Ausgabe 
20.6.1928
 
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Nr. 145 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch- 20. Juni 1928

Wandern und Reisen Bäder und Sommerfrischen.

Oie Saison beginnt

Don Hans Siemsen.

Ich bin hier ein paar Tage an einem von Den italienischen Seen. Lago bi Garba ober Logo bi domo. - ei iW ein flctner imbefannter 6cc ilnb ich ttnll auch nicht lagen, Vie er hecht

Gestern ist hierbie Saison eröffnet'. Gin paar Beine Häuser waren vielleicht schon vorher auf. Wer bas grobe, bai einzige grobe Hotel. dos ei hier gibt, bas hat erst gestern ausgemacht. Ilnb ich bin brr erste Gast. Der erste unb der einzige.

Ls ist ein großes ein sehr grobe* Hotel Ls hat weit über hundert, es hat wohl beinahe zwei- hunbert Zimmer. Line grobe. Helle Halle, teppich- belegte. breite Treppen für bic, bie nicht ben List bcnuOcn wollen. Klubsessel, golbene Spiegel und schöne, grobe vale -um Schreiben, -um Offen. -um Musizuren ilnb bas ganze Personal, das zu so einem groben Hotel gehört, ist auch schon ba Grschasisführcr unb Direktor unb Portier» unb Liftboy« und viele Kellner unb Köche unb Zimmcrmabchen unb ein Page, der an der Dreh­türe steht unb auspaht, ob jemanb kommt.

Ls kommt aber niemand. In bem ganzen groben noblen Hotel bin ich allein der einzige Gast. Ich allein toobne in den zweihundert Zim­mern, ich allein wandle über bic teppichbelegten Treppen, an den goldenen Spiegeln vorüber, ich allein Ntz- in der graften Halle und in bem groben Speisesaal. Jur mich geht bet List, für mich heizt bie Heizung, für mich brennen tausenb elektrische Lampen, für mich ist dies ganze, riesen­haste Personal ba: bic Gelchäftsführer. bic Por­tiers bic Boys, bic Kellner. Der Junge an der Drehtür wartet auf mich, bic Köche in der Küche kochen für mich.

Ich verfüge also plötzlich ich. der ich gewohnt bin, in rtöbitetten Zimmern zu leben -.ich ver­füge also plötzlich über ein ganzes Palais, über ein Personal, über ba« mancher König nicht verfügt.

Wir ist es ja eigentlich immer etwa« un­angenehm. wenn ich mich bedienen lassen soll. Ich komme mir dann unselbständig, ungeschickt, mies und arrogant vor. Omen anderen Menschen meinetwegen in Bewegung setzen, da« scheint mir immer etwa« zweitklassig unb sogar beschämend. Nicht für den anderen, sondern für mich.

Allo: mir ist etwas unbehaglich zumute an­gesichts dieser zahlreichen Dienerschaft, bic sozu­sagen auf meine Wünsche wartet Was soll denn dieser arme Junge ben ganzen Tag ba an der Tür stehen? Gibt es wirklich Leute, bie sich nicht selbst bic Tür auf machen können? Das müssen ja ulkige Nummern fein! Mich geniert bicfcr Junge, der immer im Begriff ist. die Tür aufzureißen. wenn ch bloh in bie Nähe komme. Ich wage kaum noch, auszugehen unb drücke mich au« der Hintertür. Unb bic vier Kellner, die auf mich warten, wenn ich ganz allein unb Nein den riesigen, goldenen Speisefaal betrete! Unb erst ber reizende, alte, grauhaarige Oberkellners Lr kommt beinahe um vor Höflichkeit und weih gar nicht, was alles er tun soll, um eS mir nur recht bequem und angenehm zu machen. Unb dabei ist mir immer so. als ob ich, der ich doch dreißig Jahre jünger bin als dieser freundliche alle £>crr. als ob ich aufftehen unb ihm, der dazu auch noch viel feiner ist als ich, meinen Stuhl anbietcn mühte. Aber das geht ja wohl nicht? Ss würde chm nur peinlich sein. Unb so versuche ich denn aus andere Weise, bie genierliche Klust zu überbrüden. gebe mich aU guter Kamerad, erwidere Höflichkeit mit Höflichkeit. lobe das Essen, mache einen kleinen Scherz und versuche sogar italienisch und englisch zu reden. Und auf diese Weise werden wir denn auch schließlich alle ganz vergnügt. Die Dienstbeflissenheit ko welch ein Wort) ist nicht mehr so schlimm. Wir sind mehr unter uns.

Sie warten nun nicht mehr allein auf die an bereit Gäste, auf die vielen reichen Leute, die

Der Tlieden-hein.

Don Herberi Gutenberg.

Ss ist noch gar nicht so lange her. dah man ihn unb feine Schönheit entbedt hat. Als her damals junge Maler Andreas Achenbach auf einer seiner Fahrten nach Hollanb unb der Nordsee irgendwo bei Eleve ober Geldern hängen blieb, und. wie er nach Hause berichtete, die Landschaft immerhin für lohnend genug hielt, «in paar Bilder aus ihr herauszubolen. herrschte allgemeines Erstaunen in bem Düsseldorf von 1840. Auch sein Bruder Oswald, der bekannte spätere Maler des südlichen Italiens, fand, als er auf bie Empfehlung von Andreas den Rhein über DuiSburg hi nauf fuhr, die dortige ötegenb noch »abominabel eintönig unb trostlos'.Tba£> gibt es hier unten viel zu malen als Wasser, Wiesen. Kühe unb Pappeln!" schrieb er ent­sagungsvoll an die Seinen zurück, um sich als­bald in bie feuerschwangere Gegend der Bucht von Neapel zu stürzen.

Heute würde Oswald Achenbach, wenn er ben Niederrhein Wiedersehen könnte, gcniz erstaunt sein über bie vulkanische Natur, die er nun ähnlich wie die Landschaft um ben Vesuv an­genommen hat. Aus tausend Schloten qualmt und lodert es jetzt an den Ufern des Stromes von Köln unb Düsseldorf-Neuß angefangen unb bann an Krefeld, DuiSburg-Nuhrvrt unb Hom- berg-Meidcrich vorüber bis fast nach Emmerich Der Gewerbesiech der arbeitfamen Menschen, bie hier in großen Siedlungen zusammen Haufen, hat daS friedliche Bild des Niederrheins stellen­weise ins Großartige zu einer H)klopenwcrk- statt verwandelt. Die ungewöhnliche, gedämpfte Ruhe, wie sie Joseph Laufs in feinen Romanen noch beschreibt, bie ehedem über den dortigen Landstädtchen wie Tanten, Rees. Orfoh, Ealear und Eleve lag, ist fast überall dem Tempo und bem Fleiß ber neuen Zeit gewichen.

Ja. es gibt noch ein paar köstliche Friedens- Inseln inmitten ber Geschäftigkeit, die ben Nie­derrhein ergriffen hat: Kaiserswerth wäre da zu nennen, des heiligen SuiLertus. deS rheinischen DonifatiuS stilles Klosterelland, das man von Düsseldorf im Ru erreicht, und dessen

nötig sind tun das Hotel zu füllen. Dir warten nun gemein,om

Unb tatfächlicy ba kommen fit auch fch^ i Am dritten oder vierten Tage kommen fie ungefähren. Teils mit Autos, teils mit der Dahn Unb gleich eine gaiuc Menge. Nun bin ich nicht mehr der einzige Gast. Nun gehe ich nicht mehr allein über die teppichbeleale.i Treppen. Nun iiye ich nicht mehr allein ui dem großen goldenen Spcssc- faal. Ein halbes ober ein ganze» Dutzend Tische sind besetzt. Nun habe ich. was ich wollte. Aber ba* menschliche Herz ist sonderbar dies paßt mir auch nicht. Es paßt mir gar nicht!

Der seine alte Oberkellner erkundigt sich nach ben Wünschen eine» mißvergnügten dicken Herrn mit derselben Höflichkeit, mit der er sich gestern nach meinen Wünschen erkundigt bat Er rückt einer hochmütigen alten Engländerin den Stuhl zurecht, wie er ihn mir zurechtgerückt hat. Der blonde Liftbov lächelt bic aufgeplusterte Blon­dine genau fo freundlich an, wie er mich an-

lächelt Unb ber slerne Junge reistl seine Tür vor ber hochnäsigen Meß von Nr IS auf. Pfui Teufel Po wär es mir schon lieber, er rilfe fie vor mir auf!

Ich komme mir ganz verraten vor. Wie eine verlassene Braut wie Aschenbrödel Gestern der Einzige heute einer von Nieten Nein dos paßt mir nicht! Adieu! Ich rede abl

Ss war sehr hübsch- bic» große, leere empfang*- bereite Hotel. Die schöne Leere, helle Halle, die goldenen Spiegel, mein Zimmer mit dem Balkon überm See bem Bad und allem, was faQU Short, der freundliche alte Oberkellner, der chelnbc Liftbov und ber kleine Junge an der Tür Sehr hübsch! Aber ich habe feine Lust. eS mit ber Miß von Nr. 15 zu teilen. Ich habe ferne Lust, mich ebenso höflich bebanbcln zu laffen, wie die andern Gäste behandelt werden. Ich habe feine Lust, einer von vielen zu sein! Ich reife ab! Adieu!

Die Kultur des Nelsens.

Eine Plauderei von einst und jetzt.

Ddll Alexander pon Gleichen'^oßwurm.

De ränderte Weltanschauung vereint sich mit den Errungenschaften ber Technik, um dem Reifen von einst das von honte fast spöttisch gegenüber- zustellen. Em Autor des vorigen Jahrhunderts rühmt den Rausch, ben bie Schnelligkeit frischer Postpferdc empfinden läßt, nachben die müden Gäule auf ber Landstraße dahmgeschlichen und fast eingeschlafen waren. Lachend hält bem Bor­fahren der Brecht erst aller moderner Reisen ent­gegen in wenig Stunden Luftfahrt fliegt man von einer Großstadt zur anderen dc Flug geht über Alpen, über die Wüste, über bas Meer. Traurig erstaunt schaut das Kamel mit seinen großen Augen aus den Straßen Palästina- unb Syriens, Aegyptens und Arabiens dem Auto nach, ba* der Einheimische rasch vom Euro­päer übernommen hat.

Wo ber Pilger erschöpft und andächtig nach Jerusalem pilgerte, pfeift die Lokomotive: mühe- los steigt der Reisende in Zion aus und findet dieselben Kinos, dieselbe Jazzmusik, die er zu­hause verlasten hat, zu Füßen deS heiligen Ber­ges. und ein komfortabler Schlafwagen fährt von Aegypten ins gelobte Land jene Strecke, auf ber MofeS fein Doll burch Jahrzehnte führte.

Wie absonderlich ist auch der Unterschied zwi­schen dem Begriff einer eleganten Reise von einst unb jetzt. Früher nahm der vornehme Reisende mit Gepäck und Gefolge grundsätzlich möglichst viel Platz ein. Sr packte feine ganze Pracht ein unb stellte sie möglichst zeltartig auf. wohin er kam. $um Staunen unb Gaffen des Publikums. So glichen manche fürstliche Reisen einer Völkcr- toonberung. Die Reisen der deutschen Kaiser nach Italien waren gefürchtet wegen des Waffcngc- folges, das alle Dorräte im Land zu seiner Nahrung brauchte und djx Gegend zurückließ, als habe sie ein Heuschreckenschwarm überfallen. Nichts anderes unternahm noch Ludwig XIV. eine Reise in das neu eroberte Flandern mit ber Königin, ben Favoritinnen, sämtlichen Hof­chargen und dem Gefolge, so daß der Reisezug nach dem Bericht der Thronisten. ausschließlich deS Kücheiwersonales. rund zwölftausend Per­sonen umfaßte. Da ist heute der Extrazug eines Herrschers ober Präsidenten bedeutend einsacher und die hohen Reisenden bringen weder Störung noch Schaugeprängc in baS alltägliche Leben. Ader die foacnannte Reisezeit selbst, bic Saison, führt eine Art staatlich und wirtschaftlich geregel­ter Völkerwanderung mit sich, die in besonderen Touristengebieten nicht weniger Anforderungen in bezug auf Untcrfunft und Verpflegung stellt, als eS einst die Slanbcmreifc des Sonnenkönigs tat Der Unterschied ist nur. daß heute alles

daraus eingerichtet ist. bic Reisenden zu emp­fangen. Der mobernc Bcrichr hat bic schwierig­sten Probleme geschäftlich geregelt, und zu nutz­bringenden Aeuflcrungcn eine- geordneten Leben- gemacht.

Ehe die Eisenbahn erfunden war. wetteiferte man in Pracht unb verhältnismäßiger Bequem­lichkeit ber Karossen: es galt, die Unbill der Wit­terung unb die schlechten Wege zu überwinden. Wie oft blieb der hochbepackte Reifewagen aber im Schmutz stecken, wie oft fiel er um unb brachte seine Insassen in Gefahr. Sin solches Abenteuer erzählt bic Markgräfin von Bayreuth. THebrid)» beä Großen L'cblmgtzschwcstcr. von ihrer Hochzeltsreise, bic durch bie verschneite Lausitz führte, und bic Romane des achtzehnten und des frühen neunzehnten Jahrhunderts sind voll solcher Rckscfährllchkeiten. auf denen sich manche Novellensituation aufbauen lieh. Heute sind bic Gefahren andere, Maschinenbefcktc. Zu­sammenstöße der Autos, nicht weniger geeignet für stoffhungrige Autoren.

Nach wie vor spielt das Weller eine gewisse Rolle, wenn cs auch nicht mehr den katastro­phalen Einfluß hat. unter dem die geplante Luft­fahrt des vierzehnten Ludwig grimmig litt.

Damals versanken in den aufgeweichten Straßen die goldenen Räder der Glaswaaen .die prächtig aufgeschirrten Pferde mußten biederen Land ochsen Platz machen, bie Federn der Hüte bei Herren unb Damen hingen traurig herab, und von den feierlichen Perücken troff da- Waster herunter. Da sind wir besser daran im Autodrcß unb im Reiseanzug, bic für jedes Wetter gerichtet sind, unb eine gute Maschine scheut vor keiner Steigung noch vor aufgeweichtem Weg.

Blickt man auf daS Gepäck von damals unb von heute, so zeigt sich ein gewaltiger Unter­schieb. Mitgeschleppt wurde bis zur Rokokozcit silbernes und goldenes Tafelgeschirr, Prunkgerät mancher Art. Aus ber Ritterzeit wissen wir. was ällrich von Lichtenstein ulleS mit sich führte, um sein prächtiges Zelt sich und seinen Gästen wohnlich zu machen; gotische Reise­züge von Fürsten unb Prinzessinnen waren nicht denkbar ohne gewaltiges ülmzugsgut, 'Teppiche, Gobelin-. Betten. Tische, Sessel gehörten in das Gepäck Dabei geschah cs einmal bei eiliger Ab­reise, daß eine zierliche Prinzessin, die zu lang in ihren Federn geblieben war, in bas Bett gerollt wurde unb fast erstickt wäre bei dieser Prozedur.

So unbarmherzig bic einstigen großen Reise­züge requirierten, so gut der private Reisende, ber Kaufherr ober der Grandseigneur für seine

Gebiet man schon zum Naturpark sakrosankt machen wollte. Unb Zons, die mittelalterliche Feste mit ihren zerbröckelnden grauen Türmen und Stadtmaucrübcrrcsten. das man nicht zu Unrecht alS da- .rheinische Rothen­burg" gefeiert hat. Und Schloß Dyck, die stille Wasserburg bei Krefeld, die in ben Abend­stunden uns wie aus einem alten niederländischen Landschaftenld anschauen kann, soll nicht ver­gessen werden, noch Reed mit feiner ehrwür­digen zweitürmigen Kirche, die sich hoheitsvoll in dem hier maiestätisch cinherwallenden Rhein widerspiegelt. Ja. man kann allem Lärm und Treiben ber Neuzeit zum Trotz hier überall noch träumen und Vergangenes und Gegenwär­tiges besinnen. An den Erftgräben um die Stadt Neuß herum, an deren Bollwerken unb Toren sich einst Karl der Kühne seine Zähne ausgebissen hat. Ober in dem Kreuzgang zu Tanten mit seinem Klostergärtchen tm An­blick des wunderbaren schiefergrauen Dachwerts seines alten Domes. Oder zu 5 a le a r beim Anschauen ber kunstvollen Schnitzwcrie aus der berühmten Holzblldnerschule, die einst hier wirkte. Oder auch auf dem Eltcner Berg neben feiner romanischen Abtcikirchc aus dem zwölften Jahr­hundert unb bem fast hundert Meter tiefen Brunnen, aus bem die Römer unter DrusuS schon Wasser geschöpft haben sollen.

Don dieser einzigen Erhöhung am Nieder­rhein, dem Eltcner Berg, streift der Bllck weit über das ganze gesegnete Acker- unb Weiden­land um Emmerich. Eleve und Nimwegen, in dessen jetzt zerfallener Kaiserpfalz Heimrich ber Sechste, der Mächtigste der Hohenstaufen, ge­boren ist. Fern am Himmelsrand tuschen die Schornsteine der Niederrheinischen Industriestädte ihren schwarzgrauen Rauch in die Lust. Drüben über dem Strom winkt Eleve mit der Schonen- burg herüber, vor der Lohengrin um Elsa von Brabant gekämpft hat. Der beinahe sieben­tausend Hektar große Reichswald schlingt ein breites, grünes Band um das liebliche Städt­chen. das in den letzten 3a£rcix auch als Bad wieder viel von Holländern besucht wird.

Rahe bei Ealear ragt aus smaragdgrünem Weideland ein machtvoller, von drei Rundtürmen eingefaßter Ziegelbau in die Höhe. Das ist

Schloß Moyland, das Besitztum der Ba­rone von Steengracht, die hier eine vortreffliche Sammlung alter Niederländer bewahren. Ehe- dem, biS 1609. gehörte das Schloß der preußi­schen Krone. Moyland ist die denkwürdige Stätte, wo Friedrich ber Große zum erstenmal in seinem Leben Voltaire persönlich kennenge- lernt hat.Hier läßt sich gut träumen und philosophierens" schrieb der damals iwch junge Fritz an ben französischen Denker ^Hier stört nichts unsere Ruhe und Beschaulichkeit als höch­stens ab und zu ein Frosch, ber aus den über­grünten Gräben meiner Wasserburg quakt, oder das Sanftmütige Wiederkäuen, das die Kühe auf den Wiesen vollführen!"

Welche erstaunten blauen Augen würde ber große König heute machen, wenn er sähe, wie die Industrie hier am Niederrhein sich immer weiter aus dehnt und bald auch sein ehemaliges Schlößchen, diese FriedenSinsel, in ihren Bereich gezogen haben wird. Knattern niept schon die Flugzeuge über diese zum Nachdenken geschaffene Stätte wie überhaupt über den ganzen Nieder­rhein? Selbst das abgelegene Kevelaer mit feiner alten Gnadenkapelle und bem wundertä­tigen Madonncnbildchen von 1642. daS Heinrich Heine besungen hat, ist heute in den Kreis der Gcwerbetätiakell gezogen.

Die Zeit der Ländlichkeit unb Einsamkeit für den Niederrhein ist also vorüber, da noch Gras auf den Marktplätzen ber Städte wuchs und das Glockenläuten zum Angelus abends das ein­zige größere Geräusch war, daS man vernahm, und da noch allerlei alte Sonderlinge hier chr wunderllches Wesen trieben. Dur an manchen abgelegenen Stätten, wie in der Abtei Knecht­steden oder in dem Wiesental der Niers ober in ben Forsten zwischen Wesel und Emmerich kann man noch heute solche ®title entdecken. Der Strom, der biS vor kurzem nur wenige Dampfer und elliche Schlepper auf seinen Wo­gen einherstreifen sah, ist in unserem Jahrhundert die befahrenste Wasserstraße Europas geworden unb hat neuerdings gar ein internationales Aus­sehen bekommen. Tagtäglich verkehrt ein Schiff regelmäßig zwischen Köln und London, unb ein Wasserflugzeug verbindet sogar bereits zweimal am Tage das alte Kolo-nia unb Rotterdam, den wichtigsten Seehafen der Niederlande.

IkrpUegung zu Zahlen gewillt war. die Poe- sorglich eingepackten «übern en unb goldenen Schüsseln Hieben oft leer, und die vornehmste Rcllegefclllchaft mußte hungern, ging der Weg durch schwach bevölkerte obet von Mißernten heimgefuchlc Gegenden denn der mitgenommene Proviant dauerte nicht über eine gewisse Zeit. Die Kunst bcS Aufbcwahrens war noch nicht er­funden. Für bie jüngeren Leute, die bann jagten unb stickten ober sonst ihrer Abenteuerlust fron­ten und fick) die Zeit mit LiebeSgcschichten würz­ten. war dies gant lustig unb es war ein Gba- rattcrmesscr. zu sehen iver feine Laune verlor.

Jedenfalls blieb man bie lur modernen Zeit dem Grundsatz treu: möglichst viel Gepäck unb Troß

Noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts traten reiche englische Reisende gleich Herrschern auf mit einer Menge von Dienern unb einer unabsehbaren Zahl von Kisten. Koffern unb Schachteln, wenn fie wie Byron oder Lord 2 le f f i n g t on ihre Äunftreifc nach Italien machten Nur junge, anspruchslose Herren be­gnügten 'ich mit bem. was cm Reitpferd Mantellack und Packtasche tragen konnte.

Der Grundsatz, auf Reisen möglichst wenig Platz cinzunchmcn, ist jüngsten Datums, ebenso wie das Gebot der Eleganz, praktrsch geformtes, wenig auffallendes Gepäck in möglichst geringen Dimensionen mitzuführen. Verbannt sind die gewichtigen Kvsser und gestickten Rcisetafchen ber Biedermeierzeit iMö jene Behältnisse um­fangreicher Sachen, die noch von den trüben- artigen, metallbeschlagenen sarggroßen Äöfter des Barock unb der Renaissance stammten In einem fränkischen Schloß stehl heute noch der Samen- kofscr einer eleganten Rokokofchoncn. von bem bic Lanbleute behaupten, einstmals sei darin eine Leiche transportiert worden

Handlich und bequem, möglichst zum Selbst­tragen eingerichtet, muß heute alles sein, was auf Reifen mll^rht. Wer nicht auf gewohnte Be­quemlichkeiten verzichten mag, findet alles Ge­wünschte reisemählg zusammengestellt, gewickelt, geschnürt und cingctetlt in eleganten Koffern unb Taschen. Meisterhaft sind bic Ausrüstungen selbst für große Reisen und Expeditionen. bie nicht« mehr gemein haben mit dem schwerfälligen Auf­marsch von Sachen, mit denen sich unsere Dor­fahren belüfteten, die ihnen aber Pomp unb Würde waren.

In der Gegenwart triumphiert überall das neuzeitliche Gebot der Sachlichkeit. Sie erreicht ihren Höhepunkt im sachlich eingerichteten Hotel, sowohl im schwimmenden, dem großen Dampfer, als im festländischen Palastbvtel. die beide mit klügster Nutzung auch des kleinsten Raumes ge­baut sind.

Reisende von einst nahmen viel Platz ein und brauchten viel Zeit. Beide- war vornehm unb wurde grundsätzlich beachtet, es sei denn, daß ein politischer Zweck zur Eile anspornte und da- Geheimnis des Unauffälligen verlangte

Wer zu seinem Dergnügen reifte, was fett der humanistischen Weltanschauung zu Pe­trarca- Zeiten in Mode gefommen war. nahm sich Zeit: sein Ziel war. xu sehen, Land und Leute kennen zu lernen, nicht reforbmäftig Kilo­meter zlu fressen. Land und Leute zeigten, ehe bie Eisenbahnen dem Reiseverkehr den Massen­charakter gaben, viel mehr Der schieden hell, sie waren nur für langsames Kennenlernen geeignet; denn jedes Fleckchen bot Besonderheit, zeigte eigensinnigen Heimatstolz, jeder Kirchtum über­blickte stolz sein eigene- Reich. Brauch unb Sprache, Physiognomie unb Lebensart trennten Rassen und Völker, Trachten wechselten ab, die Gefährte waren unterschiedlich in jedem Land­strich, in jeder großen Stadt. Jede Kleinigkeit gab zu vergleichen, zu urteilen, zu beobachten; cs verlohnte sich zu verweilen unb langsam von Etappe zu Etappe zu reifen. Je mehr sich die Unterschiede verwischen, je mehr die Technik die Eigenarten des Leben- au-gleicht, je näher die Länder unb Städte einander rücken durch das Eiltempo sachlich eingerichteten Verkehrs,

Aber da- Aufgeregte. daS Lcbcn-ovllc. daS heute an den Niederrhein gekommen ist, sagt den meisten Menschen weit mehr als die Vergangene Saumseligkeit zu, die gewiß nur Bärenhäutern auf die Dauer behagen kann. Der Vorwurf der Schläfrigkeit, den man noch im vorigen Jahr­hundert erhob, als der Knabe Feuerbach sich schwermütig aus der Düsseldorfer Kunst­akademie herumtrieb und keine Motive finden konnte, läßt fich dem Niederrhein von heute nicht mehr machen. Das Preislied des Fleißes wird hier mit tausend Zungen gesungen. Zechen, Walzwerke und Stahlöfen ragen jetzt mit ihren schwarzen Schloten und Röhren an seinen Ufern auf. Und selbst nachts glüht der Strom jetzt wie der feurige Fluß, der die Unterwelt der Alten umzog, von dem Feuerschein der Fa­briken wieder, die ununterbrochen der Arbeit fronen. Aber auch die Menschen, die vom Nle- derrheln. sind andere geworden, als sie gestern waren. Selten trifft man noch den behaglichen, gern müßigen, trinkfesten unb behäbigen Schlag hier an, den Johann Peter Hasenclever aus Remscheid in vielen Genrebildern fest- gehalten hat, oder den kernsesten, aus bergischem Blut mitgemischten, der von Rudolf Herzog in seinen ersten, besten Romanen geschildert worden ist. Die jetzigen Bewohner des Nieder­rheins. vielfach zugewanderte Leute, sind viel geschäftiger, unruhiger und reizsamer als die zur Zeit der Posttutschen unb der Segelschiffe. Einen Zug zur Heiterkeit und zum CebenÄgenufj, ber sich besonders in den Wochen des Karnevals in jedem echten Rheinländer regt, haben sie behalten. Aber bic ständige H^e nach dem Verdienst und dies sich nicht mehr Ausruhen- tönnen unb -dürfen hat den meisten Gesichtern hier ein ernstes unb strenges Gepräge gegeben. Bis bann ein Stündchen beim Abendschoppen im Kasino, in der Lese ober in der Erholung die Sorgen von den Stirnen wieder wegwischt und beim Gläserklang der Frohmut aufs neue sich hebt und zu der schönen anderen Parole aufschwingt, die alljährlich zu Beginn ber Fast- nachtzell am elften des elften Monats in Köln, der Metropole am Niederrhein, ausgerufen lot rin , Freud muß met Hanl"