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Nr 501 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Samstag, 22. Dezember (928

m"i . t. ------ ------ - -----

Aach Lugano.

Außenpolitische Umschau.

Äon Or. OttpHoehsch, o.professor der Geschichte

AP der Universität Äerlin, M. d. "5t

Die Ratstagung an sich in Lugano hat doch zum Schlaf) nod) etwas gebracht: Mit dem Zu- scunmenstoh zwischen Tr. Stresemann und dem polnischen Außenminister ist. was durch den An­trag des kanadischen Ratsrr.i gliedes schon be­gonnen war. die Minderheitenfrage vor dem Völkerbunde ausgerollt, und hoffentlich setzt sich nun die deutsche Vertretung energischer und ernsthafter für dieses gewaltige Problem ein. als das bisher der Fall war. 3m übrigen aber war natürlich die Auhenminister-Zusammen­kunft neben dem Rate die Hauptsache. Das deutsche Bemühen, die Ratssitzung als das Eigentliche erscheinen zu lassen, scheiterte, muhte scheitern. QBir wundern uns nur, dah die so­genannten kleinen Götter, die Vertreter der an­deren Staaten, die z. D. nachmittags gar nichts zu tun haben, weil diese Zeit für die Konferen­zen der drei oder vier Drohen freigehalten wird, sich diese völlige Umkehrung gefallen lassen.

Aber das ist nicht unsere Sache!

Das Ergebnis der Ministerkonferenz nun ist, wie es eben fein konnte: nämlich kein Ergeb - n i s. Wennigstens aber ist nichts verdorben! Der deutsche Minister hat keine neuen Zuge­ständnisse gemacht oder Bedingungen auf sich genommen. Das Resultat ist, dah so die Kluft zwischen Deutschland hier und England- Frankreich aus der anderen Seite aller Welt, so­weit diese es noch nötig hatte, klar geworden ist. Darüber täuscht natürlich auch das Schluß- Kommunique, das feierliche Bekenntnis der Drei, die Politik der Versöhnung und Annäherung fortsehen zu wollen, nicht hinweg. Denn, sowie man daran geht, sich zu überlegen, was das nun heiße, kommt man nicht weiter.

Man will die Räumungsverband- lungen bald beginnen. Schriftlich ist dazu nichts fixiert, bloß mündlich dergleichen zuge- fagt. Bald aber heiht: wenn die Repara­tionsverhandlung eine bestimmte Etappe erreicht habe, was noch ganz im Unsicheren ist. Man hat ferner offenbar über die sehr heikle und für Deutschland sehr wichtige Kontroll­frage hinweggeredet. Die französische Seite arbeitet da mit einer Arbeitsteilung. Poincars führt die Reparationsgeschäfte: Räu­mung bloß gegen Kasse, gegen neue Bezahlung, Leistung. Bciand führt die Sicherheitsverhand­lung: Räumung nur gegen Errichtung eines Kontrollorgans, und zwar über 1935 hinaus.

Machen wir uns aber auch darüber nichts vor, dah das Ergebnis zugleich ist, Deutschland feine Isolierung unzweifelhaft vor Augen geführt zu haben. England hat sich, um es immer wieder zu sagen, von Deutschland zu Frankreich gewandt und steht mit diesem zusammen. In dieser Front, wenigstens uns gegenüber, steht auch Italien. Denn wir glauben, dah die italienischen Vertreter in Lugano an erster Stelle den Punkt besprochen haben, daß bei irgendeiner Reuvrdnung der Reparationsfrage Italien nicht zu kurz kommt. Chamberlain und Scialoja haben fio') auch wenigstens hat das die englische Seite amtlich am 14. Dezember in Lugano mit- geteilt über die Durchführung des Genfer Kompromisses vom 16. September geeinigt. Wahrhaftig, es wird Zeit, über deutsche Außen­politik unter diesen neuen, schwierigen Verhält­nissen recht gründlich und entschlossen nachzu­denken! Der Ausgang dafür ist doch, woran nicht zu zweifeln ist, dah vor allem die englische Politik des Jahres 1928 die neue Lage herauf­geführt hat und dah ein tiefes Miß- trauen gegen diese englische Politik nunmehr mit Recht das deutsche Volk ergriffen hat. Be­ginnt, wie man sagt, tatsächlich jetzt der letzte Alt der endlichen Liquidierung des Krieges, so erheben wir gerade deswegen die Frage: wird dieser Akt in einen endgültigen Frieden sichren oder in einen neuen Krieg?

In Arabien und Afghanistan ift Un­ruhe und Kamps. An beiden Stellen wird Eng­lands Interesse wesentlich berührt, in ferner so-

Gießener Stadttheater.

Marischka und Granichstaedten: Das Schwalbennest".

Ein Altwiener Singspiel im Diedermeierkostüm, im Biedermeiersempo, mit Biedermeiergesühlen. Wll einer einfachen, wienerischen, durchaus alter­tümlichen. manchmal fast altväterischen Musik, liedhaft, sangbar und im Dreivierteltakt zu tanzen. ES war reizend.

Diese Musik, ohne den geringsten Anspruch auf Originalität, Aufmachung und opernhaste Gesten, ist von Granichstaedten mit absichtlicher Schlichtheit den Vatermördern, Schohfräcken, Reif- röcken und Kapotthüten des Librettos stilistisch angeglichen. . r. a

Es gibt gleich im ersten Akt ein allerliebstes W enermadelquintett, ein Terzett und ein Fiaker- Lieb, wie es vor Zeiten eine w enerische Speziali­tät war: der zweite Akt ist musikalisch nicht minder liebevoll ausgestaltet: das stimmungsvolle Hoch- zei.sliedSo schön wie hier kann's nur im Him­mel fein, bas große Chanson alten Stils mit dem RefrainW'.en, Weib, Wein das von Gareis blendend gelungen und sofort wieder­holt wird, und abermals ein sehr hübsches Duett für zwei Männerstimmen, deren eine ganz un- wuhrscheintich hoch binaufflettert,3m Leben geht alles hübsch langsam ..." 3m dritten Akt wird nicht mehr gesungen. Aber man hat nicht, wie so ost, das peinliche Gefühl, dah dem Kom­ponisten nichts weiter eingefallen ist. Sondern, dah er sich einer neuerdings beliebt gewordenen Operstkendramaturgie angepaht hat.

Was die Handlung betrifft (Libretto von Ma­ri s ch k a und Granichstaedten), so ist sie klein, aber sehr geschickt und bühnenwirksam dar- geboten. Besonders dec Mittelakt ist durch eine szenische Sicherheit ausgezeichnet, die raffiniert genannt werden konnte, wenn sie nicht mit so ausgesprochen österreichischer Gefühlsseligkeit und einer verschollenen Romantik verkleidet wäre, die ach Lavendel duftet und mit Spinett und Spiel­uhr llirnpert.

Und wie die Musik ihre anmutigsten Reize in Wiener Chansons und Walzermelodien entfaltet und ihre Partiturüberraschungen nicht mit b£in- schwenkenden Schlagern, sondern etwa mit der

genannten Wonroedoltrin für den nahen Orient und in seinem Verhältnis zu, ober genauer ge­sagt, gegen Rußland. Mehr Aufmerksamkeit aber erregte in der letzten Woche der aufzüngelnde Krieg zwischen Bolivien und Paraguay.

Wieder stellte diese Verwicklung die typische und unbeantwortete Frage: wer ist der An­greifer ? Vor allem aber stellte sie die Ma­schinerie zur Kriegsverhütung. um die ja recht viele Köpse in der Welt sich heute mühen und für die reichlich) viele Verträge schon ge­schlossen find, auf eine ganz große Probe. Das galt sowohl für den Völkerbund, wie für Nord­amerika, wo gerade die Auseinandersetzung um die Ratifikation des Kellogg-Paktes jm Gange ist (im Auswärtigen Ausschuß des Senats am 18. mit 14 2 Stimmen angenommen) und wo zufälligerweise gerade auch die panameri­kanische Union tagte. Die Welt sah das sonderbare Bild, dah zwei Staaten miteinander in Krieg gerieten, die beide Mitglieder der zum selben Zweck vorhandenen, in diesem 3ahre dazu auch in Havanna zusammengekommenen, pan­amerikanischen Union sind.

Das Ergebnis ist immerhin, daß Bolivien, wohl unzweiselhast der Angreifer, und Pa­

raguay um das Dreifache überlegen, ein­te n 11. Es nahm die Washingtoner Vermitt­lung ebenso an, wie es auf das Eingreifen des Völkerbundsrats feinen Truppen die Einstel­lung der Feindseligkeiten befahl (17. Dezember). Natürlich ist der Hauptdruck von der nord- amerikanischen Seite ausgübt worden, wobei der Präsident von Argentinien erfolg­reich sekundierte. Aber unbestreitbar hat auch das Eingreifen des Völkerbundes mit dazu ge­holfen, den Frieden hier au erhalten. Er war auch wirklich auf das höchste engagiert! Vom weiteren Verlaus wird er sich wohl fernhalten, auch wird schwerlich eine außerordentliche Rats­tagung stattfinden. Denn die eigentliche Ver­mittlung ist Nordamerikas Sache, und gerade hier war das Eingreifen des Völkerbundes hei­kel und schwierig, weil es an die bekanntlich kei­neswegs klare, dafür aber sehr dehnungsfähige iwrdamerikanische Monroedoktrin rührte.

3n der Sache freilich ist die Aussicht auf end­gültige Verständigung nicht groß. Denn der Kon­flikt ging ja letzten Endes zurück auf jenen Krieg (187983) zwischen Chile und Peru, aus dem der heute noch nicht beigelegte Tacna- Arica-Streit zwischen beiden entstand, an

dein Bolivien an der Seite Perus teilnahm unb mit dem Bolivien jeden Zugang zum Meere ver­lor. Dieses Land von P/s Millionen Quadrat­kilometern, größer als Deutschland, Frankreich. 3talien, die Schweiz, Belgien und die Nieder­lande zusammen, ist ein absolutes Binnen­land. Deshalb drängt es im Grenzstreit mit dem schwachen Nachbar Paraguay zum An­schluß an das Stromsystem des Paraguay und dann des La Plata nach Osten zu kommen.

Wenn man in Washington stolz daraus sein will, daß der Kellogg-Pakt, den ja beide Streitenden auch angenommen haben, mit seiner Kriegsächtung hier einen Sieg davongetragen habe, so soll man sich dort nicht darüber täuschen, daß daraus erst recht die Pflicht und die Notwen­digkeit erwächst. Mittel für eine friedliche Bei­legung derartiger Konfliktfälle, wie wir einen jetzt erlebten, zu finden. Sonst entstehen unwei­gerlich, trotz Kellogg-Pakt und Artikel 12 des Völkerbundes, trotz Havanna-Entschließung und panamerikanischer Union, aus solchen Konflikten Kriege, die nur ganz ausnahmsweise so rela­tiv ungefährlich sind, wie dieser vorübergehende Bandenkrieg zwischen Bolivien und Paraguay!

Von der Straße zur Macht.

III.

Der Condottiere.

Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.

Drei Aufgaben hatte er zu lösen,' als er dem sicheren Sessel des Zeitungsleiters, dem warmen Nest der Partei, dem Frieden der Neutralität den Rücken kehrte, um sich ins Ungewisse zu stürzen: eine Zfankurrenzzeitung zu gründen, ein Heer aus dem Boden zu stampfen und einen Krieg zu entfesseln. Mussolini bestand ein Aben­teuer nach dem andern.

Das erste, so schien es, war das leichteste. Der Oktober 1914 hatte sich gut angelassen, die deutsche Offensive in Frankreich stockte, die russische Dampfwalze glich, von Italien aus betrachtet, schon eher einem überhängenden Berg, der Aus­hungerungsring tim die Zentralmächte schloß sich immer enger, das Propagandagold floh in Strö­men durch die neutralen Länder. Um ein reicher Mann zu werden, brauchte der Habenichts bloß ein paar Zeilen nach Paris zu schreiben. 3eder kleine Buchdrucker konnte es über Nacht zum Zeitungsbesitzer und damit zum Vorkämpfer für den Triumph des Rechts und der Gerechtigkeit bringen. Notleidenden Presseunternehmungen half man mit Vergnügen aus der Klemme. Der tolle Benito, so hieß es. hatte nur 5 Lire in der Tasche, als er demAvanti" seineunwiderruf­liche Demission" hinwarf also!

Also war derP o p o 1 o d'3 t a li a" mit an­deren Worten ein französisches Propagandablatt, Mussolini bestochen. Sein getreuer Anwalt, Avvo- cato Francesco Bonavita erzählt sogar in seinem Mussolini svelato", wie er sich nach Paris be­gab und dort einem gewissen Giulio Guesde die traurige wirtschaftliche Lage des stolzen italieni­schen Interventistenorgans vorhielt, worauf die Antwort erfolgte, die jeder schwenkungsberefte Neutrale erhielt:Eine einzige Visitenkarte eures Mussolini, mit der er Sie bevollmächtigt, das Nötige bei uns einzukassieren, genügt!

Strahlend kehrte der Mittler in die Redaktions­hohle derVia Paolo di Cannobio" in Mailand zurück aber Mussolini zückte die Visitkarte mit dem Sesamwort nicht. Abenteurer mochte man ihn nennen, die Reinheit seines Schildes sollte niemand anzweifeln. Seine Zeitung muhte sich eben durchhauen, wie er auch.

Der Schein blieb jedoch gegen ihn, denn der Popolo d'I:alia" trat, wo es sich um Deutsch­land handelte, nicht aus den französischen Fuh- tapsen heraus. Die erste Nummer vom 15. No­vember 1914 ziert das Bild desBanditen mit der Pickelhaube" und der erste Leitartikel, ge­zeichnet Benito Mussolini, nimmt die Zivilisation gegen die preußische Vergewaltigung in Schuh,

genau nach Vorschrift.Echo von Paris" hätte das Blatt heißen fonnen.

Wer aber in Mussolini Hine'rizuschauen vermag, der erkennt, daß der Schein trügt. Richtig ist. dah er entsprechend seiner impulsiven Natur bei Kriegsausbruch in der hählichsten Vbeise gegen Deutschland hetzte, die Meinung jedoch, er habe diese Haltung erst nach der Gründung desPopolo d'3talia" eingenommen, ist unzu­treffend, der Schluß, der aus dieser vermeint­lichen Mauserung gezogen wird, irrig. Derver­brecherische preußische und alldeutsche Militaris- mps", derfeit 1870 die Straßen der euro­päischen Kultur unsicher machende Wegelagerer", dem manmit dem Browning an der Grenze entgegentreten muh wie der friedliche Bürger dem Einbrecher", alle diese Klischees waren schon vorher in dem neutralistischen, sozialistischen und internationalenAvanti!" erschienen. Eine Tat­sache, die lediglich bezeugt, dah Mussolinis wie tausend andere auch von Anfang an bem über­mächtigen Lügenfeldzug erlag, dem das schwerfällige Deutschland nichts entgegenzusehcn wußte. Bis die dickleibige, gründliche, wissen­schaftlicheAufklärung über Löwen" kam, hatte längst auf der ganzen Welt der Brandstreifen von Reims gezündet. Wahrend man jn Berlin sich dem Grohmutterglauben von den kurzen Dei­nen der Lügen hingab, durchwanderten die bel­gischen Kindlein mit den abgeschnittenen Händen ganze Kontinente. Mit Gold wurden die hände­los Geborenen aufgekauft und auf die Reise geschickt, das leichtgläubige Völkchen des Südens war der raffinierten Täuschung verfallen, be­vor es zur Besinnung kommen tonnte.

Nur wer in jener Zeit auf einer neutralen Redaktion gearbeitet hat, kann sich einen Begriff von der Gewalt des sentimentalen Ansturmes machen, den Frankreich und Harmsworth zu ent­fachen wußten. Kleine Charaktere, schwankende Politiker werden einfach umgeweht. Selbst ein Mussolini entdeckte, am Schreibtisch desAvanti", aus einmal seine bluttiefe Liebe zu demgemar­terten Frankreich". Später kam ihm die schneidende Waffe natürlich zu gelegen, als dah er sie Weg­legen hätte können. Er sah, dah ein Neutraler nach dem aubern damit abgeschnitten werden konnte wie eine reife Frucht, die in den Schoß der Entente fiel, und gerade diese 3ntervention wollte er ja erreichen. Warum? Auch daraus gibt jener erste Leitartikel desPopolo d'3talia" eine klare Antwort.Dem Krieg fernbleiben, heißt für d ie Reaktion statt für d i e soziale Revolution arbeiten. Die Neu­tralitätspropaganda der Sozialisten ist anti­revolutionär. 3st unser Kriegsruf dagegen nicht revolutionär? Viele rebellische Geister werden sich um mich scharen. Meine Haltung liegt im nationalen und internationalen Interesse des

Proletariats. Ich marschiere!"

Mussolini war also, als er fdjeinbar seine Par­tei verriet, ihrem Dogma treu geblieben, mehr Revolutionär denn je. An die Spitze seiner Zei­tung setzte er links ein Motto von Blanqui! Chi ha del ferro ha del pane (Wer Eisen hat. hat auch Brot), und rechts einen Ausspruch Na­poleons: Die Revolution ist eine Idee, die Ba­jonette vorgefunden hat. Dazwischen las man quotidiano socialista (sozialistische Tages­zeitung).

Wie und warum Mussolini vom extremen Neu- tralisten zum enthusiastischen Interventionisten! überging, ist ein Geheimnis, behauptet Don Sturzo. Nun, eine einzige Zeitungsnummer ent­schleiert dieses Geheimnis. Der Leiter des Po­polo d'Italia war doch gewiß nicht mysteriös, wenn er schrieb:Die Neutralität drohte die Partei einzukapseln und ihr jede Möglichkeit, jede Bewegungsfreiheit abzuschneiden." Ohne Be­wegung keine Revolution.

Faszistische Höflinge haben später versucht, ben Vorwurf des Gesinnungswechsels, der im Grunde gar nicht vorliegt, damit zu entkräften, daß sie behaupteten, die Neutralität Mussolinis fei vom ersten Tage an nur Maske gewesen, er habe mit ihrer Hilfe die Sozialisten für seinen Plan eines nationalen Staates gewinnen toollen. D^s ist Unsinn. Nicht ein nationaler Staat, sondern die 3ertrümmenmg des Königreiches und die Aufrichtung einer sozialistischen Republik schwebte Mussolini vor. Wer über verwirrenden Aeußerlichtesten nicht die klare Hauptlinie seines Trurs übersieht, erkennt ohne weiteres, daß ihm der Krieg nichts anderes als eine praktische Anwendung feiner Theorie von der segensreichen Gewalt, der direkten Aktion: war. Die Gewalt, das lehrte et immer wieder, ist nicht unsittlich. Mit Gewalt muh die Erde aufgeriffen werden, wenn sie Brot hervorbringen soll. Gewalt sprengt ben mütterlichen Schoß, auf daß ein Mensch geboren werde. Höch ste und heiligste Gewalt, geheiligt durch das Opfer, erblickte er im Kriege.

Die Zeitung erkämpfte sich Boden. Nun galt es, ein Fähnlein Verwegener zu sammeln. Der Condottiere gründete also nach alter italieni­scher Sitte Faszi Kampsbünde. Sie nannten sich bezeichnend er weise Faszi d'azione rivoluzio- naria, revolutionäre Aktionsverbände. In ihren kurzen Statuten ist zu lesen, daß sie in dem gegen­wärtigen Augenblick (des Krieges) und dem un­mittelbar folgenden ein aussichtsreiches Betäti­gungsfeld für die Verwirklichung der revolu­tionären Ideale erblicken und sich daher die Ge­legenheit einer gemeinsamen Bewegung nicht ent­gehen lassen wollen. Die Faszi wollen eine Lage schassen, die Italien in den Krieg reißt, mit dem Ziele, die ganze dynastische Politik des Hauses

sanften Paraphrasierung von Volks» und Kinder- I Format" zum Beispiel. Er übertrieb in der liebem erzielt, so ist der Text rührend harmlos Karikierung einer Rolle, die an sich schon eher und harmlos fröhlich, aber in seiner Einfachheit in eine mit allen Wassern gewaschme Operette und Geradheit für manche moderne Operette vor- paßt als in dieses Singspiel, dem wir etliche gut besuchte Wiederholungen wünschen. Dr. Th.

bildlich.

Und so ist die kleine, oft lyrische Handlung den fast verschollenen Bezirken des alten bürger­lichen Wiener Dottsstückes entwachsen.Zu ebener Erde und erster Stock' mit geringen gesellschaft­lichen Abwandlungen, die dramaturgisch nicht viel zu bedeuten haben. Der eine Liebhaber ist ein Prinz, der andere ist ein armer Fiaker. Der gemeinsame Vater der beiden Bräute verbindet in seiner Eigenschaft als Oberkammerdiener des Prinzen die beiden durch mehr als ein Stockwerk getrennten Familien. Aber das Dolksstück am Donauufer hat von jeher nicht ungern rnärchen- und traumspielhafte Motive verwendet. Und des­halb kann süg'ich auch dieses Singspiel mit einer traurigen Dopp.lhochzcit beginnen und mit einer luftigen Doppelverlobung enden, bei der sowohl Prinz wie Fiaker die Richtige erwischen.

Es wurde sehr liebenswürdig gespielt. Die stil­reine und humorbcgable Inszenierung (Fritz Diest^l) verband sich mit der klangvollen und taktfesten musilalifchen Wiedergabe (Leitung: Gustav G ö r 1 i ch) zu unbestrittenem und verdien­tem Erfolg. ,

Eine brillante Leistung bot Resni (a.G.) in der Partie des Oberkammerdieners, die ihm sozusagen auf den wienerischen Leib geschrieben ist. Man freut sich über jede Begegnung mit diesem stets sympathischen und geschmackvollen Schauspieler, der über ein weiches und ausgezeich­net geschultes Organ oerfügt

Haindorff (Prinz Karl) wirkte zunächst ge­sanglich etwas unfrei, ging aber im Mittelakt, der ihm dankbare Aufgaben bietet, erfreulich aus sich beraub, ©ein Partner, Fiaker Brandl wir wissen nicht, wer für den abwesenden Herrn Fels eing:fpruncen war mach e ebenfalls darstelle­risch und stimmlich hier den besten Eindruck.

Als die beiden bräutlichen Schwestern Netti und Gustl bilde.en die witzige Soubrette Lydia Petri und die queckfilvenr-backfischige Käthe Itter ein halb drolliges, halb rührendes Pär­chen, lieblich anzuschauen alle beide im altmodi­schen Blümchenkleid. Reul (Fürst S anis aw) haben wir schon besser gesehen; In derFrau von

Was das Glasbild im Jilm vorzaubert.

Sieht der Zuschauer im Film sich riesige Säle mit hohen Kuppeln weiten, blickt entzückt zum hohen Dom des Himmels auf, dann ahnt er meist nicht, daß in vielen Fällen nicht die Natur, sondern ein Glasbild diese Wirkungen hervor­gebracht hat. Man hat in Hollywood einen ganz neuartigen Weg gefunden, um sich kostspielige Riesenbauten und weite Reisen zu ersparen. Man benutzt nämlich die Glasmalerei, wie Paul Lud­wig Stein in der Frankfurter Wochenschrift Äe Umschau" aussichrt. In der kalifornischen Fllmhauptstadt gibt es einen Künstler, der auf diesem Gebiet Erstaunliches leistet. Das ist Paul A. G r i in m, der im Laufe eines Tages das ge­waltige Schiff eines gotischen Domes oder die weite Bucht eines Hafens auf der Glasscheibe hervorzaubert, so dah sie für die Aufnahme ver­wendet werden können. Man stellt dabei einige Meter vor der Kamera die große bemalte Spie­gelscheibe auf, die in einem Holzrahmen befestigt ist und auf einem Rädergestell fortbewegt werden kann. Die Kamera wird hinter einem schwarzen Samtvorhang verborgen, der nur ein Loch ent­hält, damit sich dasAuge" des Aufnahme­apparates, das hindurchblickt, nicht in der Scheibe spiegelt. Nur die obere Hälfte ist bemalt; durch die untere wird hindurchphotographiert. Natür­lich muh die Malerei sich genau an das durch die untere Hälfte sichtbare Motiv anschließen und es sortsetzm. Die Menschen und Tiere dürfen nicht höher ragen als die natürlich auf gebaute Szenerie, weil sonst die Köpfe hinter der Malerei verschwinden. Grimm malt seine Glasbilder stets an Ort und Stelle, um für ein genaues Zusam­menfällen garantieren zu können: sie sind in Schwarzweih gehalten, und zwar in mehr als 50 verschiedenen Schattierungen. An einzelnen Stellen sind Löcher angebracht und mit Stanniol­blättchen verlleidet, durch die Lichter hindurch» glänzen und Leben in die Szenerie bringen. > 3m Hellen Tageslicht wirkt diese künstliche Fort- |

setzung einer Naturszene allerdings leicht starr, wenn sie längere Zeit gezeigt wird. Aber in nächtlicher oder dämmeriger Stimmung bietet die Glasmalerei einen stimmungsvollen Hintergrund für ganze Teile der Handlung, und da sie sehr leicht und billig anzufertigen und in den ver­schiedensten Formen zu verwerten ist, bedient man sich immer häufiger dieses Mittels, mit dem man viele schöne Wirkungen erzielt, ohne dah der Zuschauer den wahren Zusammenhang ahnt.

Schildkröte macht das Rennen.

Wenn es auch allgemein bekannt ist, dah ein großer Teil unseres Sagenschatzes Gemeingut der ganzen Menschheit ist, so muß es doch überraschen, einen scheinbar so bodenständigen Stoff wie die Geschichte vom Wettrennen des Hasen mit dem Swinegel in fernen Landen, und zwar bei den Indianern Kanadas, wiederzufinden. Diese er­zählen die Geschichte folgendermaßen: Die Schild­kröte rühmte sich, schneller zu sein als alle an­deren Tiere. Viele boten ihr eine Wette an. aber alle, ben Wolf, den Hirsch, den Hasen, wies sie ab, da sie ihr nicht entfernt ebenbürtig seien. Endlich kam auch ein junger Krieger vom Stamm der Ojibwä, der sie so lange drängte, bis sie sich zu einem Wettlauf herbeilieh: am nächsten Mittag sollte er in Gegenwart aller Tiere statt­finden. Es wurde verabredet, dah der Indianer rings um einen See Herumlaufen sollte, während die Schildkröte unter dem Eise denselben Weg schwimmend zurücklegte: zur Äontrolle sollte sie an den zahlreichen Lochern, die die Uscher ins Eis geschlagen hatten, jedesmal ihren Kops her- ausstrecken. Pünktlich am Mittag tauchte die Schildkröte, unb der Indianer begann seinen Lauf. Als er sich dem ersten Eisloche näherte, steckte die Schildkröte bereits den Kopf heraus, so auch beim zweiten und allen folgenden: und als eifalich Ojibwä völlig erschöpft an dem Aus­gangspunkt zurückkehrte, sah die Schildkröte schon eine ganze Weile am Ufer: sie hatte ihren Schwester,: Bescheid gesagt, sich bei den einzelnen Eislöchern aufzuhalten und beim Schall der Schritte des Läufers aufzutauchen. Immerhin, das Märchen endet nicht so tragisch wie beim Hasen. A. Ä. H