Nr 295 vierter vlatt
Tlehener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen) Samstag. 15. Dezember 1928
Von der Straße zur Macht.
Muffotini, der Journalist.
Von unserem römischen E.-ÄOrref pon tonten.') Mussolini ist der geborene Sournalift. Einer von ton aktiven, die alle« werden können, nur nicht Federfuchser. Der italienische Ausdruck pubblicista tri.ft das Wesen dieses merkwürdigen Decuses viel genauer als der französische, von tor völlig verfehlten deutschen Bezeichnung „Zei- iungSldbietber“ ganz zu schweigen. Sin Publizist, ein Mann der Oeffenllichleit, ist ge- rato das Gegenteil pon dem hinter feiner Zeitung verschwindenden Schreiber. Der Uomo pubblico, geben wir Mussolini selber daS Wort, ..wird als pubblico geboren. Das ist ein Kennzeichen, das ihn von tor Geburt an begleitet, ein sittliches, ein «besonderes Kennzeichen'. Wan wird als Wann der Oesfentlichleit geboren, wie man gescheit oder beschränkt geboren wird. Keine Lehrzeit kann auS einem häuslich gearteten Menschen einen Publizisten machen. Dem Warm tor Oef- fentlichkeit geht eS wie dem Dichter: er bringt diesen Fluch mit auf die Welt. Vie wird er ihn loswerden. 3d? £a>e mich vollkommen mit meinem Schicksal abgc, unton, manchmal bin ich davon begeistert. Der Gedanke, mir nicht mehr selbst zu gehören, sondern allen — von allen geliebt, von allen gehabt — und ein notwendiges Element für das Leben anderer zu fein, versetzt mich in eine Art von nirwanischem Rausch, lind dann, wenn man allen gehört, gehört man niemand. Die Menge, die Oefsentlichkett kann uns auf die Derven fallen, aber auch die stille Freude einer Einsamkeit tiefer ctiS die Wüste verschallen."
Sv heißt es in dem Vorwort, das er der Schilderung seines Lebens durch eine ihm nahege- Itantone Frau, Margherita Sarfotii. mit auf ton Weg gab. Durch den Journalismus zur Macht gekommen, vevleugnet er aus der Höhe niemals die ßeitet, tor er den Aufstieg verdankt. Wenn wir von tor rastlosen Feder zu ihm fommen, so fühlt er sich, und tafit es uns fühlen, unter Kollegen: „Als ich die Regierung übernahm, habe lch nicht vergessen, daß ich ein Journalist bin und oft und gern schreibe ich etwas nieder, was die Italiener intereHietcn lann. Das hat dann ton feievlichen Anstrich offizieller oder offiziöser Roten, wie man will. 3n Wirklichkeit aber sind eS nichts als kleine Artilel, Handlungen, die das Heimweh nach dem Beruf verraten."
ES ist vvrgekommen, daß ich mit Mussolini in seinem Arbeitszimmer im Palazzo Chigi über entscheidende Fragen der hohen Politik sprach und Feuer und Funken aus seinen Augen sprühen sah, aber zum Schlüsse wischte er das alles mit einer Handbewegung weg und kam auf journalistische Dinge zu sprechen, auf Auflagenzifsern. auf Literatur. Dann wich das finstere Gewölk in seinen Zügen einem versonnenen Lächeln. „Wissen Sie, dah ich seinerzeit — damals, damals, ja — Platen übersetzt habe? Wo das Buch hingekommen ist, nein, das kann ich nicht mehr sagen. Vorbei, vorbei —I Man muß immer vorwärts schauern"
„Der Journalismus," wieder ein Bekenntnis. haS Sarfatti erwähnt, „hat meinen Deist geformt, der Journalismus hat mich die menschliche Materie, den Stofs kennen gelehrt. auS dem man die Politik macht. Der Journalismus hat mir auch jene gewisse Arbeitskraft veüliehen, tonn das Regieren ist keine Kleinigkeit. w:e mancher sich einbiltot, eS ist eine Mühsal. Man muh aushallen können, zehn oder zwölf Stunden am Schreibtisch. Ihr wißt, Kollegen, dah ich ton Journalismus achte. Ich sage euch voller Sympathie und Brüderlichkeit, dah ihr sehr viel Zuversicht haben könnt, tonn jeder Journalist trägt ton Marschallstab im Tornister."
Der Tornister Mussolinis war das Felleisen tos politischen Walzbruders. Wo immer er fein
•) Vgl. „Benito tor Rebell" in Rr. 289 tos „G. A." vom 8. Dezember.
HandwerkSbüntol ablud. in der Schule wie in tor Schenke, in tor Maurerhütte wie in tor Arbetts a nmer, ob in Italien oder in tor Fremde, immer sielen zunächst tote Flugblätter heraus. Gr reifte in Revolution. Ich bin ein camminante, pflegte er zu sagen, tor ewige Jude, der Wanderer. So ein Wann sieht vielerlei, auf das er keinen Reim findet, und die Ideenwelt in chm wechselt wie die Laichschaft um ihn. Aber wie oft er auch sprunghaft nach rechts oder links auswich, wie oft er in die Irre ging, in tor cerne leuchtete chm immer dasselbe Final. So toutlich sah er es vor sich, so zielsicher war sein Instinkt, dah er eS auch erreid^e, als et. scheinbar. von tor falschen Seite kam: Es wurde eine Revolution von rechts her und dennoch war er sich damit im Innersten treugeblieben, denn die Umwälzung selber galt ihm mehr als ihre Farbe. Die Bewegung mehr als ein Programm.
Aus dem Menschen Mussolini heraus muh man ton Journalisten Mussolini verstehen, antom- ,alls kommt man nie ohne Trugschluß über seine $ arteifprünge hinweg. Erwerbsquelle ist ihm tor Journalismus niema.s gewesen, immer nun Ambos, auf dem er seine Ideen schmietote. Als Schulmeisterlein in Gualtieri Emilia hätte er Interesse daran haben können, seine 56 Lire monatlich durch Rebenverdienst abzurunton aber er haßte die Zeilenschintorei. Als sozialistischer Parteisekretär verweigerte er jede Gehaltserhöhung über 123 Lire hinaus, die genügend seien. Er wolle kein Domherr tot Partei werden. Als Chefredakteur tos „Avanti" ließ et die tausend Lire Unterstützung, die ihm die Partei für seine Familie anbot, Im Stich, obwohl er das Geld für die Gründung seiner Konkurrenzzeitung recht gut hätte gebrauchen können. Als Duce durfte er sich rühmen, stets eine Verachtung tos schnöden GoltoS bewiesen zu haben.
In die Schweizer Sturm- und Drangperioto fällt daS Debüt tos DelegenhertSarbeilers Mussolini als Redakteur. Mit dem blühenden Selbst- bewußtsein tot Jugend war er stolz, an tor roten Wochenschrift „Avvenire del Lavoratote", die in Lausanne herauskam, mttbauen zu dürfen und damit, wie er glaubte, eine Rolle m tor Oesfentlichleit zu spielen. Später jedoch kam mit tor Reis« die Unsicherheit und nun zeichnete er vier Jahre lang, von 1910 bis zmn Kriege, seine Artikel mit dem viel'agenton Pseudonym „Homme qui cherche“. Ge.ade in dieser Zeit war tor Suchende. Wegsucher oder Gottsucher, gläubig im Sinne seines politischen Ideals: zu schwanken sing er an, als die andern an seinen klingenden Rainen glaubten. Da sie ihn aber verstießen, sand er m tor Einsamkeit zu sich selber zurück, wuchs er an seinem Willen zur Macht. Rietzsche hat keinen leidenschaftlicheren Schüler gehabt als Mussolini.
Die unheilschwangeren Tage der irretontifti* scheu Bewegung sehen den vierundzwanzigkaräti- gen Italiener in dem Hexenkessel Trient — als Sekretär tor österreichisch-sozialistischen Ar- beitslammec, beiden Ländern verdächtig, nur nicht tor Internationale. Aber bald wechselt er von tor Mitarbeiterschaft an tor bloß sozialistischen „Avvenire" zu dem auch irretontistischen „Po- polo". daS Cesare Battisti gegründet hatte, tor wenige Jahre später in Oesterreich als Verräter gehängt und folglich in Italien als Märtyrer unsterblich wurde. Was tut ein Chefredakteur' in einer so zwiespältigen Lust? Er wütet, politisch, gegen alles Deutsche und weiß sich, priva im, nichts Schöneres als deutsche Literatur. Schreibt über Klopstvck und Schillers Frauen gestalt en, fintot in Platen ton Mediterranes und läßt sich von Rietzsche zu einer Geschichte tor Philosophie begeistern, die von einer eifersüchtigen Geliebten ins Feuer geworfen wipd. Ein Buch über Johannes Huß erlebte eine tschechische Uebersetzung.
Dazwischen literarische Tändeleien, Rovellen, Satiren, ein Kolossalroman „Claudia Particelle oder die Geliebte tos Kardinals". Ein Ungeheuer an Länge und Unwahrscheinlichkeit, so
lang und so „furchtbar inieressauf für die Leserinnen, daß Vater Mussolini vor seinem eigenen Geschöpf g.aufte. AVer sowie er eS umbringen wollte mit eigener Hand, raufte sich der Verleger Battisti die Haare: „Um Gotleswillen nicht töten! Lieber ein bißchen Sauerstoff geben — das Quartal läuft ab, die Avonnements müssen erneuert werden!"
Do zugkräftig tor Autor auf der Hintertreppe sein mochte, als Politiker übenoarf et sich mit al.en Kreisen, mit ton Herren von tor Ar- beitslammer wie mit seinem Verleger, mit Irredentisten wie mit Oesterreichern. Gerade weil er angewiesen wurde, seine Propagandatätigkeit auf wirtschaftliche Dinge zu beschränken, trotzte er auf: ..Die Grenze Italiens endet nicht bei Ala." Da legten sie ihm Handfesseln an und schoben ihn nach Ala ab. Kaum in Italien, rächte er sich mit einer bissigen kleinen Broschüre: Das Trentino, von einem Sozialisten gesehen.
In vbllen Zügen trank et jetzt das Blut tot Heimaterde, tor tebet.ischen Romagna. Mit gellen Fanfaren setzte seine Wcxhenschrift „La tot la di c lasse", der Klafsenkampf, ein und setzte sich durch. „Richt um Blätter handelt eS sich, die wöchentlich gefüllt werden müssen. Für uns ist die Zeitung die Partei, eine Fahne, eine Seele l" Maßlos wühlte er in peitschenden Sätzen, jeder ein Schlag ins Gesicht des offiziellen, für seine vulkanische Glut viel zu braven Sozialismus. Zuerst Brot, dann das Alphabet! Lenin war ein stiller Denker gegen diesen lärmenden Wüterich. Alles, was nicht unmittelbar tor direkten Aktion, tor sofortigen Revolution dienen konnte, warf er skrupellos über Bord, seine besten Freunde hinterher, sowie sie zauderten. Man kann sagen, daß er in dieser furchtbaren Zeit, wo er nicht links und rechts, nur stier auf sein loderndes Ziel schaute, der reine Rihi- l l st war. Den Menschen gegenüber ist er es in unerschütterlichem Mißtrauen fortan geblieben. AIS sein Vater starb, rief er ihm in seinem ..Klafsenkampf" ergreifende Worte nach, aber tor Tag tarn, wo er brütete: Und wenn er auf die Welt zurückkehren sollte — nicht einmal meinem eigenen Vater würde ich mehr trauen! Wenn Gott selber herabsteigen und mit sagen würde: Ich bin dein Freund! — mit geballter Faust würde ich auf ihn einschlagen l
Bei diesem Aufruhr in seinem Innern behielt er merkwürdigerweise doch eine sittlich k are Kampflinie ein. Wegen verschiedener Sabotagealle vor Gericht aeschleppt, bekannte er sich der überlegten wirtscha tlichen Zerstörung schuldig, verwarf jedoch ton bllnden Vandalismus. „Einen Telegraphendraht kann ich als Zeichen tos Protestes abschneiden, dagegen keinen Zug zum Entgleisen bringen. Der Zug ist neutral. Die Sabotage muß einen moralischen Sinn haben."
Und zu den Richtern gewandt: „Wenn ihr mich freisprecht, macht ihr mir ein Vergnügen, aber wenn ihr mich verurteilt, erweist ihr mir eine Ehre!"
Sie erwiesen dem HetzaposteL gegen den Tripolis krieg die Ehre.
Rach einer solchen Reklame blieb der größten sozialistischen Tageszeitung, dem „Avanti" in Mailand nichts anderes übrig, als diesen größten Sozialisten zum Führer zu tüten. Run war beiden geholten: der „Avanti" verdoppelte unter tor neuen Leitung seine Auslagenzisset und Mussolini hatte ton dröhnenden Resonanzboden, ton er brauchte. E in neuer Ton zog durchs Land, hart und HÄl wie Schwerterllang. Die Bureauluft tot Arbertskammem über tot Bewegung zerteilte sich wie Rebel, wenn die Sonne durchbricht. Keine Versöhnung, immer aus Kriegsfuß! So lautete die Losung.
Dec Redner Mussolini, tor ton Journalisten begleitete wie sein Schatten, gebrauchte denselben mitreißenton Stil. Richts von iänzelntom Esprit, nichts von tiefschürfender Gelehrsamkeit, nichts von doktrinärer Gebundenheit. Ein Stll tot mauert und schmiedet, mit Blöcken hantiert, Quator türmt. Handwerker und Baumeister blieb vieler Redner auch in den Versammlungen und
auf der Straße. Oft brutal, nicht fetten widerspruchsvoll, niemals ledern. Immer aktuell. Er hatte daS Zeug zum Demagogen, um aber tn tor Demagogie stcckenzublei.be n, dazu fehlte ihm >nes Gesühl für ton richtigen Augenblick tos Rückzugs, das so viele vorsichtige Barrikaden- schre.er auszeichnet. Das Sprichwort von den lautesten Rudern im Streue, die zu ton besonnensten Männern im Rate werden, er strafte es Lügen. Auch als Chefredatteur des „Avanti" fauchte er die Richter an: „Ob ihr mich freisprecht oder verurteilt, das läßt mich kalt. Ein russisches Sprichwort sagt: Um ein ganzer Mann zu werden, muß man vier Jahre Gymnasium, zwei Jahre ilnroerjüäl und zwei Jahre Gefängnis hin er sich haben!"
Daß eine große Zeitung immerhin Rücksichten auf ein weiteres Pub.ilum nehmen müsse, sah er knurrend ein, daher gründete er eine Zeitschrift „U t o p i a", in tor er seinem sich oft zum Para- doxismus Überschlagenden Temperament die Zügel schießen lassen konnte. Sie war aggressiv bi- zur Schainlosigleit. Wo die Rationalisten nur vom Ke.ege ckls einem Stahlbad sprechen, da berauschte sich der Revolutionär an dem Blutbad deS Klassenkampfes, das für das Proletariat noto wendig sei. Es wurde sein eifrigster 2efer und wenn es die Sätze ü. erflog, die der Herausgeber wie mit Fackeln niedergeschrieben hatte, dann schlug sein G.aubensbelenntnis aus seinem sanatt- schen Atem. Es hieß immer Aufruhr und Revolution. , . , .
Da stürzte ihn der Krieg in fein erstes Gewissense tarnen.
Diesen Vorteil hat der Denker vor dem Journalisten voraus, daß ec sich im kritischen Augenblick in sein Gehäuse zurückziehen und so lange tor Meditation obliegen kam, bis chm dte Lust rein genug zu fein scheint, um mit seiner abgeklärten Weisheit vor das Do.k zu treten. Der Journalist, tor Mann tos Tages und tor Oe.sent- lichkeit lann sich ton Luxus einer solchen Beschaulichkeit nicht leisten. Wan verlangt von chm gleichzeitig mit dem Ereignis e.ne Stellungnahme. Cs ist daher billig, ihm hinterher Mangel an Einsicht, Kritik und sonstigen Tugenden toS Klausners vorzuwerfen.
Mussolini folgte der einzigen Richtschnur, die er be'aß und bisher immer bc.olgt hatte: seinem Impuls. BedingungsloseReulralität! Entweder die Regierung kommt dieser Forderung rach oder das Proletariat wird ihr mit Grwalt seinen Willen aufzwingen I Generalstreik, Barr,- laton, Bürge Lieg — es sprudelt nur so Drohungen. Krieg und Sozialismus, schreit eineS seiner Plalate, sind unvereinbare Gegensätze!
Heute wissen wir, daß Mussolini mit diesem Toben nur sich selber überschreien, eine Stimme töten wollte, die sich immer stürmischer in ihm meldete, gebieterisch an Herz und Hirn pochte: die Stimme des Staatsmannes.
Eines Tages gewann sie die Oberhand. Er horchte nach seiner instinktiven Art tn sich hinein. Witterte in einer radikalen Schwenkung die Möglichkeit, fein Lebensziel ungeahnt schnell zu erreichen. Und über Rächt streifte et ton Parteimann ab. Schüttelte den „Avanti" ab. Verriet seine vielen Ideale von gestern um tos einen, größeren vrn morgen willen.
Mussolini wurde zum Eondottiere.
Das kann man den hungernden Vögeln geben?
In tor Rocht auf Freitag ist plötzlich ein Temperatursturz eingetragen, verbunde.i mit Schnee, all, so dah am Frettagmorgen die Ratur in ihr winterliches Schneekleid gehüllt war. Dies gibt urs zu dem Hinweis Veranlassung, wiederum derer zu gedenkm, die ohne unsere Hille bei Frost und Schnee sd)utzlvs dem Hungertoto preisgegeben sind: unserer Vögel. Und die Frage: „Was Eunn man den hungernden Vögern ge^en?", ist eine Frage von größ.er Bedeutung. Tenn im Winter ergeht an jung und all vielfach die Mahnung, die toi uns überwinternden Vögel zu füttern. Leider wird ator vielfach vergessen, die richtigen Futtersorten für die verschiedenen Voge arten anzugeben. Infolgetoisen
Gießener Konzettverein.
Geistliche Abenvmusik.
Unter tor heutigen Organistengeneratian nimmt Günther Ramin trotz seiner Jugend bei weitem die führende Stellung ein. Fast möchte es wie eine Fügung des Schicksals erscheinen, daß er schon von feinem elften Lebensjahre an Schüler tor Thomas- schule m Leipzig war, jener Stätte, die tor evangelischen Kirchenmusik als heiliger Hort gilt. So wird chm also von Jugend auf der Blick geöffnet und geweitet für das Werk Johann Sebastian Bachs. Gleichzeitig aber fallen seine jugendlichen Entwicklungsjahre in Leipzig mü dem Wirken Max Regers zusammen, und so wird ihm von vornherein auch das moderne Orgelspiel erschloßen. Wenn er nun noch tor Schüler Karl Straubes wurde, jenes Mannes, der stch als allererster mit vollster Begeisterung für Reger einsetzte, und feinen Orgelwerken die ihnen gebührende Stellung im Musikleben verschaffte, so war das ein glückliches Zusammentreffen denkbar günstiger Momente für Ramins Entwickelung.
Gewiß trafen diese günstigen Umstände auch für andere zu, um so höher aber müssen wir darum seine musikalische Fähigkeit einschätzen, und hier kam ein Genie zur vollen Entfaltung.
Es ging seinerzeit wie ein Staunen durch die Reihen der Fachmusiker, als es bekannt wurde, dah man dem Zwanzigjährigen das Organistenamt cm tor Thomaskirche übertragen hatte (1918). Alles war begierig, diesen jungen Künstler zu hören, und gär mancher hat sein Vorurteil der Jugend gegenüber ändern müssen, denn es war verwundernd, mit welcher Reife der junge Meister die technisch und geistig schwierigsten Werke erfaßte.
Meist war tor Organistennachwuchs fast nur historisch geschult worden, durch das Studium der alten Meister. Es soll auch nicht verkannt werden, dah auch auf diesem Wege Gröhes geleistet worden ist. Hier aber wurde die Erkenntnis für das Werk tor Alten verliest und befruchtet durch das Werk Mar Regers: und so erschien manches, was man früher doktrinär behandelt hatte, mit gänzlich neuer Beleuchtung im Blickfelde des Musikers. Und so finden wir bei Günther Ramin die glückliche Verschmelzung von geheiligter Tradition und dem warmen musikalischen Pulsfchlag tor Gegenwart.
So erstehen die Werke der Alten durch Günther I Ramin in neuer Frische und Wärme. Stets hält er | sich frei vom persönlich Manierierten und Bizarren; rein sachlich orientiert, mit denkbar feinstem Rach- empfinton läßt er alles in ursprünglicher Kraft und Lcbenswahrhett vor uns erstehen. Ob Johann Sebastian Bach oder Max Reger,.alles erklingt mit der ihm zukommenden Rote. Alles, was er spielt, wirkt so klar und selbstverständlich, als müßte es so sein, da werden die großen Zusammenhänge bei Reger aufgedeckt, und man begreift bei feinem Spiel so recht Regers Aeußerung: „Meine Orgel- lachen sind schwer, es gehört ein über die Technik souverän herrschender geistvoller Spieler dazu. Man macht mir oft den Borwurf, daß die Sachen fo schwer sind, dah ich absichtlid) so schwer schreibe, gegen diesen letzten Vorwurf habe ich nur die eine Antwort, dah feine Rote zuviel darin steht." (An Gustav Beckmann, 31. Januar 1900.)
An ton Anfang der „Geistl chen Abendmusik" hatte Ramin Johann Sebastian Bachs „Präludium und Tripelsuge in Es-Dur" gestellt unter reichlicher Ausnutzung der Rohrwerke gab er dem Präludium ein prunkvolles, barockes Gepräge m.t seinen Schattierungen der Zwischensätze: die fünfftimm ge Tri- pclfuge entstand in überraschender Kiarhctt und gipfelte in dem grandiosen Aufbau tor Schlußdurch- ftihrung. Don ganz anderer Seite ließ er Bachs Welt in der oierfätzigen Pastorale erscheinen, jedem einzelnen Abschnitt durch die Klangfarben und durch die Phrasierung einen besonderen Charakter verleihend.
Der zweite, Max Reger gewidmete Teil der Vor- tragssolge wurde durch zwei Choraloorspiele eingeführt, vollendete Me.sterstücke kontrapunktlscher Kleinarbeit. Den Höhepunkt bildete der Schluß mit der Phantasie und Fuge über den Choral: „Wie schön leuchtet der Morgenstern" Hatten wir ge- lcgentlich der Regerfeier vor Jahren schon einige der großen Choralfantasten des Meisters kennenge- lernt in der Darstellung durch Adolf Wieder (Halle), fo wurde dieses Werk eine reine Offenbarung Regerschen Geistes, die in dieser Vollendung des Vortrags wohl kaum ihresgleichen findet. Hier konnte man ermeßen, was Max Reger mit feiner Aeußerung meinte: „Die Protestanten wißen gar nicht, welch musikalischen Schatz sie an ihren Chorälen haben". Es waren Augenblicke erhabenster Weihe, wie der Choral als cantus firmus zunächst im sonoren Bahreg.ster, bann mit vollen Klängen
von der Oberstimme getragen durch den Kirchen- raum wogte.
Inmitten der Jnstrumentalklänge kam die menschliche Stimme zum Wort. Charlotte Ramin sang nut starker deklamatorischer Kraft Johann Sebastian Bachs Altarie aus dem We.hnachtsoratorium „Bereite dich, Zion". Besonders in dem Rezftativ kam die Fülle ihres Organs zu vollster Klangentfaltung. Töne inniger Versenkung fand sie für Regers ,Zch sehe dich in tausend Bildern" und in Frische gestaltete sie des Me.sters „Morgengesang"
Für diese musikalische Weihnachtsfeier werden dem Konzeriverein alle Hörer von Herzen dankbar fein. Dr. H.
Sie Gegenstellung des Mrs im Dezember.
Don Professor Or. Küstermann.
Wer auch nur ab und zu einmal in ein sternkund- liu.es Buch hineinfieht, stoßt bald auf das geheimnis- voll klingende Wort „Opposition der Wandelsterne". Mit Opposition im politi|d)en Sinne hat diese astronomische Opposition nichts zu tun; denn die Mutter Sonne beherrscht ihre West so unumschränkt, daß kein Wandelstern es wagen könnte, in Gegensatz zu ihr zu treten. Es handelt sich also nicht um einen gefährlichen Gegensatz, sondern nur um eine harmlose Gegenstellung tor Wandelsterne zur Sonne, daß aber diese in tor Tat eine besondere Hervorhebungoer- bient, das wird gerade bei der Beobachtung tosMars deutlich. Kein anderer Stern tos Himmels zeigt einen fo starken Wechsel seines Lichtes wie dieser, und die größte Helligkeit tritt immer bann ein, wenn er in der „Gegenstellung" zur Sonne steht, das heißt wenn er abends bei Sonnenuntergang ausgeht und morgens bei Sonnenaufgang untergeht. Er bietet dann also auch noch den Vorteil, die ganze Rocht sichtbar zu sein und um Mitternacht seinen höchsten Stand zu haben. Für die alte Sternkunde kam als weiterer Vorteil hinzu, dah die Berechnung tor Stellung des Wandelsterns zur Zett dieser Gegen- stellung verhältnismäßig einfach war; dieser Grund fällt für uns freilich weg, da wir den Stand der Sterne zu jedem beliebigen Zeitpunkt ebenso genau angeben können.
Ein Bild wird die Bedeutung tor Gegenstellung klarer machen! Rehmen wir an, zwei Reiter oder zwei Rennfahrer bewegen stch auf kreisförmigen Bahnen, die denselben Mittelpunkt haben, mit ver
schiedener Geschwindigkeit, und zwar sei die des inneren Reiters größer. Da nun auch außerdem feine Bahn kürzer ist, fo wird er den außen umlaufenden fortwährend überrunden. Es ist klar, daß es diese Augenblicke der Ueberrunbung sind, in denen sich die beiden Renner am nächsten kommen: denn hier beträgt ihre Entfernung nur den Unterschied der Bahnhalbmesser, während sie sonst immer größer ift Run ift der innere, schnellere Renner die Erde» der äußere, langsamere, der betrachtete Wandelstern, und Im gemeinsamen M.ttelpunkt ihrer Bahnen steht die Sonne. Dann wirb natürlich gerade zur Zeit der Ueberrunbung die Entfernung am kleinsten fein, der Stern erstrahlt infolgedessen am hellsten, und Gegenstellung haben wir, weil vom Standpunkt des inneren Renners aus der äußere Renner und der Bahn- mittelpunkt einander gerade gegenüberliegen.
Wenn die Renner mit dauernd gleicher Geschwindigkeit umlaufen, so wiederholen sich auch diese Ueberrundungen in gleichen Zeitabständen, und ebenso wandert auch der Ueberrundungspunkt ständig weiter. Tatsächlich finden denn nun auch die ©egen» ftettungen tos Mars etwa alle zwei Jahre und zwei Monate statt. Die letzten waren im August 1924 und im Oktober 1926. Die diesjährige Gegenstellung ist nun dadurch ausgezeichnet, daß sie gerade am 21. Dezember, also zur Zeit des kürzesten Tages, stattfindet. Der Mars steht alsdann fast genau an der Stelle, wo die Sonne zur Zeit des längsten Tages, also zum Sommerbeginn steht, auf der Grenze der Sternbilder Stier und Zwillinge an tor äußersten Spitze der Keule des Orion.
Nun sind freilich die Umlaufbahnen der Wandelsterne nicht genau kreisförmig; infolgedessen ist die Entfernung der Wandelsterne von der Erde nicht bei allen ©egenfteCungen gleich groß. Der Unterschied wird dadurck) verstärkt, daß beide Bahnen, die der Erde und noch m-hr die des Mars, von der Kreis- form abweichen. Am nächsten kamen sich die Erde und der Mars bei dessen Gegenstellung im August 1924 Schon größer war die Entfernung im Jahre 1926. und diesmal ist sie noch weiter angewachsen. Der Gesichtswinkel, unter der die Scheibe des Mars erscheint, ist daher diesmal nur 16 Bogensekunden groß, gegen 25 im Jahre 1924 Ihre Helligkeit ist entsprechend geringer, wird jedoch auch diesmal noch bedeutend genug fein, um eine auffallende und der Beobachtung im höchsten Grade würdige Himmels- erscheinung abzugeben.


