Nr 95 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Montag. 2~. April;928
Oie Stadt der Moscheen - die Stätte des neuesten Erdbebens, jn Philippopel an der Pforte zum Orient und im Döllergemisch des Balkans.
Mehr al- hundert Todesopfer hat das tfrbbeben gefordert, das soeben Bulgarien heimsuchte und große Teile der alten Stadt Philippopel in Trümmer legte. Linser Mitarbeiter schildert anschaulich den Ort der Naturkatastrophe.
Malerisch liegt Bulgariens zweitgrößte Stadt, das mehr als zweitausend Jahre alte Philip- popel, zu beiden Ufern des Marrtzaslufses. Sine breite Drücke verbindet die Ufer, und wer einen Eindruck von der eigenartigen Schönheit des Ortes gewinnen will, muh sich zunächst einmal aus dieser breiten Brücke einen Ucbrrblick verschassen. um das eigenartige Bild in sich auszunehmen, da- d»te zum Teil auf Hügeln angelegte, an Moscheen, Kirchen und öffentlichen Verwaltungsgebäuden reiche Stadt von diefem Punkt aus bietet. Dem Europäer fallen sofort die nadelsörmigen M in a re t s auf, die schlank und spitz die Wohnhäu'er überragen — nicht nur historische Zeugen Jahrhunderte währender
wohnte Stadt ein ebenso dankbares Objett wie dem Geographen, für den es lohnend ilt. das erdbebcnreiche E i n b r u ch s g e b i e t der M a r i h a in geologischer Hinsicht zu ersorschcn. Die Niederung, in der jetzt der Fluh brausend und schaumend seines Weges zieht, ist nämlich durch Senkung der allen Oberfläche entstanden, aber nicht auf einmal, sondern durch mehrere zeitlich well auseinander liegende heftige Ürd- erschütterungen. Niemals hat der Boden seitdem lange Zeit Nutze gegeben: erst vor etwas mehr als hundert Jahren, nämlich im Jahre 1818, wurden große Teile Philipps^elS durch ein furchtbares Erdbeben völlig zerstört! doch blieben einige historisch besonder- bemerkenswerte Bauten von der Katastrophe verschont, während diesmal auch unersetzliche Gebäude wie Die prächtige große Moschee vernichtet worden sind.
Bisher ist nicht bekannt geworben, ob auch die Kaufhalle eingestürzt ~ ift, die neben der
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Türkenherrschast, sondern auch heute noch von Mohainrnedanem eifrig benutzt. 26 Moscheen gibt eS in Philippopel, aber nur 13 Kirchen. Dennoch ist die Stadt überwiegend christlich-bulgarisch, und von den etwa 50 000 Einwohnern sind kaum mehr als ein Sechstel der türkischen Nationalität zuzurechnen. Groß ist die Bedeutung deS griechischen Teils der Bevölkerung, und fast 10 Prozent der Einwohner sind Juden, meist spaniolischcr Ab- kunst, Die auch heute noch spanisch verstehen, aber in den letzten Jahren vvrziehen. neben der bulgarischen die französische Sprache zu gebrauchen. Damit ist aber daS Bölkergemisch, daS sich in dieser europäischen Stadt hart am Rande des Orients findet, noch nicht genügend charakterisiert. Auf den Märkten, in den Straßen bemerkt man den starken armenischen Einschlag, und wie überall auf dem Balkan wohnen auch in Philippopel außerordentlich viele Zigeuner.
117 Kilometer lang und 48 Kilometer breit ist daS Decken, das die Maritza bei Philippopel zwischen den Ausläufern deS DalkanS und dem Ntzvdope-Gebirge bildet. In dieser fruchtbaren Ebene von fast 5030 Quadratkilometer gedeihen Getreide. Obst, Wein und Nüsse in reichem Maße, und es ist ein besonders schönes Schauspiel, Im Herbst den Einzug der bäurischen Karren zu beobachten, die mit kostbaren Naturerzeugnissen hochbeladen sind, und deren buntgekleidete Besitzer die Ernte in der Stadt zerraufen wollen. An den BolkStrachten erkennt man, wie innig fich gerade in Ostrumelien südliches Slawentum mit osmanischer Nationalität vermischt haben! lebhafte Farben, die an Erzeugnisse russischer Volkskunst erinnern, werden durch dunklere Tücher, wie sie türkische Zurückhaltung bevorzugt, zum Teil verdeckt.
Dem Kulturhistoriker bietet diese merkwürdige, viel mnkämpftc, von vielen Nationalitäten bc>
Dschumaja-Moschee zu den w'.chtigsten Bauten gehörte, die noch aus der Zeit der türkischen Herrschaft erhalten geblieben waren. Gerade um diese beiden Bauten wäre es besonders schade. Wenn in den Berichten miigeteilt wird, daß weit über tausend Hauser eingestürzt sein sollen, so darf man nicht vergessen, daß nicht ganz Philippopel auS Prachtbauten besteht; vielmehr sind viele Stadtteile aus Holzhäusern errichtet, und manches der neuen Gebäude zeigt, daß man in Bulgarien modern und schön für gleichbedeutend hält, während die kostspieligen Derwaltungs- paläste tatfächl ch nur dazu dienen, das ehemals orientalisch schöne Stadtbild zu zerstören. Besonders in der Nähe des DahnhosS hat man Straßenzüge angelegt, die ähnlich langweilig rmd trostlos wohl nur iwch in Messina au finden sind, wo die Stadtbaumeister ebenso wie in Philippopel in den letzten Jahren bei der Ausarbeitung neuer Straßenlinien vorwiegend mit dem Lineal gearbeitet haben, dabei aber das Studium des Geländes sehr vernachlässigten.
Die Europäisierung des Gebietes hat seit der Trennung Bulgariens von der Türkei mächtige Fortschritte gemacht, sicherlich zum Bortell der Einwohner, denen allmählich manche im Orient unbekannte hygienische Einrichtung zur alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden ist, aber auch zum Nachteil des ehemals ästhetisch reizvollen Stadtbildes. Erst seit dem Jahre 1885 ist Ostrumelien, dessen Hauptstadt Philippopel war, mit Bulgarien vereinigt, und erst seit dem Jahre 1938 ist das bulgarische Fürstentum zu einem auch staatsrechtlich von der Türkei völlig unabhängigen Königreich umgewandelt worden. Die Beziehungen zum Orient sind also in dieser Stadt noch sehr lebendig, und wenn auch viele türkische Untertanen allmählich nach Konstantinopel und Kleinasien ausgewandert sind, findet man in Philippopel doch noch viel
Zwillingsbrüder.
Von Albrecht Schaeffer.
Das eine der beiden Pferde trat verlangend einige Schritte vor bis zum Llscrrand, senkte den Kops und begann langen Halses behutsam vom Spiegel des Wassers zu trinken. Sein Reiter in grauer Montur sah dir Sterne in der nachtdunklen Flut unter blanken Kreisen tanzen, zittern, von Taumel ergriffen werden und fchwin- ten. Aber weiter hinausblickend faß er das übrige Firmament ungestört in dem mächtigen Decken des großen Lees, umringt von der schwarzen Mauer der Wälder. Nun glitt fein Schauen darüber empor in den wirklichen Himmel hinein,- und da zuckte unter der Gewalt dieses Glanzes und dieser Fülle von Glanz ein solcher Jubel des Glücks in ihm auf. daß er die Zügel fahren lieh, beide Hände hinter sich in den Sattel stemmte und nun, das Haupt ganz tief im Genick, aus den Sternen trank, offenen Mundes, offenen Auges, mit ganzer Seele. Er hörte nicht mehr in der Tiefe das Icife fromme Schlürfen des Tiers: nicht in Pausen, wert fern, in Rußland, die ruh losen Schüsse sollen. Ihm war es. als ob er den Geist aufgebe — mitten in Engel hinein.
Daher konnte er auch nicht wahrnehmen, was unterweilen sein Freund tat, der zu Pferde neben ihm sah. Die Zügel hochgezogen, hielt er mit beiden Händen das Zifferblatt seiner Taschenuhr in daS Licht des grabe über den Reitern stehenden Mondes und gegen feine Augen empor minutenlang so, bis die beiden Zeiger, auf die Zwölf weifend fich deckten. Aber weiter, nur einen leisen Seufzer entlassend, blieb er so: dann wurde in unendlicher Ferne eine Turmuhr vernehmlich. die auch die Stunde schlug, einen kaum — wie ein Pulsschlag — vcrnHmlichen Schlag hinter dem andern. Nun fiel die IHjr, an der Kette hängend: der Reiter stöhnte: ..Gott sei gelobt!" aus solcher Tiefe der Brust, daß der andre zusammenfuhr und ihn ansah. ohne seine Haltung sonst zu "c-intern, iletertem drängte jener fein Pferd heran dann war' er feine S.irn gegen den .arm ^es Freuno es, drückte ihn, ßhluchzte fast, ergriff endlich feine Hand und küßte |ie. Und „gottlob!“ seufzte et wieder, sich und sein Pferd zusammenfaNend und absondernd, „dieser Tag ist vorbei/'
„Erkläre mir —a fing ter andere verwundert an. und der Freund begann schon, eifrig, aber ruhiger von Sah zu Sah:
„Du, Rudolf, erinnerst du dich nicht, wo wir heute vor einem Jahre waren?"
„Wenn ich nachrechne ... warte! Wir haben — August. Da waren wir wohl im Bayerischen Wald."
„Wir? Wer?"
„Nun. du und ich und Herbert, mein Zwillingsmensch. — w ißt du, daß ich eben seiner gedacht habe? Er geht nämlich heute — da es zwöll Uirr ist — heute in Urlaub. — Ja, eben dachte ich seiner ...“, wiederholte er. und well er Atem nahm, als wollte er mehr sich vom Herzen reden, blieb fein Freund still, bis er anfing:
„Ich will dir sagen, wie es ift. — außer mir weiß es niemand. Ich bin," fuhr er fort, über den Kops seines Pferdes hinweg gegen die Sterne blickend und sprechend, „kein Träumer. Wer. es gibt mitunter Augenblicke, wo das Gefühl. nein — ein,uw das Leben in mir überhand nimmt — soweit, daß ich hinterher meine, ein Augenblick länger, und ich hätte mich verloren. So war es auch eben. Dann aber — in dem äußersten Augenblick geschieht es. daß mir mein Bruder erscheint. Das heißt: ich sehe ihn irgendwo im Raum, ohne Umgebung, allein, aber ganz genau, jedes Glied, in meiner eigenen Haltung, als wär ich es selber. Und bann, tn ter nächsten Sekunde schon, bin ich wieder in mir. unten, bewußt, auf der Erde. DaS ist aber nicht enttäuschend: beim ich weiß, daß eS nötig unb gut ist. Und bann bin ich bankbar: benn ich erkenne in bissen Augenblicken —, was ich vor euch allen voraushabe — nämlich: zweimal geboren zu sein."
„Ein kleines Geheimnis," schloß er nach einer winzigen Stille leicht ab. und gleich, als ob feine Mitteilung nicht unziemlich groß werten sollte, fügte er die Frage daran: .Unb nun, mein Lieber, was wolltest bu mir sagen?"
Daraus sammelte sich ter andere, so gut ers vermochte, unb nahm seinen gaben auf, intern er fragte:
„Uno was in jener Nacht war — vor einem Jahr, erinnerst bu dich nicht?"
„Etwas besonderes? Haben wir nicht geschlafen?"
oSmanifche Tradition, unb eS ist schon gesagt worden, daß diese Stabt, in der ein bulgarischer. ein griechischer und ein katholischer Dllchos resibieren. auch eine bebeuknbe mohammedanische Bevölkerung besitzt. Aber diese Pforie zum Orient war auch lange Zeit ein Bollwerk deS Europäertums gegen die rorbringenben OS- manen. unb gerate ter Maritasluß ist im russisch- türkilchen Krieg von 1878. an tem bulqart’dx* Freiwilligenformationen teilnatzmen. heflig um- kämpft worben Damals enlstanb bic berühmte bulgarische Nan.malhymnc „Schumy Maritza. .Es braust bie Mariha. von Blut geschwollen", die zum erstenmal bei der Erstürmung teS Schip- kapasses gelungen worden fein soll unb alle Bulgaren heute noch daran erinnert, baß ihre Freiheit nur durch einen Ausstand gegen bie türkische Herrschaft errungen werben konnte.
Mehr als fünfhundert Jahre Hal Philippopel zum türkischen Reich gehört: bie Oimancn haben bie Stadt im Jahre 1363 erobert — aber damals sah Philippopel natürlich ganz anders aus, beim es ist inzwilchen nicht nur bem Grbbcbcn von 1818 zum Opfer gefallen, sondern auch im Jahre 18*6 von einem furchtbaren Brand hcimgesucht worben, der bas Stad'.bilb völlig veränderte Aber Philippopel selbst ist älter, kann aus eine längere Geschichte zurückblicken als bie Türkei unb sogar als ba5 Boll der Bulgaren, beffen Zar Joanisza bie Stabt im Anfang des 13. Jahr- hunbcrts einmal zu zerstören versucht hat. Es führt seinen Namen aus Philipp 1 I. von Mazebonien zurück, ben großen Dater beS größeren Alexanter. ter von bem Ort 340 v. Ehr. Belitz ergriffen haben soll. Doch Philippopel ist noch älter, war schon eine thrakische Hauptstabt, als Philipps mazedonifches Reich noch nicht bestand. Denn schon früh erkannten bic Bolksstämme. Die bas Maritzatal behobelten, baß bie Hügel, bie sich an dieser Stelle in der weiten Ebene erheben, einen hervorragenden Schuh gewähren. Diese Hügel, einst strategisch wichtig, verleihen heute dem Stadtbild einen besonderen Reiz, und bas Auge wird nicht müde, bic überdnanber gebauten Häuserreihen zu betrachten.
Auch bic Dörfer, bie in der Umgcgcnb von Philippopel liegen, finb von bem Erdbeben heftig heimgesucht worben: unter ihnen hat besonders Borissograb gelitten, das auch Hadschi-Cles heißt — die meisten Orte biefer Gegend haben einen internationalen, einen bulgarischen unb einen türlischen Namen, unb Philippopel heißt z. B. auf bulgarisch Plowdiw, auf türkisch Filibe. Borissograb ist eine wichtige Mmlabcftcllc für Getreide, das im Maritzatal reichlich gcbcibl; es liegt sehr niedrig, nämlich nur hundert Meter über Dem Meeresspiegel, während Philippopel sich auf einer Ebene erhebt, die 160 Meter über dem Meeresniveau liegt. Das ist übrigens für das Innere der Ballanhalbinsel eine sehr geringe Höhenlage, und Darauf ist eS zurückzusühren. daß in Der Nähe von Philippopel Reis und nicht weit entfernt sogar Feigen und Melonen in großen Mengen gedeihen. DaS Erdbeben hat also diesmal eine schöne unb von Natur reiche Gegend betroffen, Deren Bevölkerung sich hoffentlich bald von bem Schaben erholen wirb.
Was ist die „Nota"?
Der Präsident der deutsch-polnischen gemischten Kommission für Oberschlesien, der Schweizer Dr. Salon der. hat vor einiger Zeit, nämlich am 25. März, ein Verbot erlassen, das sich gegen bas Absingen ber Rota, eines polnischen Hehliedcs in ben beutfdjen unb polnischen Schulen Ostoberschlesiens richtet. Der polnische Wojewobe hat Darauf vor einigen Tagen halb ausweichend. halb ablehnend geantwortet, indem er erklärt, daS Lied werte in den deutschen Schulen, in denen man in einem besonders prägnanten Falle bie beut- schen Schüler gezwungen hatte, es mit feierlicher (Schärte zu fingen, von ber Wojewodschaft verboten werden, in polnischen aber nicht, weil es ein wichtiges historisches Dokument sei unb die „große nationale Tradition" erhalten
„Erst nicht, benn wir kranken viel Wein." „War es bas? Unb bas alles?"
„Samt legten wir uns schlafen, in drei Betten nebeneinander, unb ich lag in ter Mitte. Unb Dann, im Morgengrauen, wachte ich auf. weil dein Gesicht über mir war. Aus tem Schlaf gerissen, und aus dem Traum gerif en. so war Dein Gesicht über mir, unb bu sprachst —“
„Was hab ich gesprochen?"
„Heute in einem Jahr bin ich tot."
„Ach! — Habe ich bas gesagt?"
„Lieber, ja! Unb warfst dich danach auf bie Seite herum, unb ich glaube, du schliesst sofort. Vielleicht warst bu auch gar nicht erwacht. Ich aber —"
Da ber Sprecher verstummte, ergriff Rubolf seinen Arm. auSrusenb: „Du hast das ganze Jahr Daran geschleppt, unb ich habe eS vergessen!"
„Seit ter Krieg begann —wollte ter sich noch oerteibigen, wurde aber stille und beide schwiegen nun in ter männlichen Beschämung von Freunden, die sich innen berührten. Sie blickten über den See hin, sahen aber beite nichts mehr. Rudols. ter vor einem Jahr seinen Tob geträumt hatte, empfand kaum dies eigene, unverständliche, erst von dem Freunde ihm zu- gcwicsene Erlebnis, sondern bic Liebe des Freundes. ein Lebensgeschenk, an dem ihm bic eben genossene trunkene Lust bes Lebendigseins in den Gestirnen jetzt enger, fester, leiblicher greifbar wurde. Alsbald wandten sie ihre Pferde und ritten im Schritt, kaum die Richtung bedenkend, tief im Innern beschäftigt, als schauten sie in das Werk einer Uhr, staunend unb suchend, wo die Ursache ihres Lebens sitze, so ritten sie burch bie unenbliche Nachtleere Der Ebene unter ben Biltem ber Sterne bahin. bis schwarz Darunter bie Umrisse bes Dorfes erschienen, wo ihre Schwabron in Ruhestellung lag.
Es war nur eine einzige Straße, an ber die elenden Hütten lagen mit wenigen rötlichen Fenstern, leer in bem bunftigen Licht des hohen Mondes. Am Posten vorüber, ter im Schatten kaum sichtbar war. sahen sie diese mondhelle Straße wie ein o fenes Schicksal vor sich liegen, und in der gerne Darin den Schatten von einer Gestalt. In tem Augenblick, wo ihre menschlichen Umrille deutlich wurden, hielt Rudols so plötzlich sein Pferd an, bah auch ter Freund ihm
helle bic zur Bildung einer Volksseele notwendig fei. 3m übrigen wird die von 6-alonter verwandte Hebersetzung als unrichtig bezeichnet.
Diefe Gegcnäußerung ron polnischer Seite versälscht ten Sachverhalt total Denn daS Lied ha! weder mit der großen polnischen Tradition etwas zu tun. die Jahrhunderte zurück- liegt, noch ist cs irgendwie geeignet, im nationalen Sinne erzieherisch zu wirk..' Es spricht von tem „3cr‘aU des lrcu,ritterlich, n Ungeheuers (Deutschtum) in Staub und Asche" und sagt an anderer Stelle „ber Deutsche wirb uns nicht ins Gc icht fpeien und uniert Kinder nicht verdeutschen". UeterdieS ist daS Gedicht, teilen künstlerische Bedeutung sehr umstritten wirb, aus Bestellung beS jetzigen Bürgermci'ierS ter Stadt Teschen. die nicht mehr deutsch, ater auch nicht ganz polnisch, sondern zum Xcil tschechoslowakisch geworden ist. deS Prälaten L o n b z l n von her recht unbedeutenden Dichterin K o n o p n l d a im Jahre 1895 versaßt worden. a!,o nichts weniger als historisch londern ein reine- Gelegenheitsgedicht. Unb obendrein ein recht unschönes. daS von allen verständigen Polen, die eS nicht gerate schätzen, davon zu hören, daß man „ihnen nicht in- Gcßcht speie", selchst abgclehnt wird. ES ist also nicht recht ersichtlich. warum man sich für Die ostoterschlesischc Jugcndbildung aus Die Beibehaltung diele- Machwerks versteist. dessen tetzerischer Eharatter freilich unbestreitbar ist. ES sei denn, daß man mit dieser Ablehnung weitere Sr- Ichwerung für die Stellung Salon- ders zu erreichen hofft, dessen Objektivität den polnischen Behörden in Ostoberichlc>icn außerordentlich lästig fällt. Aber schließlich leben wir ja nicht mehr in ten Tagen deS akuten NationalistenkainpseS und der Hochspannung zwilchen Deutschland und Polen, vielmehr bemühen sich bie beiderseitigen Zentralbehörden um vertragliche Abmachungen auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet unb stehen gerade jetzt wieder vor einer Ausnahme solcher Verhandlungen.
Man sollte deshalb erwarten, daß von Warschau aus. wo man sicherlich mehr Gewicht auf Die Fortführung Der HantelSvertragsverhand- lungen legt, die in Wien mit ErfolgauSiicht vorbereitet wurden, als auf bie merkwürdige Auffassung deS ostoberschlesischen Wojewoben von der zweckmäßigen Erziehung ter Jugend zu einer polnischen Gesinnung, tem Konslikt um daS Hctz- lieb Der Rota schleunigst ein Ende gemacht werde, sei es auch nur. um die Spannung deutscher unb polnischer Bevölkerung in Ostober- schlesien zunächst einmal milbem zu helfen. Die Beseitigung dieses LleteS auS ten deutschen Schulen war eine Selbstverständlich k e i t, weil es eine unerhörte Taktlosigkeit war. deutiche Kinder zu einem derartigen Liede gegen ihr eigenes Volk zu zwingen. Seine Erhaltung in polnischen Schulen würde, abgesehen von der Mißachtung der völkerbündlichcn Autorität, ein Beweis schlechten Willens gegenüber ter notwendigen unb beiderseits angestrebten GntspannungSpollllk sein.
Oberheffen.
Landkreis Gießen.
£ Wieseck, 23. April. Zu bem Bericht vom SamStag über ben Rechnungsabschluß ber ®emeinbe von 1926 ist noch ergänzend mitzuteilen: Die Gebäude ber Gemeinte brachten eine Einnahme von 6390 Mk, der eine Ausgabe von 313 691 Mk. gegenübersteht, bic Waldungen brachten einen Ileberschuß von 21 457.42 Mk., bic Wasserversorgung ergab 4483.87 Mk.. bie Sondersteuer (Vergnügungssteuer usw.brachte 3218,11 Mk, der Anteil an Deichssteuern betrug 19 541,76 Mk. die ©cmeinbeumlagcn erbrachten 35 347,82 Mk. Zuschüsse erforderten bic Schäferei 853 Mk., bie Erwerbslosenfürsorge .3644,05 Mk.. bie Verwaltung 22.359,57 1. bie öffentliche Sicherheit 6370,23 Mk., die Gesundheitspflege 3683,67 Mk. (hierin enthalten sind Vorlagen, bie an Die Kliniken geleistet tourten), bie Armenpflege 6923,32 Mk.,
folgte. Gr griff mit ter Hand an bie Augen, blickte immer zu ber Gestalt hm, sagte endlich.
„Sonberbar — eben meinte ich, bat ist Herbert."
„Dein Bruder? Wie sollte der Herkommen?"
„Es i st ja nicht Herbert. Aber hergekommen fein könnte er schon, Da er nur zwölf Meilen fern ist, — doch sein Urlaub —"
Intern setzte er bie Sporen ein unb jagte bie Straße hinunter. Der antere folgte überrascht erst nach Setunben, sah den Freund mit jener Gestalt zusammentrejfen, vom Pferde springen, jenem nach der Schulter greifen, und sah, daß eS ter Bursche deS Freundes war. Der rief: „Wann, warum bist bu wach?"
Der einfache Mensch, bie soldatische Haltung wahrenb, atmete heftig, schickte bie Augen zau- bernb von einem zum anbern, begann endlich:
„ES ist telephoniert worden — in Abwesenheit — Der Bruder von Herrn Leutnant —“
„Tot," sagte Rudolf stumpf unb lieh ben Kops an sein Pserb fallen.
Affenjagd auf hoher Gee.
Der englische Dampser Ap^am, bet jetzt von ter a’rifan s er West üfte nach Pl.meut) zurück- gekehrt ist. hatte 40 junge --anen an Bord, die für Jmpszwecke im Zusammenhang mit der Erforschung des gelben Fiebers nach England gebracht tonten sollten. Sie wurden zunächst in drei großen Kisten gehalten. Als aber einer entkam, beschloß man, sie in einen besonderen Raum zu bringen. Bei dieser Ueberfübmng enttarnen sie aber alle unb waren halb über bas Schiss verstreut. Einige schaukelten sich in ten Masten, anbete hatten sich nach ber drahtlosen Station geflüchtet, noch anbete spazierten auf ter Kommandobrücke herum. Die Bemannung teS Schiffs unb bie Pas'agiere beteiligten sich alle eifrig on ter Assenjagd auf hoher See, die sich aber recht schwierig gestaltete. Es Dauerte eine Woche, bis man alle Ausreißer wieder eingefangen hatte. Als aber bie Assen nunmehr ^zähft würben, da fand man zum allgemeinen Erstaunen, baß es nicht nur 40, sondern 44 waren. Man vermutet, daß man sich in der Zahl bet Assen bei ber Einschiffung geirrt hat. denn eS ist ja nicht gut möglich, daß während ber Jagd noch vier Affen I aus tem Meer Dazugekommen sind.


