Nr 501 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Samstag. 22. Dezember |?28
Die Familie der Klubleute.
Wo Junggesellen Weihnachten feiern können. — Oer Klub der Millionäre Treffpunkte der Aristokratie. — Ewige Oamenfeinde.
Don Werner Falcke.
Bedauernswert ist der Reisende, der am heiligen Abend in eine Stadt verschlagen Li.d, in der er weder Freun e noch Bekannte besitz.. Selost wenn er sich in ci 1er Weltstadt aufhält, wird er diesen Aoeid trübselig verbri.gen; druckt doch kein anderes Fest dem önerttlichen Leben so deutlich seinen S.e.npel auf wie gerade Weihnachen. Die Theater sind geschloßen, ii Kaba etts und Varietes wi d niH gespielt, und auch die Ki"v- theater liegen dunkel und verlassen da. „Hellig- abend in der Familie' lau.ei ein ungrschsiebenes Gesetz, auch der Junggesellen, die keinen Anhang besitzen, erbarmen sich an di sie in Abend be reun- drte Familien, dir sie zur Bescherung und zum Abendessen eir.laden. Wohin soll sich aber der Hagestolz flüch.cn der keine Einladung erhol en Gat, oder der ein so überzrug er Gegner des Familienlebens i.t. daß er jede Einladung hart- nädig ablehnt? Für den vereinsamen „3ung- aescllen aus älebcrzeugung" gibt es am heiligen Abend nur einen Ausweg, wenn er nicht zu Hause bleiben will: er wi d eine S.ä te aufsuchen, an der er vielleicht Grsinnungsgenossen findet, er muß in drn Klub gehen.
Roch vor wenigen Jahren stand man in Deu.schl nd dem Klubleben ziemlich fremd gegen- über. M.n kannte wo.)l dw poli sichen Klubs, in denen sich bekannte Paria nen oder derselben Partei zusammen aaden, man verkehrte in mehr oder minder vornehmen Spi silubs: daneben gab es aber nur we sige, vornehme Vereinigungen die bei der Wahl ihrer Mi.glieder sehr exklusiv vorgingen. Für den gewöhnlichen Sterblichen blieb meist nur der Anschluß an eine Vereinigung übrig, die sporllichen Zwecken diente. Von einem ausgesprochenen Klubleben, wie es beis ielsweise in Lo.advn üblich ist, konnte man in Den schland nicht sprechen. In neuester Zesi ist das anders geword.n: zahl eiche grsellschas.liche Derxi igun- gcn siiid gegründet worden, deren Mi glirdrr sich bei kün, tierischen und gesellschaftlichen Veranstaltungen zusa.nmenfinden. Der vornehmste gesellschaftliche Klub Bersins trt die „Den sche Gesellschaft 1924", die 2003 Mi glieder zählt. Die bestcn Damen aus der deutschen Diplomatie sind in der Mi.gli.dsliste dieses Klubs Dertreien; hohe Beamte pslegen dort zu speisen, und einmal in der Woche findet im Klubheim, das in der Schadowstraße liegt, ein Vor.ragsabend statt. Heber allen Veranstaltungen der Gesellschaft herrscht ein gedäinpfter, zurückh'ltender Ton: man liebt dort keine erregten, l.idenschaftlichen Diskussionen, denn tu Mi glieder der Deutschen Gescllschaft sind vorsich ig ausgewählt, es sind Männer, die es „zu etwas gebracht haben".
Eine Mischung von Sport- und Gesellschaftsklub ist der „Auttnnobilllub von Deutschland", und ähnliche Ziele verfolgt der vornehme „silnion- Klub". Auch zu diesen Vereinigungen erhält der gewöhnliche Serbische Lt en Zutritt: ein ausge- nügeltes Dallotage-Syfte.n ermöglicht es, einen Bewerber um die Mi gtsidschaft abzulehnen, wenn er auch nur wenigen Mitgliedern aus irgendeinem Grund nicht genehm l|t. Reichtum allein verschafft keineswegs den ersehnten Zutritt, man must schon über ausgedehnte gesellschaf liche Beziehungen verfügen und ci.'.en makel, rcirn Ra- men besitzen, wenn man das Mi gliedsschild des „Automobilllubs von Deutschland" an seinem Wagen anbringen möch.e. Der Adel stellt nach wie vor im Au.omot illlub ern star es Kontingent: daneben gibt es viele Adelssamilien, die sich noch mehr von der Außenwelt abschließen, und die man im Wirtschaf's-Klub des Aöiigen Gaues Kurmark trifft, der in der früher so vornehm- ruhigen Doß-Slrahe liegt. Die frühere Hofgesellschaft findet man im „Adligen-Kasinv" am Pariser Platz.
Dicht am Tiergarten, in der Viktoriastrahe, kommen die Patrizier von Berlin, die schon lange in Berlin ansässigen reichen Kaufleute, die Direktoren der Berliner Grohbaiaken und einzelne Industrielle zusammen. Dort befindet sich das neue Klubheim der „Ressource von 1794", die
sich mit dem „Klub von 1880" zusammengeschlossen hat. Die Jndustriegewalsigen der Reichsßaupt- stadt, die Wirtschaftsführer und Leiter riejjet Konzerne gehören dem „Klub von Berlin" an. Der Außenstehende, dem zur Mittagszeit ein Blick in den Speisesaal vergönnt ist, ahnt kaum, wieviel Millionen dort beisammen sein mögen. Wichtige Ereignisse des Wirtschaftslebens,_ die neuesten Trustbildungen und andere großzügige Finanztransaktionen werden im „Klub von Berlin" zwischen Suppe und Braten besprochen. Jedes Klubmitglied kennt je'en Anwesenden, uno ein Bewerber, der in diese exklusive Gem.inschaft ausgenommen werden will, wird auf Herz und Vieren geprüft. Adel und Hochfinanz nereini ;en sich im „Sportklub", der seinen Sih iln.er den Linden hat. aber dem neuen Reichtum ist der Weg zu diesem Klub verschlossen, benn man legt besonderen ÖSert darauf, nur zurückhal.ende Mitglieder zu besitzen, die keineswegs durch über- mäßigen Luxus auffallen wollen. Eine etwas freiere Luft weht schon in dem „Allgemeinen Deutschen Sportverein", der wohl das schönste Klubheim von B:rlin besitzt. Wundervolle alte Teppiche und Gobelins schmücken die Villa des „Klubs in der Heydtstraße", wie diese Vereinigung auch genannt wird. Reben den rennsportlichen Interessen, die ihre Mitglieder pflegen, ist man dort abends auch einem kleinen Spiel nicht abgeneigt. Dergeöens haben bisher die Ehefrauen der Klub mit glieder dagegen protestiert, daß sie nur an bestimmten Tagen das Kluvheim als Gäste betreten dürfen. Kerne Staatsumwäl- zung hat die eisernen Grundfähe der Leitung erschüttern können, und fo müssen denn die Damen nach wie vor ihre Gatten im Empfangszimmer erwarten.
Ebenso „damenfeindlich" ist der „Deutsche Düh- nen-Kluv", dem fast alle bekannten Schauspieler der Reichshauptstadt angehören. Rach den anstrengenden künstlerischen Leistungen finden sich dort die Schauspieler nach Theaterschluß zusammen, um entweder im gemütlichen Gespräch oder am Spieltisch den Abend zu verbringen. Manchmal frnden sich auch Gäste ein, und oft haben sich der deutsche Außenminister Dr. Strese - mann, sowie andere Staatsmänner im Kreis der Künstler aufgehalterr. Bekannte Filmkünstler und Schauspieler treffen sich in dem Klub „Bühne und Film', der ein kleines Palais in der Hardenbergstraße bewohnt. In den präch.ig ausgestat- teten Räumen dieses Klubs wird sich so mancher Liebling des Publikums über den heiligen Abend Hinwegtrösten Wenn dieser Künstlerllub ein Fest veranstaltet, steht stets ein dicht gedrängter Menschenknäuel vor der Tür, um die Anfahrt der Bühnen- und Filmgrvßen mit bewundernden Blicken und Ausrufen zu begleiten Maler und Bildhauer hatten bisher ihr Heim im Künstler« Haus, wo der „Verein Berliner Künstler" tagte und nächtigte: die Vereinigung wird sich aber ein neues Heim suchen müssen, da das Künstler- Haus abgerissen werden soll. Auch an Dcvmenklubs mangelt es nicht: der „Deutsche Lyzeum-Klub" bietet seinen Mitgliedern herrliche, wohnliche Klubräume: daneben gibt es noch den „Deutschen Frauen-Klub"". der ebenfalls zahlreiche Mitglieder hat.
Obwohl sich in Deutschland das Klubleben in letzter Zeit mehr und mehr eingebürgert hat, kann man es noch immer nicht mit England vergleichen. Roch gibt es in Berlin feine Vereinigung wie den „Carlton-Klub", dessen Mitgliederzahl nicht über eine gewisse Grenze hinausgehen darf, und dessen Mitglieder aus der engl. Hocharistokratie ihre Kinder schon bei der Geburt bei der Klubleitung anmelden, damit sie später, wenn sie erwachsen sind, aufgenommen werden können. Reben diesen feudalen Klubs gibt es in England Vereinigungen, die man in Deutschland noch immer vermißt. Es sind die „Doar, ing-Clubs', Pensionen, die wie Klubs organisiert sind. Man kann sich in einem solchen Klub em Zimmer mieten, wenn man zwei Referenzen beibringt.
Lach« Vaiarro!
Roman von 3- Schneider-Foerstl.
Urbebcrrechtsfthutz-Oskar Meister. Werdau i. Sa.
28. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Ein kaltes Rieseln sickerte ihn von den Schultern nach unten. Ob sie ihn pveisgab oder ihr Wissen gcheimhielt? Würde sie so viel Rücksicht und Erbarmen kennen? — Wer waren die beiden anderen gewesen, deren Gesichter er nicht hatte unterscheiden können, so rasch war sein Heixabglciten gewesen.
Er hörte sie veräch sich sagen: „War das nicht der Hettingen? So weit ist er also schon gekommen?" und dann Marias Antwort: „Er hatte die Riederträch igfeit, mir einzugestehen, daß er um des Geldes willen um mich warb. — Ich habe auf das hin meine Verlobung mit ihm sofort gelöst! Er ist ein Ehrloser!"
Ein Ehrloser!
Der Pickel sauste in das Erdreich, daß einer der Arbeiter, der dicht neben ihm schaffte, erschrocken zur Sei:e sprang. „Bekommst du doppelt be&afclt, weil du so drauflosarbeitest, Hettingen. Ein bißchen sachter tut's auch!"
„Du hast recht!" sagte Joachim und holte mit beiden Händen einen riesigen Stein aus dem gelockerten Boden, sah nach unten und ließ ihn dann den Abhang hinabrollen.
Riemand kannte ihn hier. Die Kameraden duzten ihn, wie jeden anderen auch Aber jetzt--
jetzt für den Augenblick mußte er all seinen Willen zusammennehmen, um nicht vor Lachen hin- auszuschreicn, welche Rolle ihm das Schicksal zu geteilt hatte. Die Worte aus Bajazzo fielen ihm ein:
„Jetzt spielen, wo mich Wahnsinn umkrallet? Wo ich kaum weiß zu stammeln, noch llar zu silnd doch! — Es muß fein!--ssehn!
Das Schicksal will's!
Bah — - bist du denn ein Mensch?
Bist nur Bajazzo!
Hüll dich in Tand und schmücke dein Antlitz, Man hat bezahlt ja!
Lach doch, Bajazzo!
Kennst kein Gefühl!
Bist nur ein Spi.lzeug zum Scherz!"
„Lach doch, Bajazzo!
„Hettingen, eine Leermaschine!" mahnte der Genosse neben ihm.
Joachim trat hastig zurück, —sah auf der gegcnüberliegenben Seite des Schienenkörpers ein blondes Kinderköpfchen auf tauchen, das gerade Wegs zu ihnen berüberfteuerte, zwei Meter noch --dann mußte der Stahlkoloß es zermalmen.
Mit einem Sprung setzte Hettingen über das Gleis und stieß den Knaben zurück, daß er den Hang hinunterkollerte. Ein Schlag, der ihm für den Moment das Bewußtsein raubte, traf ihn, daß er einige Meter zur Seite geschleudert wurde.
Leblos blieb er auf dem Schotter liegen.
Die Arbeiter kamen her beigelaufen und versuchten, ihn aufzurichten.
„Der Hettingen!" schrie einer dem Bahnmeister zu, dessen Gesicht zwischen Schreck und Zorn schwankte.
„Vor einer halben Stunde hab ich ihn gewarnt," sagte er erschüttert. „Lauf einer von euch nach einem Arzt. Die Dräsine steht vorne auf dem Rangiergleis."
Der blonde Junge kam den Hang heraufgeklettert und brach in jämmerliches Weinen aus, als er seinen Retter blutüberströmt vor sich liegen sah. Sein Schluchzen war herzzerbrechend. „Er hat mich zurückgerisfcm, sonst hätte mich die Maschine übersahen, Vater."
Der Arbeiter, der Joachim zuvor gewarnt hatte, riß ihn an sich und bedeckte das Kindergesicht mit Küssen, lieh ihn dann los und beugte sich über Hettingens offene Brust, die sich kaum merklich hob. „Da ist keine Zeit mehr zu verlieren. Verbindet ihm doch einer die Schramme an den Schläfen, ich weih einen Doktor, der In der Rähe wohnt, der muh mit, wenn er zu Hause ist."
Mit ein paar Sätzen jag e er den Hang hinab und bann die staubige Straße hinunter.
Fünf Minuten später hielt unten ein Kraft- wagen, dem ein äl.erer Herr entsprang, der mit Hilfe des Arbeiters, der mit ihm gekommen war, den Bahnkörper herauf kletterte. „Immer wieder die alte Geschichte," sagte er verärgert. „Könnt
und die Annehmlichkeit für die Klubbewohner besteht darin, daß sie die schon ausgestatteten Ausenthal.sräumc, die Eßsäle, die Billardzimmer und die Dibliothel des Kludheims benutzen können. Ein besonderer Raum dient zum Empfang von Geschäftssreunden. mit denen man ungestört Besprechungen ab halten kann, und die Mahlzeiten werden den Mitgliedern zu ve.haltnismäßig billigen Preisen verabreicht. Daß es aber in England augenblicklich eine Art Kruvkrisis gibt, beweist die Schließung einer feudalen Bereinigung, die vor furo em erfolgt ist. Die Größen der englischen Literatur, Kunst und Polisik gehörten dem „Dagabond-Klub" an, der soeben sein Ab- schiedsfcst gefeiert hat. Dreißig Jahre lang hat der Klub bestanden, Geist und Witz herrschten in seinen Räumen, die von 500 makellosen „Vagabunden" bevölkert wurden. Innere Zerwürfnisse und sinanzielle Schwierigkei.en führ.en das Enve dieser Vereinigung herbei, di: zu den bekanntesten Londoner Klubs gehört hat. Daß sich Der Klubgedanke auch international audjU treten beginnt, beweist das Bestehen des „Internationalen Rotary-Klubs", dem 2000 Vereinigungen in 40 Ländern angeboren.
OberhessWer Geschichisvmin.
Am zweiten Vortragsabend des Oberh ssischen Gefchichtsvereins in diesem Winter sprach der Marburger Historiker Prof. Dr. S p e n g e l über den „Kurverein von Rhens (1338) und seine Beziehungen zur großen Politik der Zeit". Auf Grund bisher unbeiannter und deshalb unbenutzter Handschriften aus der Landesbibliothek Kassel konnte der Vortragende neues Licht auf diese Periose der deutschen Geschichte verbreit.m, die deshalb so bedeutsam ist, weil sie die Stellung des deutschen Kaisers xum Papst für die folgenden Jahrhunderte feftlcgte. Der Redner führte etwa folgendes aus:
Die Beschlüsse des Kurfürstentages von Rhens (16. Juli 1338) sind nur ein Glied in der langen Kette von Kundgebungen aus der Zeit Kaiser Ludwigs des Bayern, die den Zweck hatten, im Kampfe gegen die Ansprüche der römischen Kirche das Recht des Reiches zu verfechten. Aber sie haben die stärkste unö allein eine bleibende Wirkung gehabt. Einmal, weil die Kurie durch das einige Auftreten der Kurfürsten am schwersten getroffen wurde. Dann aber durch die Art der Formulierung. Die vorhergehenden Vorstöße des Bischofstages von Speyer und des Ständetages von Frankfurt waren Kundgebungen der Parteien, des gebannten Erzbischofs von Mainz und des Kaisers: und ihr Standpunkt war in mehr als einer Beziehung — z. B. in der Verwerfung der päpstlichen Prozesse gegen Ludwig den Bayern und im Festhalten an Ludwigs Kaisertum — anfechtbar, ja für die Kurie indiskutabel. Die Beschlüsse von Rhens, wohlweislich zerlegt in die beiden Aktenstücke des Kurvereins und des Weistums, vermeiden solche Anstöße: sie setzen sich ein für die Rechte des Reiches, ohne zu sagen, welche es seien, und ohne die Gegnerschaft der Kurie zu erwähnen: sie stellen die Unabhängigkeit der deutschen Königswahl vom apostolischen Stuhl fest, ohne die Person Ludwigs des Bayern auch nur zu nennen und ohne die Frage des Kaisertums überhaupt zu berühren. Als die Persönlichkeit, die diese taktische Formulierung veranlaßt hat, erweist sich der große Erzbischof von Kurtrier, Daldewin von Luxemburg. Dieser Mann hat auch später, von einer kurzen Zeit stärkerer Anlehnung an den kaiserlichen Standpunkt abgesehen, an dieser Auffassung festgehalten und sie schließlich in der Reichspolitik durchgefetzt. Sie machte es ihm möglich, Ludwig von Bayern am Ende doch noch preiszugeben, womit sowohl die luxemburgische Politik gefördert als auch ein Abschluß des Streites zwischen Reich und Kurie erreicht wurde: die Erhebung des neuen Königs, Karls IV., gelang Daldewin ohne Kapitulation vor päpstlichen Ansprüchen: die Bitte um Approbation ist im Lause der Verhandlungen ganz aus den Verträgen verschwunden und von Karl IV. selbst nie ausgesprochen worden. Die Beschlüsse von Rhens, in ihrer besonderen Form Daldewins eigenstes Werk, haben also dank Daldewin stillschweigend das Feld behauptet und sind damit — auch die „Goldene Dulle" hat dies beredte
ihr denn nicht Obacht geben? Lokomotiven sind doch keine Puppenwagen."
Der Kreis, welcher sich um den Verunglückten geschlossen hatte, tat sich ihm auf. Er kniete neben dem lang auSgeftredien reglosen Körper nieder und legte das Ohr gegen Joachims Herz. „Er hat noch Glück gehabt! Ein bißchen etwas wird schon entzwei sein. Wenn er zum Bewußtsein kommt, werden wir schon sehen!"
Mit Wasser, das einer der Kameraden in einem Kruge herbei schleppte, wusch er die fingerlange Schramme und schnitt kurzerhand den Aermel des Hemdes an der rechen Schulter ab, daß er nur noch als ein Fetzen herunterhing.
„Halt einer von euch fest — es können auch zwei fein! — Ich muh ihm erst die Achsel wieder einrsichtenl"
Drei der Arbeiter griffen zaghaft nach Hettingens Oberkörper. „Run hallet!" gebot der Arzt befehlend.
Es mußte ein fürchterlicher Schmerz sein, der Joachim aus seiner Betäubung rsiß. Mit starr geöffneten Augen sah et den Kreis von Menschen um sich erbliche den Jungen, der sich dicht neben ihn gedrängt hatte, und schloß die Lider mit einem Aufatmen der Befriedigung.
„Bleiben Sie gefälligst wach mein lieber, junger Mann!" sagte der Doktor eindringlich „Ich will wissen, wo der Hauptschmerz sitzt. Hier?" Er drückte gegen Hettingens breite, gewölbte Brust.
Der blutleere Mund gab einen kaum hörbaren Laut von sich. Die schwieligen Hände suchten den Körper aufzustühen. „Es ist nicht der Rede wert, Herr Doktor."
„Mir macht es nicht den Eindruck, als ob es so wäre," sagte der Arzt grob. „Wissen Sie was, Sie versuchen jetzt, ob Sie überhaupt zu stehen vermögen. Dann reden wir weiter."
Eine sengende Röte jagte Hettingens fahle Wangen hinauf, als er nur mit Hilfe zweier Kameraden auf die Beine kam und diese ihn nur mühsam zu tragen vermochten.
„Sehen Sie, mein lieber junger Freund! Es fefjeint doch der Mühe wert zu sein, daß ich mich um Sie kümmere. Vorläufig suchen Si: sich ein schattiges Plätzchen und halten sich vollkommen
Schweigen fortgesetzt — die Grundlage der Souveränität des alten Deutschen Reiches gotr-orben.
Rach Schluß des Vortrags dankte der Vorsitzende, Geheime Rat D e h a g h e l, dem Redner für seine interessanten Ausführung.n.
Wirtschaft.
Oie Deutsche Reichsbahn im November.
Rach dem Bericht der Deusichen Rcich-soahn- Gesellschaft ist der Güterverkehr im Monat ' Rovember gegen den Vormonat zurückgegangen. Die Auswirkung der Lohnkämpfe in der Westdeutschen Eisenindustrie auf Han el und Industrie machten sich im Eisenbahngüteroer.e)r e.npsinbsich bemerkbar. Dazu kam der natürliche VerkehrZ- rückgang infolge der Einschränkungen der Bnu- tätigkeit, der Beendigung der Ernte uno endlich der silmstand. daß sich die Wasserstands, erhält- niffe auf den Dinnenstraßen belferten und oah sich die Binnenschiffahrt infolgerefien wieder in größerem Umfange an der Bedienung des Massenverkehrs bc.eiligtc.
Der Personenverkehr war entsprechend der Jahreszeit und der ungünsti en Witterung für Reisen schwächer als im Vormonat.
Die Detriebsergeb nisse stellten sich im Oktober 1 928 wie folgt: 1. Einnahmen im Personen- und Gepäckoerkehr 114,12 Millionen Mark, Güterverkehr 316,95 Millionen Mr, Sonstige Einnahmen 38,50 Millionen Mk., zusammen 469,56 Millionen Mk. 2. Ausgaben für Betrieb und Unterhaltung 316,57 Mill. Mk., für Erneuerung der Reichseifenbahnanla en 57,12 Mill. Mk., Dienst der Reparationsschuldverschreibun en 54,80 Mill. Mk., feste Lasten 15,40 Mill. Mk.. allgemeine Rückstellung 25,40 Mill. Mk., zusammen ebenfalls 469,56 Mill. Mk. Die im Otto-er erzielte Gesamteinnahme der Reichsbahn ilelt sich auf der Höhe des Vormonats. Die Einnahmen reichten aus, alle Ausgabeverpf sich tun en d.s Derichtsmonats zu decken. Von dem verbliebenen Mehrbetrag von rund 25 Mill. Mk. wurden rund 1,2 Mill. Mk. zur Wiederauffüllung des in ger Vorzeit in Anspruch genommenen Vor: ra es 1927 verwendet. Der Restbetrag von rund 24 Mill. Mark wurde zum Ausgleich von Miirderein- nahmen in den kommenden schwächeren Dcrkehrs- monaten zurückgestellt.
Der Personalbestand betrug im Oktober 731 783 Köpfe gegen 735 524 Kopfe im September. Der Minderöedarf im Oktober gegenüber em Vormonat ist auf den Rückgang der Deurla Übungen und die Entlassung von Zeit- und Aush'llfs- arbeitern zurückzuführen.
Wochenbericht
vom Frankfurter Effektenmarkt.
Auch in dieser Woche blieb die Stimmung an der Effektenbörse unsicher. Der Geschäftsumfang hat sich weiter verringert, da das Interesse von Auslandseite weiter nachlieh und auch das private Publikum dem Markte fernblieb. Die bevorstehenden Feiertage machten sich stark bemerkbar und hemmten das Geschäft. Zur Zurückhaltung mahnte auch das Herannahen des Jahresultimos, wodurch die Spekulation, die teilweise auch nach den großen Realisationen der letzten Woche noch Engagements bestehen hatte, zu weiteren Abgaben veranlaßt wurde, die, wenn sie auch kein großes Ausmaß annahmen, bei dem kleinen Geschäft und der herrfchenden Aufnahmeunlust meist zu neuen Kursrückgängen führten. Verschiedentlich versuchte auch die Baissespekulation durch Dlancoabgaben das Kursniveau stärker zu erschüttern, sie schritt jedoch bald wieder zu Deckungen, so daß neue große Kurseinbußen — mit einigen noch zu erwähnenden Ausnahmen — meist vermieden werden konnten. Die allgemeine Lustlosigkeit und Zurück- Haltung wurde durch die unbefriedigende außenpolitische Lage noch verstärkt. Die nunmehr allerdings zum Stillstand gekommenen kriegerischen Unruhen zwischen Dolivien und Paraguay riefen eine gewisse Unsicherheit hervor. Ferner zeigte man sich über das Ergebnis der Besprechungen in Lugano zunächst meist wenig befriedigt, doch setzte sich später eine etwas günstigere Beurteilung der Lage durch, ©cilagt wurde vielfach wieder über die von den betei-
stille. Don den Kameraden leiht ihnen gern einer feinen Arm, daß Sie. ohne zu fallen, an Ort und Stelle kommen. Ist es Ihnen dann bei Feierabend nicht möglich, auf eigenen Fuß n h.i.nzu- geßen, fo telephoniert man ein ach um den Sanitätswagen. Morgen sehen wir dann schon weiter!"
Mit einem Lächeln, das gar nicht zu seiner sonstigen Kühle und Knappheit stimmte, r i.hte er Joachim die Hand. Ganz mütterlich sachte, um ihm keinen unnötigen Schmerz zu be eiten, schob er ihm den abgeschnittenen Hemdärmel etwas hinauf.
Als er schon eine Strecke gegangen war winkte er dem Bahnmeister. „Ich habe das Gesicht da oben irgendwie im Gedächtnis,e und weih nur nicht, wo ich es hintun soll!"
„Hettingen! Herr Doktor —" „Stimmt!"
Zur größten Verwunderung des Beamten ging der Arzt den Weg noch einmal zurück und setzte sich zu dem Verwundeten, der bereits an einem ruhigen, sonnengeschüh en Eckchen des Bahnkörpers Platz genommen hatte.
„Ist es erträglich, Baron?"
Joachims Hand fuhr hilsios empor. Ein Leugnen war zwecklos. Er nickte nur.
„Gab es sonst keine Arbeit für Sie in dem großen Wien?"
„Rein, Herr Doktor!"
„Seit wann?"
Joachim sah na,ch Len anderen, die bereits wieder an ihre Defchättigung gegangen waren, und gab dann erst Antwort. „Ich bin sehr froh, daß ich hier Unterkommen konnte. Es ist doch wenigstens etwas! Wenn der Winter einseht, ifb es ohnedies wieder zu Ende."
„Dafür bietet sich etwas anderes. Wie lange sind Sie hier vertraglich noch geöund.n?"
„Dis zum Schluß der Qlroeit Wenn ich Sie um Ihr Schweigen bitten darf? Herr Doktor?"
„Das hätte es gar nicht nötig gehabt! Mcin Druder ist der Besitzer der Jan.es Werke in Bellinzona. Haben Sie Lust, dort einzutreten, lieber Baron?"
Ein kurzes Schweigen.
(Fortsetzung folgt)


