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llr.250 Zweiter Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 25. Oktober (928

Frankreich und wir

den

ien und mit der wirkenden, aufbauenden

Die Idee könnte von Pirandello fein oder von Georg Kaiser, aber die wollen die Bühne mit leben-

Das Beiprogramm bringt außer den immer mehr überhandnehmenden Reklameoorführungen, der Wochenschau, einem Kulturfilm und einem sehr mäßigen Lustspiel die Sondervorstellung des Buda­pester Variet^komikers Nicholson, der mit eini­gen hübschen Jnstrumentalscherzen und amüsanten Tanzparodien das gutbesetzte Haus unterhielt und viel freundlichen Beifall fand.-r

Tiere in Wut.

Von Paul Eipper.

Wer war am wütendsten, Tiger oder Leo­pard?

2ch sah sie am gleichen Tag, als vom Ost- indrensahrer die Transportkisten kamen und ins Raubtierhaus geschafft wurden. Mit der Stirn­seite dicht ans Eisengitter gerückt, durch Stricke und Klammern fest am Käsig verankert: dann kletterte der Oberwörter auf die Kiste und zog 6m Verschluß hoch. Ein zischender, rasselnder Schrei, Poltern, und wie eine Flamme schoß jäh irgend etwas aus dem Dunkel des Kastens ganz weit in den Käsig hinein: Tiger Nummer eins.

Nach vielstündiger Arbeit waren alle Tiere untergebracht, die vor sechzig Tagen noch im Dschungel geräubert und weiße Menschen nie gesehen hatten.

Am tollsten benahmen sich zwei halberwachsene Sunda-Tiger. Sie lagen wie Schlangen platt­gedrückt hinten in der Ecke, den Kopf flach am Boden und starrten uns mit phosphoreszierenden Augen an. Die Zeichnung des Felles wies fast keine weißen Streifen auf: schwarz und dunkel- gelb geringelt peitschte der Schweif und aus ihren gebleckten Rachen kam ein böses Fauchen, dem rasselnden Zischen einer Schlange verwandt, doppelt, unheimlich, weil die langen weihen Schnurrbarthaare klirrten, als seien sie von Glas. Bewegungslos lagen die Tiere. Mles Leben kon­zentrierte sich im Blick und alle Wut.

Nebenan kauerte ein Leopard, Hnd sobald man sich seinem Käfig näherte, sprang er mit einem unbeschreiblichen Sah vom Boden auf, in die Höhe und vorwärts, mitten in die Msenstäbe des Gitters, so als wollte er die Trennung im Sturm zerbrechen.

Der Sekretär gehört zur Ordnung der Raub­vögel. Wegen seiner langen Läufe wird er auch Kranichgeier genannt: und in seiner afrikani­schen Heimat nährt er sich hauptsächlich von Schlangen. Er greift sie jähzornig *mb mit großer

Aus unserem Leserkreis erhalten wir als Ergebnis einer Studienreise in Frank­reich eine Zuschrift, die das so schwierige Problem einer deutsch-französischen Ver­ständigung von der psychologischen Seite her beleuchtet und dabei zu inter­essanten, wenn auch nicht gerade sehr er­mutigenden Ergebnisses kommt.

3n Deutschland hat man sich sehr über die Reden des französischen Außenministers in Genf und des Ministerpräsidenten Poincare bei der Kammereröffnung erstaunt. Für den aber, der Frankreich kennt, die Tagespresse und die poli­tische Literatur verfolgt, der mit Franzosen ver­kehrt, und mit ihrer Anschauungsweise und ihrem Denken vertraut ist, für den bedeuten diese Reden nichts Neues. Jedem Deutschen, der nach Frarck- reich kommt, fällt sofort die Bewunderung auf, die Franzosen wie übrigens auch fast alle Ausländer für das Boll haben, das oen furchtbaren Weltkrieg erlitten hat, durch die wirtschaftliche Krise einer vernichtenden Inflation ging und jetzt mit ungebrochener Kraft und frischem Mut an seinem Wiederaufbau arbeitet. Diese Bewunderung ist aber mit einem unge­heuren Mißtrauen und mit Angst gemischt. Der Franzose steht dem heutigen Deutschland ohne Verständnis gegenüber. Wir sind ihm e i n Rätsel, aber wie ein französischer Professor kürzlich sagte, einbeängstigendes Rätsel".

Der Franzose hat einen dumpfen Druck auf der Seele, Angstzustände. Hm sich von ihnen zu befreien, suchte er sich Klarheit über ihre Hrfache zu verschaffen. Er hatte das Bedürfnis, dieses Rätsel zu ergründen. Die verschiedensten Zei­tungen (Petit Parisien, LeMatin, LeOournal usw.) schickten ihre Leute aus, über dieses rätselhafte Deutschlcnch etwas in Erfahrung zu bringen. Zn langen Artikelreihen und auch in Büchern wurde das Publikum mit Nachrichten gefüttert. Der Znhalt der Artikel beschränkt sich jedoch haupt­sächlich auf eine Beschreibung der tätigsten deut­schen Städte, wie Hamburg, Köln, Berlin, Nürn­berg und Stuttgart. München wird auch nie vergessen, denn wenn man in Deutschland gewesen ist, muß man doch das Münchner Hofbräuhaus gesehen haben. Dem Deutschen Museum werden anstandshalber auch einige Zeilen gewidmet. Be­zeichnenderweise hat sich nur einer dieser Be­richterstatter ins besetzte Gebiet gewagt. Seine Beobachtungen sind nicht erhebend für die Franzosen: betrübt erzählt er. daß alle deutschen Beamten und Polizeimannschaften besser ange­zogen und bezahlt seien als die französischen Truppen. 3m übrigen meint er, daß die deutschen Bauern die Truppen während der Manöver herz­lich ausgenommen hätten. 3m großen und ganzen sind diese Artllel günstig für uns. Sie zollen der deutschen Tatkraft und Arbeitslust volle Anerken­nung. Leider fehlt all diesen Artikeln die Der- ttefung und das gründliche Studium. 3hr Zweck, das französische Volk wirklich über uns aufzu­klären, dürfte nicht erreicht sein. Bei dem ver­hältnismäßig kurzen Aufenthalt haben die Be­richterstatter kaum etwas vom Geiste des heutigen Deutschland erfaßt und haben keine Gelegenheit gehabt, sich über den deutschen Standpunkt in wichtigen, beide Nationen betreffenden Fragen gründlich zu unterrichten. So wird denn weiterhin einem großen Teil des französischen Volkes sein östlicher Nachbar ein Rätsel bleiben.

Politik, so wie sie bisher geübt wurde, hat zur Ver­schärfung beigctragen, darüber hinaus auch eine Unsicherheit in der Wirtschaft hervorgerufen, die das soziale und politische Gefüge des Reiches gefährdet. Wer aus der Wirtschaft eine einzige gwße Zwangsanstalt machen will, in der alles be­hördlich geregelt wird, vergißt die Kleinigkeit, daß Wirtschaft selbst schöpferische Tätigkeit, Wagemut und Unternehmungslust voraussetzt. Wenn die Wirt­schaft zusammenbricht, was durchaus in den Gren­zen der Wahrscheinlichkeit liegt, sofern der sozial­politische Kurs sich nicht ändert, so wird für eine rein gewerkschaftlich geregelte Schlichtungspolitik nicht viel zu tu n übrig bleiben. Selbst mit einer gleitenden Lohnskala wird sie dann den Ar­beitern nicht einmal den Bruchteil der heute ver­dienten Löhne gewährleisten können.

Cs ist daher nicht verwunderlich, daß die Kriegspsychose noch immer nachwirkt.

Was dem Menschen rätselhaft ist. betrachtet er mit Mißtrauen. Das der Franzosen wird da­durch verstärkt, daß sie noch immer unter dem Einfluß der Kriegspsychose stehen. 3ahrelang ist ihnen der Gedanke eingehämmert worden, daß Deutschland am Kriege schuld ist. Trotz aller unserer Gegenbeweise ist sich das französische Volk in diesem Punkte einig. Die Kriegs­schuldfrage steht also zu Anfang all unserer Schwierigkeiten. Die Gefühlsmomente, mit denen diese Frage belastet ist, machen objektive Verhandlungen und Diskussionen über dieses Thema fast unmöglich. Der frcnrzösische Stand­punkt zur Kriegsschuld ist nach wie vor unver­söhnlich. Frankreich ist vollkommen unschuldig an dem europäischen Zusammenbruch. Denn was hat ihrer Mernung nach zum Kriege geführt? Die Polittk Wilhelms II., die Flottenpolitik, Tanger und Agadir, die Heberbewaffnung des Reiches seit zehn Fahren und die Reden des Kaisers. Das sind die Marksteine einer polittschen Entwicklung, die zum Kriege führen mutzten. Hnd Deutschland wollte den Krieg! Die Beweise? Warum wollte man nicht in Wien intervenieren, warum keine internattonale Kon­ferenz einberufen, warum die Weigerung, nach dem Haag zu gehen? 3st das nicht übergenug, um den deutschen Kriegswillen zu beweisen? Der Mord am Thronfolger Oesterreichs wird nur als letzter Anstoß und Vorwand betrachtet zu dem von Deutschland und seinem österreichisch-unga­rischen Verbündeten gewollten Kriege des Pan­germanismus gegen den Panslawismus.

3n der Hnterhaltung, aber zum Teil auch in der Presse und der einschlägigen Literatur sucht man das Hrteil über Deutschland etwas zu mil­dern. Man bekommt dann etwa Folgendes zu hören: Die Deutschen wollen, daß wir unser Hrteil über die Kriegsschuldfrage revidieren, um Vertrauen zwischen den Volkern zu schaffen. Gut! Wir geben ja zu, dah die Hauptschuld nicht im deutschen Volke selbst liegt, sondern im Geiste, der die regierenden Kreise beseelte. 3n hohem Matze hielten die Führer Deutschlands das Schicksal Europas in Händen. Anstatt aber die Kraft des Reiches in den Dienst des Friedens zu stellen, wurde sie in den Dienst einer Machtpolitik gestellt, die den Kriegsgedanken verherrlichte und das Recht des Starken über den Schwachen pro­pagierte. Hnd wozu hat diese Polittk geführt? Zum Krieg, zur Vergewaltigung Belgiens, zur Nichtachtung des Vertrags als eines Fetzen Pa­piers. Hnd wenn Herr Stresemann sich beklagt, dah Frankreich den in Locarno gemachten Ver­einbarungen zu wenig Wert beimiht, an wem ist die Schuld?

Eine Verständigung gerade über diesen Punkt dürfte zwischen den Generationen. die den Krieg durchkämpften, unmöglich sein. Don den Tatsachen der Gegenwart ausgehend, muh der Friede wieder geschaffen werden. So oft aber behauptet wird, man schiebe dem deutschen Volke nicht so sehr die Kriegsschuld zu, wie seinen Machthabern, und man bringe ihm alles Vertrauen entgegen, so oft findet man neue Derdachtgründe. Man be­klagt sich über nattonalistische Polittk und über militärische Vereinigungen. Das führt zu einem anderen wichttgen Problem, das die Angst und

Macht des Wortes. Und nur ein Film vermag diese Idee künstlerisch vollkommen umzusetzen und zu ge­stalten: dieses unheimliche Verwischtsein zeitlicher Grenzen, dieses schicksalhafte Ineinanderfließen von Vergangenheit und Gegenwart, diese bezaubernde Mischung aus Schein und Sein, aus lebendigen Leben und erklügeltem Theaterspiel: hier kann der Film einmal zeigen, wie er über die Schaubühne hinauszugreifen vermag, hier gestaltet er Dinge, die dort meist unzulänglich gelingen, im Räumlichen, im Gegenständlichen, an der spröden Materie sich ver­fangen und steckenbleiben.

I a n n i n a s gibt in diesem Film die beste Lei­stung seines Lebens, er wächst in dieser Doppelrolle, zwei Leben lebend, in zwei Zeiten, zwei tief vonein­ander geschiedenen Welten stehend, zu einer ein­samen Höhe filmischer Gestaltungskraft: hier ist er Komödiant im hohen und edeln Sinne einer aus dem Blut und vom Herzen kommenden Schauspiel­kunst. Er breitet, stumm und in unvergleichlicher Wandelbarkeit, das erschütternde Schicksal eines Menschen vor uns hin.

Josef von Sternberg schöpft das Manuskript­buch mit einer gesammelten Energie, in glänzenden Einzelheiten, mit gebändigten Massenszenen aus, er gibt Spannung und Tempo, er trifft den ernsten, oft bitteren und ironischen Ton der Bilderfolge mit vollem Verständnis; seine Regie hält bis zur letzten Szene durch, ohne einmal zu versagen oder die Linie zu verlieren.

Von den übrigen Darstellern fallen Evelyn Brent (die man neulich inUnterwelt" kennen­lernte) und William P o w e l l besonders auf.

schalten. Da die Löhne so ziemlich den größten Teil der Produktionskosten ausmachen, so ist es klar, daß ihr stetes Schwanken nichts weniger als zu einer betriebswirtschaftlichen Sicherheit führen muß.

Es roar ein Fehler im Aufbau des Schlichtungs- gefetzes, daß die Lohnpolitik als Ressort poli- t i k gewertet wurde, d. h. dem Reichsarbeitsminister unterstellt wurde, während sie tatsächlich ebenso sehr oder noch mehr eine Angelegenheit der Wirt­schaftspolitik ist. Daraus ergibt sich die For­derung, daß, wenn das Schlichtungsverfahren grund­sätzlich beibehalten werden soll, die oberste Spruch­behörde, der schließlich die Verbindlichkeitserklärung obliegt, nicht dem Reichsarbeitsminister allein über­lassen bleiben kann, sondern auch die Zustim­mung des Reichswirtschafts Ministers verlangt. Die sozialen Spannungsyerhältnisse lassen eine Verschärfung nicht mehr zu. Die Schlichtungs-

raschung gebracht.

W. K.

das Mißtrauen der Franzosen verstärkt: die Abrüstung.

Die deutsche Entwaffnung ist nur eine Täuschung, so heißt es in Frankreich. Das Deutsche Reich besitzt eine furchtbare Rahmen- armee, durch die die ganze deutsche Fugend geht und in der sie gut ausgebildet wird. An Kriegs­material fehlt es nicht. Das Reich verfügt über da und dort verstecktes, als Zivilmaterial maskiertes Kriegsmaterial, wie z. B. die Flie­gerei. aus die man drüben sehr neidisch ist. wie wir kürzlich erst wieder anläßlich des Ozeanflugs desGraf Zeppelin" erfahren muhten. Die deut­schen Laboratorien arbeiten mit Hochdruck, um neue siirchterliche Vernichtungsmittel zu finden. Dort wird ein chemischer Krieg vorbereitet, gegen den der letzte Krieg ein Scherz sein wird. Der militärische Pflichtbegriff wird der Jugend stärker denn je eingeprägt. Fn diesen Worten etwa spricht man in Frankreich von der deutschen Abrüstung.

Wagt man nun schüchtern zu behaupten, dah Frankreich doch eigentlich noch gar nichts für seine Abrüstunggetan habe, so lautet die entrüstete Antwort, daß in Washington die französische Seemacht geopfert und das Problem der Rüstungsbeschränkungen ganz entschlossen be­handelt worden sei. man habe schon begonnen, es zu lösen. Dagegen sei nichts berechttgter als die Furcht vor der Nichtabrüstung oder den heimlichen Rüstungen Deutschlands. Die Beweise dafür bestehen meist aus falschen, tendenziösen Zeitungsartikels die die unglaublichsten Mittei­lungen verbreiten. Das Schulbeispiel ist immer der Heeresvoranschlag. Bei Gelegenheit des Budgets 1928 der Reichswehr sprachen die Pariser Zeitungen von einer nicht zu rechtferti­genden Erhöhung von ICO Millionen. Hnd gerade dieses Fahr wies der Voranschlag keine Er­höhung auf. Ein anderer grober Fehler wird immer wieder gemacht, indem man Ausgaben der Vorkriegsarmee und der Reichswehr vergleicht. Besonders die Phöbusaffäre wirkte stark beunruhigend. Man verlangte eine genauere Bezeichnung der Ausgabeposten, da man fürchtete, daß an militärische Vereinigungen usw. Gelder abgesührt worden seien. Offiziell ist ja die deutsche "Abrüstung, durch Auflösung der 3nleralliicrten Kontrollkommission, anerkannt worden. Fn Wirtlichkeit hat man jedoch kein Vertrauen in unsere Abrüstung. Man nimmt an, dah wir trotz unserer beschränkten Mittel den Weg gefunden haben, eine den Verhältnis en an- gepahte. aber schlagferttge starke Armee be­sitzen.Wer kann es uns also, so sagen die Franzosen, verargen, wenn wir unbedingte Sichor- $eit gegen einen neuen Angriff Deutschlands verlangen." Briand und Poincars haben also in ihren letzten Reden dem französischen Volk aus der Seele gesprochen.

Für den, der dies weiß, hat die letzte Wendung in der französischen Außenpolitik also keine Heber-

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

: Aus dem Busecker Tal, 22. Okt. Früher als in sonsttgen Fahren ist die Aus­saat in diesem Fahr in unserem Tal beendigt worden. Fn der langen Trockenperiode war die Ackerkrume gut durchgebrannt und mürbe gewor­den. Die Bearbeitung ging für Menschen und Vieh ohne besondere Mühe vonstatten. Der Roggen läuft regelmäßig auf, und auch bei dem Weizen, der als letzte Herbstsaat der Erde über­geben wird, tritt das erste Grün hervor. Mit dem Einernten der Hackfrüchte hat man sich nicht beeilt, denn die Dickwurzelblätter mußten als Ersatz für das mangelnde Grün­futter zur Fütterung verwendet werden. Auch die Dickwurzelernte hat die Erwartungen über- troffen. Der Ertrag ist eine Mittelernte, vor allem aber sind die Früchte trocken und gesund gewachsen. Nun bleibt dem Landmann als Spät­herbstarbeit noch der zweite Stoppelsturz.

HL ich, 22. Okt. Wer vom Bahnhof aus den Weg in Die Stadt nimmt, dem bietet sich zwischen der Wetter und dem Rondell des alten Stadtwalles ein nicht gerade schöner Anblick dar. Die neben dem Bürgersteig herziehenden Anlagen an dem nach tem Schwanensee abfallenden Raine zeigen ein Bild völliger Verwilderung. Holz- und Papierreste aller Art zwischen ver- krüppelten und ungepflegten Ziersträuchern sind

Wut an, seine Schopf- und Hinterhalssedern strauben sich, die kräftigen Fänge hauen im Sprung auf die Deute, und man glaubt es dem weitklaffenden Schnabel, dah der wütende Füger kurzen Prozeß macht.

Vom Wüstenluchs s agt Brehm, er sei das un­bändigste Mitglied der ganzen Kahenfamilie. Man braucht sich bloß dem Käfig zu nähern, in dem er scheinbar ruhig liegt, um seinen ganzen Zorn zu entfachen. Hngestüm springt er auf und fährt fauchend auf den Beschauer los. als ob er ihn mit seinen scharfen Krallen zerreißen wolle. Er drückt die langen Lauscher glatt an den Schädel, zieht die Lippen zurück und knurrt ohne Ende. Die Alten legten dem Auge des Karakal Zauberkräfte bei.

Daß die Raubkahen schon in früher Fugend nicht sanftmütig sind, bewies mir der kleine Löwe des schönen Dergzoos in Halle, den wir an einem Sommertag zum Photographieren aus dem Käsig nahmen. Er saß ganz ruhig im Arm des vertrauten Wärters, die Photographin stand einen Meter von ihm entfernt mit ihrem Apparat, und ich machte vor seiner Nase eine Bewegung mit der Hand, um ihn aus seiner schläfrigen Ruhe aufzurütteln. Ha was für eine Fülle von Wut und Grimm leuchtet aus dieser Phy­siognomie!

Den elementarsten Ausdruck aber von Wut beobachtete ich an einem Mantelpavian. Ein Mann warf Zucker ins Gehäuse: das Funge griff danach und der Besucher hob seinen Stock, um das Geschenk scheinbar wieder zurückzuholen. Was darauf folgte, war ein Werk von Sekunden, war urgewaltige Wut. Mit beiden Händen trom- melte der Pavian einen wilden Tanz, bann knallte das beleidigte Vatertter mit der vollen Wucht seines Körpers gegen die Gitterstäbe. Ein Brüllen schwoll aus seiner Kehle und die scharf- kcmttgen Reißzähne des Raubtiergebisses fletsch­ten, dah der homo sapiens bleich und sehr über­rascht zurückprallte.

Oer letzte Befehl."

Lichtspielhaus Bahnhofstraße.

Dies ist der beste amerikanische Film, den wir kennen ..., der beste, den wir seit langer Zeit über­haupt gesehen Haden. Ein echter Film, ein Film aus eigener Kraft, mit eigenen Mitteln und einzig­artigen Möglichkeiten, ohne die geringste Anleihe bei wesensfremden Schwesterkünsten, geschrieben aus sicherem Instinkt für die Erfordernisse seiner Gattung. Aus dieser Idee, aus diesem Manuskript (von Lajos Biro) konnte nur ein Film entstehen, nichts anderes nach Belieben, eine Novelle viel­leicht ober ein Bühnenstück, nur ein Film. Das ist die sicherste Probe auf seine Güte.

Zeichen und Wunder: ein amerikanischer Film ohne happy end, ohne falsche Sentimentalität, ohne aufgepappte Moral, ohne Zugeständnisse an den Geschmack der Masse. Die ganz überragende Kunst eines großen deutschen Schauspielers, der in Holly­wood wie wenige fein Glück gemacht hat, rennt olle Herkömmlichkeit einer geschäftstüchtigen, erfolg­spekulierenden Pankeeland-Filmregie über den Hau­sen und erzwingt trotzdem, mit einem bitterernsten, einem trostlosen und tragischen Filmstück einen Er­folg, wie man ihn drüben vielleicht kaum geahnt und vorausgesehen hat.

Die Fabel ist so: ein russischer Großfürst, durch Revolution und Nachkriegszeit aus allen Geleisen geworfen, findet, schon alt und grau, eine letzte Lebenszuflucht in der Statisterie der Filmstadt Hollywood; dort fristet er ein elendes Dasein ohne Glanz und Glück, vis ihm eines Tages der (selt­same, aber vollkommen glaubhaft wirkende) Zufall eine allerletzte Chance in die Hand gibt. Ihm wird der Auftrag, in einem russischen Kriegsfilm die Epi­sodenrolle eines russischen Großfürsten und Gene­rals darzuftellen, ... für ein paar Augenblicke das zu spielen,was er früher, vor zehn Jahren einmal, gewesen ist: in einer visionären Erinnerung lebt er (ein früheres Leben zum zweiten Male und stirbt kurz danach in der kleinen Szene, die ihm unendlich viel mehr bedeuten muß, als eben nur eine kleine, alltäglich - theatralisch aufgebaute Filmepifode vor öen Jupiterlampen des Aufnahmeateliers.

Soziale Spannungen.

Don unserer Berliner Redaktion. .

Im Reichsarbeitsministerium haben Verhand­lungen über die Umgestaltung desSchlrch- tunaswesens ftattgefunben. Es find Vertreter aller irgendwie an sozialpolitischen Fragen beteilig­ten Organisationen eingeladen worden, so daß, wie bei solchen Enqueten leider üblich, die Aussprache an Gründlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen roirb. Ein Umbau des Schlichtungswesens, eine Acnderung in der Taktik der Schlichtungspolitik ist nicht zu vermeiden, denn gerade diese Taktik hat das Schlichtungswesen verfälscht. Wir kennen ja den Schulfall, der die ganze Unzulänglichkeit der Schlichtungspolitik offenbart hat: Den sogenannten Essener Schiedsspruch für den Ruhr­bergbau vom Frühjahr 1928. Der Schlichter, der sich vorher weder beruflich noch außerberuflich mit Bergbaufragen beschäftigt hatte, der durch sei­nen Schiedsspruch selbst zu erkennen gab, daß ihm die wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhänge fremd sind, bürdete dem Ruhrbergbau allein durch seinen Schiedsspruch eine ß a ft von ach t z i g Millionen Mark im Jahre auf. War das schon eine außergewöhnliche Leistung, so war es noch mehr die, die den Schiedsspruch nut der Klau­sel ausftattete, daß nach einer Ko hlenpreis- erhöhung neuerdings eine Lohner­höhung ber Bergarbeiter in Erwägung gezogen werden könne oder miffse.

Nun ist das deutsche Schlichtungsgesetz so aufge­baut, daß der Schlichter in erster Instanz keine Verantwortung trägt, ja, diese Verantwor­tung wird ihm ausdrücklich abgenommen dadurch, daß die übergeordnete Instanz des Reichsarbeitsmi- Nisters den Schiedsspruch für verbindlich er­klären kann. Tatsächlich hat sich jedes Schlich­tungsverfahren bisher so gestaltet, daß die Gewerk­schaften an sich und mit Absicht ihre Forderungen überspannten, weil sie erfahrungsgemäß da­mit rechnen oder rechnen konnten, daß der Schlich­ter wenigstens einen Teil der Forde­rungen bewilligen würde. Der Leitgedanke der Schlichtungspolitik war, Arbeitskämpfe, d.h. Streiks ober Aussperrungen zu vermeiden, weil sie nach so- zialbureaukratischer Auffassung gleichbedeutend sind mit schweren sozialen und wirtschaftlichen Erschütte­rungen. Ist dadurch nun der 2Irbeitsfriebe gesichert worben, ist es insbesondere dieser Taktik gelungen, einen Gleichgewichtszustand herzustellen, b. h. die Interessen der Arbeitgeber und der der Arbeitneh­mer einander näherzubringen? Das muß verneint werden, denn aus ber Schlichtungspolitik ist ein Zwangsverfahren für bie Lohnpolitik ge­worden mit dem Ergebnis, daß die so festgesetzten Löhne jeden Zusammenhang mit der Wirtschaft ober ber einzelnen Wirtschaftsgruppe verloren haben. Wäre es anders, so müßte doch eine gewisse Be­harrung eingetreten, d. h. so würde also jeweils mit längerer Dauer der Tarife zu rechnen sein. Heute wer­den die Tarife so kurzfristig als möglich abgeschlos­sen, weil kein Teil mit ihnen zufrieden ist, weil jeder Teil hofft, bei der nächsten Gelegenheit ein anderes Ergebnis zu erzielen.

Soweit die Gewerkschaften sich dem Schlichtungs­wesen widersetzen, geschieht es nur deshalb, weil sie aus dem Schlichtungsverfahren eine lohnpolitische Waffe für s i ch allein machen wollen. Ihre Kritik geht darauf hinaus, daß der Schlichter nichts anderes tun oder lassen soll, als die Forderungen der Gewerkschaften mit der Kraft des Schiedsspruchs auszustatten. Trotzdem setzen sich die Gewerkschaften auf der anderen Seite für eine Wirtschafts­demokratie ein, wobei der Schluß naheliegt, daß sie sölber über die Tragweite dieser Demokratie nicht recht klar sind. Eine Wirtschaftsdemokratie, b. h. ein Mitbestimmungsrecht der Arbeiter bei be­triebswirtschaftlichen, also auch lohnpolitischen Fra­gen, muß auf der anderen Seite auch mit der Verantwortung für die Ertrags­fähigkeit des einzelnen Betriebes belastet sein. Wenn nach dem Willen ber Ge­werkschaften alle Löhne von ftaatsroegen zwangs­weise festgesetzt werden sollen, so bleibt für bie ver­antwortliche Wirtschaftsführung fein Spielraum mehr. Die Produktion ist nicht ein Ding an sich, die unter allen Umständen sichere und be­stimmte Erträge liefert, wobei der Lohn einfach anteilsgemäß berechnet wird. Die Produktion ist vielmehr eine Summe wirtschaftlicher Vorgänge, bie einzeln gewertet und berechnet werben müssen, wo­bei es im Interesse aller Beteiligten liegt, jede Un­sicherheit in der Betriebswirtschaft möglichst auszu-

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