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Nr 9t Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhesse»)Mittwoch, 18. April 1928

Oie Autonomistenhehe im Elsaß.

Vor Beginn des großen Hochverrats« Prozesses in Äolmar.

2cm unserem -L-Sonderberichterstatter.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Kalmar, April 1928.

3m großen grauen SandsteinpalaiS neben dem Bahnhof von Äolmar, Da« von denpreußischen Eroberern" alS Sitz dc- Oberlandesgerichts er­richtet wurde und unter dem Regime der fran­zösischen Befreier" schon langsam verfällt heute heißt es Tour 621 ppel und die Pro­menade, an der es steht, natürlich auch eine Schöpfung der kulturlosen Preußen, ist auf den Hamen Boulevard Raymond Poincare ge­tauft herrscht Hochbetrieb. 2Lonsieur le Pro- cureur General ist noch mehr mit Arbeit über­lastet und der einheimischen 'BcDotierung darum noch weniger erreichbar alS jemals, was man friedliche Eroberung" oder ..Durchdringung mit französischem Geiste" nennt Am 4. Mai beginnen seine großen Tage: der Prozeß gegen die Autonomiften geht loS. Die Regie hat schon für alles gesorgt. Für die Fertigstellung der Anklageschritt und btc Ladung der Zeugen, für die Zusammensetzung der Geschworenenbank und schließlich für daS Komplott selber. Denn irgend­ein Substrat muß der Anklage ja zugrunde liegen. Und die Angeklagten waren unpatriotisch genug, der Staatsanwaltschaft verdammt wenig Material zu tiefem 1

Zehn Männer, die gestern von Mülhausen ins Prison Departemential von Äolmar ein­geliefert wurden, sind deS Hochverrate- beschuldigt Drei von ihnen, Schriftleiter deSElsässischen Kuriers", wurden direkt vom RedaktionSschreibtisch weg verhaftet. Warum? Sie werben schon sehen, erklärte QHonficur le Proeureur General dämonisch. Und murmelte etwas von deutschem Geld, das sie zur Speisung der autonomistifchen Bewegung im El­saß erhalten hätten. Diese Beschuldigung hätte der Kernpunkt der Anklage werden sollen. Aber, traurig genug, es hat nicht sollen sein. Ich habe die Anllageschrift zu Gesicht bekommen, obwohl sie noch nicht veröffentllcht wurde und auch von den Verteidigern streng geheim ge­halten wird. Also vom deutschen Geld ist nur noch an einer einzigen Stelle die Rede. Und auch hier nur sehr schüchtern. Gin Angeklagter schrieb einem seiner Freunde, der jenseits der Grenze lebt, er habe die Absicht, für die Kammer zu kandidieren, aufgegeben, weil so eine Kandidatur Geld kostet. Kein Wort darüber hinaus. Richt die leiseste Anspielung. UebrlgenS bätte der Inkulpat anspielen können, so Diel er hätte wollen. Sein deutscher Jugend­freund, mit dem er in Briefwechsel stand, ist selbst ein armer Teufel und hat überdies mit der Wilhelrnstraße, deren in die Goldmilliarden gehende angebliche PropagandafondS im Vor­stellungsleben französischer Geueralprokuratoren eine ganz besondere Rolle spielen, ungefähr so intime Beziehungen, wie Monsieur le Procura- teur General selber mit dem Dalai Lama. Oder noch etwas weniger.

Der Angeklagte R o l l 6, dessen Fall wohl am eingehendsten diskutiert wird, da er es wagte, noch auS dem Gefängnis heraus seine Kandidatur anzumelden ein Vorgang, der sich übrigens bel französischen Kommunisten Tag für Tag wiederholt hat folgende Sünde auf dem Gewissen: in einer Besprechung elsässischer Lehrer wurde der Plan erörtert, eine genossenschaft­liche Sparkasse zu gründen. 3m Verlaufe dieser Erörterung machte ein Teilnehmer an der Besprechung den Einwand, ob das Geld auch sicher angelegt sein würde. Gewiß, er­widerte ein anderer, ebenso sicher, wie in irgend­einer anderen Bank oder Sparkasse auch. Denn ein gewisse- Risiko bestünde doch überall. Roll6, der Der populärste Führer der elsässischen Lehrer ist, hatte den Auftrag, seiner Sekretärin ein Protokoll über diese Besprechung zu dik-

Sin Aachtflug des Ozeanstiegers.

Don Hauptmann Hermann Köhl.

AuS dem Werk ,,3ungbeutfcblanD« Flie­gerbuch". Herausgegeoen von Edgar Blcckcr-Kohlsaa t. Mit 170 Ab- bilbungen. Gebunden Mk. 6.80 (Union Deutsche Derlagsgefellschaft, Stuttgart.)

3m Abenddämmem des 10. Oktober 1925 stand am westlichen Himmel eine geschlossene, schwarz- dunkle Wolkenwand, die sich bei mittlerem West­wind mehr und mehr vergrößerte und 10 Uhr 15 mit ihrem oberen Rand über Berlin stand. DaS ObfcrDatorium Lindenberg hatte starke Ge­witter auS Rordwesten im Anzug gemeldet. 3n diese Wetterlage startete das Flugzeug hinein. 3e dunkler die Wolkenwand heraufzog. desto Heller strahlte die Beleuchtung Berlins. Die Flugstraße bis Oranienburg war mit Lichtem besät und die Sicht bis dorthin gut. Rach Oranienburg empfing uns dicke Finsternis. Rur schwach leuchteten die roten Fackeln Don der Flugwache Hohenbruch, danach dickes Dunkel. Ein schwacher roter Ächtschein, Der sich mehr und mehr Dcrflärltc. leitete uns weiter unserem Ziele zu. GS ist" heute zum erstenmal in Lin- dow eine rot leuchtende Reonröhre, und dahinter blitzen die Drehlichtscheinwerser von Keller und Luhme auf. Die Wolkendecke ist bis Keller ge- schbsssen. nach Keller lichten sich die Wolken etwas, und der im Osten ausgehende Halbmond läßt ihre Konturen schwach erkennen. Die schwarte Rächt hat sich in ein dunkles Grau verfärbt. 2lus den Dörfern und Städten blinzeln schwach vereinzelte Lichter herauf. Das Flug­zeug hat Keller passiert. Roch ist alles in schönster Ordnung. Vom Boden ist nichts zu sehen, nur die Seen bei Lindvw heben sich als Helle Flächen ab. Da. fern im Norden, ein grelles Aufleuchten. Roch hat das Flugzeug Luhme nicht erreicht, als dort in Richtung Warnemünde Blitz auf Blitz die Erde mit den Wollen verbindet, in Der Dunkelheit noch greller und schauriger zu sehen als am Tage. Baumdicke Feuersäulen fuhren vom Himmel zur Erde nieder und er­leuchteten weithin die Gegend. Allem Anschein nach war das Gewitter noch sehr entfernt, und es bestand immerhin die Möglichkeit, daß es nach Rorden ausbog. wie uns beim Start aus Warnemünde mitgeteilt worden war. Rach Keller

passierten wir nochmals eine rote Neonröhre mit ihrem milden, beruhigenden Leuchten, nach dieser einige Lichter von Rheinsberg und nochmals eine blau leuchtende Neonröhre. In­zwischen waren auch schon in der Ferne die Scheinwerfer von Rechjin und Echwenhin zu sehen, die gleich großen weihen Pinseln die Wollendecke mit mächtigem Schein bestrichen und uns unseren Weg durch die Finsternis wiesen. Bei allen Flugwachen waren auf den erkundeten Rotlandeplätzen Rachtbeleuchtüngen aufgestellt. unS zur Landung einladend. Rordlich der Müritz, bei Schwentzin. wurden die Blitze immer häufiger und greller. Die Lampen des Bahnhofs Voll- ratsruhe leuchteten vor dem dahinter blinkenden Drehlichtscheinwerfer von Dersentin. Von dort ab waren nur noch vereinzelte Lichter zu er­kennen. 2kr geb lieb suchte das Auge in der Dun­kelheit nach der Reonröhre. die auf Schloß Schlie- fenberg brennen sollte, und weiter hinten nach dem Drehlichtscheinwerfer von Breesen, ebenso vergeblich nach den Lichtern von Rostock und dem Scheinwerfer von Warnemünde. Dafür erhellte Blitz auf Blitz die Gegend oft taghell und verriet uns die Stellen, über die wir flogen.

Für Sekunden konnte man deutlich den See bei Schloß Schliefen berg erkennen. Die Reon­röhre brannte nicht. Dahinter tauchten inzwischen schwache Lichter auf und Helle rote Fackeln, die uns die Flugwache anstatt des Scheinwerfers an­gesteckt hatte. 3m grellen Blitzlicht zogen rechts und links von uns graue Regenwollen hastig vorbei, und gleich spitzen Radeln spritzen uns dicke Regentropfen ins Gesicht. Dann, bei Lange, gerieten wir fast plötzlich ins Gewitter. Das Flugzeug wurde wie von wllden Riesenbänden gefaßt und hochgeschleudert, um im selben Augen­blick wieder nach unten gestoßen zu werden. Böen von ungeheurer Gewalt durchschüttelten uns. Strömender Regen ließ jeglichen Licht­schimmer verschwinden und hüllte alles in ein nasses, dichtes Grau. Wir machten kehrt: hier war ein Weiterfliegen unmöglich.Kehrt und schnell landen vor dem Sturm!" hieß Die Losung, lieber unterem RollanDeplatz Breesen schossen wir unserSotfignal: Rot ab und umkreisten ihn, schon fest entschlossen zur Landung. Doch das Gewitter zog weiter nach Rordosten, und im Schein Der Blitze, die rund um uns zur Erde fuhren, sahen wir, daß Der Regen auf unserer Flugstraße nachgelassen hatte. uitD daß

Heren und Den Teilnehmern zugehen zu lassen. WaS auch geschah. Und weil in diesem Protokoll auch der Einwurf von der Sicherheit des Geldes und die Antwort, es fei ebenso sicher oder ebenso unsicher wie in irgendeiner anderen Dank oder Sparkasse angelegt, pflichtgemäß enthalten war wird nicht der Mann, der die Sicherheit fran­zösischer Sparkassen anzuzweifeln wagte, sondern Derjenige, der diese Bemerkung inS Protokoll aufnahm, wegenUntergrabung de« französischen Kredite-", also wegen be­wußten Hochverrates zur 2kranttoortung ge­zogen!! Klarer als in diesem Fall hätte die Tendenz, den unbequemen Führer der elsässischen Öffentlichen Angestellten zumindest für die Dauer der Wahlkampagne außer Gefecht zu setzen, über­haupt nicht mehr in Erscheinung treten können!

Run Darf es aber mit einer zeitweiligen Auhergesechtseyung mißliebiger Persönlichkeiten nicht mehr sein Bewenden haben. Der ungeheuere Aufwand an Staatsautorität muh irgendwie ge­rechtfertigt werden. DaS Wahlmanöver, das die Qterfolpung der Autonomisten ursprünglich war, soll nicht als solche« zu erkennen sein. Ein Königreich für ein Komplottl Und im Zu­sammenspiel zwischen klerikalen Autonomisten und staatsseindlichen Kommunisten, die. wie alle anderen subversiven Tendenzen, auch die Un­zufriedenheit der elsässischen Bevölkerung mit den Segnungen des französischen Regimes in ihrer Agitation auszunützen versuchen, soll es gefunden sein. Die Staatsanwaltschaft wird sich bemühen, im großen Auwnomistenprozeß Den Beweis Dafür zu erbringen. Daß Rom und Moskau gegen Paris konspirieren. Wobei Berlin natürlich der dritte im Bunde ist. Gegen KlerikaliSmus, Kommunismus und Sepa­ratismus! heißt die Parole.

Die Heimattreuen Elsässer sind überzeugt, daß die ganze Haupt- und Staatsattion mit einer ungeheuren Blamage für sämtliche be­teiligten Autoritä'm enden wird. Allerdings unterschätzen sie den Terror nicht, dem sie ge­rade Dann auSgesetzt fein werden. Heute schon ist das Regime im Elsaß terroristisch genug. Es gibt kein Briefgeheimnis und keine amtliche Schweigepflicht, wenn es gegen Personen geht, die regionalistischer Bestrebungen verdächtig sind. Dieunbedingt ft aal 6t reuen Parteien be­kommen, was sie nur immer an Agitations­material gegen die Heimattreuen Elsässer ge­brauchen können, gratis und franko ins Haus zu- gestellt. Diese unbedingt staatstreuen Parteien, da« sind vor allem die Sozialdemokraten. 3n Elsaß-Lothringen herrscht der etwas anor­male Zustand, daß die angebliche politische Oppo­sition die einzige verläßliche Stütze deS Staates ist, dieses Staates, dem sie sich durch seine tra­ditionell revolutionäre Terminologie innig ver­bunden fühlt, während die Vertreter der bürger­lichen und bäuerlichen Bevölkerung in Paris zwar für die Staatsnotwendigkeiten stimmen, vom Herrn Präfekten, dem wahren Machthaber, je­doch trotz ihrem zehnmal täglich wiederholten Bekenntnis zu Poincars als Bürgerzweiter Klaffe behandelt, ja, als Feinde verfolgt werden.

Poincars, der Allgewaltige, hat die elsässischen Wähler aufgefordert, ihre Kandidaten vor die Gretchenfrage zu stellen: seid Ihr auch wahr« Franzosen? Franzosen ohne Bedingungen? Fran­zosen ohne Vorbehalt? Schade, daß die elsäsii- schen Querkopfe obstinat genug sind, diese Parole nur pflichtschulbigst zu beklatschen, aber die Gretchenfrage lieber nicht zu stellen. Oder eigent­lich: nicht schade, sondern Gott sei Dank! Senn die Antworten so ganz nach dem Geschmack de« "roßen Lothringer« waren |ie n:cht ausgefallen! 2M.cn sie nämlich ehrlich gewesen. Freilich darf man bei der Beurteil n elsässischer Vorgänge niemals vergessen, daß Ehrlichkeit im politischen Leben dieses Landes ein völlig ungangbarer Artikel ist. Charakterschwäche? Vielleicht. Aber Ehrlichkeit, die direkt ins Zuchthaus führt, kann man von ein paar Millionen Menschen eben nicht verlangen. Und so werden wir, bis eine völlig andere weltpolitische Konstellation besteht, von jenseits des Rhein- wohl immer die Marseillaise fingen und Vive la France

rufen hören. Wenn nicht alle Zeichen trügen, auch wiederholt während bei Aalviwnnsten- Prozesse« von Kolmar. 3n diesem Zusammenhang hat mir übrigen« ein hundertprozentiger Fran­zose, der in Straßburg lebt, erklärt, daß er nie wieder Vive la France! rufen wird. Denn er will nicht für einen Staatsfeind und Autono- misten gehalten werden.

©er luxemburgische Zweisprachigkeiis-Kongreß.

Nachdem in feierlicher Öffentlicher Sit­zung die bedeutsamen Beratungen des Internationalen Kongresses für Zwei­sprachigkeit eingeleitet worden war Dgl. unseren Bericht vom 12. April brachten die folgenden Tag« Berichte und Diskussio­nen in kleinerem Krei«. daneben einige öffentliche Vorträge.

Der erste 'Deratunastag DeS Cuiemburger Kon­gresse- brachte Berichte Der Walliser Konferenz­teilnehmer. der Professoren D. 3. S a e r. Frank Smith und John Hughes, Die in englischer Sprache über ihre Untersuchungen in den Schulen von Wales referierten. Ihrer Ansicht nach Dürfe mit Der Einführung Der zweiten Sprache in Den Unterricht nicht vor dem 9. Lebensjahr Der Schü­ler begonnen werden. Ein belgischer Vertreter. Dr. O. D rec oly (Brüssel, behandelte Die Schwierigkeiten De« Unterrichts in mehrsprachigen Ländern, wobei er sich auf« psychologische Gebiet beschränkte. Die verschiedenen Faktoren der Sprach- sähigkeiten untersuchte und auf seine Untersuchun­gen über die sprachliche Begabung der Kinder der besseren Stände aufging. Er bemerkte vor allem, daß Den Knaben Die zweite Sprache größere Schwierigkeiten bereite als Den Mädchen.

Ein Schweizer - Th. M o e d l i aus Dem Kanton Bern sprach von den besonderen Ver­hältnissen in der Stadt Diel (Bienne). deren Bewohner teil« das Französische, teils das Deut­sche als Muttersprache hätten. Das führe zu großen Verwicklungen im Schoße der Familien, wo häufig die Töchter in Die deutsche, die Söhne in Die französische Schule gehen oder umgekehrt. DalD fpvächen Die KinDer unter sich französisch und mit Den Eltern deutsch Moeckli zitierte Dafür seine eigene Familie. bald bedienen sich Vater und Mutter zweier verschiedener Sprachen im Verkehr mit Den Kindern, wobei jeder der Gatten seine Muttersprache benütze. Die Folye solcher Zustände ist nach Moeckli ein übermäßiger Gebrauch von Fremdworten und eine groteske Sprachmengerei. ein mangelnder Sinn für Die Reinheit Der Sprachen. Der Kanton Dem lege Wert Darauf. Diese nach­teiligen Folgen abaufteilen. Man sei Deshalb zum Entschluß gekommen, Den Beginn Des zweisprachi­gen Unterrichts in DaS siebente Schuljahr zu verlegen, was einem Lebensalter von etwa zwölf Iahven entspreche. Mit Beifall würbe die For­derung aufgenommen, daß der Unterricht in einer zweiten Sprache erst Dann einsetzen dürfe, wenn der Schüler bereits eine solide Aus­bildung in der Mutters prache erhalten hat. (DaS ist eine scharfe Verurteilung Der Sprachendressur In Elsaß-Lothringen. Südtirol usw.. wo von Anbeginn an in Der Fremdsprache unterrichtet wird.)

Der dritte DerhandlungStag brachte einen Vor­trag des deutschen Teilnehmer-. Studienrat Dr. Henß (Gießen) über .Mundart und Zwei­sprachigkeit". Er stellte alS eine besondere Form de« Zweisprachenproblem- den Unterricht in Gegenden hin. in denen besonders auf dem flachen Lande Dialekte gesprochen werden. Preußen und Hessen haben der Mundart neuer­dings im Unterricht größeren Raum zuqemessen. Nach Ansicht deS Redners bedeute die Aehilich- keit der Mundart und des Hochdeutschen noch nicht eine Erleichterung in Der Erlernung Der BilDungssprache: Die Ausschaltung Der Mundart vernichte auch viele Gemütswerte.

Bei einem Festessen sprach der luxemburgische Staatsminister B e ch mit inlerejanten Ausblicken in die europäische Geschichte von Der Zwei­sprachigkeit Luxemburgs. Ähnlich wie in Der

Eröffnungssitzung ein luxemburgischer Redner aus die keineswegs einDcut.g günstigen Einflüsse Dieser besonderen sprachlichen Lage auf den luremburgischen Volkschara ter hingemiesen halte, deutete auch er die Nachteile der Zweisprachig­keit an. Gerade deshalb habe man so großes 3nie rette für dielen Kongreß gezeigt. Der auch diesen Zusammenhängen nachspure

Professor Bovet (Genf), der Leiter der Tagung, faßte zum Abschluß mit vorsichtiger Zurückhaltung Die vorläufigen Ergebnisse der luremburg.scheu Serotunge i Zusammen. Es habe sich gezeigt, daß das Problem noch wefenllich verwickelter sei als man angenommen habe. Vor allem habe es sich auch gezeigt, daß man ganz verschiedene Formen der Zwei­sprachigkeit zu unterscheiden habe. .Familien­zweisprachigkeit" gebe es da. wo das Kind in einer Familie aufwachse, wo zwei Sprachen ge­sprochen werden. Die es beide erlernt Als .soziale Zweisprachigkeit könne man den Zu­stand bezeichnen, wo da- Kind in der Familie nur eine Sprache spreche, aber zum Teil in anderssprachlicher Umwelt lebe, wie etwa beim Spiel eine andere Sprache gebrauche Die dritte Form könne man .Schulzweisprachig'eit" nennen: Da- Kind kenne in Familie und Umwelt nur eine Sprache, erhalte aber in der Schule Unter­richt in einer andern. Von Teilnehmern des Kongresses sei diese Dritte Form al« patho­logische Zweisprachigkeit verurteilt worden, da hier das Kind in Gegensatz zu feinem gesamten Leben, soweit e- sich außerhalb der Schule abspiele, gesetzt werde. (Diese .patho­logische Zweisprachigkeit" ist e«. die in ö 11 a h » Lothringen. Südtirol usw. vom Staats­volk den sprachlichen Minderheiten ausgezwun- gen wird!) Wenn man heute auch noch nicht abschließend über die Folgen der Zweisprachig­keit urteilen könne, so müsse heute schon auf gewisse Gefahren aufmerksam gemacht werden: .Wir würden e« al« eine Ungeheuerlich­keit empfinden, wollte man ein Kind durch eine Verwaltungsmaßnahme seiner Mutter be­rauben. so auch seiner Muttersprache! Denn die Laute, die Im elterlichen Hause erklingen, bedeuten unendlich viel für Die Seele de« Kin- deS ..." Ein besonderer Ausschuß des Kongresses wird sich mit der Frage zu befassen naben, welches der richtige Zeitpunkt für d e Einführung der zweiten Sprache ist. Mit Hilfe genau« Fragebogen werden individuelle Fälle zu unter­suchen sein. ES sei gelungen, während der ganzen Tagung die politischen Gegensätze Im Hinter­grund AU halten. Doch hätten da und Dort einmal doch die Kämpfe zwischen den Forderun­gen des Imperialismus und Der sprachlichen Minderheiten blitzartig Beleuchtung gefunden.

Die Auswirkung dieses Kongresses wird sich erst In Der Zukunft zeigen. Die weitgehende Zurückhaltung Der französischen Presse zeigt jedensallS, daß man noch nicht Da« rechte Stichwort gefunDen hat. um Den Kongreß­ertrag in eine Rechtfertigung Der eigenen Schul- und Sprachpolitik in den Gebieten fremdsprach­licher Minderheiten (Elsaß-Lothringen, Bre­tagne usw.) urnzubiegen.

Krau Köhl und der Ozeanflug.

Die Gattin de« Hauptmann« Köhl, die gemei.u» schaftlich mit ihrer Mutter in einem kleinen Villenvorort Berlin- wohnt, gibt zu dem ge­lungenen OjeanfluQ derBremen" die folgenden Erklärungen: Wlr haben nicht einen Augenblick an dem Gelingen deS Unternehmen« gezweifelt, und waren von vornherein der festen Zuversicht, daß bei all den bi- ins kleinste gehenden Vorbereitungen' und dem unerschütterlichen Mut meines Gatten und seiner Begleiter das Vorhaben nicht scheitern würbe. Erst im letzten Augenblick sind wir von dem Start in 3 rla n b unterrichtet worden und das zuversichtliche Telegramm gab unS die Gewißheit, daß alles nach Wunfch gehen würde. So haben wir denn auch den ganzen Donnerstag und Freitag über trotz Der wenigen Nachrichten, Die al- zuverlässig gelten konnten, zuversichtlich au-geharrt. Der Nord-

wir uns im Rücken des Gewitters befanden. Ein nochmaliger kurzer Entschluß: hinein und durch! Der Kompaß allein war unser Wegweiser. Nach bangen Minuten blitzten in Der Ferne Die Lichter von Rostock auf unD dahinter ein roter Schim­mer, der von einem Brand herrührte. Der durch Da« Gewitter östlich von Warnemünde entftan- Den war. 3e mehr wir uns Rostock näherten, desto mehr hörte Der Regen auf. und die Sicht besserte sich. Jetzt endlich traten auch Die Schein­werfer von unserem Flugplatz Warnemünde in Tätigkeit und gaben uns frischen Mut zur Lan­dung. Wie schon so manches Mal waren wir auch heute des Unwetters wegen in Warnemünde nicht erwartet worden. Aber durch Gewitter und Sturm findet der Nachtflieger, der Pionier Der Lüfte, fein Ziel.

Siegfried Ochs 70 Jahre aff.

Das deutsche Chorwesen schien nach dem Kriege durch Die modernen Bestrebungen musikradikal gesinnter Persönlichkeiten bedroht zu werden: das Wesen der Chormusik in feinen großen Formen von Dem Ungeiste Der atonalen Musik gespeist, sollte durch Die technischen Schwierigkeiten alUu» sehr in den Hintergrund gedrängt werden. Der Hang nach neuen methodischen Mitteln in der gesamten Chormusikpflege stand gegen eine künst­lerisch fundierte Tradition der Orchestcrleistung. So kam es, daß der Wert des Gesanges über­sehen werden sollte. 3n diese Krise sollte eine Persönlichkeit eingreifen, die durch konzentrierte Meinungsllarheit eindringlich vorbereitend das Sittenlose des musika.i'chen Grohstab'.programms umdeutete. Siegfried Ochs, genial in seiner Chor­erziehung, formte seine künstlerische Genialität nach der organisatorischen Seite um und lieh dem durch Die Nachwehen des Krieges entschlafenen Philharmonischen Chor den Chor der akademi­schen Hochschule für Musik folgen. Der unerbitt­liche Ernst der Zeit hatte ihm nur scheinbar fein klingendes Instrument aus Der Hand genommen. Die gefestigte Persönlichkeit im Berliner Musik­leben. die stärkste Potenz De« selbstschöpferisch gestaltenden Chordirigenten der ReichShauptstadt sollte in allen ihren Tellen von Der Ungunst Der Zeit belastet werden. Doch in dieser Zell der nüchternsten Sachlichkeit und des harten Kampfes um Die Tiefe de« musikalischen 6rfaffens formte Ochs Den Chor Der akademischen Hochschule für

Musik zu einem Gan-,en. Dem eS nunmehr zukam. das Traditionelle nicht traditionsgemäß im gleich- bleibenden Ausdrucksstil, aber in eigenster selbst- schopferifcher Gestaltung wieder zur ungewohnten Größe zu heben. Wie der Künstler in frühester Jugend durch starke Arbeitsenergie vom Studen­ten Der Ingenieurwlsienschasten über di? Chemie zum Musiker. Lehrer und Professor an der Ber­liner Musikhochschule emporgestiegen war. ist ebenso ungewöhnlich, wie die Leistungen de« in Kürze zu Berühmtheit gelangten HochschulchoreS. Wer die Dachkantate .Wachet auf. ruft unS Die Stimme" beim Berliner Dachsest 1926 unter Pro­fessor Ochs gehört hat. wird Die absolute Tiefe Dachscher Kunst in heutiger romantisch-sachlicher Zeit besonders stark empfunden haben. Siegfried Ochs, al« Persönlichkeit des Musiklebens, al« Dirigent weithin bekannt, ist durch sein un­glaublich feines Gehör falt gefürchtet, er kennt jede Stimme und empfindet glcichsam mit akade­mischer Genauigkeit einen falschen Ton. einen heiseren Atemzug. Die Lebensarbeit Siegfried Ochs', die supjettive Dachpflege, ist noch immer im Wachsen. Sein ZO. Geburtstag (am 19. April) soll nur die Musikfröhlichkeit und Jugend de- Künst­lers Deuten. K. V.

Hochschulnacknchten.

Die Wirtschaft«- und Eozialwisienschaftliche Fakultät Der Frankfurter Universität hat Die venia legendi des Prof. Dr. Heinz Marr, Die bisher Soziale Theorie und Soziasiwkitik un- sahte, um das Gebiet Der Soziologie erweitert. Mit dem Sommerfemester beginnt am In­stitut für Leibesübungen Der UniversitätF r a n k- f u r t ein neuer merfemeftriger Lehrgang zur Ausbildung von Turn- und Sportlehrern. Die praktische und theoretische Ausbildung bezweckt Die Vorbereitung auf Die staatliche Turn- und Sporllehrerprüfung. Die im philologischen Staats­examen als Nebenfach angerechnet werden kann.

Profeffor Dr. Martin Heidegger in TI a r* bürg hat den Rus auf Den Lehrstuhl Der Philo­sophie an Der Universität Freiburg L Br. als Nachfolger von Geheimrat Husserl zum 1. Ok­tober d. 3. angenommen.

Der OrDinariu« für öffentliches Recht und Politik an Der Heidelberger Universität, Geheimer Hofrat Pros. Dr. Richard Thomas, hat Den an ihn ergangenen Ruf an Die Univer­sität Bonn zum 1. Oktober 1928 angenommen