Nr.l72 Zweites Blatt
Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Dienstag. 24. Juli 1928
Das 10. Deutsche Gängerbundesfest.
(*>inn und Bedeutung des Deutschen Gängerbundes - Oie Männergesangvereine als Träger der nationalen Zdee — Oie ersten Wiener Festtage — Mobilisierung internationaler Taschendiebe — Gängerhumor.
Don unserem nach Wien zum Sängerfesi entsandten Sonderderichtematter Or. Georg Strelister
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
Wien, den 21. 3u(l 1928.
Al« am 21. September 1862 der „Deutsche Sängerbund" in Coburg gegründet wurde, ahnte kaum einer, welche ungeheure Bedeutung für das nationale und kulturelle Leben deS deutschen Dolles dieser Bund haben wurde. Dr. Elben- bestimmt« damals, daß tue Satzungen des neugegründeten Verband«- denen des Schwäbischen Sängerbundes angepaßt werden. 3u jener Zeit umfaßt« der Bund nur 45 000 Sänger. Die Sachsen und Oesterretcher dursten dem Bunde nicht anaehären. Erst hn März 1863 — es bedurfte aber noch langer ZeU, btS sich Die arohdeutsche 3t*e durchbrach — wurde öfter rechlschen Sängern der Besuch relchsdeutscher Sängerbundseste gestattet. Damals lautete noch der § 1 Der Satzungen: „Der Deutsche Sänger- bunD umfaßt die Sängerbünde Deutschlands und die Sängerbünde und Männergefangvereine der im Ausland lebenden Deutschen, welche sich ihm an schließen" Das war recht vorsichtig, saft möchte man sagen: lauwarm getagt, um ja nirgends anzustoßen. Seit dem 3afre 1925 hat der § 1 aber folgenden Wortlaut: „Der Deutsche Sängerbund ist die Bereinigung von Sängerbünden des Deutschen Deiches und Oesterreichs sowie von Sängerbünden und einzelnen Der em en der im Ausland lebenden Deutschen. Er bezweckt die Ausbreitung und Veredelung des deutschen Männergesanges und die Förderung deutschen SinneS. Durch die einigend« Kraft deS deutschen LiedeS will er das deutsch« DolkSbewußtsein und da- Gefühl der Zusammengehörigkeit der deutschen Stämme erhalten und starken." Das ist ein großes, ein schönes Programm — noch mehr, das ist eine Idee von wetttragender Bedeutung.
Seit Zelter 1809 zum ersten Male seine 24 Singbärte zu einem „Mannergesangverein" zusammenschloß, bildeten diese der Pflege des deutschen Liedes dienenden Bereinigungen die ftärfften Stützen des nationalen Gedanken-. 3m brausenden Männerchvr mitzufingen, war in Deutschland seit jeher Ausdruck der BaterlandS- licbc und de- völkischen Bewußtsein-. Metternich, der österreichische Staatskanzler wußte schon, weshalb er seinem obersten Polizeiches, dec ihm di« Gründung eine- Männergesangverein- in Wien mitteilte, erbost -urief: „Halten Sie mir ja diese- Gift aut Deutschland nieder l" Diese- „Dist auS Deutschland" war, wie sich nachher zeigte, ein gute- Gegengift gegen den Parteihader und jegliche Zersplitierung-sucht unter den 'Deutschen. Und heute findet unter ‘Beteiligung Hunderttausender aus allen Ländern und Reichen der Welt, wo Deutsche sprechen und Deutsche singen, da- 10. Deutsche Sängerbunde-fest in Wien, in der alten Donaustadt, statt. Eine wichtige Etappe auf dem Wege zur nationalen Einigung!
Aber nicht nur Die nationale Begeisterung wird in den Mannergesangvereinen gepflegt, in denen jede festliche Red« unter den bunt gestickten Bannern die deutsche Ration preist — die Männergesangoereine sind auch «in« Herdstätte geselliger Tugenden, sie schließen Männer der verschiedensten Berufszweige brüderlich zusammen und pflegen die Freundschaft. Das Gesellige erweitert sich zum Sozialen,
die Tugenden eines oft kleinen, beschränkten Alltag- zu höheren Tugenden. Selbst im kleinsten Gesangverein wirken bindende Kräfte, die ein Tetl großer idealistischer Mächte sind. Ttur so ist es zu verstehen, Daß der Mannerae ang in Deutschland heute einen wichtigen Teil der allgemeinen, deutschen Dolkskultur darstellt, wenngleich seine AusdruckSrnitlel beschränkt sind. Der DolkSgesang erfuhr durch die Männergesangvereine eine neue Blüte. Altes, musikalisches DolkSgut, zum Teil fast vergessen, wurde auS der Ttefe gehoben und neu geweckt. Das deutsche Doll darf auf seine Männergesangvereine stolz fein, denn es ist deutsche Art, deutsches Wesen, deutsche Empfindung, die da zum Ausdruck gelangt. Die Italiener, die Spanier, wie überhaupt alle romanischen Böller keimen trotz ihrer Musikalität nicht die Institution der Männergesangvereine. Rur die slawischen Böller haben auS dem Gefühl des slawischen Drüdergedankens den Männergesang eigenartig und auf ihre eigene Weise entwickelt, ohne aber im entferntesten die Fülle, den Reichtum und die Mächtigkeit der deutschen Sängerbünde zu erreichen. Das alles mußte gesagt werden, um verständlich zu machen, welche Bedeutung dem 10. Deutschen ©än- gerbundesfest in Wien zukommt.
Die Satzungen des Deutschen Sängerbünde- bestimmen, daß „in der Regel' alle vier Jahre ein Sängerfest und „mindestens alle zwei Jahre" ein Sängertag stattzufinden hat. Jeder Sängertag bestellt einen Cinzclbund zur Führung der Geschäfte: fünf Mitglieder des Einzelbmides bilden den geschäft-führenden Ausschuß. Der Rürnberger Sängertag (3. Oktober 1925) teilte die deutsche Sängerschaft bereit- in 23 Kreise. Jeder Kreis stellt für je 12000 Sänger einen Vertreter in den Gesamtausschuß. Die steigende Kurve Der Mitgliederzahl zeigt deutlich das Rürnberger Bundesfest vom Jahre 1912. Damals umfaßte der Deutsche Sängerbund 77 Bünde und 35 Auslandsvereine mit 5391 Bereinen und nur 186 434 Sängern. Rach dem Weltkrieg schnellte die Mitgliederzöchl gigantisch empor. Gelegentlich des Festes in Hannover (1924) zählte man 71 Bünde mit 9300 Vereinen und 375 000 Sängern Jetzt nähert man sich schon bedenklich der halben Million!
Wien ist übrigens nicht da- erstemal Sammelplatz der deutschen Sängerbünde. Vor 38 Jahren, in der Zeit vom 15. bi- 18. August 1890. hielt man hier bei einer Beteiligung von nniD 10000 Sängern das vierte Deutsche Sänaer- bunde-fest ab. Damals schrieben stolz Die Zeitungen. „Endlich wird Wien eine Fremden- stadtl" Siebzehn Sonderzüge rollten an diesem Tage an. Von allen Seiten strömte eS fcharen- weiS in Die Stadt. Pferdebahn und Pferdeomnibus, damals die einzigen Transportmittel, waren überfüllt, und die armen, schweißtriefenden Pferde die einzigen wirklich Leidtragenden im Festrausch der Glücklichen. Die Zeilen haben sich geändert. Statt der Zehntausend sind hx diesem Jahre Hunderttausend e gekommen, und für alle hat Wien Platz zu machen gewußt. Allerdings ging eS nicht ohne arge Kopfschmerzen bei Den verantwortlichen Stellen und Behörden ab Wie mir Der Sek- tlonSleiter Der Wiener Polizeidirektion, Hofrat Dr. P., mitteilt, hat man in Erfahrung gebracht, Daß «in halbe- Taufend internationaler Taschendiebe die Gelegenheit
des Sängersestes benützt haben, um Wien mit ihrem Besuch zu beehren Ein Dutzend dieser Herrschaften konnte man bei Beginn des Festes bereit- hinter Schloß und Riegel bringen — aber die anderen? Auch die Organisation deS Fest- zugeS. der Abtransport der Massen, der Dertchr auf der Festwiese und andere Probleme machten Der Polizei viel zu schaffen. Dennoch hat bisher alle- geklappt.
Die Sängersrauen von Magdeburg werden schön eiferiüchtig fein, wenn ftc Horen, mit welchem Wahl'pruch ihre Männer unter Dem lauten Jubel Der Bevölkerung in Wien eingezogen sind. Aus der Außenwand eines Waggon- des aus Magdeburg kommenden Sonderzuges, der am Donnerstag in Wien eintraf, stand nämlich in Kreideschrist folgender übermütiger Bers
Wir Sänger aus der Magdeburg (sprich
Magdeburch)
Wir brannten unseren Frauen durch.
Den Wiener Mädeln hm wir künden:
Wir toerben eine andere finden!
Das find schöne Dorfätze. Aber tatsächlich war der Empfang, der seitens der Wiener Bevölkerung den reichSdeutschen Sängern bereitet wurde, ein überaus herzlicher. UeberaH, wo die Sänger mit ihren blauen Kappen und Abzeichen sichtbar wurden, begrüßte man sie mit
lauten Heil rufen. Daß die Gastwirte freudig erregt hnb. versteht stich von selbst, denn die Sänger zeichnen sich nicht bloß durch Stimm- gewalt, sondern auch durch einen gewaltigen Durst aus. Die Hitze ließ auch nichts zu wünschen übrig. Kein Wunder, wenn die dein Festplatz benachbarten Praterschenken einen Malsenbe'uch auszuweisen ßai'vn, wie man ihn seit Jahren nicht mehr beobachten konnte. Der erste, noch un- ossxzielle Degrühungsabend am Mittwoch verewigte bereit- 15 000 Besucher in der Aiesensesv' halle. Der Leipziger Mannerchor weihte den Abend mit einem prächtigen Orä estervortrag ein. Dann begannen die Mitglieder der .?lortnnarr — Sänger aus Hamburg und Schleswig-Holstein, denen eigentlich diese erste Begrüßung galt — mit Ihren Liebervorträgen. Rach dem Präsidenten deS Deutschen Sängerbünde- und anderen 2iebnem ergriff schließlich Bürgermeister Roth aus Leipzig da- Wort, um über Schubert und dessen Wirken zu sprechen. Dabei betonte er den Anschlußgedanken und sagte, die Zeit de- politischen und wirtschaftlichen Zusammenschlusses werd« trotz allen Hkchernissen h«rankomm«n. Dvnnerstagnachmiltag sand die seierliche Wiedergabe de- Bunde-banners statt, der am Abend in Der Festhalle die offizielle Begrüßung folgte. Darüber und über die folgenden Tage soll noch berichtet werden.
Stinten, Sport und Spiel.
Vom Deutschen Turnfest in Köln.
Tie Ehrengäste.
Köln. 22. Juli. Don Der Reichsregierung finD anwe'end: Reichsminister Des Innern Severin g. Minifterialdireftor Pellengahr. Chef Der Heeresleitung General Der Infanterie von Heye. Marincleitung: Kontreadmiral Pfeiffer. Marineschule FlenSburg: Korvettenkapitän Schulte. Reichspostministerium: Präsident Der Oberpostdirektion Köln, Geheimer Post- rat Kraiger. Köln. Dom deutschen Reichstag: Reichstagspräsident Löbe, ferner sind von Den Regierungen Der deutschen Länder vertreten u. a. da- preußische Ministerium für DolkSwohlsahrt durch Minister H i r t f i e f c r. das Preußische Ministerium für Wis enscha't Kunst und Dolks- bildung: Ministerialdirektor Ottendorf,
Preußisches Ministerium des Innern: Polizei- ober ft Wefsig. vom Preußischen Landtag Dr. Freifrau von Watter. von Baden: Kultusminister Leer-, von Mecklenburg-Schwerin: Ministerpräsident Schröder, von Oldenburg: Minister Wissel, von Thüringen: Staatsminister Leuthäuser sowie Bertreter von Braunschweig, Hessen, Lippe. Lübeck und anderen deutschen Staaten.
Oer erste Trainingstag in Amsterdam.
Am Montag war dererste Training-tag in Amsterdam. Zahlreiche bereits hier weilende ausländische Teilnehmer an den Olympischen Spielen benutzten den Tag. um noch eifrig für die bevorstehenden scharfen Kämpfe zu trainieren. Großer Aufmerksamkeit begegnete die polnische Leichtathletin Fräulein Konopacka. Die den DiskuS beim Training 40 Meter weit warf. Den Trainingsvorbereitungen der Mannschaften wohnten auch Der deutsche Reichstrainer Ioleph Waitzer und Dr. Diem vorn ReichS- auSschuß bei. Ganz allgemein sprach man sich recht abfällig über die Beschaffenheit der Trainingsbahn für Die Läufer aus. was auch die Amerikaner veranlaßte, ihr ßauftrai- *ntng nach der Bahn deS alten Stadions zu verlegen.
Auch auf der olympischen Ruderbahn herrschte reger Betrieb. Sehr beachtet wurde
hier daS .australische Wunder", der erste 22jäb» rige Einermeister Bob Pearce. der al- Favorit startet. Auch der als Favorit startende Achter Der Amerikaner trainierte eifrig auf der Amstel.
pelher im Training.
Dr. P e l ß e r hat sich zu Den Olympischen Spielen sein TrainingSguartier im Frankfurter Stadion ausgeschlagen. Am Sonntag startete er bei dem lokalen Sportfest Der Sport- gemeinDe „Eintracht" in einem 800-Rleter-Ein- ladungSlaus. den er. ohne bedrängt zu werden, leicht in 159,3 gewinnen könnt*.
Oas Endspiel
um die deutsche Fußballmeisterschaft.
herlha B. 5. C. — Hamburger Sportverein In Altona.
Das Endspiel um die Deutsche Fuß- ballmei ft erschaff wird nach einem Beschluß des Bundesvorstandes am kommenden Sonntag im Altonaer Stadion ausgetragen werden. Als Schiedsrichter des Spiel« zwischen Hertha B. S. C. und dem Hamburger Sportverein wurde Maul (Nürnberg) bestimmt.
O. T.-Gtromschwimmen zur preffa.
Am SamStag. 28. Juli, abend- 7 Uhr. veranstalten Die Schwimmer und Schwimmerinnen der Deutschen Turnerschast ein groveS Strom- schwimmcn zur Pressa. Der Start liegt am Kielshvs, Ziel ist der Pressaturm. Anschließend ist eine Ausfahrt deS Regattavereins und der Kanusahrer, Paddler und Ruderer der Deutschen Turnerschaft vorgesehen. Um 10 Ußr bewegt sich ein großer Facketeua zu den Usern des Rbeins. Diese werden Im pellen Glanze der bereits weltberühmt gewordenen Rheinbeleuchtung erstrahlen.
Vom internationalen Schwimmsport.
Arne Borg gewann bei Den schwedischen Meisterschas ten in Stockholm Die 100 Meier in 1:1,1. 200 Meter in 2:27 und die 1500 Dieter in 20:38. Auch fönst gab eS Favoritensiege. So holte sich R Johansson da- 100-Meter- Rückenschwimmen in 1:17,6, Der junge Harling DaS 200-Meter-Brustschwimmen in 2:59,8 und
Mscheln, am Strand gesunden.
Don Will Gcheller.
Bücherreihen schimmerten, ringsum an Den Wänden emporwachlend. in Der Dämmerung DeS RachmittagS. Dessen halbes Licht von Den Gardinen noch gedämpft wurde. Damen und Herren befanden sich, eine Heine Gruppe sreundlich gestimmter Menschen, m heiterem Gespräch. Der Hausherr, von einer südlichen Reise heimge- kommen, hatte die Freunde zu sich gebeten, um durch daS Beisammensein mit ihnen die erste Fremdheit deS ilebcrgangS leichter zu überwinden.
Er hatte einige Bilder herumgereicht und em paar kleine Erlebnvsse berichtet. Das Gefühl davon. wie schwer «s ist, zu erzählen, wenn eine Reife, tiefer Eindrücke voll, in ihrem AusgangS- bunft sich vollendet hat. warf einen flüchtigen Schatten über fern Gesicht, und sein Blick wandert« durch die Gestatten vor ihm, durch Die Wände um ihm. zurück in jene Welt, in deren wundersamer Szenerie er eine Zeit lang deS heimischen Daseins hatte vergessen können.
Don fernher toinlten ihm in seltsamer Der- fletnmmg. wie aus einem Jenseits Der Ding- IkMcit öäulengängc mit üppigem Zierrat, riesenhaft« Säle mit dem Prunk Der Decken und Der Wände. Kirchen, in Deren märchenhaft gestalteter Räumlichkeit Der lebende Mensch im Anschauen sich verliert, gewölbte Drücken, Paläste in leuch- tenDer Schönheit und andere. Dee Dem Verfall sich neeaen, Düdwerie. aus höchster DollenDung DeS farbigen Ausdrucks entstanden. Statuen aus Orj. auS Marmor, von groß gearteter Auffassung deS Lebens kündend, und enge Gassen, von drängendem Boll erfüllt und Plätze, in deren Weite selbst Die Masse sich zerstreut und Inseln und Schiff« und Das Meer, Das blaue, und der blaue Himmel über alledem ...
„Haben Sie denn gar nichts mitgebracht7". toanDte sich eine Dame an Den Versunkenen. Der mm mit Der Hand etwas wie Schleier von Der fttirne strich. „Keine Erinnerungen, Die Sie berührten. betasten Birnen, Die Ihnen beweisen, so oft Sie wollen, daß Sie" — sie lächelte ein wenig — „nicht geträumt haben?"
Er sah der Fragerin in die Augen.
mich immer verstehen, liebe Freundin! Aber Vie wissen ja, wie ich bin, an Der- Erichen denke ich allemal, wenn es zu spät ist und komme Dann mit leeren Händen. Rein, ich habe nichts mttgebracht — nichts, was ich zeigen Kirnte. *
„Aus DaS Zeigenkönnen kommt es ja auch nicht an , lockte Die Stimme. 11 nb DaS Gespräch sank herab. S-s bilDete sich ein Zirkel um Den Dialog.
Der Hausherr lächelte.
.Sie setzen mich in Verlegenheit. Teuerste, indem Sie nnchdurchschauen. Aber Da ich Sie gebeten habe, meine Heimkunft mit mir zu begehen, Darf ich Ihnen auch nicht- vorenthalten. DaS wäre ungastlich..."
„Run bin ich aber doch gespannt" sagte einer der Herren und drückte damit auS. was alle in diesem Augenblick empfanden.
.Es ist kein Grund zur Spannung Da, meine Sieben, nicht Der geringste. Hier — schauen Sie das ist alles," ettoiDerte der Gastgeber. Er hielt zwei 'Muscheln tn Der hohlen Hand, — eine flache, graufarben, mit leichtem Perl mutt er glanz in Der inneren Wölbung, und eine in Der Form de- Schneckenhauses, blau, mit phantastischem Stachel schmuck.
Diese hielt er der Dame, die ihn engere bet hatte, ans Ohr.
„SS rauscht," sagte sie.
„Ja," gab er zurück, .sie rauscht ein wenig. Sie rauscht ganz leise, wie Die Erinnerung an den Strand in mir rauscht, an Dem ich sie auf gehoben habe. Seltenheiten find DaS ja nicht. Ich hätte sie für wenig Geld in ganzen Haufen er stehen können. Aber ich habe sie vor meinen Füßen aus Dem feuchten Sand aufgehoben, zu Dem ich hmblickte, um mich vom Ansehen Der weiten Bläue des Wasser- Da Draußen zu erholen und — um dieses Qlnfeben mit frischem Entzücken wieder zu beginnen. Ich habe sie aufgehoben unD in einer salzigen Pfütze abgewaschen, während ich mit einem Freund plauderte."
Er schwieg einen Augenblick und sah vor sich hin. —
„Ich weiß nicht, ob es das Erlebnis des südlichen MeereS unD des südlichen Himmels war. was mich bewog, diese Muscheln mttzu- nehmen. oder ob das Gespräch das auf Diesem Strandspaziergang geführt wurde, mich — ohne Daß ich- recht wußte — zwang, diese unscheinbaren Dinge als Andenken mitzunehmen. Der Freund und ich wir fetten uns nicht oft, und wenn wir uns begegnen, haben wir nicht immer Gelegenheit. unbcßtnDcrt. unbeengt miteinander zu sprechen, ob wir eS gleich möchten. Run, diesmal hatten wir Glück älnd wir sprachen mit- einander, tote eS möglicherweise nur die Rähe Der Unendlichkeit ertaubt, die sich im Meer« spiegelt. UnD deshalb." er nahm die Muscheln wieder in Empfang, die die Runde gemacht hatten, und legte sie zu den Büchern zurück I „deshalb wiegen diese leichten, wertlosen Gegen
stände mehr, al- ihnen anzusehen ist — wiegen freUich nur für mich, für mein, sagen wir, schweifendes Gefühl. Sie sind im Süden entstanden, dessen Erlebnis mir so schnell entrückt wurde, eS haftet an ihnen noch etwas von Dem Sand, auf dem ich ging, und — von Der StunDe, die sehr kostbar gewesen ist. Wie sollten sie Da nicht selber fttfibar geworden fern — für mich, nur für mich, immerhin kostbar für einen lebenden Menschen?"
„Bitte." sagte die Dame, „lassen Ste mich noch einmal hören."
„Gern," antwortete er und gab Die Schnecken- muschel in die zarte Frauenhand zurück, die sie mit f eingliedrigen Fingern in einer Bewegung -um Ohre führte, die wie ein Schmeicheln war.
„Sie rauscht," flüsterte es in Der Dämmerung, „fte rauscht wirklich, sie rauscht noch immer...“
Aus dem Notizbuch eines TheaterkritikerS.
Don Ludwig Marnrse.
. L
Der Xßeatertnnfer darf immer erst kommen, toenn DaS Unglück schon geschehen ist. Trotzdem könnte er mehr sein als ein Standesbeamter, der Geburten registriert, wenn das Theater ihn nicht bald für feinen Rcklame-Ehef. bald für Den por- sonifizierten Pleitegeier halten würde.
Ik.
Der Schauspieler sagt vom Krittler: er ist nicht vom Dau. Das stimmt' Denn sonst würde der Krittler Theater spielen und nicht krittfieren. Aber der Schauspieler krittsiert, ttotzdem er nicht vom Bau des Krittlers ist: er krittsiert feine Kritiker. Wer von beiden also dilettiert in deS andern Dezirr?
III.
Der Theatermann tagt zum Krittler mit Der überlegenen Miene des Eingeweihten: „Wenn Sie wüßten, wie diese Ausführung zustande gekommen ist!" Der Krittler antwortet: „Ich bin kein Historiker: und selbst Die Historiker würden vor Riederschrisi der ersten Zeil« neunzigjährig sterben wenn sie alle Ursachen eineS Geschehens erforschen wollten Der Theaterkrittker hat nicht über die Geschichte einer Aufführung, sondern über ihr Resultat zu berichten Was geht den Theaterkrittker die Indisposition eine- Streichholzes an?"
IV.
Der Schauspieler nimmt jede mchttabende Kritik als Beleidigung auf. Weshalb? Well er glaubt.
daß Der Kunst schon damit gedient ist, wenn er sein Herzblut verspritzt. Aber nicht alle Wunden erzeugen Perlen: manche nur Geschwüre.
V.
Die Meinung des Schauspieler- über den Kritiker: Wenn er lobt — na ja! Aber ganz verstanden hat er mich natürlich doch nicht.
Wenn er tadelt — ein boshafter Kretin
Wenn er gar nicht» sagt — ein unhöflicher Dilettant.
VI.
Es gibt eine Menge Theaterleute, die erzählen mit Hingebung, wie oft Der Vorhang nach der Ausführung hochgeht. Wenn ihr ttxt er nichts wollt, meine Lieben, Dann schafft euch einen Dorhangszieher mit kräftigen Bizeps an (und für literarische Premieren noch einen Grsatzmann).
VII.
Dei der Premiere stehen ost die Garderobenfrauen, die Dlllettabreißer und Die Zettelverkäufer schüchtern an Den Wänden und schauen begeistert zu. Oft, wenn Der Dlick auf die Dühne nicht mehr lohnt, betrachte ich sie durch- Opernglas zwecks Erforschung Der Publikumsmcinung. Sind sie doch die einzigen Zuschauer, von denen ich positiv weiß. Daß sie mit voller Seele Dabet finD, denn sie haben es doch nicht nötig, in- Theater zu gehen. Dei wem weiß man das sonst noch ganz genau?
VIII.
ES gibt Theaterkrittker. Die unterscheiden sich nur Darin vorn anderen Publikum. Daß sie Da», waS auch sie nicht sehen. auSdrücken fönnen.
IX.
Der gute Krittler kann schon vom Zuschauer- raum aus hinter die Kulis en sehen. Deshalb gähnt er oft, wenn das Publikum klatscht. Man hält ihn dann für blasiert. Kein Theaterle ucher kann so auS voller Seele gähnen und so übet* schwängllch klatschen, wie ein guter Theatet- krittker.
X.
Der Schauspieler beruft sich dem tadelnden Krittler gegenüber gerne auf die Kritik des Krittler-Kollegen, der ihn gelobt hat. Wäre dieser Schauspieler wirllich so sachlich, nur um Die Herausstellung Der Wahrheit bemüfjt, wie er eS gerne vor gibt: wieso beruft er sich nie bei dem lobenden Krittler auf den tadelnden?
XL
Ein Theaterkrittker ist schlecht, wenn die von ihm gut Kritisierten ihn schlecht finben; er ist gut, wenn Die von ihm schlecht Krittsierten ihn gut finden.


