Nr. 223 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)
Sreitag, 2b September (928
selbst dirigierte. Dieser, den man sonst vorwars, daß er die Tempi seiner Kompositionen stet» zu langsam zu nehmen pflegte, überstürzte diesmal das Allcg.o dermalen, dah die bedauern»- toerten Dilettanten außerstande waren, mirzu- kommen. Ss fehlte grr nicht viel, und man Hütte schon in der Ouvertüre uing Worten, aber eS ging noch so einigermaßen ohne bemer enSrrerten Zwifchrofall ab.
21» zweite Summer folgte Spohr mit feiner Gattin. Sie bitten eine Sonate für Harfe und Violine vorzutregen. Wie ft et», so sollte auch dieLmal ohne «loten g spielt werden. Beide Künstler sahen bereits, und Spohr war im Begriff zu beginnen, als ihm plötzlich leine F.au, tonst die BZonnenhllt selbst, äng tlich zuslü icrte. Um de» Himmel» willen. 2oui->. ich kann mich nicht besinnen, welche Sonate wir eigentlich spielen wollen, ich ah le nicht, wie sie an ängt.“ Such der Gatte mu )te sich erst einen MomeM besinnen ehe er ihr den Anfang leise In» Ohr singen konnte. Sie tarn wieder zur Buhe und Be'onne..heib da» Spiel b g um und endigte auch ohne Unfall mit lebhaftem Befall der Zuhörer.
Danach sollte Frau Becker eint Srie fügen. Eben httte lie Som berg in feierlichster Haltung auf da» Podium geführt, al» sie sich auch schon wieder losrih und davonliei. Sie verschwand in einem Rebe nz immer — zum a oftten Erstaunen des Publikums. Dorette Spohr eilte ihr nach, voller Besorgnis, dah sie krank geworden fein könnte. 3edvch kehrten sie beide nach einigen Minuten zurück, und auch diese Arie ging glücklich und mit aHgemdre: Bestimmung des Publikums vonstatten. Das plötzliche Verschwinden hatte darin seinen Grund gehabt, dah der ziemlich korpulentm Sängerin infolge ihres üppigen Siner» der Stern au.g gingen war, we-hall» sie gezwungen war, erst ihre Kleider etwa» zu lockern.
Die folgende Summer hatte Hermstedt mit einer schweren Komposition SpohrS. Hermstedt, der fönst bei jedem öffentlichen Su’treten die ängstliche Vorsicht fcfWt war. h Lc diesmal im Uehermut fein:» Lhamp gn.r.aufä^s ein neues, ran ihm noch nicht auöprobierte» Blättchen dem
Rigaer Streiflichter.
Von unserem v. M -Berichterstatter
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten Aiga. September 1923.
Obgleich Westeuropa sich bi» zum heutigen Tage noch nicht darüber einig geworden ist wo Aiga liegt — einige halten ee für die Hauptstadt von Estland ober Litauen, andere schreiben getrost Lowjetruhland auf den Briefumschlag und geographisch besonder» Begabte schlagen Kurland vor — fo bat ee sich die ehrwürdige Hansa- ftadt doch mit dem bekanntEigensinn de» Ältere in den Kops gesetzt, in Livland bLiben zu wollen Vermutlich au» sieberchunb.'rtfieben- undzwanzigjähriger Gewohnheit, und da» ist verzeih ich!
Aoch weil verzeihlicher ist e» allerdings, dah unpolitllche Leute, die vor mehr denn zehn 3obren die Schulbank ihrem Schicksal überlassen haben, nicht wissen, wieso Südlivland und Kurland sich heute hinter dem Sammelnamen Lettland verbergen und dah Äordlivland mit Estland — doch genug der Mnemotechnik. Der Begriff ,Rand- ftaaten“ tut bescheidenen Ansprüchen vollauf Genüge. und man weih ja auch noch gar nicht, wie fo was nach einem weiteren Dezennium heihen will. (Bei dem Galopptempo, da» die Geschichte neuerdings bevorzugt.) Voreilige und Wißbe- gierige mögen sich immerhin merken, dah Aiga die Haupt st a d t von Lettland ift. „Bon jeher da» geiftije und kommerzielle Zentrum für das ganze Gebiet am Baltischen Meer. Sih der Aegierung. sowie zahlreichrr. grober Industrie-, Handel»- und Kredituntemehmungen. Bedeutendster Hasen de» Landes. Viele Stultur- und Kunst- benfmäler..
Um nicht weiter abschreiben zu müssen, will ich nur noch erwähnen, bah Riga vor dem Änegc etwa eine halbe Million und jetzt 350 CXX) Einwohner zählte, bzw. wieder hat (denn vor acht Jahren waren es nicht viel mchr al» die Hälfte). Um ferner dem berechtigten Einwurf zu begegnen, bah die Bevölkerungsstatistik ausländischer Städte un» kein geradezu brennende» 3nterelie abnöagen könne, sei daran erinnert, dah jene Kultur- und Kunftdenkmäler deutsch sind und dah eS sich überhaupt um das Zentrum der dlieften deutschen Kolonie handelt
Ein SuSlanddeutschcr soll kürzlich den Satz geprägt haben: .Und wenn wir hier einer gegen hundert ständen, bann wären wir immer noch geistig in der Majorität" Auf Riga übertragen büd tc es heihen ..Und wenn hier kein deutsche» Wort mehr laut würde, dann mühten dock) die Steine deutsch reden/ Da» Kopfof läster der wirf- lichen Altstadt .to der Ryghi. die Burg des Deutschen Ordern- an der Düna, dir wappengeschmückten Portale der Patrizi ^Häuser. das Gemäuer de» Pulverturms, der St. 3üraen»bof aus der Zeit der Schwert trag enden Brüder der Ritterschaft ckhristi, das um 1330 erbaute Hauber .Kompagnie bet Schwarzen Häupter", ba» noch weit ältere Kreuzgewölbe der Btariengilbe (mit der berühmten Brauffammer) und vor allen Dingen die seit 3ahrhunderlen ragenden Türme des Domes. St. Petri und St 3acobi. Der ftememe Dtimmenchor könnte gewlh noch beliebig ergänzt und erweitert werden, b. h. lähk die angeführte dröhnendr Baßgruppe schon erkennen. wie hoffnungslos jeder Versuch wäre, dagegen anzusingen.
Man Heu sich in den letzten neun Jahren alle Mühe gegeben, wenigsten» die deutschen Straßen- namen zu entfernen und neue zu erfinden, denen nichts von dem Grist der .fluch bei ad eiten" Ber- !iangent>ai anbaftet. Sowei. auch mit vollem Er- o!g. als kein Westeuropäer mehr in der Lage ist, ich in Riga zurechtzusiiiden. Wenn jemand einem erzählt hat. dah er in der Ale? and erst rohe wvbnc, dann bad er beileibe nicht bie Unverfrorenheit besitzen, sich beim nächsten .OrbnungSmann" nach ihrer Lage zu erkundigen 3m günstigsten Fall erhält man dir eilige An!wort .So eine Srrahe kennen wir nichtI". läuft aber glcichzritiz Gefahr, einer reaktionären und bösanig.n Gesinnung verdächtig zu werden. Der Fremdling kaufe sich allo ein Strahenverzeichnl» mit alten und neuen Ql amen und lerne letztere bei einem gewifienhaften Lehrer aussprechen Auherdem merke man sich, dah auch der Briefträger. — aus staatserhalten-
Gin Konzert mit Hindernissen.
X>on Carl Georg v. Maaffen.
Auf einer Konzertreise im Jahre 1811 berührte brr bekannte Komponist Louis Spohr auch Hamburg. Bei bieser Gelegenheit arrangierte im benachbarten Altona ein reicher Mu- siksreunb ein Konzert, zu dem er sich Spohr» sowie einiger Hamburger Künstler Mitwirkung erbat. Unter ihnen befand sich ber noch heute nicht vergessene Komponist Andrea» Romberg (176t 1821ber al» Är:liier ebenso geachtete wie gefürchtete Musi dirritor Lhristian Fried.ich Gottlieb Schwenke (1767—1822) unb ber da- mal» gerade nach Hamburg gekommene Klari- nellift Zohann Simon Hermstedt (1778- 1846). für den Svoh eigen» ein E-Moll-Konzert und Variationen für Klarinette g schrieben hatte.
Der Altonaer Musikfreund hatte e» sich angelegen sein lasten, seine Gäste üppig zu bewirten. bevor sie sich mit ihrer Kunst vor dem Publikum produzierten. Sie wurden mit einem luiuribfen Essen empfang n. bei dem der äpun- pogner in Strömen floi. Rachdem die Gäste an die zwei Stunden getafelt und fleihig dem Ehampagner zugrsprochen batten, wurden sie so vergnügt und ausgelassen, dah sie ganz und gar das in Aussicht stehende Konzert vergasten. Wie grt>b war d„her ihr Schrecken, als plötzlich ein Bote austauchte mit der Meldung bah da» zahlreich oedamire tc Publikum bereits ungeduldig zu werden beginne und stürmisch den Anfang de» Konzerts verlange. 3n gröbter Eile wurde nun das Fest abgebrochen, und man eilte zum Konzertsaal. wobei sich h.rausstellte, dah keiner der Mitwirkenden mehr fo recht in der gehörigen Verfassung war. öficntlidb auf- treten zu können. - .Sie Zaghaftesten waren die Mutigsten geworden', berichtete Spohr falber darüber. Das Altonaer Dilettantenorchester, dem die Hamburgei Künstler ihre Assistenz verleihen sollten, säst bereits an den Pulten, als die fröhliche Schar eintraf.
Das Konzert beginn daher sogleich mit einer Ouvertüre von Romberg, die der Komponist
den Dlünden aHoiut nicht in der Lage ist. ein auf die alte Anschrift lautendes Schreiben richtig zu be ft llen 3 n Riga kann jedermann deutsch nur bie Polizei unb bie Schafsner nicht, denen die lautere unb reine Pflege des Landesidiom» non Amt» wegen obliegt. Do» Reifen in Lettland gewinnt dadurch tmir.crbtn den Reiz de» Abenteuerlichen und Un- gewll en. ist allo Romantikern besonder» an- zuempfehlen
Sehr eigenartig ist übrigens ba» Schicksal ber Rigaer Straßenbahnschilder an den Hallestellen ursprünglich trugen sie drei Aufschriften (russisch, deutsch, lettisch): bann kam der Krieg, und die russischen Behörden verfügten die liebermahmg ber deutschen Schrift Vier 3ahrc später lieb die deutsch. Okkupationsmacht da» Won .Hil estelle" Wied r freilegen und dafür die rUlsische B z t nung au löschen 3 tz axr prangt nur noch am unteren Rande die lettische Schrift, wahrend tü beiden übrigen unter Weihern Anstrich verborgen sind Ein Stücklein Weltgeschichte aus der Verkehrstasell An den wichtig- ften Halteplätzen sind, nach ausländischem Muster, viereckige Säulen mit einem Verzeichnis der betreffenden Slrahenbahnlir i n ausgestellt worden. Run ift die Elektrische jedoch nich» >o lleinlich. sich streng an den Buchstaben (bzw. Lie Rummern) zu halten Wo etwa die ,EinS" und .Zwei" verkehren sollen, kommen auch bi? .Elf" und.Zwölf" daher - nur dah die Säule fit offiziell noch nicht anerkannt hat. Wenigstens nicht de jure.
Wenn man einen .X a f a m e t c r" nehmen will, fällt man regelmäßig auf ein Privalaulo herein, denn die Zähluhr fitzt tief in den Singeweiden be» Wagens und sonst ist auch kein Unterschied zu merken. Hm sicherzugehen. setzt man sich lieber .in den Fuhrmann'' lwomlt bie 'Balten eine Pferd-droschke meinen). Sieht man aber ein rasselnde» Ungetüm, aller Derkehr»- grundsähe spottend, um die Gcke schwenken, und hängen zehn bis fünfzehn eingefleischte Selbst- n.öroer aste die reifen Trauben zur plattformlosen Tür heraus - dann ist 'S ein Autobus. Wer in den Grenzen de» Deutschen Reichs einen ähnlichen Klappcriasten aus unschuldige Mitmenschen loslassen wollte, wäre schon de» versuchten Totschlag» überführt! Rach oberflächlicher Schätzung muh e» in Riga annähernd achtundvierzig Omni- buölinien geben. Dafür sind die Material Unkosten auch gering: man kauft ein noch gut erhaltene» Ford-Chassis, befestigt dne Art Schäserhütte ober Hühner hau» baraut unb übergibt das Ganze frisch angestrichen dem Verkehr Trotzdem kippt solcher Autobus laut zuvcrlälligen Berichten, nur bann um. wenn der Ehausfeur betrunken ist — was nicht unbedingt die Regel sein soll.
Bor Ausbruch des Weltkriege- zeichnete sich im Gesicht ber allen Stadt eine ausgeprägt hanseatische Ruhe und patriarchalische Behäbigkeit ab Man eilte nicht, man haftete nicht: man arbeitete, um z u leben und lebte nicht, um zu arbeiten. Geschäfte wurden beim . Frühstück" erledigt unb „frühstücken" konnte man (nach baldigem Sprachgebrauch) zu jeder Tages- und Rachtzeii. Tie Läden — auch die vorn, hm st en in Riga stets .Buben" genannt — begnügten sich mit schmalen, nach westeuropäischen Begriffen äußerst dürftigen Schaufenstern. Dafür waren Lager und Ansehen um so gröber. Heute Hal sich da» gründlich geändert, und an vie Stelle der schlichten Trabi ivn ist eine parvenuchast- schäbige Groftstadtclcganz getreten, bie den gemus loci mitten in» Gesicht schlägt. Wäs das Ansehen anbelangt, so behaupt <n ganz böse Zungen, dah der .moderne Geschäftsmann erst bann auf der Höhe sei. wenn er vor dem Stras- richter die letz:en Weihen empfangen habe.
Wenn der Fremdling in Riga den Orient erleben will, dann besuche er den Dünamarkt, ober noch belfer den _Laufemarkt" (Ber- zeihung. aber er hri )t fo) in d.r Moskauer Bor- ftaot taum fünf Schritt breite Gähchen — bunt, lärmend, wogend — unausgesetzt Menschen verschlingend unb wieder cueUe. nb. Gin Labyrinth von Zelten, Buben. Berlauföflänben. Babylonische Sprachverwirrung und alle Gerüche deS Morgenlande» in lieblicher Mischung. Gr beeile
sich aber, beim bw modern cn Markthallen sind schon erbaut.
Bor ein:aen Jahren labte das lettische Paria- meni den Besch'.u >. dis Land unb lerne I estes- freutvje Hauptstadt .haldtrvcken zu legen Da nach 10 Uhr abend» in öffen. tchen Lokalen fein SJofcol ausgeschenkt werden durfte .kt- wandelten sich alle Bar» Tanzdielen ultn im Handumdrehen in Klub» Statt de» alle > Batnen» erschienen über dem Eingang Bezeich- nungen wie .Sägerfiub“, .Feuerwehrklub" ober .3ode; flub" — oo.te dah sterbliche Augen darin jemals einen Säger. F uerwehrmann ober gar 3ockey entdeckt bitten. Der einzige Xliticridycb bestand darin, bafi ntnn für ein Geringes eine Mitgliedskarte erwerben muhte, dah es keine Polizeistunde mehr gab und dah man wohl oder übel genötigt war den Schnaps engros — au» Mmeralwasfcrllaschen unb ti:o GUllern — zu Oertilgen. Lckör ironl man au# Kaffeetassen. Wenn eine Razzia bevorstand, pflegte der Sn- Haber ba» gehe imnisvollerweise vorauszuahnen — vermutlich auf Grund de» .zw., en Gesicht» 3etzt ist das Gesetz zur Hebung der Trunksucht (wie Eingeweihte es nannten) bis auf bescheidene Reste eine» s lbstmörderischen Tode» verblieben.
Lettland besitzt übrigen» eine Stadt ohne Barnen die Sammellommune .Riga- 6 t r a n d". Seit Fahren zerbrechm sich zuständige und unzuständige Stellen darüber bi? Köpfe, tote diesem peinlichen Mangel abzuhelsen sei. Man Hal .Beroftemstabf. ..^lircri'ura" Sonnenstabt" und alle nur erdenklichen Wong-'bilde au» dem Konservationsletllon (natürlich auf lettisch) borget(biogen, hat die Geschmacklosigkeit bi» »um äußersten angespannt - doch vergeben»! Die ldyl- lifchen Strandorte tragen immer noch ihre allen Einzelbezeichnungen, ohne sich eines Familien- namens erfreuen zu dürfen
Ein Landstreicher-Geseh.
sie Landstrahen sollen gesäubert werden. Die Verwahrlosten, die krank sind oder deren geistige Sabigletten nicht mehr ausreichen ein soziale» Le »en zu tühren und die h uie bettelnd, in Ob- d..chlofenafvlen übernachtend, durch das Land riehen, sollen nach einem neuen Gesetzentwurf durch bie Vormundschaft?geeichte oder durch die Bertoaltungebebörbci*. der B Wahrung überwiesen werden Ztoangsweile will man di' Landstrahe von diesen Elementen reinigen unb s e bann einer dauernden Anftaltopslege übergeben, trenn alle Berfuche sie wieder In baj soz'.me Leben cinzuordnen. mihlung.-n sind Zur Ze.t ver- handelt da» R<ichSinnenministerium mit den Ländern über ein solches Aeichsbewahrungs- gesetz. das noch im Herbst dem Reichstag ,-u- gcldtct werden soll Aber bie Bc’predjungen mit den Ländern sind äuherst schwierig, da die Kostenfrage schwer zu regeln ift. Man rechnet, dah jährlich rund 8 Millionen Hart aufgebracht werden müssen denn ungefähr 10 033 Persrnen kommen zeitweilig oder ganj für di« ZwanaSbewahTung in Frage Ursprünglich wollte man die LandeSfürforgeverbände unb die Be- zirksfürsorgeverbände b b praktisch allo dieGe» in e i n b e n mit den Kosten belasten, w h end man jetzt beabsichtigt, bie finanzielle Ausaabe den Landesorganisationen zu über ragen Man totII auch des! a b die Gem i b n m g ichst nicht flnon- xiell belasten, damit diese nicht aus Kostengritnben bei der Bewahrung allzu zurückhaltend sind. Alle diele Probleine müssen noch mit den Landes- reaicrimgen geregelt werden, ba biShe> nicht in allen Punkten Uebcreinfttimnung erzielt werben fonnte.
Kongresse und Tagungen.
Züricher Tagung des Vereins für Sozialpolitik.
Der Berent für Sozialpolitik hat unter besonders reger Beteiligung von Wissenschaftlern, Praktikern aller Wirtschaftszweige unb Regie- rungöPertrctern Deutschlands unb ber Schwei; getagt. Unter den Erschienenen waren der Reichs- arbeiteminifter Wifscl. Reichsbankpräsident Dr. Schacht. Generaldirektor Silverberg Das Referat des ersten Tages von Prof. Som bart (Berlin) über Wandlungen be» Kapitalismus schuf burch grunbfäo iche Erörterung ber gegenwärtigen Wirtschaftslage den Hintergrund für bie gesamten Diskussionen Sombart ging von der Behauptung au», dah e» möglich sei über bie voraussichtliche En'Wicklung des Wirifchaftsleben» auf eine weitere Sicht Aussagen zu machen. Für bie Länder auherhalb West uropa» sei mit einer Ausdehnung des kapitalistischen Wirtschaft»- syftem» zu rechnen, während seine Stohkraft aber in Westeuropa selbst langsam Nachlassen werbe. DaS individualistische Gepräge weiche vor dem kollektiven Handeltt. Mit der Ausschaltung der allen dynamischen Marktmechanik setze sich ein System statistischer Wirtschaft, einer pfanvollen. vertoallungSmäsiigen WlrtschastSsührung unter strenger Bindung der ArbeitSverhällnisse durch. 0onwart sieht bie Gegenwart alS eine ilcber- gangSepoche. in ber noch starke Kraste eine» Inbl- vibualistischen Kapitalismus wirken, in ber aber die Gesetze einer neuen, gebundenen Wirtschaft immer klarer hervortreten. — Das Gegenreferal von Prof. Eckert (Köln) schloß mit dem Ergebnis, bah der Kapitalismus In seinem WesenSkern noch keineswegs vor dem Snd: stehe, sondern sich noch im Stad.um vo Hier önifaltung befinde. — Der Vortrag des zweiten Tag s über das Thema: bie Auslanbkrebite in ihrer sinanztcllen, wirtschaftlichen unb sozialen Bedeutung, hatte vorwiegend pralt.schen Tharaller. Die Bef er ent en betonten die intensive Kapitalverflechtung der Weltnalivnen. die zu einer gemeinsam vvrzube- reitenden Lösung der sinanzi llen Ausaaben dränge. Raturgemäh war die für Deutschland aus dem Dawesgutachten sich erg:bend? Situation ba» konkreteste Beispiel AuS der Diskussion verdienen be;onbcr.‘ t Lllrsfc hrungen Generald r Silver- bergS h.evvrgehoaen zu werden, dah, wie für alle Äreti opera;tonen, besonder» für Ausland- anleihen Vertrauen In den Kretitnehmer wich-
Wundstück seiner Klarinette au'g schraubt. Er rühmte sich dessen auch noch Spohr gegenüber, dem nichts Gut » schwante. aB ber Künstler daS Orchestervodium besticg. DaS Soll» der Komposition fritte mit einem Br a Inhalten den Tone zu beginnen. Hermstedt pflegte dabei kaum hörbar anzusetzen, um bann den Ton nach unb nach zu g *to .Itiger Kraft onwachfen zu lassen, womit er stets einen sensationellen Erfolg davcn- tnig. Auch bie»mal b.gmn er auf bie gewohnte Weife, unb ba» Publi.um hörte dem Anschwellen des Tone» mit gespannter Ausrnerlsamkeit zu. 21» ber Virtuos« aber g rabe habet war, thn zu höchster Äta t zu steigern, überschlug sich ba» Blättchen unb g ib einen greulichen Mihtvn, etwa dem ähnlich, wenn eine GanS au schreit. Da» Publikum brich in Lachen au», wobei ber plötzlich nüchtern g worbcnc Musiker totenblaß vor Schrecken tou.b:. Doch faßte er sich wieder unb trug ba» Weitere in ber g.woh iten Voll- lommenh.it vor. so daß ihm am Ende ber enthusiastische Beim nicht fehlte
Am schlimmsten aber e ging e» bem armen Schwenke. Da» allzureichlia-< Diner httte ihm, ohne bah e» von Ipm bemerkt worben war, bie Hosenschnalle gesprengt. Richt lange nach Beginn eine» Potpourri» mit Quartettbegleitung, worin Schwenke die Biolapartie übernommen hatte, fühlte dieser, daß ihm bei ieber Bewegung der Bvg.nlüh ung das BeinlLib zu finken begann. Er war aber viel zu gewislenhaft, um von seinen Boten etwa» auSzu'.allen, und wartete ruhig die Paulen ab. um bann erst da» rutschende Beinkleid wieder herau zuziehen. So unauffällig er auch bie» in» Derk zu setzen bemüht war, ba» Publikum hatte e» doch bemerkt und folgte feinen Manipulationen mit zunehmender H tt.r eit Als jedoch am Schluffe 6e» Potpourri» eine SechSzehr t I-Ie egmg dm k- baucrr.stocrten M-sikv' derma'e id. tt le. bah das Sinken be» Bein leide» so bedenkliche Fortschritte machte, dah eine Katastrophe in allernächster Zeit erio'g n mußte, ba v«-mochle da» Publllum nicht mihr an llch zu halten unb brach in befreite» Gelächter au». — Mit dieser Rümmer endete eines bei komischsten Konzerte, bie wohl je em Musikpodium erlebt hat. Spohr
tigftc Voraussetzung sei unb dah gerade Deutschland die» bei Ausbau feiner Wirtschaft al» oberstes Gesetz anerkennen müsse
Das letzte Referat behandelte ba» Thema .Kredit und Konjunktur". Rach einleitenden Worten von Prof. Diehl (Freiburg) sprachen Prof. E u k e n (Freiburg) vom tbeore- tischen Standpunkt unb Dr 3 ö h r. bet Direktor ber Schweizerischen Kreditanstalt Zürich, vom Standpunkt des prallifchen Bankiers. Eulen stellte die moderne wirtschaftliche Entwicklung mll ihren Konjunkturbewegungen vornehmlich al» einen Prozeß ber Kapitalinvestitionen dar 3 öhr betonte dem gegenüber, dah die Stellung zusätzlicher Kredite nicht von auSfchlaggeb.ndem Eln- sluh sei. 3n der folgenden Aussprache tarn eine Reihe bedeutender Konjunktur -Theoretiker zu Wort. u. a. Lederer (Heidelberg). Loewe (Kiel) unb Singer (Hamburg). Die Tagung in ihrem Zusammenhang von strasser Theorie und praktischer Erfahrung war ein wesentlicher Beitrag zur aktuellen Problematik der Wirtschall.
Generalversammlung
der Gewerkschaft deutscher Cofomotlofübrer.
Boni 18. bis 20. September fand In Frankfurt die ©cnerclocriammlung der ©einer scha t deutscher Lokomotivführer statt Vorsitzender Reumann erstattete den DeschäitSbericht Er stell c fest, dah die BesvlbungSfrage für die Bau »- gruppe da Loromokivlührer nicht in befriedi- genba Weife gelöst wurde. Die Frage der dienstlichen Beanfpruchu. g des Lokomotiv'ühia» müfse unbedingt zugunsten de» Co!onwtiu,übrci» gelost wabern Auch die Dienstdauervorschri ten mühten geänbak werden. Al» zwei la Referent sprach Wartstein zmn Geschält ^bericht. Die Reichsbahngesellschaft müsse, um die Reparationen erfüllen zu können, auf bie Erzielung eine» höheren Gewinne» binarbeiten. Zueril werde hier an den 70 030 Lokomotivführern in großem Umfange gespart. Die» wirke sich auf die Betrieb»sicherh it der Eisenbahn aus, die gegenwärtige Betrieb» ührung biete al'e.i Anlaß zu gesieigaten Unfällen, wa» der Anlaß war, baß bie Gewerkschaft der Lo'omotiv'ührer bei ben verschiedenen Unglüd»|ällen nicht für die ReichSbehn Stellung nehmen konnte. Die Gefchwindigkeit ber Züge sei in Deutschland höher al» in allen anderen Staaten Europa». Diese
selbst hat un» in seinen Erinnerun g n diese heitere Episode au» seinem Le'-en überlk e.t, und er bemerkt dazu, daß diese kleinen Un ä le später reichen Stoff zu aüalei Reckarien gegeben hätten.
Lob ber schwarzen $tunff.
Don Dan» Thykiok.
Drei Männer haben — vor mehr al» vier Sahrhunderten — einer aus grauem Mittelalter herau, dämme roden neuen Zeit wuchtig die Tore geöffnet: Eoiumbu», Gutenberg, Bertold Schwarz.
Drei Großtaten menschlichen Geistes haben da» Anll'.tz der Welt von Grund auf um geschaffen — drei Entdeckungen, ohne die auch das innere Bild unsrer Z.it undenkbar wäre: Amerika, der Buchdruck, da» Sch ehpulvn.
Bon unermeßlicher Tragweite und . rdball- umfpannenber W.rkung alle drei — der Wen'ch- heit zu wahrem Segen aber die eine allein: da» Derk de» Johannes Gutenberg au» Mainz.
Mit seiner to unbaba nm Erfindung war der Grundstein gelegt zu da Ausbreitung, Ber- riehxng und Bewahrung geistigen Gutes, worin jede echte Kultur nicht nur unsrer, sondern aller Rationen wurzell.
Mit ihr waren jeglichem Gedanken Flügel valrehen, allem au» menschlichem Geist und Herzen jemals Descha'senem Wirkung. Widerhall und Beständigkeit befchieden. Die Schöpfung de» Drucke» al» be» vornehmsten Kulturträgers war ein unvergängliche» Werl von volloeredelnda, völlerverbmdenda Kraft.
D.e ihm dienten durch die Jahrhunderte bi» auf den heutigen Tag. bescheiden unb namenlos — Gesellen und Meister da schwarzen Kunst —. haben ihr redliches Teil am geistigen Bau da Well mitgeschaffen
Mögen lle fürba wirken, allem Guten. Sdeln und Ähönen eine bleibende Statt zu bereuen — llch selber zur Ehre unb Freude, ihrem Volks und da Menschheit auf Erden zum Segen!


