Donnerstag, 22. März 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Nr. 70 Zweites Blatt
o n.
Darmstadt, 21. März. Der Finanzausschuß nahm die Beratungen des Staatsvoranschlags bei Kapitel 108 (Ministerium der Finanzen) auf; ein Antrag Angermcier und Gen., der die Stellen von zwei Staatsräten, sechs Ministerial- räten unb fünf Vortragenden Räten gestrichen haben wollte, wurde gegen eine Stinnne abgelehnt. Das Kapitel wurde angenommen. Die Kapitel 109 (Hausverwaltung) und 110 (Hauptstaatskasse) wurden genehmigt. Bei Kapitel 111 (Landesvermessungswesen) wurden Klagen laut über das teuere Arbeiten der Vermessungsbehörden. Die Regierung suchte
Finanzausschuß des Hessischen Landtags. Don unserer Darmstädter Redakti
zu finden, der zu einer annehmbaren Lösung fuhren kann. Dabei kann selbstverständlich Deutschland nicht unbeteiligt bleiben.
Zuschuh zu gewähren, wurde abgelehnt. Zwei Eingaben israelitischer Gemeinden wurden der Regierung zur Berücksichtigung überwiesen. Mehrere kommunistische Anträge wurden abgelchnt; darunter forderte einer 150 000 Mk. für antireligiöse Propaganda und ein anderer verlangte die sofortige Kündigung der kirchlichen Darlehen. Das Kavitel wurde angenommen. Die Beratungen wandten sich hierauf der Borbemerlung zu Kapitel 28 (Stellvertretungs- und Aushilfskosten) zu. Ein Antrag Reiber, dah die bisher gezahlten Prüfungsgebühren an Mitglieder von Prüfungskommissionen gestrichen werden, wurde der Regierung als Material überwiesen. Ein Antrag Heinstadt, Schül und Gen. will die Einführung von Bilanzen für die staatlichen Betriebe nach den Bestimmung n des Handelsgesetzbuches (Verlust- und Gewinnrcchnung); der Antrag wurde angenommen. Ein Antrag Glaser- Dr. Leuchtgeiis, die Aufwandsentschädigungen der Beamten und Angestellten auf 50 Prozent herabzufetzen, wurde adgelehnt. Ein Antrag Glaser-Dr. Leuchtgens, die Regierung zu ersuchen, die Bewirtschaftung der Beamtenwohnungen sowie die Derfügungsberechti- gung über Deamtenwohnungen einheitlich zu regeln und einer Zentralstelle zu übertragen, wurde angenommen. Ein Antrag Dr. Leuchtgens- Glascr, um in allen Ministerien die Zahl der Beamten zu vermindern, ei,n Drittel aller Stellen auf den Inhaber zu fetzen, wurde abgelehnt. Das Finanzgesetz wurde angenommen. Ein Antrag Hainmann und Gen., das den Gemeinden aus den Lleberwei- sungcn des Reiches für Länder und Gemeinden aus dem Ertrag der Einkommen- und Körperschaf tssteuer, der doppelte Sah als bisher zugewiesen wird, wurde abgelehnt.
war und gegenwärtig Rähmaschinen und Musikinstrumente vertreibt. Er legt keinen Wert darauf, dah sein Rame an die Öffentlichkeit dringt. Rachts um zwei Llhr steht er nach gutem Schlaf auf, nimmt etwas Essen zu sich und macht sich an die Arbeit. Der äußere Borgang ist so, dah er die Farben feucht aufträgt und dann die zufälligen Blldungen durch schnelle Eingriffe mit seinen primitiven Werkzeugen, in erster Linie mit Finger und Taschenmesser, zu den erstaunlichsten Ergebnissen steigert. Es kommt vor, dah er in einer Nacht an die dreißig Aquarelle produziert. Fragt man ihn, was er selbst denn von der Sache hält, so entwickelt er einem alsbald mit Leidenschaft und Fanatismus in sich überstürzenden Worten seine trilogistische Philosophie, über die er bereits vor Jahren mit Ernst Haeckel disputiert hat. Sie baut sich auf einer immer wiederkehrenden Dreiheit von unklaren Begriffen auf. Wissenschaftliche, offensichtlich angelesene Fachausdrücke wechseln mit populären Bzeichnungen, dazwischen tauchen ganz neu konzipierte Worte auf: „Entwicklung gleich Akus, wir wollen es einmal so nennen, Anpassung gleich Bekus, und dann, das ist es eben, Cekus!" In dem Ganzen dokumentiert sich, daran ist wohl nicht zu zweifeln, eine durchaus schizoide Persön- lichkeit. Die Bilder — übrigens läht er selbst die Bezeichnung Bilder nicht gelten, dies alles, sei nichts, Versuche, Studien allenfalls, keine Bilder — malt er, um der Menschheit seine Lehre, die in ihrer wissenschaftlichen Form bereits festliegt, auch auf diese Weise darzubieten. Manches, was er vorbringt, scheint leidlich. Lleberraschend richtige und anschaulich formulierte Urteile über bildende Kunst werden von Konstruktionen Überwuchert, deren Sinn verborgen bleibt. Ergreifend ist es, chm zuzuhören, wenn er von dem unnennbaren Glücksgefühl spricht, das ihn beim künstlerischen Schaffen erfüllt. „Der Himmel ist also fertig. Jetzt kommt der große Augenblick... ach mein Herr ... das ist ja so ... so ... Jetzt wird die Horizontlinie eingesetzt! Davon hängt alles ab. Der Himmelsmaler setzt die Horizontlinie ein. Ach, ach ... wenn das gelingt! Sie glauben es nicht! Das ist das ... das ... Herrlichste auf der Welt!" Die Erinnerung an die Seligkeit dieser Sekunden packt ihn so übermächtig, daß er vor strahlender Bewegung nicht Wettersprechen kann.
Raffenhygiene.
Man hat in diesen Jahren unendlich viel von der religiösen, geistigen und sittlichen Entartung gesprochen, die mit dem Zusammenbruch Deutschlands offenbar geworden fei, und von der Notwendigkeit der völkischen Erneuerung. Wenn es aber richtig ist, dah die in Frage stehenden Erscheinungen im inneren Zusammenhang mit einer biologischen Entartung stehen und in dieser erst ihre eigentliche Begründung finden, so ist auch die Wiedergeburt unseres Volkstums in geistiger und sittlicher Erneuerung nur im Zusammenhang zu denken mit den Bestrebungen, die biologische Grundlage des Volkes einer Gesundung zuzuführen. Dieses Ziel hat sich die Rassenhygiene gesteckt. Ihren derzeitigen Stand behandelt das neueste Heft „Rassenhygiene" der Süddeutschen Monatshefte (München). Es ist gelungen, für die Zusammenarbeit an diesem Heft Katholijen und Protestanten, Nationalisten und „Menschenfreunde", Sozialisten und Nichtsozialisten zu gewinnen. Sie haben sich gefunden im Dienst an einer grohen Aufgabe, einer dcr größten, die der Menschheit je gestellt war. So umreiht Alfred Ploeh Ziele und Aufgaben der Rossenhygiene, Lieber Entartung spricht 2. Lange und von den äußeren Einflüssen, welche die Träger des Erbgutes, die männlichen und weiblichen Keime schädigen. Während unter natürlichen Bedingungen, im Kampfe ums Dasein die günstigen Erbabänderungen allein bestehen bleiben und die Aufwärtsentwicklung der Art bestimmen, begünstigt heute unsere gesamte kulturelle Entwicklung das Erhaltenbleiben niederer Anlagen. So bleibt die stärkste Gefahr der Entartung unsere Kultur. In weite geopolitische und wirtschaftliche Fragegebiete dringt K. Val. Müller in feiner Untersuchung über Lebensraum und Geburtenregelung und er kommt zu dem Schluß, daß Schaffung von Lebensraum das erste Gebot einer öffentlichen Geburtenregelung ist und daß wirtschaftlicher Aufstieg nicht durch eine Senkung des Lebensstandes des Arbeiters, sondern durch Steigerung der Qualitätsleistungen der Industrie erreicht werden muh. Dah auch Schulfragen innerhalb der Rassenhygiene ihre bedeutende Rolle spielen, zeigt Stadtschulrat Hartnacke: Der immer kleiner werdende Nachwuchs aller Angehörigen gehobener Berufe, die übertriebene Ausbildungsforderung bei vielen Berufen, blinde Angleichung des Frauenstudiums an das männliche usw. Schlieh- lich erläutert der Münchener Rassenhygieniler Lenz die sozialen Notwendigkeiten der Rassenhygiene und macht dabei besonders wichtige Vorschläge zur Reform des Erbrechtes. Dieses neueste Heft der Süddeutschen Monatshefte bildet mit dem vor kurzem erschienenen, aufsehenerregenden Hefte „Geburtenrückgang" und dem früheren „Die Rassenfrage" zusammen nicht nur umfassendste Rundschau auf diesem Gebiet, sondern es kommt ihm wegweisende Bedeutung auch für die praktische Lösung der Kernfragen abendländischen Kulturniederganges und des anders zu wendenden deutschen Schicksals zu.
Gelänge es, das Mysterium, das dieser Mensch in seinen Nächten erlebt, genauer zu erforschen, man wäre dem Problem, was denn eigentlich das schöpferische Vermögen im Künstler ausmacht, um vieles näher gekommen. Denn dieser schmächtige Mann in Jena mit den ruhelosen Augen und dem schwarzen, dünnen Vollbart liefert sich Wohl der Macht in feinem Inneren gänzlicher und bedingungsloser aus als ein gewöhnlicher Künstler. Irgend einmal hat seine geistige Struktur einen Schub, wie der Psychiater sagt, erlitten, der ent* - scheidende Veränderungen bewirkt, Mauern um* gestürzt, Fesseln zerbrochen, Spalten aufgetarc hat, aus denen nun, wie aus einem vom Erdbeben gesprengten Rih Dämpfe und Flammen aufschlagen, die rätselhaften Offenbarungen des Menscheninnern steigen.
Oberheffen.
Hüttenberger Volks- und Trachteniag.
• Leihgestern, 21. März. Aus Anlah des 65jährigen Bestehens des hiesigen Gesangvereins „Lied er kränz" vom 9. bis 11. Iuni findet neben einem Gcsangswettstreit als weiteres Hauptereignis am 10. Iuni ein Hüttenberger Volks- und Trachten- t a g unter Leitung von Georg H e h (Leihgestern) statt. Dieser Trachtentag Der folgt Dor allem den Zweck, einer breiten Öffentlichkeit die heute leider vielfach dahingeschwundenen Hüttenberger Trachten in ihrer vielfachen Schönheit im Rahmen einer Ausstellung vor Augen zu führen. Eine Anzahl Modellfiguren werden mit den verschiedensten Trachtenarten, etwa 20 bis 25, bekleidet. Außerdem werden einzelne Teile der Trachten noch auf besonderen Tischen zur Inaugenscheinnahme der Besucher ausgelegt. Neben dieser Ausstellung der fertigen Trachten wird in einer besonderen Abteilung die Herstellung des Leinens vom LIrProdukt, dem ßeinfamen, an über die Zubereitung des Flachses in der vielfältigen Arbeitsweise bis zum fertigen Stoff gezeigt. Gelegentlich des Festzuge saus Anlaß des Sängerfestes wird der erste Teil des Zuges gleichfalls die Trachten des Hüttenbergs (Wagen .Saat und Ernte", Drautwagen usw.) tn den zurückliegenden Jahrzehnten zur Geltung bringen, um hierbei deutlich werden zu lassen, welch hohen Wert unsere Vorfahren im Hüttenberg auf ihre originellen Trachten gelegt haben. Man hofft auf die Mitwirkung der Vereine aus dem Hüttenberg bei diesem historischen Festzuge. Damit den Vereinen die Ausgestaltung ihrer Gruppen erlfchtert wird, sind von Freunden und Gönnern der Sache gewisse finanzielle Beihilfen zur Prämiierung der schönsten Darbietungen zugesichert.
Landkreis Gießen.
* Wieseck, 21.März. Der Frauenverein beendete seine wöchentlichen Frauemrbende des Winterhalbjahrs gestern mit einem stark besuchten Schlußabend, in besten erstem Teil Frau Käthe Ludwig (Gießen) vom Schwesternverein der Lukasgemeinde sehr anschaulich über die Darmstädter V e r b a n d s t a g u n g vom Df« tober letzten Jahres und den Bibellehrgang
Oie Tangersrage.
Die Tangerfrage, die in Anbetracht ihrer so außerordentlich großen Bedeutung für das Mittelmeer bisher nicht zur Ruhe gekommen ift und wohl auch kaum zur Ruhe kommen dürfte, wird durch die soeben in Paris beginnende neuerliche Tangerkonferenz wieder einmal in den Vordergrund des öffentlichen Interesses gerückt. Wohl keines der europäischen Probleme hat eine derartig mannigfaltige Geschichte durchlebt, wie dieses. Nicht nur, daß die Aufrollung dieses Problems bis in den Beginn des 19. Jahrhunderts zurückreicht, sondern auch die Tatsache, dah die Mächte niemals zu einer Einigung im endgültigen Sinne kommen konnten, zeigt, daß hier eine der wesentlichsten Fragen des Mittelmeeres zu verzeichnen ist, die sicherlich auch im Verlauf der weiteren Auseinandersetzungen eine bedeutsame Rolle spielen wird.
Im Grunde genommen sollte ja das Tangerstatut vom 18. Dezember 1923 eine endgültige Klärung herbeiführen. Damals _ aber gab sich Spanien, wenn es auch zunächst keine weiteren Schritte unternahm, doch nicht mit dieser Lösung zufrieden, sondern forderte vielmehr durch ein Memorandum im August 1926 die Mächte zu einer Neuaufrollung der Tangefrage auf, wobei es durchblicken ließ, daß es eine Erweiterung der spanischen Rechte anstrebe. Selldem sind die Verhandlungen ununterbrochen zwischen den Mächten fortgeführt worden. Eine neue Wendung erhielt das Problem schließlich dadurch, daß Italien, das doch von der Tangerkonferenz von 1923 fern- gehalten worden war, vielleicht bestimmt durch seinen Freundschaftsvertrag mit Spanien wieder auf den Plan trat und in einer Flottendemonstration feine Forderungen kundgab. Während also vor allem nach dem Abkommen zwischen Spanien und Frankreich vom 3. d. QIL, dem England wohlwollend gegenübersteht, die Mächte in gewisser Hinsicht einig sind, ist diese Einigkeit durch das Auftreten Italiens, dessen weitere Haltung noch nicht durchsichtig ist. wiederum bedroht worden. Es wird sich also auf der Pariser Konferenz zeigen müssen, welchen Weg die Mächte gemeinsam mit Italien einschlagen wollen, und ob es überhaupt möglich fein wird, einen gemeinsamen Weg zu finden.
Dazu kommt noch, daß neben Rußland auch Amerika an dieser Frage nicht gänzlich uninteressiert ist. Gerade aus den Vereinigten Staaten kommen jetzt Stimmen, die unter Berufung auf den Grundsatz der freien Tür daraus Hinweisen, daß das TangerproUem nicht in Form eines einseitigen Interessenausgleichs gelöst werden könne. Deutschland, Oesterreich und Ungarn sind ja bekanntlich durch den Versailler Friedensvertrag von der Regelung dieser Frage, an der sie eigentlich durch die Algeciras-Akte beteiligt sein sollten, ausgeschlossen worden. Bei der Verhandlung um den deutsch-französischen Handelsvertrag wurde versucht, eine gewisse Abänderung der Artikel 7 und 8 des Versaller Vertrages erreichen zu können; es war aber nicht möglich, diese Forderungen durchzudrücken, da anscheinend die französische Kolonialverwaltung ihre Bedenken geäußert hat. Man hat lediglich sestgestellt, daß die Marokkofrage in S ond er v er han o- lungen geklärt werden solle, worüber aber bis heute noch kein Termin angeseht worden ift. Vielleicht ist es deshalb kein ungünstiger Augenblick, auf diese Tatsache gerade jetzt bei Beginn der Pariser Verhandlungen hinzuweisen, zumal dieselben doch die sog. interessierten Machte zusammenführen sollen.
Gewiß darf man sich nicht verhehlen, daß das gesamte Problem in der Form, toie_ es bisher versucht worden ist, niemals gelöst werden kann Auch hier ist ein Punkt, wo die ®e- famtenttoidlung der Weltkonstellation neue Wendungen ergeben wird. Die Verhandlungen, die jetzt geführt werden, werden nur Anfänge sein, und es wird noch wichtiger prinzipiellerer Beschlüsse bedürfen, um einen Weg
in einer Erklärung nachzuweisen, daß andere Länder noch teuerer arbeiteten. Es lag ein Antrag Storck vor, Lithographen, die auf Tariflohn beschäftigt sind, als Beamte einzugruppieren; der Antrag wurde der Regierung als Material überwiesen und das Kapitel gegen zwei Stimmen genehmigt. Die Kapitel 112 (Bauwesen), 112a (Rheinschiffahrt) 113 (Brücken und Lieberfahrten) und 114 (Landesanstalt für Wetter- und Gewässerkunde) wurden genehmigt.
In einer Eingabe des Kreiscnnts Schotten zu Kapitel 115 (Privateisenbahnen und Kraftwagenverbindungen) werden Wünsche für eine Bahnverbindung Birstein — Hart- mannshain geäußert; die Eingabe wurde der Regierung als Material überwiesen. Angenommen wurden sodann die Kapitel 116 (Stellver- tretungs- und A u s h i l f s k o st e n), 117 (P o st- gebühren) und 118 (Ausleihungen und Staatsschuld). Zu Kapitel 120 (Siedlungs- wesen) wurde einer Kreditübertragung zuge- stimmt. Bei Kapitel 124 (Badeanstalt Bad Salzhausen) wurden 5000 Mk. bewilligt Im übrigen wurden die Kapitel genehmigt, ferner Kapitel 125 (An- und Verlauf von Staatsgütern), 126 (Reste aus früheren Fahren, Ueberscbüsse und Fehlbeträge), 129 (ch o ch b a u w e s e n), sowie eine Reihe weiterer Kapitel des Dermögensteils des Stoatsvoranschlags. Bei Kapitel 8 (Rest aus früheren Jahren usw.) lag ein Antrag Hoffmann und Gen. vor, die Regierung möge alsbald dahin wirken, daß gemäß der Zusage des Reichskanzlers Dr. Marr voreft dieZuschüffe des Reiches für Hessen festgesetzt werden. Der Antrag wurde nach einer Regierungsantwort für erledigt erklärt. In einem Antrag Hammann zu Kapitel 9 (Ueber- weisungen) wurde die Regierung aufgefordert, dahin zu wirken, daß der Anteil des Landes an der Einkommen- und Körperschaftssteuer von 75 Proz. auf 90 Proz. erhöht wird. Der Antrag wurde durch eine Regierungsantwort für erledigt erklärt. Dasselbe geschah mit einem Antrag Weckler-Blank und Gen. über die Erhebung von Reichssteuerrückständen, darauf wurde das Kapitel genehmigt
Am Mittwoch beriet Der Finanzausschuß Kapitel 10 des Staatsvoranschlags (Landes- steuern). Ein Antrag Widmann, Ritzel und Gen. über die Vorlage eines Wohnungsbauprogramms für 1928 und die Aufrechterhaltung des Mieterschutzes wurde, nach Beantwortung durch die Regierung, für erledigt erklärt. Ein Antrag Dr. Müller und Gen. wegen Stundung und Niederschlags von Landes- steuern wurde in seinem ersten Teil (Stundung) mit 9 gegen 4 Stimmen abgelehnt und in seinem zweiten Teil (Niederschlagung) mit 4 gegen 4 Stimmen für erledigt erklärt. Abgelehnt wurde ein Antrag Hammann, die Sondersteuer für den bebauten Grundbesitz aufzuheben und Öie Mieten auf 60 Prozent der Friedensmieten herabzufetzen, ferner mehrere Anträge des Abg. Anger- meier, die sich namentlich mit der Grundsteuer und der Sondefteuer bfchäftigen. Ein Antrag, die Sondersteuer kommt nicht zur Erhebung, bei Wohngebäuden bis zu 10000 Mk. Steuerwerk, wenn es ein Eigenhaus ist, wurde der Regierung als Matefal überwiesen. Ein Antrag Dr. v. Hclmolt: Mit Rücksicht auf die Not der Landwirte ist der Steuererlaß in weitgehendem Maße durchzuführen, insbfondere ist von Zwangsmaßnahmen abzusehen, wurde ab» gelehnt. Ebenso wurde ein Antrag Dr. von Helmolt abgelehnt: Die Grundsteuer wirb als Landessteuer mcht mehr erhoben. Gin Antrag Axt: Kleinrentnern, die außer einem Hausgnmd- ftück kein nennenswertes Vermögen mehr besitzen und deren Einkommen nicht mehr zur Bestreitung eines bürftigen Lebensunterhaltes auSreicht, ist die Sondergebäudfteuer und die Grundsteuer zu erlassen, wurde der Regierung als Matefal überwiesen. Nachdem ncch zwei Eingaben für erledigt erklärt waren, wurde das Kapitel angenommen.
Zu Kapitel 38 (Kirchen) lag ein Antrag Heinstadt und Gen. vor, den Kirchen ein neues Darlehen bis zu 60 000 Mk. unter den gleichen Bedingungen zu gewähren, wie die älteren Darlehen. Der Antrag wurde angenommen. Ein Antrag Reuter, einem Freidenkerverein einen
Das ewige Geheimnis.
Ein trilogistischer Maier in Jena.
Von Or. Manfred Hausmann.
Im Ernst-Haeckel-Museum zu Jena ist gegenwärtig eine Ausstellung von Aquarellen zu sehen, die sich merkwürdig genug in dieser sachlichen, naturwissenschaftlichen Umgebung ausnehmen. Beim ersten Blick scheint es, als hätte man eS mit den fragwürdigen Gebilden eines otkultisti- schen „Künstlers" zu tun, der im Trancezustand Farben und £inien produziert, wie sie, wenn man seine Meinung gelten lassen will, ihm ein Höherer eingibt. Sieht man aber genauer zu, so wird man geschwind anderer Ansicht. Aus etwa fun^ zig genau gleich formatigen Blättern stellt sich eine zwchr seltsam fremde, aber doch ganz d^s- feitige Welt dar. Graues und silbriges Schlls zum Beispiel um eine Wasserfläche herum, überhaucht von der zarten und schimmernden Leuchtkraft eines rosa Himmels. Oder eine grüne Wiese die sich bis fast an den oberen Dlldrand hinaufzieht, das ganze Blatt nur Vordergrund, und da oben ist dann eine starre Waldwand errichtet, nur Variationen eines intensiven Gruns, das durch senkrechte Messerkratzer scheinbar willkürlich aufgehellt ist. Oder eine weich glühende atmosphärische Llnendlichkeit, lila und rot. nahe ans Kitschige grenzend, durchschnitten vom haarscharfen Kontur eines kristallisch blauen und braunen Hügellandes. Oder Gärten oder Taler oder Gebirge, bald voller Feuchte und Llngewiß- heit, bald auch voller klarster, geradezu un- barmherziger Klarheit.
So verschieden auch die Blätter nach Vorwurf und Stimmungsgehalt sein mögen, ihnen allen wohnt doch ein zauberisch Gemeinsames mne, über das man sich nicht sofort klar werden kann. Nicht, dah sie alle in derselben Technik naß tn naß gouacheartig hingeseht sind, nicht, daß gewisse Pfnzipien der Koinpositton mit einer gewissen Manie immer und immer von neuem Der» wandt wurden, nicht, daß man die 'gleichen technischen Äunftgriffc, die natürlich gleidje OBirhingen hervorgeoracht haben, in jedem Bilde antrifft, auch nicht, daß sich die raffinierten, man möchte fast sagen unnatürlich raffinierten Farben- Iusammensetzungen und Abtönungen fortwährend
wiederholen, nicht das macht jenes .©emeinfame und Einzigartige aus, wiewohl es schon genügen würde, um die Blätter aus jeder Umgebung herauszuheben, es handelt sich vielmehr um ein gespenstiges Etwas, das allenthalben deutlich und spürbar vorhanden ist, dessen Wesen man aber zunächst noch nicht zu erfassen vermag. Erst wenn man sich eine Weile besonnen hat, kommt man allmählich darauf, daß sich hier die schöpferische Kraft im Menschen, dies Rätsel aller Rätsel, in ihrer unmittelbarsten, in ihrer wahrsten Gestalt, daß sie sich sozusagen nackt zeigt.
Kein Künstler pflegt die ersten Regungen dcs „Es", das in ihm wach wird, in Materie, in Farbe, Ton oder Wort umzufetzen. Er kann es meistens auch nicht, well der Vorgang sich unterhalb des normalen Bewußtseins abspielt. Aber auch wenn er's könnte, würde er's als ein empfindsamer Künstler nicht tun, um seinem Werk nicht den Stempel des Kallen, Llnbekannten, Grausamen, Llnmenschlichen aufzudrücken. Wenn die Intuition in fein Bewußtsein tritt, "unterscheidet sie sich in der Regel schon beträchtlich von ihrem ersten Aussehen, da sie bereits allerlei Kontrollen hat passieren und allerlei Verwandlungen hat durchmachen müssen. Sie ist nicht mehr nackt, wie sie aus dem Schoße des Jchs sich gebar, sondern verhüllt mit den Schleiern der Konvention," der Bildung, der Moral, der Erinnerung, sie ist menschlich geworden. Mag die Hülle zuweilen auch noch so dünn sein, vorhanden ist sie jedenfalls.
Auf den Blldern, von denen die Rede ist, fehlen diese Schleier fast gänzlich. Darum erschrickt man auch vor ihnen, darum haben sie auch dies Llnheimliche und „Kranke" an sich, darum zögert man auch, sie ohne weiteres als Kunstwerke anzusprechen. Llnmenschlich_ nannten wir dergleichen, jawohl, es fehlt die Warme des Blutes. Sie stehen dem ewigen Geheimnis zu nahe. Cs ist ... man sucht nach Vergleichen, ohne einen wirklich zutreffenden finden zu können ... es ist, als ob sie etwas Verbotenes offenbarten. Was geheim ist, soll nun einmal geheim bleiben. Sie sind gleichsam gegen die Natur.
Wer um alles in der Welt hat das denn zustande gebracht? Wie heißt denn der Künstler?
Der Künstler? Künstler? Ein Mensch, der, aus einfachen Verhältnissen stammend, früher Gärtner
Macbeth im Stahlhelm.
Die merkwürdigen „Modernisierungen" Shakespeares, die man schon früher in England beim „Hamlet" und „Othello" versucht hat, und bie auch bei uns Nachahmung fanden, werden jetzt mit einer Aufführung des „Macbeth" am Londoner Court-Theater fortgesetzt. Der Regisseur Sir Barry Jackson hat, um den kriegerischen Charakter der Tragödie zu betonen, dem ganzen einen modernen militärischen Anstrich gegeben. Macbeth und Banguo erscheinen in Generalsuniform und mit Stahlhelmen. Macduff ist als ein Oberst der Schwarzen Garde gekleidet; er trägt hohe Reiterstiefel mit Sporen. Malcolm und Donalbain, die Söhne des schottischen Königs Duncan, haben moderne Zivillleidung angelegt; der eine trägt ein Sportkostüm mit Kniehosen, der andere ein kurzes Jakett. Lady Macbeth tritt natürlich nach der neuesten Mode ge- kleidet auf; sie hat einen kurzen kniefreien Rock, elegante Seidenstrümpfe, Schuhe mit hohen Absätzen, während sie in der berühmten Nachtszene sich in einem koketten Pyjama präsentieren wird. Unter den Getränken, die gereicht werden, spielt Whisky-Soda eine große Rolle, während Lady Macduff am Teetisch empfängt. Macbeth trägt einen Revolver, doch werden in der Zweikampf- szene Schwerter verwendet. Die Truppen, die in den Schlachtszenen auftrelcn, sind in die Röckchen der schottischen Hochländer gekleidet.


