Nr.M Zweites Blaff
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)
Donnerstag, 19. Juli 1928
Die Mlingsaufwendlmgen
Di« Auseinandersetzungen in England über die fragt bei Äclloflobofti und die ftarf lritstierte Eüwe-iehung der FlottenabrüftungS- srage durch di« Aeußerungen des englischen Innenministers Ivynson Hicks lasten mit aller Deutlichkeit das Eingreifen der RültungS- bzw. Lbrüslungsfrage in a l l e vertraglichen Bemühungen um «ine Sucherung bc/ Weltfriedens erkennen Die RüstungSziffern sind keineswegs ohne weiteres und durch einen Blick aus den Etat der einzelnen Länder zu erkennen: die einschlägigen Monographien haben deshalb je nach dem Standpunkt und der Rationalität bee Ter- fallere einen verhältnismäßig großen Spielraum. Sine bet neuesten und interessantesten findet sich in dem Mai-Ium-Hesl von Pan» europa au« der Feder von W. Doytinskt. Auch sie ift nicht ohne weiteres erschöpfend, verwischt außerdem das Bild stellenweise durch die Zusammenfassung aller KriegSpenIwnen. Schulden, Zinsen u'w. mit den eigentlichen Rüstung sau «gaben, aber ki« gibt sehr brauch- bare« >^ahlenmaterial. Aus diesem läßt sich folgendes entnehmen. -
&r Arledensstand der europäischen Heere mit Ausnahme der ehemaligen Mittelmächte betrug 1 684 700 Mann. 1927 betragt die entsprechende Ziffer 2 551 500. Dobel ist zu berücksichtigen. daß durch die Verkürzung der Dienstzeiten und durch die Systemänderung, wie sie z D. mit der HeereSresorm in Frankreich und in Belgien verknüpft ist, bei geringeren Friedenspräsenzstärken e ine grÖßere Zahl ausgebtldeter Mannschaften erreicht wird. Auch die effektiven Zahlen zeigen aber bei einer ganzen Reihe von Mächten erhebliche Steigerungen gegenüber den Zahlen von 1913: so bei Großbritannien, Italien, Spanien. Rumänien, Belgien. Griechenland, Holland, der Schweiz und Rorwegen. Ferner sind vollkommen neu die großen Armeen Polens, der Tschechoslowakei und die freilich beträchtlich kleineren Finnlands. Litauens. Lettlands und Estlands Sie sind aber durchweg aus dem RekrutierungSbereich bei früheren Rußland entnommen und müssen deshalb bei der Feststellung bei heutigen europäischen Rüstungsstan- des auch dann hinzugezählt werden, wenn man Rußland, wie das in Vorstehendem geschehen ist. ganz wegläßt', denn wenn auch die Rote Armee nur ungefähr halb so stark ist. wie die 12 Millionen d«S zaristischen Rußland von 1913. so ist daneben ein Territorialheer in ungefähr gleicher Stärke vorhanden. Verminderungen ihrer HeereSstärke gegenüber 1913 hoben nur vvrgenommen: Frankreich (mit oben erwähnter Reform des Systems). Iugo- slowien, Schweden und Dänemark. Die größte Vermehrung der Friedenspräsenzstarke zeigt Spanien, die größte Verminderung Schweden — natürlich immer mit Ausschluß her ehemaligen Mittelmächte.
In den AuSg a beziffern prägt sich die gleiche Entwicklung aus. Hier haben sämtliche Großmächte, mit Ausnahme Deutschlands, d i e VorkriegSztsfer weit überschri tten. wenn man Heer. Marino und Luftfahrtwesen zufommenfaht: für die Marino allein sind allerdings Verminderungen bei Großbritannien. Frankreich und Italien zu verzeichnen, während in den Tetetniglen Staaten und in Iapan die Aufwendungen mehr als verdoppelt worden sind Der Prozentanteil der militärischen Aufwendungen verglichen mit dem Gesamtetal ist jedoch heute mir in Spanien und Iapan höher alS vor dem Kriege, weil die Budgets aller Länder durch die Kriegsschulden und Kricgsfolgen auf ein Mehrfache» aufgebläht worden sind. Den stärksten verhältnismäßigen Rückgang zeigt auch hier Schweden (von 30,8 auf 8.7 Prozent». Auf den Kopf der Bevölkerung find di« Ausgaben in Frankreich von 31.4 auf 28,9, in Großbritannien von 58,1 auf 49,1 zurück- gegangen. während Italien. Amerika und Iapan mxb relativ beträchtliche Steigerungen aufweisen.
Hurra, die Enten!
Don Th. von Wildungen.
ßeiber schon am 1. (Juli ist die Iagd auf die Wildenten freigegeben. Viel zu zeitig im Iahr. Wenn das Wetter im Mai und im Iuni nicht sehr günstig, sonnig und warm gewesen ist. dann ist ba« junge Wildentenvolk in den ersten Tagen des Iuli kaum flügge und nicht schuhreif. Der rechte Weidmann schont deshalb die Wildente wenigstens bis Mitte des .Heucrttnondes". Rach alter guter Iägerregel soll man den wilden ©nf- hogel erst schießen, wenn er geschildert hat, dH. das weiße Schild des sogenannten Spiegels muß sich deutlich auf den Flügeln zeigen, bevor man den Finger krumm macht. Aber wie schön ist auch fo eine wirllich gut angelegte und geleitete Entenjagd: gerade ihrer Mannigfalttgkeit wegen schätzen sie viele Iäger als die reizvollste Iagd. Entweder auf den großen schilfreichen Seen, im Hochsommer nachmittags an den gedeckt liegenden Tvrflöchern und Tümpeln, in den weiten moorigen Wiesen ober auch mitten in reifen Getreidefeldern uLd abendS auf dem Entenfall. Sehr lohnend ist oft gerade der Abendansih, so gegen Ende Iuli oder Anfang August an einem mit Schilf, Buschwerk und Dinfenkaupen umlränAtcn Gewässer. Dann hat die Wildente die Gerstenmast von den abgeernteten Feldern hinter sich und ist in ausgezeichnetem Futter- zustand. Das Wildpret von der wilden Ente, namentllch der jungen, ist ganz außerordentlich schmackhaft. Aber nicht nur von den Stock«. März- oder Grasenten, nein, viele Feinschmecker behaupten daß gerade das Fleisch von der kleinen Krick- oder Krugente, nach ihrem schlichten Federlleid auch .Grauentchen" genannt, ganz wundervoll zart und. besonders als Weissauer in Gelee zubereitet, eine vortreffliche, leckere Atzung bietet.
Immer ist bfc Wasserjagd als sehr interessant und schwierig bezeichnet worden, aber — und darauf möchte ich ganz besonders Hinweisen — sie mahnt auch unbedingt zu vermehrter Vorsicht. Ramentlich bei größeren, gesellschaftlichen Dasserjagden ist äußerste Vorsicht geboten. Man weih nie, was sich Hunter dem Schilfgürtel befindet, gegen den man schießt: darum soll der Schütze eine Wildente, die er beschießen will, erst richtig hoch werden lassen: wenn er nicht ganz sicher ist, freies Schußfeld zu haben, lasse er seine Flinke schweigen. Der
AustromarMches Bilderbuch.
Wiener Federzeichnungen.
Don IRene Kraue.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Wien, im Iuli 1928.
Seine Enellen;, Genosse Srikgermeister.
Der Bonvivant der Weltreoolutton ist Genosse Karl Seitz, oberster Repräsentant des ,roten Wien". Sozialistische Bürgermeister und Parlo- mentSprälidenten, Minister und KabinettchefS gibt eS ja auch anderswo. Aber so fehr Srzellen->herr wie dieser ist nicht einmal Genosse Tschitscherin, der alS Lenker der Sowjctdiplomatie doch auch wissen muß, wie man seinen Frack trägt und wie man die Zusammenstellung komplizierter Menus überwacht, wie man allergnäbigft Seide zu halten geruht und wie man dein Warfchtritt der Arbeiterbataillone in einem geräuschlosen Rolls Rotzce voranfährt. Run ist ja gegen den Frack und daS komplizierte Menu, gegen den aller- gnädigsten Cercle und den geräuschlosen RollS Ropce an sich nichts einzuwenden. Das alles gehört nun einmal zum Metier des Bürgermeisters einer Zweimillionenstadt. Merkwürdig bleibt nur, daß gerade einer, der sich nicht genug tun kann an .proletarischer" Hetze gegen den .LuxuS einer verrotteten Bourgeoisie", sich gerade der luxuriösen Seite feines Wirkungskreises mit so besonderer Hingabe und Selbstaufopferung widmet.
Merkwürdig — aber nicht unerklärlich. Denn Karl Seitz bleibt als Sxzellenzherr und als Ksassenkämpser immer und vor allem VNener. Alfo einer, der jenseits aller Polittk den Freuden dieses Ianimertals nicht abgeneigt ist. Er unterstreicht fein Wienert um vielleicht sogar ein bißchen mehr, als es der orthodoxen Lehre seiner Partei lieb ist, die nicht nur kein Vaterland kennt, sondern auch feinen Lokalpatriotismus duldet. 11 nb die nirgends von so ganz besonders orthodoren Gralshütem gelehrt wird, wie eben in Wien. Und die dadurch hunderttausend Wähler abstößt. die sonst der virtuos funkttonierenden Parteiagitation erliegen würden, jene hunderttausend oder hunderttäugende, denen Vaterhaus und Stammttsch und andere heimatlich« Lebens- Acntrcn ungleich wichtiger sind, als sämtliche Internationalen zusammen.
So hat Genosse Seitz die besondere Aufgabe, soviel „weancrifche" Eigenart — und natürlich auch wienerische Farbenfreudigkeit - - zu entfalten, als notwendig ist. um den Stammttsch bei der Stange zu halten. Eircenses! wenn marxistische Regierungs- und VerwaltungSkünste schon nicht fürS panis sorgen! Sine Aufgabe, die Seiner allerwienerischsten Erzellenz sehr gut liegt. Er ist der letzte .Gawlier" vom Girardi-Typ in dieser entgötterten Welt ohne Kavaliere. Sein Unglück, daß er von toegen Zeitgeist, den er ja nebenbei auch noch. laut Parteiprogramm, zu repräsentieren hat, im Rolls Royce fahren muß. statt daß er sich ein .fesches Zeu^" mit den lieb» befangenen »zwa harben Rappen" halten könnte. In dieser Seelennot sorgt er zumindest dafür, daß fein Dienstauto das jeweils mondänste und schickste von Wien fei. Außerdem hat er noch andere Sorgen, die sein Beruf als Parteichef. Fraktionsvorsitzender. Bürgermeister. Rattonalrat and ewiger Kandidat für den Posten des Dundes.- präfidentcn mit sich bringt. In den Berliner Filmkaffeehäufern. die den Geist neuer Sachlichkeit atmen, würden sie seinen Beruf freilich anders bezeichnen. Edelftatist — würden sie sagen.
Der Pontifex Maxismus.
Er heißt Otto Dauer, war jahrzehntelang der offizielle Kronprinz des Austromarxismus, dessen Herrschaft er nach dem Hinscheiden der alten Generation übernommen hat, so daß er nun sein Ponttfex Riaximus wurde, unumschränkt
in absoluter Machtvollkommenheit, statt Privat- ?ent »u werden, wozu er sich noch eigener wie nach allgemeiner Ueberzeugung weit bester geeignet hätte. Er hat da« persönliche Pech, der beste Redner Oesterreichs zu fein. So war ihm der Weg zur praktischen Polittk rorgezeichnet — was eigentlich Unzucht wider seine im Grund papierne Ratur ist.
Die letzte Silbe des Wortes Ponliser charakterisiert leine Eigenart am betten. Darin ähnelt er dem Genossen Bürgermeister. Sonst sind die beiden Männer, di« an der Spitz« der Partei stehen, einander so unähnlich als möglich. Wäh- renb Karl Seih von ganz unten ganz hoch binaus- fam — er war Findelkind. Armenlchüler. dann Hilfslehrer, bevor er der letzte Kavalier von Wien wurde — ist Otto Dauer aus den höheren Regionen der Großbourgeoisie recht weit hinun- teraefommen. Der allerradikalste Klastenkämpfer sämllicher fünf Kontinente ist natürlich Sohn eines Tertilgroßindnstriellen. besten Firma über die böhmische Heimat hinaus Ansehen und Kredit g»enoß. Schon in dieser väterlichen Firma war Otto Dauer der Kronprinz. Und ba Kronprinzen immer liberal sind — Frie- dericus Rcr Dorf Piel war zu verlockend — hatte der junge Herr Dauer es mit der sozialen Revolution. Er hat bewiesen, daß man auch auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege Karriere machen kann.
Der Höhepunkt dieser Karriere ist freilich schon überschritten. Auch hier, innerhalb des Austromarxismus. ist ein Thron bedenklich ins Wackeln geraten. Und zwar am 15. Iuli des vergangenen Iabres. An diesem denkwürdigen Tag. gegen zwölf Uhr mittags, schlug seine Entschindungsstunde. Er ist damals, im historischen Gcksalon am Dalihausplatz, dem Bundeskanzler gegenübe rgefeffen. Unten tobten die ton jahrelanger Klassenkampftaktik, b. h. Bür- gerkriegshehe Original Otto Dauerscher Prägung. wildgemachten Pöbelhorben. Keiner von den Hunberttauienben. die ba auf der Straße waren und Menschenjagd auf Wachleute veranstalteten, wußte, um was es eigentlich ginge. Otto Dauer allein wußte es: um die Macht int «Staate. Roch konkreter ausgedrückt: um die Kanzlerschaft des Herrn Dr. Otto Dauer, der mm den Moment für gekommen hielt, «Seipel cbenfo energisch wie unhöflich aufjuforbem. geräuschlos in der Versenkung zu verschwinden. Unbegreislich. daß dieser fromme Priester es wagte, den Desehlen des Ponttfer Maximus zu trotzen und ganz auf eigene Faust Oesterreich zu retten. Unbegreiflich — aber Tatsache! Seipel sagte lächelnd „Rein!" Und um halb einS war Otto DauerS Königstraum audgeträumt.
Seitdem hat er seinen Knacks weg. Seitdem meutern sie in der eigenen Partei gegen sein Kommando Seitdem führt er bas Leben des ewigen Prätendenten, der sich allmählich mit der Tatsache abfinden muh. daß sein Reich nicht wiederkehrt. AuS dem Kronprinzen des Austromarxismus i st ein Herzog von Orleans geworden. Roch immer hält er die konkurrenzlos besten Reden in Oesterreich. Rur schabe, bah man nicht mehr recht zuhört.
Der Doppeladler.
Der eine heißt Max und der andere - nicht Moritz, sondern Fritz. Beide sind im Nebenberuf große «Schriftgelehrte vor dem Herrn. Max schreibt soziologische Wälzer und Fritz physikalische Erkenntnisbücher. Außerdem hat er den Grafen StürgBj erschossen. Infolgedessen wurde er nach dem Umsturz an die Spttze der Partei berufen, in der man einen wilden Mann gebraucht hat. Und zwar vor allem, um die inS
Kochen geratene Volksseele durch daS leuchtende Beispiel eines polittfchen Attentäters, der nun auch ein guter Bürger der jungen Republik wurde zu beruhigen. Eine Aufgabe, deren jrin sich in den allerersten Rachknegsiahrsn glänzend entledigte. Worauf er nach Amsterdam abgehoben wurde. Deim auf die Dauer duldete Herr Dr. Dauer keine Götter neben sich.
Fritz Adler .ft der mildeste Attentäter aller Zeiten. Er besteht aus lauter menschlicher Seele und sozialem Gewissen und könnte keiner '.Fliege ein Leid antun Schließlich, kailerlich-königliche Ministerpräsidenten find ja auch keine Fliegen ... Unterschiede müssen gewahrt bleiben. Er hat etwas vom Rarren in Ehr.sto. Lange, wirre Haarsträhnen hängen tief in die zergrübelt» Stirn Geht er spazieren, hält er loittoäbrcnb halblaute Selbstgespräche. Aber er geht gar nicht n 5 tion, ba* ibn über die Kärntnerstraße hetzt Oder vielmehr: gehetzt hat. Denn jetzt erscheint er in Wien nur mehr als Fremder von Distinktion Leinen Wohnsitz hat er in Amsterdam ausgeschlagen, wo er bi« Geschäfte >. r Internationale besorgt, und zugleich in London, wo er Hendersons außenpolitisch« Reden schreibt. Tragische Ironie der einzige austrvmarristische Führer, dem es wirklich um etwas anderes ging. alS um die Karriere, ist zugleich der einzige, der wirklich Karriere gemacht hat. Tragisch ist diese Ironie freilich für bi« anderen.
Für Detter Mar. richtiger: Ramensvetter Max zum Beispiel. Hier erstickt exner in der Enge Wiener Kaffeehäuser, der zweifellos berufen wäre. Karl Marr' schon etwa- ramponiertes wissenschaftliches R>erk neu auf Glanz herzurichten. Iahrelang. jahrzehntelang war Max Adler der ewige Privatdozent ohne Hörer, da die jungen Herren, die die Wiener Universität bevölkern, mehr Interesse für Leibesübungen und Dierkomment nach ihren Pflichtvorlesungen zeigen, als für Herrn Adlers wissenschaftliche Fundierung der Dürgerkriegtheorie. Aus dem auch nicht mehr ungewöhnlichen Wege deS Äub- handels wurde der ewige Privatbozent dann mit einem Lehrauftrag und, was noch ent- scheibender sein mag. mit einer ausgiebigen Dotation für seine . Forschungen" bedacht Ietzt fehlt ihm eigentlich nichts mehr alS bas bißchen Weltruhm, ba» er freilich schmerzhaft vermißt. Wer sich nachmittags in ein bekanntes Wiener Stadtcafe verirrt, in dem pensionierte Schachspieler und beschäftigungslose Dozenten Haufen, fann hören, wie ein verbitterter aller Mann mit dem Oberkellner giftig über diesen verdammten internationalen Sozialismus räf saniert. der so gar keine Lust hat, sich von ihm neuen herrlichen Zeiten entgegenführen zu lasien.
Sie hessischen AusstihrunMesiimmunaen zum Amneftieaeseh.
Das vom Reichstag am 14. Iuli beschlossene Gesetz über Straffreiheit ist am 16. Iuli im Rerchsgesetzblatt verkündet worden und am 17. Iuli in Kraft getreten. Mit Erlaß vom 16. Iul-i hat der hessisch« Iustizministee die Strafversolgungs- und Strafvollstreckungsbehörden angewiesen, für bl« schleunige Durchführung de» Gesetzes Sorge zu tragen und unverzüglich zu prüfen, welch« Verfahren unter den Straferlaß, die Einstellung und die Strafmilderung fallen. Dl« Anfechtung einer gerichtlichen Entscheidung, durch die auf Grund des Gesetzes Straferlaß, Einstellung des Verfahrens ober Strafmilberung festgestellt wird, darf nur mit Zustimmung des Iusttzministers durchgeführt werden. Von d er über die Anwendbarkeit des Gesetzes getroffenen Entscheidung ist bet Beschuldigte ober der Verurteilte, sofern ihm nicht eine hierüber ergangene gerichtlich« Entscheidung zugestellt werden muß, durch die E tras verf olgungs- ober S tras voll st reckungsbe- hörde in Kenntnis zu setzen. Di« Tilgung der Strafvermer'e im Strafregister ist gleichzeit.g mit der Feststellung des Straferlasies herbei- zuführen.
Iäger muß wissen, daß auf dem Wasser ab- prallende Schrote, die fogenannten Riloschett- schüsse, einen Weg nehmen können, den man vorher nicht vermutet. Immer wieder denk« man an die alte Weidmannsregel: „Eine geladene Flinte drückt der Zufall ab!“
Doch von einem Abendanstand auf Wildenten will ich erzählen. Es war Ende Iuli in den Hundstagen nach einem sehr heißen Tage, als ich kurz vor Sonnenaufgang mit meinem braven Rimrvd hinauswanderte nach einem großen abgebauten Torf loch, um mich dort auf den Entenfall anzustellen Die Sonne neigt sich zur Rüste. Trotzdem ist es noch drückend warm und über den abgeernteten Stoppelfeldern, auf denen zum Teil der Pflug schon wieder vorbereitende Furchen gezogen hat, flimmert es in dem sinkenden Sonnenlicht von brütender Hitze. Schwüle und Staub. Die Arbeit ruht fast überall und nur der reichliche Blumenflor, mit dem der Iunker Sommer Auen, Wiesen und Heid« bestickt hat, belebt die Ratur mit bunter Pracht.
Plötzlich steht mein Rimrvd etwa 40 Schritt vor mir in einem blühenden Kartoffelfeld. Ich pfeife ihn ab, und gleich danach streicht ein Voll Feldhühner heraus. Sin starkes Gelege, 14 Stück, die alte Herrn« voran und die Iungen. tote kleine Wvllknäule .tropfenweise hinterher. Aber toerm die Iungen auch noch Hein, so sind sie doch schon vollkommen flügge: in vier Wochen zu Begtnn der Rebhühnerjagd werden sie gerade jagdreif fein. Weiter schreitend, führt mich mein Weg durch einen Dusch mit schlagfähtgem Mischwald. Im dürren Laub kraspeln und rascheln die Rötelmäuse, eine Drauracke läßt ihr tropisches Federkleid in den Strahlen der unterge&cnben Abendsonne leuchten und ein Eichhorn gleitet schwingend über die grüngolden glühenden Schirme der Fuhrenkronen.
Dei dem alten Tors loch angekommen, suche ich mir meinen Stand in einem dichten Weidenbusch und stecke meine kurze Iagdpfeise in Brand, denn die «Knitzen und Stechmücken sind ganz scheußlich lästig und blutgierig. Roch bin ich mit meiner Pfeife beschäfttgt. da höre ich. wie mit etlch, risch am moorigen Wasserrande zwei Bekassinen aufstehen und im Zickzackzuge obstreichen. Ich funke zweimal hinterher, aber nur eine kippt und fällt Mein braver Kurzhaariger hat gut aufgepaht und bringt mir den Schnepfenvogel. Ra, immerhin wenigstens ein Anfang. In purpurnem Violett verlöschen jetzt die letzten «Strahlen des sin
kenden Tagesgestirns. Wie «ine mächtige rosen- goldene Feuerkugel von geheimer Urkraft ist der Sonneball am Horizont verschwunden, und nur noch die leuchtenden Farbentöne und opalisierenden Reflexe schmücken die benachbarten Wollenkulissen und entzücken das vor Schönheit fast trunfene Jäger äuge. Es ist wie der Hauch von einer machtvollen Ewigkeit, dieses wunderbare. erhebende Raturschau spiel. Roch stehe ich versunken und benommen von soviel Raturpracht und ctTuigartigcr Schönheit Eine Eumpfohreule gaukelt in seltsamen Kunstflügen über den noch im rötlichen Licht strahlenden Abendhimmel. Da höre ich das eigentümliche, pfeifende, schwer nachzuahmende Geräusch streichender Enten unb gleich danach erkenne ich fünf Stockenten, die nach pfeilschnellem Gleitslug mit lautem Klatschen mitten auf dem Tors loch einfallen, an dem ich stehe. Schon habe ich meinen Zwilling angepackt und schieße zweimal auf die eingefallenen Enten. Ich sehe, wie zwei Enten nach dein letzten Schuß sofort wieder hoch werden unb in dem nahen Rohrgürtel verschwinden. Dann lasse ich meinen Rimrvd. der vor Iagdeiser nur auf einen Zuruf wartet, apportieren. Racheinander bringt er mir zwei wundervolle Stockenten, dabei einen Erpel mit vier schwarzgelockten Federn im Stoß, die ich schleunigst raube und an meinen Hut stecke. Die fünfte Ente ist wahrscheinlich angefchvsfen und hat fich gedrückt. Doch zur Rachsuche darf jetzt keine Zeit verwendet werden, sonst bekomme ich heute nichts mehr von Wildenten vor die Flinte.
Richt lange brauche ich zu stehen, dann höre ich wieder das eigene Pfeilen nahender Enten. Hoch über mir streichen drei kleine Kricken, und ich mache wieder zweimal Dampf auf sie. Aber obschon gerade spitz von hinten in den weichen Flaum der Wildenten ein recht günstiger Schuß ist, zeichnet keine von ihnen und ich habe sie offenbar glatt vorbei geschossen.
Die Ente äugt selbst aus großer Höhe ganz außerordentlich scharf und gilt auch ^onstalS vorsichtig und sehr heimlich. Rach dem Schuß taucht sie, wenn sie sich auf dem Waller befindet, gewöhnlich sofort, schwimmt lange Strecken unter Wasser, oder fo, daß sich nur die Schnabel- spitze übet Wasser befindet, und drückt sich dann, wenn irgend möglich gern in das Rohr, Schilf, oder auch in das Dulchwerk am User.
Run warte ich wohl eine halbe Stunde, ohne daß fich ein schießbares Wasserwild zeigt. Es wird stiller, die Schatten werden länger, die
pastellsatbigen, rot, qrun und blau getönten Lichter am fernen Horizont verblassen unb wandeln sich allmählich in das nächtliche Grau.
Ab und zu noch zeigen sich junge Wasserhühner und Taucher auf dem vor mir liegenden, wie mit einer grünen Patina überzogen'n Wasser, ein nimmermüder Rohrsperling schwatzt noch im Schlls, und die Frösche musizieren so fortissimo, daß man angespannt horchen muß, um auch andere Geräusche wahrzunehmen. Ietzt endlich höre ich wieder daS leise flatternde Pseifsen. Eine eiruelne Ente will .ratschend" am ien- feiligen Rande des Torfloches einfallen, doch kurz bevor sie den Wasserspiegel berührt hat. saßt sie mein Dlei hart an. Ich sehe, sie verendet auf dem mit Wasserlinsen dicht bedeckten dunklen Wasser liegen, schon ist mein Rimrvd unterwegs und bringt mir einen sehr starken, schweren Enten Vogel. Doch nach dem gelbgrünen .Löffel" 'Schnabel) und den braungelben „Rudern" (Füßen) zu urteilen, ist die Ente mindestens zweijährig und daher für die Küche weniger geeignet. Es ist eine Eigentümlichkeit der älteren Wildenten, daß sie leicht etwas tranig schmecken, darum gchöien diese besser in den Kochtopf. alS in die Bratpfanne. Run laste ich den Hund noch nach der vermeintlich angeschossenen Ente aus dem ersten Schoos, der mir heute abend kam, suchen, doch leider ohne den gewünschten Erfolg.
Es ist dunkel geworden, daS Düchsenlicht ist vorbei, und befriedigt mit meinen drei Enten- vvgeln und einer Bekassine an dem Galgen meiner Iagdtasche trete ich den Heimweg an. Eine berauschend schone Sommernacht breitet ihren schwärzlichen silberverbrämten Samtmantel über Wald und Flur. Don weit her schwingt das eintönige „Stlurffen“ der großen Rohrdommel zu mir herüber, die Rachtschwalben, niedrig übet Die Wiesen streichend, suchen sich ihre Aesung^ und drüben von der Eichenschonung her ,schmält" ein Reh.
Ich nähere mich dem Weichbilde meines stillen friedlichen Heimatortes. Seine toohllg anheimelnde nächtliche Ruhe umfängt mich wie ein immer liebevoller, schützender Mutterarm. Die vielen kleinen Blumengärten versenden heute ihr« märchenhaften Düste in verschwenderischer, üppiger Fülle. Der brave Rimrod hat meine An« nmft bereits gemeldet und von dem Erkerienstev meines Baues winkt mir eine liebevolle Frauen« Hand den Willkommengruß.


