RM5 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Mittwoch, 22. Hebruar 1928
Dor der Ratstagung.
Nur noch wenige Tage sind es, bis die Außenminister der im Völkerbund beteiligten Nationen nach Genf reisen werden, um an der Frühjahrsratstagung teilzunehmen. Das Programm ist auch für diesmal außerordentlich reichhaltig. Es enthält nicht weniger als 22 Punkte, die alle,; Voraussicht nach noch stark ergänzt werden. Von besonderer Wichtigkeit ist* unter ihnen die ungarisch-rumänische Optantenfrage, der Gesamtkomplex der Danziger Fragen, der Bericht der Wir t- s ch a f t s t o in m i s s i o n, die Saarfrage (Ersah für den Belgier Lambert und Präsidentenwahl), die F l ü ch t l i n g s f r a g e. die Frage der Herabsetzung der Fahl der Ratstagungen und schließlich die einer Regierungsanleihe für Portugal.
Die ungarisch-rumänische Optanten f r a g e kommt nunmehr zum drittenmal vor den Rat. Es können sich natürlich noch Heber- raschungen einstellen, aber es ist wenig wahrscheinlich, daß der Versuch, der im September gemacht worden ist, die beiden Parteien durch eine nochmalige Heberprüfung der Rechtslage zu einer direkten Verständigung zu bringen, irgendwelche praktischen Erfolge zeitigen wird. Deshalb wird sich der Rat vor der unangenehmen und undankbaren Ausgabe sehen, schließlich doch einen Entscheid zu fällen. Vielleicht wird er juristisch den ungarischen Ansprüchen gerecht werden müssen, aber zugleich aus Gründen der politischen Klugheit die daraus erwachsende Last für Rumänien so reduzieren, daß den Optanten nur geringe Vorteile erwachsen können. Das ist einer der heiklen Fälle, wo die Zuweisung einer Richteraufgabe an den Rat statt an einen internationalen Gerichtshof die eige cklichen politischen Obliegenheiten des Völkerbundes in unerfreulicher und schwieriger Weise belastet.
Genau wie das z. B. bei den Danziger Fragen der Fall ist. Da handelt es sich einmal immer noch um die Frage des Ein- und Auslaufs polnischer Kriegsschisse im Danziger Hasen, dem Problem des Port d'Attache, um die Wester- plattesrage und schließlich um die der Eisenbahner, in der im Haag in diesen Tagen ein für die Danziger Eisenbahner ungünstiger Entscheid gefallen ist. Die er'len beiden Punkte der Danziger Fragen dürsten nach der Stellungnahme des Rates zum Abschluß seiner letzten Sitzung einige Aussicht auf Erfolg haben.
Bei der Saarfrage handelt es sich nunmehr einmal um die Ablösung des Belgiers Lambert, wobei man annehmen darf, daß die Wünsche der Saarbewohner, wie auch die Gesamtentwicklung der letzten Zeit in einer Weise berücksichtigt werden, daß man die Rückkehr des Saargebietes zum Reich dadurch nicht erschwert, sondern erleichtert. Gerade um die Person Lambert ist viel gekämpft worden und sein Ersah durch eine der Saarbevölkerung günstig gesinnte Persönlichkeit dürfte für das Wohl der Bevölkerung nur von Vorteil sein. Heber das Resultat der alljährlich stattsindenden Wahlen des Präsidenten der Saarregierung läßt sich noch nichts Voraussagen.
Hnd schließlich ist der Punkt der Herabsetzung der Zahl der Ratstagungen, der bei der vorigen Tagung zurückgestellt worden ist, von Interesse. Damals halte man gerade die Heberzeugung gewonnen, daß die Intervalle zwischen den einzelnen Tagungen keineswegs zu klein, sondern für akute Fälle eher zu groß seien. Da auch die kleineren Mächte eine Verringerung der Zahl der Ratstagungen in ihrer Mehrzahl nicht wünschen, obwohl sie selbst, da sie keine Ratsmitglieder sind, an diesen Tagungen nicht beteiligt sind, so kann man annehmen, daß es wohl mindestens noch in diesem Jahre bei der
Hugo Wotf.
Zu feinem 25 Todestag. Don Sophie Lederer-Eden.
„Wer seine Harfe an das Ewige lehnt, wird selbst ewig werden, — sowie vergänglich, wer sie zur Mode gesellt', — diese Heberzeugung des Balladenmeisters Karl Loewe, in einem Brief an Ludwig Spohr ausgesprochen, könnte man als Leitmotiv über das Lebenswerk des Liedermeisters Hugo Wolf sehen, dessen künstlerischer Wille hoch über den Zeitgeschmack, über Beifall oder Tadel der Masse, hinausstrebte, das musikalisch Ewige zu suchen. Hnd man könnte hinzusügen: „Die Menge ist gerecht —, aber sie braucht Zeit dazu'. (Adolf Sand- berger) 3m Laufe des Vierteljahrhunderts, das, heute vollendet, uns vom Tode Hugo Wolfs trennt, hat sein Werk, über die engere Gemeinde seiner Jünger und Freunde hinaus, über die weiteren Kreise der musikalisch „Feinhörigen" fortgegrifjen, sich machtvoll in allen Konzertsälen durchgeseht und sich so diese -
aber „gerechte" Menge erobert. So daß Heine das Bewußtsein der überragenden Bedeutung Hugo Wolfs als Meister des deutschen Liedes fest gegründet ist im Herzen seines Volkes. Wolf hat alles in allem hundert Gedichte von Goethe und Mörike vertont, achtzig aus^den „Liederbüchern" Paul Heyses und zwanzig Texte von Eichendorfs.
Das Leberr Hugo Wolfs: nach außen hin von einförmigem Hmrih, — nach innen schwer, lastend, niedergehalten durch Trübnis des Erlebens, durch hocknungslosen Kampf mit armseligen Verhältnissen und jederzeit totschlag- bereiten künstlerischen Gegnern, mit einer völlig mit Blindheit geschlagenen Kritik: und in den Augenblicken des Schaffens nur durchzuckt von jenem sieghaften Bewußtsein verborgener, intuitiver, fast dämonischer Kräfte, denen willen- los preisgegeben zu sein und zu gehorchen höchste Seligkeit ist. „Flamme, die sich selbst verzehrt , — dies abgegriffene Bild kann dennoch durch kein anderes erseht werden: i>er_ zarte Körper die überschwachen Nerven vermögen dem Ansturm des Genius, der immer in „fieberhaftester äorm zum Ausbau der künstlerischen Arbeit treibt, nicht standzuhalten: Hugo Wolf stirbt im Wahnsinn, nachdem er uns seine Liederperlen unter tausend Schmerzen und Entzückungen geschenkt...
Vertieft man sich in die Biographie Wolfs, so springt ins Auge die Derwandtschast mit dem Lebensgang eines großen „Nachschaffenden' .mit dem Hans von Bülows, wie er in Bülowschem
bisherigen Zahl von vier verbleibt. — Die Dauer der Tagung ist ja wie immer eine Woche. Dr. Stresemann wird sich von der Riviera direkt nach Genf begeben. Sein Zusammenkommen mit
Driand dürfte schließlich mit einiger Spannung erwartet werden, erhofft man doch davon eine Fortsetzung der durch die Reden eingeleiteten Thoiry -Debatte.
Straßen kann man tagsüber zwei, drei miteinander gehende Studenten irgendein Lied mehrstimmig singen hören, ohne daß dies weiter auffällt.
Don weiteren Veranstaltungen, an denen die Studentenschast regen Anteil nimmt, seien der offizielle Hniveriitätsfeicrtag („universitetski prasnik“) und der „universitetski bal“ genannt
Sonst leben die Stuben'.en nur ihrem Studium. Ihr monatlicher Wechsel schwankt zwischen 1200 und 3000 Lewa (40—100 Mk). womit es sich dort aber bei den niederen Lebensmittelpreifen schon leben läßt. Alle Studen.en sind von großem Wissensdrang erfüllt und ihr Fleiß muß vorbildlich genannt werden. Sie sind im allge neinen, wie das ganze Volk, nücht"-n. sparsam und la- meradschacklioh, dem al.e.i Brauche früher Eheschließung entsprechend ist eine ganze Re^he von ihnen verheiratet.
Für bedürftige Studenten, in allerester Linie für Kriegswaisen oder -halbwei en, besteht eine besondere Stiftung in Gestalt des „stu- dentski dom", Studentenhauses, das 1925 mit einem feierlichen Hochamt des Metropoliten und vielen Ansprachen und Gesangsvorträge i ein- geweiht worden ist. Es enthält 50 Te ten, je 2 in einem Zimmer, sowie Speiseräume usw. in mustergültiger Anordnung. Die dort Aufgenom- menen können ihr Studium vollkommen auf Kosten der Stiftung durchführen.
2m Sommersemester 1926 zählte die 1909 gegründete Hniversität in Sofia 2047 Studenten und 696 (!) Studentinnen. Vor dem endgültigen Ausbau der einzelnen Fakultäten mußten die bulgarischen Akademiker ihre Stui. eiueit im Auslande verbringen, wobei der Reihe nach besonders Rußland, Frankreich, Italien, doch in den letzten zwei Dezennien Deutschland bei weitem bevorzugt wurde. Roch keine Möglichleit des Studiums besteht hier für Zahnmedizin, Pharmazie, Geodäsie, Architektur, Bergbau und für sämtliche Fächer der Technik. Deshalb finden wir in Deutschland besonders viel Bulgaren als Studenten technischer Hochschulen.
Außer der staatlichen Hniversität besitzt Sofia auch noch die „swoboden (freie) uriiversitet“. Es ist dies eine Hochschule zur Fortbildung von Beamten, Lehrern. Offizieren, Kaufleuten usw.. doch ist Gymnasialbesuch Vorbedingung für die Ausnahme. Die Vorlesungen finiten meist abends oder wenigstens in der für Beamte freien Zeit statt. Es werden Kurse für Handels-, für Finanzwissenschaft und für Diplomatie abgehalten. An sonstigen Hochschulen gibt es in Soja ein Lhceum |ür Geistliche (duchovna akadcmia), eine Kunstakademie (chudochestwena akademia) und di e Hochschule für Musik (musikalna akademia), und in dem sehr hübschen Seebad Warna am Schwarzen Meer auch eine gut besuchte Handelsakademie (trgovska akademia).
Die im Auslande besinnlichen bulgarischen Studenten waren früher ohne Hnterschied des Studienfaches oder der politischen Einstellung, nur nach Städten getrennt, in einem großen Verbände vereinigt, der auch über eine eigene Zeitschrift verfügte. Hnter der Einwirkung der starken innerpolitischen Gegensätze im bulgarischen Vaterland in den Jahren 1922 und 1923 kam es jedoch zu einer Spaltung in zwei Verbände. Der eine umfaßt folgende Vereine: „Rodina* (Heimat) In Berlin, .,0tez Pa-isi“ (Vater Paisi, der berühmte altbulgarische Geschichtsschreiber) in Wien und „Bulgarska sedjanka“ (bulgarisch Spinnstube, süddeutsch Heimgarten) in Prag. Der , andere besonders an den Hniversitäten Frankreichs vertretene Verband heißt „Narstud“ (Abkürzung aus „narodni studenti“, Volksstudenten).
Sobald es die finanziellen Verhältnisse erlauben, wird man in Sofia darangehen, die noch fehlenden Hochschulen zu gründen und auszubauen. Hnd dies nicht nur in Sofia: wie ich bei mehrmaligem Aufenthalt in P h il ippo- Pel, der wunderschönen und hochinteressanten,
als einen ganz gewöhnlichen, geldkostenden und sorgenmachenden, männlichen Säugling.
Dierundzwcnrzig Sage lang hatte unser Kerlchen, vor sich hinstarrend, nahrungheischend und schlafend, dumpf dahinvegetiert, als jene eine große, grundlegende Veränderung in seinem Wesen vor sich ging, die ihn um einen Rang höher hob und die seine erwach erien Menschenbrüder erst dazu veranlaßte, ihn als einen gleichwertigen Artgenossen anzuerken, e.i.
Er lag in den Armen feiner Mutter. In vollen Zügen hatte er das lebenspendende Rah geschlürft, das eine gütige Natur in der Mutterbrust für ihn bereitet hatte. Dann war er in duftende weiße, vorgewärmte Windeln gelegt worden. Sein kleines Schimpan'engesicht drückte ein Höchstmaß an Zufriedenheit und Behaglichkeit aus.
Lächelnd sprach die Mutter auf ihr Söhnchen ein. Was sie sprach, schien dem kleinen Mann so vollständig gleichgültig zu fein, wie einem Elefantenbaby, wenn es türkisch angeredet wird. Aber wie die Mutter sprach, das war schon eine ganz andere Sache?
Zuerst war es wie ein leises, fernes Singen. Das kam immer näher und näher. Dann tönte es wie das liebliche Gäulen von silbernen Glocken. Hnd zum Schluß wurde es zum jauchzenden Gebraute von tausend Stimmen, in dem man schwebte und in dem man sich verwoben fühlte wunderbar.
Jetzt schlug unser kleines Menschenwürmchen die Augen auf. Da sah es über sich leuchten zwei wunderschöne, sonnenklare Sterne. Die weiteten sich und wurden immer größer zu einem tiefen, blauen See. Hnd dieser tiefe, blaue See, der mußte viele holdselige Wunder bergen. Denn numdjr lachte unser Kindlein zum erstenmal in seinem kleinen Leuen, lachte aus tiefftem Herzensgrund. Hatte es seine früheren Gespielen von der blumigen Himmelswiete angetrojen, als es hineingetaucht war in den tiefen, blauen See? War durch die Dämmerräume seines kleinen Seelchens eine Sternschnuppe niedergefahren, die ihm für einen Augenblick erhellte, daß es in einem rauhen Dasein nicht altem war, und daß Muttermärchenaugen über ihm wachten? Erinnerte es sich an einen glückseligen Zustand, als es gebettet schlummerte im Herzen der Welt?
Träume ruhig weiter, mein kleiner Säugling, und werde einmal ein großer und starker Mann. Lache, mein Kindchen, immer dann, wenn du dich an den Ecken und Kanten des Lebens gestoßen hast, und wenn du dein Dasein allzu schwer nehmen willst. Irgendwo ist immer eine Hoffnung und irgendwann bricht stets ein Lichtstrahl aus den Wolken, der die Sorgen zerstreuen kann. Derüere nie dein Lachen, mein kleiner Mann.
Bulgarisches Giudenienleben.
Von Dr. meb. vei. Johannes Tiörr, o. Professor an der Lanbesuniversstät Gießen unb Direktor ber Medizinischen Deterinärklinik.
Der Verfasser dieses, namentlich unsere akademische Jugend gewiß stark interessierenden Aufsatzes hat früher an der Uni- oerfilät Sofia gelehrt und wird auf Grund seiner guten Kenntnis von Land und Leuten Bulgariens am Donnerstag im Rahmen einer Beranstaltung des Vereins für das Deutschtum im Ausland einen Lichtbildervortrag halten, auf den auch an dieser Stelle besonders hingewiefen sei.
Bei keinem Volk ist das. was wir ..Studentenleben" ne men, so ausgeprägt wie beim deutschen. Wo in alter Welt fände man auch sonst so zahllose festgefügte studentische Korporationen, die, meist in großen Verbänden vereint, nicht nur gesellschaftlich und vie.fach auch politisch eine große Rolle spielen, sondern auch in vielen, besonders kleinen Hochschulstädten, dem ganzen Leben und Treiben ein Gepräge von besonderer Eigenart verleihen.
Dem gegenüber kann man in Bulgarien von einem Studentenleben in deutschem Sinne, mit besonderen Sitten und Gebräuchen, nicht sprechen. Die einzige Hniversität des erst seit 1878 aus 500jähriger türkischer Fremdherrschaft erlösten Landes in der Hauptstadt Sofia ist sehr jung, noch nicht 20 Jahre alt, und studentische Eigenart, bei uns auf jahrhundertelanger Tradition fufjeub, hatte kaum Zeit zur Entwicklung, ganz abge'ehen davon, daß Bulgarien in den letzten zwei Dezennien nicht nur in das letzte große Völkerringen, sondern auch schon vorher in den äußerst blutigen Krieg gegen die Türkei und gegen Serbien verwickelt war, Kämpfe, die natürlich auch die gesamte studen- tifche Jugend zu den Fahnen rie en und jahrelang von der alma mater fernh e.ten.
Dis zum Jahre 1925 trat die Studentenschaft dec Hniversiiä!, die sich inner.ich nach Jakute lä.en in „Sek.ione.i" mit en sprechender Dor- standschast gliejer.e, durch keinerlei äußere Abzeichen in Erscheinung. Dies änderte sich mit einem Schlage, a s man im Sommer e.mester des vergangener! Jahres de chloß. offenbar in Anlehnung an deutsche S.ubenlen itte, Mühen zu tragen. Diese jetzt bei säst allen Studenten der Hniversität zu sehenden, unseren deutschen ähnlichen Studen.e.nnützen weiteren Forma.s haben als Deck arbe ein schönes sattes Rot, darunter weiß-grün-rote Streifen — die bulgarischen Landes färben. Hm die vordere Hälfte der Mütze und über dem Schild liegt eine etwa bleistift- dicke, gedrehte, seidene Sturmschnur, deren Farbe je nach' der Fakultät verschieden ist. Hnnotig zu betonen, daß biete bei dem südlich-dunkeln Typ besonders Leibfame tote Mühe auch von allen Studentinnen mit Vorliebe getragen wird.
Eine Ausnahme bil en die Angehörigen der Verbindung „Ward ar", die schwarze Mühen mit leuch end b.utroter Sturmschnur tragen. Die er Bund zählt etwa 253 Mitglieder, alles geb iene Mazedonier: die Be reiung des von Bulgaren bewohnten und vom Wardar durchjlosser.en Mazedonien aus serbischer und griechischer F.e.ndherrscha t ist ihr Ziel. Ihre schwarzen Muhen mit ro.er Schnur bilden eine dauernde und eindringliche Anklage gegen die Vergewaltigung ih.es so reichen und schönen -Landes durch „siegreiche" Nachbarn und gegen
Geist durch Marie von Bülow der liebenden Erinnerung gefdxmtt wurde: das äußere Leben beider ein fortwährender Einsatz der ganzen Persönlichkeit für das zu verkündende Kunstwerk, — bei Bülow für das Werk insbesondere des letzten Beethoven und Richard Wagners, — bei Wolf für das eigene; >ein unaufhörliches, aufreibendes „Deransta.ten", oft unter den größten Geldfchwierigkeiten und vor übelwollendem Publikum, — ein Rasen von Konzert zu Konzert, ein leidenschaftliches, unermüdliches Werben in allen Städten Deutschlands und Oesterreichs. Nur, daß es am Schlüsse der achtziger Jahre dem faszinierenden Künstlertum Bülows gelingt, Beethovens letzte Sonaten und Quartette neben dem Kunstwerk Wagners den Leuten ins Herz zu „predigen", so daß er, immer wieder bejubelt, ein Triumphator vor die Menge treten kann; daß aber Wolfs neue Liedsprache, deren sich kaum eine der „großen" Sängerinnen annehmen will — (die Hofopernsängerin Emilie Herzog, mit Wolf befreundet, seht sich für einen ganzen Liederabend ein, in einem der letzten Lebensjahre, und muh — Brahms zugeben, um ihren Beifall zu erhalten —), daß diese Liedsprache während seinen Lebzeiten ftn- verstanden bleibt, und daß Hugo Wolf, bescheiden und sehr menschenscheu, kaum zu bewegen ist, das Podium zu betreten. Man hat Wolf ost den „Wagner des Liedes" genannt und damit wirklich einen Wesenszug seiner Kunst charakterisiert: die sich eng an die Dichtung anschließende Vertonung, wie sie sich hauptsächlich in der von Wagner übernommenen musikalischen „Deklamation" offenbart; auch die „Szene" teilt Wolf häufig mit Wagner, wie in dem Liede: „Wandle ich in dem Morgentau", oder „Heimkehr", das mit dem herrlichen, vieltausendmaligen Gruß an das vor ihm liegende Deutschland schließt.
Aber der Tondichter hat auch _ von seinen großen Vorgängern naturgemäß übernommen. Von . einer Vielseitigkeit, in bezug auf seine Stoffe wie Schubert, — das Entsetzen und das Lachen weih er gleich überzeugend einzukteiden — (man denke an den „Feuerreiter" und den „Abschied" bei Mörike) hat er seinen Liedern einen „motivischen" Klavierpart beigegeben, wie es vor ihm nur noch Schumann verstand; wie dieser weih er die zartesten Stimmungen, die weichsten, verfliehendsten Hmrisse zu malen, das Wort bis ins letzte, nur noch geahnte, musikalisch auszudeuten. Diese innige Vermählung zwischen Wort und Ton nähert ihn Schumann ebenso wie Wagner (in seinen „Fünf Gesängen", den einzigen, die Richard Wagner geschrieben hat). Zum erstenmal hat Wolf das damalige Streben,
einen ungerechten, jedem Sclbstbestimmungsrecht der Völker Hohn sprecheitden „Friedens"vertrag.
Eine andere Verbindung, „Christo Bo- teff“, ebenfalls mit ausgesprochen vaterländischen Zielen, entstand 1924 innerhalb der juristischen Fakultät, ihr schlossen sich bald Angehörige aller übrigen Fakultäten an. Sie ist benannt nach dem bulgarischen „Theodor Körner", dem im ganzen Volke als Nationalhelden wie einen Heiligen verehrten Dichter und Freiheitskämpfer Christo Botefs, der 1876, also kurz vor der endgültigen Befreiung vom Türkenjoch, in der Nähe von Draza am Nordrande des Balkangebirges bei einem von ihm entzündeten Aufstand im Kampfe gegen die Türken fiel Seine von heißer Vaterlandsliebe durchglühten Lieder im Gewände prachtvoller Melodien sind Gemeingut des ganzen Volkes; man hört sie allenthalben, wo Daterlandsbegeisterung die Herzen erhebt, besonders oft im Kreise von Studenten und von Soldaten in Kasernen und auf Märschen.
Jedes Jahr im Wintersemester veranstalten die studentischen Mitglieder jeder Fakultät eine yWetschcrinka" (Abendunterhaltung), zu der die Professoren und Aslistenten mit ihren Familien sowie Bekannte eingelaben werden. Die erste Hälfte dieser Hnterhaltungen bilden musikalische und deklamatorifche Sarbieiungen, von Studenten oder Studentinnen der betreffenden Fakultät vorgetragen; manchmal gewinnt man dazu auch befreundete Mitglieder der Oper oder Operette. Daran schließt sich eine Art Ball, bei der die Studenten die Frauen und Töchter der Professoren und ihre weiblichen Kommilitonen zum Tanze führen; dabei handelt es sich allerdings weniger um Rundtänze wie bei uns, sondern um den bulgarischen Nationaltanz, den reigen- ähnlichen „choro“ (Ton auf dem zweiten o). Die Tanzenden fassen sich wie bet einem „Ringelreihen" großen Ausmaßes Hand an Hand und bewegen )ich zu einer für unser Gefühl etwas eintönigen, doch sehr stark rhythmischen Melodie unter entsprechend wechselnden Schritten mit starker Betonung einzelner Takte im Kreise herum. Es gibt natürlich auch eine große Reihe verschiedener Schrittarten für die große Anzahl von Choro-Melodien, und einen Choro gut und fehlerfrei zu tanzen, ist, wie ich mich persönlich überzeugt habe, viel schwieriger als es zunächst beim Zuschauen aussieht. Alle Studenten ohne Ausnahme tanzen ihn leidenschaftlich gerne, und ich habe es auf wissenschaftlichen Exkursior-m oft erlebt, das. die Studenten jede kleine Wartezeit auf die Ei;enbahn oder auf den Wagen, manchmal mitten auf der Landstraße oder auf einer Wiese, zu einem C horo b«.nützten, nach den Klängen einer Geige, die zu diesem Zwecke immer irgendein Student mitschleppt. Die Tatsache. daß in solchen und vielen anderen Fällen die Studenten nur unter sich, ohne jede weibliche Beteiligung, tanzen, beweist am besten, daß keinerlei andere Motive eine Rolle spielen als die Freude der Jugend an rhythmi cher Bewegung. Heberhaupt findet man bei Studenten viel ursprüngliche Freude an Gesang und Musik; wo bei Einladungen oder sonstigen Veranstaltungen juifge Akademiker zugegen sino, werden gewöhnlich auch zwanglos Heimat- und Vaterlandslieder gelungen, und auch in belebteren
Wort und Ton zu verschmelzen, auf das Gebiet des Liedes übertragen und dabei aus Situationen, nicht nur aus Empfindungen heraus geschaffen. Das sondert ihn ab von seinen Vorgängern, und es ist dies, was befremdete, da das Publikum in einem Liede bis dahin rein Lyrisches zu genießen wünschte und zu genießen gewöhnt war. Ebenso befremdete das stark heroortretende deklamatorische Clement, obwohl die Fülle me'odischer Erfindung dadurch nicht gehemmt erscheint. Atelche große Bedeutung Wolf dem Wort zumaß, geht schon aus einer Aeußerlichkeit hervor: er gab vielen seiner Lied- sammlungen das Bild der Dichter zum Geleit.
Wolf war eine durch und durch „dramatische" Natur. Er hat seine Lieder einmal „kleine Opern" genannt. Mit seiner Oper „Der Corre- gidor" betrat er auch die Bühne. Aber seine „Liedbegabung" hatte nicht den weiten Atem musikalischer Erfindung, den eine Oper braucht, und seine „Dramattk", so schlagkrästtg im Liede, verlor sich hier in epische Breite. Die in ihr enthaltenen musikalischen Kleinodien konnten die Oper für den Spielplan nicht retten. Sie ist fast vergessen. Aber immer herrlicher blühen die Blumen seiner Lieder auf.
Das erste Lachen.
Skizze von Gideon Gössele.
(Nachdruck verboten!)
Große Erdgnisse werfen ihre Schatten voraus. Eine Woche vorher war ein heftiges Gewitter mit Blitz und Donner niedergegangen, obwohl man den Monat Dezember zahlte. Drei Tage früher war der Geldbriefträger ins Haus gekommen. Hnd zwei Stunden vor seiner Anlunft rollte ein Lastautomobil vorüber, so daß das ganze Haus in seinen Fuyen erzitterte. Ich bin überzeugt, daß dieses Zittern von den ortsansässigen Sternwarten als ein Fernbeben registriert wurde, dessen Herd 15 000 Kilometer südöstlich irgendwo im pazisischen Ozean zu suchen sei. Hnd darum möchte ich nicht unterlassen, es mit den obenerwähnten großen Ereignissen in Beziehung zu bringen.
Hnd nun war es da. Es strampelte wild mit seinen kleinen Händen und Füßen und schrie mörderisch ir.it einem quiet chen en Piepstin mchen. Es war einundfünfzig deutsche Reichszentimeter lang und wog das stattliche Gewicht von siebeneinhalb irdischen Pfunden. Don seiner Mutter wurde es ein vom Himmel heruntergefallenes Engelchen genannt. Individuen jedoch, die dem Ereignis weniger nahe standen, bezeichneten es


