landes sieht.

Eine Rachprüfung dieses Budgets, das allen kritischen Einwänden der Gegner gewachsen sein soll, ergibt nun überraschenderweise die erstaun­liche Tatsache, dah auch der Staatshaushalt des reichen England sich allmählich festzu­fahren beginnt. Man braucht höhere Ein­nahmen. Reue Steuern oder neue Zölle kann die konservative Regierung aber vom Lande, das gerade eine Herabsetzung der Steuern ver­langt, nicht fordern, da dies eine politische Un­zufriedenheit auslösen müßte, die eine Wahl­niederlage der Konservativen bedeutete. So bleibt einfach nichts anderes übrig, als alle? beim alten zu lassen und möglichst vorsichtig zu ope­rieren. Wenn in einer solchen Situation der Schatzkanzler davon hört, daß seine Einnahmen denn das bedeuten praktisch die Reparationen für England verringert werden sollen und noch dazu an einem Punkte, der Devisen­zahlen an das Ausland mit sich bringt, weil ja England alles, was es von Deutschland erhält, an Amerika weitergibt, so wird der Schah­kanzler selbstverständlich das Bedürfnis nach einer Aktivierung der Außenpolitik empfinden, um dieser Bedrohung zu entgehen.

Denn, darüber kann eben aus diesen Gründen kein Zweifel sein, einen Vorteil f ü r Deutschland bedeutet der plötzliche Wille Großbritanniens zu einer aktiven Politik in der Reparationssrage auf keinen Fall. Churchill wünscht die Einnahmen Englands, die nicht aus Steuern fließen, möglichst hoch zu halten, und wünscht aus diesem Grunde keine oder doch zu­mindest eine möglichst geringe Verminderung der deutschen Leistungen aus dem Daw'splan. Würde doch überdies eine Erleichterung der Belastung des deutschen Steuerzahlers nach eng i cher Auf­fas ung zu einer Verschärfung der wirt­schaftlichen Konkurrenz zwischen der deutschen und der englischen Industrie, und damit möglicherweise auch Eng'and zu neuen Wirt* * schaftskri'cn, führen, also das Budgec Churchills erschüttern. Eine endgültige Lösung der Repara­tionsfrage würde es England auch unmöglich machen, eine Revision seines Schuldenabkom­mens mit Amerika herbeIzuführen. Aus diesem Grunde ist Churchill gegen eine endgül­tige Lösung es sei denn, daß diese end­gültige Lösung sicherstellt, daß Deutschland eben so viel zahlt wie bisher.

So wenig sich heute bereits über das Ergeb­nis der kommenden Besprechungen der Sachver­ständigen für die Reparationekonerenz Voraus­sagen läßt, so wird hieraus doch bereits der englische Plan ersichtlich: die politischen Richt­linien. die England für die Sachverständigen festzulegen wünscht, sollen das Gelingen des deutsch-französischen Planes" (so sagt man in England in Wirklichkeit ist zwischen Deutsch­land und Frankreich ja noch keine Einigung er­zielt worden) unmöglich machen, damit doch wieder nur ein Provisorium, die Ausgabe der Cisenbahnobliga ionen. zustande kommt. And der englische Wille, diese Politik durchzusetzen, ist um so stärker, als er von einem innerpoliii'chen Mottv getragen ist, von dem Willen de" eng­lischen Kvn'ervativen. sich an der Macht zu ha'icn, und den empfindlichsten Punkt ihrer Stellung, das Budget, nicht erschüttern zu lassen. Gan; abge­sehen davon, daß es doch eben ganz unengli'ch wäre, wenn man eine so schöne Gelegenheit, die deutsch-französischen Gegensätze zu verti:fen. und damit England die Schiedsrichterrolle in Europa zu erhalten, vorübergehen ließe.

Oer Zeppelin in Zahlen.

Unser AufsatzDuralumin, über 50 000 Kilo­gramm schwer und doch leichter als die Luft" (Nr. 249 desG. 21." vom 22. Oktober 1928) hat uns eine Anfrage aus Kreisen unserer Leser­schaft nach der Richtigkeit der dort angegebenen Zahlen eingetragen. Wir veröffentlichen daher im folgenden das gesamte, uns für denGraf Zeppelin" zugängliche Zahlenmaterial, das wir dem Archiv für publizistische Arbeit entnommen ertebnis erfaßte, nicht als besonderes, zufälliges, einmaliges Einzelschicksal, als medizinischen und psychologischen Fall, der komm sein-rsglirichen hat ...

Ein Stück Trauerspiel, der Schatten eines tra- gischen Menschen, ein Zipfelchen vom apokalyp­tischen Ungeheuer Krieg; nicht eigentlich drama­tisch, eher monologisch, auch im rein Dichterischen nicht überall bewältiigt; doch bleibt zu bedemon, ein wie spröder Stoff hier in Worte umgeseht werden mußte.

*

Die Aufführung des Hessischen Landestheaters in Darmstadt war in großen Teilen ausgezeich­net. Sie wäre vollkommen gewesen, wenn der Regisseur Haenel alles herausgestrichen hätte, was schon beim Lesen nicht Funken schlägt und Gestalt bekommt.

Die Regie war übrigens für unser Gefühl etwas zu vordringlich und teufte in ihrer selbstbewußten technischen Sicherheit vom Eigentlichen ab. Wie die Feuerstellung, das Gefecht, der fah­rende Zug, der Tod im Schneetreiben szenisch bewältigt wurde, das alles war ein theatralisches Schauspiel für sich; die Bühnenbilder von R e i n - f i n g trafen Stil und Stimmung des Schauspiels ausgezeichnet.

Den Löwenanteil am Erfolg der Darmstädter Aufführung darf Fritz Volk in Anspruch neh­men. Er spielte die große und für das ganze Stück entscheidende Rolle des Hauptmanns Toboggan mit gesammelter Kraft und überzeugender Wucht des Willens, denncch geschmeidig in den Heber* gängeii, auch dem Zw.schengründigen und Schat­tenhaften der Gestalt durchaus gewachsen, er­greifend in der zunehmenden Vereinsamung, in der verzweifelten Verlassenheit am Ende. Wer gefühlt hat, wie seine Rolle im Buch oft nahe Snug daran ist, im Wortschwall den menschlichen

mriß zu verlieren, w.rd die hervorragende Lei­stung Dakks am besten würdigen. Reben ihm ist eigentlich nut noch Bestie Hossart als Anna Kamarra zu nennen; unserem Gefühl nach eine glatte Fehlbesetzung, jedenfalls eine Enttäuschung: blasse, blutlose, literarische Gestalt, aus der viel mehr herauszuholen gewesen wäre.

Der anhaltende Beifall zuletzt schien sich in erster Linie an die Ausführung zu wenden; Hauptdarsteller und Spielleiter mußten sich zeigen

Dr.Th.