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Hr.167 Zweites Blatt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch. (8. Zull (928

Oie Heilstätte für Tuberkulose der oberen Lustwege.

Wenn diese Zeilen vor die Äugen unserer Leser kommen, gehört die heute in der Mittags­stunde vvrgenommene Grundsteinlegung der neuen Heilstätte für Tuberku­lose der oberen Luftwege bereits der Geschichte an Mit diesem Heilst ättenbau wer­den unsere Stadt und da- Land Hessen, ja die leidende Menschheit überhaupt um eine Einrich­tung bereichert, von der man größten Segen im Kampfe gegen die furchtbare Geißel der Menschheit, die Tuberkulose, erwarten kann.

Die neue Heilstätte wird bekanntlich «m der Gasskystrahe. in unmittelbarer Nachbarschaft des Lupusheim", errichtet. Die Gesamtanlage erfordert einen Kostenaufwand von etwa mner Million Mark, wozu der Hessische Staat 210 000 Mark schenkungsweise be.steuert Die übrigen Geldmittel werden durch den 5>essischen Landes- verband zur Bekämpfung der Tuberkulose (Heil- stättenverein) aufgebracht. Ilm die Beschaffung dieser Mittel ift der rührige Dorslhendc deS Heilstättcnvereins. Präsident Dr h. c. 21 t u - mann «Darmstadt), in vorbildlicher Weise be­müht Die Stadt Gießen hat in aner­kennenswerter Weise das gesamte Gelände von über 10 000 Quadratmeter Große in Erbpacht gegen eine ganz geringe «Entschädigung dem Heilstättenverein überlassen und so auch ihrer­seits das hohe Interesse der Univcrsitäts- und Provinzialhauptstadt Gießen an dieser Cinrich. tung bekundet. Hm die Errichtung der Heil­stätte hat sich der Direktor der LlniversitätS-

Lmik für Ohren-, Olafen- und Halskrankbeiten, Prof. Dr. Drüg^ernann, große Verdienste erworbene ihm wird die Leitung der neuen Heilstätte übertragen. Die Pläne zu dem (Bau entwarf der Architekt (Bautet Hans Meyer (Dießen), unter dessen Leitung der gesamte Dau errichtet wird. Die örtliche Bauleitung hat der Bauführer Otto Seibert auS Reichelsheim inne. Die Maurerarbeiten übernahm die Firma M Abermann (Gießen), die Ausführung der (Betonarbetlen erfolgt durch die Gesellschaft für (Beton- und Eisen betonbau m. b. H. in Gießen. Der erste Spatenstich wurde am 1. Mai d. 3. vorgenommen. Für die Fertig­stellung des gesamten Baues find l1/» 3ahre vorgesehen. Die neue Heilstätte besteht aus drei Gebäuden: einem Haupt-, einem Wirt­schaft-- und einem Rebenbau.

Das Hauptgebäude.

3m Hauptgebäude befinden sich die Räu­me für Fvrschungs- und Heilzwecke. Gs besteht auS Keller-. Erd- und drei Obergeschossen Die Grundrihanordnung wurde in Form eineS Win­kelbaues gewühlt, Sefien Schenkelseiten eine Länge von etwa 42 Meter und 47 Meter, also 99 Meter Fassadensront abgeben. Die Innenfeilen dieses Wiittelbaues sind direkt nach Süden ge­

richtet. um die denkbar beste Beleuchtung für die Ätanienräume zu ermöglichen, die sämtlich mit großen LiegeballonS ixnebcn werden. Durch kräftige Rücklagen und zweckmäßige Ausbauten, insbesondere an den Tages räumen, wird die Mo­numentalität des Baues vor.eilhaft gesteigert. Die Durchschnittshöhe des Gebäudes beträgt 17 Meter Es wird mit einem flachen Dach venehen. das mittels Fahrstuhls und Treppenanlage auch für Krante leicht erreichbar ist. Die begeh­baren Flächen sollen Patenten für Heilzwecke bzw. zu Licht-, Luft- und Sonnenbädern dienen.

3m Kellergel choß befinden lich mehrere Laboratorien und die therapeutischen Bäder, so­wie sonstige für die Be^"dlung notwendige Rebenräume. Au' erdem wird daselbst die zen­trale Heizungsanlage uno Die Wohnung deS Hausvenr alters untergebracht.

Dos Erdgeschoß enthält neben dem Haupt» eingang eine zentral gelegene große Treppen­halle mit dem Personenaufzug. die beide durch die vier Stockwortc desHau'e^ einheitlich durchge­führt werden. Diese Halle bildet gleichzeitig ten LIebersichtspunlt nach den beiden rechts- und linksseitig gelegenen Flügelbauten. 3m Anschluß an die Haupteingangshalle befinden sich der Auf­enthaltsraum des Pförtners und die (Verwaltung. Während der linksseitige Flügelbau eine Auf­nahmestation für etwa 15 Kranke enthält, wur­den im rechtsseitigen Flügel die Raume für Untersuchung. Operation. Sterilisation und ein größeres Röntgenkabinett eingerichtet. Außer­

dem befinden sich daselbst ein Raum für Belich­tung und Kehlkopsbestrahlung, ein Rauminhala­torium und ein Saal für Einzelinhalativn. ferner werden für spez. Behandlung drei Kannnern für Reinluft-Inhalation, sogenannte allergenfreie Kammern eingebaut Für die spez. Einrichtung dieser DehanolungSräume werden die neuesten Errungenschaften auf mechanisch.technischem Ge­biet zur Anwendung tormnen, und so dem Insti­tut in vieler Beziehung große Vorteile bringen.

3m ersten und zweiten Obergeschoß befinden sich die Räume für die Kranken, und zwar soll die erste EtageRäume für Männer enthalten, die zweite Etage für Frauen einge­richtet werden. Insgesamt formen tn dem Ge­bäude 75 biS 80 Kranke untergebracht werden. Durch die zweckmäßige Anordnung der Treppen­halle wird jede Etage in zwei Stationen ge­teilt so daß eine Trennung der schwerer Er­krank ten ron leichten Kranken sehr gut durch­geführt werden kann. Llntersuchungsräume,- der, Toiletten. TageSräume und geräumige Flure vervollkommnen die zettgemähe Einrichtung. In der Halle deS ersten Obergeschosses, also außer­halb der Krankenräume, sind die Räume deS Direktors untergebracht Im zweiten Oberge­schoß befinden sich bafdbft die Räume deS Ober- arzteS, der Bibliothek und der Sammlung.

Im dritten Obergeschoß befinden sich im rechten Flügel die Räume der Schwestern und deS weiblichen Personals. Im linken Flü­gel und im Änfchluh der Treppenhalle werden die Räume für die Assistenz- und Bolontärärzte eingebaut Außerdem verbleibt noch ein großer Teil für Vergrößerung, der zunächst als Auf­bewahrungsraum dient

Durch Höherführung des Mittelbaues werden AuS- und Anlleideräume für alle diejenigen ge­schaffen. die das Flachdach aufsuchen werden.

Daß die gesamte Einrichtung alle Reuerungen der Technik aufnehmen und die Ausstattung Zweckmäßigkeit. Schönheit und Hyg ene in sich vereinigen wird, ohne dabei irgendwelchen LuxuS zu treiben, ist selbstverständlich.

OaS Wirtschaftsgebäude

enthält eine umfangreiche moderne Küchen­anlage mit allen hierzu erforderlichen Reben- räumen für Kühlung, Reinigung und Geschirr- desinsektion u. dgl. In bie'c n Gebäude werden auch die Räume für die Wäscherei. Trockneret und Plätterei untergebracht. Außerdem sind mehrere Wohn- unb Schlafräume für das Küchen- personal Dorge'cven. Die Einrichtung und An­lage wird tn jeder Beziehung den Zwecken und Anforderungen der neuen Heilstätte gerecht werden.

Das Nebengebäude.

In dem (Nebengebäude wird eine größere Des­infektionsanlage für (Betten u. dzt gescha'fen und auch ein Verbrennungsofen für verbrauchte Ver­bandstoffe usw. untergebracht. Ferner befinden sich daselbst die Stallungen für Impftiere mit den zugehörigen Futterräumen, Laufplatz und Sonstigem.

Oer Grundstein

wird eine künstlerisch ausge'ührte Hrfunbe ent­halten, in welcher die wichtigsten Punkte aus der Entstehungsgeschichte der neuen Heilstätte an­geführt werden. Dieser Llrkunde werden ferner noch folgende Gegenstände beigelegt: Ein Adreß­buch der Stadt und des Kreises Gießen, mehrere Pläne über die projektierte Heilstätte, der Gießener Anzeiger vom 18. Iuli 1923, die Ober» hesfische Volkszeitung vom 18. Iuli 1928, ein Vorlesungsverzeichnis der Universität, eine An­zahl zur Zeit gültiger Reichsmünzen von 1 Pf. bis zu 5 Mk. und die zur Zeit gültigen Brief­marken.

Mögen alle hochgespannten Erwartungen, die man an die Errichtung dieses Baues knüpft, in vollem Umfange In Erfüllung gehen, und möge die neue Heilstätte wie eS in der Grundstein­urkunde in so feinen Worten gesagt wird alle­zeit den Zweck erfüllen, dem sie geweiht ist: Dem Kranken zur Heilung, dem Forscher zum Rutzen, dem Lande zum ©egen.

Dierfüßleraufdemhohen Geil.

Don unserem A. O. ^^Berichterstatter.

Nachdruck, auch mH Quellenangabe, verboten.

Reuhork, Iuli 1928.

Rationalkonvente der großen politi­schen Parteien sind ein typisch amerikanischer (Beitrag zur Demokratie. Kein anderes sich selbst regierendes Doll hat sich hierin die (Bereinigten Staaten zum Muster genommen, und je mehr dieser f»genannten Kundgebungen des Partei­willens man erlebt, desto weniger nachahmens­wert findet man dies Dorböld. In ihm ver­körpern sich die augenfällig st en Rach- t eile und Schwächen politischer Demokra- tien, während von ihren wirllichen ober auch nur behaupteten Vorzügen wenig ober gar nichts wahrzunehmen ist. Eigentlich sollte die Demo­kratie als Regierungssorm zu ihren richtung­gebenden Entschließungen über Führerschaft unb Politik auf Grund freier, ungehemmter Mei­nungsäußerung aller in den Parteien vereinten Klassen, Gruppen unb Interessen kommen, in Wirklichkeit jedoch handelt eS sich auf diesen

in den (Bereinigten Staaten alle vier Iahr« tmebertebrenben Parteitagungen nur um bi« Beherrschung der politischen Ma­schine durch eine Keine Anzahl Berufspolitiker, denen lediglich darum zu tun ist, sich die Macht nicht enttomben zu lallen und den Austausch der Meinungen nach Möglichkeit einzuschränken. Es ist ihre Auigabe, so rasch unb so reibungslos wie nur möglich zum Endergebnis zu kommen, und damit wissen sie ihr Bestreben, widerspen­stige Einheiten ober ganze Gruppen mundtot zu machen unb endlosen Erörterungen vorzu- beugen, vortrefflich zu verteidigen.

Seit zwei Rlenschenattern Hal daS Bemühen der Berufspolitiker, die .Zügel fest in der Hand -u halten, den Rationalkonventen beider Par­teien ihr charakteristisches Gepräge verl ehen, unb He haben alles getan, um den von ihnen alS unerläßlich zum Erfolg ange'ebenen Vorbedin­gungen jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen unb unabhängige Parteiprogramme unb Führer nicht auftommen zu lassen. Sie sind allerdings in der Wahrung strenger Partei­disziplin nicht immer erfolgreich ge­wesen. Gelegentlich waren die Interessengegen­sätze zu schroff, die einander opponierenden Frak­tionen schlugen über die Stränge, wie die- 1912 bei den RepuUSanern. 1924 bei den Demo­kraten der Fall war. Aber gewöhnlich ist die Parteitagung dermaßen von der Furcht vor den möglichen Folgen einer Spaltung beherrscht, daß man sich lieber mit einem bescheidenen Kompro­miß unb mit Versprechungen die durchaus nicht so bescheiden zu sein brauchen abfpeisen läßt, um das Aeußerste zu verhü.en. Man fügt sich inS Unvermeidliche unb läßt bat Konvent seinen maschinenmäßig langweiligen, trockenen, inhaltslosen Verlaus nehmen.

Reben ber Erkürung der beiden Kandldaten für bie Präsidentschaft und die Vizepräfibent- schaft ist deS Parteikonvents wichtigste Ausgabe die Formulierung der Parteiprin- z i p i e n unb beS Parteiprogramms, Der ,Pla11for m". Die Republikaner zim­mern sich bieses Stück Möbel vor ber Romi- nicrung ber Kandibaten zurecht, bie Demokraten ernennen zuerst ihrenBannerträger" für bie Wahlschlacht und passen die .Plattform" ihm an. Das heißt natürlich nicht, daß nicht auch die Republikaner sorgsam daraus achten, daß dem Gefüge keine lodere ober untaugliche .Planke" einverleibt werde, auf der der Kan­didat nicht mit beiden Füßen stehen oder doch mindestens das Gleichgewicht halten könnte. Will man der Wahrheit die Ehre geben, so ist bie Prinzipienerklärung beider Parteien weit eher mit dem hohen Seil zu vergleichen, auf dem bie altüberlieferten Parteishmoole, der republi­kanische Elefant und ber demokratische Esel baS Weiße Haus zu erreichen hoffen. Der Strang ist nicht überall von gleicher Tragfähigkeit, in dem Gewebe ist nicht alleS fehlerlos, unb über bie schwachen Stellen muh ber politische Dlondin sachten unb sorgsamen Schritte- hinweggleiten. will er nicht zu Fall kommen.

Man sollte meinen, das Programm einer poli­tischen Partei ließe sich in einer Folge bestimm­ter, knapper, klarer Sätze zusammenfassen. Die .Plattform" der Republikaner a. B. ist jedoch übet 7000 Worte lang. Rjemand hat je genau auszurechnen vermocht, wieviel überflüssiges, be­langloses und unaufrichtiges Geschwätz bie Platt­form einer der großen Parteien in den Ver­einigten Staaten enthalten darf, ehe sie unter ihrer eigenen Last zusammen bricht. Sonst ganz vernünfttge, zurechnungsfähige und ehrenwerte Leute, die zum Konvent zusammengekommen sind, scheinen einem stillschweigend getroffenen Aebereikommen gemäß es als feststehende Prämisse zu betrachten. daß sie bei der Ver­kündung der Parteiprinzipien ungeheure Men­gen forensischer Munition zu verpulvern Haden. Wenn ein Geschäftsmann unS den Ruf seiner Firma und die Güte seiner Waren mit einem ähnlichen Wortschwall anzupreisen wagte, wie er im Kansas Eich im Interesse ber Republikani­schen Partei aufgeboten wurde, würden wir unser Bestes versuchen, den Bedauernswert-m schleunigst in einer Gummizelle imteQubringen. DaS wäre ber einzig richtige Ort für einen Menschen, der mit Tatsachen so sorglos um­geht, die Dinge dermaßen auf den Kops stellt.

Möwe im Sturm.

(Roman von Sophie Kloerß.

17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.

Sie haben es notfa gut/ sagte die Russin.Sie sogen, elende Zimmerchcn, Frau Baronin ich hcwe nur eine Kammer, tatsächlich, eine Kammer. Und wie die Leute einen behandeln. Man möchte manches Mol zur Hundepeitsche greifen. Wenn der Mietzins nicht am Ersten auf demTisch liegt machen ik spitze Reden. Sie tollten sich sagen, daß es eine (fbre für sie ist. unsereins im Hause zu haben/

Sie werden wohl selbst nichts zu leben haben. Obgleich ich sagen muß, daß ich wie erlöst bin, seit wir wieder die Rentenmark haben. Meine Schwester kann rechnen, Gott sei Dank. Ich wußte nie, ob ich Hftllicmen oder Billionen bezahlen müßte. Es war «Aber nehmen Sie doch noch ein wenig Ge­ir haben ja keinen Diener zum Aufwatten, imb der kleine Trampel, den unsere Wirtin ihren dienstbaren Geist nennt, der ist schlimmer als nichts."

Es ist mir ziemlich gleich, ob eine Matt oder eine Billion/ sagte Nadja.Wenn ich einen Ent­wurf verkaufe das Geld ist gleich wieder fort. Hätte man nicht Freunde, was sollte man machen?"

Sie haben noch Freunde? Da find sie zu be­neiden. Wir zwei sind fast ganz auf uns allein angewiesen/

Oh, man kann immer Freunde haben, wenn man will. Denen es eine Ehre ist, einer Dame aus vornehmem Stande zu Helsen. Man läßt sich ja nichts schenken. Es wird alles einmal wieder be­zahlt/

Elenas Augen glitten mit leichtem Spott über sie hin. Es gab verschiedene Rückzahlungen.

Draußen vor der Tür hörte man eine Männer­stimme. Der kleine Trampel kam und meldete: jjerr Godesheim fragt, ob er den Damen feine Aufwartung machen dürste/

Maria stand so schnell auf, unb ihr Gesicht trug so deutlich einen Schein der Freude, daß Nadjas Spüraugen sich ganz schmal zusarnmeTtzogen. War das schon ein Freund? Aber der Godesheim der hatte ja selber nichts.

Heinz trat ein, braungebrannt von südlicher Sonne, frisch und heiter. Küßte Elena und Maria die Hand, sah in das Gesicht des Gastes und trat förmlich bestürzt einen halben Schritt zurück.

Wir kennen uns, Herr Godesheim. Oder erinnern Sie sich nicht an die letzten Bälle im Fasching?"

Eine sehr förmliche Verneigung.D gewiß, gnä- diges Fräulein. Arbeiten Sie noch bei Kcinzel?"

Nein, ich bin jetzt mit Fräulein von Erdmanns- darf zusammen bei Irübner. Porzellanmalerei und Glas. Und Sie?"

Godesheim wandte fick an Elena. Er wandte sich immer an sie, wenn seine Wünsche Maria gal­ten. Und wie gut sie ihn verstand! .Ich habe noch zu heute abend eine Loge im Residenztheater be­kommen. .Der Diderfpenstigen Zähmung. Es soll sehr gut besetzt und ausgestattet sein. Darf ich fra­gen, ob mir die Damen die große Freude machen würden, die Loge zu benützen?"

Shakespeare?" sagte Elena und löchettc.Spielt man ihn noch? Ich glaube, ich habe als blutjunges Ding ihn auf dem Burgtheater ein- oder zweimal über mich ergehen lasten rnüsten. Wir gingen in Petersburg mir in Oper oder Ballett. 2lber ich glaube, er gehört zur Bildung. Und Marias Bib düng ist in dieser Hinsicht leider nicht vollendet."

,3a, ja. Opfere dich nur für mich. Wie du selber froh bist, einmal aus der Tür zu kommen! Wir gehen sehr gern, Herr Godesheim. Wann fängt es an?"

Erst um acht, gnädiges Fräulein. Darf ich mir erlauben, die Damen abzuholen? Dielen, vielen Dank. Ich will nicht länger stören. Aus Wieder­sehen. Frau Baronin, auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein" Eine ganz kurze, knappe Verneigung gegen die Fremde, schon war er wieder gegangen. In Nadjas grünlichen Augen funkelte Hatz, als sie ihm nachsah. Sie hatte darauf gerechnet, auch zum Abendesten aufgeforbert zu werden, nun mutzte sie gehen. Es war Zett, daß sich die Schwestern um­kleideten. Ein liebenswürdiges Anerbieten, dabei behttflich zu sein, wurde ebenso fiebenemürbig ab- gelehnt. Sie mußte gehen.

Was der kleine Godesheim nur gegen deine Freundin haben mochte?" fragte Elena, als sie bei dem kläglichen Licht ihrer einzigen elektrischen Bimc im Schlafzimmer Toilette machten. ..Er

schnitt si« mit wundervoller Sicherheit. Manchmal macht er mir direkt Spaß."

Erstens ist sie nicht meine Freundin, und zwei­tens fand ich es recht ungemütllch, denn er wird schon einen schwerwiegenden Grund haben. Ich werde sie jedenfalls nicht zum Wiedettommen auf- fordern."

,3ch hab' immer drüber nachgedacht, zu welchen von den Äutufoffs sie gehören kann. Weißt du gar nichts Näheres über ihr 2eben?"

Der Vater wurde in Moskau erschossen. Die Mutter, mit der sie an der Riviera leote, starb vor einigen Jahren an Schwindsucht."

Äh nun weiß ich. Die famose Geschichte! Er hatte falsch gespielt. Kommt ja öfter vor, aber er wurde dabei ertappt. Abschied. Heirat mit einer Halbweltdame man kannte ihn nicht mehr. Na­türlich lebten sie bann im Auslande. Sie muh mich an der Riviera gesehen haben. Wir waren ja oft genug in Cannes oder in Mentone, wenn Sergei nicht länger ohne Monako existieren konnte. So, die ist bös? Ja, du wirst bester tun, sie dir fernzuhatten, Maria. Natürlich weih sie ganz genau, wer ich bin, und kann sich danach auch deinen richtigen Namen heraussuchen. Mein Gott, töfft do schon das Auto deines Ver­ehrers? Schrecklich pünktlich ist ber Mann. In Petersburg kamen wir immer erst im zweiten ober dritten Akt. Aber der Deutsche hat immer den Schulmeister im Blut Nur ja nichts versäumen, was man lernen kann. Alles bis zum Ende ab» sitzen, was man bezahlt hat"

.Laß doch dein Gespött unb nimm deinen Man- tel über. Du siehst wieder blendend aus, (Elen, in dem Blauseidenen. Unwiderstehlich vornehm!"

,Ler elende Fetzen. Man schämt sich, in solchen Sachen zu geben. Und meine Schränke in Peters­burg hingen so voll von Hofroben man hätte sich in diesem Elend noch zehn Jahre damit helfen können. Zu denken, wer die wohl jetzt durch den Staub schleppt"

Des Denken kann dir nichts nützen. Herein. Ach, Herr Godesheim, wir lasten warten, nicht wahr? Aber nun kommen wir auch." Sie sah er­staunt auf den schlanken Mann, der im eleganten Rock, den Mantel zurückgeschlagen, den leichten, hellen Filzhut in ber Hand, so groß und vornehm

in der Tür stand, den Hut hastig beiseite warf unb nach dem Mantel griff, den er sorgsam um ihre Schultern legte. Sie hatte ihn noch nicht in Ge- sellschaftskleidung gesehen.

Er muß gut verdient haben, dachte Elena. Er hat sich ja ganz auf den tadellosen Kavalier ein­gestellt. Und wie sie in das Auto flieg, wirklich Rosen für jede. Benehmen hat er.Teerosen, Herr Godesheim? Wer hat Ihnen meine Liebe gerade für die verraten? Entzückend. Maria, mir ist ordentlich jung. Ich freue mich, als wäre ich im Leben noch in kein Theater gegangen."

Die beiden lachten herzlich über ihr plötzliches Iungwerden.

Ja, wenn man hungern muh, da schmeckt jeder Genuß, auch der bescheidenste, doppelt aut Nun noch hinterher ein kleines Abendessenx

Es würde mir eine große Ehre fein, wenn ich die Damen als Beschluß des schönen Abenbs zu einem Gabelbisten im Preising-Palais einlaben dürfte. Sie können sicher sein, dort nur beste Ge­sellschaft zu treffen."

Marias Hand rührte leicht an die der Schwester. Es war eine Mahnung:Nimm nicht an." Aber Elena hatte zu lange nach Zerstreuung gehungert. Auf wen sollte sie noch Rücksicht nehmen? Vor­nehme Beziehungen? Es kümmerte sich keiner um sie. Sergei Wladimirowitsch? Der nur alle vier Wochen einmal schrieb und zuneit in Paris eigen­artigen Geschäften nachging? Ach, der nahm sich von ber Lebenstafel, was seinen Gaumen reizte, ber hatte fein Recht, irgendeine Entsagung von ihr zu fordern. Wenn dieser junge Mann man muhte ihm lassen, daß er nicht nur gut aussah, sondern auch ein tadelloses Benehmen hatte rvenn der so darauf erpicht war, seine Honorare in chrer Gesellschaft auszugeben, warum ihm nicht die Freude machen? Sie sagte heiter zu, unb Maria konnte es nicht hinbern, bah sie sich selbst freute, obgleich bie Tante Innozentia es nicht gebilligt hätte. Aber die lante war nun schon acht Monate tot, unb man konnte nicht immer an die Vor­schriften von Leuten denken, die zu ganz anderer Zeit jung gewesen waren. Unb bann plöpsich ein Wort der ftutufoff:Erst saß ich noch Loge jetzt man ist so im Gleiten. Das Hilsts?

(Fortsetzung folgt) * (