Ur.41 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Zreitag, 17. Zebruar 1928
Was geht in China vor?
Don unserem k-Derichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.
London, Februar 1928.
Der große Kongreß der Kuomintang in Nanking hat die Dollmachten Tschiangkaischeks, der erst seit kurzem wieder Oberbefehlshaber der Armee der Kuomintang ist, bestätigt und zugleich in fast allen Punkten das Programm gebilligt, das er bereits vor dem Kongreß als Grundlage der Politik seiner Partei bezeichnet hatte. Damit ist wiederum der Mann an die Spitze der nationalen Armeen der chinesischen Revolution getreten, den viele als die einzige Hoffnung auf die Wiedervereinigung des großen Reiches bezeichnen.
Was Tschiangkaischek nun unternehmen wird, ist aber trotz allem unsicher, da in China heute niemand weiß, wie die Dinge morgen stehen werden. Die allgemeine Unsicherheit der Lage ist nach wie vor als das ausschlaggebende Symptom der chinesischen Verhältnisse anzusehen, und alle Kriegsmüdigkeit der chinesischen Kaufmannschaft reicht nicht aus, um zu verhindern, daß der Krieg zwischen Rord und Süd von neuem entbrennt. Die Kaufleute sind denn auch damit zufrieden, daß die Kommunistengefahr für den Augenblick gebannt ist, nachdem der letzte Putsch der Anhänger dieser Partei in Kanton so blutig unterdrückt wurde. Was im übrigen geschieht, kümmert die Kaufleute wenig, da sie sich inzwischen wohl damit abgefunden haben, daß die „Militärs" die Dinge untereinander austragen. Die Studienreise einiger prominenter Zivilpolitiker der Kuomintang — unter ihnen der als kantonefischer Außenminister berühmt gewordene C. C. Wu — nach Europa, kann gleichfalls kaum anders gedeutet werden, als eine Flucht der Leute ohne Waffen vor den Dajonettcn der Generäle der eigenen Partei.
Die Frage, ob es nun wieder zum Krieg zwischen dem großen Machthaber im Rord en, Tschangtsolin, und dem Süden in Gestalt Tschiangkaischeks kommen wird, ist wieder einmal der Schlüsselpunkt der weiteren Entwicklung, während das ganze Drumherum von Jntriguen chinesischer Politiker, russischer Emissäre und angelsächsischer Diplomaten kaum zählt, oder zumindest kcine ausschlaggebende Rolle mehr spielt. Das Schicksal der chinesischen Revolution ist in der Tat wieder einmal in die Hände des knapp dreißigjähr gen Tschiangkaischek gelegt, von dessen Entschlüssen es abhänge i wird, was nun weiter in China vor sich geht. Denn Tschangtsolin, müde durch die ständigen Schwierig'e ten im eigenen Lande, und in der Furcht vor einer scharfen Kontrolle durch Japan, hat seinerseits erklären lassen, daß er zu einem Friedensschluh bereit wäre, wenn zwei Punkte sichergestellt würden: daß der Feldzug gegen den Rorden aufgegeben und eine gemeinsame Zentralgewalt gebildet würde.
Auf diese beiden Dinge ist aber Tschiangkaischek nicht eingegangen. Auf die Frage, ob eine gemeinsame Zentralregierung gebildet werden solle, hat er eine eindeutige Antwort nicht gegeben, während er die Forderung auf Einstellung des Feldzuges gegen den Rorden von der Kuomintangversammlung damit beantworten lieh, daß die Fortsetzung des Feldzuges gegen den Rorden geradezu ein grundsätzlich erPro- grammpunkt sein würde. Der Druck, den die Bundesgenossen Tschiangkaischeks, der moskausreundliche „Christengeneral' F e n g h und der zur Zeit von Tschangtsolin arg bedrängte Gouverneur der Provinz Dchansi, Pen, bei dieser Entschließung ausgeübt haben, ist jedoch bei der Bewertung dieser Entschließung mit in Rechnung zu ziehen, so daß man nicht ohne weiteres annehmen darf, daß dieser Programmpunkt unabänderlich Ware.
Immerhin würde, ebenso wie vor einem halben Jahre, auch jetzt wieder die Besetzung der Schantungbahnen durch Japan genügen, um jeden Bormarsch Tschiangkaischets al ec- mals zum Scheitern zu bringen. Die Erklärung des japanischen Ministerpräsidenten vor der Auflösung der Kammer läßt auch keinen Zweifel darüber aufkommen, daß die Japaner die Aktion wiederholen würden, wenn Tschiangkaischek ihre Interessen erneut verletzten sollte. Run ist Tschiangkaischek aber diesmal sichtlich unter
Nacht auf dem Güterbahnhof.
Von Or. pauf Bloch.
Ab und zu nur bringt aus dem weiten Gelände der Gleise ein schriller Pfiff, löst sich über den karg beleuchteten Spuren dec Schienen eine weiße Wolke ab. Der Anhalter Güterbahnhof scheint verödet. Hier zwar steht noch ein verspätetes Fuhrwerk, dort wird noch ein Lastautomobil entladen, ein paar Reinemachefrauen queren die Ansahrtstra^e, einige Beamte und Arbeiter find noch in der Dunkelheit des Ho, es beschäftigt. Es ist sieben üfjr abends, die tote Zeit.
Aber eben erst noch hatte Wagen neben Wagen die Fahrbahn gesperrt, eben noch waren Karren und Lastfuhrwerke an den Rampenluken der Speicher vorge'ahcen, Lastautvmobile abgeladen worden. Die letzten Güter der Firmen und Spediteure wurden abgeliefert, von kräftigen Männerhänden in Empfang genommen und im Speicher jedes an seinen bestimmten Platz gekarrt. Jehl ist die Stückgutannahme geschlossen. Aber in den Bureaus schichtet sich Frachtbrief auf Frachtbrief, werden die Begleitschreiben verglichen, Zahlen und Ramen eingetragen, Kontoabrechnungen erledigt und schließlich die gestempelten Briefe nach Bersandrichtungen geordnet und zu den Güterzügen ge chafft. Dis in die späte Rächt geht hier d:e Arbeit, beim es gilt, alle im Lause des Tages eingelieferten Güter, auch ble ber letzten Abenbstunden, noch im Laufe ber Rächt zum Versand zu bringen, sie sogleich zu verladen unb sie ihrem Bestimmungsort entgegenzuschicken.
In dem etwa 400 Meter langen ©tüdgut- bob en stehen ba bie aufgelieferten Waren. Dom kleinsten Palet bis zu Riesenkisten. Alle Größen unb Formate sink) vertreten, alle Farben unb Verpackungen: Fässer unb Kannen, Kisten und Körbe, Koffer unb Truhen, längliche unb runbe, Hutschachteln unb Papptartons, Sto f- ballen unb Säcke, Stangen unb Fahrräder, Holzgestelle unb Möbel stehen nebeneinanber, über-
dem Protektorat ber Japaner zurück- gekehrt, ja geradezu mit ihrer Protektion in bet Kuomintang zum Führer gemacht worden, sehr gegen den Willen vieler anderer Führer der Kuomintang, bie bas Paktieren mit jeher Macht, auch mit Japan, ablehnen.
Die Frage nach dem entscheidenden Faktor der Situation in China müßte also noch enger gefaßt werden, nämlich ob nun Tschiangkaischek ober Tschangtsolin japanischer Favorit ist. Dann ist es klar, baß ein Fallenlassen Tschangtsvlins burch Japan ben Beginn des Feldzuges Tschiangkaischeks gegen den Ror- den bedeuten würde, während umgekehrt eine Wiederaussöhnung Tschangtsvlins mit den Japanern vorläufig die Teilung Chinas in eine nördliche und eine südliche Zone bedeuten würde, und Tschiangkaischek dazu zwänge, erst im Süden ganz Ordnung zu schaffen, ehe er seinen Feldzug gegen den Rorden begänne. Wobei dahingestellt bleiben mag, ob er es ein zweites Mal wagen würde, dies gegen den Willen Japans zu hin.
Gegen eine völlige Wiederaussöhnung der Japaner mit den Rvrdleuten sprechen eine ganze Reihe von Anzeichen, die man nicht übersehen kann. Sv hat Tschangtsolin den Japanern Schwierigkeiten in der Mandschurei gemacht, hat verdächtigerweise hinter dem Rücken der Japaner mit den Amerikanern gel.ebäugelt und hat — was merkwürdigerweise bisher wenig bedacht wurde — sich start mit den Engländern eingelassen. Das letztere geht so weit, daß man in Japan den Derdacht hegt, die Inspektionsreise des britischen Gesandten durch China verfolge
einen Ausgleich zwischen dem Rorden unb dem Süden im englischen Interesse. Das würde natürlich für die Japaner ein Grund sein, um gegen einen solchen Frieden zu sein. Hinzu kommt, bah die Engländer der Reise ihres Gesandten ein Mäntelchen umgehängt haben, das für Japan unbedingt als rotes Tuch gelten muß: die Klärung ber Frage , ob eine internationale Zollkonferenz möglich ist oder nicht. Was bie Engländer damit verfolgen, ist eindeutig klar; bie verschiedenen englischen Anleihen in China sollen durch eine erneute Sicherstellung ihres Zinsendienstes revalorisiert werden. Dagegen würden die Japaner an sich wohl nichts einzuwenden haben. Run haben die Engländer aber mit diesem Problem seinerzeit auch die Frage verknüpft, ob Zuschlagszölle in China eingesührt werden sollen. Zuschlagszölle würden jedoch den Ruin des japanischen Geschäftes in China bedeuten. Die Tatsache, daß Tschangtsolin sich offenbar mit ben Engländern in dieser Frage verständigt hat, Tlchiang- kaischek die englischen Dorschläge aber ablehnte, kann also bereits jetzt bedeuten, daß ber Krieg des Südens gegen den Rorden wieder beginnt...
Immerhin wird man noch einige Wochen ab- toarten müssen, um zu erkennen, ob es tatsächlich dazu kommt, da die Zollkonserenz ja auch noch am amerikanischen oder sranzösischen Widerstand scheitern kann, und da bie Wahlen in Japan unter Umständen auch einen Wechsel der Außenpolitik Japans mit sich bringen. Solange wird also wohl in China keine größere militärische Aktion ber großen Gegner erfolgen.
präsideiHhasts-Weünnum in Amerika.
Oer Schacher um das Weiße Haus. — Skrupellose Politiker. Starke Persönlichkeiten, schwache Wohlaussichten.
Von G. A. Bratter.
Wie fo^ben bekannt wirb, bewirbt sich nun auch der ehemalige „Grnährungsdik- tator" Herbert Hoover um die Präsidentschaft in 11. S. A. Unser Mitarbeiter, der viele Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hat, schildert aus eigener Anschauung die verwickelten, für die zukünftige Politik Amerikas und damit für bie gesamte Weltpolitik entscheidenden Parteiverhaltnisse und Kandidaten-Aus sichten.
Präsidentschastswahlen in Amerika werfen ihre Schatten weit voraus. Die Erörterungen über die Rachfolge des jeweils amtierenden Staatsoberhauptes beginnen nicht selten schon nach dessen zweitem Amtsjahr und verdichten sich mit jedem Monat mehr zu konkreten Anregungen, Vorschlägen, Polemiken. Die eigentliche Wahlkampagne für einen Präsidentschaftskandidaten beginnt naturgemäß erst, nachdem sich die P a r- t e i e n auf ihren Rationalkonventen" darüber schlüssig geworden find, wen sie dem Land als ihren Kandidaten präsentieren werden. Diese Rationalkvnvente finden im Sommer vor der Wahl statt, die Wahl selbst „am Dienstag nach dem ersten Montag des Rovember", dieses- mal also am 6. Rovember d. I. Aber schon lange vor dem Zusammentritt der Rationalkonvente, auf denen jede Partei ihren Kandidaten durch Abstimmung wählt („nominiert"), führt jeder der zahlreichen Bewerber um die Domination feine Sonder-Kampagne, mit dem Ziele, als Kandidat der Partei aufgeftellt zu werden. Jeder dieser Bewerber hat natürlich seine Anhänger innerhalb der staatlichen und lokalen Parteileitungen; denn wenn er die nicht hätte, so wäre seine Bewerbung von vornherein gänzlid) aussichtslos. Daneben organisiert er eigene Propagand a-B eretnigungen, die für ihn in ber Presse unb auf der Rednertribüne werben. Bon der Zahl und dem Einfluß seiner Aichänger innerhalb der Parteileitungen und von ber taktischen Geschicklichkeit jener privaten Organisationen hängt es ab, ob und in welchem Maße der Rationalkonvent seiner Bewerbung Gehör und Beachtung schenkt. Jeder der 48 Unionstaaten schickt seine Delegation zum Rationalkonvent, und jede dieser Delegationen ist in den meisten Fällen von der staatlichen Parteileitung im voraus i n - iäi
struiert, für einen bestimmten Bewerber zu stimmen. Es kommt aber auch vor, daß eine Delegation, wenn sie auf dem Konvent sieht, daß gerade ihr Kandidat keine Aussicht auf die Rominierung hat, in das Lager eines anderen Bewerbers abschwenkt oder sich „spaltet", also in zwei Gruppen für zwei verschiedene Anwärter stimmt.
Das ganze Verfahren, von dem hier nur die äußersten Umrisse aezeichn>.c werden können, ist, wie man sieht, überaus verwickelt und für den Richtamerikaner schwer verständlich. Roch weit komplizierter sind die Vorgänge auf den Rationalkonvent en selbst, und labyrinthariig verworren sind die Wege, die schließlich, oft nach heißem Ringen, zur Rominierung des Parteikandidaten für die Präsidentschaft führen. Rach „heißem" Ringen in jeder Beziehung — es ist mehr als einmal vorgekommen, daß sich die Delegierten, bie sieben Tage ober noch länger im glühenden amerikanischen Sommer im Konventsaale Tag und Rächt vor Hitze vergingen, endlich aus irgend einen Bewerber einigten, um nur Schluß z u machen. Auf einen Bewerber, der zu Beginn des Konvents nicht die allergerngüe Aussicht hatte, vom Konvent für die Dominierung in Aussicht genommen zu werden: so 1920 in Chicago, als sich die Delegierten über keinen ber vier Hauptbewerber einigen konnten und nach einer Woche unerträglicher Hitze H a r - ding wählten, um nur endlich nach Hause reifen zu können. Daß es gerade Harding war, hatte feine guten Gründe — nämlich solche, die aus den Taschen der Petroleum-Grohspe- fulanten geflossen waren.
Für die bevorstehende Rovemberwahl. genauer: für die Rominierung als Präsidentschaftskandidat durch ben Rationalkonvent haben sich im Lager ber republikanischen Partei bisher fünf Bewerber angemelbct. Von diesen ist außerhalb ber Vereinigten Staaten nur der Handelsminister Herbert Hoover bekannt, und diesem mußte auch, wenn Talent, Leistung und Verdienst für bie Rominierung allein ausschlaggebend wären, die Rominierung als eine Selbstverständlichkeit zufallen. Hoover wird in den amerikanischen Blättern denn auch vielfach als der aussichtsreichste Bewerber ange
sehen, wer aber in der amerikanischen Parteige- fchichte einigermaßen Bescheid weiß, wird sich starke Zweifel erlauben dürfen. Die Leistungen Hoovers als „Emährungsdiktator" im Weltkriege sind weltbekannt; weniger kennt man im Auslande seine Verdienste um die Modernisierung Belebung und Säuberung des amerikanischen Handels, um die lebendige Gestaltung des vor ihm bürokratisch versumpften Handelsministeriums, um das Rettungswerk nach den Riesenüberschwemmungen, die im vergangenen Sommer die Mississippi-Staaten heimsuchten. Mit einem Wort: Hoover ist ein Mann von größtem Format. Und gerade das wird, davon bin ich überzeugt, seine Rominierung vereiteln.
Das Schicksal eines Amerikaners, ber bestrebt ist, ein Amt zu erhalten — unb schon gar das Präsidentenamt — ruht, wenn man den Dingen auf den Grund geht, in den Händen der berufsmäßigen „p o I i t i c i a n s“. Unter einem solchen „Politiker' versteht man drüben einen Menschen, der vom Stimmenfang (oder sagen wir netter: von der Stimmenwerbung) für sich oder andere lebt. Diese „politicians“ sind Leute, die vor Begabung, Leistung, Eignung nicht die geringste Achtung haben; denn so ausgestattete Person« liebtetten sind fast immer starke, zielbewußte, eigenwillige Daturen, die ihren eigenen Weg gehen wollen, mag er auch abseits von den Wünschen, Dcigungen und Abneigungen der Parteimaschine liegen. Der „politician“ aber, dem die Parieimaschine überhaupt die Existenzmöglichkeit gibt, die ihn ernährt, kleidet, in lohnende Aemter einseht — der „Politiker" ist von vornherein von stärkstem Mißtrauen und Widerwillen gegen starke Persönlichkeiten erfüllt, und diese Veranlagung, die von feinen „wohlverstandenen Jntereffcn" immer wieder genährt wird, treibt ihn in die schärfste Opposition gegen Männer, die eigene Meinungen und einen eigenen Willen haben. Der „politician“ kann nur Präsidenten von der Art Hardings und Coolidges gebrauchen. Roosevelt und Wilson beweisen keineswegs das Gegenteil. Roosevelt ist 1901 a l si Vizepräsident durch die Ermordung Mc Kinleys Präsident geworden; die „politicians“ haben ihn seinerzeit auf den bedeutungslosen Vizepräsidentschaftsposten abgeschoben, gerade um zu verhindern, daß er Präsident werde. Wenn er dann 1904 auf reguläre Weise zum Präsidenten gewählt wurde, lag das daran, daß er in den drei Jahren seit 1901 die Parteimaschine unter seinen Willen gezwungen hat. Und Wilson, der Demokrat, wäre nie Präsident geworden, wenn nicht ber nämliche Roosevelt 1912 ben unglaublichen Feiler begangen hätte, bie republikanische Partei durch seine Sezession zu spalten, so baß bie bemokratische Partei burch biefen Spalt ins Weihe Haus gelangte.,
Herbert Hoovers Ankündigung, daß er sich um die Domination bewerben werde, hat dann auch tatsächlich schon die Meute der „politicians“ gegen ihn entfesselt. Man hält den Wählern vor:
1. daß Hoover kein „guter Amerikaner", sondern „proBritish“ fei, weil er sich lange in England aufgehalten habe;
2. daß er überhaupt nie Präsident werden könne, weil die Verfassung vorschreibe, daß ein Bewerber 14 Jahre vor dem Amtsantritt in den Vereinigten Staaten gewohnt haben müsse;
3. daß sich Hoover, der Quäker, unb seine epi- skopalische Frau im Jahre 1918 von einem — katholischen Geistlichen haben trauen lassen; unb
4. daß Hoover vor acht Jahren daran gedacht habe, sich als Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei aufftellen zu lassen.
Man wende nicht ein, ein aufgeklärtes, hoch- intelligentes Volk wie die Amerikaner würde sich durch derartige Dichtigkeiten keineswegs abhalten lassen, einem Mann, mit dem nach acht Jahren wieder einmal eine achtungsgebietende Persönlichkeit an die Spitze ber Weltmacht Amerika treten würde, den Zugang zum Weißen Hause weit zu öffnen. Die Geschichte der Vereinigten Staaten weist mehr als eine starke Begabung auf — man denke nur u. a. an Calhoun, Webster, Clay, denen die Tür zum Meißen Hause von den „politicians“ vor ber Dafe zugeschlagen worden ist.
Bniw.TitgziwnMCTn'tiiM i win mii
einander unb durcheinander. Röhren, Beiten, Reisen, Rohrstöcke flehen bazwischen, h er schiebt sich der gewaltige Umbau eines Klaviers hervor, dort stapeln sich eiserne Ketten auf. In jener Ecke wieder liegt Wild, unmittelbar daneben tönt aus einem Gitteriäsig bas Gackern von Hühnern. Bald steht großes unb kleines Stückgut wirr nebeneinander, bald schichten sich gleichmäßige Pakete ober Kistchen mit Firmen- aufbruden, bilben Berge unb Pyramiden, seltsame Gebilde.
Bei weitem nicht alles Versandgut liegt hier aufgespeichect, nur ber Eingang ber letzten Standen, nur bie Senbungen für bie Orte, für die erfahrungsgemäß Die Einstellung eines besonderen Wagens nicht lohnt. Die anderen Stücke werden sogleich in bie Wagen selbst verstaut. Mitten in dem weiten langgestreckten Speicher hängt eine Safel. Jeder Ort, jebe Richtung hat ihre eigene Dummer, hat in bem Lagerraum ihren bestimmten Platz. Die gleiche Ölummer trägt mit ber Richtungsbezeichnung auf einem Fähnchen ber Eisenbahnwagen, ber sich an ber Rampe angeschoben hat. Jedes Frachtgut wird vom Vorarbeiter mit Der jeweiligen Ortsnummer Der "eben und von den Arbeitern in die betreffenden Wagen geschafft.
Wo aber stehen bie Wagen? Es wäre unmöglich, bie Reihenfolge ihrer Aufstellung auf ben brei Veclabegleisen zu behalten, cs wäre ein mühseliges Suchen, vergeudete Arbett. Ein Blick auf jene Orientierungstafel zeigt den Stand des Wagens, auf welchem Gleisanschluß er steht unb als wievielter in ber Folge ber Waggons. So verschwinden im Du bie Kisten unb Körbe unb füllen die Wagen. Dur hier und ba bleibt noch ein Stapel von Waren, bis der schwere Zug einem neuen leeren Platz gemacht oder bis schließlich alle Stücke, die für die gleiche Gegend bestimmt sind, zusammenkommen. Dann bleibt der Speicher leer. Eine kleine Ecke nur für überzähliges Gut, für Pakete, zu denen die Frachtbriefe fehlen, für Koffer, deren Decsendungsgebiet nicht zum Arbeitsbeie:ch deS Bahnhofs gehört (Irrtümer sind nie unb nirgends ganz zu vermeiben), bleibt belegt.
Die langen Wagenreihen aber fahren hinaus. Eine Rangiermaschine stellt sie zusammen, je nach ihrer Fahrtrichtung, holt von ben verschiedensten Laderampen unb Lad^straßen bie verschiedenen Waggons, bie offenen unb geschlossenen, die deutschen unb auslänbischen zufammen unb bildet so ben Zug. In ber Dunkelheit ber Dacht verschwindet er, taucht wenige Minuten später gespenstisch auf dem Debengleis wieder auf, ein neuer Wagen wird hinzugefügt, "bon neuem beginnt die Fahrt ins Dunkle, wieder Die Rückkehr unb Ankoppelung anderer Wagcons. Bis schließlich bie starre Achsenzahl schwerfällig über das große Stellwerk hinaus im Schwarz ber Dacht verschwindet. Immer undeutlicher, verschwommener zieht der Dampf ber Lokomotive, leuchtet das Rot ber Schluhlaterne bes Zuges.
Aber schon leuchten aus ber Ferne, immer größer werdend, bie weihen Lichter der lom- menden Züge auf. An einem kleinen Häuschen halten sie vor dem Bahnhof, die Papiere werden vom Zugabfertiger in Empfang genommen, in ein Kontrollbuch eingetragen und nach seinen Anweisungen jeder einzelne Wagen aus Grund seines Inhaltes beschriftet. Dach dieser Beschriftung erfolgt das Rangieren. Der große flache Möbelwagen muß zur Möbelrampe, ein anderer Waggon, ber aus ber Schweiz nach Berlin gerollt ist. wirb zur Zollrampe Dirigiert. Wieder ein anderer enthält Tiere, ein vierter eine Büchersenbung aus Leipzig, mehrere frisches Obst, Trauben aus dem Süden. Ihre Entladung muh beschleunigt vorgenommen werden. Sie werden also an das nächste Anschlußgleis rangiert, indessen bie zahlreichen Kohlenwagen zur Kohlenrampe oder, wenn es sich um Dienstkohle handelt, zu den Betriebswerlstätten gefahren werden. Wieder beginnt „das Spiel" des Rangierens, jenes dauernde Hin und Her, das Abstößen der Wagen, das allmähliche Verkleinern des Zuges. Cs ist wie Mutwillen, toeim die Lokomotive mii einem Anstoß die Wagen dirigiert, den einen hierhin, den andern dorthin, den einen geradeaus, ben andern ein wenig nach rechts, ben brüten ein wenig nach links, unb schließlich sich wieber neue, kleinere Züge bilben.
Da stehen bann, von neuem zusammengekoppelt. bie vielen leeren Wagen ausländischer Herkunft. die aus ber Provinz in Etappen nach Berlin gerollt werden, weil sie hier am ehesten wieder mit Fracht in ihr Ursprungsland gesandt werden tonnen, die Wagen aus der Schweiz, der Tschechoslowakei. Da sind die zwanzig Kohlenwagen, bie, für die Vetriebsmeistereien bestimmt, später im Laufe bes Tages, wenn es bie Zeit unb ber Fahrplan erlaubt, zu den Werkstätten und Bunkern gefahren werden. Zwei Wagen, mit großen Maschinen der 4ine, mit drei Riesenglastisten dec andere, werden zur Hauptladerampe tangiert, weil man dort bie zu ihrer Entladung notwendigen Krane besitzt. Die Waggons mit Stückgut fahren wieder an ben Speichern vor, füllen wieder die Lagerräume, bie Ecken und Wege. Von neuem türmen sich Kisten auf Kisten, Körbe auf Ballen, Gestelle auf Fässern. Und wie im Dersandspeichec jeder seinen Raum und seine Dummer besaß, besitzt hier im Eingangslager jede größere Speditionsfirma einen bestimmten Platz. Da häuft sich bann bas Gut im Laufe des frühen Morgens, bis ber Korso ber Lastfuhrwerke beginnt, bie bie Senbungen an bie Empfänger in bie einzelnen Straßen und Stabteile bringen. Jener seltsame Korso der Wagen, der Automobile unb Karren, jenes bewegende Lärmen der Kutscher unb Fahrer. jene Augenblicke, in denen man Berliner Humor und Berliner Mundart ursprünglich kennenzulernen vermag.
Hier auf dem Anhalter Güterbahnhof laufen bie Güterzüge zusammen, bie aus bem ©üben Berlin bie Zufuhr bringen, von Bayern unb Baben, der Schweiz unb Italien, durch Württemberg unb Thüringen, aus Sachsen unb ber Magdeburger Gegenb. Aber trotz biefer Beschränkung (neben bem Anhalter Bahnhof sind noch ber Görlitzer, ber Stettiner, der Schlesische unb ber Hamburg-Lehrter Güterbahnhof geöffnet) war es notwendig, für den Stückgutverkehr aus ber Magdeburger und Frankfurter Gegend eine neue Empfangsstelle, den Potsdamer Güterbahnhof, zu eröffnen.


