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Nr. 275 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen- oonneistag, 22. November 1928

Ein Volk fand seinen Weg.

Elsaß-Lothringen nach 10 Jahren Franzosenzeii. - 3um 22. November.

Don unserem M

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Straßburg, November 1928.

@6 gibt, so wird behauptet, noch immer Leute auch in deutschen Landen, die über diese merk­würdigen Elsaß-Lothringer den Kopf schütteln, die da als Vertreter ihrer größten Partei einen Dr. Oberkirch in der französi chcn Poincare- Regierung haben und ihn bei der Feier des tschechischen Ze/n-Iahre-^ittiläums von der Pa- ralletät tschechischen und elsässischen Schicksals reden las en, das beiden Ländern im selben No- veurber 1918 d i e Erfüllung aller ihrer Hoffnungen gebracht habe und beide Länder xu Eckpfeilern des neuen europäischenFri:dens"> Gebäudes werden ließ. Diese gleichen Elsässer stehen aber eben jetzt mit Frankreich, dem Bringer dieses Oberkirch chen Glückes, in heftigstem Kampf, werfen ihin vor, daß es seine Freihei.en mißachte und zerstöre, sein geschicht ich überliefer­tes Wesen gewalt am umformen und verderben wolle. OEtrc soll aus sol5>rn Widersprüchen fug werden? Ist's nicht wirklich so, wie es d .eser Tage ein französischer Publizist formuliecte: dieses Elsah-Lolhringen müssen wir mitfesterHand führen und ihm keine seiner Launen mehr durchgehen lassen!

Die Elsaß-Lothringer wissen es sehr Wohl, daß sie's den Landfremden nicht ganz leicht machen, sie zu begreifen. Sie haben sich ja selbst in diesen vergangenen Jahren der Unruhe, des inneren Haders, der Gegensätzlichkeiten über sich und ihre Ausgaben, über ihre Lebensbedingungen und ihren Zukunftsweg Klarheit verschaffen müssen. Es muhten sich erst d i e F ü h re r finden, die dem Doli« seine Lage und damit'seine Pflich­ten vor Augen stellten. Es muhte sich dann erweisen, ob die Devölkerung sich als ein D olk" auffasse und für ihr Dolk-Sein Opfer bringen wolle. Diese Führer haben sich ge­funden und das Volk hat sich zu ihnen bekannt. 3n diesem 10. Jahre seit derBefreiung", an dessen Beginn im Winter 192Z/28 Frank­reich wähnen nwchte, jeden Widerstand gegen seine Ziele niedergeschlagen zu haben, brachte den autonomistischrn Sieg von Hagenau, brachte die autonomislischen Erfolge bei den April- wahlen zur französischen Kammer, den K o l - marer Autonomistenprozeh mit der Rechtbrrtigung des Widerstandes gegen die Po­litik der französischenBefreier", dann die von Tag zu Tag festere Einheitsfront aller «Heimattreuen' und ihren überwältigenden Sieg bei einer zweiten Volksbefragung im Ok­tober, den Wahlen zur Teilerneuerung der Gene­ralräte. 3m Zeichen der Autonomie endet dieses erste Jahrzehnt der zweiten Franzofenzeit. Dor zehn 3ahren schien von einer Welle blauweih­roter Begeisterung alles weggeschwemmt, was In fünf Jahrzehnten aufgebaut worden war. Doch die Wasser verliefen sich rasch, und da war vieles zusammengebrochen, nicht aber der Wille der Elsässer und Lothringer, auch in den verwandelten staatlichen Verhältnis,en ihrer äleberlieferung treu zu bleiben.

Allerdings gab es gewandte Dcfreiungs- gewinnler. die unbesorgt um Natur und leben­dige Wirklichkeit, um die Lehren der Geschichte und die Verantwortung des Volkstums munter mit einreißen halsen, was die französischen Emp- sindlichkeiten stöxt«, da esanders" war als im übrigen Frankreich. Weg mit dn: Selbstverwal­tung, mit allen Sondergesetzen. Was für die andern Franzosen" gut und recht ist, muh es auch für die wiedergefundenen Brüder und Schwe­stern sein! Schleunigst weg auch mit diesem ab­scheulichen Deutsch, mit dieserMuttersprache", die doch nur ein Hindernis ist, dah wir mit den Onnerfranzofen auf gleichem Fuhe stehen. Gut­mütig und vertrauensse ig, zum Verbrüdern und friedfertigen Nachgeben bereit, wie es eben nur deutsch« Menschen zustande bringen, verlockten anfangs diese Sirenentöne. Doch nicht lange. Geraks die Verhöhnung der deutschen Mutter-

.-Berichterstattcr.

spräche und die unbekümmerte Aufdrängung der Nationalsprache" liegt an dec Wurzel der heute so siegreichenHeimatrecht b.wegung". Anzeichen des Widerstandes gegen die französischen Me­thoden machten sich schon sehr rasch bemerkbar, so dah schon wenige Monate nach dem Einmarsch derSieger" die Pflöcke zurückgesteckt werden muhten: die Einsetzung Mille rand s alsGeneralkommis ar" und die Schaffung eines Conseil consultatif griff zurück auf die Statt­halterschaft und den Landtag der deutchen Zeit, wenn dieserberatende Aat" auch nur ein schwacher Abklatsch der zerstörten Dolksvertretung war.

Die folgenden 3ahre sind für den Völker- Psych ülogischen Beobachter von höchstem Neiz. 3m gleichen Maße, in dem Frankreich ein Stück früherer Selbständigkeit Elsah-Lothringens nach dem anderen weanimmt, meist verstohlen, dann und wann aber m rücksichtslosem Auftrumpfen, im gleichen Mähe wächst im Volke der Wille, trotz cLledem fest zusammen zu halten. UnD als die Fra.^osen sich 1924 am Ziele wähnten, a.s sie das GebäudeElsah-Lothringen so weit nieDergerissen haben, dah die alte Grenze fast ausgelöscht scheint, da ist gleichzeitig deutlich erkennbar, daß gerade zur gleichen Zeit dieses scheintote Gebilde durchaus lebendig ist. Es klingt etwas fehl am Orte, das alte Durschen- lied aus den Tagen der deutschen Demagogen- verfolgung auf diese elsässische Selbstbesinnung anzuwenden, aber es trieft den Kern des Problems: Die Form mag zerfallen, Was hat's denn für Not.

Der Gei st lebt in uns allen UnD uns're Burg ist Gott!"

Den ersten Anzeichen der «Haß-lothringischen Auflehnung scheint Frankreich nicht den Wert beigemessen zu haben, den sie hatten. Die Fran­zosen, in ihrem Empfinden für volkhafte Regun­gen abgestumpft durch ihr mehr als hundert­jähriges schematisches Staatsleben alseine und unteilbare Republik", sind auch viel zu sehr von der unvergleichlichen äleberlegenheit alles Fran­zösischen überzeugt, erst recht aber von derun­erschütterlichen Treue" Elsah-Lothringens zur Mutter Frankreich, als dah sie über die Kvctik einiger Elsässer etwa in der ZeitschriftDie Zukunft" sich Sorgen gemacht hätten. Stutzig wurden sie erst, als dieses unscheinbare Blatt nach wenigen Wochen schon zwei elsässischen Parteien ratsam erscheinen lieh, ihr« Programme diesenZukunfts"-Forderungen anzugleichen. Das war Ende 1925! Mitte 1926 organisierte sich der überparteilicheH e i m a t b u n d" und prokla­mierte:Elsah-Lothringen ist eine nationale Minderheit im Rahmen Frankreichs und fordert auf Grund dieser Tatsache das Recht, seine kulturellen und wirtschaftlichen Angelegen­heiten selbst zu regeln!" Run frellich setzt« Frankreich seinen Staatsapparat in Gang, maß­regelte die Beamten und Lehrer, deren Namen unter dem Heimatbund-Manifest standen. Jetzt fühlte die französische Nation einen Angriff auf chre Grundsätze, ihre Einheitlichkeit des Staats­aufbaues unD des kulturellen Lebens. Es beginnt der erbitterte Kampf zwischen dem alten System und den Ansprüchen derHeimatrechbler" auf Anerkennung des elsa h-lothringischen Sonder­lebens. Während Frankreich heuchlerisch die Be­sorgnis zum Ausdruck bringt, dah di« Autonomie» forderungden deutschen Appetit" und di«Re­vanche" wecken werde, betont man im autonomisti- schen Lager, dah gerade ein lebendiges, ftei sich regendes Elsah-Lochringen alsDrücke", als M ittler" zwischen den Nationen eine große Friedensmission erfüllen könnte.

Das 3ahr 1927 in das der Prozeß des elsässischen Politikers Dr. Haegy gegen einen Pariser nationalistischen RedÄteur Helsey fällt, ein Dorläufer des späteren großen Colmarer Prozesses, dieses neunte 3ahr f«it dem Besitz- Wechsel des Landes, ist erfüllt von Pressefehden, von Dersuchen, den autvnornistischen Gedanken

mit Gerichtsurtellen zu erwürgen. Cs endet mit der großen Dersolgungsaktion gegen 30 Elsässer innerhalb und außerhalb der Grenzen Frank­reichs, die beschuldigt werden, einKomplott gegen die Sicherheit Frankreichs" angezettelt zu haben. Di« bald darauf folgenden Wahlen zur ftanzösischen Kammer erbringen aber den Beweis, daß die Heimatidee im Doll« stark genug verwurzelt ist, auch nach Zerschlagung der Or­ganisation, sich durchzusehen.

älnd so ist heu e, zehn 3ahre nach dem Einzug derBefreier", Elsah-Lothringen entschlossen, auf dem Wege, sein Recht und seine Frei­heit zu erkämpfen, nach seinen Lebens­bedingungen sich sein Haus selbst einzu­richten. älnd Herr Oberkirch, der sich am 26. Ok­tober in Prag als Sprecher der Elsässer aus­spielte, muhte eine Woche später aus seiner Partei herausgehen, well dies« mit dem Dolle geht, H«rr Oberkirch aber mit Paris gegen Elsah-Lothringen. Am Schluss« dieser Zehn» 3ahr«s-Frist steht Frankreich allein mit Neinen Gruppen, und ein Pariser Blatt hat die Formel prägen können:Frankreich hat das Herz des Elsasses verloren."

Deutscher Wiederaufbau in Kamerun.

3m Novenrber 1924 fand in London eine Der­st e i g e r u n g der in dem englischen Mandats­gebiet Kamerun gelegenen deutschen Pflan- zungs- und Handelsunternehmen statt. Zu dieser Dersteigerung waren auch die deutschen Dorbesiher zugezogen worden. Es ge­lang ihnen, den gesamten Besitz im Werte von etwa 150 Millionen Goldmark zu einem Preise von 7,5 Millionen Mark, bis auf kleine, un­wesentliche Teile, fiir Deutschland zurückzugewin­nen. Hiermit waren zum ersten Male große Gebietsteile unseres Vaterlandes in 11 eberfee, die wir durch den Dersailler Dertrag verloren hatten, als privates, unbestrittenes Eigentum wieder in deutschen Besitz zurückge- lanat und damit ein Gebiet, so groß wie etwa das Land Hessen-Nassau, unmittelbar unter deut­schen Einfluß zurückgebracht.

Schon im März 1925 konnten die deutschen Be­sitzer ihr Eigentum wieder in eigene Be­wirtschaftung nehmen. 3n mühevollster Ar­beit gingen sie daran, die während der zehn­jährigen Zwangsverwaltung zum Teil stark ver­nachlässigten Kulturen wieder auf ihren Dor- kriegszustand zurückzubringen. Seit zehn 3ahren entbehrten diese der früheren Pflege, vor allem jeglicher Düngung. Tausende von Hektaren waren daher verbuscht und mußten freigeschlagen wer­den, um den darin zu ersticken drohenden Kakao- bäumen, Oelpalmen und Heveen Licht und Luft xuzuführem Schwer hatten auch di« Schädlinge in Den Kulturen gehaust. Als weitere Folge waren sowohl Quantität als auch Qualität der Kame­runer Plantagenprodukte während der Zwangs- Verwaltung von 3ahr zu 3ahr zurückgegangen und bedeutend im Werte gesunken. Die Auf­bereitungsanlagen der verschiedenen Produkte waren nur notdürftig instandgehallen worden. Die während des Bombardements der Kameruner Küste in Den ersten Kriegsmonaten zusammenge­schossenen Gebäude standen 1925 noch als male­rische Ruinen, von Farnkräutern und meter­hohem Gestrüpp wild überwuchert.

Das mußte alles erst einmal beseitigt, wieder aufgebaut und notdürftig in betriebsfähigen Zu­stand versetzt werden. Die hierzu vorhandenen Geldmittel waren sehr knapp. Der Wiederaufbau konnte überhaupt nur gelingen, wenn es möglich war, in kürzester Frist die noch vorhandenen Kul­turen abzuernten, deren Produkte aufzubereiten und auf die europäischen Märkte zu bringen. Ne­ben allen diesen sorgenvollen Arbeiten blieb die Qualitätsverbesserung sämllicher Pro­dukte eine der wichtigsten Aufgaben. Bei Kaut­schuk, Palmöl und -Kernen gelang dies verhält­nismäßig schnell. Kameruner Plantagenkautschuk z. D. gilt heute für ebenso wertvoll wie die besten ostasiattschen Marken. Schwieriger lagen die Derhältnisse bei Kakao. Trotzdem ist in ziem­lich kurzer Zeit schon sehr viel erreicht worden. Große Fabrikanlagen zur Derbesserung und Der- billigung der Produktenaufberettung sind in­

zwischen entstanden, und es ist zu hoffen, dah auch die letzten Schwierigkeiten, die dem deut­schen Wiederaufbau noch im Wege stehen, in ab­sehbarer Zeit überwunden werden können. Lei­der hat uns dabei das Liquidationsschüdengesetz vollständig im Stiche gelassen.

Mit aufrichtiger Freude sind wir auch von Den Kameruner Eingeborenen wieder begrüßt worben. 3n großen Scharen strömten sie aus allen Teilen des Landes zusammen, um Arbeit zu nehmen, darunter auch die Söhne der beiden mächtigsten Häuptlinge aus dem Kameruner Hin­terlande, 3oja aus Kamim und Fonjonge aus Bali, die auf den ausdrücklichen Wunsch ihrer Däter nach deutscher Arbeitsmethode erzo­gen werden sollen. Die englische Mandatsver­waltung sucht, soweit es in ihrer Macht steht, unsere Bestrebungen zu unterstützen, denn sie hat eine hohe Meinung von der deutschen Wiederauf­bauarbeit in Kamerun erhalten und dies auch wiederholt zum Ausdruck gebracht.

Minister Korell über die deutsche Republik. Die Ortsgruppe Gießen der Deutschen Demokra­tischen Partei veranstaltete dieser Tage im Saale des Caf6 Leib einen Vortragsabend an- läßlich des zehnjährigen B e st ehe ns der deutschen Republik, bei dem Minister Korell die Ansprache überZ ehn Jahre Re­publik" hielt. Er betonte einleitend, der zehnte Jahrestag der Staatsumwälzung, der Entstehung der Republik, sei kein Anlaß zu großen Festen und frohen Feiern, er sei aber auch kein Tag der Schande und des Schmerzes. Das deutsche Volk brauche sich nicht schämen über das, was damals geschah. Wenn das deutsche Volk damals vor dem Chaos bewahrt blieb, so sei dies das Verdienst der Männer, die sich seinerzeit mutig an das Ruder des Staatsschiffes gestellt und dieses vor deni Un­tergang bewahrt hatten. Einer dieser Männer sei auch der verstorbene hessische Finanzminister Hen - r i ch gewesen, dessen Persönlichkeit und Wirken der Vortragende in warmen Worten feierte: Henrich babe seine Gesundheit und sein Leben im Dienste für das Volk geopfert. Wenn unter den damaligen Männern der Pflicht fid) gelegentlich auch untüch­tige befunden hätten und in hohe Aemter gekom­men seien, so bedauere das die Republik am meisten. Der Redner wies dann auf das schicksal­hafte des Entstehens der deutschen Republik hin. Vieles sei heute schon in Vergessenheit geraten, wa? unser Volk in den vier schweren Kriegsjahren durch­gemacht und erlitten habe. Aus der starken Hin­gabe des Volkes, aus der Entbehrung und Not hät­ten Schleichhandel, Kriegsgewinnler und Schieber- tum ein Geschäft gemacht, und dann sei das Volk, das jahrelang draußen und daheim Uebermenich- liches ertragen habe, am Ende seiner Kraft gewesen, zermürbt durch den langen Krieg, durch den Hun­ger im Lande und durch das Leid um die Toten und die Krüpvel. Als durch das plötzliche Waffen- stillstandsangeoot dem Heere und dem Volke klar wurde, daß jede Hoffnung vorbei war und Frie­den um jeden Preis geschlossen werden mußte, da sei es kein Wunder gewesen, daß der Zusammenbruch kam. Ein System sei

damals zusammengebrochen, in der höchsten

Notzeit unseres Volkes hab« die Führung gefehlt. Unter Den Männern, Die Dann an Die Spitze Des Volkes traten, gebühr« in erster Linie Aner­kennung unD Dank Dem verstorbenen ersten DeichspräsiDenten FrieDrich Ebert, Der unserem Volke russische Verhältnisse erspart und Das Gespenst Der Anarchie verjagt hab«. Ein Rückblick auf Die ersten zehn 3ahre Deutscher Republik müsse mit ehrlicher Besinnung über Die wirklichen Ursachen Des Zusammenbruchs unD mit dem Vorsatz ernsten Strebens für Den Wieder­aufbau des Vaterlandes erfolgen. Um Dem neuen Staate Gerechtigkeit wiDerfahren zu las en, müsse man sich Die Aufgaben vergegenwärtigen, Die Der neue Staat zu leisten habe. Der Redner erinnerte hier u. a. an die großen sozialen Verpflichtungen, Denen Der Staat Rechnung zu tragen habe, z.B. Förderung des Wohnungs­baues, Fürsorge für Die älteren Angestellten. Er wanDte sich Darm gegen Die Schaffung neuer Aemter, z. B. gegen das geplante Reichsober­arbeitsschutzamt, Das nicht notwendig sei. Er­

Gießener Giadttheater.

Tchanzer, Welisch und Krauß: Eine Frau von Format".

Der starke Erfolg, als der Diese für Gießen neue Operette vor kurzem in Frankfurt aus­posaunt wurde, ist nicht ganz verständlich: er be­ruht im Grunde auf Der großen Ausstattung und, bestenfalls, einem Schlager. Das ist für. eine an­ständige Operette etwas wenig. (Wir für unsere Person hätten jedenfalls eine Wiederholung von Liebe und Trompetenblasen" für erheblich aus­sichtsreicher gehalten, da Dieses hübsche Stückchen sowohl textlich als musikalisch eine bcDeutenD bessere Qualität Darstellt.)

Das Libretto, von Der bekannten Firma Schanz er unD Welisch, verlegt Den Schau­platz nach Sllistria, einem Phantasiefürstentum auf Dem Balkan, welcher von altersher als flafft* sche Operettenlandschaft beliebt ist. Die Handlung setzt sich in ihren Hauptbestandteilen aus Liebe, 3ntrigc, Verwechslung, Politik und Der unver­meidlichen Salamifabrikation zusammen. Gegen Den Text, soweit er verstänDlich wurde bei Ope­retten nicht unbedingt erforderlich ist nur das eine einzuwenden, dah viel zu viel (Unsinn) ge­redet wird. Eine Operette ist Dazu da, dah ge­lungen wird. UnD zwar in allen Drei Akten. Es kann ebenfalls Unsinn sein, aber gesungener Unsinn. Das kann man verlangen. Neuerdings leben Die Operetten aber bereits im zweiten All von Wiederholungen, Der Dritte ist Dann vollends auf ein in ungenießbarem Deutsch vorgebrachtes Gefasel angewiesen, bis Die obligaten Paare enD» üch mit viel Ach und Krach unter die Haube gebracht sind.

Die Musik von Michael Krauß läuft in be­währten, gut ausgefahrenen Geleisen, hat einen Tango-Schlager auf Den TextWir wollen tun, als ob wir Freunde wären". Der sich bereits weiter Verbreitung erfreut, ferner eine hübsche ChormeloDieDas ist die Feuerlilie", endlich eine Tanzparodie auf Die 3ofefine Baker, welche zur Zeit in Berlin grassiert, mit 3azz- begleitung. Das wär's.

Das Orchester (am Pult: Kapellmeister H a r - der) ließ nichts zu wünschen übrig. Die Re­

gie von Hans Baars (a. G.) war in Den ersten Akten mit großem Aufwand bei Der Sache, versagte aber im letzten Akt, wo auch Das Ensemble merllich nachließ. AuherDem waren Di« Bühnenbilder (Hans Mohr und Emst Müller) von einer geradezu papa­geienhaften Buntheit. 3m Verein mit Den Phan­tasiekostümen und Uniformen ergaben sich mehr­fach Farbenzusammenstellungen, Die nur mit dem harten Wort schauderhaft bezeichnet wer­den können. (Eine geschmackbegabte Regie hätte sehen müssen, daß das nicht geht.)

3m Mittelpunkt der Besetzung: Die Dschllly Bey Der Ly Ottmar. Die stimmlich und Darstel­lerisch im Mittelakt am besten wirkte: Daß ihr eine Derartige Rolle sehr liegt, ist zu bezweifeln. Die Fürsttn von Silistrien tourDe von Der hüb­schen Dorothea DaberaDt vortreftlich ge- spiell unD gesprochen; gesanglich bietet Die Rolle gar nichts. Norbert Fels, beweglich unD schlag­fertig, gab Den Leibhusaren Baron Pista und bildet sich zum ertlärten Liebling Des Operetten­publikums aus. 3eno Nador iTököli) war er­freulich bei Stimme, schauspielerisch Dagegen, be­sonders gegen End«, rech! matt. Ein sehr Drolli­ges Pärchen machten Die begabte Soubrette LyDia Petry und Karl Reul, Der gestern blendend in Form war und allen Leuten mit seinem pracht­voll schnoddrigen Wortschwall vom reinsten Ber­liner Wasser ungemein gefiel.

Das Haus war, wenn wir recht gesehen ha­ben, ganz ausverkauft und übrigens sehr beifalls­freudig. Dr. Th.

Oie deutsche Zentralasien-Expedition.

Die deutsche Zentralasien-Expedition, di« unter Leitung des Bremer Geographen Dr. Emil T r i n k l e r stand, ist dieser Tag« zurückgekehrt. Zu ferner Ehrung hatte die Bremer Wissen» schaflliche Gesellschaft zu einer Festsitzung ein» geladen. Außer dem Senat hatten sich die Ab­ordnungen der wissenschaftlichen 3nstitute und Körperschaften der Stadt eingefunden sowie zahl­reiche Vertreter Der Vereine, die der Wissen­schaftlichen Gesellschaft angeschlossen sind.

Dr. Trinkler, ein Schüler des Südpolforschers von Drygalski in München, bereifte andert­

halb 3ahre lang die Hochgebirge und Wüsten­gebiete Zentralasiens und kehrte in diesen Tagen von ferner zweiten Forschungsreise die erste führte ihn im 3ahre 1923/24 nach Afghanistan in Die Heimat zurück. Seine Begleiter waren Der ebenfalls anwesend« Münchener Geologe Dr. De Terra und der Schweizer Kaufmann W. B v ß h a r t. Die Reise, deren Durchführung ermöglicht wurde durch Unterstützung des Bre­mer Senates sowie Bremer Kaufleute und der Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft, stellte ganz ungewöhnliche Anforderungen an die Forscher.

Der Ausgangspunkt der Reise war Kaschmir im Norden Indiens. Im Mai 1927 brach die Karawane mit zahlreichen Dienern und Tieren auf. Ein Berg- massiv von 5000 Meter Höhe mußte 'überquert wer­den. Dabei vernichtete eine Seuche die Tiere der Karawane und zwang die Forscher, zu Fuß eine Strecke von 500 Kilometer zurückzulegen. In drei­zehn Monaten wurden 12 Pässe von über 5400 Meter überschritten; im ganzen legten sie in sechzehn Monaten über 5000 Kilometer zurück. Aber diese Schwierigkeiten waren, wie Dr. Trinkler ausführte, in chrer Auswirkung doch nicht so störend wie die geradezu entnervenden Verhandlungen und Bespre­chungen mit den chinesischen Behörden. Diese wollten die gesamten Sammlungen, auch die geschenkten und gekauften, zurückhalten, aber nach den neuesten Mel­dungen sollen diese nun freigegeben sein und Boß- hart sich mit ihnen auf dem Wege nach der russi­schen Bahnstation Andischan befinden.

Dagegen wurden die Forscher, wie Dr. Trinkler nachdrücklich betonte, in Indien von den Engländern aufs liebenswürdigste aufgenommen und in jeder Hinsicht gefördert. Vier Monate durchforschte die Expedition die Takla-Makan-Wüste, häufig von Sand- und Schneestürmen behindert, während das Thermometer mehr denn 20 Grad unter Null zeigte. Trotzdem wurde das Ziel erreicht, und reiche Funde gemacht. Inmitten der Wüste wurden, ver­schüttet von den Sandstürmen, die Stätten alter menschlicher Siedlungen entdeckt und ausgegraben. Im Schoße des Iellat-kum, der Henkerswüste, fern von den Stätten jetzigen Lebens, fand man die Trümmer kleiner buddhistischer Tempel, Bruchstücke lebensgroßer Buddhafiguren und kleine Stuck- relief», Buddhas, Ghandarvas und Amoretten dar­

stellend, die typisch die Merkmale griechisch-buddhi­stischer Kullur zeigen. Sie entstammen einer Kunst- periode, die vor 2000 Jahren von Nordwestindien, dem alten Ghandara, den Weg nach Zentralasien fand und dort bis zum Eindringen der Mohamme­daner, etwa 100 n. Ehr., in hoher Blüte stand.

Etwa aus dem achten Jahrhundert stammen Gegenstände des täglichen Gebrauchs: Perlen- schmuck, Goldblättchen, Glasperlen, Kämm«, Bruch­stücke chinesischer Münzen, Reste alter Gewebe und als Unikum ein geflochtener Schuh. Ergänzt wur­den die Funde durch Käufe bei den Eingeborenen. Stücke buddhistischer Malereien, alte Handschriften und, eins der wertvollsten Stücke, ein auf Papier geschriebenes Buch, das in Brahmaschrift geschrieben und etwa tausend Jahre alt ist. Die Sammlungen werden dem städtischen Museum in Bremen über» wiesen.

Auch die geographische und geologische Ausbeute ist groß. So wurde festgestellt, daß das Hochland Zentralasiens während der Eiszeit von mächtigen Gletschern bedeckt war. Boßhart sammelte reiches botanisches Material, daneben auch viele Lichtbilder. Die Gelehrten hoffen, ihre Ergebnisse in etwa drei Jahren geordnet ausarbeiten zu können. Mit die­ser bremischen Forschungsreise hat die deutsche Wis­senschaft erneuten Ruhm auf einem jahrelang ge­sperrten Gebiet errungen, Dr. K. 91.

Hochschulnachrichten.

Das Ordinariat Der Chirurgie in Erlangen, Das sich am Schluß Des laufenden QBintrtfemefterd Durch Den Rücktritt Des Geh. Medizinalrates Prof. Dr. E. Graser erieDigen wird, ist Dem a. o. Professor unD Oberarzt Der Chirurgischen Klinik Der Universität Frankfurt a. M., Dr. med. Otto Goetze, angeboten worden.

Professor Dr. Pribram vom Internationalen Arbeitsrat in Genf, der auf den Lehrstuhl für Volks­wirtschaftslehre an der Universität Frankfurtam Main als Nachfolger von Geheimrat Voigt berufen wurde, nahm seine Lehrtätigkeit mit einer öffentlichen Antrittsvorlesung überDie internationale Wirt- schaftspolitik und die internationale Sozialpolitik, ihre Wurzeln und Anschauungsformen" auf. In der Philosophischen Fakultät der Frankfurter Universität habilitierte sich für das Fach der klassi­schen Philologie Dr. phil. Franz A11heim.