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Nr. 65 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefseil)

Freitag, <6. März 1928

Amerikas Flottenpläne vor und nach Tisch.

Don unserem A. G. A.-Berichterstatter. Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.

Reuyork, März 1928.

Präsident Coolidge hat nicht lange ge­zaudert. den redseligen Admirälen der amerika­nischen Kriegsmarine, den Scharfmachern und Kriegspropheten eins auszuwischen. Er hat der Presse und dem Publikum den Rat gegeben, ihren Unkenrufen keine Beachtung zu schenken, da die Bramarbasse der Flotte immer dann am kräf­tigsten auftrumpsen, wenn die Marine dabei ist, im Kongresse eine kolossale Bewilligungs­vorlage durchzudrücken. 3n seiner Rede über das Dräget hat er die allgemeine Aufregung über das Bauprogramm seines Marine- Sekretärs Wilbur mit der Erklärung zu be­schwichtigen versucht, daß daS Programm haupt­sächlich Ersahbautcn umfasse uird der geplante Zu­wachs nurden Bedürfnissen des Lan- d e s" entspreche. Auch hänge der Dau neuer Schiffe jeweils davon ab, wieviel Geld der Bundesschahmeister für diese Zwecke verfügbar habe.

Warum aber, wenn man fragen darf, läßt es der Präsident überhaupt zu, daß die Marine mit einem Male rund achthundert Millionen Dollar für neue Schiffe fordert? Es scheint wirllich, als habe er die Kontrolle über die Regierungs-- ämter ebenso verloren, wie er sie über den Kongreß verloren hat. Der Präsident mag sagen und erklären was er will, die »Big Ravy Men" im Warineamt kümmern sich den Teufel darum. Wäre es nicht weit besser. Herr Coolidge schickte seine, nicht Herrn Wilburs Empfehlungen dem Kongresse zu? Dann wüßte man wenigstens, wer dafür verantwortlich ist. und seinen .Beratern" wäre die Gelegenheit genommen, über die Stränge zu schlagen.

Allerdings ist damit, daß der Bau von Schiffen .autorisiert" wird, noch lange nicht gesagt, daß sie auch gebaut werden. Lieber die Bewilli­gungen, die von Jahr zu Jahr zu machen sind, hat jeder Kongreß selbst zu entscheiden. Das Wilson-Programm des Jahres 1916 und das Herrn Coolidges von 1924 sind noch heute erst teilweise verwirllicht. Für den Rest kann Wilbur oder sein Rachfolger vom Kongreß die nötigen Gelder ansordern. Ob er sie bekommt, hängt von dem allmächtigen Haushaltsausschuß ab. Lind der richtet sich nach dem Kassenrapport des Bundes-Säckelwarts sowie nach den An­sprüchen. die von anderer Seite an das Schatz­amt gestellt werden.

Lim aber wenigstens den Versuch zu machen, die Regierung zur Durchführung eines Teils der Wilburschen Wettrüstungspläne zu zwingen, wollte der Marineausschuh des Repräsentanten­hauses nach langem Hin und Her in seine soeben gutgeheißene Maßnahme allerlei Bestimmungen aufnehmen, wonach die 15 neuen 10 000=2onnen« Kreuzer, die man dem Marineamt statt der ver­langten 25 bewilligte, innerhalb drei Jahren in Angriff genommen und innerhalb sechs fertig- gestellt sein sollen. Falls von den fünf für das erste Baujahr in Aussicht genommenen Kreu­zern der eine oder andere mit Ablauf des Jahres nicht angesangen sein sollte, müßten laut Wunsch des Hauskomitees für Marineangele^enheiten im zweiten Jahre mindestenszehnK ellegungen stattfinden. Lind schließlich, als Hauptsache, sieht die Bill vor. da'h der Marinesekretär jeweils bei Beginn der Kongreßtagung seinen Antrag auf Bewilligung der benötigten Gelder zu stellen habe.

Roch In letzter Stunde, unmittelbar vor Ein­reichung der Vorlage an das Plenum des Re­präsentantenhauses. hat der Marineausschuß sich entschlossen, die Bestimmung zu st r e i ch e n, welche die Durchführung des Bauprogramms innerhalb sechs Jahren verlangte. Dies ist eine v o 11 - ständige Riederlage fürdasMarine- k o 11 e g i u m, das nicht nur auf einem Maximal- programm, sondern auch auf seiner Durchführung innerhalb einer bestimmten Zeit bestand. Die Be­seitigung gerade dieser Bestimmung schwächt den Charakter der Vorlage weiter erheblich ab.

Admiral Beuret, Chef der Bauabteilung des Marineamts, machte den Ausschuß darauf

Was die Eignungsprüfungen lehren.

Berufswahl nach wissenschaftlichen Grundsätzen.

Von Siegfried Ascher.

Die Zeit der Berufswahl ist für viele tausend junge Menschen gekommen; unser Mitarbeiter, der die wichtigsten psycho­technischen Institute besucht hat, schildert die Möglichkeiten, die Eignung für die verschiedenen Berufsgattungen festzustellen. Beruf saus lese" ist ein Schlagwort, das erst vor wenigen Jahren in Deutschland auf- tauchte, als man mit der Einführung amerika­nischer Geschästsmethoden begann. Man war sich darüber klar, daß der richtige Mann an den richtigen Platz gestellt werden müsse, und zu diesem Zweck begannen einige große Industrie- Werke bei der Einstellung von Lehr­lingen Prüfungen vorzunehmen, durch die sie die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Bewerber feststellen wollten. Immer weitere Kreise haben sich in den letzten Jahren von der Rotwendigkeit dieserEignungsprüfungen" über­zeugt, und in vielen Berufszweigen, z. B. bei den Konditoren, den Goldschmieden, den Me­chanikern und den Chemigraohen des Duchdruck- gewerbes wird heute von dem Einzustellenden der Rachweis verlangt, daß er sich einer Eig­nungsprüfung mit Eriolg unterzogen habe. Die Reichsbahn, die Reichspost und die großen Der- kehrsg.'fellschasten haben komplizierte Methoden erdacht, um ihre Angestellten genau zu prüfen, und im Preußischen Landesarbeitsamt ist eine PrüfungsÄteilung geschaffen worden, zu der bie Berufsberatungsämter junge Leute schicken, über deren Fähigkeiten sie kein genaues Urteil abgeben können. Auch die meisten großen In- dustriewerke verfügen heute über Prüsungsabtei- hingen, in denen die Bewerber auf ihre geistigen und körperlichen Fähig'eiten untersucht werden. In steter Zusammenarbeit mit der Wissenschaft werden immer neue Apparate konstruiert, mit deren Hilfe man feftft*llen will, in welchem Grad der Prüfling üb-r Geschicklichkeit.

aufmerksam, daß die Baubefristung manche Werft davon abhalten würde, Bauangebote einzureichen, und daß sich die Kosten der Schiffe dadurch wesentlich erhöhen würden. Dies Argument scheint den Ausschlag gegeben zu Habern Wie immer dem aber auch sein möge, das Wichtigste ist, daß das Repräsentantenhaus jetzt ein weit vernünftigeres Programm vor sich hat als vor ein paar Wochen, wo die Pläne Herrn Wilburs von den Großmarinefreunden mit Jauchzen und Frohlocken begrüßt wurden. Allem Anscheine nach ist man bei der ganzen Angelegenheit von dem bewährten Geschä.tsprinzip ausgegangen, mög­lichst viel zu verlangen, um überhaupt etwas zu erhalten.

Dem Marineausschuß des Kongreß -Unter- hauses muh es herzlich schwer gefallen fein, Herrn Wilburs verlangte 71 Schiffe auf sechzehn herunterzuschneiden. Aus 25 Kreuzern wurden 15, aus 5 Flugzeug-Mutter-SchÜfen ward eins, und seine 32 Tauchboote sowie 9 Zerstörer-Führer sind spurlos versenkt. Hierfür stimmten zwanzig der einundzwanzig Mitglieder dieses QI: sschusses. Es ist dies um so erstaunlicher angcfiajti der Tatsache, daß es in diesem Ausschüsse von Groß- marine-Enthusiasten nut so wimmelt. Man darf die plötzliche Bescheidenheit dieser Landadmiräle nicht so sehr auf die allgemeine Mißbilligung des Wilbur-Programms um nicht zu sagen Auflehnung dagegen zurückführen, als weit eher darauf, daß die Herren zu der Einsicht ge­langten, daß sie damit der vorläufig bis Mitte März hi:ausgeschobenen Steuersenkungs- Do r l a g e ein frühes Grab graaen, die Missis­sippi-Stromregulierung zur Verhütung einer abermaligen verheerenden Lieberschwemmung zum Scheitern bringen und auch sonst allerhand Maß­nahmen, die Geld erfordern, gefährden würden. Gerade in einem Präsidentenwahljahre ist aber ganz besonders bedenllich, wenn man das ganze steuerzahlende Publikum enttäuscht und die ohnehin rebellische Bevölkerung der Staaten entlang dem Vater der Ströme noch extra vor den Kopf stößt. So reduzierte man Wilburs Wunschzettel von fast 800 auf 274 Mil­lionen Dollar, verteilte aber die 15 Kreuzer auf drei Jahre statt der für die 25 in Aussicht ge­nommenen fünf.

Der großen Masse ist die Herstellung der von den Marinegewa.tigen so heiy ersehnten Gleich­stellung mit England höchst gleichgültig. Dem Durchschnitts-Amerikaner ist weit mehr daran gelegen, wie viel oder wie wenig er an Ein­kommensteuer zu zahlen hat, als was die Scharf­macher vo.n Marineiollegium für Paritäts-Pläne bebrüten.

Das amerikanische Marineministerium muß sich der Tatsache, daß die öffentliche Meinung ganz entschieden g e g en ein Wettrüsten zur See ist. ebenso bewußt sein, wie die englische Admirali­tät. Die Admiräle auf beiden Sellen des Atlantik nehmen deshalb zu dem Argument ihre Zuflucht, ihr Programm beruhe auf derrelative n" Stärke und auf denBedürfnissen des Landes". Sie rüsten nicht gegeneinander, sagen sie. Leider stimmt das nicht. Worauf gründen sich dieBe­dürfnisse" eines Landes? Wenn es auf den sieben Weltmeeren keine andere Flotte gäbe,bedürfte" die britische Admiralität dann siebzig Kreuzer? Wozu? Als Spielzeug? Kaum. Kriegsschiffe sind zur Qlbwehr da. Lind zum Angriff. Herr Wilbur hat keinen Zweifel daran gelassen, daß sein Pro­gramm das Resultat des Fehlschlags der Genfer Konferenz ist. Admiral Hughes vom Marinekollegium ward noch deutlicher mit der Erklärung:Dies Programm wird jeder im Kriege liegenden Ration zur Warnung dienen, falls sie es sich einfallen lassen sollte, aus einer Verletzung unserer Qleutralität durch Einschrän­kung unseres Handels mit Kriegführenden oder Reutralen Vorteil zu ziehen." Kaim man deut­licher sein? Der Zweck des Wilbur-Programms kann demnach nur der fein, Amerikas Seewehr auf solche Höhe zu bringen, daß England niemals wieder Beherrscher der Meere sein kann, wie in den napoleonischen und im Weltkriege. In diesem Programm liegt eine ausges prochene Heraus Forderung, und toemi man es dahin auslegt, als sei es nur eine Ab­rundung, ein Ausgleich der technischen Leistungs­fähigkeit der amerikanischen Flotte, so ist man entweder blind oder man macht Ausflüchte.

Handsicherheit, Tastsinn und Druck- empfindung verfügt u <d ob er auch eine gute Konze tra lions ähig eit Rauman­schauung und Ausdruckssähigkeit be­sitzt. Da nun diese psychotechnischen Prüfungen bei der Einstellung eines Lehrlings eine immer größere Rolle spielen, muh man sich die Frage vorlegen, ob die augenblicklich geltenden Prü- sungsmethoden auch geeignet sind, dem Prüfenden ein genaues Bild von den Fähigkeiten des Be­werbers zu geben.

Wir haben mit unserem Prüfungssystem, das wir seit zehn Jahren unablässig verbessern und ausbauen, bisher die besten Erfahrungen ge­macht," so erklärt der Leiter der psychoiechnischen Prüfungsstelle der Allgemeinen Eleltrizitäts-Ge- sellschaft.Zwar lassen wir uns selbstverständlich die Schulzeugnisse der jungen Leute vorlegen: über ihre Einstellung entscheiden wir aber nur unter Berücksichtigung der Ergebnisse, die unsere Eignungsprüfung liefert. Wir lassen die Prüf­linge kleine Arbeiten ausführen, um ihre Ge­schicklichkeit festzustellen, also etwa nach einem Vorlagemuster Drähte biegen und Blei hämmern: mit eLe n Zielhanmer müssen sie bestimm.e Stellen einer Metallplatte treffen; das Feingefühl der Hand erproben wir dadurch, daß wir unsere zu­künftige Lehrlinge Drähte durch Tasten fortieren lassen, ebenso müssen sie verschiedene Metatt- klöhe ordnen, die teils glatt, teils rauh sind. Selbstverständlich prüfen wir auch die geisti­gen Fähigkeiten, wir stellen fest, ob die Bewerber Gedächtnis für Zahlen haben und lassen sie Wörter nach gegebenen Buchstaben zu­sammensetzen. Rachdem die jungen Leute einen Arbeitsvorgang an einer Maschine angesehen haben, müssen sie diesen Vorgang in einem kleinen Aussatz aufzeichnen. Die körperliche Geschicklichkeit stellen wir durch Kriech- Übungen fest, die Körperkraft des einzelnen er­sehen wir aus turnerischen Hebungen, ausKlimm- zügen und Rumpfübungen. Jeder Versuch wird einige Male hintereinander vorgenommen, um ein sicheres Ergebnis zu erzielen. Wir haben mit diesen Methoden bisher die besten Erfahrungen gemacht, sind aber unablässig bemüht, sie zu vervollkommnen. Da wir jeden Lehrling während seiner Ausbildungszeit im Auge behalten, haben wir herausgefunden, daß sich die meisten der

Aber vielleicht mit einem dicken Frage­zeichen handelt es sich nur darum, daß sich die amerikanische Regierung für die nächste Ab­rüstungs-Konferenz im Jahre 1931 in Washington wieder die besseren Karten sichern möchte. Die hatte es 1922 in der Hand, als Harding die Seemächte an den grünen Tisch lud und Hughes seine Bombe in das gemüt­liche Beisammensein schmiß. Damals waren die Vereinigten Staaten noch emsig mit der Ver­wirklichung des größten jemals auf geflehten Flot­tenbauprogramms des Wilsonschen von 1916 beschäftigt. Wenn die amerikanischen Delegier­ten bei der Genfer Konferenz letzten Sommer irgend etwas zu bieten gehabt hätten, womit sich ein Handel hätte bewerkstelligen lassen, so hätte jene Zusammenkunft auch Mhne Frankreich und Italien nicht mit einem so grandiosen Fehl­schlag geendet. Der Termin der nächsten Wa­shingtoner Konferenz steht schon seit 1922 fest. Dis dahin sind es noch drei Jahre. Der Kongreß kann in der Zeit noch allerhand beschließen. Er kann ein Milliarden-Programm aufstellen, das seinen Eindruck nicht verseh en würde. Vielleicht ist Herr Coolidge gar nicht umgefallen und tut bloß so, wenn er auch bis dahin nicht mehr im Weißen Hause sitzen wird.

Einen Schimmer der Wahrscheinlichkeit gewinnt solch vage Vermutung dadurch, daß der Re­präsentantenhaus-Marineausschuß in seinen Ge­setzentwurf auch eine Bestimmung ausnahm, nach der der Präsident ermächtigt ist, die Durchführung des Programms ganz oder teil­weise e i n z u st e 11 e n, falls die 'Bereinigten Staaten an einer internationalen Konferenz teil» nehmen, die eine Vereinbarung zur wei­teren Beschränkung der Seerüstungen zeitigt.

Zehn Lahre Ukraine.

Eine Erinnerung an den 17. März 1918.

Von Dr. Dr. Ernst-Ewald Kunckel.

Der ukrainische Oberst mit dem weißen Voll­bart, seit Jahren Emigrant in Berlin und unermüdlicher Vertreter seines Volks, hat mich eingeladen, mit seinen Freunde, der seiner­zeit an den Verhandlungen in Brest-Litowsk als Delegierter teilgenommen hat uni) noch heute in der ukrainischen Auslandspolitik tätig ist, mich zu unterhalten. Zehn Jahre sind es her, daß im März 1918 die Zentralmächte mit einer als selbständig anerkannten iLraine Frieden schlossen in jener Stadt des Ostens, nach der Ver­träge heißen, die später vo.n den Ereignissen und dem Machtspruch der Sieger weggewischt wurden und doch weiterwirken. Zehn Jahre, in denen sich viel geändert hat für all die Länder, deren Vertreter damals in Brest-Litowsk um den Verhandlungstisch vereint waren.

In dem Zimmer einer Wohnung des stillen ^Berliner Westens sitze ich nach herzlicher Be­grüßung dem Dr. M. gegenüber, einem kleinen slawischen Manne, dem Temperament und Klug­heit durch die runden Brillengläser blickt. Als er bemerkt, daß meine Fragen seine Person wenigstens in Llmrissen ergründen wollen, erzählt er mir die Etappen seines Lebens als Ukrainer und Revolutionär, der sich Sozialist nennt, aber nicht recht in das übliche Schema dieser Partei passen will: In der Krim ausgewachsen, Stu­dent in Kiew, Mitbegründer der ukrainischen Sozial-revolutionären Partei, nach der ersten Revolution in Rußland im Herbst 1907 ver­haftet, entkommt er nach halbjähriger Haft glücklich ins von Llkrainern bewohnte öster­reichische Galizien. Ende März dieses Jahres kann er so das zwanzigjährige Jubiläum seiner Flucht nach Westeuropa feiern. In Lemberg wird er Vertrauensmann des Auslands.omiteea feiner Partei, inszeniert 1910 eine gewaltsame Demonstration für eine ukrainische Llniversität und kommt nach sechs Monaten Kerker nach Deutschland. Weiterstudieren kam er nicht, hilft aber einem deutschen Prinzen bei For­schungen über die östlichen Kirchen. 1912 weist ihn Deutschland auf Grund eines Abkommens mit Rußland aus, er geht nach Italien und stu­diert die Geschichte der italienischen Einigungs­bewegung. Kurz vor dem Krieg nach G a 1 i z i en zurückgeiehrt, schmiedet er nach Kriegsausbruch

jungen Leute in der Richtung entwickeln, die wir auf Grund der Prüsungsresultate voraus- gesehen haben. Leider gibt es heute noch keine Möglichkeit, die moralischen Eigenschaften eines Menschen durch eine psychotechnische Prüfung festzustellen; wir müssen uns auf den persön­lichen Eindruck beschränken, den der junge Mann auf uns macht."

Weit komplizierter ist die Prüfung, die die Qlngeftellten der Verkehrsgesellschaften bestehen müssen, um z. B. Wagenführer zu werden. Sie müssen sich schon vorher in anderen Stellungen bewährt haben, bevor sie auf einen so verantwortungsvollen Posten gestellt werden. Selbst wenn sie schon längere Zeit eine theoretische Ausbildung als Führer eines Fahr­zeuges erhalten haben, fällt ihnen die psycho- technische Prüfung doch nicht leicht. Cs harren ihrer dabei die unangenehmsten Lieberraschungen und die stärksten Anforderungen werden an ihre Geistesgegenwart gestellt. Während der Prüfung, die in einem verdunkelten Raum vor­genommen wird, leuchten plötzlich die verschie­densten buntfarbigen Lichtzeichen der 'Verkehrs­ampeln auf, die blitzschnell beachtet werden müssen, Eisenstäbe fallen herunter, die der ver­blüffte Fahrer möglichst rasch festhalten muß; auch durch allerlei Geräusche von Autohupen usw. darf sich der zukünftige Wagenführer nicht verwirren lassen. Kaum einen Zwischenfall gibt es, der ihm bei der Prüfung erspart bleibt. Ein rollender Film, der bei dem Prüfling das Gefühl hervorruft, daß er auf einer fahrenden Elektrischen steht, weist alle Hindernisse auf, die dem Fahrer auf der Straße drohen, und erst wenn er sich durch all diese vorgetäuschten Un­fälle kaltblütig hindurchgefunden hat, hält ihn seine Direktion für tauglich, fein schweres Amt anzutreten. Die Verkehrsgesellschaften glauben, daß nur diese Prüfungsmethoden die Auswahl der geeigneten Bewerber ermöglichen, und mit Stolz weisen sie auf die geringe Zahl der Zu­sammenstöße hin, die sich im Laufe der letzten Jahre in den großen Städten ereignet haben.

Deutschland hat feinen Lehrmeister Amerika weit hinter sich gelaf'en," erklärt der Leiter des psychotechnischen Instituts der Technischen Hoch­schule zu Berlin.Während die amerikanischen

mit österveichischen Diplomaten und Offizieren politische Pläne und fabriziert Unmengen ukrai­nischer Propaganda it:ratur auf Vorrat. Schon werden über Die Türkei und den Kauiasus durch Emissäre Fäden nach der Llkraine angesponnen. 1917 bricht die Kerenski-Revolution im Russischen Reich aus, in Kiew bildet sich eine ukrainische Zentralrad a, der Emigrant fährt zum Stockholmer Sozialisten-Kongreß, ver­handelt mit russischen, lettischen, estnischen, litau­ischen Parteigenossen und deutschen Offizieren, und kann seine Stapel politischer Literatur in die erwachende Llkraine expedieren. Rachnchtenvermittlung und fieberba.te politische Lotigkeit zwischen hüben und drüben füllen die nächsten Monate aus.

Als im März 1918 in Brest-Litowsk die Verhandlungen beginnen, ist er dort. Auf der einen Seite die alten Diplomaten des Westens, auf der anderen die jungen Revolutionäre des Ostens. Sie sprechen die Sprachen verschiedener Völker, aber auch himmelweit entfernter Welten. Er verdolmetscht, vermittelt, kennt die Psyche beider Teile, verbindet den Außenminister alter Schule mit dem revolutionären Delegierten, der die Llniversität kaum hinter sich hat. Endlich kommt der Vertrag zustande, den die u.rai» nische Rada am 17. März 1918 ratifiziert:Es war ein QSertrag zwischen Gleichen, fein Gewalt,rieden, der in der internationalen Be­urteilung leider mit den gleichze t.gen Derhand- lungen mit Sowjetrußland durcheinandergewor'en wird. Qlbcr auch die Geschichte von dem Faust­schlag des Generals Hoffmann auf den Verhand­lungstisch, derGeste der Gewalt" ist ein Mär­chen. Darauf konnten sich die Sieger von Ver­sailles nicht berufen.

Wie erscheint nun heute diese Zeit und ihr Geschehen, wo alles schon als Vergangen­heit wirkt?

Behutsam zündet sich der ukrainische Dollar eine neueÖsterreicherin" an und fährt mit Eifer fort:Damals wurde die Llkraine durch Großmächte als selbständiger Staat an» erfannt. Daß dies geschah, daß Deutschland sich dafür in Brest-Litowsk einsetzte, ist uns ein blei­bender Vorteil gewesen. Dieses Geschenk er te schon der Hetman S k o r o p a d s k i und seine Regierung, die die Zentralrada ablöste. Auch als dann die B o l s ch e w i st e n die Llkraine überschwemmten, Iieren sie den wenig mehr als ein Jahr allen Rahmen eines besonderen Staa­tes bestehen. Immer mehr e n t w ä ch st die Llkraine der Verbindung mit Mos lau. Aber man gab ukrainisches Land anPolen. Zwischen Kiew und Moskau sind größere Gegensätze als zwischen Warschau und Moskau."

Es gehen Verbindungen hin und her?

In Polen leben nicht nur hunderttausende bodenständiger Llkrainer, sondern auch tausende von Emigranten aus der Sowjetukraine. Hm» gekehrt sind viele, viele galizische Hhainer jetzt tm Sowjetstaat oft in hohen Posten und die besten Lehrer im ganzen Land dank ihrer höheren Bildung.

Lind was haben Sie inzwischen getan?

Run, ich bin viel gereift, in Europa, zu den Landsleuten in QlmerÜa, bin jetzt in Oesterreich, Galizien, Polen, Deutschland. Arbeite für die Llkraine."

Eine Arbeit auf lange Sicht?

Gewiß, nichts kommt von heute auf morgen. Aber einmal wird, muß der russische Koloß zerfallen, soll die Hfraine ihre Entwicklung haben.

Warum sott Deutschland nicht mit Moskau und Kiew in guten Beziehungen stehen können?"

Hier fällt der Oberst, der feinen Freund nur gelegentlich ergänzt hatte, ein:Wir find Hfrai» ner und vertreten die Interessen unseres Volkes und wollen, daß man diese kennen und verstehen lernt. Ich bin deutsch-freundlich, weiß, daß man hier nicht an Krieg dachte, daß aber auf meinem Gut schon vor dem Mord von Sarajewo eine Ctappenstation eingerichtet wurde. Doch ich ar­beite für die Llkraine. Aber wir können zu» fammengehenl"

Sv stand er vor mir, der eindrucksvolle Edel- mann mit dem fliegenden Bart, neben ihm der Mann der verschlungenen politischen Wege, die kein Ende, nur ein Ziel kennen.

Prüfungsmethoden meist daraus hinzielen, den Bewerber zu verblüffen, sind wir bestrebt, vor allem die Geschicklichkeit eines Bewerbers zu ermitteln; denn Arbeitsfertigkeit sott er sich ja erst im Lause der Ausbildung aneignen. Zwar hat man auch in Deutschland versucht, die Me» thode der Schädelmessungen anzuwenden; doch liegen auf diesem Gebiet, ebenso wie bei der Anwendung der Graphologie, noch keine abschließenden wislenschastlichen Ergebnisse vor. Reuerdings versucht man, durch eine psycho» technische Prüfung ein Bild von den Charakter­eigenschallen eines Menschen zu gewinnen; so teilt man z. B. seststellen. ob der Bewerber Mut, Ausdauer und Charakterfestigkeit besitzt. Selbst­verständlich lassen sich derartige Ägenschasten nicht genau durch eine Prüfung erkennen, und das Bild, das man von dem Prüfling erhält, mag nicht immer ganz den Tatsachen entsprechen. Cs ist die Aufgabe der Wissenschaft, immer exaktere Methoden und Apparate zu finden; doch kann man schon heute feststellen, daß die deutschen psychotechnischen Prüfungsmethoden sich durchaus bewährt haben.

Dr. S ch e p p dagegen, der Leiter der Reichs» stettenvermittlung des G. D. QL, glaubt vor einer Lleberschähung der psychotechnischen Prü­fungsergebnisse warnen zu müssen.Wohl kann man," so führt er aus.die Fähigkeiten der Sinne durch Apparate feststellen. Bei der Prü­fung der Charaktereigenschaften ist man aber heute noch auf Experimente angewiesen, daher bleibt es trotz psychotechnischer Prüfungen un­endlich schwer, positive Rückschlüsse zu ziehen. Riemais wird man mit Hilfe von Maschinen Charakter- und Gemütswerte oder geistige Ver» anlagungen registrieren können. Eine endgültige Derufsbestimmung sollte man auf Grund der augenblicklichen Prüfungsmethoden nicht treffen, denn das sicherste Bild von der Veranlagung und den Fähigkeiten eines Jugendlichen können sich schließlich nur Eltern und Lehrer machen, die lange Zeit Gelegenheit gehabt haben, das Kind zu beobachten. Reben der Eignungsprüfung müssen sich auch ferner Berufsberater und Ar­beitsvermittler bemühen, in längeren ausführ­lichen Gesprächen den Charakter und die Nei­gungen des Jugendlichen zu ergründen."