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Nr.42 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Samstag, 18. Zebruar 1928

Vom Grönkramhandler zum Präsidenten des Stahltmsts.

Der merkwürdige Lebenslauf des Deutschamerikaners Charles M. (Schwab. Zum Besuch des amerikanischen (Stahl- königs bei den Kruppwerken.

3n den nächsten Tagen wird der Deutsch­amerikaner Charles M. Schwab, Amerikas Etahlkönig, in Deutschland ein­treffen. Der Besuch, der wahrscheinlich ge­schäftlichen Zwecken dient, soll auch au einer Besichtigung der Krupp-Werke In Essen benutzt werden.

3n dem BuchWege zum Erfolg", das Char­les HL Schwab verfaßt hat. stehen viele be­herzigenswerte und nicht sehr originelle Rat­schläge:Tüchtigkeit, Redlichkeit, mehr arbeiten, als vom Unternehmer verlangt wird," werden da als die besten Mittel empfohlen, schnell auf der sozialen Stufenleiter emporzusteigen. Schwab selbst bekennt, daß ihm diese vortreff­lichen Grundsätze nichts genutzt hätten ohne «ine Reihe unglaublicher Glücksumstände, und ein scharfer, aber unfreundlicher Kritiker wie Gustavus Myers fügt hinzu, daß eines der von ihm empfohlenen Mittel, nämlich die Redlichkeit' dieses Milliardärs, ange- zweifelt werden muh. Richt aber die Tüchtig­keit und der Arbeitseifer. Sonst wäre es auch unverständlich, daß man es in zehn 3ahren von einem Wochengehalt von 30 Dollars zum Präsidenten des Stahltrusts und Compaonon Carnegies bringt. Freilich war die Stellung, in der Schwab mit wöchentlich 30 Dollars be­fahlt wurde, nicht die schlechteste, die er in seinem Leben innegehabt hat. Mit siebzehn 3ahren verdiente der junge Mann, der im 3ahre 1862 in einem pennsylvanischen Städtchen als Sohn deutscher Eltern geboren wor­den ist, als Grünkramhändler wöchentlich nur 21/2 Dollars, also zehn Mark, und es bedeutete einen großen Aufstieg, als er dann mit einem Tagelohn von einem Dollar als Arbeiter in die Edgar Thompsons Steel Works eintrat. Schon vorher hat er Carnegie fennen gelernt; dieser Millionär besah ein Sommerhaus in der Rähe des pennsylvanischen Ortes Loretto. und in derselben Gegend war Schwabs Vater Pferde­händler. Der junge Charles brachte dem 3n- bustriemagnaten häufig ein Pferd in sein Land­haus und lernte dabei den allmächtigen Car- negte persönlich kennen. Natürlich konnte er damals noch nicht daran denken, sein Mit­arbeiter zu werden; doch ist ihm die 3ugend- dekanntschaft später außerordentlich nützlich ge­worden.

3n den Thornpson-Stahlwerken arbeitete Schwab unter dem Kapitän Bill 3 0 n e s, einem sehr tüchtigen Mann, der Charles zum Ma­schinenführer und Ingenieur ausbildete. Das stärkte das Selbstbewußtsein des jungen Bur­schen, der sich schon mit einundzwanzig 3ahren verheiratete. Bier 3ahre darauf wurde er C h e f- ingenieur des Stahlwerks. Bill 3ones war bei der Reparatur eines Hochofens mit einer Anzahl von Arbeitern ums Leben gekommen, und nun trat Charles M. Schwab an seine Stelle. 3m 3ahre 1897 wurde er dann Präsi­dent aller Fabriken Carnegies und war mit den Geschäftsführern Cline und G-orvet) auch in die Panzerplattenskandale verwickelt, die gegen Ende des vorigen 3ahrhunderts in den Bereinigten Staaten ein ungeheures und berechtigtes Aussehen hervorriefen. Das schadete aber seinem Ansehen nichts. Andrew Carnegie nahm ihn als Teilhaber in seine Firma auf und verpflichtete Morgan, der im 3ahre 1901 Carnegies Werke für eine halbe Milliarde Dollars, also für zwei Milliarden Mark, ge­kauft hatte, Schwab zum Präsidenten des neugegründetenStahltrustszu machen. Dagegen konnte man nichts einwenden; denn unter der Leitung des Deutschamerikaners waren die Profite der Carnegie-Gesellschaft von fünf Millionen Dollars im Jahre 1895 auf ll1/» Millionen im 3ah re 1898 gestiegen, und im 3ahre 1900 hat das Unternehmen sogar 40 Millionen Dollars verdient.

Man kann kaum aufzählen, welche Unterneh­mungen schon damals von Charles M. Schwab abhängig waren und sich seinen Anordnungen fügen mußten. Bei dem Berkaus der Carnegie- Gesellschaft an 3. P. Morgan erhielt Andrew Carnegie 305 Millionen Dollars, während die übrigen 200 Millionen unter die Teilhaber ver­teilt wurden; welche Summe Schwab von diesem Betrag erhalten hat, steht nicht fest; doch ist es sicher, daß er schon vor 25 3ahren ein größeres Bermögen als die reichsten Männer Deutsch­lands besessen hat. Aber dieser Mann, der so rasch zu Reichtum gelangt war. konnte sich auch leicht von seinem Geld trennen und gab mit vollen Händen aus. Er hat sich nicht nur in Reuyork ein Schloß gebaut, das Kunst- schähe im Werte von vier Millionen Dollar birgt, sondern hat auch ungeheure Summen im Spiel und für allerlei unsinnige Zwecke ver­geudet. Nachdem die Carnegie-Gesellschaft an Morgan verkauft worden war. fuhr Schwab zunächst einmal auf seiner Luxusjacht nach Monte Carlo und faßte den lächerlichen Plan, dort die Spielbank zu sprengen. Rie ist bekannt geworden, wie riesige Summen er dort verloren hat. Es muß sich aber um Beträge gehandelt haben, die selbst amerikanischen Fi- nanzmagnaten in Schrecken versetzen können; sonst hätte Morgan wahrscheinlich nicht gekabelt, daß sein Stahltrustpräsident sofort nach Amerika zurückkommen, wenigstens aber zu spielen aufhören solle. Aber auch ohne Monte Carlo konnte Schwab Millionen verspielen; er speku­lierte um gewaltige Summen, verdiente zuweilen, verlor öfter, und machte sich darüber weiter keine Sorgen. Nichts erinnerte bei diesem Mann an die puritanische Einfachheit, die den reiche­ren Carnegie auszeichnete. 3n Amerika kennt man zahllose Geschichten über sein zügelloses Privatleben, seine Derfchwendungssucht, seine un­beherrschte Hingabe an Vergnügungen jeder Art. Doch muh dieser Sohn eines Pferdehändlers eine eiserne Konstitution be ihen; nichts vermochte seine Schaffenskraft zu brechen, ihn von der größten seiner Leidenschaften zu befreien: Stahl zu machen, mehr Stahl und besferen Stahl als irgendeiner in der Welt.

Es ist eine seltsame 3ronie des Schicksals, daß die von Schwab errichteten riesigen Stahlwerke in einem Ort stehen, der Bethlehem heißt. Eine fromme Gemeinde von Herrenhuter Brü­dern hat das Städtchen vor mehr als hundert Jahren gegründet und ihm den alten biblischen Namen gegeben, weil sie hofften, daß von.dem neuen Bethlehem vielleicht eines Tages das Heil der Neuen Welt ausgehen würde. Rauchende Schlote, mächtige Fabriken, stampfende Maschinen, lange Arbeiterkolonnen diese Bilder des mo­dernen Bethlehem sind in der Tat das Sym­bol eines Bankee-Cvangeliums ge­worden; anders, wie es sich die frommen Herrenhuter Brüder gedacht haben, lautet der Glaubenssatz der neuen Söhne Bethlehems: Stahl und Geld zu machen. Dort in Bethlehem wurden riesige Panzerplatten geschmiedet. Ge­schütze gegossen. Granaten gedreht, die vor dem Krieg in der Hauptsache nach Rußland und Süd­amerika verkauft wurden, aber während des Weltkrieges auch nach Europa wanderten und dazu beitrugen, den Bereinigten Staaten und ihrem Stahlkönig Charles M. Schwab neue Ber­mögen zu schaffen, während die Welt ver­blutete.

Es wäre aber unbillig, wollte man dem Milliardär daraus einen Borwurf machen. Er handelte wie jeder Kaufmann, verkaufte sein Kriegsmaterial jedem, der es bezahlen und ab­nehmen konnte, ohne sich darum zu kümmern, was nachher mit den Geschützen und Granaten geschah. Denn Schwab selbst ist ein friedlicher Mensch, bei allen s einen Schwächen gutmütig, musikliebend, ein Kunstkenner und ein guter Ge-

Aufgaben und Ziele.

Don Or. Rolf prasch.

Mit den im folgenden wiedergegebenen Darlegungen kommt der neue Intendant des Gießener Etadttheaters, Dr. Rolf P r a s ch, unserer an ihn gerichteten An­regung nach, sich vor der Uebernahme seines neuen Amtes über di? Grundzüge seiner Auffassung von der künstlerischen und geschäftlichen Leitung eines Provinzthea- ters zu äußern; wir sind überzeugt, daß die Darlegungen Dr. Praschs, der in aller Kürze hier fein Amt antritt dem 3ntereje weiter, am Theater antcilnehmen- ben Kreise des Publikums begegnen wer­den. .

Trotz der nun schon seit Jahren immer wieder­kehrenden Behauptung von einerTheetcrkrifis' ober der schon saft zur Legende gewordenen vorn Niedergang des Theaters" knüpft sich an den Beginn jeder neuen Spielzeit und in noch weit höherem Maße an jeden Wechsel in der Lei­tung einer Bühne die Hoffnung, jetzt müsse be­stimmt und unbedingt das umwälzendNeue' geboren werden, und die ersehnteErstarkung" der immer mehr und mehr ins Wanken geratenen finanziellen Basis des Theaters folgen.

Wie also ist Ihr Programm? Wie sind die Richtlinien Ihrer Aussassung von der künst­lerischen und geschäftlichen Führung eines Prv- dinztheaters. von der Spielplangestaltung? u. cl mehr höre ich mich fragen. - Lassen Sie mich Ihnen hierauf in großen Zugen meine Ant­wort sagen, so wie, diese Fragen und ihre Lösung sowohl aus der allgemeinen Lage der Theater wie aus den besonderen Verhältnissen in Gießen sich mir darstellen.

Es ist eine leider nicht wegzuleugnende Tat- fache, daß wir uns. ganz allgemein gesprochen, mitten in einer Krisis befinden, die zu den schwersten und ernstesten gehört, die das Theater je durchzumachen hatte und noch zu über­winden hat. Die schlechten Kas'enrapporie und die ständig anwachsenden Zuschüsse von Staat und Gemeinden oder der weiter fortschreitende Abbau einzelner Fächer oder gar einer ganzen

Kunstgattung, die Zusammenlegung mehrerer bis­her selbständiger Bühnen ober gar deren Schließung, wie sie auch in unserer nächsten Nachbarschaft (Koblenz) drohte, sind ihre äußeren Merkmale, die sich auch für den weniger mit den Verhältnissen Vertrauten nicht allein auf die gegenwärtige schwierige Wirtschaftslage zu­rückführen lassen; die allgemeine Rat- und Plan­losigkeit in der Gestaltung des Spielplans kommt ihrem Kern wesentlich näher, legt die Wur­zeln dieser Krisis bloß.

Jenerwerbende Enthusiasmus", der beispiels­weise heute den Sport so populär gemacht hat. weil er aus den Möglichkeiten deS Tages sich seine Propaganda schuf, er fehlt dem heutigen Theater und seiner Literatur ober ist in seinen Anfängen und tastenden Versuchen noch kaum spürbar. Es fehlen die Erregungsmomente, die das Publikum unserer Zeit sucht, die Spannung sei sie erheiternd- erlösend oder ernsthaft- erschütternd, auf die der moderne Mensch eingestellt ist, und die er auch von dem The­ater und seinen Dramen verlangen kann, Unb in dieser unbedingten Anpassung an die Be­dingungen und Erfordernisse unserer Zeit liegt die Zukunft des Theaters überhaupt be­schlossen.

Ausgabe und Ziel muh es daher fein, die Wege aufzuspüren, die zu neuem Lebensreichtum führen, das Leben-Derheißende vom Unfruchtbaren, Schwächlichen zu sondern" (Julius Bab), kurz, den Rhythmus und den Inhalt unserer Dar­stellungszeit zu gestalten. Die Sehnsüchte des Publidtrns sind heutig.Der Zuschauer muh fühlen, bah ihn die Bühnenvorgänge angehen' (Marcuse), und auch bie Lebendigmachung unserer Klassiker kann nur mit Mitteln ber Gegenwart, durch Annäherung an heutiges Empfinben, heu­tige Anschauungsbegriffe geschehen, soll der Zu­schauer zu ihnen lebendiges Verhältnis finden. Das ist sehr wohl möglich, ohne sie zu ver­gewaltigen. im Gegenteil! Und mit bet Verwirk­lichung dieser Ausgaben, dieser Mission, die in bie Tiefe verstößt unb wie jebe Ent­wicklung ber Zeit bebarf, ist nicht zuletzt auch die strengste und durchgreifendste Funda- menäerung ber künstlerischen, schauspielerischen unb sprachlichen Ausbildungsgrundlagen der bar-

sellschaster. In seinem Schloß in Reuyork gibt es eine Orgel, die den Eintretenden mit vollen Klängen begrüßt. Bei dem Stahlmagnaten ver­kehren Sängerinnen. Komponisten und Pianisten; denn daS Getöse der Stahlwerke hat ihn gegen die parieren Klänge der Musik nicht unemp­findlich gemacht. Dieser ästhetische Sinn ist bei Schwab viel merkwürdiger als bei manchem anderen amerikanischen Milliardär, etwa bei Morgan, der ja aus einer reichen Familie stammt und eine entsprechend sorgfältige Er­ziehung genoflen hat. Niemals konnte aber bet Kunstsinn bei Schwab so weit gehen, daß ihm etwa seine Liebhabereien von der Verfolgung geschäftlicher Ziele ablenkten. Im Krieg hat er eine besondere Aktivität entfaltet; neben der Herstellung von Kriegsmaterial war er nämlich

auch der Leiter großer, neugegrünbeter Schiffs­werften, die die Verluste im unbeschränkten U-Dootkrieg durch schnelle Neubauten wettmach­ten. Wenn er jetzt nach Deutschland kommt, ver­folgt er zweifellos neue geschäftliche Pläne, und bei der Kapitalmacht, über die Schwab verfügt, kann daS für große Teile der deutschen Wirt­schaft sehr bedeutungsvoll werden. Vorläufig ist nur bekannt geworden, daß er die Krupp- Werke besuchen wird; doch wurde noch nichts darüber gesagt, ob diese Besichtigung geschäft­liche Transaktionen mit Krupp zur Folge haben wird oder nur dazu dient, dem amerikanischen Fachmann eine Vorstellung von dem riesigen deutschen Unternehmen in Essen zu geben.

F. C. Dillinger.

Der Fasztsmus und die Krise des modernen Giaaisgedankens. Don unserem römischen L-Korrespondenten.*)

III.

©er Führer im (Staat.

Je aufgeklärter die Demokratie, um so näher ist sie ber Reaktion: sie hat die Krise deS mo­dernen Staates erkannt, die Ursachen seiner tödlichen Erkrankung in der Ueberspannung seiner eigenen Prinzipien gefunden und kehrt nun logischerweise zu ihrem Ausgangspunkt zurück, indem sie dort wieder anzuknupfen sucht, wo sie sich von dem alten, seinerzeit geköpften Staats- system losgelöst hatte: bei dem 21 u t 0 c i t ä gebauten. Biologisch betrachtet also eine Rück­bildung, aber nicht mehr wie natürlich. Denn jede Unnatürlichkeit führt zur Umkehr, und un­natürlich war es, eine ber Gebundenheiten unseres Daseins leugnen zu wollen: bie Führer­gewalt.

Der Mensch wird nicht nur in die Ungleich­heit, dieses oberste Gesetz ber Schöpfung, sondern auch in ein Abhängigkeitsverhältnis hinein- geboren. Es verneinen, heißt über kurz ober lang in ebenso törichte Gedankengänge hineingetrieben werden, wie sie bei ber Geburt bes modernen Staates die Gleichheitsidee zeitigte, bie bas Straßburger Münster köpfen zu müssen glaubte, bamit es nicht länger übet den Durchschnitt hinausrage. Mit der Ueberheblichkeit, die das entwickeltste Lebewesen kennzeichnet, glaubten wir auf das Königinnentum im Bienen- und Ameisenstaat, auf das Führer- unb HäuptlingS- wesen ber Elefantenherden unb der Regerstämme herabblicken zu können, wir verstießen mit Wissen unb Willen gegen bas Naturgesetz, indem wir an Stelle des durch Qualität überlegenen Indi­viduums bie Massenidee in ben Sattel setzten, im Glauben, reiten werde sie schon können.

Es wat ein Irrglaube. Der spihenlose Staat der Masse liegt am Boden, das Majori- tätsprinzip ist umgefallen, wie es bei einer auf bie Spitze gestellten Pyramide nicht aus- bleiben konnte. Die aufgeklärten Demokraten rufen nach dem Führet. Mit ben gleichen Wor­ten, man möchte fast sagen Urlauten. Politisch grundverschieden benfenbe Männer, wie der deutsche Professor Bonn, der Schweizer Dele­gierte beim Völkerbund Gonzaque be Rey - nolb, der italienische Justizminister Rocco, marschieren plötzlich in ber nämlichen Richtung, weil sie alle das Heil, bie Ueberwindung ber Krise von bem Abschütteln bes lebenden Leich­nams, des durch bie Parteienherrschaft zu Tobe liberalisierten Staates erwarten. Unb was sie

*) Vgl. die ersten beiden Aussätze in Nr. 30 und 36 des G. A. vom 4. unb 11. Februar 1928.

fordern, mag daS ihnen vorfchwebende Reue in ben Einzelheiten auch noch stark verschieben sein, ist im Grunde doch sehr ähnlich bem Staatsge- bilbe, bas Mussolini wie ein erstes Modell geschafsen hat.

Mussolini formte seinen Staat in einem Aus­bruch ber Leibenschaft, wie Rousseau seinen Contrat social in einer Art von Rauschzustand niederschrieb. Er ist überzeugt davon, daß ber FaszismuS das zwanzigste Jahrhundert erfüllen wird, wie ber Liberalismus bas neunzehnte. Man mag übet eine solche Prophezeiung benfen, wie man will, jedenfalls stehen wir vor ber Tat­sache, daß jene hunbertjährigen Prinzipien, auf denen die heutigen großen Demokratien bie kleinen, haushaltartig führbaren Musterstaaten, wie bie Schweiz, entziehen sich einem Vergleich mit heterogenen Millionenmassen wie auf Pfeilern ruhen, unter ben Faustschlägen eines einzigen Mannes zusainmenbrechen konnten. Das spricht nicht für eine robuste Gesundheit.

In Italien setzte bie Fäulnis des Staatsgebäl­kes in bem Augenblicke ein. wo es ben Witte­rungseinflüssen ber sozialen Umschichtung, bet bie Parteien Dortreibenben Finanz- unb Wirt­schaftskräfte, des durch unb durch vergifteten Wahlsystems preisgegeben war. Wohl kannte die Verfassung kein allmächtiges parlamentari­sches System, ber Volksvertretung war nur eine beratende und mitarbeitende Tätigkeit einge­räumt. aber wie immer in solchen Kallen, gelang es bald Gruppen unb Personen, sich bes Parla­ments als Mittel für die Beherrschung bes Staates zu bemächtigen. Keine Interessengruppe war stark genug, um allein zu regieren, aber jede besaß Einfluß genug, um zu verhindern, daß die andern anS Regieren kamen. Parteien, Presse unb Wirtschastsverbände bifbeten Staa­ten im Staate, so baß schließlich alle möglichen Kräfte inS Rad griffen, nur nicht dec Staat. Daher ein permanenter Krieg aller gegen alle, ein widerliches Paktieren und Feil­schen um Ministersessel, ein Leerlauf ber Staats­maschinerie, bei dem gerade für bie hochstreben- den Qlrbeitcrmaffen nicht mehr zu holen war, als ber ortsübliche Preis für eine Stimme. AIS schließlich gar das Listenwahlsystem ben Stellen­schacher derVolksvertreter" zur ersten Dür- gertugenb erhob unb bamit ber Jugenb ben Weg zur Teilnahme an ernster Staatsarbeit verbaute, muhte es zur Rebellion ber ge­sunden D 0 lkskräfte kommen das Heranbrausen der Jugendwelle ist dem Sturm auf die Bastille vergleichbar.

Und diese Giovinez-,a fand einrit Führer, der sie mit dem einzigen, was der Jugend imponiert,

stellenden Künstler aufs engste verknüpft und Vorbedingung.

Wohl kaum ein Mensch außerhalb der Praxis weiß, wie schwierig der Ausbau dieser kul­turellen Seite des Theaters in heutiger Zeit ist, nie doppelt schwierig für die Bühne einer kleinen Universitätsstadt, die um so mehr als ihre finanziellen Mittel begrenzt sind, umso größere Verantwortung vor sich selbst fühlt.

In dieser Zeit der literarischen Richtungen ist das Repertoir weder nach klassischer noch nach moderner Dramatik einzurichten, sondern nach den Spielern, die man hat" (Diebold). Gießen wie viele andere Bühnen ist

te mangels genügender Mittel nicht in

Lage, sich Künstler von Rang und Namen

leisten zu können, die nach jeder Richtung hin vollkommen sind. Hier ist es Aufgabe der Lei­tung. sich junger Talente zu versichern, sie zu entdecken und an den richtigen Platz zu stellen. Und gerade Gießen ist. wie kaum eine andere Stadt, dank seiner überaus günstigen geographi­schen Lage umgeben von einem Kranz erster und zum Teil führender Bühnen (Frankfurt. Wiesbaden, Kassel, Köln usw.) dank des hohen geistigen Niveaus seines Publikums und dank seines nach modernen Grundsätzen erbauten unb bühnentechnisch eingerichteten Theaters welch eine Stadt von gleicher Größe hat Aehnliches aufzuweisen I, gerade Gießen ist deshalb wie kaum eine andere Stadt dazu berufen, Bil­dungsstätte für junge Talente, für den schauspielerischen Nachwuchs zu fein. Sie für die Anforderungen einer stilreinen, gegenwarts­frohen Bühnenkunst zu erziehen, sie durch stän­dige, unermüdliche Disziplinierung zu einem e;n- hritlichen Ensemble zusainmenzuschwrißen, ist frei­lich schwerer, aber auch dankbarer als die Arbeit mit mehr oder weniger verbrauchten und im Konventionellen erstickten, schablonenhaften Rou­tiniers. die eine Bühne nicht nur künst­lerisch. sondern auch finanziell belasten, ja überlasten können.

Jedes Unternehmen, fei es wirtschaftlicher oder kultureller Natur, basiert auf dem ihm zur Verfügung stehenden Betriebskapital. Rur wenn Einnahmen und Ausgaben, bei rationellster Anspannung aller Kräste, im Einklang stehen,

ist eine gesunde Entwicklung des Ganzen garan­tiert. Die Einnahmequellen unseres The­aters finden in der Einwohnerzahl Gießens ihre natürliche Begrenzung. Sie zu erweitern ist be­reits durch A b st e ch e r und Fremdenvor­stellungen unternommen. Weiterer Ausbau dieser Unternehmungen, wozu di? Ausführungen an dieser Stelle (Nr. 260 des Gießener Anzeigers vom 5. Nov. 1927) die Richtung weisen, ist nctwendig und vorgesehen. Hinzu kommt schließ­lich die Subvention, welche die Stadt dem Un­ternehmen im Hinblick auf feinen erzieherischen, ideellen Wert überweist.

Die Verbindung mit dem Kurtheater in Dad- Nauheim ermöglicht eine ganzjährige Spiel­zeit. Eine Einnahmequelle ist sie nicht, im Ge­genteil, Wohl aber eine soziale ideelle Not­wendigkeit, bedeutete doch ihr Aufgeben daS Zurücksinken Gießens auf den Rang eines Acht- Monat-Theaters.

Gerade unter diesen Gesichtspunkten Im In­teresse des sozialen und künstlerischen Ganzen ist strengste Auswahl des dar­stellenden Personals nach seiner künst­lerischen Qualität unb andererseits größte kauf­männische Ausnutzung des Theater­betriebes unter engster Zusammenarbeit von Intendanz unb Verwaltung unumgängliche Not­wendigkeit. soll der Voranschlag des Theater­etats nicht überschritten, soll bie Verbindung mit Nauheim uns nicht verlorengehen, was einer nicht ernst genug zu nehmenden Krisis des gesamten Gießener TheateruntemehmenS gleichkäme.

Diese drohenden Gefahren zu erkennen, be­deutet schon einen wichtigen Schritt vorwärts auf dem Wege, sie vollends zu überwinden. Mögen diese Ausführungen allen Lesern als Hinweis dessen dienen, was not tut. Jede Zu­kunft, auch die des TheaterS, basiert auf Er­neuerung. Möge diese Erneuerung bald zur Voll­endung reifen, unb mögen wir, um mit einem Wort Strindbergs zu schließen, bald ,ein freies Theater bekommen, wo man Freiheit zu allem hat, ausgenommen dazu, kein Talent zu haben und ein Dummkops oder ein Heuchler zu sein!"