1M0 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Donnerstag. (6. Zebruar;y28
Eine
neue Schinderhanneslegende.
Don Prof. Or. jur. et Phil. Karl Esselborn.
3n einem Aufsatz „Des Schinderhannes letzter Wunsch" berichtet Dr. Kurt Ochsenius im „Vieh. Anz." (Ar. 34 vom 9. Februar, 2. Blatt), der unter dem Namen Schinderhannes bekannte Räuberhauptmann Oohannnes Bückler — der übrigens nicht 1777 zu Nastätten, sondern zu Miehlen bei Nastätten am 25. Mai 1783 geboren war wie bereits im Jahre 1903 der bekannte nassauische Geschichtsforscher und Vorstand des Wiesbadener Stadtarchivs, Christian Sprelmann (1861 bis 1917), in der von ihm herausgegebenen „Nassovia" (4. 2g. S. 246) auf Grund der Mitteilungen des Pfarrers Schmied -aus dem dor- ttgen Kirchenbuche nachgewiesen hat — habe vor seiner Hinrichtung, die am 21. November 1803 zu Mainz siattfand, dem „ersten Kriminalrichter und Hvfgerichtsrat in Hessen Adolf von Grolman nach der Urteilsverkündung durch diesen den Wunsch geäußert, „noch einmal eine Frau wiederzusehen, die so schön gewesen sei". Auf die Frage, wer diese Frau sei, habe er geantwortet. '„Die Frau von Grolman, Ihre Frau." Grolman habe ihm darauf die Erfüllung dieses Wunsches versprochen. Frau von Grolman, „in der Lat wegen ihrer Schönheit berühmt" und „nicht weniger kleinlich als ihr Mann" (soll heißen: ebensowenig kleinlich wie ihr Mann!), sei zum Gefängnis gegangen, und Schinderhannes habe „von seinem Fenster aus auf dem Balkon eines benachbarten Hauses noch einmal die Gestalt und Las Gesicht der schönen Frau gesehen, bei deren zufälligem Anblick nach seiner Berhaftung er ausgerufen habe: ,Die Frau ist ja schon wie em Engel!"'
Diese Anekdote geht zurück auf die mündliche Lleberlieferung von Grolmans Tochter Berta, die am 9. Januar 1816 in Gießen geboren war und am 18. November 1917 im Alter von fast 102 Jahren starb. Ihre, Mutter, die zweite Frau ihres Vaters, hieß Klara Waldeck, war am 19. April 1793 zu Alsfeld geboren, hatte am 4 Juni 1811 zu Grünberg geheiratet und starb am 6. Dezember 1875 zu Gießen. Eine Verwechslung mit Grolmans erster Frau, Elisabeth Heerz, geboren am 1. März 1787 zu Grunberg, gestorben am 20. Oktober 1810 zu Gießen kann nicht vvrliegen, denn diese Ehe wurde erst am J. März 1804 geschlossen.
Die Politik Washingtons.
Don * * *
Niemand wird sich heute noch der Ueber- zeugung verschließen wollen, daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika die einzigen und tatsächlichen Sieger aus dem Weltkriege sind. Während alle Staaten Europas, auch die sogenannten Siegermächte, trotz des äußeren Erfolges, unter den Nachwirkungen des vierjährigen Völkerringens schwer zu leiden haben, hat der Weltkrieg die Machtstellung Nordamerikas, das durch seine Teilnahme den Krieg entschied, außerordentlich verstärkt. Das wirtschaftliche Schwergewicht der Welt ist über den Ozean nach Amerika hinübergewandert: der Dollar hat das Pfund abgelöst: Wallstreet ist der Finanzdiltator für Europa geworden: während auf den außereuropäischen Märkten der europäische Handel dauernd abnimmt, steigert sich der amerikanische Handel stettg. Daß die wirtschaftlichen Hintergründe naturgemäß auch Len politischen Auseinandersetzungen ihr Relief geben, liegt in der Natur der Dinge. Heute ist im wesentlichen eingetreten, was fast prophe- ttsch „Seestern" vor 20 Jahren in seiner damals Aufsehen erregenden Schrift „1906", der -Zusammenbruch der alten Welt, voraussagte: der Llebergang der weltpolitischen Suprematie auf die Vereinigten Staaten als Folge der Zerfleischung der europäischen Mächte. So steht denn heute auch Amerika im Brennpunkte des außenpolitischen Interesses.
Durch den hier kurz skizzierten Umschwung werden in erster Linie die englisch-amerikanischen Beziehungen maß gebend beeinflußt. England hat seine Rolle als Weltgelbgeber an Amerika verloren: England, das klassische Handelsland Europas, wird durch die Tatsache, daß Amerika auf den Weltmärkten den Vorsprung hat, am nachdrücklichsten betroffen: überall, so nicht zuletzt in der Petroleum- fr a g e und auf dem Gummimarkt, tritt der vorerst wirtschaftliche Kampf der beiden angelsächsischen Mächte gegeneinander in Erscheinung. Seinen machtpolittschen Ausdruck findet dieses Verhältnis zwischen London-und Washington in der Flottenfrage, oder präziser ausgedrückt in der Kreuzersrage, der für den aggressiven und defensiven Handelskrieg gleich wichtigen Waffe. Während auf der Washingtoner Konferenz hinsichtlich der großen Schlachtschiffe auf der Basis des 5:5 Standard eine Einigung zustande kam, blieb die Frage der Kreuzer offen. Auf der Genfer Flottenkonferenz im vorigen Jahre, die im Grunde genommen mit Tonnage und Stärkezahlen wenig zu tun hatte, suchte Amerika seine auf der Washingtoner Konferenz eingeleitete Politik um die Vorherrschaft in der Welt fortzuführen und die in dem Marineabkommen mit England erreichte Parität allgemein durchzusetzen. Als England enttchieden a b l e h n t e — die Gründe sind bekannt — ging Amerika über dieses Zwischenstadium hinweg und steuerte auf die klare Vorherrschaft zur See hin. So stellt sich der 4. August 1927, als in Genf die Seebeschränkungskonferenz der drei Mächte England, Amerika und Japan ergebnislos auseinanderging als weltpolittscher Wendepunkt in den englisch- amerikanischen Beziehungen dar.
Die Folge war das gewalttge amerikanische Flottenprogramm für die nächsten fünf Jahre, Verstärttrng der Flotte um 71 Fahrzeuge, und zwar 25 Kreuzer zu 10 000 Tonnen, 9 Zerstörer, 32 U-Boote und 5 Flugzeugmutterschiffe — bei einem Kostenaufwande von 740 Millionen Dollar. Der Marineausschuß des Repräsentantenhauses ist bei Genehmigung des Flottenprogramms sogar noch über die Absichten der Regierung hinausgegangen, indem er die Klausel, die den Präsidenten ermächtigt, die Schiffsbauten nach eigenem Ermessen ganz oder teilweise einzustellen, gestrichen und die Bauzeit
festgelegt hat. Unb im Kongreß besteht starke Neigung, das Programm burchzuführen, trotzdem England im letzten Moment einzulenken versucht hat, i-ndem das Kabinett das englische Kreuzerbauprogramm, das für die Baujahre 1927 bis 1929 sechs Kreuzer vorsah, auf drei reduzierte und sich die Entscheidung Vorbehalten hat, ob zwei dieser Kreuzer, wie vorgesehen, in diesem Jahre auf Stapel gelegt werden sollen.
Die maritime Rivalität der beiden großen Seemächte England und Amerika läßt sich jedenfalls nicht mehr leugnen. Die Weiterentwicklung hängt davon ab, welche Maßregeln England ergreifen, ob eS den Rüstungswettbewerv mit Amerika aufnehmen will, ja kann, und welche Stellung Japan zu dem g anzen Problem ein- nehmen wird.
Der amerikanische Imperialismus tritt in kleinerem Ausmaße in Nicaragua, in mittlerem auf der Panamerikanischen Konferenz in Havanna zutage. Die macht- und wirtschaftspolitische Durchdringung Mittel- und auch Südamerikas durch die Vereinigten Staaten hat seit dem Kriege einen immer größeren Umfang angenommen. In den latein-amcrLani chen Staaten sind die amerikanischen Kapitalsinvestierungen um das Fünffache gestiegen. Die bolivianischen Bergwerke, die aufblühende Petroleumindustrie Venezuelas befinden sich in nordamerikanifchen Hunden. Brasilien ist durch seinen Kaffee-Export von dem mehr als 50 v. H., Argentinien und Uruguay durch ihren Schlachtviehexport, von dem ungefähr 75 v. H. nach den Vereinigten Staaten gehen, von diesem mehr oder minder wirtschaftlich abhängig. Auch in politischen Fragen sucht Washington seinen Einfluß zu sichern, so durch seine Schiedsrichterrolle im Tacna-Arica-Konflikt zwischen Peru und Chile. Die Jnterventionspolitik in Nicaragua, das Washington schon mit Rücksicht auf das von ihm sich gesicherte Recht auf den Bau eines interozeanischen Kanals analog dem Panmckanal als seine ureigenste Inter ssenzone ansieht, ist schließlich nur ein Ausschnitt des planmäßigen panamerikanischen Imperialismus der Vereinigten Staaten.
Ueber und hinter allem steht die Monroe- Doktrin. Auch sie hat im Laufe der Zeiten bei unverändertem Namen ihre Bedeutung gewandelt. Anfänglich hieß sie: „Arne ika den Amerikanern", also Ausschluß europäischer Intervention. Heute lautet die Parole „Amerika den Nordamerikanern“. Gewiß, die mittel- und in noch höherem Maße die südamerikanischen Staaten stehen dem großen Bruder im Norden mit reichlich mißtrauischen Augen gegenüber und erblicken, wie noch kürzlich die Madrider Zeitung „El Sol" aussührte, in der Monroe-Doktrin nur noch eine Maske zur Deckung der Vankeevorherrschaft, aber die lateinamerikanischen Staaten sind füv sich zu schwach und in sich zu uneinig, dazu zu sehr angewiesen auf die finanzielle Hilse der Vereinigten Staaten, was auch schließlich von den südamerik. Staaten, selbst dem A-B-C-Bund, Argentinien, Brasilien und Chile, gilt. Eine Anlehnung an England scheint kaum möglich, und das alte Mutterland Spanien muh sich auf kulturelle Ein luhnahme und wirtschaftliche Betätigung in seinem ehemaligen Kolonialreich beschranken. Die Mißstimmung der mittel- und südamerikanischen Staaten hat zwar auf dem Kongreß von Havanna beredten Ausdruck gefunden, letzten Endes aber wird der Erfolg auf feiten der Vereinigten Staaten fein, zumal die Politik Washingtons darauf abgestellt ist, einen außenpolitischen Kurs zu steuern, der sich bereits in Mexiko ausgewirkt hat und auf eine Ausgleichung und Ueber- brückung der zwischen den Vereinigten Staaten einerseits und den mittel- und südamerikanischen Staaten andererseits bestehenden Spannungen hinausläuft.
Mit großem Geschick hat es Coolidge in seiner großen Rede in Havanna verstanden, das
Adolf Grolman, der am 25. Januar 1773 zu Gießen geboren war, 1812 geadelt wurde und am 28. Februar 1855 daselbst als Hvfrat a. D. starb, war im Jahre 1803 peinlicher Richter in dem Oberfürstentum Hessen, und Direktor des Zuchthauses in Gießen. Außer diesem Landesteil umfaßte die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt damals das Fürstentum Starkenburg und das Herzogtum Westfalen, während der 1806 zum Grohherzog emporgestiegene Landgraf Ludewig X. erst durch Patent vom 8. Juli 1816 von der gegen Westfalen eingetauschten heutigen Provinz Rheinhessen Besitz ergriff. Im Jahre 1803 war Mainz französisch. Es ist daher ganz unmöglich, daß der hessische Kriminalrichter Grvl- man, der 1818 eine „aktenmüßige Geschichte der Vogelsberger und der Wetterauer Räuberbanden" und 1822 ein „Wörterbuch der in Deutschland üblichen Spihbubensprache" veröffentlichte, bei der Verurteilung und Hinrichtung des Schinderhannes mitwirtte. Die Untersuchung gegen ihn führte der 1798 von dem Präfetten Jeanbon Saint-Andre zum Spezialrichter ernannte Johann Wilhelm Wernher, der am 4. Februar 1767 zu Zweibrücken geboren war und am 7. Juni 1827 als Großh. hessischer Staatsrat zu Darmstadt starb. Er ist der Verfasser der Anklageschrift gegen Schinderhannes und seine Spießgesellen, er verkündete ihnen das Todesurteil, das am 21. November 1803 in dem heutigen Mainzer Stadtpark vollstreckt wurde. Einige alte Pappeln kennzeichnen heute noch die Stelle.
Die von Dr. Ochsenius mitgeteilte Anekdote ist also ohne Frage in das Reich der Fabel zu verweisen. Sie verdient aber deshalb Beachtung, weil fie zeigt, wie sich um die Person des zwar allgemein gefürchteten, aber nichtsdestoweniger ungemein volkstümlichen Straßenräubers Sagen bildeten und vielleicht Geschehnisse, die sich in Wirklichkeit an andre Persönlichkeiten geknüpft hatten, zu Unrecht mit ihm in Verbindung gebracht wurden. Sie ist aber auch darum beachtenswert, weil sie dem gefürchteten Räuber einen schönen Zug andichtet, und zweifellos besah er solche Züge. Gerade diese heben die neuesten Bearbeitungen, die chm zuteil geworden sind, hervor: die dramattsche KarlZuckmahers (1927) und deren hauptsächlichste Quelle, das 1925 erschienene Buch von Dr. jur. Kurt Elwen- spoek, das den Straßenränder Schinderhannes zum Rebellen erhebt und sich selber als die „erste krittsche Darstellung nach Akten, Dokumenten und Ueberlieferungen" ausgibt und da-
Einigende zwischen den amerikanischen Staaten in den Vordergrund zu stellen, wobei er betonte, daß die amerikanischen Staaten gegen andere Teile der Welt, also Europa und gegen andere „Einrichtungen", gemeint ist sicher der Völkerbund, keine aggressiven Ziele verfolgten, aber sehr deutlich den Standpunkt unterstrich, daß die amerikanischen Staaten unter s i ch zu bleiben und ihre Differenzen s e l b st zu schlichten wünschen. Für die Vereinigten Staaten hat der Panamerikanismus in erster Linie praktische Seiten: nämlich ein einheitliches Amerika, unter Führung Washingtons mit der Front gegen Europa und den Völkerbund, vor allem aber gegen jeden Staat, mit dem die Vereinigten Staaten etwa in kriegerische Verwicklungen geraten könnten.
Gesundheit - höchstes deutsches Doltsßut.
Es ist außerordentlich nützlich, daß sich das Reichsinnenministerium allmählich der Mühe unterzieht, aus Mitteilungen der Gesundheitsämter, Universitätskliniken und der großen Krankenkassen genaues Material über den Stand der deutschen Volks gesunb- h e i t zusammenzutragen und dem Reichstage vorzulegen. Und vornehmste Aufgabe auch des vielbeschäftigten Parlamentariers müßte es fein, dem Studium dieser Veröffentlichungen eine ruhige Stunde zu widmen. Es klingt nämlich durchaus nicht alles freundlich, was wir in dem Material der Regierung finden, wenngleich anerkannt werden muß, daß sich der Gesundheitszustand des deutschen Volkes bis in das Jahr 1926 hinein, mit dem die Denkschrift ab» schließt, langsam, aber stetig gebessert hat. Doch schon die ersten Zahlen über die Bevölkerungsbewegung sind geeignet, Bedenken geltend zu machen, muh doch der Beobachter feststellen, daß die Bevölkerung auf eine starke Einschränkung des Nachwuchses hin- strebt, obwohl die Zahl der Eheschließungen trotz der Wohnungsnot seit 1924 wieder zugenommen hat und sich auf der Höhe der letzten Vorkriegs- jahre hält. Die Zahl der Lebendgeburten hat in dem Berichtsjahr einen nie gekannten und kaum erwarteten Tiefstand erreicht, und da auch nur eine sehr geringe Abnahme der Sterblichkeit eingetreten ist, so wird der fortschreitende Geburtenrückgang in keiner Weise ausgeglichen. An der Gesamtzahl der Geburten hat der Anteil der unehelichen Kinder stark zugenommen und weist auf den großen Ueberschuh an Frauen hin, wobei aber auch andere, in der Lebensauffassung liegende Gründe zu berücksichtigen sind.
Die Abnahme der Gesamtsterblichkeit im Deutschen Reich ist zum Teil durch die Verminderung der Sterblichkeit der Säuglinge erreicht worden. Im mittleren Lebensalter war der Verlauf der Sterblichkeit dadurch charakterisiert, daß an der Senkung der Sterblichkeit die Frauen weniger teilneymen als die gleichalttigen Männer. Die Ursachen können hier- siir in der Zunahme der beruflichen Frauenarbeit mit ihren starken Gesunb- heitsschädigungen und — tn dem starken Anwachsen der nicht selten tödlich verlaufenden Abtreibungen gesucht werden.
Es ist bekannt, daß in Zeiten großer Arbeitslosigkeit die Zahl der sich krank meldenden Personen bei den Krankenkassen erheblich anfchwillt. Diese Beobachtung trifft gerade für das Jahr 1926 mit seinen besonders hohen Crwerbslosen- ziffern deutlich zu. Fast jedes zweite Krankenkassenmitglied war im Berichtsjahre durchschnittlich einmal 26 Tage krank. Zwar lassen die Angaben über die Todesursachen gleichfalls eine Besserung Les Ges undh ei tszustandes erkennen, aber es haben sich immer noch genug und übergenug tödlich verlaufende Krankheiten herausgestellt. So hat die Zahl der Scharlach- und Keuchhustenerkrankungen eine erhebliche
mit die zuerst 1891 erschienene „attenmäßige Geschichte über das Geben und Treiben des berüch- Hgten Räuberhauvtmannes Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, und seiner Bande" von Karl Rauchhaupt, d. i. Ferdinand Har- rach, geb. 1856 zu Biebrich, gest. 1918 als Zeitungsverleger in Kreuznach, zu gering einschäht.
Karneval in Nizza.
Don Prof. Dr. W. Bombe.
Es wird vielfach behauptet, der Karneval sei tot und finde nur noch am Rhein eine verständnisvolle Pflege. Im allgemeinen mag diese Behauptung zutreffen: In Venedig ist von der Maskenfreiheit und den großen Feuerwerken nicht mehr viel, und von den Tierhehen und Herkules- spielen überhaupt nichts mehr zu sehen. Auch der von Goethe im zweiten Teil der Italienischen Reise so launig und anmutig geschilderte römische Karneval gehört der Dergcnrgenheit an. Roch immer jedoch zeichnet sich Nizza durch lustiges Maskentreiben aus, bei dem mindestens 50 000 Fremde Erholung und Ents) annung suchen. Nelen Monte Carlo ist Nizza Wohl der am meisten besuchte Erholungs- und Vergnügungsplah der Wett. Auf mehr als 200 000 schätzt man die Zahl der Fremden, die Heuer dieses irdische Paradies aufgesucht haben.
Auf dem Korso und in der Rue Saint Francois de Paula drängt sich die Menge. Die Häuser haben ein farbenschillerndes Festgewand angelegt. Feurige Spanier und Spanierinnen, Apachen und Apachinnen, geradewegs aus Paris, der „Waschbütte des Teufels", impottiert, tummeln sich lustig zwischen behäbigen Holländern einher, Maharadschas mit ihren Lieblingsfrauen. Cowboys mit dem Gürtel voller Pistolen, jung und alt, arm und reich, alles ist bunt zusammengewürfelt. Paillasse, der französische Hanswurst, macht seine anzüglichen Späße, der närrische Prinz läßt seiner Freude Strahlen sprühen und zünden. Eine Konfettischlacht, an der ftch alle beteiligen, der schlichte Maim aus dem Volke wie der Vornehme, die ©rifette wie die Dame der großen Welt, entwickelt sich, und des Lachens ist fein Ende. Namentlich müssen die Policiers, die Wächter der öffentlichen Ordnung, diesen Regen von Gips und Mehl über sich ergehen lassen. Auf dem Platz der Präfektur sind Tribünen errichtet, und der Präfekt mit dem Bürgermeister und den übrigen Spitzen der Behörden
Zunahme erfahren, der UnterletbSthphus grassierte in Nordwestdeutschland und nahm epidemischen Charakter in Hannover an, die Zahl der Grippe erkrankungen weist keine Senlung auf und nur auf dem Gebiete der Tuberkulose bekümpfung sind Erfolge zu verzeichnen. Deutschland weist z. Z. in dieser Hinsicht Zahlen auf, die ganz nahe an das europäische, in Dänemark und England beobachtete Minimum heranreichen. Endlich darf auch in gewisser Weise von einem Rückgang der Geschlechtskrankheiten berichtet werden. Trotz der zunehmenden wirtschaftlichen Beruhigung kann aber leider nicht von einem Rückgang der Selbstmorde gesprochen werden.
Wenn der bitter-süß klingende Bericht des Reichsinnenministers auch immerhin zeigt, daß eine gewisse Besserung im Gesundheitszustand des deutschen Volkes eingetreten ist, so liegt eine Erklärung in der Tatsache, daß die Srnäh - rungsschwierigkeiten der Kriegs- und Jnslationsjahre endlich überwunden sind. Man ist allgemein wieder zu einer Ernährung zurück- gekehrt, die den besonderen Verhältnissen in Deutschland durch Reichhaltigkeit und Gehalt an emährungswichtigen Stoffen entspricht. Gelingt es erst einmal, die schweren Schäden des Krieges beispielsweise auf dem Gebiete des Wohnungsbaues auszugleichen, fo darf vielleicht erwartet werden, daß auch in der rückläufigen Bewegung der Geburtenzahl der notwendige Stillstand eintritt.
Das Zungdeutsche Manifest.
Das Jungdeutsche Manifest, das nach Ankündigung des Ordenshochmeisters Artur M a h- raun Ende vergangenen Jahres als Buch erschienen ist (Jungdeutscher Verlag), enthält auf 200 Seiten das Programm des Iungdeutschen Ordens, aus dem folgende Gedankengänge mitgeteilt seien:
Wir befinden uns in einer dauernden Staatskrise. Das deutsche Volk steht dem Parteisystem innerlich ablehnend gegenüber, weil es die Erfolglosigkeit dieses Systems erkannt hat. Parteien sind ursprünglich von Idealisten gegründete Wettanschauungsgruppen. Je mehr nach der Gründung des Bismarckreiches die wirtschaftliche Entwicklung in den Vordergrund trat, desto mehr wurden die Parteien von ihrer ursprünglichen staatspolitischen Einstellung auf wirtschaftliche Denkweise eingespielt. Dabei ging der ideale, weltanschauliche Schwung mehr und mehr verloren, um durch Interessenvertretungen bestimmter Wirtschaftsgruppen abgelöst zu werden. Die heutigen Massenwahlen verschlingen so viel Geld, daß ein Wahlkampf ohne wesentliche Geldunter- stühung bedeutender Wirtschaftsgruppen kaum geführt werden kann. So kam es, daß der Einfluß einzelner großer Geldgeber in den Parteien herrschend wurde. Damit hat das Parteishstem eine Entwicklung genommen, deren heutigen Zustand man nur als Geldherrschaft bezeichnen kann. Das gilt für alle Pariein dieses Systems. Jede Partei hat bei der heutigen Organisation der Massenwahl nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie verzichtet auf große Geldgeber und bleibt bann unbedeutend, oder sie nimmt die Geldgeber an und muh bann deren Bedingungen Folge leistem Der Wähler hat babei feinen Einfluß. Es gibt ehrliche Parteivertreter genug In Deutschland, die diesen Zustand als untoürotg unb un- bemokrattsch empfinden unb nach einem Ausweg suchen. Die Sehnsucht nach einem wirklichen Dvlksstaat, der der Wesensart unseres Volkes entspricht, ist in allen Kreisen gleichmäßig groß. Daraus erwächst ben unparteilichen Organisationen die ernste und heilige Aufgabe, die Neugestaltung des deutschen Staates zu durchdenken unb nach Kräften vorzubereiten.
Das Jungdeutsche Manifest macht einen grundsätzlichen Unterschied zwischen der Tätigkeit als Derufsmensch unb als Staatsbürger. Als Staatsbürger haben wir alle ein gleichmäßiges Interesse baran, in einem gesicherten unb arbeitsfähigen Staate zu leben, während wir als Be
berteilt die Preise für die schönsten (Blumen» wagen. Die Läden, in denen sonst aus den Rivierablumen Gedichte beftilliert werden, jedes Fenster ist an Schaulustige vermietet. Bald hier, bald dort taucht aus dem dichten Gewühl der Wagen des Prinzen Karneval auf, der sein getreues Volk begrüßt. Wenn es Abend wird, erstrahtt die ganze ütabt in einem Lichtermeer, und eine nach Hunderttausenden zählende Menge drängt sich durch die Straßen. Aufdringliche Leuchtrellame ködert die Fremden für Tanz- und Darbetrieb.
Um 11 Uhr beginnt dann in den Theatern der Maskenball, der so lange währt, bis der neue Morgen heraufdämmert. Wer es sich leisten kann, mietet sich eine Loge. Die Herren aus der Fremde beschränken sich meist darauf, im Smoking oder Frack mit bunter Kravatte ober einer großen Blume im Knopfloch zu erscheinen. Das Orchester lockt von einer Estrade draußen die Schaulustige an, drinnen wird die Konfetti- und Dlumenschldcht fortgesetzt. Das Spiel der Moccoletti, Heiner Kerzen, die der Nachbar auszublasen sucht, erhöht noch die allgemeine Lustigkeit. Helles Geflimmer im Saale, alles dreht sich um alles, alles dreht sich um nichts.
Arn Fastnachtsdienstag erreicht die Freude ihren Höhepunkt. Durch die Rue Cassini wälzt sich der unabsehbare Zug zum Square Garibaldi, in dessen Mitte sich die große Marmorstatue des italienischen Nationalhelden erhebt, der in Nizza 1807 geboren wurde. Nun noch einen Blick in das Nizza, am Fischmartt. Auch ein ehrlicher Fischmartt hat nicht eitel Wohlgeruch zu bieten, nicht einmal an Festtagen. Hier hausen die Italiener und die provenzalisch sprechenden Franzosen der Arbeit erttasse. Die engen Gassen wimmeln von Menschen. Kinder bec Straße raufen unb prügeln sich um die Konfetti, die aus den Fenstern herabgeworfen werden. Ver- fleibete gehen ab unb zu, meist von bem Jubel der Strahenjugend begleitet. Die bekannte Karnevalsfigur des Dalochard im blauen Kittel, eine Art Kölner Tünnes, tritt auf. Eine echte spanische Pepita tanzt die Aragonaise und die Cachucha. Ein fetter Ochse wird mit vergoldeten Hörnern und bunten Bändern herausgeputzt und unter Begleitung von allerlei Masken zur Schlachtbank geführt. Am Fastnachtsdienstag beendet dann ein großes Feuerwerk und die Verbrennung einer Puppe, die den Prinzen Karneval barftellt, die Festzeit, aber zu Mittfasten (Mi-Careme) findet noch eine ebenso lustige Nachfeier statt.


