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die Gewissenszüchterei im alten Staate. Der neue Staat steht nicht dahinter zurück, worauf ich hier nicht näher eingehcn kann, Jedenfalls wird er sich damit ebensowenig Liebe erwerben, wie der alte Staat. Lind es wird von den zufälligen geschichtlichen Konstellationen abhängig sein, ob er bestehen bleibt, nicht von seiner eigenen inneren Kraft und Würbe. Wenn er sich aber anmaht, der Wirtschaft gebieten zu wollen, so gibt er sich dem Wahne hin, Herr über die Naturgesetze zu sein, was unter allen Umständen zur Kata­strophe führen muh. Wenn der Staat die Ar­beitszeit festseht und den Lohn bestimmt, bann muh er auch die Preise für die Erzeugnisse festsehen, die diesen Lasten entsprechen. Dies letztere aber kann er nicht und tut er nicht. Denn darüber gebieten höhere Gewallen, unab­änderliche Naturgesetze, die keine menschliche Willkür meistern kann. Darum aber soll er auch seine Hände lassen von den Voraussetzungen und Bedingungen, die den nicht zu meisternden Prei­sen zugrunde liegen müssen.

Wer aber soll darüber entscheiden? Die freie, unbeeinfluhte Verantwortung der beteiligten Wirtschaftsgruppen, in deren Entschließungen we­der der Staat, noch die öffentliche Meinung, und auch keine Sympathiekundgebungen und Hilfsaktionen eingreifen dürfen. Die dolle, un­geteilte Verantwortung muh auf den Sachver­ständigen der Wirtschaft rufjen. Die Gelehrten sind sehr empfindlich, wenn ihnen jemand in ihr Fach hineinreden will. Wie kommen sie zu der Kühnheit, sich ein Urteil über die Wirtschaft an- zumahen? Glaubt man, bah diese weniger schwie­rig und fein fei als ein Spezialfach der Wissen­schaft ? Ich meine doch, wenn irgendwo, ist hier die geschulteste Sachverständigkeit notig, um sich ein Urteil und einen Eingriff auf Grund dieses Urteils zu erlauben. Und wenn man sagt, die Wirtschaftsführer seien zwar lluge Leute, aber sie seien man sagt das zwar nicht, aber man meint es, und ich spreche es offen aus sittlich minderwertig, sie hätten keine soziale Gesinnung, kein Vaterlands- und Staatsgefühl so erlläre ich: diese Annahme ist eine sträfliche Ueberhe- bung, die durch nichts gerechtfertigt ist. Diese Männer können es im Ernste ihrer sittlichen Ge­sinnung mit allen anderen Berufen aufnehmen.

Ich bestreite mit aller Entschiedenheit, bah Demokratie und Dilettantismus gleichbedeutend sei. Wir sehen auf allen Linien den Dilettantis­mus sich erheben und das Leben immer weiter erobern. Die Gefahr einer Staatsverwaltung, die von sachkundig nicht txorgeEEbetcn Beamten durch­setzt ist. liegt auf der Hand. Die wenigen bewähr­ten Ausnahmen, und manchmal sogar vorzüglich bewährte Ausnahmen, können die allgemeine Ge­fahr dieser Maßnahme nicht aufheben. Die wissen­schaftliche Medizin wird vom Kurpfuschertum immer weiter zurückgedrängt. Der wissenschaftlich gebildete und technisch geschulte Berufsrichter muh cm Laienrichter immer weiter das Feld räumen, was ich für den Anfang vom Ende halte, für den Beginn des kulturellen Verfalls. 3n die Wirtschaft vollends glaubt jeder hineinreden zu dürfen. Namentlich ist in den Massen ein wahr- 6oft verhängnisvoller Hochmut in dieser Hin­sicht gezüchtet worden, der die gesamte deutsche Wirtschaft mit dem Tode bedroht.

Sagt man aber: zu oft haben die Wirtschafts­führer erllärt,Untragbar", und doch hat die Wirtschaft trotz der auf gezwungenen Lasten wei­terbestanden und sogar geblüht, so dah die Autorität der Wirtschaftsführer gründlich er­schüttert ist und man ihren heutigen Erklä­rungen nicht mehr glauben kann, so ist folgen­des zu bedenken. Dor dem Kriege befand sich Deutschland in einem erstaunlichen wirtschaft­lichen Aufschwung, baß alle Erwartungen immer wieder durch ungeahnte, nicht voraussehbare Er­folge übertroffen wurden. Durch ständige In­tensivierung und Ausdehnung der Wirtschaft, durch unausgesetzte Verfeinerung und Erweite­rung konnte die Wirtschaft immer wieder die ihr auf erlegten Lasten tragen. Heute aber lie­gen die Verhältnisse wahrlich anders. Von den Neparationslasten hat die Industrie einen be­

trächtlichen Anteil aufzubringen. Riesenhaft sind die Lasten der sozialen Fürsorge angewachsen, sie haben 41 . Milliard. jährlich überschritten, wovon wiederum' ein erheblicher Teil auf die Industrie entfällt. Vor allem aber, die deutsche Industrie hat fremdes Kapital in größtem Umfange in sich aufnehmen müssen. Sie ist ke ine freieWirt- schäft mehr, sondern front in fremden Dien­sten. Und es sind gestrenge Herren, denen sie fronen muß. Ich will nicht in denselben Fehler verfallen, den ich hier rüge. Ich weiß nicht, wo die Grenze ist. wievill der Wirtschaft an Lasten xugemutet werden kann. QEber die allge­meine Lage muh außerordentlich vorsichtig flim­mert Darum mahne ich zur Enthaltsamkeit und Behutsamkeit und rate, in einer so gefährdeten Zeit sich dem Urteil der Sachverständigen zu unterwerfen. Man nimmt andernfalls eine Verantwortung auf sich, die man niemals verantworten kann.

Was mich aber so besorgt macht, ist die An- schauung, der unmittelbare Anblick des rheinisch- westfälischen Inbustriegebietes. Die Geschichte weiß von ehemals reichen und blühenden Land­schaften zu erzählen, die die üppigste, ertrag­reichste Wirtschaft bedeckte. Und später lag alles verödet und abgestorben da. Für solche Wandlungen sucht man meist naturgesehlich-geo- araphifche Veränderungen als Ursachen auszu- trnb-en: Veränderungen der klimatischen Verhält­nisse, die Erschließung neuer Aohsto.fgebiete, die Erö^nung neuer Der.ehrLweae und anderes mehr. ES mag das alles richtig fein. Sehr häufig aber sind es auch die politischen und wirtschaftlichen Torheiten der Menschen gewesen, falsche politische und falsche wirtschaftliche Maßnahmen, die einst blühende Geftlde in kürzester Zeit in eine öde und starre Wüste verwandelt haben. Ich werde die Besorgnis nicht los, ob es dem großartigen deutschen Industriegebiet deS Westens nicht ähn­lich ergehen könnte. Zeche nach Zeche, Hütte nach Hütte wird stillgelegt. Es ist ein wahrhaft schauriger Eindruck, toemi man die toten Ruinen in die Luft ragen, wenn man die ausgsstoröenen Hallen, das verrostende Eisen liegen sieht. Jeden nachdenklichen Betrachter muh ein eiskalter Schauer überlaufen. Die verfallenen Ritterburgen umschwebt der Hauch der Romantik: versunkene Zeit. Hier aber sieht man sterbendes Leben. Eben noch alles in feuriger Bewegung und als­bald hoffnungsloser Verfall. Und glaubt man etwa, daß die Wirtschaftsführer die Tore der Werke schließen und all die reichen, großen Werte, die einst in diese Werke hinein gelegt und hineingearbeitet waren, aus reiner Bosheit Preis­geben? Es müssen doch unausweichbar zwingende Gründe vorliegen, die sie zu so schweren, opfer- vollen Entschlüssen drängen. Wird wieder eine Zeche oder ein anderes Werk fttHgelegt und da­mit der Verwesung Übermassen, dann schreit alle Welt und zetert über den unsozialen Geist der Wirtschaftsführer. Als ob sie die Macht hatten, ein nicht mehr ertragfähiges Werk über 'Wasser zu halten. Niemand fragt danach, ob nicht die wirtschaftlichen unb sozialpolitischen Maßnahmen, die der Dilettantismus und die polftische Ver­blendung der Allgemeinheit, der Massen getroffen hat, so furchtbare Zerstörungen erzwungen haben, durch die ein Glied nach dem anderen von dem deutschen Wirtschaftskörper abgehauen wird. 2Han mag sich damit trösten, daß die erfolgten Still­legungen nichts Ernstes und Bedrohliches xu bedeuten haben, dah nur veraltete und unbrauch­bar gewordene Werke ausgeschaltet werden, um mit den anderen, mobemer ausgestatteten besto rationeller und erfolgreicher xu arbeiten. Da­mit kann man sich trösten und damit tröste ich mich selbst, wenn ich die unheimlichen Ruinen stehen sehe. Aber es könnte auch anders sein. Diese Stillegungen könnten der erste Anfang vom Ende des Ganzen sein. Wer will das wissen? Wie, wenn einmal plötzlich, was durch­aus nicht unbenfbar ist, bte gesamte deutsche Wirtschaft des Westens zum Sterben käme, was eintreten muß, to^nn die zarte Grenze der Er­tragsfähigkeit überschritten wird. Immer noch ein bischen und immer wieder ein bischen lädt man

der Wirtschaft auf. Wie, wenn auf einmal der Quell versiegt und vollständige Dürre ein tritt? Ich kann die düstere Sorge nicht bannen: wie die Verblendung das deutsche Voll um feine politische Grobmachtstellung gebracht hat, so könn­ten Torheit und Verblendung zum zweiten Male Hand anlegen und auch die wirtschaftliche Blüte

und Kraft vernichten.Rasch tritt der Tod den Menschen an, nicht nur den einzelnen, sondern auch bte menschlichen Gemeinschaften und Ge­meinschaftsleistungen. Das bedenke man. Man sei nicht allzu vertrauenSsellg. Man spiele nicht mit dem Feuer!

JMel-Ecke.

Kranzrätsel.

Dahlie Edelweisz Efeu Ehrenpreis Enzian Erika Geranie Iris Kamelie I .yrte Narzisse Nelke Nachtviole Rose Tulpe Usambara­veilchen.

Aus vorstehenden Blumen winde man einen Kranz zum Totenfest. Die Verwendung der Blumen hierzu muß in bestimmter Reihenfolge vorgenommen wer­den. Die Anfangsbuchstaben, zusammengestellt, sagen uns bann, in welchem Sinne die Niederlegung er­folgte.

Magisches Kreuz- und Quer-Wortratsel.

10

7 9

iz n

<3

W

3

Die Wörter bedeuten:

Von links nach rechts und von oben nach unten: 1. Einfriedigung: 2. Küchenpflanze: 3. Blutgefäß: 4. Nervenzentrum: 5. Koralleninsel; 6. musikalische Bezeichnung: 7a, preußischer Kriegs- minister aus großer Zeit; 7b. Gleichklang zweier Worte: 8. Gedichtart: 9. Nebenfluß der Elbe; 10. andere Bezeichnung für Haß: 11. umstrittenes Ge­biet in Asien: 12. Raubvogel: 13. Papageienart.

Die Diagonale AB nennt einen europäischen Staat.

Scharade.

Jagst du, so richt' auf die erste den Blick: Fischest du, wär' eine zweite dein Glück. Soll dir das Zogen und Fischen gedeihn, Darfst du vor allem ein Ganzes nicht fein.

Oft wird die erste des Schießenden Beute, Oft auch gelingt mit dem Netze die zweite. Schwerlich wird aber eins-zwei was erwischen, Fehlt doch die Ruh' ihm zum Jagen und Fischen.

PflastersteinrStsel.

Die nachstehenden zwölf Buchstaben:

aeeeeegjo r s t

e

d

e

h

s

i

n

i

n

n

r

e

n

pflastere man in die vorstehende Figür ein. Ist dies richtig oorgenommen, ergibt das fertige Pflaster ein Sprichwort.

Auflösungen.

Silbenrätsel.

1. Wiege; 2. Andersen; 3. Leibniz; 4. Trense;

5. Elwin; 6. Reling; 7. Viereck; 8. Orgel; 9. Niobe;

10. Devise; 11. Esra.

Walter von der Vogelweide.

Leistenrätsel.

m | i | 1 c h

Zweisilbige Scharade, r. er(r)mann.

Kreuzworträtsel.

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Kiosk Polka Oper Talent Echo

Kalif Einkauf Zange Titel Beruf Klinke Torgau Hupe Diener.

Kartoffelfeuer.

Doppelfinnrätsel.

1. Münster; 2. Aue; 3. Ruhr; 4. fise; 5. Eiche;

6. Nachdruck; 7. Flegel; 8. Aar; 9. Ente; 10. Diele;

11. Erika; 12. Note.

Marienfaeden.

Die Narrenkappe.

Splitter und Sparren dom RedattionStifch.

Sport und Spiel.

Riesenfpannung liegt über der Arena. Dr. Wichmann und Houben liegen Im Endlampf über 100 Meter. ... Da überspurtet Wichmann Hou- ben, zieht in großem Stile an ihm vorbei, wirft sich mit keuchender Brust inS Ziel, durch- reiht das Band und fällt erschöpft auf die Asche.

Sagt Herr Müller auf der ersten Tribüne zu seiner Frau:

Ach was, em eigener Wagen is doch besser! ..

Derselbe Herr lacht sich beim Sportfest bet Junioren rechtwinklig. Auf dem Rasen stehen zwei Mannschaften zu je zwölf 3mrioren und machen Tauziehen. Rot sind die Gesichter von der Anstrengung die Kräfte sind gleich ver­teilt, das Tau weicht nicht von der Stelle.

Meint Herr Müller $u seiner Frau:

Öle werden ja doch em Messer nehmen müssen! Unvernunft!" (ßuft. *BL)

Zusammenstoß.

Haus v. Bülow war nicht nur ein hinreißender Dirigent, sondern auch der geistvoll-höflichste Gro­bian. Eine schmale, schlecht beleuchtete Treppe hinaufttürmend, fließ er mit einem herabeilenden Herrn unsanft zusammen.Schafskopf!" brüllte ber Unbekannte. Bülow zog mit geto Innen ber Höflichkeit den Hut:v. Bülow ..." (Jugend".)

Gießener Gtaöttheater.

Alfred Neumann:Der Patriot".

Wenn man einen Eierkuchen machen will, muß man Eier zerschlagen."

Graf P ah l e n , 1801.

Zuvor: man wolle den Verfasser dieses Stückes nicht mit seinem Namensvetter (Ro­bert) verwechseln, der mit herrlichen Parodien fepr bekannt wurde. Alfred Neumann schrieb vor allem den RomanRebellen", den RomanDer Teufel" 1926 mit dem Kleist- Preise ausgezeichnet, und denPatrioten".

Sein Stück*) ist ein gutes Stück, Theater­stück, Historie, Charakterspiel. Es erhebt, sehr frei nach Schiller, die Bühne zur pädagogischen Anstalt: die Leute lernen ost besser und meistens toilliger Geschichte auf dem Theater, als aus Lehrbüchern.

»

Das Historische, von dessen .Heberlieferung Neumann wenig abweicht, versammelt sich um bte Gestalt bes Zaren Paul, Sohnes der großen Ka­tharina und PeterS HL, der, wie er und an- bere vor ihm unb nach ihm. keines natürlichen Todes starb. Paul I. war ein schlechter Cha­rakter unb ein schlechter Fürst, ein Produkt feiner Erziehung, bas gehaßte und verbitterte Kind feiner Mutter, die lieber ihren Enkel auf dem Thron gefeljen hätte. Paul war ein gewalt­tätiger Mensch; in ihm verbanden sich unheil­voll die Feldwebelinstinkte Friedrich Wil­helms I. unb der Cäsarenwahnsinn des schreck­lichen Iwan. Man kann fast sagen: sein schlim­mes Ende war zum mindesten in Rußland vorauszuschen. (Hier liegt übrigens eine der leisen Schwächest im Stück.)

*

Man erlebt die Geschichte eines Staatsstrei­ches, einer Palastrevolution, einer Empörung . . . aus edelsten Beweggründen heraus, wenn man der Deutung Neumanns glauben darf: aber der laßt selber zuletzt seinen Pahlen ein kleines Fragezeichen machen hinter den Chrenbeinamen eines großen Patrioten, ber ihn wie eine Aus» zeichnung bekleidet.

Pahlen ist ein Raisonneur, ein Meuterer aus Staatsgefühl, ein Diktator vor Mussolini, ein Macchiavell im Helligen Petersburg um' 1800 Wie wett das historisch ist, stehe dahiir. (Sein Tob, wie Neumann chn will, ist nicht geschicht-

*) AlS Buch in 7. Auflage (119 Seiten 8°) erschienen bei der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart, Berlin und Leipzig (694).

lich: Pahlen nahm 1804 unter Alexander seinen Abschied und starb erst 22 Jahre später.) Aber darauf kommt es nicht an: er ist ein Charakter.

Auch Paul ist ein Charakter, obgleich ein aus allen Fugen geratener, fast schon ohne mensch­lichen ilmrife, ein Diechkerl, beinah so etwas wie Richard HL, nicht ganz so blutrünstig, aber eben­so brutal, so verschlagen, mißtrauisch und un­berechenbar wie jener. Selbst an Philipp von Spanien, des Carlos Vater, kann man denken, obgleich der, historisch und erst recht bei Schil­ler, mehr Format besah.

*

Ist also schon Spiel unb Gegenspiel ungleich verteilt: das Zwischenspiel, wenn man diesen Ausdruck einführen darf, aleicht die offenhmbige üeberlegcnbeit der Angrrffspartei unter Pah- lens rücksichtslosem Kommando ein wenig aus. (Pahlen soll sich, als von den Mitverschworenen die Möglichkeit angedeutet wurde, die Abdan­kung Pauls werde sich vielleicht nicht ohne Ge­walt erzwingen lassen, des oben angeführten, nicht besonders geschmackvollen, aber deutlichen Bildes bedient haben.)

Das Zwischenspiel: vornehmlich der Zarewitsch und die Mätresse Baronin Dstermann. In Paul dem Zaren, und Lllerandsr, dem Kronprinzen und späteren Begründer der Heiligen Allianz, der einschöner Mann" gewesen sein soll, wie­derholt sich das ans Tragische grenzende Mih- ^rhältniS zwischen dem Vorjahren Peter (dem Großen) unb des,en schwächlichem Sohn Alexej: Kronprinzenschicksal. (Das deutsche Alrbilb dieses beliebt gewordenen literarischen Motivs ist Friedrich der Große.)

Der Zarewitsch steht als verwirrend hin und her geschobene Mittelfigur zwischen den Parteien, zwischen Paul und Pahlen. Er haßt seinen Vater, wird von ihm mißhandelt, fürchtet ihn und fürchtet doch zugleich feinen Tod, er wagt ihm den Anschlag, von dem er weiß, nicht aufzudecken: er fürchtet sich auch vor Pahlen, er mißtraut lhm, begreift ihn kaum, ist dennoch sein Werkzeug, nod) ehe ber Graf ihn durch seines Vaters Ermordung zu dessen Nachfolger erhebt. Dies alles ist dramatisch von un­angreifbarer Schlagkraft und theatralisch von bestrickender Wirksamkeit.

*

Dann die Oftermann: ber Typ der großen fürst­lichen Mätresse, bereit unb berufen, eine poli­tische Rolle zu spielen, eine höfische Intrige zu fuhren, eine diplomatische Schachfigur zu sein unb dennoch alledem nicht gewachsen. Charakter- mäßig nicht und nervenrnäßig nicht. Nur in

Pahlens Hand wird sie mehr, als sie eigentlich ist (eine schöne, zur Liebe geschaffene Frau), bekommt sie den über N-ormallmah hinausreichen­den Umriß einer historischen Persönlichkeit, die sie von sich aus wohl gerne geworden wäre, aber aus innerer älnzulänglichkeit nicht werden konnte.

Sie ist ein Weib bas ist wesentlich, eine schöne Dame, und als solche spielt sie in diesem Männerstück, in der politischen Chronik mit Mord und Gewalttat und Anarchie eine wichtige, eine bestrickende Rolle.

Sie wirkt schon durch ihre Ausnahmestellung. Lind wenn Pahlen ihr einen mehr als gewagten Liebesbrief diktiert, der seinen Zwecken bienen soll, dann kann man beinahe an die furchtbare Szene zwischen der Luise Millerin und dem Sekre- tarhrö Wurm denken.

Dieser Schlafzirnmerauftritt und die meisten übrigen Szenen beweisen es: Neumann ist ein kluger Kopf, ein ungemein begabter Dramatiker, ein Kenner ber Bühne und des Parketts, der genau weiß, was er tut und sich in keine- Szene verrechnet unb verspekuliert. Er hat alle- zell die Fäden in der Hand, und es ist ost be­wundernswert, wie alles zusammenläuft, über- emanderpaßt unb ineinanderflieht.

5>er Schluß ist innerlich nicht notwendig, weder Pauls Tod auf offener Szene, noch Pahlens Ende. Aber ein Schuß zum Schluß ist stets als Aus­rufezeichen hinter dem Ganzen beliebt und be­kräftigt (beim Publikum) oft, was ohne den Knall nicht geglaubt oder bezweifell würde. Neu­mann wußte das, und PaUen, sein Held, der Patriot mit dem Fragezeichen, steht zuletzt doch mft einem weltlichen Heiligenschein da; mit lei fern Schauder hort man fein Ende.

Die Ausführung war, als Ganzes, vortrefflich: Ebert-Grassow hat sich mit dieser Regie- letftung sehr überzeugend ein geführt.

Das Wenige, was einzuwenden ist, fei voran­gestellt: die Mordszene (Blld8) enttäuschte, fie ist tm Buch viel stärker als auf ber Bühne: hier fehlte Zusammenhalt und Stimmung: auch gmgJXLS Licht zu spät aus. Der Marschtritt ber Truppen und die Holzkllngeln wirkten nächt vorteilhaft. Der obere Bühnenrahmen müßte tn mehreren Bildern um der Raumwirkung willen tiefer gelegt werden.

Alles Uebrige war gut, sehr gut, könnte an größeren Bühnen mit Ehren bestehen Die Thea- tralik des dankbaren Stückes war voll auSge- schöpft, verdeckte aber nirgends das sorgsam ver­spannte Szenengefüge und die Charakterlinien,

die in diesem Drama ober doch In den wichtigen Sollen so plastisch herauSmodllliert find. Die Bilder 4, 5 und 6 vor allem hasten als Höhe­punkte darstellerischer Prägnanz unb ausgewo­genen Zusammen Piels in der Erinnerung. Die Streichungen sind zu billigen: ble Bühnenbilder Löfflers, insbesondere Newabrücke, Schlaf­zimmer der Oftermann und Arbeitskabinett de« Zaren, sehr zu loben.

Ebert-Grassow spielte drn Pahlen. Sine Bombenrolle. Ihm fei zunächst gedankt, daß er den früher beliebten, heute ungenießbar ge­wordenen Theaterintriganten mit all seinen schau­spieler ilchen Unarten pein'ich vermied. Gr sah den komplizierten Charakter, die phantastische See'en- Mlschung seines Helden und stellte dies bar, toenn er es auch nicht immer ganz begreiflich machen konnte. (Dafür ist Reumann zuständig.) Er zeigte den Menschen Pahlen, prall und rund, ohne innere Lücken, im vollen Licht, mit allen Schatten, im Grunde einen sympathischen Ver­schwörer: sein Bild muh hier gelten, wenn es in Wirklichkeit" vielleicht auch ganz anders aus- gesehen hat. Diese Rolle ist bas Reifste, was Ebert-Grassow bisher hier gezeigt hat.

Den Zaren gab Gareis. Sehr interessant. Als eine pathologische Studie, ein erschreckendes Krankheitsbild, eine taumlige, laltenbe, ver­krampfte, hysterische Wahnfigur, in plötzlichen AuSbrüchcn gleichermaßen bestürzend, ob ec tobt ober weint ober sich fürchtet ober ein Vaterunser krächzt, (llebrigens ohne Porträtangleichung: er? sah dem späteren Großfürsten Nikolajewitsch ähn­licher als dem Sohn der Katharina.)

Maria K och hatte die Oftermann unb spielte sie so gut, wie man es von ihr erwarten durfte, aber doch nicht ganz frei von einer gewissen Theatralik und übrigens stellenweise etwas flattrig und nervös. Am besten in der großen Diktatszene.

Der Zarewitsch ist be.n Dramatiker als Figur am wenigsten gelungen. Gr ist mehr empfunden alS gestaltet; ihn zu spielen ist eine noch undank­barere Aufgabe, als es beim Lesen scheint: W e sener gab sich ehrlich Mühe, chn seiner Blasse, Schattenhaftigkeit und Weichheit ein wenig zu entrücken.

Don den Chargen sind K n u r (Stepan). Haeser (Panin) unb Dolck (Murawiew) mit Anerkennung zu nennen.

Der starke Publikumserfolg war verdient und vorauszusehen. Dr. Th. ,