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Nr. 14'> Zweiter Blatt

Zreklag, 22. Juni 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhessen)

Stephan Aaditsch, der kwaUche Zanernkvnig.

3um Attentat in btr südslavischen Gkupschtina.

(Bin ubcrraflctibcr $>cmagogc ein Mann von binoH^enber Rednergabe, ein fltaljfct Poli- liker- das ist der funtund'unt^lgjährlgc Ot a - ditsch. dessen diplomatische Klugheit man im ursprünglichen Siim be* Wortes alt Dauern- Ichlauhett bezeichnen fann. Stephan Radirsch. der <oeben bei einem Attentat im Belgrader Paria- :nenl schwer verwundet worden ist, hat fast km ganzes Geben in hartnäckiger Oppo­sition zu den jeweils regierenden Mächten gestanden und dabei mehr als einmal seine Person gctoagt Ts ist heute nichts außerge- wvhnliche» mehr, hast ein führender Staats- mann der in seiner Fugend zu umstürzlerischen Parteien gehörte, auch einmal hinter Kerker­mauern gesessen hat. und Raditsch hat in seinem abwechslungsreichen Geben viele Monate im ® e f ä n g n i « verbracht. Aber es ist wohl nur Iven:gen Staatsmännern vom Rang dieses kroa­tischen Bauernsührers so übd mitgespielt worden, nne dem jungen Raditsch. der als Gymnasiast ins Irrenhaus gebracht wurde, weil sich bw weisen Schulväter von Agram nicht denken konnten, daß ein Schüler von normalem Ver­stund revolutionären 3bcen huldige. 3n dieses Gymnasium war der junge Stephan nur nut grotzer Mühe gelangt, denn sein Dai armer Kleinbauer, hielt nichts vom Studium und wünschte, seinen krästigen Sohn als Mit­arbeiter auf dem Fell» zu sehen. Es wäre ihm auch nicht vergönnt gewesen, längere 3eit das Gymnasium zu besuchen, hätte man dem jungen Raditsch nicht Rebenverdienste als Hauslehrer verschafft, btt es ihm ermöglichten, in den Ferien­monaten ganz Kroatien, Dalmatien, Bosnien und die Herzegowina zu Fuh zu durchwandern und sogar einmal für einige Monate nach Kiew iu reifen, wo er die russische Sprache erlernte. Seit dieser Zeit hat er eine gewisse Vorliebe 'ü r Rußland behalten, und er ist vor zwei .3obren auch in Moskau gewesen, wo er sich mit den Bolschewisten mehr befreundete, als es manchem jugoslawischen Politiker ratsam er­schien. Schon von seinem ersten Aufenthalt in Rußland, von feiner Studienfahrt nach Kiew, die ihn mit antizaristischen Elementen in Ver­bindung brachte hat er jene aufrührerischen Anschauungen mitgebracht. die ihn bann in die psychiatrische Abteilung des Spitals der barm- xrzigen Brüder führten. Aber diese Unter- nechung seiner Gymnasiastenzeit genügte nicht, hn au» seiner Gaufbabn zu drangen. Trotz seinem angeblichen Hrrfinn bereitete er sich auch ohne Schule auf die Reifeprüfung vor. die er mit Auszeichnung bestand, und lieh sich im Herbst 1891 an der Universität von Agram imatrt- tulieren.

Als ztoeiundztoanzigjährigcr Student trat er ..um ersten Mal in großen Versammlungen al» Seiner auf; er war damals noch österreichi­scher Staat-angehöriger und fechte sich mit der ganzen Wucht feiner Beredsamkeit und mit dem Eifer seiner 3ugcnb für bic kroati sche Ration ein. Als er bei einer patriotischen Kundgebung einen Festredner, der einen unga­rischen Rationalhelden feierte, unterbrach, um für einen kroatischen DvUsherv« Stimmung zu machen, wurde er sofort verhaftet und wan- -erte zum ersten Mal für vier Monate in« Gefängnis. Als er bic Freiheit wiedererlangt batte und seine Studien in Agram nicht fort- setzen konnte, weil er von der Hochschule verwiesen worden war. wandte er sich nach Prag und arbeitete dort an tschechischen Zei­tungen mit, bic in Opposition zur österreich-un­garischen Doppcimonarchic standen. Aus Kroa­tien war Raditsch ausgewiesen worden; aber es gelang ihm dennoch, im 3obre 1895 heimlich .n seine Heimat zu reisen und dort überraschend tor dem gerade in Agram weilenden Kaiser Franz 3ofcf eine Studcnten-Demonstration *u veranstalten, bei der eine ungarische Fahne erbtonnt wurde. Sechs Monate DesängniS -raren bic Folge. Diese unaufhörlichen Gefäng­

nisstrafen. zu denen er immer wieder verurteilt wurde, erhöhten aber Raditsch» Ruhm bei feinen kroatischen Volksgenossen, stempelten ihn zum Märtyrer und führten dazu, daß er sich all­mählich den Titel .Väterchen aller Kro­aten" erwarb

Die Verfolgungen, denen Stephan Raditsch wegen seiner unnachgiebigen Haltung in seiner Heimat ausgeletzt war, veranlaßten den jungen Mann schließlich. Oesterreich-Ungarn yrittoeite zu verlassen; er begann in den letzten 3ahren des vorigen 3ahrdunderts leine ruhelose Wander- zeit. Zwei 3obre lebte er in Paris, lange weilte er in Serbien, in Prag gründete er eine kroa­tische Zeitschrift -- aber wenn er auch hn Aus­land Wellte, so verlor er doch niemals die Fäden, bic ihn mit Kroatien verbanden, an­der Hand, er blieb der führende Kopf der kroatischen Freiheitsbewegung. Dabei erkannte er frühzeitig, daß die Stärke seiner Ration in der urwüchsigen Krast des Bauerntums liegt, aus dem ja auch Raditsch selbst stammt. Riem als lag ihm daran, seine Heimat zu einem 3n du st ne land zu entwickeln, angrenzende Volls- stämme zu imrerdrücken, imperialistische Politik zu treiben selbst im letzten 3ahrzehnt nicht. alS sich solche Möglichkeiten für daS junge juao- slawifche Königreich boten und das Deifpiel der übngen neuen Rationen des europäischen Osten- m diesem Sinne hätte richtunggebend werden können.

Als die österreichische Monarchie im 3ahre 1918 zusammenbrach, glaubte Raditsch seine Stunde gekommen und setzte sich für ein kroa­tische» Staat-Wesen ein. Er wurde aber in feinen Hoffnungen schwer enttäuscht. beim der serbische König traute dem Revolutionär nicht, den er einkerkern ließ, weil er ein Feind der bürgersichen Ordnung sein sollte, und es gab politische Gruppen, die Raditsch« Tod forderten. Schließlich lieh man ihn doch frei, und nun be­gann sein politischer Ausstieg. Ueberall Im Gand sah man den Kops diese- Mannes auf» tauchen, dessen nachdenklicher Blick verriet, daß er hinter Gesängnisrnauern da- Grübeln ge­lernt hatte, und der als Bauernsohn zu den armen kroatischen Bauern wie kein anderer sprechen konnte. Auch nachdem er in den 3ahren 1921 und 1923 Wahlsiege davongetragen hatte und die Bauernpartei erstarkt war, verleugnete er in seinem Acußeren nicht die revolutionäre Herkunft; seine Kleidung wurde nicht eleganter, sein Vollbart blieb ungepflegt, und auf dem Kopf trug er nach wie vor die kroatische Dauerte mütze, die ein wenig an den Fez erinnert.

Aber sein großer Gegenspieler, der kürzlich verstorbene P a s i t s ch. verfolgte das Wachs­tum der Bauernpartei mit großer Besorgnis; er sah, daß Raditsch sich den Belgrader Zen- tralisicrungsbestrebungen heftig widersetzte und alS aufrechter Pc^ifist vor Pasitschs imperia­listischer Politik warnte, er fühlte, daß die groß- serbische 3dee, daS einheitliche jugoslawische Königreich von der Donau bis zur Adria und zum Aegäischen Meer, bei dem Widerstand der kroatischen Bauern nicht zu verwirklichen fein würde, und so führte et im Anfang des Jahres 1926 alS Achtzigjähriger den, wie er glaubte, entscheidenden Schlag gegen feinen jüngeren Ri­valen, indem er die Raditsch-Partei a u f l 6 ft e, ihre Führer in« Gefängnis warf und sogar Raditsch selbst verhaftete. Man verdäch­tigte den Kroatenfübter nachträglich, an der Spionage-Affäre Androlitsch im Sommer 1923 beteiligt gewesen zu fein, und behauptete, er fei nur deswegen damals nach London gegangen, um sich näheren Untersuchungen zu entziehen. Die Bauernpartei war zu jener Zeit republi­kanisch und wurde unter ähnliche Ausnahme­gesetze gestellt wie die Kommunisten. Gs gelang ihm, aus Jugoslawien zu entkommen, und wäh­rend er hx seiner Heimat nun wieder einmal aiS Hochverräter galt, wurde er tn Moskau mit offenen Armen empfangen. Darm hiell er

sich wieder heimlich in 'Agram auf, und es wird berichtet, daß er nach tetner schließlich erfolgten Entdeckung keine sehr heldenhafte Rolle spielte, als man ihn verhaftete. Aber Radittch war allmählich älter geworden und der dauernden Verhüttungen überdrüssig. Außerdem ging es wieder einmal um <einen Kopf. Sv toutN? et im Gelängnis etwas kleinlaut, und trotzdem er sich nach wie vor auf die Treue ferner kroati­schen Bauern verlassen konnte, revidierte er 'eine lleberzeugungen, wurde Monarchist, schloß Frieden mit der bürgerlichen Hmtpelt und machte sich dadurch endlich die Dahn zum

Ministerposten hvt. Gange hat freilich die TU* gierung^hcrritchkelt nicht gedauert, und bald ge­hörte Raditsch mit feiner Bauernpartei wieder zu bet Opposition, zu der er wohl geboren war. 5)ie<e abenteuertExistenz war stets tat irgend­einer Weife von außergewöhnlichen Gefahren bedroht; der Schuß, den ein montenegrinischer Abgeordneter letzt -ruf das .Väterchen aller Kroaten' abgefeuert Hal. wird in .Kroatien zweifellos ein heftige» Scho hüben, und es ist sicher, daß 3ugvslawten vor schweren Er­eignissen liebt

Geschichten aus aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. König Albert und die Lchildwacht.

(r) Brüssel.

dürfte wenig bekannt sein, daß Belgien tron feiner vieigerühmten Demokratie an seinem Königtum hängt, und eS wäre geradezu eine Verdrehung der Tatsachen, wollte man leugnen, daß sich König Albert einer großen Beliebtheit erfreut. Besonders bie Soldaten haben ihn sehr gerne, da eS zu seinen Gieblingsgewohnheiten gehört. f:ch unter bic Mannschaft zu mischen und mit einzelnen Leuten in kameradschaftlichster Form die alltäglichsten Gespräche zu führen. Sv kam es, daß er vor einigen Tagen ohne Begleitung spa­zieren ging. Dabei bemerkte er vor einem Schllberyäuschen einen Wachsoldaten, der in aller Gemütsruhe ein ziemlich große» Stück Kuchen mit zwei Reihen gesunder weißer Zähne bear­beitete. .Guten Abend, mein Freund." sagte der König. .Schmeckt der Kuchen?" Der Sol­dat blickte auf und betrachtete den König etwas unsicher, aber er erkannte ihn nicht. .Da» für ein Gandsmann bist du? Bist du Soldat?" 3a," erwiderte Albert. »So. so. ilnb wa» bist du? Hauptmann?"Rein." .Major?" Olein." .Oberst?"Olein."5rfb- marschall?"Olein." Schließlich verließ den Soldaten die Geduld und er brüllte den König an:Halt m i ch doch nicht zum Ola r r en, tust ja gerade so, al» wenn bu der König wärst!" Tableau!

Romantisches Mädchenduett in Oxford.

(f) London.

Fast über Rächt ist in England wieder einmal ein heftiger Streit über das Duell entbrannt. Anlaß dazu gab ein Zweikampf, der jetzt in Oxford zwischen zwei Studentinnen der dortigen llnibcrfität auSgesvchten wurde. Die Umstände, die dieses Duell begleiteten, sind selt­sam genug. Die Gegnerinnen erschienen mit ihren Sekundantinnen in Phantasieunifvrmen, die denen des 18. britischen Infanterieregiments an- geähnelt waren. Der Stampf wurde mit Sä­beln auSgetragen. Man hatte eigens aus München zwei Aerzte kommen lassen, weil daS britische Strafgesetz englische Aerzte, die bei einem Zweikampf mit lebensgefährlichem Ausgang assi­stieren, der Beihilfe zum Mord bezichtigt. Das Duell verlies jedoch hn übrigen ziemlich harmlos, da nur die eine Studentin leicht an der Schulter verletzt wurde. Interessant ist übrigen» der Grund, der zu diesem Zweikampf führte. HerauS- gcfvrdert hatte die Studentin, die verletzt worden war. Sie war deshalb auf ihre Ä oHegin wütend geworden, weil diese sich öffentlich über ihr, der Herausforderin, futuristisch eingerichtetes Zimmer luftig gemacht hatte. So haben denn die beiden Duellantinnen, ohne es zu wollen, die Lacher auf ihrer ©eite, und fo dürfte auch die zu er­wartende disziplinarische ©träfe durch die Uni­versität nicht allzu schwer au»fallen.

Morpheus als Helfer.

Paris.

In Ta? (Departement Haute-Lorre- erhielt ein allein wohnender, unverheirateter junger Bauer bic amtliche Aufforderung, sofort eine früher gegen ihn ausgesprochene Gefängnisstrafe von 14 Tagen anzutreten. Der so höflich zu

einem vorübergehenden kostenlosen Aufenthalt tn einer staatlichen Pension öingelabcnc reagierte nicht auf da» Ersuchen, und so mochten sich zwei bewaffnete Geirdarmen auf, um sich chm in ent­gegenkommender Weise als Reisebegleiter anzu­bieten. Offenbar wußte der junge Mann auch dielen Beweis staatlicher Fürsorge nicht ganz ku würdigen, denn beim Rahen der beiden llni- fnnn.crten schloß er sich tn fein Haus ein und drohte von einer Dachluke aus, jeden, der nähe« an seinen Grund und Boden komme, mit Hllfo feines Gewehrs auf eine noch viel längere Reise zu schicken. Die beiden Gendarmen alarmierten daraufhin telephonisch sofort ihre ganze Olbtei- lung, die auch gleich in völliger Kriegsausrüstung auf dem Schauplatz erschien.

Aber auch hierdurch ließ sich der ^Belagerte nicht einschüchtern und legte bei jedem Versuch ferner Gegner, in daS Hau« einzudringen, einen fo wohlaeziellen ..Sperrfeuergürte!" vor die Oin» Sänge, daß diese Versuche scheiterten. Die rate >se Polizei nahm ihre Zuflucht sodann zu einem anderen Trick, der sich wiederholl in der Ge­schichte bewährt haben foll, sie Holle die Okairt des Eingefchlollenen herbei, um ihn zur Heber- gäbe zu überreden. Aber auch dkse Deteuerun- ® Versprechungen und Bitten aus lieblichem nde vermochten den Hartgesottenen nicht von seinem Entschluß abzubringen. Dann probiert« man cs mit Gasbomben. Aber der Singeschlos- fenc hatte während des Weltkriege« nicht umsonst al» Infanterist in den Schützengräben Im Artois und in der Champagne gelegen, er verwertete die dort gewonnenen 8rtabnmgai, sorgte für hinreichenden Luftzug in seiner Festung, und daS Gas zog wirkungslos ab.

Da endlich kam die Braut - eine moderne Delila -- auf eine Idee, wie man den Unbcfteg- baren entwaffnen könne. Sie wies darauf hin, daß ihr Berlobter gern und lange schlafe und daß er, einmal im Schlummer, nicht durch da« Ab feuern von zehn Haubitzen zu wecken wäre, ilnb demgemäß beschlossen die Belagerer, die enbgültifle Entscheidung dieses KriegSspiels den ursprünglichen Kräften der Ola tut und dem Gotte Morpheus zu überlasten.

Mit Erfolg. Rach dem alle kriegerischen Ope­rationen auf der Seite der Belagerer eingestellt waren, wurde es still ringsumher, und am dritten Tage klang endlich deutlich aus der offenen Dachluke ein mek)disches Geräusch, da« bewies, daß dort ein Gerechter Im Schlafe lag. Und in Morpheus wohltätiaen Armen wurde der junge Freund der persönlichen Freihett tat­sächlich auch glücklich überrumpelt und In die schon erwähnte Staatspension geschafft, deren Gast er nunmehr jedoch Höch stwahrf cheinlich länger al« bloß vierzehn Tage sein wird.

Der Fahrschein der siamesischen Zwillinge.

(a) Rcuyork.

Man mag über die Verkehrspolizei von Ma­nila denken, wa» man will: das eine läßt sich bestimmt nicht leugnen, daß sie nicht davor zurück­scheut, Beschlüße zu fassen, deren Weisheit alle« andere als salomonisch ist. So hat sie soeben au« keinem anderen Grunde, al« wellöle Angelegen­heit zu kompliziert" ist. den Brüdern Guclo und Simplicio Dvdino den Auto-Führerschein ent­zogen, den Auto-Führerschein, nicht die Führer­scheine. Denn da« ist da« Eigentümliche an diesem

Das rechte fff er.

Neue Kölner Perspektive.

Don Alfons paquet.

'2m linken Rheinufer von Basel bi« Köln jnb Rhmwegen ist die Reihe der alten Städte. Xm linken Rheinufer die Dome, die schwarzen Kirchen, bic zerbrochenen, einst vom Wasser dc- -pültcn Stadtmauern; man spürt da noch etwa« ui« jener Zett, als der reißende, schlammige Fluß .kn FestungSgroben des alten Römerreiches gegen Unbekannt bildete, der jeden Qlugcnblid au« den Waldern von brühen vorbrechen konnte und der -ann endlich kam. alles über den Haufen warf, -rod ein neues Reich errichtete. Der Rhein wurde Nr» Rückgrat dieses neuen Reiche«. er blieb die Ctrabe der Kaufleute, der Pilger und Gesandt­schaften von Italien bis zur Rordsee. Oll« dann "fcic See 5um Weltmeer wurde und von Holland Her in daS Gand vvrstieh. entstand die Reihe der .Handelsstädte. Residenzen und Flußhäfen auf X-m rechten Ufer. Das sind die jungen, un- Zeichartigcn Städte von Wesel. Duisburg und ?us fei darf aufwärts bi« Mannheim und Karls­ruhe. 6p setzten sich erst allmählich die beiden Xbcinufcr in eine Art Gleichgewicht. Eine atlan- llche Einwirkung ging den Strom hinauf und legte Barenspeicher. Fabriken. Landungsmauern vor Me alten wohlgeordneten Fronten. Die jungen 3ndustric-Großstädte entstanden schon auf beiden reiten. Ludwigshafen ist wie 5>amborn. Homberg vie Enger«. Die alten großen, einst vom Wittel- -teer befruchteten Städte zögerten, auf das andere Ufer hinüberzugreifen, leere Felder lagen da. Eher schlossen sich Städte von beiden Seiten des Etro- nc« zu neuen Gruppen zusammen, ehe die alten Städte dem Baller 'Beispiel folgten und Doppel- Gtäbtc wurden mit dem Stro.n tote einem Kanal in der Mitte.

Witten in der Entwicklung des Rheines zu emem in sich ruhenden städtebaulichen und strom- baulichen Organismus tut jetzt Köln, das sich entschlossen hat. die Rletropolc des Rheinlandes Au bleiben, den entscheidenden Schritt auf das andere Ufer. Das bedeutet die Einbeziehung des elfen Festungssternes von Deutz in das Stadt­bild. Köln war zwei Jahrtausende lang eingefüllt in die flache Schale seiner Mauern. Es wünschte tofcl, sich auszudehnen, aber cs wurde eine

preußische Festung; gegen die Umklammerung durch den FiskuS gab c« keinen Ausfall. Uner­setzliche Bauten fielen dem Bedräng zum Opfer; die Kölner Sich ist eng und verwirrend wie eine Ehincscnftadt. Die Festungswerke, obwohl fett Jahrzehnten wertlos und für den Weltkrieg nic- mals ausgerüstet, hielten die Häuser Herde ge­fangen. Gegenüber am Strome lag nur die Kü­rallierkaserne, halb versteckt hinter dem Bahn­damm. 3n diesem Mauerwerk versank eine Olbtei und eine Kirche. Rheinabwärts dehnten sich Mesen. Erst hinter der breiten, starken Krüm­mung des Stromes stellte Mülheim, auch eine der Tochterstädte von Köln, feine Türme und Schorn­steine auf.

Seit zehn Jahren lind die Baumbügel des Kölner Festungsgürtel», die alten Forts, die eine Großstadt von ihren OJorftäbten trennte, ein Trümmerfeld geworden, ein um die Stadt ge­bogener Bauplan. Die Stadt kann jetzt beginnen, sich auszudehnen. Wird sie nun, die dritt­größte in Deutschland, noch immer eine Halb- fcheibe bleiben oder sich auf die andere Seite des Stromes legen? Sie braucht den Raum. Schon greifen vier Brücken hinüber. Aber die Bewohner von Köln machten bisher den Gang über die windigen Brücken nur wie in ein fremdes Ge­lände. um von drüben einen bewundernden Blick auf die eigene Stadt zu werfen.. Hinter der Kaserne sind klein st ädtt sche Straßenzüge ein wenig benutztes Hafenbecken, an der Seite des Brücken­kopfes begann noch immer das leere Feld.

Wan baute auf dieses Fell» zum erstenmal die Werkbundesausstellung. die in der Panik des Kriegsausbruches geschlossen werden muhte. Die Bauten verkamen. Sie waren nicht schlecht, aber sie wirkten klein und zufällig. Es mußte Größeres an ihre Stelle. Gs entstand der Plan der P r e s s a; neue Räume, bessere Anfahrten muhten^geschallen werden, eine Außenstadt. nicht eine Fortsetzung des Häufcrgewirres von drüben; der Ansatz zu einem Köln der Zukunft, eine Breitseite, die sich vor dem Dom nicht zu schämen brauchte.

Die Stadt Köln legte die Aufgabe in die Hände ihres eigenen Baumeisters des ötabt- haudi rektors Abel, eines Architekten aus dem Kreise des bedeutenden Stuttgarters Paul Bo­na tz. der modernes Können mit einem Gefühl für gesicherte Heber lief er ung verbindet. Drei Hindernisse waren zu überwinden, der alte Bahn­damm, die Kaserne, die einstigen Messebauten.

Drei 3ahve war Zeit. 3n diesen 3ahren wurde die Pressa vorbereitet, sie sc^us die neue Bau­gestaltung nicht, aber sie pressierte sie. Der Oöahn- damm ist gefallen. Die Kaserne erwies sich al« ein Dau, der zu bleiben verdiente, nun ist sie eine schloß ähnliche Helle Front mit ihren neuen breiten Seitenflügeln; vor \far senkt sich zum Strom die mit alten Bäumen bestandene Tarrasse; die dem Dorhos zugekehrten Enden der Seiten­flügel zeigen mächtige, bis zum Dach verglaste Oellnungcn. Don den Sälen dieser Flügel her gelchen sind die Treppenhäuser em AuSlauf in das Helle, ein geschützter Ausblick auf das herr­liche Gegenüber der alten Stadt. Gin Tor durch­bricht jetzt die Mitte des Kasernenbaue« und führt in einen riesigen 3nnenhsf. Der öde Exer­zierplatz ist umgewandelt. Die einstigen Stall- gebäube an den Seiten schließen sich um ein monumentales Viereck. An der Seite ragen zier­lich die spitzen Türme der Küche von St. Heri­bert. die wieder freigelegt ist. um ein Teil des noch nicht gegründeten Rheinischen Museums zu werden. Jetzt finb in den dicken Äalerncmnauem die lichten Säle des Muteums, vor den Fenstern die Ovallerflächc. Eine Terrassen straße führt rheinabwärts zu dem Ollellcgelande, zu dem auch der Strahenzug der Hohenzollernbrücke übet eine Ichleifenmäßiae Rampe hinabführt.

Die Mellehalle ist verschwunden. 3tc ist nicht abgebrochen, aber sie wurde zum Kern eines größeren Gebäudes. 6eme Fronten sind eine machematisch strenge Dacksternarchitektur. 0-reite OI>andelgänge an den Seiten, geräumige Säle an den Stirnpartien umschließen die Hallen von früher und geben dem Innern dieser Gebäude- malle, deren äußerer Wantei streng und gleich­mäßig gefaltet ist, das Majestätische. Au« diesem flachen Haus tagt ein wenig höher rau ein Wittelblock. Ganz an feinem Snde springt der Turm auf, knaberllchlank, eine Säule, ausgefüllt mit den kleinen viereckigen Sälen, ein neuartiger Aufenthalt und Aussichtsturm mit dem aus- gespannten Baldachin des Dachgartens und dem kupfernen Türmchen darüber, das eine Laterne ist.

Man hat diesen Turm und die Halle mit dem Stockholmer Stadthaus verglichen, ich weih nicht, warum. Man kann ebenso an das Ehilehaus in Hamburg denken, beim zu dem Vergleich berech- tigt nich^ als der Dacksteim Das Stockholmer Stadthaus ist zum Wasser hin ein Palazzo, zur Straßenseite pm em Kloster. Der Turm von

Köln ist gant anders al« der breite gestumpfte Turm der schwedischen Hauptstadt, lind die Kölner Halle will nichts sein als eine Horizon­tale vor der Ebene. Die Backsteinarchitektur ist hier das Reue. GS ist wie ein Einbruch der iror di scheu Backsteinarchitektur hier am Endpunkt des Mittelrheins, Wahrzeichen einer neuen Epoche.

Den« man sich die Achse dieser Halle forte gesetzt, so stößt sie schräg auf den Rhein. Tiber sie wird von einem kreisrunden, radial zerlegten Platz auf gefangen. Ihn umfaßt eine von vierzig enggestellten Pfeilern gebildete Halbrotunde, m der Mitte ein Würfel, von einem hohen Tor durchbrocyen. Dies ist die kristallisch glitzernde Ziegelsteinfront dcS Staatengebäuöe». dessen glä­serne Halle sich zerteilt wie die Federn eine« Fächer«. Das Tor in der Mitte ist em Durch­gang. ein Durchblick m die Straße dahinter mit Ihren Ausstellungskonstruktionen.

Dann kommen die offenen OResenslächen Die Straße, die Dörier. die bemalten Gerüste der Ausstellungsstadt bleiben in der Ferne. Sie sind vergänglich.

Drüben vor der Front der alten unb jüngeren Verwaltungsgebäude, der reichen BSohnhaufer, der drei alten Türme von 6t Kunibert, über den weich gesenkten Rampen, auf denen sich Analer und Zuschauer, m zwei Gliedern ge­staffelt, die Zeit vertreiben, aus dem Glas­pavillon der Bastei am Kölner Alfer, liebt man zu dem neuen Köln hinüber. Gs liegt da tote eine lange bewegte und geöffnete Stadtmauer, nut das über Sck gestellte Glashaus des Orhein- caf4s dort drüben formgt mit fernen Terrassen bis zum Strome vor Die Heine Uferbahn ist nicht Nchtbar. Ruhig fügt sich alles Gebaute m die Horizontale der Garrdschaft. nur der neue Kampanile legt seinen Schatten über die morgen- helle Wasserfläche. 3n der Breite des Stromes alerten kleine Dampfer mit grober Flagge, da­hinter die Kähne am lan^n Stahlseil, ein See­dampfer fährt stromab. Das dort drüben übet dem Wasser erscheint fast tote der Ansatz einer Seestadt, klar und luftig. Der neue Turm ist ein Genchtturm. ©r gibt dieser Stadt etwas vom Olleer. Der Strom vor der dunklen Drücke schil­lert att« seinem Droiueton in ein Helle« Licht­blau hinüber, das schon einer Marn», einer Landschaft hx Wasserfarben zugehört.