Nr. 270 Drittes Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen) Donnerstag, 15. November 1928
Die BerlinerWintersaifon beginnt Krauen, von denen man spricht. - Bei StresemannS und beim amerikanischen Botschafter. — Oie Salons der Hochfinanz.
Von JRenate Fels.
3n diesen Tagen beginnen wieder die 8rohen Empfänge, die dem gesellschaftlichen eben der Leichshauptstadt ihr Gepräge Verleihern In ihrem Mittelpunkt stehen die „Frauen von Welt", von tauen unsere Mitarbeiterin hier ein anschauliches Bild entwirft.
Die fähigsten Legierungen und die besten Frauen, so behauptet ein «ütes Sprichwort, sind diejenigen, von denen man nicht spricht. Doch ist es unmöglich, im großen Vfil zu repräsentieren, ohne in das Dcheinwerl erlicht der Dessen tlichleit zu geraten, und di-e führenden Damen der Ber- Ihter Gesellschaft nehmen eS wahrscheinlich nicht einmal sehr übel, wenn sie bei der von ihnen oft beklagten, aber doch ebenso oft recht angenehm empfundenen Pflicht zur Lepräsentation so genau beobachtet werden, daß man von ihrer Tätigkeit dann ausführlich berichten kann.
Die wichtigsten Zentren des Berliner Gesell- schaftSlebens findet man in den Kreisen der Diplomatie und der hohen Politik. Frau Käthe Stresemann. Vie traditionell am Montag empfängt und dieser Sitte zweifellos nach der Rückkehr des Leichsauhemninisters noch Berlin treu bleiben wird, hat den wichtigsten politischen Salon. In ihren Räumen trifft man ailleS, was berühmt ist, Botschafter, Gesandte, Minister, große Bankiers, Parteiführer, bekannte Künstler und hervorragende Gelehrte. Frau Stresemann selbst hat ein bewundernswertes Personengedächtnis, sie erkennt jeden wieder, der ihr einmal vorgestellt worden ist, begrüßt alle mit großer Freundlichkeit, ja sogar Herzlichkeit, und fft scheinbar niemals schlechter Laune. Die Frauen der Reichskanzler sind ihr zu Dank verpflichtet, weil die Gattin des Außenministers die große Mühe der gesellschaftlichen Lepräsentation des Leiches auf ihre sehr schmalen Schultern geladen und damit chren „Kolleginnen" eine schwere Sorge genommen hat. Ganz können die nötigen Minister und vor ckllen Dmgen der Leichs- Präsident natürlich auf diese Weise nicht entlastet werden. Wenn Hindenburg einlädt, übernimmt die Hausfrauenstelle entweder seine Schwiegertochter oder die reizende Gattin des Staatssekretärs Meißner. In Preußen hat eS die Frau des Staatssekretärs Weihmann gern auf sich genommen, bei den notwendigen Einladungen die Honneurs zu machen. In ihrem Salon treffen sich Größen aller Stationen. Während Frau Stvesemann trotz chren erwachsenen Söhnen sehr jung wirkt, gern tanzt und lebendig im Strudel der Gesellschaft untertaucht, versteht Frau Weißmann Distanz zu halten; man sieht sl« auf Bällen meist auf tat Estrade, an einem Platz, von dem aus sie das Treiben der Jugend gut beobachten kann.
Leben diesen Damen, die sozusagen von Amts wegen zur Bildung eines Salons verpflichtet — manche meinen: verurteilt — sind, gwt es einen in letzter Zeit immer mehr am Bedeutung gewinnenden Gesellschaftskreis im HauS des Herrn v. K a r d v r f f, des ersten Dize- präfidenten des Leichstages, der sich vor einiger Zeit mit der früheren Abgeordneten Freifrau v. Oheirnb verheiratet hat. Frau von Kar- dorff war unD ist überall „dabei", sie verkehrte bei dem ersten Leichspräsidenten Ebert, fehlt bei keiner offiziellen Veranstaltung und glaubte auch, die erste Probefahrt des „Grafen Zeppelin" nicht übergehen zu dürfen; sie vereint in ihrem Salon zahlreiche Persönlichkeiten, die von politischem Ehrgeiz beseell sind.
Sin wichtiger Dell des gesellschaftlichen Lebens spielt sich in den Palästen der fremden
Botschafter und Gesandten ab. Seit Lord und Lady d'Abernvn Deutschland verlassen haben, hat die englische Botschaft freilich ihre dominierende Stellung eingebußt. Auh Die französische Botschaft hat durch den Tod Der Madame de Wargerie einen herben Verlust erlitten; die Gattin des französischen Botschafters war eine Dirtuosin des Harfenspiels und liebte Deutschland als ein Land der Wu ik und der Musiker. Unter Den fremden Missionen spielt beute wohl Die amerikanische Botschaft die erste Aolle; dort wirkt Frau Gould- S h u r m a n , die mit ihren beiden Töchtern für die Veranstaltung der Festlichkeiten »verantwortlich zeichnet". Das Haus des amerikanischen Botschafters, der ja erst einige Jahre in Berlin wellt und vorher in Peking die Vereinigten Staaten vertreten hat wird in diesem Jahr wahrscheinlich noch mehr als sonst zum Mittelpunkt des geselligen Lebens im diplomatischen Korps werden. Dazu tragt sicherlich bei, daß Der Botschafter sich persönlich immer häufiger als wahrer Freund Deu.schland gezeigt hat; es ist ihm dafür, wie man sich wohl noch erinnert, im Mai dieses Jahres das Ehrendiplom eines Heidelberger Doktors Der Philosophie verliehen worden. Latürlich haben auch Die anderen Missionen ihre Salons, unter Denen Der Gesellschaftskreis Der Frau Madeleine Lüfena cht besonders bellebt ist. Das Schweizer Gesandtenehepaar lebt schon seit fünf Jahren in Berlin, und Die jüngste Tochter hat sich vor zwei Jahren mit Dem deutschen Legationssekretär von Delow verheiratet. Eine interessante Gesellschaft findet man auch regelmäßig bei Der Depräsentantin Dänemarks, Frau Llllan Zahle.
Aber nicht nur Die Gattinnen Der offiziellen Politiker stehen in den Brennpunkten des gesellschaftlichen LebenS. Die fdjöne Lichte des Reichspräsidenten, Frau Helene von Lostrz, geborene von Beneckendorf und Hindenburg, sieht in ihren Räumen wohl die exklusivste Gesellschaft. Hie ist eine Enkelin des Fürsten Münster, der in Den beiden letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts deuffcher Boffchafter in Paris gewesen ist, sie hat der Fürstin Metternich rrahegestanden und war mit Rainer Maria Rilke befreundet. Bei Den Empfängen der offiziellen Persönlichleiten glänzen in allen Kiwpf- löchern brillantgeschmückte Orden; die Herren des Auswärtigen Amtes schmücken sich mit Dem Pour le rnörite oder Dem Eisernen Kreuz, beim französischen Boffchafter glänzt das Hellrot Der Ehrenlegion auf Der Brust, jedem funkelt etwas am Hals und an der Seite; nur der Außenminister und der amerikanische Boffchafter stellen dann gewöhnlich fest, daß sie fast allein im schmucklosen Frack dastehen, nicht einmal mit einer schönen Schärpe geziert, wie sie zum Beispiel der dänische Minister Zahle in schwarzer Farbe über der weißen Hemdbrust trägt
Anders ist das Bild auf Den Gesellschaften der Hochfinanz. Die Männer, Die sich dort ein Stelldichein geben, sind nicht weniger einflußreich als die offiziellen Politiker, aber sie sind gewohnt, ihre Macht im Verborgenen auSzu- üben. Im vorigen Jahr waren die wichtigsten Salons der FinanKmagnaten wohl in Den Häusern tat Frau Freda Schlieper. geborene von Achenbach, unD der Frau Daisy Gutmann, geborene von Frarckenberg. Bei Frau Schlleper, Die eine ausgezeichnete Pianistin ist, bevorzugt man im übrigen Die Künstler, während im Salon von Frau Gutmann anerkannte Sportsleute ein offenes Haus finden. Der Salon, Den Frau Lillt Deutsch seit vielen Jahren unterhält,
Geld fällt vom Himmel.
Roman von Paul Engerling.
Copyright by Carl Duncker, Verlag, Berlin.
44. Fortsetzung. Nachdruck verboten
Er löste sich vom Tisch und ging langsam auf sie zu. Als er nur noch einen Schritt von ihr entfernt war und sie schon die Hand zur Abwehr ausstreckte, fiel er plötzlich in Die Knie. „Sehen Sie denn nicht, wie ich Sie liebe? Haben Sie das nie gewußt? Fühlt es eine Frau nicht, wenn ein Mann neben ihr brennt, wenn er verbrennt vor Leidenschaft? Können Sie denn nicht Den Gedanken fassen, daß Sie mich einmal lieben könnten?"
„Und das müssen Sie mir hier sagen? Ith verachte Sie, ja, ich verachte Sie mehr als lch es je tat."
,^a, ja, verachten Sie mich!" stöhnte er. ,-Lasten Sie mich Ähren Hohn fühlen. Ich weiß es ja, wie hoch Sie über mir stehen, wie hoch Sie über allen Menschen stehen. Aber verstoßen Sie mich nicht! Ich will Sie nicht anrühren, ehe Sie es erlauben, ehe ein Zittern Ihrer Wimpern mir die wahnsinnige Hoffnung gibt. Nur den Saum Ihres Äleibes will ich kästen. Haben Sie Mllleid. Sie sind doch eine Frau."
„Und Sie sind ein Mann, Blinsky. Darum dürfen Sie nicht um Mitleid bitten. Begreifen Sie Denn das nicht? Stehen Sie auf und lassen Sie mich
Er erhob sich lanosam. Seine gerungenen Hände lösten und spreizten sich. Nun waren sie wie Krallen eines Raubvogels. „UnD wenn ich Iynen sage, daß ich Ähren Vater retten will, daß ich feinen Ruf, seinen Namen retten will unD wie diese Dinge Des Westens alle heißen — könnten Sie auch dann noch nein sagen?"
Sie raffte all chren Mut zusammen, als sie Dem bebenden Mann zurief: „Sie ahnen gar nicht, wie ich Sie verachte."
Er trat einen Schritt zurück, als hätte er eben einen Schlag bekommen. Aus zusammengepreßten Lippen stießen Die Worte: „Nehmen Sie sich in acht! Wenn man Den Wolf reizt, beißt er zu. Und Der umstellte Wolf ist am schlimmsten."
„Ich fürchte Sie nicht. Ich fürchte Sie auch In diesem Augenblick nicht."
Seine Augen flackerten sie an. ,Hch bin ein toter Mann, wenn ich heute fortgehe. Ehe der Abend sinkt, bin ich es. Man ist hinter mir her. Man traut
mir nicht. Man glaubt mir nicht. Das Geld fehlt, das Ähr Vater gab/'
Erleichtert atmete sie auf. „Also es handelt sich doch um Geld? Warum sagten Sie Das nicht gleich? Warum erst diese Komödie?"
Blinsky lehnte sich an die Wand. Sein Kopf schlug schwer an den weißen Türrahmen, und er empfand Die Wollust des abtentenDen Schmerzes. „Es war keine Komödie, Inge Broderfen. Es war Wahrheit. Machen Sie mich nicht wahnsinnig. Ich glaube, es fehst nicht mehr viel dazu. Glauben Sie wirklich noch immer nicht, daß ich Sie liebe? Ich hätte mein Blut tropfenweise hergegeben, wenn Sie krank gewesen wären und man Sie damit hätte retten können. Oh, wie oft habe ich gewünscht, daß Sie so krank würden, daß ich es beweisen könnte! Anders konnte ich es ja nicht beweisen. Ich mar ja nur der Sklave Ihres Vaters."
„Sie waren der Vertraute meines Vaters, und ich fürchte, Sie haben das Vertrauen des Hilflosen mißbraucht."
„Ich bin unschuldig. Ich habe chn manchmal gehaßt, ja. Das gebe ich zu, und es hat mich gefreut, als sein Dämon ihn zu uns trieb, bei Denen er nichts zu suchen hatte. Aber betrogen habe ich ihn nicht. Kein Pfennig ist unterschlagen worden. Ich würde mich selber anspeien, wenn ich es getan hätte."
Inge zwang ihre tobenden Nerven zur Ruhe. ,Ich .sehe aus allem, daß Sie Geld brauchen. Warum sagten Sie das nicht meinem Vater? Sie wissen doch am besten, daß ich für meine Person über nichts verfüge. Und mein Vater willfahrt Ihnen doch in allem."
„Das ist vorbei", murmelte er. „Vorbei."
„Dann müssen schlimme Dinge geschehen fein, Blinsky, Dinge, die Sie auch zu scheuen haben!
„Ach", machte er verächtlich. „Darum geht es jetzt nicht mehr. Ich tat nur, was ich mit meiner Ueberjeugung verantworten konnte "
,Zch kenne Ihre Ueberzeugung nickt, unD ick will sie auch nicht kennen. Meine wird es doch nicht sein."
„Sie Dürfen nicht schlecht von mir denken, Inge Broderfen. Das wäre schlimmer für mich als der Tod, der draußen lauert."
„Reden Sie vernünftig. Wir sind hier nicht in Rußland."
„Sie ahnen gar nicht, wie sehr mir hier in Ruß« land leben ... Wieder umfaßte sie fein Blick, in dem es aufglomm. „Warum sind Sie so kalt zu mir? Wie eine Winternacht auf der Newa sind Sie. Taut meine Glut Sie wirklich nicht auf?"
unD in Dem man sonst abwechselnd musizierte unD hohe Politik trieb, Dürfte in Diesem Jahr vereinsamt Dastehen, da Geheimrat Felix Deutsch, Der Vorsitzende Der A.E.G., vor wenigen Monaten kurz nach der Vollendung seines siebzigsten Geburtstag:- gestorben ist. Bedeutungsvoll bleibt Dagegen das prunkvolle Haus des Herrn von GolDschmidt-LotbschilD. dessen Gemahlin eine geborene FrieolänDer-FulD ist.
Damit sinD natürlich die hervorragenden Mittelpunkte gefilffchaftlichen Lebens in der Leichshauptstadt nicht erschöpfend beschrieben. Es gibt noch eine gaiuc Anzahl anderer Salons, in Denen schöne Frauen der verschieDensten La- tionalitaten ihre Gäste mit Geist und guten Speisen bewirten. All diesen Gesellschaften ist eine gewisse Internativnalität eigen; in ihnen tauchen häufig Staatsmänner fremder Völler und zuweilen auch exotische Gäste auf, Die das Bild abwechslungsreicher unb Die Unterhaltung anregender gestalten. Es gibt also auch heute noch „Damen von Welt", "Die ebenso wie oie „grandes
dames“ Der großen französischen Salons aus Dec Zeit Ludwigs XIV. zu repräsentieren verstehen. Wan hat vorausgesagt. Daß Die Republiken mit den Höfen auch diesen Salons, in Deren Mittelpunkt stets eine große Frau gestanden hat. ein rasches Ende bereiten werden. Das ist bisher nicht der Fall gewesen. Aber ein Unterschied zwischen Den höfischen Salons früherer Zeiten itnb tarn modernen gesellschaftlichen Leben besteht natürlich doch: es ist heute auch für Den gewöhnlichen Sterblichen im allgemeinen leichter als vor zwei Jahrzehnten, in einem Der erwähnten Hauser Eingang zu finden. Wan kann freilich nicht wissen, ob Der moderne Typ Der Frau, Dec sich ja erst allmählich Durchzusetzrn beginnt, Die alte TraDition sortzusetzen imstande sein wird. Frauen, Die gewcchnt sind, Geschäfte zu führen und im 'Berufsleben „ihren Mann zu stehen", lassen vielleicht Doch Den Eh arme vermissen, Der Den „Damen von Welt" in früheren Zeiten eigen war.
Sienographie-Wiläum in Mingen.
• Büdingen, 13. Lovember.
Der Stenographenverein Düdin- gen konnte in diesem Jahre auf sein 30j äh - riges Bestehen zurückblicken, Das am Samstag unD Sonntag in festlicher Weise gefeiert wurde.
Am Samstag ging ein Korn iners in Der Walhalla voraus, am Sonntagvormittag fand ein Wettschreiben in Der Volksschule statt, an Dem sich insgesamt 59 Personen beteiligten, darunter auch eine Anzahl auswärtiger Vereine von Gießen. Schotten, Laubach, Butzbach und Friekcherg. Zu einem
Festakt versammelten sich die Teilnehnurr nachmittags im Saale Des Hotels „Fürstenhof". Der Vorsitzende des Büdinger Vereins, O. Schäfer, begrüßte Die Ehrengäste, Stenographen unD Freunde Der Kurzschrift. Er gab einen kurzen Hcberblid über Die Geschichte Des Vereins Büdingen und erbat Dann Die weitere Unterstützung durch Handel, Industrie, Stadt und öffentliche Körperschaften, Damit Der Verein seine Aufgabe im Dienste der Kurzschrift noch lange Jahre weiterfuhren könne. Als Vertreter Der Behörden unD Körperschaften waren u. a. erschienen Regierungsrat Weber, Oberamtsrichter Klitsch, Regierungsrat Fendt, Bürgermeister H i l D n e r, Regierungsbaurat Frey, Die HanDelskammer- mitglieder Hanner und E u I a u . Rektor P ep- ler. Regierungsrat Weber sprach im Qüif» trage Der Behörden Dem Jubelverein beste Glückwünsche aus. ®r wies in seinen Ausführungen weiter auf Den hohen Wert der Kurzschrist hin und besonders auf Die behördlichen Erlasse, nach Denen von allen Anwärtern und jungen Beamten Die Kenntnis Der Deutschen Einhfitskurzschrift verlangt wird. Der Dezirksvorsitzenta K. H. Kuhl, Gießen, brachte Die Glückwünsche des Bezirks dar und dankte für Die Unterstützung, welche die Stadt Büdingen, Handel und Industrie, sowie Freunde der Kurzschrift dadurch gewährt hatten, daß sie Ehrenpreise für daS Wetffchreiben stifteten. Bürgermeister Hildner betonte, daß Die Stadt Büdingen seit Entstehen Der Einheits- kurzschrift Den hohen Wert derselben ganz besonders anerkenne und würdige unD des Allo auch einen Ehrenpreis für Die beste Leistung gestiftet habe. Er selbst sei seinerzeit Mitglied des Stenographenvereins Büdingen gewesen, und er freue sich, daß Der Verein, her — Durch die Verhältnisse gezwungen — einige Zett geruht hatte, jetzt wieder zu neuer Blüte erwacht sei. Gr beglückwünschte Den Verein unD versprach ihn auch fernerhin in ferner Arbeit Der Jugenb- DilDung zu unterstützen. Sodann hielt Fidel Dalken, Gießen, den F e st p o r t r a g. In diesem
beleuchtete ec die früheren Verhältnisse auf stenographischem Gebiete und wies auf die Vielheit der damaligen Schriftarten und die unleidlichen Systemkämpfe hin, welche Den Wert der Kurzschrift nicht zur vollen Geltung kommen ließen. Lach 20jLhrigem, mühevollen Ringen sei es aber der Arbeit einiger bedeutender Führer auf stenographischem Gebiet gelungen, das Einigungs- Werk durchzusehen, so daß wir feit 1924 endlich eine Einheitskurzschrift hätten. Diese habe sich in den vier Jahren ihres Bestehens glänzend bewährt, und die Versuche ihrer Gegner, sie heral^uwürdigen, könnten ihren Siegeslauf nicht mehr aufhalten. Die Regierungen hätten die EinheitSkurzschrift von Anfang an unterstützt, manche Lander hätten fie amtlich in Den Schulen eingeführt, andere vorerst noch wahlfrei, aber unter Ausschluß anderer Systeme. Hierdurch würde die Verbrettung mit jedem Jahre größer, denn auch ganze Dcanitenorganisat'onen, wie z. D. die Reichsbahn, hatten sich auf den Boden Der Einhfitskurzschrist gestellt. Bedauerlich Ware es, daß immer noch Fälle trorfominen, in welchen sich andere Systeme und besonders auch die Eltern an ihren Kindern und unserer Jugend versündigen, indem sie diese noch eine Kurzschrift lernen taffen, welche bald keinerlei Bedeutung mehr haben wird. Die Ernheitskurzschrift müsse der Jugend heute mitgegebrn werden im Kampfe ums Dasein, da diese nicht nur im kaufmännischen Berufe, sondern auch bei allen städtischen und staatlichen Verwaltungen und Behörden verlangt würde. Der Redner schloß mit einem Appell an Die Anwesenden, mit dazu beizutragen, daß die Einheitskurzschrift bald vollständig das werde, was ihr Lame besage, denn dadurch erwerbe man sich ein Verdienst um die Ausbildung unserer Jugend, und handele im Interesse unseres deutschen Vaterlandes. Hieran schloß sich nach kurzen Dankesworten des Vorsitzenden die
Bekanntgabe des wettschreibergebniffes,
toobei folgende Preise zuerkannt werden konnten:
240 Silben. 1. und Ehrenpreis: Gg. Wahl, Gesellschaft, Gießen.
22 0 Silben. 1. und Ehrenpreis: Ottilie Treser, Gesellschaft, Gießen.
200 Silben. 1. und Ehrenpreis: L. Rullmann, Schotten.
160 Silben. 1. und Ehrenpreis: Karl Sommer, Friedberg; Kurt Leipold, Verein 1861. Gießen.
140 Silben. 1. und Ehrenpreis: Earl Arbeit, Büdingen; Georg Wittmann, Friedberg; Wilhelm Gebhardt, Schotten.
120 Silben. 1 und Ehrenpreis. Grete Waller, Friedberg: Jakob Waller, Friedberg;
Als sich die Tür schloß, blieb Blinsky noch einen Augenblick an seinem Platz stehen. Langsam fror das Grinsen zu einer Grimasse ein, die weh tat. Da fuhren feine Hände über die Stirn, als wollten sie lästige Fliegen wegscheuchen. Weg damit! Er war gar nichts gewesen. Nie hotte er sich erniedrigt, nie hatte er gebettelt
Er ging zur Tür und verschloß sie. Dann ging er vorsichtig ans Fenster und spähte, durch den Vorhang gedeckt, hinaus.
(Forffetzung folgt)
„Wenn Sie noch ein Wort davon reden, drücke ich auf diesen Klingelknopf und rufe das ganze Hotel zusammen."
„®dä, brachte er langsam hervor, und seine Worte sielen wie geschmolzenes Blei in eine Tiefe. „So stehen mir zueinander? Wissen Sie auch, Inge, daß Sie gar nicht um Hilfe rufen werden?"
„Warum?" Seine Blicke ließen sie erstarren. Zum erstenmal fürchtete sie ihn wirklich.
„Wer würde es glauben, daß Sie zu einer geschäftlichen Besprechung bei mir waren? Sie, Die junge Dame, tm Zimmer des jungen Mannes?"
„Schuft!"
Seine Blicke verzehrten fie. Mit einem bösen Lächeln fuhr er fort: „Sie wären unrettbar kompromittiert Man hat für solche Dinge in Paris Verständnis." Er ließ die Wand unD trat auf sie zu, die Schritt für Schritt zurückroich. „Glauben Sie nn Ernst, daß die Hotelangestellten etwas andres tun würden als lächeln?"
Inge war bis an das Fenster zurückgetreten. Kurt Grotteck — wo war er? Warum kam er nicht?
Blinsky blieb zwei Schritte vor ihr stehen. ,Lch sehe mit Genugtuung, daß Sie vernünftiger werden. Wenn man In der Gewalt eines Menschen ist, darf man ihn nicht mehr beleidigen, nicht wahr?"
Sie wollte schreien unb um Hilfe rufen. Aber jedes Wort erstickte in der Kehle.
„Wollen Sie noch immer nicht ja sagen? Es ist gar nicht so schwer, die Frau eines Blinfkn zu jein. Mir stehen In meiner Heimat hohe Stellen offen, wenn ich dies hier aufkläre. Wenn ich dies verfluchte Geld habe — durch dich, mein Täubchen."
Sie zwang ihren Ton zur Kühle. „Was wollen Sie eigentlich? Mein Geld ober mich?"
„Beioes. Und beibes werbe ich haben." In feinem Blick faß Die Wildheit des Tiers. Ein häßlicher Gedanke überkroch ihn: der Indikator! Sie mar in feiner Gemalt.
Da riß ihn ihr Schrei herum: „Sehen Sie sich vor! Si steht hinter Äynen!"
In der halogeöffneten Tür stand die Malaiin, in Der Hand Die Waffe, deren Gefährlichkeit er kannte.
„Gehen Sie bis zum Schrank zurück!" befahl Inge. „Unb rühren Sie sich nid>tr
Er gehorchte zögernd, geduckt, mit verbissenen Lippen.
„Nun sind Sie in meiner Gemalt, Blinsky. Ich werde Sie nicht ausnutzen. Nur — die Papiere, wo sind sie? Sind sie überhaupt da ober mar alles Lüge?"
,Äch soll mich ja nicht rühren", sagte er trotzig.
„Wenn sie vorhanden sind, haben Sie sie sicher bei sich. UnD solange Sie Dort stehenbleiben, bürge ich für Si."
Sie sah seinen verstörten Blick, unD in einer Anwandlung von Mitleid setzte sie leise hinzu: „Nehmen Sie doch Vernunft an! Sie sagten boch, baß Sie mich lieben. Abelt Sie dies Gefühl so wenig?"
Ihre Worte erdrückten ihn. Der Krampf wick- allmählich aus seinen Zügen. „Sie sollen sich nicht mehr über mich zu beklagen haben. Ich will Ihnen Die Papiere geben unb gehen. Nie mehr werbe ich vor Ihr Angesicht treten. Hier sinb sie. Die Ein- willigung Ihres Vaters zu dem Unternehmen. Hier seine Unterschrift."
„Es war die Unterschrift eines Blinben. Wer kann wissen, was Sie ihm untergelegt Habern"
„Dann fragen Sie ihn. Ober anbre werden fra« gen. Oh, Ihr Bater ist viel zu stolz, um zu lügen."
Da wußte Inge, baß er die Wahrheit gesprochen hatte. „Geben Sie!" Mit zwei Fingern faßte sie oie Papiere an, als beschmutze bie Berührung, weil sie aus Blinfkys Händen fernen.
„Blut klebt nicht bran", höhnte er. „Nur ein wenig von dem Schmutz Der Lüge, bie bie Wett braucht, wenn sie nicht vor Langeweile zerplatzen unb in Atome auffliegen will. Ihr Vater wirb es bestätigen, baß es bie richtigen sind."
,Lch banke Ihnen zum letztenmal, Blinsky. Wünschen Sie noch etwas?"
„Ja, bas eine will ich boch noch sagen", begann er mit feinem unterirbifchen Lächeln. „Es mar boch gut eingefäbelt, nicht rvahr? Unb bie kluge Inge Brobersen ging in die Falle. Keiner hätte Ihnen geglaubt, wenn Sie vorhin geklingelt yätten."
„Doch. Einer bestimmt", hauchte Inge.
Sie verließ aufrecht, von Si gefolgt, das Zimmer, ahne noch einen Blick auf Blinfky zu merfen. Draußen verließ fie ihre Straft. Sie sank in bie Arme ber Dienerin unb schmiegte sich an sie. Sse fühlte sich beschmukt, besudelt, entmeiht.
Erst als sie in tfjrem Zimmer mar, brachte «in Tränenstrom Erlösung.


