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Samstag, 24. November 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffeitz

Nr. 211 Zweites Blatt

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fühl der Mitbürger zu wecken.

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hn Kopfsatz derAchten": die Holzbläser mit ihrem stimmungsvollen Sich--Einpassen und die Hörner mit seltener Weichheit und Tonschönheit.

Inmitten dieser symphonischen Werke stand das GelloLonzert des dritten Wiener Klassikers Joseph Haydn. Eine ganz andere Welt spricht aus ihm. Hier wurde Orobio de Castro zum seelenvollen Künder: sein überaus schmiegsamer Ton, den er bis zum letzten Hauch sich verflüchti­gen lassen kann, eine trotz der Virtuosität selbst­verständlich erscheinende Technik, die dem galanten Stil des Konzerts zum berufenen Mittler wurde. Ganz anders war sein Ton im Adagio, voll weicher Fülle und Wärme; sprühend im Aon do. Und die Kadenz des ersten Satzes lietz auf horchen, nicht wegen der technischen Bravour, sondern weil hier der Geist des ganzen Satzes durch das Solo-Instrument seinen besonderen nachschwin- genden Ausdruck sand. Der nüht enden wollende Beifall möge auch der großzügigen Konzert­vereinsleitung als Dank der Hörer gelten. Die drei großen Wiener Weister werden den kommen­de Ereignissen des Winters die verheißungs­vollste Ausgangsbasis seinl Dr. H.

Können wir zum Mars fünfen?

Dor einiger Zeit ging eine Melfrrmg durch die Presse, nach der ein englischer Geistlicher versucht hatte, mit Hilfe der Funkeinrichtungen der eng­lischen Postverwaltung mit dem Mars in funktelegraphische Verbindung zu treten. Das Experiment, das der Versuch eines Phantasten war, scheiterte selbstverständlich. E mste Wissenschaftler beschäftigen sich dessenungeachtet aber schon seit geraumer Zeit mit der Frage, ob es möglich ist, Funktechnik in den Welten­raum zu übertragen. Dazu hat sich jetzt auch Graf Arco in einem Vortrag geäußert, und die Frage behandelt, ob ein Nachrichtenaustausch von der Erde nach anderen Welten in der Zukunft einen gewissen Grad von Wahrscheinlichkeit haben könnte. Graf Arco sagt, daß als Voraussetzung für die Bejahung der Frage im Weltenraum neben der Erde andere bewohnte Weltkörper sein müssen und Aussichten vo.Händen sein müssen, daß diese von Wesen mit geistigen Fähigkeiten bewohnt werden. Wenn das alles zuträfe, er­

de lt es ist kein Zweifel, daß bei diesem Rauch auch ein Feuer ist muh ganz wo anders gesucht werden. Die konserva.ive Regierung in England denkt nicht daran, ihre Feindschaft gegen Sowjctruhland aufzugeben, denn drese Feindschaft entspringt der fortdauernden Besorg­nis um Indien. Dort macht die antienglische Bewegung deutliche Fortschritte, und zwar, was das Gefährl.che ist, in organisierter Form. Sie schließt sich zusammen um die Opposition gegen den politischen Sanierungsplan, den die von Eng­land entsandte Reformkommission in der Richtung auf Erweiterung der indischen Selbstverwaltungs- rcchte verfolgt. Hm dieseSanierung" geht jetzt in Indien der Kampf. Die indische Regierung, die unter dem Druck der von Moskau geschürten Eingcborenendewegung steht, möchte in derRach- giebigkeit gegen die Eingeborenenforderungcn weitergehen, als die Militärverwaltung und als diejenige Richtung in London, die mehr für eine Politik der starken Hand ist. Auch der neuliche Rücktritt des Ministers für Indien. Lord Bir­kenhead. der nichts von den üchischen For­derungen wisien wollte, hängt damit zusammen Vor der Öffentlichkeit wurde er natürlich anders begründet. Mit dieser indischen Sorge hängt cs zusammen, daß Engi, .rd sich für jede Möglichkeit interessiert, dem Sowjetregime in Moskau ein Ende zu machen. .

Polen und Frankreich gehen Hand in Hand. Pklsudskis alter Plmi ist die Benutzung der Hkraine zur Schaffung einer polnischen Groß­macht und als Sprengmittel gegen Moskau. Allein ist Polen gegen Rußland zu schwach, selbst dmin, wenn ein ukrainischer Aufstand erfolgen sollte. Daß es eine Richtung unter den -Ukrainern gibt, die bereit ist. mit polnischer Hllfe zu arbei­ten, ist Tatsache. Der oleich mich dem Regierungs- Mrtritt Pilsufrskis in Paris ermordete ukrainische Hetman Petljura war politisch ein Freund der polnischen Orientierung und speziell Pil­sudskis. Es wird glaubhaft behauptet, daß fern Tod durch die Kugel eines jüdischen Studenten auf AnstiftenvonMoskau erfolgte. Tritt Rumänien hinzu, so ist eine vereinigte Offen,ive beider Staaten, bei gleichzeitiger Insurgrerung der Ukraine, gegen Moskau aussichtsreich. Man kann sich denken, welch ein Zuwachs für die Macht Frankreichs es zunächst wäre, wenn em solcher Feldzug unter französischem Ober­kommando geführt würde. Ohne Zustimmung Englands ist er nicht möglich. England aber wird sich aus den vorhin genannten Gründen einem Plan solcher Art grundsätzlich nicht ver­sagen.

Als das französisch-englische Abkomnren über die Flottenfrage und verschiedene andere Dinge von Moskau aus zuerst bekanntgemacht wurden, war damit auch sogleich ein russischer Hinweis darauf verbunden, daß diese Verständigung eine Spitze gegen Rußland habe. Das ist durchaus glaichhaft. Französische Gegenleistun­gen gegen frie große englische Nachgiebigkeit in der Abrüstungsfrage müssen vorhanden fein, und man wird in der Tat anzunehmen haben, daß sich in dem öben entwickelten Sinne eine Front West gegen Ost" vorbereitet.

gäben sich neue Schwierigkeiten, sich ohne ge­meinsame Sprache verständlich zu machen. Da­nach begab sich Gras Arco auf das Gebiet der Radio-Technik und beleuchtete insbesondere die Frage der Wellen- und Energie-Ausbreitung für die bisher in dieser Technik benutzten Wellen­längen und die Quantitätsfrage vom Stand- punkt der Energiezerstreuung rm Weltall. Hier­bei wurden die Eigenarten der bisherigen Land­wellen und der modernen Kurzwellen mit der Möglichkeit der Konzentration der Energie und der Richtbarkeit der Strahlen in nur einer Rich­tung untersucht. Einige Erfahrungstatsachen über die größten b:sher zurückgelegten Entfernungen der elektrischen Wellen, welche ein Mehrfaches des Erdumfanges betragen, wurden in Licht­bildern gezeigt. Auch auf Störungen wies der Vortragende hin, von denen man auf Grund gleichzeitiger Beobachtungen an verschiedenen Punkten der Erdoberfläche annehnrrn muß, daß ihr Ursprung außerhalb der Erde, wahrschein­lich auf der Sonne, liegt. Schließlich wurde er­örtert, welche größten Leistungsbeträge heute für die Strahlung benutzt werden können und wie groß die Empfindlichkeit der Aufnahm.apparate dank der modernen Derstärkerröhren-Technik ist, mit der es ja z. B. möglich ist, Wärmestrahlung von weit entfernten Sternen noch mit Sicherheit nachzuweisen.

Demgegenüber ist zu sagen: das Wohlwollen, überhaupt das Gefühl kann nicht die oberste Richt­schnur für die Lebensgestaltung sein. Weder für das persönliche Leben noch für das soziale Leben ist das Mitgefühl der enticheidende Maßstab. Das ist eine gefährliche Gefühlsromantik, die das größte Verderben bringen kann. Unabänderliche, herbe Gesetze und Notwendigkeiten beherrschen das Leben, die dem reinen Gefühl und seiner Auswirkung feste Schranken ziehen, die nickst überschritten werden dürfen. Oder das gesamte Leben hat es mit den schlimmsten Folgen zu büßen. Die Verweichlichung unseres Zeitalters droht eine unabsehbare Gefahr heraufzubeschwören. Unumstößlich ist die Wahrheit des Schillerwortes:Ernst ist der Anblick der Not­wendigkeit". _______________

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Samson Breuer von der Tech­nischen Hochschule in Karlsruhe wurde be­auftragt, im Wintersemester 1928/29 an der Uni­versität Frankfurt a. M. die Dersicherungs- mathematik und die Technik der Lebensversicherung in Vorlesungen und Hebungen zu vertreten. Der Privatdozent Dr. Helmut Hatzfeld in Frankfurt a. M. ist vom Kultusministerium beauftragt worden, im Wintersemester 1928 29 die Vertretung der romanischen Philologie an der Uni­versität Königsberg (an Stelle des verstorbe­nen Professors A. Pillet) wahrzunehmen. 2n der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a. M. wurden für das laufende Semester mit Vertretungen beauftragt: Professor Dr. jur. Rudolf Schulz-Schaeffer von der

Universität Marburg für römische Rechts­geschichte und Pandektenexegese, und der Privat- dozcnt Dr. jur. Theodor Süß in Göttingen für den Lehrstuhl von Professor Max Pagenstecher.

Der durch die Emeritierung des Geh. Rats Prof. E. Elster an der Universität Marburg erledigte Lehrstuhl der neuen deutschen Sprache und Literatur ist dem ordenllichen Professor Dr. Harry Mayne in Bern angeboten worden. Der Lehrstuhl der alten Geschichte an der Bonner Universität (an Stelle des Geh. Rats C. Cichorius ist dem ordentlichen Professor Dr. Friedrich O e r t e l in G r a z angeboten worden. Zur Wiederbesetzung des durch die Eme­ritierung des Geh. Regierungsrats Professor A. Ehr- hard in der katholisch-theologischen Fakullät der Uni­versität Bonn erledigten Lehrstuhls der Kirchen­geschichte ist ein Ruf an den Ordinarius Dr. theol. et phil. Karl Bihlmey er in Tübingen ergangen.

An der Frankfurter Universität sind mit der Weiterführung der Amtsgeschäfte für das laufende Wintersemester beauftragt worden die seit 1. Oktober d. I. von den amtlichen Verpflichtungen entbundenen ordentlichen Professoren Dr. Hans Cornelius (Philosophie) in der philosophischen und Dr. Friedrich Schumann (Philosophie, insbesondere Psychologie) in der naturwitzenschaftlichen Fakultät. Dem außerordentlichen Professor in der wirtsckafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt a.9JL, Dr. Albrecht Patzig, ist ein Lehrauftrag zur Vertretung der Technik der Lebens­versicherung mit besonderer Berücksichtigung der Versicherungsrechnung erteilt worden.

Die Ernennungen des a. o. Prvseffors Dr. Adolf S rn e k a l von der Universität Wien zum ordentlichen Professor der theoretischen Physik an der Universität Halle als Rachfolger von Prof. K Schmidt, sowie des Privatdozenten Dr. med. Paul Wels in Greifswald zum ordentlichen Professor der Pharmakologie an der dortigen Universität als Rachfolger von Prost O. Riesser sind erfolgt. Der a. o. Pwfessor Dr. Benno Lands berget in Leipzig hat einen Ruf an den Lehrstuhl der semitischen Phi­lologie an der Universität Marbu t g als Rachfolger des emerit. Prof. P. Iensen erhalten und angenommen; feine Ernennung zum ordent­lichen Professor in Marburg ist bereits erfolgt

Gymphome-Konzeri -es Konzeriversins.

Es ist eine dankbare Aufgabe für einen be­rufenen Dirigenten sich verkannter Werke anzu­nehmen, denn durch das Plus semer Personlrch- keit vermag er die Wesenszuge des Werkes her- auszustülen. teils daß er einzelnes mit eigener Tiote unterstreicht, teils daß er durch feine über- raaenbe Fähigkeit die großen Zusammenhänge aufdeckt und tladegt Zu dieser letztere ©ru^e von Dirigenten kann man unzweifelhaft um« veisitätsrnusiidirektor Dr. Sie,an L,emesvarh zählen; denn mit dem letzten Symphoniekonzert bewies er völlige sachliche Hingegebenheit, ohne durch dtis Verdrängen der eigenen Persönlichkeit die Tendenz der Werke zu änbern.

. Wenn man den Vergleich zieht zu den ersten Orchesteraufführungen, frie wir unter L^mesvary hörten, so hat er die Erwartungen, die man da­mals auf ihn sehen konnte, in überaus reichem Matze erfüllt. Es scheint, daß feine Persönlich­keit im Musizieren sich jetzt noch reicher und freier entfaltet zum Besten der Werke. Da war jede Rote richtig am Platze; da war auch das kleinste Motiv organisch erfaßt und bedeutungs­voll dem Gesamtplan eingegliedert Es würde zu weit führen, Einzelheiten noch naher zu be­leuchten. Wie grundverschieden und doch tote lebenswahr erschienen die beiden Menuettsähe der beiden Symphonien; wie dämonisch drängend mit seiner Hnerbfttlichlell das Finale der 0-Moll- Symphonie; wie weich und wehmütig-trostvoll das Andante. Ein besonderes Kapitel war die 'Behandlung der Gesang Meinen, die bei Mozart mit ihrer Wendung nach 0°Moll in der Reprise ein ganz anderes Wesen gewannen, das sich im Tempo und in dynamischer Akzentuierung aus­prägte; im Finale derAchten" das Seitenthema als Gegensätzlichkeit im Dahinstürmen des Satzes.

Gewiß, eine so starke üoerzeugende Kraft der Werke war dem Dirigenten nur möglich durch das in allen Vertretern außerordentlich gut besetzte Orchester; der Streichtörper mit seinen besonderen thematischen Aufgaben bei Mozart; diesingen­den" Bässe im Andante, der Wohllaut der Eelli

Wie steht es mit dem Kräfteverhältnis der kämp­fenden Gruppen? Ich will keinen Rückblick auf die frühere Zeit werfen, wie unter dem alten Staat die Machtstellung des Unternehmertums und der Arbeiterschaft beschaffen war. Man hat den Ein­fluß des damaligen Kapitalismus auf Gesetzgebung und Verwaltung sehr überschätzt. Der damalige Be­amtenstaat bemühte sich um Neutralität und Objektivität, wenn er dieses hohe Ideal vielfach auch nicht erreicht hat, wie sich'von selbst versteht und wie ich ausdrücklich anerkenne. Aber jedenfalls war die Unabhängigkeit der damaligen Beamten­regierung gegenüber dem Unternehmertum sehr viel stärker als die angebliche Freiheit der heutigen parlamentarischen Regierung von der Arbeiterschaft. Von Neutralität, die doch der damalige Staat

wenigstens an strebte, ist bei dem heutigen par­lamentarischen System kaum noch die Rede. Eine grundstürzende Aenderung hat sich seit dem Wechsel der Verfassung auch in dem Kräfteverhältnis der wirtschasllichen Gruppen vollzogen. Die führenden Männer der Großindustrie sind jeder entscheidenden Einwirkung auf Gesetzgebung und Verwaltung ent­kleidet worden. Daran ändert auch nichts die Tat­sache, daß sie im Reichswirtschaftsrate vertreten sind, den der Reichstag, der Inhaber der souverä­nen Gewalt, mit unverhohlenem Mißtrauen be­trachtet, und den er weder leben noch sterben läßt. Es kann doch gar keinem Zweifel unterliegen, daß die politische Macht seit der Staatsumwälzung mit Hilfe der Sozialdemokratie auf der Seite der Arbeiterschaft zu suchen ist, welcher Macht das Unternehmertum nichts, rein gar nichts an die Seite zu stellen hat. Und die Parteien, die sich mit der Sozialdemokratie in die staatliche Macht teilen, sind ihr sehr zu Willen, namentlich in wirtschaftlichen und sozialpolitischen Fragen. Wenn man aber ent« §egnet, in der Reichsregierung fei doch längere Zeit ie Sozialdemokratie überhaupt nicht vertreten ge­wesen, so ist zu bedenken, daß nicht die Gesetz­gebung, sondern die Verwaltung im Staats- eben den größten Einfluß besitzt. Die größte Ver­waltung aber im Reiche ist die Verwaltung Preu- jens und diese ist ständig unter dem beherrschenden Einfluß der Sozialdemokratie gewesen. In politi- cher Hinsicht hat also die Arbeiterschaft vor dem Internehmertum unbestritten den Vorrang ge­

wonnen.

Und wie steht es mit der wirtschaftlichen Macht? In regelmäßigen Abständen treten die Ar­beiter mit erhöhten Lohnforderungen hervor und mit Hilfe des Staates, den sie beherrfchen, mit Hilfe des 2kbeit5inintfteriuins und seines Schlichtungs­wesens wird regelmäßig ein Teil dieser tforbwung vom Staate anerkannt und vom Staate der Wirt­schaft aufgezwungen. Damit übt mittelbar die Ar- beiterfdjaft den schlechthin entscheidenden Einfluß auch auf das Wirtschaftsleben aus, vor dem die be­rufenen Wirtschaftsführer Schritt auf Schritt haben zurückweichen müssen, jedenfalls bisher zurück- gewichen find.

In dem erwähnten Aufrufe stößt man auf ein erstaunliches Wort, das man gerade hier am wenigsten erwarten sollte, auf das Wort:Staats- autorität", eiu Wort, das auf der Linken ehe­mals nur mit Abscheu genannt werden dürfte. Warum denn nun auf einmal für die Staats- autorität schwärmen? Die Wahrheit lautet: der Absolutismus des Staates, die Reigung. die Staatsautorität und Staatsmacht zu überspannen und zu mißbrauchen hängt nicht an einer be­stimmten Berfa ssung des Staates, wie man -u glauben pflegt, etwa nur an der Monarchie. Jeder Staat jeglicher Verfassung kann ab­solutistische Reigungen haben, kann die Staats- getoali und die Ausübung dieser Gewalt über­spannen. Keinen Augenblick stelle ich in Abrede, daß der alle Staat das vielfach getan hat, was neben anderen Gründen nicht wenig zu seinem Untergänge beigetragen hat. Aber auch der neue Staat ist von absolutistischen Steigungen nicht freigeblieben. Ob der souveräne Fürst oder die souveräne Mehrhell sagt:V dtat c'est moi . macht nicht den geringsten Unterschied. Mcur frage nur bei den Vertretern der Selbstverwal­tung nach. Hm diese Dinge habe ich mich etwas eingehender bekümmert, um mir ein Urteil er­lauben zu können. Der alte Staat hat der Selbst­verwaltung einen hohen Grad von Dewegungs- freihell gewährt, der neue Staat schnürt sie mehr unfr mehr ein. Es hat im allen Staat Schwarzseher und Warner genug gegeben, die aber nicht gehört wurden. Auch der neue Staat scheint alle Warnungen in den Wind schlagen zu wollen. Richt diejenigen sind die besten Freunde des heutigen Staates, die seine Fehler und Mißgriffe beschönigen, oder die ihn gar in feinen Fehlgriffen und Irrtümern bestärken, die ihn weiter in die verhängnisvollen Dahnen, die er eingefchlagen hat, hineintreiben. Die Der- ' Wallung kann zur Rot einen gewissen Absolu­tismus vertragen. Wo aber unter allen Um­ständen die Macht des Staates ein Ende findet, auch die Macht des demokratischen Staates, ist das Sittengesetz und das Raturgeseh. Es bleibt das Wort zu Recht bestehen:Wan soll Gott mehr gehorchen, denn den Menschen." Arg war

West gegen Ost!

Von Dr. Paul Rohrbach.

Unser ständiger außenpositischer Mit­arbeiter wird am 30. Rovember in der Gießener Ortsgruppe des Vereins für das Deutschtum im Auslande sprechen.

In Moskau herrscht Unruhe. Man behauptet, ein großer Angriffsplan vom Westen her fei im Werden; Frankreich habe dabei die Führung, Polen und Rumänien sollten vereint den Stotz führen, andere benachbarte Staaten, darunter Bulgarien, feilten eine Hilfstetlung einnehmen. Die Sowjetpresfe teilt sogar Einzelheiten des unter französischem Patro­nat geschlossenen polnisch-rumänischen Abkommens mit: übet den Oberbefehl, über die Zahl der ein» zusehendrn Divisionen usw. Der Oberbefehl, das wird besonders unterstrichen, soll weder von Rumänien noch von Polen, sondern von einem französischen General geführt werden. Sogar der Name wird genannt, und zwar der des Generals Le R on fr.

Es ist Tatsache, datz General Le Aond imd Marschall Pilsudfki kürzlich in Rumänien waren. Umsonst werden sie nicht dort zusammengetroffen fein. Man hat auch erfahren, datz der plötzliche Regieruiigswechsel in Rumänien mit dem franzö­sischen Qkfud} einen Zusammenhang hatte. Die rumänischen Zustände unter der Regierung des liberalen Kabinetts waren zuletzt sehr übet Me Steuern von den Dauern gingen nicht mehr ordentlich ein, die Beamtengeyälter wurden stok- kend und unregelmäßig gezahlt, das Eisenbahn­wesen war miserabel heruntergekommen, die all­gemeine Stimmung im Lande war so, daß von einer wirklichen Regierungsautorität nicht mehr gesprochen werden konnte. General Le Rond hatte den Eindruck, daß unter den Umständen eine normale Mobilmach ung kaum mög­lich und daß es fraglich fein würde, ob die Einziehung der Reserven aus der Dauernschaft nn Kriegsfall durchzuführen wäre. Der General föll daher den drei Regenten sehr ernstliche Vor­stellungen gemacht und einen Wechsel der Regierung verlangt haben. So würde sich m der Tat der sehr plötzlich gekommene Entschluß zur Ernennung des Dauernfuhrers M a n i u er­klären. Maniu ist zur Zell frer Einzige in Ru- mänien, der über eine wirkliche Autorität bei den Massen verfügt. Wie er sich zu dem polnisch- französischen Plan einer Offensive gegen Sowjet­ruhland stellen wird, sobald die Neuwahlen zum rumänischen Parlament vorbei sind, ist eine andere Frage. Für Rumänien handett es sich gegenüber Rußland um die Sicherung des Besitzes von Bessarabien, das aber, neben etwa 50 Prozent Runränen unb einer An­zahl Deutschen, Bulgaren und Griechen, viel weniger eine ruffifdj« als eine ukrainisch Be­völkerung hat. Von Moskau aus ist als politisches Kampfmittel gegen Rumänien unmittelbar auf dem Inden Ufer des Grenzflusses Dnjestr die Moldauische Sowjetrepublik" gegründet worden, obwohl die dortige Gegend mit der Moldau nichts zu tun hat. Es sitzt aber etwas bolschiwistisches Rumänentum frort, und mit dessen Hilfe wird im rumänischen Königreich gewühlt.

Der eigentliche Angelpunkt des Planes, um den es sich bei den Moskauer Enthüllungen Han-

Grundsätzliches zum Lohnkampf im Westen.

Don Professor Or. Ernst Korneffer, Gießen.

Wir wünschen mit der Veröffentlichung dieses Aussatzes nicht in eine Erörterung des gegenwärtig schwebenden Wirtschaftskampfes der nordwestdeillschen Eisenindustrie einzutre­ten, hallen es jedoch angesichts der lebhaften An­teilnahme der Oefsentlichkeit für notwendig, daß einmal ganz abgesehen von diesem aktu­ellen Fall die grundsätzlichen Fra- gen, um die es hier geht, klargestellt wer­den. Diese Klarstellung dünkt uns nicht zu­letzt im Interesse des deutschen Arbeiters zu liegen, der doch mit dem Ergehen der Wirt­schaft, deren Teil er ist, und um deren Leben oder Sterben es sich yier hondell, auf Gedeih und Verderb verbunden ist.

Der schwere und verhängnisvolle Lohnkamps im Westen hat die deutsche Oesfenllichkcll stark bcwegü Diese Erregung hat in unserer Stadt ihren Slusdruck gefunden in einem Ausrufe angesehener Burger, unter ihnen eine beträchtliche Anzahl von Univer­sitätslehrern, die die Bürgerschaft zur Parteinahme in diesem Lohnkampfe aufforderten, durch Deran- ftaltung einer Sammlung zugunsten der Arbeiter. Wirtschaftliche Körperschaften sind dem Aufrufe ent­gegengetreten. Diese allgemeinen und besonderen Vorgänge veranlassen mich, einige grundsätzliche Betrachtungen anzustellen, einige Gedanken aus­zusprechen zu der Gesamtlaae des deutschen Volkes, soweit sie durch die Wirtschaftskämpfe beeinflußt wird, die auszusprechen es mich schon lange drängt. Der gegenwärtige Lohnkampf gibt hierfür den naheliegenden Anlaß. Vielleicht und hoffentlich ift er schon beendet, wenn diese Zeilen erscheinen. Aber über den gegenwärtigen Augenblick hinaus sollen meine Ausführungen der weiteren Zukunft dienen. Denn ich befürchte ernstlich, daß dieser Lohnkampf, namentlich in der scharfen Form mit der Still­legung der Werke nicht der Abschluß, sondern der Anfang eines gefährlichen und tragischen Wirt- schaftskampfes sein wird, der tief in unser Volks­leben eingreifen, das Geschick unseres Volkes für das nächste Menschenalter bestimmen wird.

Wir erleben nun seit Jahrzehnten immer wieder bas gleiche Schauspiel, daß fast das gesamte Bür­gertum bei den ausgebrochenen Lohnkämpfen in­nerlich, mit dem Herzen, mit seiner Sympathie Partei ergreift für die Arbeiter und gegen tue Wirtschaftsführer. Die wirtschaftlichen Führer der Großindustrie sind auch in wellen Kreisen des Bürgertums nicht beliebt. Sie stoßen auf eine zum mindesten stille Gegnerschaft. Ich will annehmen, daß hierfür edle Beweggründe bestimmend sind. Oft genug zwar konnte ich feststellen, daß eine wenig erfreuliche Neigung und Eigenschaft diese .Haltung Ijeroorruft: der Neid. Der Neid auf lebe größere und weitere Machtstellung lost im gegen­wärtigen deutschen Volke eine lebhafte Mmfnni' mung gegen solche Männer aus. Ob diese Abnei­gung gegen einflußreiche, zum Führen berufene Persönlichkeiten für das Volksleben forderlich ist, ziehe ich sehr in Zweifel. Die Führer der putschen Wirtschaft tragen eine Verantwortung und Arbeits­last um die sie wahrlich niemand beneiden sollte. Das deutsche Volk hatte alle Veranlassung, diesen Männern für die unerhörte Arbeit und Anfpan- nung, die sie Tag und Nacht, im buchstäblichen Sinne des Wortes, aufbringen, einigen Dank zu wissen. Don diesem Dank und dieser Anerkennung ist selten etwas zu spüren. Im Gegenteil, unter der Suggestion der öffentlichen Meinung macht man sich von den wirtschaftlichen Führern ein Zerrbild -urecht, das nur zu schweren Irrtümern und damit auch zu schweren Mißgriffen und Fehlern verleiten farm.

Aber hiervon abgesehen mögen es un allgemei­nen edlere Regungen sein, die diese Parteistellung ururfad)en: das Wohlwollen, das Mitgefühl mit dem Schwächeren. Die natürliche Neigung der Menschen pflegt sich in jedem Gegensätze dem Schwächeren zuzuwenden. Und man halt die Stel­lung der Arbeiter unbesehen für die schwächere. Der ermähnte Aufruf trägt diesen Ursprung deutlich zur Schau. Er ist offenbar Angegeben von warmem Wohlwollen und echtem Mitgefühl, und mit ein­drucksvollen Worten sucht er das menschliche Ge-