Zreltag, 21 Dezember 1928
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesseit)
Nr. 300 Zweites Blatt
Geschichten aus alter Welt
gelegenes, meist trockenes Gebiet den Chaco Bor- renl, der etwa 50 Kilometer unterhaw der Grenz- ecke aus trockene Steilufer am Rio Paraguay stößt.
Ein Goya-Wachöfigurenkabinett.
Unter den Sehenswürdigkeiten, die jetzt für di«l ibero-amerikanische Ausstellung in Sevilla im Jahre 1929 hergerichtet werden, befindet sich auch ein Gebäude, das den Rcunen „das Land-» Haus Goyas" führen wird. Dieser Dau ist nach einem Bericht des „Cicerone" dem Andenken des großen spanischen Weisters gewidmet und stellt eine Rachbildung des Hauses dar, das er am Ufer des Manzanares bewohnte und für das er jene düster phantastischen Gemälde geschaffen hat, die ein Hauptwerk seiner Spätzeit sind. In den Räumen sollen eine Anzahl von Werken Goyas sowie eine Bibliothek der Goya-Literatur untergebracht werden. Ader man will auf daS Publikum noch durch anschaulichere Darstellungen wirken. So soll sein Geburtsort Fuendetodos in einem kleinen Modell aufgebaut werden, und man will Szenen aus dem Leben des Malers durch Wachsfiguren darstellen. So sollen die Besucher zu sehen bekommen, wie Goya sein berühmtes Bild .Die unbelleidete Maya" malt, wie er mit seinen Angehörigen äu Mittag speist, mit seinem Enkel Mariano spielt usw Manchem Berehrer des Meisters dürste freilich dieses „Goya-Panoptikum" als eine große Geschmacklosigkeit und Versündigung an feinem Damen und feiner Kunst erscheinen.
zeigen, d.e nur durch irgendwelche seelische Vorgänge ausgelöst sein können. Der schlasende Huad bellt, knurrt, wedelt mit dem Schwanz, macht mit den 'Beinen Lustbewegungen, muß also durch irgend etwas gereizt werden. Auch die Pferde schnauben im Schlage und wiehern. Schlafende Löwen und Tiger fauchen, genau so wie wir das bei unserer Hauskatze beobachten können. Die Affen las,en ebenfalls im Schlafe Laute hören, die nur durch begleitende Traumbilder erflärt werden können. „Da der Traum kein Prodult ter höheren geistigen Fähigkeiten des Menschen ist," sch! egt Brüggemann, „besteht auch keinerlei Grund, solche Beobach ungen anders zu deuten als beim schlafenden Menschen. Die Tiere, wenigstens die höheren Säugetiere, träumen. Mit dieser Erienntnis müssen wir uns aber schon bescheiden; weiter können wir den Schleier der Tierseele nicht lüften, jedenfalls nicht eher, bis auch der Traun des Menschen wissenschaftlich weiter aufgeklärt ist."
ander jeweils ein mit Post beladener Lastochse und zwei Indios zu Fuß. Bon einem zum anderen Platze sind sie vier Wochen unterwegs. Die Gebirgs- leite Zieht sich gegen Südwesten in ein etwas höher gelegenes, meist trockenes Gebiet den Chaco Bor-
Jn diesen Gebieten und den von demselben um- schlossenen Sümpfen, in deren Mitte Fortin G a l p o n liegt, wurden von nordamerikanischen Ingenieuren Petroleumquellen festgcstellt, jedoch bisher noch nicht ausgebeutet. Das Interesse Boliviens richtet sich jedoch nicht so sehr auf diese Quellen, als vielmehr auf die trockene Zufuhrstraße zum Paraguayfluß, der das Ausfalltor nach dem W-tthandelsplatz Buenos Aires darstellt. Es liegt auf der Hand, daß Bolivien am Erwerb dieses Stückes des Chaco Borreal von jeher ein besonderes Interesse hatte.
Untergang, aber eine Christfeier in einer Kirche, wo Weihnachtsbäume brennen, die Orgel leise die alten Weihnachtslieder spielt und die Knaben mit den silbernen Stimmen Chöre singen: „Es ist ein Dos' entsprungen"... rufen in uns Erinnerungen wach, an das Elternhaus, die Mutter und unsere Jugend... an Dinge, die wir nicht mehr besitzen, und die uns heilig sind...
Man sollte nicht darüber lächeln... nicht einmal über einen alten Diener, der seine Kiste mit biliftem Christbaumschmuck m t sich herumschleppt und sich in seinem stillen Zimmer, in Gedanken an die ferne Heimat, ein Däumchen schmückt, sich zu den knisternden Lichtern setzt und Feierstunde hält....
frischen Däckcrcien so gut schmecken... Das Gedeck soll am Hci.igabend festlich sein. Den glänzend frischen ©amaft schmücken frische kleine Tannen- zweige, eine Vase mit Stechpalmen und Mistelzweigen die Tischmitte... Sie weißen Tücher der Festtafel, auf der die Geschenke aufgebaut werden, besteckt man rings mit kleinen Tannenzweigen, und den Daum sollte man nie so groß nehmen, daß seine Spitze die Decke berührt. Ein kleines Däumchen, das man auf den Tisch stellen kann, macht sich ebenso hübsch, wir haben ja alle nicht mehr viel Raum für Christbäume. Den hohen Daum überlas en wir Kirchen, Fest- sälen und Häusern mit großer Diele.
Wir 'Deutsche sind nun einmal an Weihnachten festlich gestimmt. Sa geht etwas auf aus unserer Jugendzeit, und der alte Zauber, all die Märchen erwachen, die man einst hörte. Vom Christkind, das sein goldenes Haar am Weihnachts- baum Hamen ließ, vom Eselchen, das mit dem Christkind lebe Rächt aus dem Himmel geritten kam und sich freute, wenn es etwas Heu auf dem Fensterbrett sand, und uns dafür eine Zimtwaf el oder ein Lebkuchenherz hinterlieh... die Vorbereitungen der Mutter hinter ab- geschlvssenen Türen, die geheimnisvollen Pakete, welche die 'Botenfrau aus der Stadt mitbrachte, der Duft nach Tannen, Gewürz, Honig und frischem Duttergebäck, der das Haus sestlich durch- buitete. Vermht man das jemals? Wan sollte das Fest Den Kindern auch mit kleinstem Mittel festlich gestalten. Ein frohes Weihnachtsfest wirft seine toarmen Slrahlen auf das ganze Jahr, ein tristes Fest aber hinterläßt Schatten in der Erinnerung... oft für immer. Solche Weihnachten vergißt man nie...
Ein englischer Attache erzählte mir kürzl'ch, er habe einen alten deutschen Diener gehabt, der, ob er in London, in Paris oder in Madrid mit ihm wohnte, auf allen Reisen, übers Meer, durchs Gebirge, eine Kiste mit sich herumgeschleppt habe mit — deutschem Christbaum,chrnuck, und zu Weihnachten die Wände seines Zimmers mit diesen silbernen Kugeln und Eiszapfen geschmückt habe... Er fand das komifch, daß wir Deut- fchen noch so sentimental seien... Ganz unrecht hat er nicht. In uns stecken zuviel Märchen und Erinnerungen aus der Kindheit und den Weihnachtstagen, die sich mit den Ermnerungen an unser Elternhaus verknüpfen.
Sentimental?... Vielleicht nennt man das so... Wir weinen zwar nicht mehr bei einem Sonnen-
Das in den Tageszeitungen mehrfach genannte Forti n Galpon, nordwestlich von Bahia Ne- gra, Aufenthaltsort von Feder- und Felltauschhändlern mit romantisch primit.ver Lebensweise, dieses Fortin Galpon bestand 1923 noch (und wird heute noch nicht größer sein) aus drei bis vier Holzbaracken aus Palmstämmen und einer Anzahl In- dianerhütten. Es sind dort etwa 10 Mann Soldaten und 2 bis 3 Offiziere paraguanischer Nationalität stationiert, die den Auftrag haben, die etwa 150 bis 200 Kopf starke Station syphilit.scher und lepra- kranker Frauen zu bewachen, soweit hier von Bewachung überhaupt noch die Rede sein kann, da auf ungeheure Strecken Sumpf und Urwald eine natürliche Isolierung schufen. Fortin Galpon ist von jeher der berüchtigste Aufenthaltsort im äußersten Winkel der Republik gewesen und seine Besatzung sind strafversetzte Militärs dunkelster Vergangenheit.
Wenn nun hier von „Kriegsgefahr" gesprochen wird, so scheint mir die Anwenduny dieses Be- griffes, wenigstens in europäischem Sinne, maßlos übertrieben zu (ein. Für Bolivien ist hier Krieg aus Mangel an einer Operationsbasis ausgeschlossen, für Paraguay aus Mangel an Mitteln. Das Heran» fthaffen von Etappen auf diese ungeheuren (Entfernungen ist finanziell für beide Teile unmöglich.
Wären nicht dunkle Hintermänner der internationalen Hochs.nanz auch hier im Spiel, könnte meines
Hering contra Galilei.
(v) Budapest.
Der Physiker und Astronom Ga i ei (1561 bis 1642) hat sich durch seine Lehren nicht nur das Uebeltoollen feiner Zeilgenos.en zugezogen. Rach- dem er im Ja>2 1516 ermahnt worden war, seine Meinung, die Sonne sei das Zentrum der Himmelskugel und unbeweglich, die Erde aber beweglich, aufzugeben, wenbete sich anno 1328 Herr JohanncS Hering, wohnhaft in Tiszaugar (Ungarn) gegen die „törichte, absurde und teilweise geradezu ketzerische" Lehre d.s Unglück ei ea Italieners! Meister Hering ist seines Zeichens auch Wisten'cha't'er, sogar ein „(egal i?rter", ordentliches Mitglied der Königlich Ungarischen Ra- turiri senschafilichen Gee l chast. Er erklärte jetzt feierlich, daß die Geschichte „Eppur si muove“ ein ganz gewöhnlicher Schwindel sei, daß die Erde nicht daran denke, sich zu bewegen und daß von ihrer Anziehungskraft eben a'.ls keine Rede sein fönne. Rewton und Gali ei toaren — so Profcs or Johannes Hering — Betrüger, die es ledig'ich darauf abgesehen haben, der Schullugend das Leben schwer zu machen. In der epochemachenden Drnckschri t, die der Bekämpf er Ga.i- leis soeben im Selbstverlag eridjrinen lieh, wird die Richtigteit seiner Theorie einwandftei nachg^wicsen. Ser Wind, die Kanonenkugel, da« volle Was erglas. die Ei enbahn, das Flugzeug, ja sogar das Radio unterstützen angeblich sämtlich die neue Lehre. Der zeitgemäße Dekämpfer GalileiS scheint seiner Sache ganz sicher zu sein, denn er deponierte bare 1030 Pengö (etwa 700 Rrichsmark!) bei dem Dorsnotar von Tiszaugar für jene „wissenschaftliche" Denkschrift, der es gelingen sollte, die Heringschen Behauptungen „schwarz auf weih" zu widerlegen.
Mir ein Dreiviertelstündchen ...
(n) Moskau.
August Christophorowitsch und Berta Iwanowna in Moskau haben (ganz bestimmt ungewollt!) einen neuen, recht beachtenswerten Rekord ausgcstcl t' den des „komprimierten" Zaubers der vielbesungenen sti'len Häus ichkeit...
August Christophorowitsch lichte die mit ihm in derselben Fabrik bechäflig.e Dureaudame Derla Iwanowna. Sie erwiderte die ®e,ü';ie des schmucken Vorarbeiters. Sa stand einer „gut- bürgerlichen Sowjetehe" nichts im Wege, und die beiden nahmen sich einen Tag ©beurlaub. 10 Uhr 15 vormittags bestieg das Liebespärchcn die Straßenbahn und fuhr Werglück ich zum
Der Weihnachtstisch.
Von Liesbet Dill.
Gelegentlich eines Diners führte mich ein bekannter Philosoph zu Tisch Ich zerbrach mir den Kopf, mit was ich den gelehrten Herrn unterhalten könne, als er mich als erstes fragte: .Was essen Sie am Weihnachtsabend?" ...Ich war auf alles andere vorbereitet — doch er erklärte mir, daß ihn das interessiere, weil es für die Menschen, ihre Lebensart und die Gegend ihrer Heimat charakteristisch sei. Er setzte mir das aufeinander und bewies mir damit, daß man in geistvoller Wcise eigentlich über alles reden kann, und selbst der banalste Gegenstand intere fant tDlrb... „Sie werden sicher keine fette Gans versvei en und erst recht feine schweren polnischen Karpfen mit Pfefferkuchen oße". Als ich ihm gestand, daß in meinem Elternhaus stets eine kalte Zteifchpastete in Blätterteig für den abendlichen Weihnachtstisch am 24. gebacken wurde, die auch ich als Festgericht jedem anderen vorzöge, tief er enthusiasmiert: „Paste.e! Ja, fo was habe ich mir gedacht! Sie kommen ja aus dem Lande der Pasteten... da unten an der Grenze bäckt man Pasteten, entzückend, das gefällt mir"... Und statt über Riehsche, Kant und Schopenhauer, unterhielt ich mich mit ihm über Weihnachtstische, Festsitten und Festgedichte.
lieber den Weihnachtsabend in England mit dem getrüffelten Puter, den schweren Fest- gerichten, dem brennenden Plumpudding, und dem etwas nüchternen Wei->nachtödinet in Frankreich, wo erst Reujahr der große temg der Gratula- lione.i, der Bonbonnieren und Geschenke ist. Da man bei uns am 24. zwei Feiertage vor sich hat, an dem die traditionelle Gans gegessen wird, mit Aepfeln und Maronen gefüllt, in manchen Gegenden mit Zwetschen und Rönnen ober mit Majorankartoffeln und Endiviensalat dazu, was mir immer als feinste Zugabe zur GanS erschcint, sollte man das Abendessen des Vorabends der Festtage so einfach wie möglich halten, ohne das Festliche dabei zu vergessen. Die Hausftau ist müde vom vielen Besorgen, sie möchte vor der Bescherung zur Ch.istmette gehen, um eine Orgel spielen und Weihnachtsgesang zu hören.
Rachher, gegen 10 Uhr, dampft der Glühwein oder Punsch auf dem Tisch, zu dem die
Eine Enttäuschung.
Berliner Memoiren Lord d'Abcrnons.
Don unterer Berliner Redaktion.
Lord d'Abernon, der bis zum vergangenen! Jahre England in Berlin vertreten hat, galt als einer der klügsten Köpfe der britischen Diplomatie; Zeichendeuter wollten damals, als er zu uns kam, aus seiner Ernennung schließen, daß England auf eine Besserung seiner Beziehungen zu Deutschland großen Wert lege. Er
Tl'ere träumen...
Die Frage, ob die Tiere überhaupt träumen, wird von Dr. Brüggemann in „Hagen- lecks Utuftrierter Tier- und Menschenwelt" erörtert. Er geht dabei vom Schlaf der Tiere aus, der ja in vieler Beziehung dem des Me.ischen äbreit. Auch bet den höheren Tieren ist im Sch'as dte Sinnestätigkeit herabgesetzt, die Augen werden durch die Lider ober durch eine Rickhaut verhängt, willkürliche QPu2felbetoegun- gen unterbleiben, während die Funktionen der Atmung, der Verbauung unb des Kreislaufes ununterbrochen weitergehen. Diele Tiere haben eine bestimmte Schiasstellung, unb die höheren Affen nähern sich auch darin dem Menschen, daß sie sich zum Schlaf In besondere Rester zurückziehen. Die Pferde und ihre Siammver- toanb.en können im Stehen sch'äsen, weil sie durch die besondere Einrichtung ihres Knochen- und Handapparates beim Stehen nicht ermüden. Vögel schlafen sitzend auf einem Ast, weil ihnen eine Spe rrvorrlchtung an den Zehen ermüdende Mus- [e'arbeit erspart. Robben und Wale schlasen, indem sie sich auf der Oberfläche des Meeres treiben lassen; selbst bei den niedrigsten Wirbeltieren, den Fischen, finden wir den Schlaf. Da der Schlaszustand dem des Menschen ähnelt, so darf man wohl auch von vornherein annehmen, bah bei den Tieren ebenso wie beim Menschen Träume au;treten. Diese theoretische Voraussetzung wird durch die Erfahrung bestätigt. Man hat bei den höheren Säugetieren, bei den Haustieren und Affen beobachtet, daß sie während des Schlafes Lautäuherungen und Bewegungen
Standesamt. Sie wurden 10 Uhr 32 Minuten getraut, und 10 Uhr 35 nahmen die Forma i'.ä'.en mit der beiderseitigen Unterfchr.ft der Eh.ver- träge ein Ende. 10 Uhr 40 bestieg das Ehepaar abermals eine Straßenbahn, um nach Hause zu fahren, und die vollzogene Trauung mit einem gemeinsamen Frühstück zu feiern; Doch schon wenige Minuten später gerieten die Reuvermählten in einen heftigen Streit.
„Si s s Zulammcn'eben beginnt ja recht nett", stöhnte die junge Frau.
„Wenn s dir nicht paßt, mein Täubchen', erwiderte g las en das neugebackene Fann ienober- haupt, „können wir ja unsere eheliche Gemeinschaft wieder auflöfenl"
„Es wirb wohl richtiger sein... , meinte Frau Berta Iwanowna.
An der nächsten Haltestelle vcr ießen Mami unb Frau die Straßenbahn, fuhren nach der entgegen gefegten Richtung weiter unb standen bald wieder vor dem Standesbeamten.
Als die Uhr 11 Uhr 15 Minuten zeigte, waren sie geschiedene Leute.
Das war wohl die seit Menschengedenken kürzeste Ehe: sie dauerte gefch'agene vierzig Minuten! So geschehen in Moskau im 1928. Jahre des Heils...
Frau Grete beim Zahnarzt.
(d) Zürich.
Frau Grete auS Seebach Fitt unaussprechliche Schmerzen fett der Erkrankung ihres Backenzahnes. Eine gefährliche Wurzelhautentzündung kam allzubald hinzu, und „Madame" muhte schleunigst operiert werden. Die um ihr Leben besorgten Männer baten die prominenten Züricher Zahnärzte Dr. Büryi und Dr. Dogen, den Eingriff vorzunehmen; die beiden willigten ein. Die zwanzigjährige junge „Frau" wurde also narkotisiert. Sie sollte vielmehr eingeschläfert werden, doch versagten leider die Präparate, wenngleich geradezu enorme Portionen verbraucht worden sind. Mau wartete eine geschlagene Stunde vergeblich auf die Wirkung, unb entschloß sich bann, die Operation nur mit totaler Betäubung auszuführen. Zwanzig starke Männer banden die widerspenstige Frau Grete fest, um sie unschädlich zu machen. Endlich gelang dies, woraus das ... Maul der Frau Grete aufgespannt wurde. Sie' Kranke bekam sodann zwölf Ginsprihungen, und die Operation konnte beginnen. Die beiden Zahnärzte arbeiteten mit übermenschlicher Anstrengung weitere fünf Viertel Stunden an der Entfernung des bösen Zahnes. Dann endlich
hatten sie's geschasst, unb waren nicht wenig erleichtert. als die Patientin — abtransporttert wurde. Frau Grete, die junge Löwin des Zoologischen Gartens in Seebach, kehrte nach dem gelungenen Eingriff in bester Stimmung in ihr Heim zurück, unb die genannten beiden Professoren bet Tierärztlichen Hochschule in Zürich können sich nunmehr rühmen, einen Löwenzahn gezogen zu haben...
Die zwcinndueunzigjührige Flugpost.
(r) Amsterdam.
Heute, wo der regelmäßige Flugpostverkehr längst zur Selbstrerständlich.eit geworden ist. wo wöchentlich fünf Senderflugzeuge d.e Beförderung der Bries- unb 'Frachtpost zwischen dem Mutter- lanbe und Rieberländisch-Jndien veriehm. dürfte die Feststellung des Reuyorler Schriftstellers James Bloorn besonders intereffieren, wonach bereits am 12. Rovember 1836 der erste Brief mittels Lustpost befördert worden ist. Ein gewisser Robert Holland baute damals in London in Gemeinschaft mit Monck Maien unb Charles Green einen Ballon, mit dem die drei den Kanal überqueren wollten. Der englische General I. W. May vertraute den wagemutigen Fliegern einen an König Wilhelm I. von Holland gerichteten Bries an. Der Flugballon landete aber wider Erwarten nicht im Haag, sondern in Meinburg. Don da aus wurde der Bries nach Koblenz, unb vom dortigen Postamt mit einem Sonderkouriet weiter nach der hollänbissten Hauptstadt besör- berL Der König war mit bet „neuzeitlichen Post- beförderung" r«ht zufrieden, und versah die erste Luftpostsendung der Welt mit dem Vermerk „Vorsichtig aufbewahren I"
Pierre Lotitz Familie und die Leiter.
— P a r i & 1
In einem schattigen Garten in Saint Pierre sind die irdischen Ueberreste des ehemaligen Marineoffiziers und späteren Akabeoniemi.glie^es Julien Viaud begraben, den die Literaturgeschichte unter seinem schriftstellerischen Decknamen Pierre Loti kennt. Die Franzosen ehren das Angedenken des überaus volkstümlichen Romanciers so lebhaft, daß die gamilieranr gtieDer des vor wenigen Jahren verstorbenen Literaten sich genötigt sahen, den Besuch der letzten Ruhestätte von Pierre Loti energisch zu verbieten. Sie,e£ Verbot kam dem Inhaber des benachbarten Grundstückes sehr zustatten; er stellte in seinem Garten eine lange Leiter auf, von deren höchster Stufe schaulustige Ausflügler gegen Zahlung von zwei Franken „Eintrittsgeld" einen ungestörten Blick auf das Grab Lotis werfen konnten. So wanderte die sensationslüsterne Touristenschaft nicht mehr direkt nach dem Viaudschen, sondern nur noch nach dem Rachbargarten. Die Leute kamen auf diese Weise trotz des Verbotes auf ihre Kosten, der schlaue Dauer- ebenfalls, und die Familie des Dichters hatte ihre heiß ersehnte Ruhe wieder. Allerdings nur so lange, bis sie dahintergekommen war, was nebenan vor sich ging. Run strengten die Familienmitglieder einem Prozeß gegen den geschäftstüchtigen Rachbarn an; man will ihn zwingen, die gewinnbringende Leiter abzuschaffen, mit der Begründung, daß et ba£ Angedenken Lotis entehre. Der Angeklagte argumentiert hingegen damit, daß ihn der verstorbene Dichter unmittelbar gar nichts anginge, und daß er in seinem Garten tun und lassen könne, was ihm frommt Die Weisen von Saint Pierre werden demnächst diese harte Ruß zu knacken haben.
Erachtens die Erledigung der Streitfrage ein Kinderspiel sein. Meiner Erfahrung nach wird das durch den Bölkerbund und sonstige Interventionen künstlich interessant und kritisch gemachte Problem schließlich daraus hinauslaufen, daß der durch geschäftliche Interessen künstlich entfachte Streit von einer interessierten Großmacht in gütlicher Weise beigelegt wird, indem beiden Kontrahenten Konzessionen gemacht werden und dem Friedensstifter zum Dank die wirtschaftliche Ausbeute überlassen bleibt.
Anders liegt der Fall, wenn z. D Argentinien, d. h. argentinisches Großkapital, in gleicher Weise wie nordamerikanisches Kapital an dem Problem interessiert sind. In diesem Falle ist mit ernsten Situationen und mit Blutvergießen zu rechnen, da beide Länder sich im Prinzip feindlich gesonnen sind. In diesem Falle werden alle, wenn auch noch so hochtönenden Komitees umsonst tätig sein. Der Endsieg ist auch in diesem Falle den USA. heute schon sicher, well sie die kapitalkräftigeren sind.
Der Endeffekt wird auf alle Fälle ein kostbarer Friedensschluß werden, bei dem man auf beiden Seiten zum Ruhm der für die Ehre des Vaterlan- des Gefallenen pompöse Reden halten wird, dieweil die Ingenieure des Friedensengels bereits mit den ersten Aushebungen in fieberhaftem Eifer beginnen.
Der sildamerifanische Grenzstreit
Aus unserem Leserkreise geht uns von einem guten Kenner der südamerikanischen Verhällnisse folgende Schilderung des zwischen Bolivien und Paraguay strittigen Gebiets zu:
Ein Buck auf die Karte Südamerikas zeigt dem wirtschaftlich denkenden Menschen, daß em Land | wie Bolivien von der Wellwirtschaft absolut ab- geschnitten ist, weil ihm die natürlichen Zufuhr- unb Ausfuhrstraßen zu Weltwirtschaftszentren fehlen. Tatsächlich ist das der Grund für die wirtschaftliche Not und Rückentwicklung Boliviens, das an sich über ungeheure Naturschätze in Form von Petroleum. Mineralien und Holz verfügt. Eine unselige Spekulation hatte Bolivien im Kriege zwischen Ch.le und Peru auf die Seite des Berlieren- dcn geführt. Es verlor seine in den Kordilleren gelegenen Provinzen von Tagna-Arica an Chile, v.ni Jahre 1903 tauschte Bolivien dann mit Brasilien das Dreieck Puerto Suarez (Matto Grosso), Puerto Galpon und Bahia Negra (Rio Para- guay) gegen das heutige Territorium Acre, berühmt und berüchtigt durch seine Gumrmwälber und seine dort heute noch legitime Sklaverei am Ufer des Rio Grande in der äußersten Südwest- ecke des Stromgebietes vom Amazonas (Brasi- lien). Bolivien suchte auf diese Weise Abschluß über den Rio Paraguay und den La Plata an Buenos Aires.
Der Plan wäre gut gewesen, ständen demselben nicht zwei Hindernisse gegenüber. Als erstes erhob Paraguay Widerstand durch ein Verbot zum Befahren des Paraguayflusses, soweit er durch paraguayisches Gebiet fließt, zweitens verhinderte es die Anlage einer bolivianllchen Siedelung in der Nähe des neu erworbenen Gebietes innerhalb des Ehaco Borreal, den Paraguay zu irgendwelchem unkontrollierbarem Zeitpunkt ata fein Eigentum annektiert hatte. Bolivien seinerseits konnte m dem erworbenen Landstrich mit seiner 12 Kilometer breiten Küste am Rio Paraguay keine Siedelung errichten, da das Land absolut grundloser Sumps ist, unbewohnbar und unerreichbar.
Kommt man zu Wasser den Rio Paraguay aufwärts über Bahia Negra hinaus, bann erscheinen zur Rechten unb Linken bie bis dahin aus ^lieber« wald und Steilufer bestehenden Küsten die ersten Hochurwälder, die sich bann in ungeheuren Kom- plexen b.5 nach Venezuela über ben ganzen Kontinent ausbreiten. Ein unpassierbares Dickicht von Riese- und Schlingpflanzen versperren den Eingang zu den Urwäldern, deren Grund und Wasserspiegel durch eine dichte grüne Decke niederer Wasserpflanzen verfilzt ist.
Hier herrschen in der Abgeschiedenheit des Urwaldes in den Baumkronen Orchideen und Papageie, im Unterholz Affen und Jaguare und im Wasser Tausende von Krokodilen. Soweit das Auge reicht, nichts als Wald. Sacht steigen die grünen Massen an und da, wo sie sich zu einer dunklen kompakten Wand am Horizont zusammenfinden, er- heben sich im bläulich-schwarzen Licht die gewal- tigen Gebirgsketten der bolivianischen Sierra de Santa Cruz. Und auch hier keine Bahnen, feine Siedelung auf Hunderte von Kilometer. Zweimal monatlich starten von den Stationen Santa Cruz de la Sierra unb Corumba Brasilien gegenein-


