Einzelbild herunterladen

Nr 297 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 18. Dezember 1928

IZa, da ereignet sich ja unterwegs eine ganze Menge, das war vorauszusehen. Zum Beispiel kann man erleben, wie die Sonne ganz pracht­voll ausgeht, mit vielen kleinen Sonnenstrählchen, aus einer dicken Wolke heraus. Und der Sommer kommt, schon auf dem Heimweg hinter den sieben Bergen, mit seinen Kindern und tanzt einen Abschiedsreigen, und dazu spielt das Gewitter­orchester mit der großen Pauke eine grausam schöne Musik auf der Bergwiese.

Natürlich ist auch der Winter da mit einem wunderbaren Gefolge von Kindern, Puppen, Sol­daten, Pferdchen und Bären und vielen herr­lichen Sachen, die man sich zu Weihnachten wün­schen kann, und der Nikolaus mit einem Christ­baum und der gute alte Mond, dem das Licht ausgeht, und Klirrebein, der Frost, als Trabant des Winters, hängt ganz dicke Eiszapfen an die Dächer.

Nicht zu vergessen sind auch Grips und Graps, zwei Diebe in der Nacht, der Zaunpfahl Steh» aniccf, die Laterne Blinzeblaak und vor allem das schöne grüne Regenfah Laufevoll. Die spie­len alle mit. Nun, man Hann halt nicht alles erzählen: Ihr werdet ja selber sehen und hören, was es zu sehen unb zu hören gibt.

Cs wird ein großer Aufwand getrieben, musi­ziert und getanzt und schön gespielt: fast alle Herren und Damen vom Theater spielen mit und sind guter Dinge dabei. Wir nennen nur etliche von ihnen: Otto Knur, den vergnügten, blon­den Wandermaler Pinkepunk, Äse Jahn und Ingeborg Scherer, die beiden Kinder, Alix K r a h m e r , däs Firlefänzchen, Karl Volck, den biederen Schildbürgermeister, der wie der Oberste von den sieben Schwaben daherkommt, und Lieselotte Fuhrmann, die Sonne, die wirklich in blendender Majestät aufging.

Lind die Kinder, sie hörten es gerne. Es war für viele kleine Leute ein wichtiger Nachmittag und eine dicke Borweihnachtsfreude. Vielleicht ist es späterhin sogar möglich, die Pausen ein wenig abzukürzen, und die Verwandlungen etwas zu beschleunigen, obwohl ja, wie man sagen hört, ein Kinderwcihnachtsmärchen gar nicht lange genug dauern kann. Dr. Th.

Südslavien an. Dies führte schließlich zum Ab­schluß eines Freundschasts- und Schiedsgerichtsverlrages zwischenIta­lien und der Türkei. Die gleichz-eiligen Bemühun­gen des italienischen Gesandten in Athen, Mar­chese Arlotta, -um Abschluß ähnlicher Verträge zwischen Italien und Griechenland und der Tür­kei und Griechenland waren bereits sehr weit ge­diehen, als plötzlich offenbar auf einen Wink aus Paris, V e n i z e l o s auf dir Bühne trat.

Man mag als Deutscher in vielfacher Hinsicht mit Denizelos und seiner politijchen Haltung, insbesondere während des Weltlrleges, nicht em- verstandcn sein, doch kann man ihm hervorragende Eigenschaften und vor allem auch politische Klar­heit und diplomatische Geschicklichkeit nicht ab­sprechen. Daß sein Herz eher nach Paris neigt als nach Rom. London, Berlin oder gar Angora, steht unzweifelhaft fest, er ist aber wohl viel zu sehr Grieche und Re.rldoli iker, als daß seine gefühlsmäßige Neigung irgendwie entschei­denden Einfluß auf die von ihm verfolgte Politik haben könnte. Zwar ist er von Paris als Gegen­spieler gegen das sich Italien nähernde bis­herige Kabinett auf den Plan berufen worden, heute aber treibt er bereits ausschließlich grie­chische Politik. Die klare Erkenntnis der Not­wendigkeiten für Fortschritt und Gedeihen seines Landes hat ihn auch ohne weiteres dazu ver­anlaßt, mit Angora zu gesunden Verhältnissen zu kommen, was man bei Antritt seiner neuesten Minisierpräsidenischaft in großen Kreisen bezwei­felt hatte. Fast ausschließlich seiner Aktivität ist es jedenfalls zu danken, daß die Verhand­lungen über die immer noch schwÄenden türkisch­griechischen Austauschfragen Beschleunigung er­fahren haben.

Nachdruck auch mit Quellenangabe verboten! Konstantinopel, Dezember 1928.

Auf aridere Verhältnisse übertragen, ist die Feindschaft zwischen Türken und Griechen jedenfalls bis heute zum allerminde­sten ebenso groß und ebenso ererbt und tra­ditionell, wie die zwischen Deutschen und Fran­zosen. Als der Türke zum erstenmal mit Europa in Berührung trat, stellte sich ihm als erster Gegner und vorderstes Bollwerk Byzanz ent­gegen. Es wurde um so erbitterter als Feind bekämpft, je zäher und verzweifelter es sich wehrte, um das Heilige Kreuz auf der Aja Sofia und den Gollxmen Thron von Ostrom zu retten. Der schließliche Ausgang dieses Zwei­kampfes konnte an der Feindschaft um so weniger ändern, als der türkische Säbels von da ab auch über große, mit griechischer Bevölkerung bewohnte Gebiete herrschte und endlich selbst das Stamm» und Mutterland Hellas unter sein« Faust zwang. Wenn auch das Kaiserreich Byzanz seine Entstehung keinesfalls den Griechen verdankt, so bildete es sich doch bald zu einem griechischen Kaisertum heraus, galt als griechisch und lebt heute in der Erinnerung und im Herzen jedes guten Griechen als griechische Blütezeit fort. Der Türk« blieb und ist auch heut« noch schlechthin Eroberer, der Grieche Kaufmann. Wo in der Welt ist es möglich gewesen, diese beiden diametralen Gegensätze selbst innerhalb einer Rasse, eines Doues zu überbrücken oder gar aus- zugleichcn? Wieviel schwerer mußte es hier sein, wo zwei an sich schon feindliche Völker jedes in ganz ausgeprägter Weise über gute und schlechte Eigenschaften des einen Standes verfügte.

Schließlich ist auch der Austausch der griechi- scheu D«>ölterung in Kleinasien und der tür­kischen in Mazedonien und Epirus, die neueste und gleichzei.ig größte Völkerwande­rung der Welt, von türkischer Seite nur aus dem Grunde gewünscht und durchgesührt wor­den, weil eben ein gedeihliches Zusammenleben beider Rassen in einem Staat als unmöglich angesehen wurde. Eine Vorstellung von dem tief eingewurzel en Haß der Angehörigen beider Rassen auseinander kann sich nur der machen, der Weiß, was für Greueltaien und Schreckensszenen ' die hin- und herflutenden Truppenmassen im türkisch-griechischen Kriege beglei'eten, oder wer die Zeiten während und kurz nach der Besetzung Konstantinvpels durch die Alliierten miterlebt hat. Mit der Ausweisung der Griechen aus Kleinasien hat zweifellos die Spannung gan- erheblich nachgelassen. Das wirtschaftlich dv- minietenbe Element in den Küstenstädten West­anatoliens, die kleinasiatischen Griechen, ist ver­schwunden und damit auch die Hauptursache zu ewigen Reibereien und Streitigkeiten und im­mer tiefer empfundener Feindschaft.

Di« allmählich fortschreiende Beruhigung auf beiden Seiten konnte durch oft mehr als feind­liche Presseseldzüge nur verzögert, aber nicht auf- gehalten werden. Dor knapp zwei Jahren hatte es diese Fehde sogar wieder fertiggebracht, daß man in Athen ganz offen vom bevorstehenden Marsch auf Konstantinopel sprach und im Traum schon wieder den griechischen Kaiser am Bosporus thronen sah. Das Ende des Mos- sulstreiteS mit England macht« auch diese wilden Ideen zunichte, und von da ab war das beider­seitige Streben nach friedlichem Ausgleich' der schwebenden Fragen und nach Führung der Der- Handlungen auf mehr sachlicher Grundlage merk­lich fühllmr. Es sei jedoch dabei nicht vergessen, daß die Strei igfeit und Beschleunigung dieser Entwicklung zum großen Teil auf auswärtige Einflüsse, Insbesondere Italiens und Englands, zurückzuführen war.

Es lag in der Linie der bekannten Balkan- Politik Italiens zur Einkreisung des SHS- Staates, alle Konfliktsstoffe der anderen Dolkan- staaten untereinander nach Möglichkeit aus der Welt zu schäften Zur Durchführung dieser Ab- sicht betrieb Italien auf das energischste auch die Einigung zwischen der Türkei und Griechenland und strebte ihre Einfügung in den Kreis um

Bereits seit den Bemühungen Arlottas stand für beide Teile, für die Türkei sowie für Grie­chenland, fest, daß der beiderseits gewünschte Abschluß eines Freundschaftsverttages erst dann zur Tat werden könne, wenn alle übrigen Streit­fragen vorher geschlichtet oder ausgeglichen wären, um der Gefahr zu entgehen, den Patt zur einen Farce werden zu lgs'en, wie etwa den zwischen Cüdsiawien unb Italien. Er sollte gewissermaßen alsSiegelunterdieendgültigeEini- gung gefetzt werden. Die Aufforderung des türttschen Ministerpräsidenten Ismet Pascha an Denizelos, Angora zu besuchen und die schwe­benden Fragen in persönlicher Aussprache zwi­schen den beiden Regierungschefs zu lösen, hat Denizelos dahin beantwortet, daß er im Prinzip die Einladung amrähme, jedoch erst zum tat­sächlichen Abschluß d«S FreundschaftSver- trages irach Angora kommen werde, o. h, daß vorher alles nocb Trennende au8 dem Wege geräumt sein müsse.

Griechenland hat ein großes Interesse an einer baldigen Regelung und vor allem an einem Ent­gegenkommen der Türkei: beim nach Lage der Dinge muh eine Regelung für Griechenland fi­nanzielle Opfer fordern, und zwar um so mehr, je unnachgiebiger sich Angora zeigt. Auf den großen Latifundien türkischer Staatsange­höriger in Mazedonien haben sich nach der Aus­weis uirg auS Kleinasien wegen der Abwesenheit der Besitzer fast überall griechische Flüchtling« angesiedelt. Griechenland ist nun verpflichtet, ent­weder die Besitztümer zurückzugeben oder die Besitzer au entschädigen. Beides aber bedeutet für Den gelb armen, innerlich zerrissenen Staat eine außerordentliche Defastung. Die Athener Regierung kann es sich weder leisten, den Besitzern kurzerhand eine angemessene Ent­schädigung auszuzahlen, noch die zahlreichen,eben angesiedelten griechischen Flüchtlinge aus ihren neuerbauten Wohnungen und von ihren neu­bestellten Feldern zu vertreiben. Die ganze tür- ttsch-griechische Austauschsrage ist daher jetzt be­reits auf die sogenannte west thra zische Frage zusammengeschrumpft und wäre seit Jah­ren erledigt, wenn Diese nicht bestände. Es ist aber auch sicher, daß sich die Lösung dieser Frage mit ihrer Verschleppung immer schwieriger gestalten wird, da eine Vertreibung der Siedler für Athen

Gießener Gtadttheater.

Fritz Peter Buch:Pinkepunk".

Sintemal und alldieweil das Christttndchen jetzt wieder einmal in nächster Nähe vor der Tür steht und es ringsherum und allenthalben schon nach Tannenbaum, Kurzen, Aepfeln, Äü sen und mancherlei Gebackenem riecht, war es nicht mehr als recht und billig, daß auch das Stadt- tbeater sich bet schönen und von alterSher über­nommenen Gepflogenheit des Weihnachtsmärchens erinnerte.

ES heißt diesmal .Pinkepunk', eine Mär- chenkomödie in fünf Akten von dem Frankfurter Theatermann Doktor Fritz Peter Buch, welche schon mancherorts aufgesührt wurde und sich goßer Erfolge rühmen kann. Hans Sattler t di« Musik dazu geschrieben (Lattung. Fritz e r n b a r b t), und der Spielleiter Karl D o l ck hat das Ganze mit seinen tüchtigen Helfern Karl Löffler, von dem die hübschen Bühnen­bilder stammen, Ludwig K e i in, der das Licht an- uno ausgehen ließ, Friedrich D o e ck und Erika S z u b i n s k i. die die Kostüme entwarfen, und Ilse Graes, die die Tänze einftubierte, mit viel Gemüt und liebevoller Sorgfalt in Szene gesetzt.

Es gibt ja nun in den fünf Atten dieses Mär­chenspiels so schrecklich viel zu sehen und zu Öören und zu lachen, daß man es in der Ge­schwindigkeit unmöglich alles wiedercr>ählen kann. Eine wichtige Rolle hat zum Beispiel ein junger Maler mit dem drolligen Namen Pinke­punk, der den Bürgern einer Keinen Stadt eine Sonnenuhr gemalt hat. Der soll doch wahr­haftig. Weils der ftrenge Bürgermeister so will, auch den Sonnenschein dazu llesern, was aber mitten im kalten und dunklen Winter und so hrrz vor Weihnachten, wie jedermann sich denken kann, keine kleine Sache i|L

Da bleibt dem armen Pinkepunk nix übrig: er macht sich auf die Reise nach der Sonne. Wit den beiuen Kindern Peter und Liese, weil die ja doch mit dem Sonnenstrählchen Firlefanz gut bc° freunbet sink); das Firlefänzchen kommt nämlich immer zu ihnen in chre kleine Stadt und spielt mit ihnen.

Dersöhmmgspaki zwischen Todfeinden

Don unserem v. ltt. »Berichterstatter.

immer mehr zur Unmöglichkeit wird, und die Türkei immer fester auf einer angemessenen Ent­schädigung bestehen kann. Das Intere fe Grie­chenlands an einer endgültigen Regelung ist also offensichtlich, und diese wird fraglos über kurz oder lang erfolgen. Ist die Frage gelöst und der Derttag geschlossen, so wird die Beruhigung weitere Fortschritte machen, doch wird di« ver­briefte Freundschaft auch dann noch nur ein« politische bleiben. Dazu sah die Feindschaft zwischen Volk und Dolk zu tief, und sind die Gegensätze in Charakter uno Denkart zu groß und allzu deutlich

Gegen die übemäßige Ausdehnung derZwangsversichecung

Die imReichs aus schuh der deutschen Mittelschicht" zus 'inm'ngesch'p enen Reichs- und Zentralverbände des gewerblich und geistig tätigen Mittelstandes und zwar: ReichSverband des deutschen Handwerks, Reichsschutzverband für Handel und Gewerbe, E. D., Hauptgemeinschaft des deutschen Einzelhandels, Zentralverband deut­scher Haus- und Gcundbesihervereine, E. D.. Schutzkartell Deutscher Geistesarbeiter, die mit ihren vielen hundert angegliederten Landes- und Fachvereinigungen den Werlaus größten Teil der deutschen Mittelschicht umfassen, wmden sich mit einer öffentlichen Erklärung an die Regierung und die gesetzgebenden Körperschaften, in der es u. a. heißt: Als Freunde einer rechwerstan- benen und zweckmäßig gestalteten Sozialpolitik erheben wir entschieden Einspruch dagegen, daß di« für die Arbeitnehmer geschaffenen Dersiche- rungen und Schuhmahnahmen auch auf Be- v ölkerun gs kreise ausgedehnt werden, deren befonbere Eigenart und Lebensbedürfnisse dadurch nicht gefördert, sondern ge­schädigt werden. Schon die Forderung, die Versicherungsgrenzen der Krankenversicherung bis zu 6000 Mark Jahreseinkommen zu erhöhen, hat die betroffenen Kreise lebhaft beunruhigt, weil sie auf andere Weise zweckmäßiger sich für Krankheitsfälle sichern können und sich da­gegen verwahren, daß Wohltat zur Plage ge­macht wird. Bewährte freiwillige Einrichtungen werden dadurch zerstört, die persönliche Verant­wortung wird geschwächt, der Will« zur Krank­heit dmch Zwangsversicherung unnatürlich ge­züchtet, und endlich wird der lebenswichtige Be­rufsstand der Aerzte und sein Vertrauensverhält­nis zu wertvollen Devölkerungs kreisen schwer ge­schädigt.

Dies« unheilvollen Folgen steigern sich zu einer ernsten Gefahr für den Mittelstand, für die ge­samte Wirtschaft und das ganze Volksleben, wenn die Krankenversicherung und andere Zwangsver- ficherungen auf die wirtschaftlich selbst- stündigen Volks kreis« ausgedehnt werden. Wie jeder unnötige Eingriff der öffent­lichen Hand, so schädigt auch ein« sinnwidrig ge­staltete und ausgedehnte Zwangsversicherung Die Selbständigkeit weiter Volksschichten und Damit eine unentbehrliche Schule der Verantwortung. Kaum eine Ausgabe erscheint aber gegenwärtig so wichtig für eine weitblickende Staatsverwal­tung und Sk^ialpolitik. wie die große Aufgabe, bl« Zahl bet Selbständigen als Kern einer stark» Mittelschicht und eines gefunben Volks leben- zu erhalten. Auch verwahren sich die durch die neuerlichen Bestrebungen be­drohten Volks kreis« mit allem Nachdruck dagegen, daß bei einer erweiterten Zwangs Versicherung der größt« Einfluß, Aufsicht anb Verwaltung, Be­ruf sgruppen zu fallen, von denen volles Verständ­nis für die eigenartigen Lebensnvtwendigkeilen der gewerblich und geistig tätigen Mittelschicht nicht erwartet werden kann.

Daten für Mittwoch, 19. Dezember.

Sonnenaufgang 8.01 Uhr, Sonnenuntergang 15.54 Uhr. Mondaufgang 12.22 Uhr, Monduntergang 23.24 Uhr.

1594: Gustav Adolf von Schweden in Stockholm geboren (gestorben 1632); 1741: der Nordpolar­reisende Vitus Bering auf der Beringinsel gestorben lgeboren 1680); 1878: der amerikanische Schrift- steiler Bayard Taylor in Berlin gestorben (geboren 1825); 1922: der Orientalist Friedrich Delitzsch in Langenschwalbach gestorben (geboren 1850).

Hessische Apotheker-Kammer.

Die Hessische Apothekerkammer trat dieser Tage in Darmstadt zu einer Sitzung zusammen. Die Regierung war vertreten durch Ministerialrat Prof. Dr. Hehl, außerdem wohnten der Mi­nister des Innern, L e u s ch n e r , sowie Mini­sterialdirektor S p a m e r der Sitzung bei. Der Jahresbericht des Vorsitzenden erwähnte, daß die Kammer des Ablebens von drei prominenten Männern gedacht habe, die zum Apothekerstanb bzw. dessen Kammer in näherer Beziehung stan­den. der Herren Ministerialrat Dr. CB e i I i n g , Sanität^rat Dr. Habicht und Finanzminister Dr. Henrich.

Die Umlage der Kammer wurde in gleicher Höhe wie im Vorjahr festgesetzt; bei der Sterbekasse trat Staffelung der Bei­träge ein. Sodann machte der Regierungsvertre­ter Mitteilung über den Stand der schweben­den Apothekenkonzessionen. In Darm­stadt werde eine Apotheke errichtet, etwa in der Gegend des Friedrich Ebertplahes: auch in Kel­sterbach, Nauheim bei Groß-Gerau, Bischofsheim seien die Vorarbeiten zur Errichtung von Apo­theken soweit gediehen, daß mit ihrer Cröff-- nung im Jahre 1929 gerechnet werden könne. In Bieber lägen die Verhältnisse recht schwierig, er­neute Verhandlungen wurden von selten der Re­gierung in Aussicht gestellt. Die Ausgabe einer Apothekenkonzession in Büdesheim bei Dingen wurde abgelchnt und in diesem Sinne der Re­gierung berichtet.

Das Gesetz über die Haftpflichtverbind­lichkeiten der Gemeinden in bezug auf nichtbezahlteApothekerrechnungen. das den Apothekern unter gewissen älmständen Bezahlung von Arneirechnungen durch die Ge­meinden gewährleistet, soll unverändert weiter­bestehen. Eine Aufhebung desselben würde zum Barzahlungszwang führen, wie er in den übrigen deutschen Ländern besteht, eine Maßnahme, die man ganz besonders in der heutigen Zeit als asozial bezeichnen mühte.

Die Q5o rar beiten zur Hinterbliebenen- versorgung sind abgeschlossen, doch hat sich in letzter Zeit die Möglichkeit des Anschlusses an die in Bayern bestehende Pensionskasse für 2ft)o- theker ergeben, so daß die ganze Sache auf einer Landesapothekerverwaltung noch­mals zur Beratung kommen soll. Dabei ist ui Aussicht genommen ein Vortrag des Vorstehers des bayrischen Dersicherungsamtes.

Ein Gesuch des Landesverbandes der Ortskrankenkassen wünscht, daß die Ver­leihung neuer bzw. Wiederverleihung heimgefal­lener Apothekenkonzessionen, die außer an einen Apotheker, an eine Gemeinde oder einen Kreis gegeben werden, auch an eine Krankenkasse er­folgen könne. Die Kammer lehnte auf das ein- gehend«, wohlbegründete Referat hin den Antrag ab und wird diesen Beschluß unter Beigabe der vorgetragenen Begründung mitieUen mit der Bitte, die Mlehnung weiterzuleiten.

DerWegsteizureignenHeimMe

Heber dieses Thema sprach am Samstag­abend im großen Hörsaal bet älniversität bet Leiter des HeimstättenamteS der deutschen Be­amtenschaft. Iohs. Lubahn, Berlin, auf An­regung der hiesigen Ortsgruppe des Bundes deutscher Dodenreformer. Auch eine Reihe von Beamt enorganisationen, einzelne Baugenossen­schaften. sowie der Mieterverein hatten zur Be­teiligung an dieser Veranstaltung «ingeladen.

Nach kurzer Begrüßung der Erschienenen durch Studienrat Dr. Heußel betonte der Referent des Abends zunächst, daß der Weg zur eige­nen Heimstätte über den Weg zur Volks- h e i m st ä 11« und dieser über den Weg der Bodenreform führen müsse. Bau von Heimstätten in Stadt und Land müsse das große Ziel sein, doch müsse sich der Heimstättenge­danke zuerst auf dem flachen Lande auswirken. Hierzu sei eine planmäßig« Innenkolonisation notwendig. Der Boden müsse sreigehatten wer­den von jeder Spekulation. Redner besprach bann eingehend die Gründung der Dodenrefvrm- betoegung und ihre Entwicklung, sowie die bis jetzt überwundenen Schwierigkeiten. Gr erwähnte weiter die Verankerung des Dodenreformgedan-

Der verfolgte Weihnachtsbaum.

Eine Goethegeschichte.

In dem Jahre, in dem Goethe nach Weimar kam, erschien kurz vor Weihnachten in der Wei- marischen Jagd- und Forst-Ordnung von 1775 das strikte Verbot,bie Wipfel der Tannen, Fichten und Kiefern zum Zweck der Anfertigung von Quirlen, von Aushängezeichen für Wein- imb Dierschank und zu ben auf Weihnacht ge- wöhnttchen sog, Christbäumchen zu mißbrauchen." Als Goethe ben Erlaß zu Gesicht bekam, blickte er erstaunt auf. Wie war das? Christbäume, waren ein Mißbrauch? Er erhob sich und ging ärgerlich im Zimmer aus und ab. Konnte er. der Dichter desJungen Werther", da,zu schwei­gen? Er trat an das Bücherregal biran und griff nach einem schmalen Bändchen. »Die Leiden des jungen Werthers. Leipzig, in der Weygand'schen Buchhandlung 1774" stand auf dem Titelblatt. Er blätterte. Schnell hatte er die Stelle gefunden. Da stand unter dem Datum des 20. Dezembers: Es war der Sonntag vor Weihnachten; abends kam er zu Lotten und fand sie allein. Sie be­schäftigte sich, ein ges Spielzeug in Ordnung zu bringen, das sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenk zurechtgemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden und von den Zeiten, da einem die unerwartete Oeffnung der Tür und die Erscheinung des auf- geputzten Baumes mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Aepfeln in paradiesische En Zückung setzte." Während Goethe das las, stand ihm so manches Weihnachtsfest vor Augen, auch der Weihnachts­abend, ben er als Leipziger Stubent im Hause des Kupferstechers Stock unter dem brennenden Christbaum erlebt hatte. Wie war das lustig in der engen Dachstube gewesen! 11 nb tote hatten bie Augen der beiben Seinen Mädchen geleuchtet! Hub in Weimar wollte man aus der sch neu. noch so jungen Sitte ein Verbrechen machen I Unerhört!

Aergerlich stellte er den »Jungen Werther" wieder an seinen Platz und überlegte, was zu tun sei. Sich direkt an ben Herzog toenb<n? Carl August liebte es nicht, wenn man sich in Dinge mischte, für die man nicht zuständig war. Und im ersten Jahre seines Weimarer Lebens galt es, dn wenig Diplomat zu sein, um ben Freund nicht

zu brüskieren. Es blieb also nur der direkte Appell an da- Forstamt.

Arn nächsten Tag ging Goethe zum Oberforst­meister. Mit all der Wärme, deren er fähig war, sprach der 26jährige von brr Poesie des Wcih- nachtsbaumes und von der staatlichen Aufgabe, erfreuliche Sitten wachsen zu lassen und zu schätzen. Aber der gestrenge Herr der staatlichen Waldungen sagte: es gäbe auch Sitten, bie in Wirklichkeit Änsttien seien, und wenn bie frommen früheren Jahrhunderte des Christentums ohne den Christbaum ausgekommen seien, so könne auch das unfromme Jahrhundert, in dem man sich jetzt befände, ohne solche Zerstörung der Nadelholz­waldungen auskommen. Denn wenn wirllich diese Gepflogenheit einzelner Famil en zur Allgemein­sitte würbe, die Perspektive sei für einen Forstmann, der es gut mit feinen Wälbern meine, nicht auszudenken. Gr würde nur einem Befehl des Herzogs weichen.

Goethe sah ein, daß hier nichts zu machen sei. Und da er weiter einsah, daß ein offener Kampf keineswegs sicher zu einem Siege führen würde, beschloß er, jetzt nicht zum Herzog zu gehen. Vom nächsten Tage ab aber begann er einen stillen Kampf gegen dieWeimars sch« Jagd- und Forst - ordnung . Er warb, wo er nur konnte, für die neue Sitte. Der Oberforstmeister von Wedel, der den steigenden Einfluß Goethes in Weimar bald sehr inten ib spürte, benutzte das Jahr der Ab­reise Goethes nach Italien dazu, dem Herzog zu melden, daß nicht weniger als 500 Christbäume im letzten Jahre verkauft worden seien, und um strenge Maßregeln gegen dieseBarbarei" zu bitten. Aber der Christbaum hatte sich bereits in der Hofgesellschaft und im Schlosse selbst so ein­gebürgert, daß an eine Abschaffung der Sitte schon nicht mehr zu denken war, Goethe hatte über das Forstamt ben Sieg davongetragen. Das freute ihn bis ins hohe Alter hinein. Hub es war für Goethe eines seiner schönsten Erlebnisse, als er am 24. Dezember 1822 unter dem brennenden Weihnachtsbaum seines Fürsten ein Gedicht niederlegen konnte, in dem er ben brennenben Christbaum als ein Symbol ber Liebe zwischen Volk und Fürst feiern konnte und in ben Flammen der Kerzen die Guttaten Carl Augusts und die Hingabe seiner Untertanen sah. Vo.