Ausgabe 
25.9.1928
 
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ur' r. :;.'c Er'eicht:rungen zu verschaffen. Die V r: jin.r.t .na nimmt Denn auch den Gnlwur e in lein r> ^rund-ü>,e-.l zu. Li-? von b?r Drauindustrie . rs Äarr.mcrLt /tiä f,e. u ;:rten Wünsche sollen Durch Vermittlung d^s Bororts * des Hanhrls- kainmsrtaaes zur Kenntnis brs zuständigen TKi- niü^riums gerecht werden.

Cer Deutsche Industrie- unb HandelStag hat aui Grund t<ä Deschlu ses srineS Einzethan^els- aurschus'eS seinen Mitgliedern eine Reihe von Vorschlägen zur

Kenterung des Gesetzes über den unlauter)» Wetttewerb

zur Begutachtung vorgelegt. Die Dollversamm- lung saht hierzu die folgenden Deschlü fe:

1. Tic Kammer erklärt ihr Einverständnis mit dem Vorschlag, wonach in Zukunft alS 2lus- rerkäuse in öf entlichen Dekanntmachunaen nur solch« Deransta tungen drzeichnet werden dürfen, bei denen der Geschä tSbetrieb be endigt oder bei denen eine einzelne Waren- gettung auf^egeben werden soll.

2. Die Kammer kann unter k.inen Umständen dem Vorschläge zustimmen, wonach auch ander« Dera^altungen. welche bzn Eindruck eines Total- oder Tei auSverkou s erwecken, zuläs ig sein sollen, wenn ein sie rechtferti­gender Grund vorl egt.

3. Die Kammer spricht sich für ein gänzliches Verbot der Gewährung von Zugaben aus.

4. Die Kammer begrübt die Einrichtung von EinigungSämtern auf gesetzlicher Grundlage bei den Industrie- und Handelskammern, deren vornehmste Aufgabe eS sein wird, im LchieDSv erfahren die zahllosen Sonderver- kaufsveranstaltunaen.auf ein angemessenes Most zurückzusühren.

Die Kammer genehmigt den Kostenvoranschlag für die sich als notwendig erweisende Teilung der Untcrklasie der zwerjährigen Han­delsschule in zwei Abteilungen. Aus dem

Bericht der GeschästSführuag

ist folgende- hervorzuhrbrn: Die hessischen In­dustrie' und Handelskammern haben bei her Regierung eine Herabsetzung der Ge­bühren beantragt, welche dem Notar für die Beurkundung zum Schi fS-, Handel« , Genossrn- schosts-, Mu/ter- usw. Register zustehen, und gleichzeitig Vorschläge zur Qlenterung des in Frage kommenden Artikels 18. Abs. 1 Ar. 5 der Gebührenordnung für die hessischen Notare ge­macht.

Die in einer Vorlage des hessischen Herrn Iustizministers zum Gesetz über den Llrkundem- stempel vorgesehene Herabsetzung des Stem­pels für die Genehmigung deS Er­werbs von Grundstücken durch Aus­länder und juristische Personen auf 10 bis 1000 Mark ist von der Kammer unterstützt worden.

In einer ausführlichen Eingabe hat sich der hessische Industrie- und Handelskammertag gegen den dem Landtag vorgelegten Gesetzentwurf zu einer Aenderung des Ausführungsgesetzes über die Angelegenheiten der freiwilli­gen Gerichtsbarkeit ausgesprochen,- die Eingabe wendet sich im besonderen gegen die vor­gesehene teilweise Ueberführung der Tätigkeit der Notare z. D. bei Beurkundungen im Grund­stücksverkehr auf die Gerichte und die OrtS- oerichtsvorsteher, die vom Standpunkt der Wirt­schaft auS nur mit schweren Bedenken betrachtet werden kann.

Der Hessische Industrie- und Handelskammertag hat dem Entwurf eine« Gesetzes zur Abände­rung der Gewerbeordnung Hand­werkernovelle nunmehr zugestimmt, ob­wohl auch er die Lösung der alten Streitfrage l Fabrik und Handwerk nicht bringt. Immerhin - bedeutet der Entwurf in manchen Beziehungen ' einen Fortschritt gegen den bisherigen Rechts- zustand. So schafft er z. D. auch den Instanzenzug für die Beurteilung der Frage, ob ein Industrie- und Handelsbetrieb bzw. ein Gewerbebetrieb vor- liegt, in der von den Handelskammern gewünsch­ten Weise. Es kann nicht dringend genug ge­wünscht werden, dah der Gesetzentwurf sobald al« möglich vom Reichstag verabschiedet wrrd, damit endlich die dauernden Reibereien und Streitig­keiten zwischen Handelskammern und Handwerks­kammern aufhören.

Die seitens der Automatensabrikanten bean­tragte Ermäßigung oder Aushebung des Ur­kundenstempels für Automaten konnte von den Kammern im Interesse des Einzelhandels nicht befürwortet werden.

Das Mitglied der Kammer Herr Dankdirektor Griehbauer, ist vom hessischen Mtmsterium für Arbeit und Wirtschaft zum stellvertretenden Mitglied des nach der Verordnung über die Um- schuidungshilse für die Landwirtschaft zu bilden­den Kreditausschufses ernannt worden.

Die langjährigen Bemühungen der beteiligten Industrie- und Handelskammern um eine V er - befferung des Zugverkehrs zwischen Köln Siegen Gießen Frankfurt a. M. haben infofern zu einem schrittweisen Er­folg geführt, als die beteiligten Reichsbahn­direktionen die Berechtigung der von den Kam­mern beantragten Einlegung eine« Flügelzug<- Paares KölnSiegen zu den Zügen D 275/276 Dortmund HagenSiegen Frankfurt a. 'M. Freiburg anerkannt unb die sorgfältigste Prüfung deS Antrags zugesichert haben.

Die Kammer setzte sich gemeinsam mit den übrigen beteiligten Handelskammern für eine ganzjährige Führung deS Zug­paares D 15 3/154 Frankfurt a. M. Bremen ein. Die Hauptverwaltung der Reichs­bahngesellschaft hat diesem Antrag wenigstens teilweise ftattgegzben.

Die dritte Ortsbriefzustellung in Gießen ist nunmehr Wirklichkeit geworden: da­mit hat ein von der Handelskammer schon feit Jahren im Namen der gesamten Kaufmannschaft immer und immer wieder vorgetragener Wunsch endlich Erfüllung gesunden.

Dank der Bemühungen des Dnrtfchen Industrie- unb Hanbelstags als der Spitzenvertretung der deutschen Handelskammer ist eS gelungen, beim ReichSpostrniinsterum eine Verlängerung der Aufbrauchsfrist für von der Post als unzulässig erklärte Briefumschläge bis 31. Dezember 1929 zu err ichm.

Die Kammer hat den Deutschen Industrie- und Handelstag gebeten, beim Reichspostministerium darauf hinzuwirken, dah wieder die frühere forgfültige Behandlung der Ein­schreibsendungen eingeführt wird, um die seit Aushebung dieser Bestimmungen einsetzende Höhe der Derlustziffer wieder zu vermindern.

Da die Kammer verschiedentlich die Beobach­tung gemacht bat, daß die hessischen Anstalten unb Behörden ber Vorschrift, die sämtlichen hefft- schen Handelskammern von ihren Vergebun­gen und Ausschreibungen zu unterrich­ten, nicht nachkommen, sah sich die Kammer ver­anlaßt, den Herrn Minister für Arbeit unb Wirt­schaft zu bitten, seinen früheren diesbttüalichen Erlaß bei den in Betracht kommenden Behörden in Erinnerung zu bringen, was auch geschehen ist.

In Unterftüöung einer Eingabe des Herrn Oberbürgermeisters von Gießen hat sich dte Kammer für die Errichtung eines Nutz- und Zuchtviehhofes als eines Werkes eingesetzt, durch welches die Stadt Gießen zu einem Wirt­schaftszentrum von überragender Bedeutung und befruchtender Wirkung für ganz Hessen gemacht wirb.

Die Notlage der oberhessischen Da- saltindustrie hat die Kammer zu einer Ein­gabe an das Ministerium für Arbert und Wirt­schaft veranlaßt, worin sie der Zuversicht Aus­druck gegeben hat, daß das Ministerium die­jenigen Mittel und Wege ausfindig machen wird, welche einten gerechten Ausgleich zwischen den Lebensnotwendigkeit cn dieser Industrie und den Belangen des Staates und der Gemeinden herbei­zuführen geeignet sind.

Dte von dem Deutschen Industrie- unb Han­delstag eingeleitete Aktton zur Unter ft Übung der deutschen Schulen im Auslande, welche ebenfalls als Pioniere der deutschen Wirt­schaft angesprochen werden müssen, wird von den hessischen Handelskammern insofern unterstützt werden, als sie in ihrer Gesamtheit die Pfleg­schaft für dte deutsche Schule in Tien­tsin (China) übernommen haben.

Trotz des einmütigen Einspruchs aller Beruss- vertretungen hat das Reichsbahngericht in der Frage der Tariferhöhung im Sinne des Antrages der ReichSbahngesellfchaft entschieden. Damit wird dte deutsche Volkswiri- schaft vor neue Schwierigkeiten gestellt, die sich in ihrer vollen Tragweite vorerst noch gar nicht absehen lassen.

Auf Anregung des hessischen Industrie- und Handelskammertags hat im Ministerium für Ar­beit und Wirtschaft eine Besprechung in Sachen des Ankauf« de« S cheue r k vnz e rn s stattgefunden: an dieser Besprechung hat al« Sachverständiger für die oberhessischen Kammern

Herr Leopold Mäher teilaerwumren. Als Er­gebnis dieser Aus'prache stellte der Herr Minister als Richtlinie für die Stellungnahme der hessischen Regierung den einmütigen Protest gegen diese letzten Ende« auf ein Gctreidemonopvl abzielen - ben Bestrebungen fest

Auf Anregung der Gießener Dankenvercinizung wird bte Kammer in Gemeinschaft mit dieser einen Kursus über Bank- undDörsenwesen etwa Milte Oktober veranstalten.

Es hat sich im Laufe Der letzten Zeit her ausge­stellt, dah in immer mehr zunehmendem Umfange WechselunversteucrtanWarenliefe- ranten gesandt werden ohne dah sich dir Warenabnehmer darüber klar find, daß sie hier­durch gegen die Bestimmungen de« § 5 des WechselsteuergrietzeS gröblich verstoßen und in

Strafe genommen werden können. Sine wertere ^Infitie ist die Inzahlu nga a be vvrda- tierter Wechsel. Dabei scheint t

darüber au bestehen, dah bi: Laufzeit aller Dcch. sei mit dem Tage der latsächlichm Ausstellung oder Versendung beginnt. Da diese Mißstände im Wechselverlehr bi: ordnungsmäßige Abwrck- hmg ber Geschäfte erh blich beeinträchtigen, wer- den bi. rmit alle Empfänger von unversteuerten Wechseln cufge^rbert die Anaeie'.enheil. wenn nicht ohne weiteres die Abstellung deS Mangels durch den Aussteller erfolgt, der Kammer nnt- zuteilen. Die Kammer wird sodann b.e betreffende Firma aus da« Unzulässige ihrer Handlungs­weise Hinweisen und nötigenfalls mit den zustän­digen Behörden in Verbindung treten.

Arubauien im üeberlandwerk Oberhessen.

Das Lieberlandwerk Oberhessen hat sich im Baujahre 1928 zur Ausgabe gestellt, mehrere selbständige Betriebspunkte zu schaffen, von denen aus die Versorgung des LleberlandgebietS unmittelbar erdigen kann. Solche Betriebspunkte wurden in Friedberg. Nieder-Wöllstadt, Inheiden, Nidda und Lih- berg geschaffen. In den vier erstgenannten Orten wurden Schalthäuser mit einem Kostenaufwand von 300 OCK) Mk. erbaut, welche die Unterbringung neuzeitlicher Schaltanlagen gestatten. Diese Schalthäuser haben ein Doppel- sammelschienensystem, um alle notwendigen Trennungen im Versorgungsnetz durchführen zu tonnen. Sv wird z. B. das eine Sammelschienen- system die Industrie und Städte versorgen, wäh­rend das jeweils zweite Sammelschienensystem für die Versorgungsleitungen der einzelnen Orte und für die Freileitungen von weniger großer Wichtigkeit verwendet wird. Die Schalthäuser in Friedberg, Nieder-Wöllstadt und Iicheiden sind durch unterirdische Hochspannungskabel mit der Hauptzentrale in Wölfersheim verbunden und werden durch diese HochspannungSkabel ge­speist. Eine Unterbrechung der Epeiseleitung, dadurch, daß diese im Erdboden verlegt ist, kann durch äußere Witterungsunbilden. Be­schädigungen der Leitungen usw. nicht mehr erfolgen, da die Kabel ungefähr 1 Meter tief verlegt sind.

Gleichzeitig mit den Hochspannungskabeln wur­den Detriebsfernsprechleitungen in Kabeln verlegt, die eine ununterbrochene Fern­sprechverbindung auch in Störungsfällen ge­währleisten. Diese Fernsprechanlage ist mit einer modernen Telephoneinrichtung mit Selbstwähler­betrieb versehen, so daß eine Vermittlung der einzelnen Stationen untereinander automatisch erfolgt.

Die Kosten für die unterirdischen Kabelver­legungen zwischen den obengenannten Schalt­häusern belaufen sich auf Mark 900 000.. Ein Kilometer HochspannungSkabel erfordert einen Aufwand von rund Mark 27 000. bi« Mark 30 000.-.

Es ist vorgesehen, im Lause der Zeit diese Kabelverbindung noch zwischen Inheiden und Nidda und zwischen Nidda und Lißberg SuSzudehnen. Die verlegten Hochspan- mmg«fabel sind so bemessen, dah sie aus- reichen, ?»ie vier- bi« fünffache Leistung, die jetzt übertragen werden soll, transportieren zu können.

. Durch die Schaffung der einzelnen Betriebs­punkte werden Die Störungen, welche im Leitungsnetz in den Bezirken dieser Betriebs­punkte auftreten, auf ein Mindestmaß be­schränkt. Einmal auftretende Störungen durch WitterungSunbilden, bei Stürmen, Rauhreif ufw. können immer nur eine Leitung außer 'Be­trieb sehen: alle übrigen Leitungen eines Be­zirkes bleiben ungestört weiter in Betrieb. Die Entfernung eines Abnehmers von der den Strom liefernden Zentrale wird durch den Ausbau der einzelnen BetriebSmittelpuntte in der Provinz um viele Kilometer kürzer und dadurch die Stromlieferung viel sicherer.

Die Inneneinrichtung der einzelnen Stationen wird mit solchen Apparaten ausgeführt, die allen äleberspannungen, die in einem Netz auf­treten können, nach menschlichem Ermessen stand- halten müssen. Es werden neue Hochspan - nungs-Oelschalter mit einer großen Abschalt­

leistung. sowie andere moderne Hilfseinrichtungen zur Beschränkung der älebcrströMe-«nd tielter- fpannungen eingebaut Die Kosten für die Inneneinrichtungen der einzelnen Schalthäuser belaufen sich auf ungeübt Mark SCO 000..

In dem Wasserkraftwerk Lihberg de« äleberlandwerkes Oberhessen wird em neuer Maschinensatz ausgestellt, der zur Reserve für die vorhandenen Maschinen dient, um bei Außerbetriebsetzung eines vorhandenen Mafchi- nensatzes weiter die Krafterzeugung aufnehmen zu können. Die Kosten für Dielen dritten Re­serve-Maschinensatz belaufen sich aus ungefähr 200 000 Mt.

Sämtliche während der Kriegszeit auS- gebaute Fernleitungen in Eisen wurden gegen solche in K u pfer auSgewechselt. Es handelt lich Dabei um ungefähr 220 Kilometer, Dte im Verlaufe dieser Bauperiode ausgebaut und durch Kupferleitiingen erseht wurden. Die Kosten für dte verlegten Kupfer-Fernleitungen betragen ungefähr 300 000 Mk.

Heben diesen Neubauarbeiten hat das lieber» landwerk Oberhessen in dieser Bauperiode 2 8 bi« 30 größere Ortsnetze einer ein­gehenden Instandsetzung unterzogen, wobei, den Bedürfnissen der Abnehmer entsprechend, größere LeitungSquerschnitte verlegt wurden

Die Kosten Der .Heberbolungen der Orts­netze belaufen sich auf ungefähr 500 000 Mk

Bei Den Ortsnetzen mit einer Spannung von 220/127 Volt wurde begonnen, die heute nor­male Spannung von 400/231 Volt emzuführen. wobei die elektrischen Gebrauchsapparate, wie Bügeleisen, Kochapparate usw. auf Kosten des Heberlandwerkes auSgewechfelt werden. Die in diesem Jahre erfolgten Umschaltungen von Orts­netzen erforderten ungefähr 200 000 Mk.

Oberhessen.

Landkreis Gienen.

* Heuchelheim, 25 Sept. Heute nacht gegen 1 -Hbr wurde in der Scheune de« Pumpen- machers Germer. Bachstrabe 25, Feuer be­merkt, da« schon ziemlich stark um sich gegriffen hatte. 'Die sofort alarmierte Feuerwehr fand bei ihrem Eintreffen die Scheune bi« auf die Ballen in hellen Flammen. Das Gebäude brannte völlig nieder ES ist al« ein glücklicher Hmftanb au verzeichnen, daß die Scheune einzeln stand. Sie war tic einzige Scheune in diesem Winkel, D e durch die Brände in Den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts verschont geblieben war. Wenn auch das Feuer schon stark um sich gegriffen hatte, so gelang es doch der Feuerwehr, die schnell zur Stelle war. es auf seinen Herd zu beschränken. Der Sachschaden dürfte nicht allzugroß und durch Versicherung gedectt sein.

u. Klein-Linden, 24. Sept. Von bester Witterung begünstigt, hielt gestern vormittag der hiesige Radklub .Germania" sein dies- lähriges Herb ft rennen ab, das nur für Mit­glieder des Verein« offen war. Die Rennstrecke, rund 50 Kilometer, führte über Dutenhofen, Wetz­lar, Wei den hausen, Groß- und Klei n-R echten - bach, Niederkleen Pohl-Gön«, Kirch-GönS, Lang- Göns und Großen-Linden Die Ctted: stellte wegen ihres unebenen Gelände« und stellenweise schlechter Beschaffenheit der Straße hohe An­forderungen an Die Teilnehmer und ihre Maschn-

rötenb die Hände nach ihm streckte. Aber diesmal sah der Vater daneben. Sein starker, wuchtiger Kopf, byr in der Strenge und der Armut seiner Nuancen an altägyptische Porträtbüsten erinnerte, war nach vorn gerichtet, als ob er, Kurt Grottcck, gar nicht neben ihm existierte Wer war dieser junge Mensch neben einem Brodersen, dessen Reich­tum die ganze Stadt in Verwirrung brachte? Ein verkrachter Pianist, der von Gott weih was lebte.

(Erbitterung stieg in dem Spielenden auf. Er er­tappte sich dabei, daß er ein paar Takte übersehen bei einem Stückchen, das er sonst im Schlaf gespielt hätte, und er war dicht daran, mitten im Spiel auftuftehen und davonzulaufen. Aber der unglückliche Ansager sah ihn so vertrauensvoll an, dah er es nicht ferllgbefam.

Wie ein fremder Wandervogel schwebte Inge Brodersen über der alten deutschen Stadt über ihm über allen Wo tarn sie her? Wen (lebte jie? Konnte fie überhaupt lieben? Ihr verschlösse- nes Gesicht hatte genug Rätsel aufgegeben. Hatte sie nicht heute. In dem kurzen Augenblick, ihre Seele geöffnet? Ach, vielleicht erinnerte sie sich schon gar nicht mehr daran.

Und nun strömte die schimmernde Melancholie des Slawen breit und schwer wie ein Fluh der Ebene.

Fast hätte Ida Jester geklatscht, als er fertig war, unb der Ansager verspätete sich um eine ganze Minute, ehe er dte Fortsetzung de» Konzerts an- kündete.

Dreiviertel Stunde später verlieh Kurt Grotteck das Rundsunkgebäude. Sie Bureaus waren längst geschlossen, unb durch ein Versehen war die Hono- raranszahlung für die gelegentlich auftretenden Künstler unterblieben. Das war ein« schlimme Ge­schichte.

Er zählte seine wenigen Scheine zusammen In dem gleichen Torbogen, wo er vorhin dem Wagen Brodersen» nachgeblickt hatte. Diesem Wagen, der ihn um ein Haar gepackt halte, um ihn Dann in die Arme de» geliebten Mädchens zu schleudern.

Ein Motorrad knatterte heran, hielt mit einem Knall und blieb vor ihm stehen .Guten Abend, Baron. Sie auch hier?

Guten Abend, Haberfeld, dir wurden übrigens erwartet."

Ein Versehen der Programmleitung, verlassen Sie sich darauf. Mit uns Künstlern wird Schind­luder getrieben. Was aber machen Sie hier? Sie haben es doch nicht nötig, Pedale für Geld zu treten?"

Grotteck lächelte.Ich tue es auch nur aus sport­lichen Gründen." Damit verlieh er den verdutzten Geiger.

Der Platz war dunkel. Durch die Bäume schim­merte weiches Laternenlicht. Ein leichter Sprüh­regen fiel wie ein nasser Schleier herab. Herber Erogeruch stieg aus Den Rasenflächen der Anlagen.

Er schnupperte In der Lust. So roch es in seiner Heimat Grotthausen um diese Zeit. Er hätte viel gegeben, wenn er fetzt dorthin hätte gehen können und dann mit Mutter Arm In Arm über die Feldwege zum Wald, hinter dem die Weichsel ihre Bahn zog. Unb vor dem Schlafengehen eine aüe, feierliche Sonate und ein Glas guten Weins und ein lachendesGute-Nacht"-Sagen und bunte, leichte Träume! Wie lange war denn das her, dah er, gebläht von Hoffnungen, auf die Musikhoch schulen gereist war, erst nach Berlin, bann hierher ? Ein Grotteck muh auch mal was anders werden als Stoppelhopser , hatte die Mutter gesagt. Aber ein paar Tränen waren doch geflossen.

Arme, kleine Mama? Run sah er hier, festge- fahren, mit einer erheblichen ßebenspanne auf der Fahri, die mit Hundert begonnen patte. Unb es stand mit ihm fast so schlecht wie um Grotthausen.

Den Mantelkragen hochgeklappt, durchwanderte er ziellos die Gassen. Wo sollte er auch hin? Das einzige Ziel für ihn in dieser Stadt wäre das große gelbe Haus auf ber Höhe gewesen, wo auf schwarzer, ovaler Marmorplatte ber NameBro- dersen stand.

Auf einer Plakatsäule starrte ihn das Wort Alcazar" an. Hatte nicht heute einer davon ge­sprochen? Er schlug den Weg zu Dem etwas be­denklichen Lokal ein, wo die herben und die fiebrig- süßen spanischen Weine bei lärmender Musik ge­trunken wurden.

Er bog um eine Kirche, an einem Brunnen vor­über, in den alten Mauergang ein, der durch die Neste der einstigen Stadtmauer unb die Rückwände ber Häuser gebildet würbe. Der Gang war überdacht, eine dunkle Höhle, dte der beiden Laternen- flämmd)en spottete. Hier hielt sich kein Mensch gern

auf: bas Schweigen unb die Düsternis betonten die öde Verlassenheit zu beklemmend.

Grolleck phantasierte: Hier wurden «inst die Ver­urteilten zum Henker geführt, in eine mit allen Schikanen der Zell versehene, wohlassortierte Folter- kammer. Klang nicht noch das Schreien der Ge marterten, erlöst durch einen Zauber? Ein vor ttefflicher Ort für geheime Morde, die ewig den Täter unentdeckt ließen. Der Ermordete würde nicht einmal auf der Linse des brechenden Auges das Bild des Täters aufnehmen können. Grotteck ging langsam, das Gruseln der einsamen Höhle wol­lüstig genießend.

Als in diesem Augenblick in einiger Entfernung ein Schuß knallte unb Schreie aufbrachen, war er noch so im Bann seiner Phantasie, daß er, behag­lich lächelnd, weiterging. Aber nun näherten sich die flüchtigen Schritte eines Menschen, dem andere folgten.

Unwillkürlich drückte er sich in eine der vielen Nischen ber Mauer. Eine Männergestalt näherte sich ihm. Die Beine berührten kaum Den Boden. Er hörte deutlich das Keuchen einer um Atem rin­genden Brust. Ein Mann im bloßen Kopf folgte im Abstand weniger Meter, immer dasselbe Wort krei­schend, das er nicht verstand.

Der Dersolate war nun an ber Nische, er hielt einen Augenblick in seinem rasenden Lauf inne und drückte Grotteck ein Paket in die Hand. Dann rannte er weiter, den Lichtern xu, die, in ber Ferne eilige Straßenoasianten überflarferten. Aber nun roar der Verfolger, ein schlanker, mittelgroßer Mann, dicht an ihm.

Grotteck sah einen Wirbel von Körpern, die auf den Boden rollten. Er hörte ein hervorgeftoßenes: Das wollen Sie? Suchen Sie doch nach!" Und che er hinzulausen und die beiden trennen wollte! waren sie auf und davon, weggeweht wie Nebel im Wind.

Als Grotteck das Paket, bas in mehrere kleinere auseinanderftel, betrachtete, sah er durch die Lücken angerissenen Papiers v a n k n o t e n , deutsche und fremde.

_ Karl Grotteck ging langsam, schwankenden Schritts, wie ein Trunkener, weiter. Mechanisch stopfte er die Bündel bi die weiten Taschen des

Mantels. Sie bauschten sich auf. Er wagte nicht, umzukehren. Aber es schien ihm auch unmöglich, aus dem Dunkel des Ganges In die Lichtkreise ber Straße drüben zu treten, dort, wo Menschen gin­gen. die aufgespannten Schirme zwischen sich unb dem stärker nieberpraffelnben Regen.

Einen Augenblick wartete er noch auf die Wie­derkehr Des Mannes, der ihm das Paket in die Hand gedrückt, ober feines Verfolgers. Ader der Gang blieb leer, nun Doppelt einsam nach der auf« geregten Szene von vorhin. Und diese Leere unb Einsamkeit ftaa, nun peinigenb von dem lebendigen Auf und Ao der Straße da Drüben ab.

Plötzlich stieß in die Stille schmetternder Lärm. Eine gellende Musik warf Fetzen von Melodien m den Gang. Ein Klavier war au unterscheiden, eine verkratzte Violine, irgendein Schlaginstrument und da^weschen ber überakzentuierte Gesang weib­licher Stimmen.

Grotteck atmete auf. Hier irgendwo war ber hin­tere Eingang zumAlcazar . Vielleicht fand er Fährmann drinnen, unb er konnte sich mit ihm be­sprechen. Er stieg vier schlüpfrige Stufen empor und betrat die Wirtschaft.

Anfangs hinderten ihn dicke Rauchschwaden, etwas zu erkennen. Dann wurden kleine, runde Marmortische deuttich, umbrängt von trinkenden, rauchenden, schwatzenden Menschen. Und drüben, vor einem großen, halberblindeten Spiegel, saß die Kapelle in lächerlich bunter Kostümierung. Führ- mann schien nicht da zu fein.

Eine kräftige Gestalt drängte sich durch die Tisch- reihen auf ihn zu, unb eine fette Pratze ergriff Be­sitz von seiner Rechten.

Guten Abend. J)err Baron. Große Ehre. Drü­ben ist noch Platz."

Grotteck ließ widerftandslos feine Hand in der des Wirts, der ihn durch bas Lokal schleppte. Er lächelte: Quevedo fand immer noch Platz, auch wenn keine Zigarre mehr auf den Boden fallen konnte.

..Etwas zuiammenrücken, meine Herrschaften. Hier ist noch ein Stuhl. Bitte, Herr Baron.1*

Ehe Grotteck es sich noch überlegen konnte, fand er sich an einem Tisch sitzend, zwischen zrvei Gäste gedrängt, unweit der Kapelle.

(Fortsetzung folgt)

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