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Nr. H Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Dienstag, 17. Januar 1928

Oie Welt ohne Gauner.

Die das Berufsverbrechertum abgcfchafft werden kann. In der französischen Strafkolonie Ncu°Kaledonien. Ehemalige Tiebe als Grotzindustrielle. Ein Giftmischer, der neuen Kunstdünger erfindet Grausame Lelbstverstümmlungcn Arbeitsscheuer Warum die Gauner aus Ncu-Lüdwales auswanderten.Sicherungsverwahrung" auch in Deutschland.

Ein unübersehbarer Schaden wird stän­dig von jenen professionellen Verbrechern angerichtet, die unmittelbar nach ihrer Entlassung aus der Strafanstalt neue straf­bare Handlungen begehen. Der bekannte Kriminalist Geheimrat Dr. Rob. Heindl schilderte unserm Mitarbeiter in einem Interview die Maßnahmen, die von an­deren Ländern im Kampf gegen das Be­rufsverbrechertum ergriffen worden sind. Kann man Verbrecher bessern?Wenn das möglich wäre, müßte es den Franzosen in ihrer Strafkolonie Veu-Kaledonien gelungen sein," meint Geheimrat Heindl, der eine Weltreise unternommen hat, um die Arten des Straf­vollzugs in den verschiedenen Ländern zu stu­dieren. 2lm bemerkenswertesten waren die Stu­dien, die er in der französischen Strafkolonie Veu-Kaledonien anstellen konnte. Dort hat man sich bemüht, die rückfälligen Verbrecher durch Güte und Strenge, durch Arbeitszwang und Aussicht auf ein gesichertes Fortkommen in späterer Zeit zu erreichen. Nur diejenigen fran­zösischen Verbrecher, die als besserungs­fähig erscheinen, werden auf diese idyllischen Südseeinseln transportiert; seit dem Jahre 1863 hat man an diesen Verschickten alle Vesserungs- mittel erprobt, die ersonnen werden konnten: Extrakost, Aussicht auf Begnadigung als Lock­mittel, Bücher, um das Gemüt zu erfreuen, Heiratserlaubnis zwischen männlichen und weib- ttchen Deportierten, um durch Familienleben ver­edelnd zu wirken, und schließlich auch allerlei verschärfende Strafen, wenn die Missetäter sich nicht bessern lassen wollten. Genützt hat das alles nichts. Nur 1 Prozent der neu-kaledonischen Verschickten hat sich gebessert, bei allen anderen schlugen die Erziehungskünste fehl.

Eingehend hat Heindl das Derbrecherdors D o u r a i l studiert, wo Freigelassene und Sträf­linge. die schon eine längere Hast verbüßt haben, bürgerlichen Berufen nachgehen.Da waren,z. D. zwei Brüder," erzählt der bekannte Kriminalist, ehemalige Fabrikangestellte aus Marseille, die wegen schweren Diebstahls verur­teilt wurden. Sie kauften von den benachbarten Viehzüchtern Häute auf und fingen eine Ger­berei an, die sich als sehr einträglich erwies. Bald erschien auf dem Markte das Leder aus Dourail schüchtern neben dem australischen Le­der, welches bis dahin allein in der Kolonie verbraucht worden war. Der Vergleich fiel zu­gunsten des Bvurailer Leders aus, weil es viel weniger kostete. Es regnete Bestellungen. Die Gebrüder Ä. nahmen binnen kurzem unter den Industriellen Veu-Kaledoniens eine bedeutende Stellung ein; und da ihre Wechsel regelmäßig bezahlt wurden, schrieben die großen ausländi­schen Firmen in ihren Geschäftsbriefen an diese Zuchthäusler:Sehr geehrter Herr!"In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener" Als ich Rvi-Kaledonien verlieh, las ich in einem Lokalblatt, daß die Schuh lieferung für die Sträflinge ihnen zuerkannt worden sei. ZwanHigtausend Paar Schuhe pro Iahr, das läßt sich hören! Die beiden Diebe werden bald sehr reiche Leute sein.

Die Brüder R. haben einen berühmten Schwur­gerichtshelden zum Aachbar, den Apotheker Dan- val. Seine Spezialität war, sich zu verheiraten und dann seine Frau mit Arsenik zu vergiften. Ich habe aber mit Vergnügen konstatiert, daß sein Vorleben ihm durchaus nicht hinderlich war, bei seiner Ankunft in Dourail eine dritte Ma­dame Danval zu finden. Danval verwendet jetzt seine chemischen Kenntnisse, von denen er früher einen so schlechten Gebrauch gemacht hat, zur Verbesserung seiner Ländereien. Er hat die künstliche Düngung in Veu-Kaledonien eingeführt. Ein drittes Beispiel: Ein ehemaliger

Von Or. Hermann Budzislawski.

Destillateur hat seine Ersparnisse zum Ankauf eines Destillierkolbens verwandt, mit dessen Hilfe es ihm gelungen ist, aus gewissen Baumrinden und Pflanzen Parfümsund Liköre zu ge­winnen. Seine Versuche waren auf der Pariser Weltausstellung zu sehen und haben der Ge­fängnisverwaltung eine Medaille eingetragen.

Das sind aber Ausnahmen; zwar haben die Sträflinge den besten, fruchtbarsten Boden der Kolonie erhalten, aoer sie haben ihn schlecht bearbeitet. In der ganzen Strafkolonie sind Mord und Totschlag an der Tagesordnung, und als letztes Mittel konnte auf die Todesstrafe nicht verzichtet werden. Als man versuchte, die Sträflinge durch verschärften Arbeitszwang zu erziehen, stieß man überall auf passiven Wider­stand. Die Sträflinge zögerten nicht, sich zu v e r st ü m m e In, um auf diese Art von der Arbeitbefreit zu werden. Ein Zuchthäusler brachte sogar den Mut auf, sich des Augen­lichts zu berauben! Ein anderer ließ sich, da er keine schärfere Waffe besah, mit einem eisernen Tonnenreifen von seinen Kameraden die Finger abschlagen, wozu mehr als vierzig Schläge not­wendig waren. Die Direktion der Strafanstalt konnte nur durch eine nicht minder grausame Methode verhindern, daß sich die Anstalt in ein Krüppelheim verwandelte: Es wurden sinnlose Beschäftigungen erfunden, die auch den Ver­stümmelten Arbeit verschafften. Die Blinden mußten acht Stunden mit einem Sandsack auf dem Rücken im Kreis herumlaufen, und die Einarmi­gen tourocn vor Karren gespannt. Es war aber nicht zu verhindern, daß die Sträflinge immer wieder die entsetzlichsten Krankheiten simulierten, um wenigstens für einige Zeit von der Arbeit befreit zu werden.

Unter den günstigsten Bedingungen hatte man den Versuch unternommen, die geeignetsten Verbrecher in Reu-Kaledonien zu bessern. Wenn sogar dieses Experiment fehlgeschlagen ist, kann sich die Menschheit vor den Berufsverbrechern nicht anders schützen, als die gewerbsmäßigen Ruhestörer lebenslänglich einzusperren oder, wie es in dem neuen deutschen Strafrechtsentwurf bezeichnet wird, in Sicherungsverwah­rung zu nehmen."

In seinem vielbesprochenen BuchDer Berufs­verbrecher" (im Pan-Verlag Rolf Heise, Berlin 1927) gibt Heindl eine vergleichende Darstellung der Formen der Sicherungsverwahrung m ver­schiedenen amerikanischen Staaten, in Norwegen, England und schließlich in Australien. Bemer­kenswert sind besonders die australischen Einrichtungen, die zuerst in Reu-Südwales er­probt worden sind. Dort wurde das entspre­chende Gesetz im Iahre 1905 angenommen und sofort in allen Gefängnissen vorgelesen. Der Er­folg war überraschend! Die Berufsverbrecher verliehen Reu-Südwales scharenweise und wan­derten nach Reu-Seeland aus. Während die Zahl der Verbrechen und Vergehen in Reu- Südwales mit großer Geschwindigkeit abnahm, konnte man sich bald in Reu-Seeland kaum vor Gaunern retten. Run muhte Reu-Seeland ein entsprechendes Gesetz erlassen; im Iahre 1907 schloß sich dann Tasmanien an, und mit der Zeit folgten alle australischen Staaten dem Bei­spiel von Reu-Südwales. Insgesamt wurden in Reu-Südwales seit dem Bestehen des Gesetzes auf je 1 Million Einwohner 45 Personen in Sicherungsverwahrung genommen; davon ist ein Teil gestorben, andere wurden ins Irrenhaus gebracht es bestehen zahlreiche Beziehungen zwischen Irrsinn und Verbrechertum, wieder andere wurden begnadigt. Am 31. Dezember 1922 befanden sich auf je 1 Millon Einwohner 15 Per­sonen in dieser Art von Haft.

Wenn man annimmt, daß in Deutschland auf die gleiche Einwohnerzahl ebensoviel Per­

sonen in Sicherungsverwahrung genommen wer­den müssen, so würde das bedeuten, daß unge­fähr 900 Berufsverbrecher für unbegrenzte Zeit eingesperrt werden sollten. Das ist wahrlich keine große Zahl, wenn man bedenkt, was damit der deutschen Volkswirtschaft an Schädi­gungen erspart bliebe; würden doch für diesen Zweck schon zwei Sttafanstalten von normaler Gröhe genügen. Heindl hat nun berechnet, daß es in Deutschland rund 8500 gewerbsmäßige Gauner gibt, von denen wahrscheinlich kaum ein Einzigerbesserungsfähig" ist. Aber die meisten dieser Diebe und Betrüger sind eigentlich nicht so gefährlich, daß man sie wegen ihrer außerordentlich zahlreichen, doch meist nicht sehr schwerwiegenden Missetaten lebenslänglich einferiern müßte. Rur etwa 10 Prozent von ihnen sind so begabte Verbrecher, das, sie zu einer ständigen Gefahr werden und großen Schaden anrichten können. Wenn man diese wirk­lich gefährlichen, ständig rückfälligen, unverbesser­lichen Berufsverbrecher in lebenslängliches Ge­wahrsam nehmen würde, so käme man auf eine ähnliche Zahl wie die australischen Staaten. Man hat in Australien mit diesem System glänzende Erfolge erzielt, und es wäre dringend zu wünschen, daß der deutsche (5traf» rechtsentwurs, der in dieser Beziehung inkonse­quent ist, da er nur eine Verwahrung für be­grenzte Zeit, also eine Verlängerung der Strafzeit, zuläht, bald entsprechend verbessert werden würde.

Novembettage in Gpa.

Niederländischer Besuch im Kaiserlichen Hauptquartier.

Den Leipziger Reue st en Rachrichten wird von besonderer Seite geschrieben:

Von den trüben Rovembertagen, in denen das deutsche Kaiserreich zusammenbrach, können wir uns im großen und ganzen ein Bild machen, im einzelnen bleibt aber noch manches aufzu­klären. So haben wir mit Ueberraschung aus dem neuesten Buche des Oberstleutnants Rie­mann erfahren, daß in jenen Tagen ein nieder­ländischer General, Generaladjutant der Königin Wilhelmina, in Spa anwesend war. Daß diesem General noch am Morgen des 9. Rovernber ein Sturmangriff vorgeführt werden mußte, hat bei den mit der Ausführung Beauf­tragten mit Recht einiges Befremden erregt; man sollte meinen, in Spa hätte man an diesem Tage andere Sorgen!

Von der einen Seite wird nun behauptet, dieser General van Heuth habe einen beson­deren Auftrag der Königin von Hol­land an den deutschen Kaiser gerichtet, und dieser Auftrag gehe auf eine An­regung des Königs Georg von Eng­land zurück, dem Kaiser in Holland ein Exil anzubieten. Von anderer Seite wird das Be­itritten und die Sache so dargestellt, als sei die Anwesenheit des fremden Generals das alltäg­lichste Ereignis von der Welt gewesen; der General habe eben eine Studienreise an die deutsche Front gemachtI Irgendein Geheimnis sei nicht dabei gewesen, keinesfalls sei die Bedeutung seines BesuchesÖen maßgebend­sten Persönlichkeiten" einschließlich des General­feldmarschalls unklar geblieben.

Die letzte Behauptung kann in dieser unbeding­ten Fassung nicht wohl stimmen. Denn als am Abend des 7. November General Groener von seiner Reise nach Berlin zurückkam und den Raum betrat, wo die höheren Offiziere des Hauptquartters um den Kaiser versammelt waren, war seine erste Frage:Wer ist denn der fremde General da?" Der Erste General­

Gießener Konzettverein.

Klavierkonzert Lubka Kolessa.

Die Frage der Einstellung des konzertierenden Künstlers zum geistigen Gehalt des vorgetragenen Werkes wurde mit dem Augenblick offenbar, als Schaffender und Reproduzierender nicht mehr in einer Person bereinigt waren. Zwar ist jede Wiedergabe im Technischen fundiert, aber bei weitem kann das Technische nicht das Geistige ersehen. Unö bis in die Gegenwart hinein ringen unsere Instrumentalmethodiker um einen Weg, der das Technische zur Vollendung zu führen ver­mag und gleichzeitig dem Musikalischen volle Auswirkung gewährt.

Groß ist die Zahl derer, die den Willen zur Uebcrwindung des Spieltechnischen aufgebracht haben, denn die Gewinnung von Technik ist mehr oder weniger eine Sache des Wollens. Das kann aber auch sehr oft dem höheren Zweck, der Er­schließung des Geistigen im Kunstwerk, zum Ver­hängnis werden. Es ist eine offenliegende Tat­sache, daß so mancher unter der Schule des Willens dasjenige Moment stark zurückdrängen mußte, das für die musikalische Gestaltung von stärkster ausschlaggebender Bedeutung ist: das ©motionale. An dessen Stelle tritt dann in vielen Fällen die Reflektion. Und mag dann eine solche Wiedergabe rein ästhetischen Gesichtspunkten durchaus genügen, der tiefinnerste Kern des Kunstwerkes aber bleibt in solchen Fällen oft un- erschlossen. Wenn solche Ergebnisse von vornherein von vielen Mufikbeflissenen beachtet würden, es bliebe manche Enttäuschung im Konzertsaal er­spart. Denn gerade der mechanistische Charakter des Klavieres erfordert um so stärker musikali­schen Impuls, um dem starren Klavierton warmes Leben einzuhauchen. Und so ist die Zahl der wirk­lich Großen Im Reiche des Klavierspiels be­stimmt und bedingt durch die musikalische und emotionale Veranlagung. Rur demjenigen wird der endgültige Erfolg sicher fein, der sich dem Musikalischen restlos hinzugeben vermag, und er wird aus dieser Lebensquelle den Weg finden zur Ueberwindung des Technischen. Denn die Technik ist dann nicht mehr isoliert, sondern sie kann dann als begleitende motorische Aeuherung des Gefühls angesehen werden.

Daß eine solche Lösung des pianistischen Pro­blems möglich ist. dafür zeugte der unvergleich­liche Eindruck, den man von Lubka Kolessa (Wien) empfing, Ueberblickt man die großen Pianistenpersönlichkeiten der letzten Iahrzehnte bis zur Gegenwart, so wird man nur sehr wenig Auserwählte finden, die man mit ihr in einem Zuge nennen konnte. Meistens überwiegt bei ihnen letzten Endes doch die Reflektton in Ver­bindung mit der Technik; Künstler, die so völlig mit dem Werk zur Einheit verschmelzen, hat unsere Gegenwart nur sehr wenige aufzuweisen. Und bei keinem wird die innere Kohärenz mit dem Werke größer fein als bei Lubka Kolessa. Es ist nun einmal ein Kennzeichen der intuitiven künstlerischen Persönlichkeit, daß ihr gesamtes körperliches Erleben, ihre äußere Erscheinung zum Ausstrahlungsfeld des inneren Aufwallens und damit zu dessen Spiegelbild werden. Wer die Künstlerin bei ihrem Spiel beobachtet hat, der wird bestätigen, daß jede Faser ihres Kör­pers mitschwang; wie sie sich voller Energie straffte, wie sich ihre Mienen verdunkelten, wie sie aufatmete bei der Lösung musikalischer Kon­flikte, wie sie neckisch lächelte. Das alles nur durch eine naive, von keiner Derstandesreflektton getrübte Hingabe an das Werk, ein naturhaftes Erleben von primärer, elementar wirkender Kraft. Gleich der harmonischen Ausgeglichenheit ihres Aeußeren, so fügte sich auch alles in ihrem Vortrag mit organischer Notwendigkeit. Frei von jeglicher Podiumseitelkeit, war sie eine mär­chenhafte Erscheinung, die in ihrer Unberührt- heit die Zauberwelt des Musikalischen erschloß, und alle die zahlreichen Hörer ohne Ausnahme mit sich führte in den heiligen Garten der Kunst und jeden für einige Zeit das Gegenwartsge­schehen mit seiner Alltäglichkeit völlig vergessen ließ.

Die kühnsten Erwartungen, die man an Lubka Kolessas vorjähriges Spiel von Chopins L-Moll- Konzert knüpfen konnte, wurden durch ihr dies­maliges Auftreten dennoch übertroffen. Teilweise brachte sie in der Vortragsfolge Werke, denen man nur selten begegnet, weil die Wieder­gebenden nicht immer die rechte innere Ein­stellung dazu zu finden vermögen und einem dann meist nicht restlose Befriedigung gewähren. Hier war alles Hat bis zum Einzelnsten innerlich

erschaut und durchlebt. Wie gewaltig ließ sie Bachs Toccata in ihren einzelnen Phasen und Entwicklungsansähen erstehen und sich auswachsen. Welche edle Linienführung und Kantilene lieh sie aus dem besinnlichen Adagio sich heraus­bilden und mit welch thematischer Klarheit führte sie die Fuge bis zur letzten gewaltigen Auf­steigerung durch. Ieder Ton war innerlich ge­spannt. dem architektonischen Bau des Werkes als notwendiger Teil eingefügt. So mußte Dach von jedem verstanden werden. Welch feine Stil­einfühlung in das Vorahnen des Empfindsamen sprach aus der Wiedergabe der beiden Capricen von Scarlatti. Wann ist man wohl Webers C-Dur-Sonate im Konzertsaal begegnet? Für den Wiedergebenden bietet sie eine besondere Auf­gabe. Sie weist nicht die thematische Architektonik der Beethovenschen Werke gleicher Gattung auf, sondern wendet sich zum Teil dem Drama­tischen zu, zum Teil aber auch dem konzertmäßig Virtuosen. llnb daß gerade dieser letzte Zug durchaus nicht zu dominieren braucht, daß an­mutige musikalische Frische aus dem Werke er­blühen kann, das zeigte Lubka Kolessa. Die .beiden Schubert - Kompositionen, besonders das Scherzo in 6-Dur, sind unserer Hausmusik nicht unbekannt. Dennoch gewannen sie hier ein ganz anderes Gesicht mit neuen intimen Reizen.

Eine wesentlich andere Art des musikalischen Aufbaus weist Franz Liszts Mephisto-Walzer auf. Die Gestalt des Mephisto hat im Schaffen des Meisters eine besondere Rolle gespielt. An­geregt besonders durch Lenaus Dichtung schuf er .den Tanz in der Dorfschenke" (Mephisto- Walzer) für großes Orchester, und im Greisen­alter selbst wandte er sich noch einmal dem Problem zu und schrieb noch drei Mephisto-Wal­zer und eine Mephisto-Polka. Obwohl der Kom­position eine außermusikalische programmatische Handlung zu Grunde liegt, gestaltete die Künst­lerin die einzelnen Episoden so klar und plastisch, daß man auch ohne Kenntnis des unterlegten Programmes einen starken Eindruck von der inneren Organik des Werkes gewann. Das schein­bar Unmöglichste im Technischen fand hier seine selbstverständliche Vollendung und Dienstbar- machung im Rahmen der Ausdruckskraft des Werkes.

Das Publikum vermochte sich nicht von der

quartiermeister schien auf die Anwesenheit eines niederländischen Generals also keineswegs schon von langer Hand vorbereitet gewesen zu sein. Es machte vielmehr den Eindruck, als fände er sie zu dieser Zeit und an dieser Stelle genau so wenig mehr selbstverständlich wie andere auch.

Wer sich die Sachlage in den ersten November­tagen an der deutschen Westfront und im Großen Hauptquartier zu Spa vorurteilsfrei vergegen­wärtigt, der wird es an und für sich kaum natürlich finden, daß gerade die nächste Um­gebung des Kaisers damals noch viel Zeit übrig gehabt haben sollte für irgendeinen neutralen General, der Lust hatte, sich den deutschen Rück­zug auS der Nähe anzusehen. Wer aber trotzdem an einenreinen Zufall" glauben mag. dem bleibt es immer noch unbenommen, zu vermuten, daß der Empfang des Generals van Heutß durch die Umgebung des Kaisers zum mindesten nicht frei von Hintergedanken gewesen ist. Vielleicht wurden damals schon die ersten Fäden gesponnen, die drei Tage später zum 11 e b c r t r i 11 des Kaisers über die holländische Grenze führten.

Schon dieser Unterschied von drei Sagen wäre aber nicht nebensächlich, denn die Zeit liegt noch nicht allzu weit zurück, wo aus der Umgebung des ehemaligen Kaisers gegen Hindenburg der Vorwurf erhoben wurde, er habe den Kaiser verrate n", indem er ihm mit plötzlicher Sinneswandlung am 9. November d i e Flucht nach Holland habe empfehlen lassen. Man braucht den Besuch des Generals van Heuth wirk­lich nicht zum Gegenstände des Parteigezänks zu machen, aber an der völligen Aufklärung dieser bisher unbekannten Tatsache in bezug auf ihren Zweck und ihre Bedeutung besteht aller­dings ein dringendes Allgemeininteresse.

Oberheffen.

Landkreis Gießen.

h. Heuchelheim, 16. Ian. Die hiesige Freiwillige Feuerwehr will ihr 5 0- jähriges Bestehen in diesem Iahre in größerem Rahmen feiern. Zum Festplatz wurde der Sportplatz bestimmt. Die Ausschüsse arbeiten schon seit längerer Zeit, um dem dreitägigen Fest einen guten Verlauf zu sichern. Im Schwanen" versammelten sich am Samstag die diesjährigen 50er. Ein Vorstand wurde ge­wählt, der unter dem Vorsitz von Landwirt Ferdinand Hofmann alles weitere veranlassen wird.

CO Klein-Linden, 16. Ian. Landwirtschafts­rat Dr. Schneider vom Landwirtschaftsamt Lich hielt am Samstagabend im GasthausZur Burg" einen Vortrag überDie künstlichen Dünge­mittel". Die nachfolaende, recht anregend verlaufene Aussprache trug noch viel zur Klärung sehr wichtiger Fragen aus der Landwirtschaft bei. Leider war der Vortrag nur verhältnismäßig schwach besucht, hof­fentlich hat der nächste, ebenfalls für unsere Land­wirte sehr bedeutsame Vortrag überDie Vieh­zucht", der in einigen Wochen folgen soll, mehr Be­sucher aufzuweisen. Die Zahl der Erwerbs­losen beträgt zur Zeit in unserer Gemeinde rd. 60.

Q) Lollar, 16. Ian. Der Deter anen- und Kriegerverein Lollar beging am Samstagabend unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung im dichtbesetzten, mit Fahnen und Tannengrün geschmückten SaaleZ»rm Schwan nen" seinen diesjährigen UnterhaltungS- abend. Eine reichhaltige und geschmackvoll $u- sammengestellte Dortragsfolge brachte einige schöne Stunden im Kameradenkreise der alten Soldaten. Eine besondere Rote ward dem Abend durch die Mitwirkung des Heimatdichters Georg Heß aus Leihgestern zuteil, der im Laufe des Abends mit einer reichhaltigen und gutgewählten Auslese aus dem Schatze seiner oberhessischen und Hüttenberger Mundartdichtungen aufwartete. Stürmischer Beifall der gespannt lauschenden Zuhörer forderten immer wieder fein Erschei­nen auf der Bühne, dem er sich angesichts der ausgezeichneten Stimmung nicht zu verschließen vermochte. Besondere Erwähnung verdienen die von Herrn Heß gemeinsam mit Frl. Elisabeth Seipp von Lollar geführten Zwiegespräche:

Künstlerin zu trennen. Keiner wollte sich von seinem Platz erheben. Und erst als die Künst­lerin noch eine Bearbeitung des Ständchens aus Mozarts Don Iuan und zwei Cho - p i n s ch e Walzer gespielt hatte, schien das Ver­langen der sehr zahlreichen Hörerschaft gestillt. Aber nur für diesmal! Lubka Kolessa wird in Gießen immer herzlich willkommen sein und jubelnd empfangen werden. Und dies mag der treffendste Ausdruck des Dankes sein, den die Hörerschaft dem Vorstand des Konzertvereins schuldet. Dr. H.

Ein okkultes Phänomen in Nürnberg.

Einem Bericht derNürnberger Zeitung" ent­nehmen wir folgendes: Nürnberg steht im Be­griff, Mittelpunkt einer Sensation zu werden. Ein Mann, Heinrich Nühlein, der ein halbes Jahrhundert nichts von der Technik der Malerei wußte, ein Dilettant, beginnt ohne jede technische Schulung Bilder zu malen, deren Qualität kunstverständige Menschen anzieht, deren Ent­stehung aber ebenso merkwürdig ist, wie die Bilder eigenartig sind. Seine außerordentliche Produktivität, die ihm ermöglicht, ein einfaches Delbild in 3 bis 30 (auch 40) Minuten, je nach der Größe, zu schaffen, lieh in den letzten zwei Iahren rund 2000 Gemälde ent­stehen. von denen em großer Teil bereits zwei­mal in London (1927) ausgestellt war und Auf­sehen erregte. Im kommenden März wird eine dritte Ausstellung in London sein. Der Maler Trennt seine Arbeitenpsychische Malerei, da sie ohne jede äußere Vorlage, ohne ein Mo­dell, ohne Natur zustande kommt. Auch geht sie ohne jede Beeinflussung seinerseits vor sich, d. h. er schaltet sein Ichbewußtsein aus wie« er sagt, veimimmt er zuweilen während des Vor­ganges Stimmen, die ihm eigenes Denken über das Bild verbieten. In den meisten Fällen ent­steht zu den beendeten Bildern durch automati­sches Schreiben auch noch ein Text; auch fremd­artige, hieroglyphenhafte Buchstaben wurden so auf die Rücksette des Bildes gezaubert. Dis- Bilder sind in der Hauptsache in Ocl oder Tempera auf Holztafeln gemalt.