Hr 24f) Drittes Blatt
Der Wetzlarer Volksbank-Prozeß.
Erster Berhandlungstag.
Die von dem Geschäftsführer Kescher crus Metzlar während seiner Tätigkeit berderDolks- b an f e. G. m. b. H. in Wetzlar begangenen Verfehlungen gelangten nunmehr vor dem Berufungsgericht zur Verhandlung. Gegen das Urteil erster Instanz, das Schöffengericht Wetzlar, durch das der Angeklagte wegen fortgesetzter Untreue gemäß § 146 Genoss enschafts- gesetzes, wegen dreier Vergehen gegen § 147 gleichen Gesetzes, darunter ein Fall in Tateinheit mit schwerer Urkundenfälschung, sowie wegen dreier weiterer schwerer Urkundenfälschungen zu zwei Jahren sechs Monaten Gefäng- n i s, unter Anrechnung von drei Monaten Untersuchungshaft, sowie zu 500 Mk. Geldstrafe unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für drei Jahre verurteilt worden war, hatten Staatsanwaltschaft und Angeklagter Berufung eingelegt.
Den Vorsitz in der jetzigen Derufungsverhand- lung vor der Große nStrafkammerWetz- lar hat Landgerichtsdirektor Dr. Lehr, als Verteidiger fungiert Rechtsanwalt Dr. Dillmann ans Limburg.
Der Angeklagte Drescher wurde nach Verlesung des Urteils über seine persönlichen Verhältnisse und sodann über die einzelnen Purste der ihm vorgeworfenen strafbaren Handlungen gehört. Hiernach entnahm der Angeklagte in den Jahren 1924, 1925 und 1926 der Volksbank eigenmächtig sehr hohe Kredite, die seine Einnahmen erheblich überschritten. Um diese Abhebungen zu vertuschen, buchte er zum Schluß des halben Jahres fingierte Einzahlungen, die er aber gleich danach wieoer aus- buchte. Auch für ein Unternehmen, dessen Gesellschafter er war, die Metallgießerei und Armaturenfabrik in Wetzlar, bewilligte er eigen» mächtig, obwohl dieser durch Vorstands- und Aufsichtsratbesch luh nur 5000 Mk. Kredit bewilligt waren, weit höhere Kredite, die schließlich die Höhe von über 29 000 Mk. erreichten. Diese Firma geriet immer mehr in Zahlungsschwierigkeiten, und es kam schließlich zur Zwangsversteigerung, worauf der Angeklagte die Grundstücke und das Inventar erwarb und die Geldmittel hierzu teilweise aus der Volksbank entnahm, was er durch Falschbuchungen verdeckte. Das Anwesen hat später die Volksbank nach Aufdeckung der Unregelmäßigkeiten des Angeklagten mit 30 000 Mk. in Zahlung genommen und dabei noch 1 2000 Mk. eingebüßt. Auch an andere gab der Angeklagte eigenmächtig über das Aormale hinausgehende Kredite. In zwei Fällen hat die Volksbank hierdurch Verluste von rns- gesamt über 11 000 Mk. erlitten. Sich selbst schrieb Der Angeklagte in mehreren Fällen je Beträge über 1000 Mk. als Zinsen gut, obwohl er gar kein Guthaben, sondern Schulden hatte. Ende 1923 buchte er sich 1000 Mk. Aufwertung für ein Guthaben von 60 Millionen Papiermark gut Mit mehreren Überweisungen auf seine eigenen Konten bzw. das der Metallgießerei vom 30. Juni 1924 von insgesamt 1948,55 Mk. belastete er zunächst sein eigenes Konto, entlastete dies aber später wieder Durch falsche Buchungen. Den Erlös von über 80 0 0 OK E. aus verkauftenWe r t- papieren brachte er seinem Konto gut, obwohl ihm nur 433,36 Mk. zukamen. Die Volksbank mußte später wieder 8152,60 Mk. aufwenden, um für diese den Kunden gehörigen, von der Volks- bank verkauften Papiere wieder Ersah zu beschaffen. Für den Angeklagten gehörige Wertpapiere, die er der Volksbank zur Verfügung stellte, erhielt dieser 3500 Mk. gutgeschrieben. Als dann diese Papiere weiterverckauft wurden, schrieb sich der Angeklagte den Erlös dieser Papiere mit 3486 Mk. nochmals gut. Eine Entnahme des Angeklagten von 5500 Mk. ließ er über Reichsbankkonto pro Diverse ausbuchen, um vvrzutäu- schen, als ob das Geld für Dankzwecke ausgegeben sei. Er will mit dem Betrag den Erwerb der Grundstücke der Metallgießerei im Interesse der Volksbank getätigt und daraus sein Recht zur Entnahme des Geldes aus der Volksbaick hergeleitet haben. Eine Ueberweisung über 1000 Mark an die Rassauische Landesbank wurde ebenfalls nicht seinem Konto belastet und angeblich
Geld W vom Kimmel.
Vornan von paul Enderling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
20. Fortsetzung Nachdruck verboten
Si stand neben Grolleck unb goß ihm Tee ein. Herber Duft strömte aus chrem glatten schwarzen Haar. Tiergeruch — empfand er wieder — Wild- §erud). Ach, Surrmann würde Schöneres gedacht oben ...
„Bedienen Sie sich! Das nächste Mal weiß Si schon, was Sie brauchen. Nehmen Sie eine Wodka? Sie ist nach einem Rezept der Zarenküche gebraut. Oder Whisky? Sie dürfen nicht vergessen, daß die Nationen, die ihn am meisten trinken, die Well beherrschen: die Angelsachsen."
„Und Amerika?"
"Das ist ein raffiniertes Land, haha! Machen mir uns nicht vor: jener weise Gesetzgeber, der die Prohibition einführte, handelte wie Mohammed, als er seinen Gläubigen den Wein verbot."
Grolleck lachte. Aber seine Blicke blieben unruhig an den langen, schweren Händen drüben haften, die langsam über den Tisch zur Tasse krochen — wie Tiere mit eigenem Leben.
„Meine Tochter las mir neulich aus Schillers Briefen vor. Er bedankte sich da sehr sachverständig für eine Weinsendung, die ihm sein Verleger geschickt."
Grotteck fühlte sich freier, seit Inge ermäfjnt war. „Solche Verleger aehören heute in das Reich der Fabel wie die Seeschlange."
Brodersen ließ die Taste heftig niederklirren. Seine grauen Brillengläser blitzten ihn zornig an. „Sie Seeschlange — ein Fabeltier? Misten Sie nicht, daß sie im australischen Meer von glaubwürdigen Leuten gesehen wurde?"
,Las ist mir neu"
Der Stierkopf Brodersens war vornübergebeugt, als er in fast drohendem Ton fortfuhr: „Äsen Sie die Berichte von Le Soniew und vom Kabelschiff Osborn, das Seeschlangen von sechzig Fuß Länge beobachtet hat. Ich selber sah an der Queensland- küste eine, die mit einem jungen Walfisch kämpfte
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für lvberhessen) Donnerstag, (8. Oktober (928
dem gleichen Zweck, wie die vorstehenden 5500 Mk. zugeführt. Eine Lieferung für sich von einer Wetzlarer Firma über 1400 Mk. bezahlte der Angeklagte dadurch, daß er der Firma bei der Volksbank 1 400 Mk. gutbrachte, ohne jedoch mit diesem Betrag fein Konto zu belasten, vielmehr buchte er 1180 Mk. über das Provisionskonto Volksbaick und belastete sich mit dem Rest von 220 Mk. Insgesamt sind durch Falschbuchungen 2 5 0 0 0 M k. verdeckt. Hinzu kommen noch die gebuchten Entnahmen des Angeklagten, so daß auf diese W:ise 4 7 0 0 0 Mk. durch den Angeklagten veruntreut sind. Um bei der Aufstellung der Bilanzen ein günstiges Bild über den Stand der Volksbank zu geben, lieh er fingierte Bareinzahlungen erscheinen, die er aber sofort wenn fte ihren Zweck erfüllt hatten, wieder ausbuchte. Es erschien daher in den Bilanzen, wo ementlich Verluste erscheinen muhten, statt dessen Gewinn. Eine Reichsbankquittung über 34 100Mk. fälschte er zu dem gleichen Zweck, indem er eine „1“ versetzte, wodurch die Zahl 134 100 Mk. auf der Quittung erschien. In einem anderen
Falle fälschte er ebenfalls eine Quittung, ferner radierte er eine Eintragung, die eine fingierte Zahlung darstellte, wieder weg.
Cs begann dann die Vernehmung mehrerer Zeugen, iloj . des Bankiers Hertz aus Gießen, der dem Angeklagten über seine Tätigkeit bei dem Zeugen ein gutes Zeugnis ausstellte. Der Der- bandsrevisor Schneider, der bekanntlich die Verfehlungen des Angellagten aufgedeckt hat und in erster Instanz wegen Defangenh:it als Sachverständiger abgelehnt worden war, schilderte als Zeuge die Schwierigkeiten, die ihm bei der Revision durch den QlngeHagten gemacht wurden, ©o lieh sich u. a. der Kassenschrank nicht offnen, und er muhte erst durch einen Spezialisten gewaltsam geöffnet werden. Auch waren mehrere Bücher nicht auffindbar, angeblich waren sie beim Buchbinder. Erst nachdem der 3euge mit Haussuchung drohte, lieh sich der Angellagte dazu bewegen, die Bücher herbeizuholen. Rach Vernehmung einiger weiterer Zeugen beschloß das Gericht die Fortsetzung der Verhandlung am nächsten Sage.
Der gerettete Mainzer Dom.
Ein tausendjähriges Wahrzeichen deutscher Kunst und Geschichte.
Don Or. Walther Hötting.
In diesen Tagen wurde in Mainz, in Anwesenheit des päpstlichen Runttus, der alle Dom neu geweiht.
Aus allen Seilen Deutschlands sind geistliche und wellliche Würdenttäger, Architetten und Kunstfteunde nach Mainz geeilt, um der Weihe de sDomes beizuwohnen. Geht doch die Feier, die das „goldene Mainz" iw diesen Sagen beging, weit über den Rahmen eines Kirchen festes hinaus: in ganz Deutschland empfindet man Freude und Genugtuung darüber, daß es gelungen ist, eines der älteften und wertvollsten Baudenkmäler der Welt, den Mainzer Dom, vor dem Verfall zu retten. Kaum hatte man gehofft, dieses architektonische Juwel in seiner ursprünglichen Form erhalten zu können, und nur durch genial erdachte technische Methoden ist es gelungen, das Gotteshaus in seiner ursprünglichen Gestalt wiederherzustellen.
Auf ein Alter von mehr als 900 Jahren kann der Mainzer Dom zurückblicken, der das Häusermeer der Stadt wie ein Felsblock überragt. Merkwürdiges hat dieses Wunderwerk gotischer Baukunst im Lauf der Jahrhunderte erlebt: im Jahre 1009 Wechte der Erzbischof Willigis den damals noch bescheidenen Bau ein, und mit Stolz blickte der Kirchenfürst auf das Bauwerk, dessen Errichtung hauptsächlich seiner Satkrast zu verdanken war. Der Kirche war aber keine lange Lebensdauer beschieden, denn noch am Abend des Weihetages ging sie in Flammen auf. Well davon entfernt, den Verlust des Domes untätig zu beklagen, ging Willigis mit ungeheurer Energie daran, einen neuen Dau errichten zu lassen: aber er sollte die Vollendung dieses Reubaues nicht mehr erleben. Sein em zweiten Rach folger, dem Erzbischof D a r d o, blieb es Vorbehalten, den Reubau einzuweihen, der der abgebrannten Kirche nachgebildet war. Damals bot der Dom keinen so imposanten Anblick wie heute. Er war eine nicht sehr hohe Dasckika, die nur bescheidene Türmchen aufwies. Aber auch dieser Reubau fiel im Jahre 1081 einer Feuersbrunst zum Opfer: längere Zell hindurch tag die Brandstätte trostlos und verlassen da, bis sich Kaiser Heinrich IV. auf Anregung des Erzbischofs Adalbert I., entschloß, einen neuen Dom zu bauen, älnglücklicherweise behielt man damals aus falscher Sparsamkeit die alten Fundamente bei: man untersuchte nicht einmal den Baugrund, sondern ging unbekümmert ans Werk, indem man die alten Fundamente durch P fahl rost grün düng seickich ertoeiterte. Starke Mauern und gewaltige Pfeiler türmte man auf das schwache Fundament, der Dom bekam ein völlig verändertes Aussehen, aber schon nach verhältnismäßig kurzer Zell waren Ausbesserungsarbeiten notwendig, da sich
Schäden zeigten. Der Dom wurde nach Westen erweitert, und im Jahre 1200 mußten umfang- reiche Reparaturen vorgenommen werden. Die Gewölbe des Langfchifses und der Seitenschiffe wurden erneuert, und um dieselbe Zell begann Erzbischof Konrad I. den umfangreichen W e st- b au, der dann fast vierzig Jähre später von dem Erzbischof Siegfried III. ein geweiht wurde. 2m Lauf der Jahrhunderte veränderte sich wiederum der bauliche Charakter des Mainzer Doms. Der Einfluß der Gotik machte sich bemerkbar, die romanischen Türme wurden durch gotische Geschosse erhöht, und Spitzbogen legten davon Zeugnis ab, daß eine andere Geschmacksrichtung herrschte. Während man nun lange Zell am .äußeren Bild des Bauwerkes nichts veränderte, begann man das Innere der Kirche immer reicher auszuschmücken: die Zahl der Altäre wurde vermehrt, und heute noch kann man sich bei_ der Betrachtung der Reste vorstellen, wie prächtig die Inneneinrichtung des Domes gewesen fein muß.
Aber das Schicksal vergönnte dem Bauwerk kein ruhiges Dasein. Im Jahre 1767 schlug der Blitz in den West türm, in wenigen Stunden verzehrten die gierigen Flammen das Dachwerk des Westbaues unb des Langfchifses, und auch die Wohnhäuser, die die Kirche umgaben und sich gewissermaßen an sie schmiegten, blieben nicht verschont. Mit Energie und älmsicht nahm man den Wiederaufbau in die Hand, und es zeugt von der Kunstverständigkeit der geistlichen Würdenträger, daß sie diese verantwortungsvolle Aufgabe Franz Ignaz Reumann übertrugen, dem Sohn des Erbauers des Würzburger Schlosses. Unter seiner Leitung entstand ein Meisterwerk: er konzentrierte die Wucht des Daues auf den Westteil, und auf das gotische Linier geschah setzte er drei Kuppeln. Auch die Hauser, die die Kirche umschließen, wurden unter seiner Leitung errichtet. Streng achtete er darauf, daß sie möglichst niedrig gehalten wurden, denn sie fällten das monumentale Bild des Doms möglichst wenig unterbrechen, und zugleich wollte man auch die Feuersgefahr herabmindern. Kaum waren aber die umfangreichen Bauarbeiter! beendet, als ein neuer schwerer Schicksalsschlag das herrliche Bauwerk traf. Im Jahre 1793 war Mainz nach furchtbarer Beschießung den Franzosen entrissen und von den deutschen Armeen wieder eingenommen worden, und in der Rächt des 28. Juni, als der Kampf am heftigsten tobte, wurde das Dach des Langhauses von einer Feuersbrunst zerstört. Glücklicherweise trotzte der neuerrichtete Westbau dem Feuer, aber der Dom sollte dennoch seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen werden. Er wurde vom Militär beschlagnahmt, und die Mainzer Bevölkerung
muhte es sich gefallen lassen, daß man ihr Gotteshaus als Pferdestall und Heuschuppen benutzte. Llnaushorlich bemühte sich der Bischof Colmar, diesem unwürdigen Treiben ein Ende zu machen, aber erst am 15. August 1804 hatten bve Gläubigen die Genugtuung, in ihrem Dom wieder einen Gottesdienst abhalten zu können. Run hätte die herrliche Kivche eine Zell der Ruhe genießen können: aber schon machte sich ein Feind bemerkbar, dessen unheimliches Wirken immer erschreckender zutage trat. Der Ostbau zeigte tiefe Risse und Senkungen: leider erkannte man damals nicht die Llrsache des Tlebels, sondern glaubte nur, das; die Ostkuppel zu stark überlastet sei. Dom Jahre 1868 bis 1879 nahm man umfangreiche Ausbesserungen vor, aber wenige Jahrzehnte später zeigte es sich, dah die Ursache tiefer saß. Der Untergrund war nicht mehr tragfähig, und als man bann zu einer Untersuchung der Fundamente schrllt, muhte man feststellen, dah sie an einigen Stellen mehr als 60 Zentimeter weit in der Luft hingen. Ein großer Teil des Domes war nämlich auf einem Pfahlrost errichtet worden, der aus Eichen- und Lindenpsählen bestand. Während diese Stützen nun, solange sie reichlich vom Grundwasser durchtränkt waren, keine Zerfetzungs- erscheinungen zeigten, änderte sich dies als ihnen durch eine Senkung des Rheinwafserspiegels die Feuchtigkeit entzogen wurde. Das Pfahlholz begann sich zu zersetzen.
Sieben Jahre, von 1910 bis 1917, wurden aus den Mitteln der Kirche umfangreiche Dau- arbellen bestritten: dann war bfte bischöfliche Kasse erschöpft. Reue Untersuchungen hatten ergeben, daß äußerst kostspielige und technisch schwierige Arbeiten notwendig waren, um das Bauwerk zu erhalten. Zeigte sich doch unter der Rordwand ein Hohlraum von etwa 40 Zentimeter, und der Zustand des Domes erschien zuletzt bedrohlich, so daß man das Schlimmste befürchten muhte. Schließlich sah man sich sogar gezwungen, die Kirche zu schließen. Im Jahre 1924 begann man endlich mit den grun&* legenden Fundamentierungsarbeiten, aber erst 1925 — nachdem man drei Millionen Mark flüssig gemacht hatte — wurde das Werk energisch in Angriff genommen, am Auhenbau brodelte das Gestein, und am Westchor zeigte sich ein durchlaufender Rih, der so breit war, dah man den Arm hineinlegen konnte. Richt weniger als 10 000 Kubikmeter Beton hatte man bis zum Jahre 1927 verbraucht, um die Fundamente durch neue Betonfundamente von drei Meter Tiefe zu unterfangen. Der Laie kann sich keinen Begriff davon machen, wie unendlich vorsichtig diese Arbeiten vorgenommen wurden. Schächte muhten unter den Pfahlbau getrieben werden, und oft weigerten sich die Ar bell er, in die Stollen hinabzusteigen. Wie ein kranker Mensch heilende Einspritzungen erhält, bekam das Bauwerk Injektionen von Detvnmörtel. Die verwitterten Flächen des Westturmes wurden mit wetterbeständigem Sandstein verkleidet. Zum Leidwesen der Baumeister konnte man die alte Zwickelform des Westturms nicht ganz beibehalten: man suchte vielmehr eine Form, die sich in architektonischer Hinsicht der alten möglichst an glich. Durch technische Berbesierungen, hauptsächlich aber durch die Verwendung besonders hochwertigen Zements, ist es gelungen, die Renovierungsarbeiten wesentlich zu beschleunigen. So wurden wichtige Arbeiten in drei Monaten ausgeführt, zu deren Fertigstellung man früher zehn Jahre gebraucht hätte. Run ist dieser herrliche deutsche Dom gerettet, und das Reich, das Land Hessen und die Stadt Mainz sehen sich für die finanziellen Opfer, die sie gebracht haben, reich belohnt.
päpstliche Orden zur Mainzer Oomfeier
WSR. Mainz, 17. Oktober. Anläßlich der Domfeier hat der Papst folgende Auszeichnungen verliehen: FinanznnnisterKirnberger und Ministerialrat Dr. Schrod das Komturkreuz des Heiligen Gregorius, Legationsrat Dr. Heinemann das Ritterkreuz des St. Silvesterordcns, die gleiche Auszeichnung erhielt Dombaumeister Professor Dr. B e d c r. das Kreuz pro ecclesia et pontifice der Architekt Knopp.
und ihn bewältigte. Sie erwürgte ihn wie die Boa ein Kalb und zog ihn hinab."
Grotteck wollte fragen, wieviel Whisky er damals gerade geleert hatte, aber er wagte keinen Scherz und murmelte nur etwas von der Möglichkeit einer Sinnestäuschung.
Er bereute seinen Einwurf sofort. Brodersen schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Tassen und Karaffen zu tanzen begannen. „Wie können Sie nur jo etwas glauben! Ich s a h sie doch."
Grotteck begriff nicht, wie man sich über eine Seeschlange so erregen konnte. „Natürlich, wenn Sie sie sahen ..."
„Freilich sah ich sie mit meinen eignen Augen. Ich war damals dreißig Jahre alt und hatte Augen wie ein Seeadler. Wie ein Seeadler", wiederholte er leiser, und seine Stimme bekam einen weichen, fast traurigen Beiklang.
Aus dem Nebengarien rief eine gutturale Stimme: „Mister Brodersen?"
Der Angerebete warf sofort seinen Körper in der Richtung der Stimme herum und rief lachend: „Kommen Sie nur, Frau Gräfin. Hier sitzen zwei Bewunderer von Ihnen, ein alter und ein junger. Zum Aussuchen."
Grotteck beugte sich über die Brüstung, um zu sehen, wessen Bewunderer er sei. Eine kleine, korpulente Dame im grauen Haar stand am Gartenzaun und klagte: ,2ch kann leider nicht. Ich bin doch Sklavin des gräßlichen Gartens, und der Gärtner läßt mich wieder im Stich. War er schon bei Ihnen?"
,2a. Entschuldigen Sie schon, daß ich so ungalant war, ihn anHuneymen. llebrigens werden Sie mit jedem Tage jünger und schlanker."
Die Gräfin quittierte über das faustdicke Kompliment mll glücklichen Trillern. „Immer Schwerenöter, der Mister Brodersen! Denken Sie, Spaziergänger haben wieder meine schönen Forsitien geknickt. Was macht man nur gegen dies Gesindel?"
„Schießen!" brüllte Brodersen überzeugt hinunter. „Ober lassen Sie einen Ihrer Panther los!"
Nun wußte Grotteck, wer die Dame unten war. Einst hatte sie als Miß Lawrence, die kühne Löwenbändigerin, die Plakate aller Zirkusse der Welt geziert. Ihre Amölf abessinischen Löwen waren berühmt gewesen. Tausende hatten in wollüstigem Grauen geschaudert, wenn sie dem größten den
Kopf in den weit aufgesperrten Rachen gesteckt hatte. Eines Tages hatte sie ein ungarischer Graf geheiratet, die Bestien wurden verkauft — nicht ohne einen Verzweiflungsausbruch der Dompteuse, die nun ihren Kopf in den Rachen der Ehe steckte.
Merkwürdigerweise war die romantische Ehe glücklich geworden, während die Tiere dem Nachfolger kein Glück brachten: sie kamen auf einer süd- amerikanischen Tournee bei einem Eisenbahnbrand um. Nun war die Gräfin längst Witwe und saß mit den Resten ihres Vermögens in ihrer Vaterstadt, dick und rund, keineswegs an ihre bunte, gefährliche Vergangenheit erinnernd.
„Meine Panther? Ach, hätte ich sie nur behalten! Wissen Sie, daß man mich einmal im Cirque Me- drano in Paris pfänden wollte? Ich saß inmitten meiner Panther und sagte: ,8 il vous plait, mou- sieur?' Was für eine Zeit! Le Ri re brachte eine glänzende Karikatur des armen Beamten. Ist Fräulein Inge nickst da?"
„Nein, sie fpielt Hausfrau und kauft ein»"
„Hausfrau? Caracho. Das riecht so nach Marktkorb und Saisonausverkauf."
„Was wollen Sie? Die Zeiten sind schlecht. Also ich schicke fie Ihnen, da sie sich doch nicht zu mir herwagen."
Sie lachte kokett hinauf. „Sie sind mir zu gefährlich, Mister Brodersen."
Brodersen wandte sich wieder seinem Gast zu. ,2ch habe Miß Lawrence, die eigentlich Lorenz hieß, in Konstantinopel kennengelernt. Es ist lange her, und daß wir einmal Nachbarn werden würden, hätten wir uns nicht träumen lassen. Sehen Sie mich nicht so spitzbübisch an: verliebt habe ich mich auch damals nicht in sie, by Iove."
Grotteck war verwundert: er hatte den Hausherrn gar nicht angesehen. Sein Blick war gerade auf die Straße abgeirrt, wo ein Auto herankam. Aber er wagte nicht zu widersprechen.
„Welches Instrument haben Sie heute schon gespielt, Sie vielseitiger Tausendkünstler?"
„Heute war freier Tag. Ich spielle heute nur das königliche Spiel."
,Also Schach. Haben Sie mein koreanisches Spiel gesehen? Es steht da drinnen irgendwo und verstaubt."
Grotteck, der das für eine verhüllte Aufforderung ansah, lud ihn zu einer Partie ein. Es war ja auch
, der beste Ausweg, um hier auf Inge zu warten. Er würde schon dafür sorgen, daß die Partie sich hinzog.
„Sie sind zu liebenswürdig, wirklich." Brodersen reichte seine Hand herüber. „Aber ich bin gar nicht in Form, wie die Sportleute sagen." Grotteck begriff nicht, womit er dem „Gorilla" solchen' Gefallen getan hatte, daß er ihm immer wieder und wieder die Hand drückte.
Aus der Partie wurde nichts. Brodersen begann wieder von feinen Reisen zu erzählen und unterbrach sich plötzlich mit der unvermittelten Frage: „Bringt Grotthausen viel ein?"
Grotteck war empört. „Das dürfte Sie kaum interessierens
„Nehmen Sie es einem Geschäftsmann unb allen Mann nicht übel," sagte Brodersen ganz sanft, „wenn er so geradeaus fragt. Aber die Zeiten sind für Deutschland nicht gerade rosig angehaucht. Können Sie davon leben?"
„Das klingt ja wie ein Verhör", bemerkte Grotteck gereizt. „Ich komme aus, und mehr braucht man nicht."
„Warum wohnen Sie nicht dort, in Ihrer Heimat?"
„Sie wohnen ja auch nicht in Ihrer Heimat." Er fühlte die Ungezogenheit seiner Antwort, aber freute sich ihrer. Das Sprunghafte in Brodersens Unterhaltung hatte ihn verwirrt. Er hatte das Ge- fühl, daß der düstere alte Mann dort mit ihm spielte, daß alles nur dazu bestimmt war, das Gespräch unübersichllich zu machen, um jäh mit einer entscheidenden Frage den geplanten Ueberiall zu machen. Und plötzlich kam ihm der Gedanke: Inge ist gar nicht fort, sie ist irgendwo in diesem weit- läufigen Haus, unb man verheimlicht sie vor mir
Brodersen schien die schlechte Laune seines Besuchers nicht zu merken. „Künstler müssen Schwierigkeiten haben. Reibung erzeugt Wärme unb ©lut 2Iber es muß Spielraum da (ein. Kein Flugzeug steigt senkrecht aus ber Tiefe in die Luft Ich wünschte. Ihnen einen solchen Anlauf geben zu können.
--Ich verstehe Sie nicht"
Brodersen beugte sich herüber unb sagte so leise, wie es seiner Stimme möglich war: „Es wird unter uns bleiben. Wieviel brauchen Sie?"
(Fortsetzung folgt.)


