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Nr. <6 Zweiter Blatt
Zeitungsschau.
Der seit Jahren erwartete und nun im Augenblick doch sehr überraschend gekommene Rücktritt des Reichswehrministers Dr. Gehler findet in der Presse aller Schattierungen lebhafte Kommentierungen, die sich mit großer Einhelligkeit dagegen verwahren schon als politische Rekirologe gelten zu wollen. Theodor Wolff widmet dem scheidenden Minister im (Berlin e r Tageblatt folgenden Abschiedsgruh „aufrichtig dargcbracht in der Erinnerung an manche Stunde der Verheißung, hinter der manche Stunde der Enttäuschung kam. „(Bei den meisten von denjenigen, die Gehler angreifen und tadeln muhten, blieb irgendwo in den unteren Seelenräumen doch immer eine letzte Sympathie für ihn wach. Wir alle empfanden die Tragödie dieses Sisyphos, der manchmal den Felsblock wirklich hinaufwälzen wollte und ihn dann gegen die eigene Brust herunterrollen sah. Er glaubte, oder wollte doch glauben, in dieser Reichswehr, die uns die Ententemächte statt einer Dolksmiliz gegönnt haben, mehr als der Zivilanwatt militärischer Etotansprüche zu sein. Aber verglichen mit diesem von der Umwelt abgeschlossenen, ummauerten Soldatenlager ist das Labyrinth klar und einfach ein Muster der Llebersichtlichkeit. Wenn man ihn fragte, warum Heer und Marine noch immer so un- republikanisch aussähen, appellierte er an die Geduld, erklärte er vorwärtsdrängende Kritik für hemmend, und mit all seinen Gründen wollte er nicht nur den Frager beschwichtigen, sondern mindestens ebenso sehr die Zweifel in der eigenen Brust. Obgleich durch viel persönliches Leid gelähmt, durch täglichen Aerger verbittert und im Kern seines ursprünglich frischen und humorvollen Wesens getroffen, wollte er gerade in dieser letzten Zeit, in der Affäre des Kapitäns Kolbe, des Prinzenfreundes, und bei anderen Gelegenheiten der rcpublikqnischen Staatsgesinnung Geltung verschaffen, aber die Herren der Kreuzer durchkreuzten jeden Versuch. Das Gerücht, dah die Tirpitz-Erben ihn gern verlieren wollten, klingt so unwahrscheinlich nicht. Was konnte ihnen ein Minister noch Wert fein, der nicht imstande gewesen war, ihnen die ersten der achtzig Millionen für das begehrte Parade- schifs zu bringen? Weit lieber hätte man dann doch den zuverlässigen alten Kameraden, den reaktionären Vottsparteilerabmiral Brüninghaus. Man hoffte vielleicht, diesen oder einen ähnlichen Freund in das Reichswehrministerium zu bringen, bevor die Lawine der republikanischen Wahlzettel solchen Möglichkeiten den Weg verbaut. Und erscheint nur der ins Amt des Reichswehrministers zu gehören, der Willen und Kraft hat, Heer und Marine in den republikanischen Staat einzuordnen, die trennenden Schranken zwischen der Reichswehr und dem Volke niederzulegen, den vom Mißtrauen gezogenen Graben zu überbrücken, die Wehrmacht mit den staatstreuen Massen in jener Gefühlsintimität zu verbinden, ohne die sie so unbrauchbar ist wie ein Segel ohne Wind. Wundert man sich, dah das republikanische Volk die Regenbogen, die man ihm bisweilen vorzaubert, nicht für vertrauenswürdige Drücken nimmt? Geßler hat zu lange auf seinem Posten ausgeharrt. Er ist nun, kurz. vor den Wahlen, zu früh und im falschen Moment gegangen. Arg zerschunden wie ein Hirsch im Zoologischen Garten, der fein Geweih am Drahtzaun zerreibt. Keinem Edelhirsch wird es besser ergehen, wenn das Drahtgitter unverändert bleibt. .
In der „Vossischen Zeitung" entwirft Georg Bernhard folgendes anschauliches Porträt von der Persönlichkeit Geßlers: „Schade ist s, daß die deutsche Politik Gehler verlieren muß, weil ihn das Schicksal gerade ins Amt des Wehrministers gebracht hat. Kein Minister ist so angegriffen worden wie Gehler. Unb an diesen Angriffen haben sich nicht bloß feine politischen Gegner, nicht bloß Parteifreunde von grundsätzlich anderer Einstellung, sondern auch persönliche Freunde Geßlers beteiligt, denen es jedesmal von neuem leid tat, die Klingen mit
Ankunst in Kotor.
Von Victor Klages.
»Kotor, Gospodin!"
Heben und Senken. Schwanken und Schaukeln. Gurgeln, Rauschen an der Wand. O, ihr altbekannten lieben Gefühle, Geräusche, Gerüche! Man streckt sich in der Koje, faßt an Metallenes. Was ist das? Wie kommt Metallenes hierher? Eine Koje ist aus Holz. Merkwürdig. Aber Da waren Schritte auf dem Gang, jemand hat was gerufen, ist wohl ein Glas, nun muß man ans Ruder —
„Kotor, Gospodin!"
Mit einem Sah aus dem Bett. Ja, dies ist beinah ein richtiges Bett, und da steht ein Waschtisch, und ein Teppich liegt am Boden... stimmt, wir sind zwanzig Jahre weiter, brauchen nachher keine Backbordgroßschot anzuholen, segeln nicht in der Südsee, nicht mehr, leider nicht mehr, wir dampfen in der Boka Kotorska, Die man früher ganz unverständlicherweise Bocche di Cattaro nannte, obwohl hier nie* manb italienisch spricht, und nun sind wir gleich in Kotor. Das war der Obersteward, der weckte.
Auf Deck keine Menschenseele. Die meisten sind in Grüsch ausgestiegen — ach ja, immer mub man sagen, wie diese Städte früher hießen: das ist also G r a v o s a. Es wütete ein Scirocco, und das Feminine wie das Maskuline hatte die Rase voll oder den Magen leer. Rur ein Paar Leutchen sind an Bord geblieben, die liegen noch zusammengerollt in irgendeinem Winkel. Es geht auf Mitternacht.
In der Boka ist es ziemlich ruhig. Schwarz, olles schwarz ringsherum. Wenn der Mond durch den Spalt jagender Wolken blinkt, erhascht man Konturen zyklopischer Berge. Born flimmern Lichter, wenige nur. Ehe man sich's versieht, toerben bie Lichter groß, es finb Laternen am Kai, der Maschinentelegraph klingelt rattemb. die Schraube schlägt rückwärts. Da ist Koto r.
-Unsichtbar im Finstern macht der slawische Sprachgeist eine Verbeugung unb bittet, bie erste Silbe dieses Stadtnamens kurz zu betonen.
Im Reiseführer hat das Hotel Puhalowitsch kinen Stern. Ich bin von Wien durchgefahren,
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für (vberhefsen)
Donnerstag, 19. Januar 1928
einem Manne kreuzen zu müssen, an dessen frischem Temperament und mutigem Draufgängertum man seine ehrliche Freude empfand Der Charme des Menschen ist vielleicht mit schuld an den Irrtümern des Ministers. Gehler gehört zu denjenigen, die durch ihre eigenen Reden sich selbst überzeugen lassen, unb bie immer bereit sind, durch den Gewinn einer Redeschlacht den Beweis für erbracht zu halten, dah sie auch wirklich gewonnen hätten, daß sie im Recht seien. Es gab keine undankbarere Aufgabe, als Gehler in einer Versammlung gegenüberzustehen. In öffentlichen Veranstaltungen hat er ja seit Jahren schon niemanden mehr gefunden, der das Risiko einer Abfuhr auf sich nehmen wollte. Aber in engeren Kreisen, und namentlich in den Dersammttmgen bet Parteifunktionäre. blieb es bis zum letzten Augenblick von Gehlers Parteizugehörigkeit für bie, bie seine Politik für verhängnisvoll hielten, eine schwere Pflicht, ihren Standpunkt auch ihm gegenüber zu vertreten. Es war für seine freundschaftlichen Gegner immer wieder dasselbe Schauspiel: elastisch und mit dem ihm eigenen, halb ironischen, halb gaminhaften Lächeln erhob sich der Angegriffene. Ein paar verbindliche Sähe für seine Gegner, unb bann, geschickt gruppiert, bie Darstellung bes „Falles", ober der sich schließlich multiplizierenden Fälle, darauf bie Schilderung der Schwierigkeit seiner besonderen Lage, die immer in bescheidene Formen gekleidete Darstellung seiner Leistung, und schließlich das Angebot, einen Besseren zu unterstützen, wenn man ihn auf den Tisch des Hauses niederlegen wollte. Es war beinahe unmöglich, diesem Redner den Beifall zu versagen, lind seine eigentümliche Mischung von Bon- hommie. Logik und Verschlagenheit blieb namentlich auf diejenigen seiner Gegner nie ohne Eindruck, die gewohnt sind, in Polemiken auch die Gründe des Gegners zu durchdenken unb an ihnen die Berechtigung des eigenen Angriffes nachzuprüfen. Leute, die zorngeschwellt zur Abrechnung mit Geßler erschienen waren, gingen schließlich nachdenklich aus dem Saale. An der Gehlerschen Beweisführung war zweifellos manches unwiderleglich. Vor allem kam man an einem seiner Argumente niemals ganz vorbei, das er in allen Variationen immer wieder geschickt in den Vordergrund schob: liebe Freunde, ihr wißt, was ich getan, ihr merkt vielleicht auch, was ich nicht getan habe, aber keiner von euch weiß, was ich verhindert habe. Vielleicht hat er wirklich viel verhindert. Sein Leitgedanke von der Uebernahme seines Amtes an war: ich muß mit vergrämten, verblaßtem Ruhm und vergangener Privilegienstellung nachtrauernden Menschen rechnen und regieren. Ich kann mir meine Offiziere nicht malen, ich muß sie deshalb klug, behutsam, menschlich und mit sehr weicher Hand behandeln. Ich werde späteren Rachfolgern in einer nächsten Generation eine neue Armee überlassen, die aus meinen Vorarbeiten herausgewachsen ist. Das sind Grundsätze, über die sich gewiß reden liehe. Unb mit diesen Grundsätzen hat Gehler, was ihm gewiß nicht vergessen werden soll, in einer sehr schweren Übergangszeit den Abbau einer großen Armee burchgesührt, und hat eine Ordnung geschaffen, die zunächst einmal mit jener dauernden Bedrohung der Republik unb ostentativen Einmischung des Offizierkorps in politische Angelegenheiten aufgeräumt hat, über die ja schließlich fein sozialdemokratischer Vorgänger gestürzt war."
Die „Kölnische Zeitung" meint: „Mit unermüdlicher Tatkraft hat Geßler im engen Vertrauensverhältnis mit dem Chef der Heeresleitung, General v. Seeckt. aus der Reichswehr eine Waffe geschmiedet, deren militärische Eigenschaften von den Sachverständigen der ganzen Writ anerkannt werden. Diese Arbeit konnte der scheidende Reichswehrminister nur leisten, weil er, unbeirrt durch alle parteipolitischen Angriffe, die besten Kräfte des alten Offizierkorps in den Dienst der neuen Organisation stellte unb sich nicht badurch beirren lieh, daß diese Kräfte durch ihre Tradition und chre Erziehung politisch nach bet pechten Seite des
über Zagreb und Suschak, dies ist die erste jugoslawische Stadt, in der ich übernachte, kein Weg, kein Steg zu sehen, alles mitternachtsschwarz, da wird es wohl richtig sein, wenn man_ ins beste Hotel geht. Der Träger meines Gepäcks läuft vornweg, durch ein Tor, über einen Platz, in eine enge, enge Straße, rechts um die Ecke, links um bie Ecke, aufreizenb hallen bie Schritte in bet schlafenden Stadt. Da schluckt ein weiter düsterer Eingang den Gepäckträger, er ist verschwunden, ich höre ihn nur, offenbar steigt er eine Treppe empor. Der Gepäckträger soll mir egal fein, aber mein Koffer nicht. Die Hände vorgestreckt, taste ich eilends hinterher. Es find Steinstufen, zwei halbe Treppen. Jetzt hör ich den Gepäckträger an eine Tür klopfen, es ist dicht vor mir, schon stolpere ich über den Koffer, den der Mann auf den Boden gesetzt hat. „Donnerwetter, laufen Sie doch nicht so!" Der Gepäckträger bleibt stumm, aber hinter der Tür, an die er geklopft hat, erhebt sich Gekreisch. Als die Tür bann aufgeht —
Dieses Bilb vergesse ich nicht, unb wenn ich 80 Jahre alt werbe. Eine Mumie steht ba, im Hemb. In ber einen Hand hat die Mumie ein flackerndes Wachslicht, mit der anderen hält sie sich eine weiße Decke vor den Bauch. Und kreischt. Meine Reise beginnt erst, ich verstehe kaum ein Wort Kroatisch, aber augenscheinlich ist dieses so etwas wie ein weiblicher Hotelportier. Ich bitte daher, auf Deutsch, um ein Zimmer. Das Herz hämmert ahnungsvoll. Die Alte beachtet mich gar nicht, sie spricht, wenn man das sprechen nennen [amt, in einemfort mit dem Gepäckträger, und jetzt beginnt sie, im Hemd, mit ber Decke vorm Bauch, bie Wachskerze in der Hand, einen langen, langen Korridor abzuschreiten. Gemächlich Fuß vor Fuß seht die Mumie, dabei geht sie ganz aufrecht, keineswegs gebückt wie alte Leute. Der Kofferträger hat mein Gepäckstück wieder geschultert, folgt dem Weib, trapp, trapp. Ich kann nicht gut Zurückbleiben, bilde also die Rachhut dieses Gespensterzuges. Die Alte hat jetzt aufgehört mit Reden.
Plötzlich fällt mir ein Wort ein, das einer von uns läufigen Tertianern während einer „Macbeth"-Aufführung vom Olymp des damals noch königlichen Hoftheaters in Hannover gerufen hat. Bekanntlich empfindet Lady Macbeth mitten in der Rächt das Bedürfnis, sich zu waschen, und zu diesem Zweck geht sie mit
Parieilebens hinneigten. Er wußte, daß diese hervorragenden Männer keine Simplizissimus- figuren, sondern an Bildung und Charakterfest ig leit. vor allem aber auch an Zähigkeit, ihre Ziele zu verfolgen, manchen andern Kreisen der Bevölkerung überlegen waren, dah es nicht anging, mit ihnen wie mit parlamentarischen Persönlichkeiten Kompromisse zu schließen, daß man sie vielmehr ganz im Interesse der ihnen anb er trauten Sache au: gehen lassen mußte. Daraus ergab such ein Zwiespalt, der in der ganzen amtlichen Tätigkeit Dr. Geßlers sichtbar bleibt. 2Iuf der einen Seite eine ginz außerordentlich ersprießliche Zusammenapbeil mit dem Reichswehrministerium in militärischer Richtung, ein Zusammenarbeiten zugunsten der militärischen Ausbildung der Reichswehr: auf der andern Seite sich ständig wiederholende und in ber Oef- senllichkeit sichtbare politische Zusammenstöße mit einzelnen Teilen des Offizierkorps, die bie sachliche Arbeit durchkreuzten. Es ist nicht bie Schuld Dr. Geßlers. daß diese politischen Gegenströmungen, die sich in hervorragendem Maß gegen die derzeitige Staatssorm richteten, nicht überwunden wurden: denn diese Widerstände sanden eine starke Unterstützung in den Rechtskreisen und Rechtsorganisationen, die sich immer wieder an einzelne Stellen des alten Offizierkorps heran- machten und sie unter (Berufung auf traditionelle unb soziale Zusammenhänge für ihre Zwecke ein» fingen. Gehler hat den politischen Widerständen ein großes, vielleicht allzu weitgehendes menschliches Verständnis entgegengebracht. Er empfand die seelische Gleichgewichtsstörung, bie ber plötzliche Umsturz gerade im Offizierkorps Hervorrufen muhte, als teilweise berechtigt und suchte im Interesse der sachlichen Arbeit mit seiner Person manche politischen Unstimmigkeiten vor der Oeffentlichkeit zu decken, in der Hoffnung, daß die Zeit von selbst einen heilenden Umschwung bringen werde. In dieser Auffassung zeigt sich ein durchaus vornehmer Charakterzug im Wesen Geßlers. der in allen vaterländischen Kreisen bleibende Anerkennung finden sollte. Es ist gewiß nicht richtig, wenn ihm von der Linken vorgeworfen wird, er habe solche Dinge vertuschen oder durch falsche Dementis aus der Welt schaffen wollen. Es war vielmehr fein Bestreben, im Interesse der sachlichen Arbeit und des Eindrucks nach außen vorhandene Gegensätze nicht zu verbreitern, sondern zu glätten. Wenn die Parteien fü: eine so weitsichtige und weitherzige Auffassung von* den Aufgaben des Reichswehrministers kein Verständnis zeigten, sondern stets unb ständig bei kleinen politischen Tagcsstreit- fragen zugunsten einer Propaganda einhakten, so hat Dr. Gehler für seine Tätigkeit die Anerkennung der auf der hohen Warte ihrer Staatsverantwortlichkeit stehenden Reichspräsidenten, sowohl des Sozialdemokraten Ebert, als auch des Reichspräsidenten v. Hindenburg gefunden, die sich mit Erfolg bemühten, seine Persönlichkeit im Wechsel ber Kabinette für bie ruhige Fortführung der Arbeit für die Reichswehr au erhalten, —
In der Bilanz ber Arbeit, bte Gehler für die Reichswehr unb für das deutsche Volk geleistet hat, wiegen seine Verdienste um den Ausbau unseres Heeres schwer, und die Geschichte wird an ihnen nicht vorübergehen können. Auch seine Bestrebungen, bie Reichswehr ber Politik zu entziehen, sollen dem scheidenden Minister nicht vergessen werden, wenn er auch in dem Bestreben, mit weicher Hand vorzugehen unb statt energischer Maßnahmen zu ergreifen, ber Zukunft eine Besserung zu überlassen, Mißerfolge aufzuweisen hatte. Das Vertrauen, das Gehler sich zeitweise erworben hatte, offenbarte sich, als ihn ein zwischenparteilicher Kreis, der sich um den Präsidenten Ebert geschart hatte, als dessen Rachfolger für die Reichspräsidentfchaft aufstellen wollte. Außenpolitischen Rücksichten, die gegen feine Person sprachen, unterlag damals seine Kandidatur. Dem Rachfolger Gehlers darf man wünschen, dah er neben der großen, zielbewuhten Arbeitskraft, der parteipolitischen Unabhängigkeit und dem vornehmen Takt seines Vorgängers die nötige Energie mitbringt, um endlich einmal die Reichswehr so vollkommen frei von parteipolitischen Verbindungen und Beziehungen zu
einer Kerze in den Zimmern spazieren. Kerzen pflegen zu träufeln, und träufeln heißt im hannoverschen Patois: dröppeln. „Lady, du dröp- pelst!" schrie der Lausebengel.
Auf dem nächtlichen Korribor des merkwürdigen Hotels Puhalowitsch in Kotor lache ich hell unb laut. Die Mumie hemmt den Schritt, wendet sich um, hebt das Licht hoch. Dev Äoff ertrüget steht. Ich stehe. Todesschweigen. Irgendwo knistert noch ein letztes Echo des Lachens in den Wänden. Man kann hier das Gruseln lernen.
Das Zimmer. Cs sieht bei der Kerzenbeleuchtung trauriger aus, als es ist. Ein deutsches Dorfwirishaus hat etwa ebensoviel aufzuweisen. Aber es sind zwei Betten in dem Zimmer, und ich bin doch allein, Gott sei's gellagt. Fange also an zu parlieren. Die Mumie spricht nur Kroatisch, ber Träger meines Gepäcks jeboch stottert ein wenig Deutsch, macht den Dolmetscher. Kurz: ein anderes Zimmer ist nicht frei, ich muß dieses nehmen, brauche nur ein Bett zu bezahlen, wenn aber noch ein Gast kommen sollte, wird bie Mumie ihn bei mir einquartieren. Wer soll, in Kotor, heute nacht noch kommen? Außerdem kann man jetzt nicht auf bie Suche gehen, ich sehne mich nach ber Falle, abgemacht, unb 25 Dinar kostet es. Der Gepäckträger kriegt sein Geld, verschwindet. Die Mumie, die ihr Licht auf den Rachitisch gestellt hat, tritt nahe an mich heran, beugt den Kopf nach vorn, giert in meine Brieftasche. Dreißig Dinar nehm ich heraus, die Mumie reißt mir das Geld aus ber Hand, nickt befriebigt, schnurrt etwas auf Kroatisch, geht. Ich bin allein.
Heut', da ich dieses schreibe, komm ich mir sehr lächerlich vor. Aber halten zu Gnaden... man kannte das Land noch nicht, wußte nicht, daß es die ehrlichsten, biedersten Menschen beherbergt, bie man sich denken kann. Ich schaute also zunächst nach dem Schlüffe!. Richtig, es war einer da, er drehte sich auch, aber er schloß nicht. Riegel keiner vorhanden. Immerhin waren vor den Fenstern dicke Läden, wenn es jemand auf mich abgesehen haben sollte, mußte er durch bie Tür kommen, diesen Trost hatte ich, und damit zog ich den Rock aus, um einen Anfang zu machen.
Ha, es tappt auf dem Korridor! Ich habe nicht einmal ein Taschenmesser bei mir, nur
machen, daß sie für ihre eigentliche militärische Aufgabe vollkommen frei wird unb aus dem Streit der Parteien endgültig ausscheidet. Die mannigfachen und begreiflichen Verbindungen einzelner Reichswehrkräfte mit ber radikalen Rechten haben praktisch bisher nichts weiter erreicht, als die Bestrebungen der Linken, aus der Reichswehr eine parteipolitische Truppe nach dem Muster des österreichischen Heeres zu machen. verstärkt worden sind. Eine Entwicklung dahin zu verhüten, ist der Wunsch einer ruhigen, sachlichen Kritik, die gerade von nationalen Kreisen an der Reichswehr geübt werden muß, besonders in dem Augenblick, in dem die »Auswahl der neuen leitenden Persönlichkeit für die Reichswehr in Frage steht."
Ein Notschrei der elsässischen Autonomisten.
Der Präsident ber Autonvmistischen Partei für Elsaß-Lothringen, Dr. K. Roos: Pfarrer A. F. H i r h e l, Vorstand des Heimatbundes für Elsah- Lothringen, und Postdirektor E. P i n ck, Mitbegründer der Straßburger „Zukunft", wenden sich mit folgendem Protest gegen die Gewaltpolitik Frankreichs in Elsaß-Lothringen an die Oeffentlichkeit: Seitdem die Unterzeichne:en. Mitglieder unb Führer der Heimatbewegung in Cl- sah-Lothringen, s i ch der Einkerkerung entzogen haben, hört die französische Presse nicht auf, diese Tatsache zu mißbrauchen, um die Bewegung, ihre Anhänger und Führer, herabzuwürdigen. Weder aus Scheu vor der Verantwortung noch aus Mangel an persönlichem Mut haben wir unser Land verlassen. Die letzten Gewaltmaßnahmen der französischen Regierung wurden schon lange als Stimmungsmache vor den bevorstehenden Kammerwahlen von uns erwartet. Darum waren wir unter den Bedrohten im voraus bestimmt, im neutralen Auslände eine Zuflucht zu suchen. Frankreich hat in Elsaß- Lothringen jede Meinungs-, Presse - unb Versammlungsfreiheit gekne - b e I1. Die Wahrheit darf jedoch, um des bedrängten Volkes willen, nicht ganz unterdrückt werden: So erheben wir nun als Landflüchtige unsere Stimme für die Volks- und Menschenrechte unserer Heimat! Die elsaß-lothringische Heimatbewegung hat ein hohes und ideales Ziel. Dieses Ziel steht im Zeichen des Selbst- bestimmungsrechtes und desMinder- heiten schütze s, der Völlzrversöhnung und des Weltfriedens! Alle Beschuldigungen, die von feiten Frankreichs dagegen erhoben werden, sind unbegründet, wenn nicht offensichtliche Torheit, so vor allem die Unterstellung einer Verschwörung gegen die Sicherheit des Staates, einer heimlichen Bewaffnung von Truppen, eines Mo- bilifierungS- und Mordplans, eines revolutionären Ministeriums sowie überhaupt jeglicher Gewalttat. Rur auf verfassungsmäßigem Wege, mit den Mitteln des Gesetzes unb des Rechtes teil! bie Heimatbewegung die Verwirklichung ihrer Forderungen erreichen. Die verlangt zumindest unb unbebingt:
Selbstverwaltung für Elsaß-Lothringen: Schuh des Volkstums unb aller Freiheiten: Schutz und Pflege der deutschen Sprache, die feit eineinhalb Jahrtausend die Muttersprache für eineinhalb Millionen Elsässer und Lothringer ist.
Ist die gesetzmäßige Vertretung dieser Forderungen in ber französischen Republik ein Staatsverbrechen, wohlan, so bekennen sich die Unterzeichneten zu dieser Schuld. Wir werden uns jedem Gericht stellen, bas uns Gewähr bietet für eine unparteiliche Rechtsprechung.. Frankreich hat indes in Elsaß-Lothringen bie Justiz zu Dienerin der Politik herabgewür- biat: niemand hat mehr Vertrauen zu ihr! Ueber zwanzig unserer Gesinnungsgenossen schmachten schon feit Wochen, zum Teil feit Monaten, im Gefängnis. In noch größerer Zah? sind schuldlose Frauen und Kinder ihres Ernährers beraubt und sehen sich in Rot und Elend gestoßen! Für sie alle erheben wir flammenden
eine (Nagelfeile. Die Tür geht auf, im (Notfall kann man mit den Gummihosenträgern... aber nein, woher denn, es ist die Mumie, die eintritt Sie hat einen Unterrock angelegen und bringt, weiß der Himmel, einen Mell>eAettel, auf dem kyrillische Lettern sich aneinanderreihen: keinen Dunst hab' ich Liebe Mumie, würde ich gern gesagt haben, elektrisches Licht habt ihr nicht, und einen Schlüssel, ber schließt, habt ihr auch nicht, aber einen Meldezettel, ben habt ihr. Wozu aber sollt' ich was sagen? Sie hätt's doch nicht verstanden. Am Rachitisch bei flackerndem Kerzenlicht, auf dem Dettrand sitzend, bie Mumie weiß neben mir, füll ich den Melbezettel aus, das heißt: ich schreibe der Reihe nach, von oben nach unten, Vor- unb Zunamen, Wohnort, Geburtsort, Taa ber Geburt, Reiseziel, es wird schon derselbe Zinnober sein wie bei uns. Die Mumie ist befriedigt, geht.
Während ich beim Entkleiden darüber nach- denke, warum wohl dieses Hotel im Reiseführer einen Stern hat, beim wenn es wirklich das beste Hotel in Kotor ist, bann bin ich mit einem Sprunge ans andere Ende der Welt geraten —, während ich so nachdenke, trappt es abermals auf dem Flur. Den Tritt kenn' ich nun. So schreiten keine ird'schen Weiber. Was will sie schon wieder? Ohne anzuklopfen, macht die Mumie die Tür auf, ruft: „Gospodin!" unb winkt. Ich bin in Unterhosen, es geniert bie Mumie nicht, mich notabene auch nicht, unb wenn ich rasch in bie Hosen fahre, so deshalb, weil in ben Hosen meine Brieftasche steckt. Die Mumie, die wieder einen Kerzenstummel spazieren trägt, führt mich auf dem Korridor ein Stück zurück, haut an eine große, klapprige Tür und sagt etwas auf Kroatisch, das wie Sao, klingt. Dann grüßt sie vornehm, indem sie die Rechte zur Stirn hebt unb langsam senkt, macht kehrt, verschwindet hinten im dunklen Gang.
Riemand kann es einem hundemüden (Reifen» ben, dessen Ruhe immer von neuem gestört wird, verdenken, daß er nicht rosiger Laune ist. Als die Mumie das brittemal zu mir kam, hält' ich ihr am llebsten meinen Berliner Hausschlüssel an ben Kopf geworfen, unb wen der trifft, der mag ein Vaterunser beten, beim dieser Schlüssel wiegt wohl ein halbes Pfund. Jetzt aber war mein Grimm der Reugierde gewichen. Während der Schein ber Mumienlerze verhaucht.


