Nr 2Z? Viertes Biaff Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Samstag, 24. November 1928
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Die feierliche (Btöffnung des Kanals den 18. November. 8 Uljr morgens, in wässern von Jsrnailia angeseht. Es
Mahlung Frankreichs mit dem Kaiserllrme wohnen."
Ohne innezuhalten und ohne Niedergang sie fort:
„Meine vierte blendende Erinnerung — es ist die letzte — wird Sie ein wenig in
Die Feste der Kaiserin (Lugenie
Höhepunkte Ses zweiten Kaiserreichs. — Alles für Lulu!
richtige ägyptische Himmel, der sich über uns spannte: ein Feenwert von Licht, ein unvergleichlicher Glanz. Fünfzig Schiffe in Flaggen-' gala erwarteten mich an der Einfahrt zum Lim- sah-See. Meine Jacht, die „Oligle“, setzte sich sogleich an die Spitze des Zuges: die Jachten des Khedive, des Kaisers Franz Joseph, des Königlichen Prinzen von Preußen, des Prinzen Heinrich der Niederlande folgten mir auf weniger als Kabellänge. Das Schauspiel war von so wundervoller Pracht und verkündete so laut die Größe des französischen Regimes, daß ich nicht mehr an mich halten konnte: ich jauchzte vor Freude. Der schreckliche Alpdruck, der mir von Paris gefolgt war, war mit einemmal verschwunden, als hätte ein Zauberstab seine Wirkung getan. Damals habe ich zum letzterrmal geglaubt, daß meinen Sohn eine große Zukunft erwarte, und ich bat Gott, daß er mir in der schweren Aufgabe beistehe, die mir bald zufallen
der Kaiser im Sommer 1860 Savoyen ynö die Grafschaft Nizza besucht hrt, die er annektiert hatte: ich begleitete ihn. Das war keine Reise, sondern ein Triumphzug. Der Kaiser schien vom Glück wie verwandelt: er schien in einem Traume, in einer Verzückung zu leben. Mit einem Schlage hatte er alle Vorwürfe vergessen, die ihm der Friede von Villafranca eingetragen hatte. Ich war nicht weniger glücklich und erhoben als er. Nun hatten die Einwohner von Annecy für den 29. August, den Abend unserer Ankunft, einen Korso auf dem See veranstaltet. Eine ganze Flottille von leichten, mit vielfarbigen Lampions geschmückten Barken folgte unserer mit Purpur ausgelegten, von zwanzig Ruderern geräderten Gondel. Am Heck hatte man eine Art Hüttendeck hergerichtet, auf dem der Kaiser und ich majestätisch thronten. Am Himmel wimmelte es von Sternen. Barken mit Musikkapellen mischten sich in den Zug. Manchmal erleuchteten bengalische Feirer, feurige Girandvlen, Garben von Raketen die ganze Landschaft. Es war feenhaft. Da wir vorher an einer Galatafel teil genommen hatten, befand ich mich im Decollete, trug ich mein Diadem und meine schönsten sonstigen Schmuckstücke. Obgleich die Nacht heiß war, hatte ich einen großen, scharlachroten Burnus mit goldenen Fransen über meine Schultern geworfen. Um das Schauspiel besser genießen zu können, erhob ich mich auf meinem Verdeck. Sogleich rief man mir von allen Barken zu: „Es lebe die Kaiserin!" Ich strahlte vor Freude. Der Kaiser sagte mir: „Du siehst wie eine Dogaressa aus." Ich wähnte mich in der Tat auf dem „Ducentoro". Es fehlte nicht viel, und ich hatte den Ring in den See geworfen, wie es der Doge bei der Verlobung Venedigs mit der Adria getan hatte. Ich ich sah mich der ewigen Ver-
staunen setzen: Sie werden sie auf jeden Fall für reichlich verspätet ansehen: sie haftet am 18. No- vember 1869, an der Eröffnung des Suez-Kanals . . . 1869! Ein trauriges Jahr für das Kaiserreich! Im Ausland: ein drohendes Preußen, ein undankbares Italien, die anderen Mächte schmollend und grollend . . . Im Innern: die Unruhe, die Abneigung, eine unverschämte, übelwollende Presse, fortwährende Ausstände, lärmende Kundgebungen, das Regime von allen Seiten unterwühlt. Selbst diejenigen, die an der Erhaltung der Dynastie das lebhafteste Interesse gehabt hätten, ergötzten sich allwöchentlich daran, die „ßanteme“ Rocheforts zu lesen: eine Woge der Verrücktheit ging durch Frankreich. Zum Heberfluffe sah der Kaiser, krank, finster entmutigt nur mehr düstere Vorzeichen. Eines Tages reichte er mir eine römische Zeitung, eine unter der Zensur des Vatikans erscheinende Zeitung, und was muh ich darin lesen? Die Ankündigung unseres bevorstehenden Degräb- nissesl . . .
Der frühere französische Dotfchafter Maurice Paleologue hat in den ersten Jahren des Jahrhunderts mit der Kaiserin Eugenie eine Reihe von Gesprächen geführt, die er sofort möglichst getreu aufzeichnete. Sie zeigen die Spanierin, die der dritte Napoleon zur Kaiserin der Franzosen gemacht hat, als eine gute Franzöfin, die jede Gelegenheit wahmimmt, dem französischen Volk Dienste zu leisten.
Aus der deutschen Uebcrsetzung, die demnächst im Verlag Paul Aretz in Dresden erscheint, geben wir die folgende Schilderung der Höhepunkte im Leben dieser Kai'erin, deren Hof einer der glänzendsten Europas war. Auf die Frage Palho- logue«, welches die .strahlend st enStun- den ihrer Herrschaft" gewesen seien, antwortete sie, „ohne auch nur im geringsten zu zögern":
„O, vor allem die Taufe des Kaiserlichen Prinzen am 14. Juni 1856. Auf der Fahrt von den Tuilerien zur Notre-Dame sah ich mit dem Kaiser allein in unserer prachtvollen Hochzeitskutsche. Der Kai erliche Prinz, feine Erzieherinnen und feine Amme waren im folgenden Wägern Cs war gegen 6 Uhr abends. Stallmeister ritten neben unserem Wagen'chlag. Man begrüßte uns stürmisch. Die Sonne, die im Untergeben war, tauchte die Nivoli -Straße in Purpur: wir fuhren in blendendem Lichte dahin. Dicht bei mir sah der Kaiser, stille, nur mit der Erwiderung der Grühe befaßt. Auch ich sprach nicht, denn ein unaussprechlicher Jubel erfüllte mein Herz: ich wiederholte in meinem Innern: „Durch dieses Kind, durch meinen Sohn wird die napoleonische Dynastie in der französischen Erde endgültig Wurzel fassen, wie sich dort vor acht Jahrhunderten Äie Dynastie der Capets ein» gepflanzt hat: er ist es, der auf das Werk feinet Vaters das endgültige Siegel setzen wird!..." Und doch flüsterte mir eine geheime Stimme zu, daß dieselben Artilleriesalven, dieselben Glockenllänge. derselbe Prunk, dieselben Huldigungen des Volkes, die Taufe des Dauphins Louis XVII., des Königs von Rom, des Herzogs von Bordeaux, des Grafen von Paris begleitet hatten, Und was ist aus diesen armen Kindern ?,eworden? Das Gefängnis, der Tod, das Exll hat ie in seine Arme genommen!... Aber eine andere stärkere Stimme beruhigte mich wieder, lieh mir das Herz schwellen, erfüllte mich mit Vertrauen und Stolz... Am Schluffe der Zeremonie, als der Kaiser unseren Sohn auf seinen Armen in die Höhe hob, um ihn dem Volke zu zeigen, wurde meine Bewegung plötzlich so heftig, dah die Deine mir den Dienst versagten und ich mich raschestens sehen muhte...
Nach dieser großartigen Erinnerung ist die herrlichste die an das Tedeum anläßlich unseres Sieges von S 0 l f e r l n 0, das sich auch — am 3. Juli 1859 — Im Rahmen des Gewölbes von Notre-Dame abgespielt hat. Sie erinnern sich, daß mir der Kaiser während des Krieges die Regentschaft übertragen hatte. Ich habe mich also in meiner Eigenschaft als Regentin, an meiner Linken der Kaiserliche Prinz. In die Notre- Dame begeben. Niemand und nichts vermöchte die Begeisterung der Menge zu beschreiben. Zeitweise verursachten die stürmischen Zurufe der Menschen einen solchen Lärm, dah wir die Musikkapellen, an denen wir vorüberzogen, nicht hörten. ... Auf unserem Rückwege überschüttete man uns mit Blumen, sie verursachten auf den Kürassen der Leibgarde ein Geräusch wie ein feuerndes Maschinengewehr: un'er Wagen war voll von Blumen: mein Sohn sprang vor Freude in die Höhe, klatschte in seine Händchen und warf Kußhände in die Menge. Auch an diesem Tage empfand ich die erhebende Gewißheit, daß Gott meinem Kinde die ruhmvolle Mission der Krönung des Werkes seines Vaters Vorbehalten habe."
Sie hält einen Augenblick inne — die Lider geschlossen, die Wangen sehr bleich als ob sie die wbederbeschworenen Bilder der Vergangenheit bis ins tiefste Innere ihres Herzens aufwühlten. Dann fährt sie mit einer Art verlegenen Lächelns fort:
Nun will ich Ihnen meine dritte zauberhafte Illusion erzählen. Sie wissen, daß
Lache Bajazzo 1
Roman von 3- Schneider-Foersil.
Urheberrechtsschutz Oskar Meister, Werdau i. Sa.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Kopfschüttelnd sah er zu ihm auf. „Kaum von Belang, das mit dem Herzen. — Rein vorübergehender Natur! Aber das zuviele Trinken von Alkohol muht du fern lassen, Joachim. — Ich meine, du hast derlei Betäubungsmittel doch auch nicht nötig.“
Hettingen nickte zustimmend. „Also dann war die große Sorge um mein kostbares Leben überflüssig!"
„Besser zu früh als zu spät!“ Feßmann half ihm in seine Kleider schlüpfen. „Vielleicht siehst du im Laufe der Woche noch einmal herauf zu mir. Eine Untersuchung ist oft nicht maßgebend, und ich möchte gerade bei dir ganz sicher gehen."
„Dann werde ich also dieser Sage wieder- kommen. — Was schulde ich dir?"
„Hast du es darauf abgesehen, mich zu beleidigen?" fuhr der Dvltor auf. Auf seinen schmalen Wangen erschien eine zornige Röte, als Joachim ihm eine Hundertschillingnote auf den Schreibtisch legte. Mit spitzen Fingern schob er sie bis an den Rand, daß sie zwischen Boden und Schreibtischplatte zitterte.
„Nun?" Hettingens Gesicht stand ehrlich verblüfft. „Ich denke, den Beleidigten zu spielen, steht doch mir zu," sagte er erregt. „Du rechnest mich wohl zur Sorte jener, die da zu einem befreundeten Doktor laufen, in der Annahme, sich dabei das Honorar zu sparen!"
„Joachim!"
Der ließ ihn gar nicht zu Worte kommen. „Es ist selbstverständlich, daß ich ein zweites Mal nicht wieder den Weg in die Degenbacher Straße nehme. Jetzt, wo ich weih, wie du von mir denkst." —
„Aber, mein Alter, so laß doch mit dir reden — du--"
„Ich bin herausgefahren, weil ich zu dir Vertrauen habe und weil ich wußte, daß ich ein ehrliches Urteil von dir bekomme und well ich nicht zu irgendeinem Professor gehen wollte, der heute mit meinem Vater beim Dämmerschoppen sitzt und morgen meiner Mutter im Salon die Cour schneidet und pslichtschuldigst meldet: Ihr Herr Sohn würde besser tun, das und jenes zu meiden, haben Sie ab und zu ein Auge auf ihn!"
„Ist ja alles gu£ mein Alter" beschwichtigte der Doktor. „Wenn du mich durchaus bezahlen willst: zehn Schillinge. Das verlange ich als Honorar von den andern Patienten auch Mit einem „Mehr würdest du mich beleidigen."
Hettingen nahm die Hundertschillingnote, die ihm Feßmann reichte, suchte in seiner Brieftasche und zuckte die Achseln. „Es tut mir leid, Hans, aber ich kann's beim besten Willen nicht rechtmachen. Ich habe keinerlei Kleingeld bei mir. Aber die Sache ist nicht schlimm. Dann komme ich eben zehnmal. Zehn mal zehn ist hundert. Und wir sind wieder quitt.“
Feßmann suchte in feinem Blick. Aber Joachims Augen sahen ihm voll und ohne jeden Betrug entgegen. Trotzdem nahm er die Geldnöte mit einem förmlichen Widerstreben entgegen. „Wenn du wünschest, kann ich ja auch gelegentlicb einmal zu dir kommen, um nachzusehen, ob dein Zustand irgendwelche besonderen Maßnahmen erfordert. Es braucht ja niemand darum zu wissen. Ich mache dir lediglich eine Visite. Vorausgesetzt, daß es dir angenehm ist."
„Immer, Hans!"
Ein leises Klopfen ließ ihn aufhorchen. Die Türe wurde für einen Spalt geöffnet, und die junge Dame, die ihn empfangen hatte, spähte herein. „Wenn ich nicht mehr nötig bin, könnte ich jetzt gehen!"
Feßmann machte einige Schritte auf sie zu. „Ich werde ganz gut allein fertig. Auf Wiedersehen!"
mochte, wenn sich der Gesundheitszustand des Kaisers nicht besserte. . . Ein Jahr später waren wir entthront!"
Tagung derVehördenangestellten des Gaues „Hessen" im G. D. A.
In Wiesbaden fand die diesjährige © aufach- tagung der Behördenange st eilten des Gaues Hessen im G. D. A. statt. Die Tagung nahm zu den gegenwärtig im Vordergründe stehenden Fragen der Dehördenangestell- ten Stellung: insbesondere zu der Frage der zusätzlichen Ruhestands- und Hinter- bliebenen-Fürsorge und zu dem neuen Erlaß des Re.chsfinan^ministeriums vom 29. September betr. befristete Anstellungs- Verträge.
Geschäftsführer Jessen, Berlin, hielt einen Vortrag über: .,D e r Angestellte in der D e r w a l t u n g“. Unter Berufung auf Artikel 128 der Reichsverfassung legte der Redner dar, daß die Angestellten als Staatsbürger gleichberechtigt seien, auch beruflich in allen Verwaltungen tätig zu sein. Der Redner bestritt nicht die Rechte der Beamten, aber er lehnte den Begriff „Derufsbeamtentum" ab, well der Beamte kein Beruf, sondern ein Rechtstitel sei, den das Reich, die Staaten und die Gemeinden verleihen, um bewährte Arbeitskräfte zu erhalten und sie durch gewährleistete Rechte zu belohnen. Daran müßten auch die Angestellten in den Verwaltungen teinjaben. Der Redner forderte die Schaffung von Planstellen für die Angestellten in allen Verwaltungen des Reiches und der Länder.
Aus den Berichten der Vertreter der Ortsfachgruppen ging hervor, daß die Dehördenangestell* ten-Bewegung des ©. D. A. im Gau Hessen Fortschritte macht.
Cs wurde dann noch zu der Frage der Räumung der besetzten Gebiete Stellung genommen und Bericht erstattet über die Verhandlungen mit dem Reichsministerium für die befehlen Gebiete. Diese Beratung wurde zusammen- gefaht m einer Entschließung, die von der Versammlung einstimmig angenommen wurde. Die Entschließung lautet: „Gelegentlich der Hauptbetriebsratswahl 1928 im Bereich der Reichs* vermogensverwaltung haben die Funktionäre der
„freien Gewerkschaften" erl.ärt, da-h die Angestellten und Arbeiter der Reichsvermögensvev- toaltung erst dann mit ganzer Seele für die Räumung der besetzten Gebiete eintreten können, wenn ihre anderweitige Unterbringung gesichert sei. Die in Wiesbaden versammelte Fachgruppentagung „Hessen" der Dehörbenangestellten des Gewerkschaftsbundes der Angestellten hält diese Problemstellung für grundfalsch und rückt ausdrücklich von ihr ab. Für den G. D. A. steht an erster Stelle die Befreiung deutschen Bodens von fremder Besetzung. Selbstverständlich verbinden wir damit die Auffassung, daß der Tag der Befreiung nicht zu einem Sag werden darf, der für die Angestellten der Reichsvermögensrerwaltung und der Besatzungsämter Erwerbslosigkeit bedeutet. Der G. D. A. bringt der Reichsregierung und dem Reichstag das Vertrauen entgegen, dah rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergriffen werden, durch weiche die an Lebenserfahrung. Sachkenntnisse und Arbeitskraft ausgezeichneten Angestellten bei der Räumung der besetzten Gebiete in gleichwertigen Stellungen bei anderen Verwaltungen des Reiches, der Länder und Gemeinden untergebracht werden."
Kunst und Wissenschaft.
Ein Gießener Stadtbild.
Der bekannte Gießener Maler und Graphiker H. Mueller-Leutert hat eine Lithographie des Gießener Stadtbildes geschaffen, von der uns ein Probehanddruck vorliegt, und auf welche an dieser Stelle empfehlend hingewiesen sei. Da« Bild, in kleinem Maßstab gehalten, fast mmiatur- hast wirkend, ist aus großer Weite, etwa von den Kasernen aus. gesehen, und bezieht die umgebende Landschaft — Gleiberg, Dünsberg, Vetzberg und Napvleonsnase als rückwärtige Kulisse — in die Komposition ein. Hierdurch konunt die gerade im Gießener Stadtbilde so anmutige Verschmelzung von Orts kern und Weichbild, von Architekturmotiv und umgebender Landschaft besonders glücklich zum Ausdruck. Das Bild ist vortrefflich koinponiert, hat viele Tiefe und reizvolle Proportionen. Die Technik ist sehr sauber und erinnert in ihrer minutiösen Sachlichkeit an gewisse, filigranhaft behandelte Pflanzen- stücke, die man in einer früheren Ausstellung des Kunstvereins von Mueller-Leutert zu Gesicht bekam.
Buntes Allerlei.
Das Handwerk in der Sprache.
Im Zellalter der Maschine hat diese begreiflicherweise auch die Sprache beeinflußt und bereichert. Wenn wir z.D. ausdrücken wollen, daß ein Betrieb im Gange ist, sagen wir: die Maschine läuft, oft auch mit dem Zusatz: wie geschmiert. Dieser Vergleich war aber von jeher im Gebrauch, er ist nur auf die Maschine übertragen worden vom Wagenrad. Also steht hinter der anscheinend neuzeitlichen Redensart das Handwerk. Dieses hat unsere Sprache in einem Maße bereichert, dessen wir uns wohl nur selten bewußt werden. Sprechen wir von einem ungehobelten Menschen, so denken wir kaum an den Tischler oder den Zimmermann, der uns ja auch gelehrt hat über die Schnur zu hauen. Nehmen wir jemano in die Zange, so ahmen wir den Schmied nach: wir gehen aber irre mit der gleichbedeutenden Redensart: einen in die Kloppe kriegen. Dieses Wort ist nicht von klopfen abzuleiten, sondern sollte eigentlich „Kluppe" lauten, von Hieben, b. h. spalten; Kluppe oder Kloben hieß das gespaltene Holz, in dem sich die Vögel fangen sollten; 1502 wird in einem Gutachten über die Leipziger Universität der bedauert. der den Fakultisten in die Kluppe kommt. Welcher Gebildete kennt heute den ober die Haspel, mit der man den gesponnenen Faden von den Spulen windet, und doch haspelt er Auswendiggelerntes herunter. Im Elsaß heißt haspeln geschwind, überstürzt arbeiten, aber auch reden, Hasplerei schnelles Reden. Man kann auch im Schriftdeutschen ein Gespräch anspinnen, iroch geläufiger ist uns: eine Unterhaltung, ein Verhältnis spinnt sich an. Demselben Handwerk ist auch anzetteln zu verdanken: Zettel oder Anzettel heißt das zu einem Gewebe in die Länge aufgespannte ©am, der Aufzug, die Kette am
Webstuhl. Während anfbinnen auf etwas Feines und daher Heimliches hindeutet, wohnt dem Anzetteln der Nebenbegriff des Vielfältigen inne, da das Stammwort, mittelhochdeutsch und mundartlich zetten, den Sinn hat: ausstreuen, ausbreiten; verzetteln bedeutet in kleinen Teilen aus- einanderftreuen und so verlieren. Ein ganz anderes Verzetteln aber in der Gelehrtensprache, (die) Wörter eines Buches auf Zettel schreiben, leitet sich von dem Lehnwort Zettel her, mittel- lateinisch cedula, lateinisch schedula, Papier- blättchen. C. M.
Eine Bronze-Statue au» dem Meere.
Griechische Fischer, die am Kap Qlrtemifion in Euböa ihre Netze auswarfen, brachten mit den Fischen eine schön geformte Hand au« Bronze aus den Wogen empor. Daraufhin wurde auf dem Meeresgrund nach dem Kunstwerk gesucht, zu dem diese Hand gehörte, und man brachte eine acht Fuß hohe Statue aus Bronze empor, die einen bärtigen Gott darstellt. Wahrscheinlich handelt es sich bei dem Werk um eine Darstellung des Meeresgottes Poseidon.
Gemäldeauktion in Amsterdam.
Die Auktion der 68 Gemälde aus der fernes* Sammlung in Mün che n brachte einen Ertrag von rund eineinhalb Millionen Gulden. Nach der sensationellen Auktion der Sammlung Six, wo unerhörte Phantasiepreise gezahlt wurden, war der heutige Verlauf reckst ruhig. Den größten Betrag erzielte ein Gemälde Goyas mit 175 000 Gulden, ein Altarbild von Hans Dürer, die heilige Fami- lie darstellend, wurde mit 57 000 Gulden, das Urteil des Paris von Cranach mit 52 000 Gulden und das berühmte Gemälde von Jan Steen „Wie die Alten jungen, so zwitschern die Jungen" mit 41 000 Gulden verkauft. Die deutschen Museen haben sich an der Auktion, soweit bekannt ist, nicht beteUigt.
„Wer ist bas Mädchen?" frug Hettingen, als sich die Türe wieder geschlossen hatte.
„Meine Frau!"
„Hans! —"
„Ja!" Die festen weißen Zähne bes Doktors gruben sich Hari ineinander. Mit beiden Händen stützte er sich von rückwärts auf die grüne Platte des Schreibtisches, dah das Holz darunter krachte. „Niemand weiß es als du jetzt! Dich wollte ich nicht belügen.“
„Hans! Ich bin mit vollem Vertrauen zu dir gekommen, schenke mit nun auch das deine! — Hans!" bat er noch einmal, als Feßmann keine Miene 5um Sprechen machte.
„Was nutzt es, Joachim, wenn ich meine Schande hinausschreien wollte; denn du, gerade du würdest mich am allerwenigsten verstehen!"
„Ich banke dir für deine Ehrlichkeit. Also, so ferne steh ich dir!“
„3a, so ferne! In diesem Fall schon! Du hast noch nie erfahren, was Not heißt! Du nicht! •ilnd hungern und am Verzweifeln sein und nicht mehr aus und ein wissen! Und vor dem Tode kriechen wie ein Hund und mit sich selber feilschen um das bißchen Leben, das doch feind mehr ist!"
„Hans! — Und das alles schleppst du auf deinem Rücken?"
»Das alles und noch viel mehr! — Ein Weib haben, Joachim — ein Weib, das kaum zwanzig Jahre zählt und dem man einen ganzen Hirnrnri zu Füßen legen mochte und dessen Leben man von Tag zu Sag mehr erloschen sieht — vor Hunger, Joachim! Und Not und Elend und Verzweiflung!"
„Und jetzt? — Wo ist sie dinge gangem?“ fragte Hettingen erschüttert.
„Zu anderen Leuten, um deren ungezogene Rangen zu beaufsichtigeir, während sie im Theater sitzen!"
„Höre!" Joachim faßte gebieterisch nach den §üften des Doktors und drückte ihn auf das harte ofa nieder, das quer ins Zimmer gestellt war.
„Jetzt will ich alles wissen! Die ganze Wahrheit! — Und wenn's dich hernach reuen sollte, dich mir 'anvertraut zu haben, kannst du mich niederschlagen, damit ja kein anderer mehr davon erfährt. Denn um das „Nichtwissenlassen", um das ist es dir doch einzig und allein zu tun.“
Der Doktor nickte gequält. „Die ganze nackte Wahrheit willst du wissen, Joachim? — Sie ist so nackt, daß es unmoralisch ist, sie bei hellem Sage zu beleuchten!"
„Cs dämmerte schon, Hansl Wir können auch noch warten, bis es bunÖer ist. Aber hören will ich sie!"
„.Unter einer Bedingung!"
„Die wäre?"
„Dah du nicht den barmherzigen Samariter spielen willst, wenn du alles weißt, — — daß du mir dein Mitleid nicht aufdrängst und keinerlei Almosen, es sei auch in welcher Form."
„Gut!--Ich verspreche es! Du sollst dich
nicht zu beklagen haben, daß ich mein Wort nicht halle.
• Feßmann drückte die Schultern krampfhaft nach rückwärts, ehe er zu reden begann. „Also — ich bin — wie man zu sagen pflegt, auf dem Hund: mit mir ist es aus und Schluß! — Srauer- choral und Jubelchor! Alles zugleich. — Ich bin Doktor geworden, in der Annahme, daß dann alle Not mit einem Schlage zu Ende wäre. 3n Wirklichkeit ist sie da aber erst eigentlich angegangen. — Merne Frau ist Offizierswaise. Du kannst ermessen, was das heißt! Erst war sie „Schwester" bei mir; hat die Patienten empfangen und mir Hilfereichungen getan. Als ich fcch. daß ich sie nicht mehr bezahlen konnte, kündigte ich ihr. Es ging nicht anders. -- Sie bat mich, bleiben zu dürfen, nur um das tägliche Brot. Ich wußte es ganz gut, was sie hielt. Sie liebte mich! 2lber ich ließ es mir nicht merken, daß es mir ebenso erging. Eine Heirat wäre der Gipfelpunkt des Wahnsinns gewesen!"
„Und doch," sagte Hettingen mit leisem Vorwurf.
(Fortsetzung folgt.)


