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Donnerstag. 15. November 1928

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Nr.270 Zweites Blatt

Sudetendeuifchtum.

Olm 28. Oktober feierte die tschechoslowakische Republik den zehnten Jahrestag ihres Bestehens. Für uns war es der zehnte Jahrestag der Unterwerfung von 3Vs Millionen deuts cher Volksgenossen unter einen fremden Staat ... Das Selb' bfftimmungs- recht der Völker, im Kruge nur eine zur Ver­nichtung Deutschlands ausgegcbme Parole, heute heillos mit der Schuldlüge verkoppelt und als Waffe zu Ruh und Frommen der Sieger aus- genuht, hat für kein Volk so wenig Geltung wie für das deutsche. Man darf in diesen Tagen daran erinnern, daß die frei gewählten Ab­geordneten Deutsch-Böhmens am 29. Oktober 1918 einstimmig und ohne Unterschied der Partei auf Grund des von Wilson garantierten Selbst- bestimmungsrechtes den Anschluß an die Republik Deutsch-O« st erreich und damit an Deutschland erklärt haben. Die Zwangssriedcnsverträge sind auch über diese Willenskundgebung hinwegegangen. Diese Worte sehen die Süddeutschen Monatshefte (München) zum zehnjährigen Gedenktag des SelbstbestimmungSrechts der Völker ihrem neuesten SondecheftSudetendeutschtum" voraus. Dieses neue Tatsachenheft fügt wiederum einen wichtigen Baustein in das Werk hervor­ragender, grundlegender Grenzlandheste der großen kulturpolitischen Zeitschrift. Es ist das notwendige Gegenstück zu der früheren Schrift Die Tschechen" und gibt einen bedeutsamen Querschiritt durch die heutige politisch«, kul­turelle und wirtschaftliche Lage von 3Vs Mil­lionen geschlossen siedelnder Deutscher.

Heute, wo der Kampf um die Behauptung des Deutschtums mit unvermindertem Nachdruck ge­führt werden muh, gehört dieses Grenzlandheft in die Hand jedes Deutschen, zur Hilfe für die 3V3 Millionen Deutscher, die nur durch einen willkürlich gezogenen Grenzstrich vom Reiche ge­trennt und damit in ihrem Bestände bedroht sind.

Biologischer Lehrgang des hessischen Kultusministeriums.

Eigener Bericht des »Gießener Anzeigers".

machte ihm klar, dah er ihn jetzt sich selbst über­lassen mühte, worauf der Gemütsmensch ent­rüstet in die Worte ausbrach:

»So! Unb wer fährt jetzt mir nach Hause?

schulen, die Pädagogischen Akademien und die Philosophisch-Theologischen Hochschulen. Die Sta­tistik verrät, dah seit dem Sommer 1911 die Zahl der Studierenden bei den Handelshochschulen am stärksten gewachsen ist. Ihr folgen die Technischen Hochschulen, erst an dritter Stelle die älnwerso- tüten und dann die Landwirtschaftlichen Hoch­schulen. Weiblichen Geschlechts sind über em Zehntel aus der Gesamtzahl der deutschen Stu­dierenden. Die Mehrzahl dieser weiblichen Stu­dierenden besucht die Universität. Das Aus­land war aus allen deutschen Hochschulen mit 6541 Studierenden vertreten. Davon entfallen auf die Universitäten rund zwei Drittel. WaS die soziale Schichtung der Studierenden angeht, so zeigt die deutsche Hochfchulstatistik, dah nach wie vor der Mittelstand Träger der höheren Bildung auf der deutschen Hochschule ist. Bei den wichtigsten Arten der deutschen Hochschulen sind fast durchweg die Studierenden zu über der Hälfte Kinder von Vätern aus dem Mittelstand. Was das Derufsziel anlangt, so erstrebt ein Viertel aller llniversitätsstudierenden die Stellung emes Lehrers, an zweiter Stell« folgt der Arzt- beruf. Rur 13 Prozent wollen die j u r i st is che Karriere ergreifen. Das Werkstudenten tum weist im vergangenen Semester 6000 Studierende auf. Ilster vier Zehntel waren dabei in dem für das spätere Leben erstrebten Beruf tätig.

Eine Handvoll Anekdoten.

Im Hotel de Rome pflegte Mommsen ost mit August B o e ck h, Moritz H a u p t und Gustav D r o Y s e n gemütlich zu Abend zu essem fobafc die Leuchten der Wissenschaft manche Rächt m diesem ehrwürdigen Berliner Lokal verbrachten und sich erst spül trennen konicken.

Eines Abends muhten sie sich, weil kein Om­nibus mehr ging, einem Droschkenkutscher an­vertrauen der schon einen recht heiteren Ein­druck machte und die vier Herren wahllos in den nächtlichen Straßen herumkutschierte, wobei er jeden Augenblick vom Dock zu fallen drohte. Schließlich setzte sich Mommsen kurz eiftschlosse-n neben ihn. nahm selber die Zugel und fuhr nun seine Freunde einzeln nach Hause, zuerst zu Doeckh in die Linkstraße, dann zu Horcht in x-e damalige Schulgartenstrahe (jetzige Buda­pester Straße) und schließlich Drvysen in die Viktoriostrahe. Run setzte Mommsen seinen Kut­scher der ihn beim Fahren in fernem Rausch recht belästigt hatte, saust in den Wagen und fuhr zu seinem Hause an der Charlottenburger Chaussee. QfTfl «r dort ankam, weckte er den Kutscher und

auf «in« Reise durchs Land begleitete, wobei der Fürst nicht erkannt werden wollte, kamen sie auch an eine Zollschranke. Rach d m Ramm ge­fragt, antwortete der Fürst: »Ich bin öcr 5'0^« meister von Seebach". -Und Seebach erklärte: »Ich bin der Groß Herzog von Weimar". Als der Fürst ärgerlich meinte:Was fällt Zhnen ein, Seebach, ich will doch inkognito reisen,' lächelte Seebach: »Ich aber auch!"

Jtafpufin im Film.

Im Lichtspielhaus Bahnhofstraße bekommt man zur Zeit einen Grohsilm zu sehm, welcher unter dem anreißerischen und auch sach­lich kaum glücklichen TitelR asputins Lie­besabenteuer" eine beträchtliche Anziehungs- krast ousübt. Der Rcune des berühmten und auf elende Weise umgekommenen Mannes, ganz schlicht und ohne irgendwelche auf die breite Masse berechneten Zusätze, hätte als Ueberschrist der unbestreitbaren Qualität des Werckes beper entsprochen.

Der Stoff ist gegenwärtig wieder sehr attuell, man spricht von Rasputin, man interessiert sich für ihn und erinnert sich, im Hinblick auf den in Paris bevorstehenden Sensationsprozeh, an die Ereignisse des Jahres 1917 und an die Jayre vorher, in denen Rasputin in Rußland, am Zarenhofe, eine so merkwürdige und jedenfalls ganz außergewöhnliche Rolle hat spielen könnem

Bis zu welchem Grade der Film als histonsches Dokument zu werten ist, könnte nur auf Grund einer uns fehl nden, sehr gründlichen Quelle, rennt* ms entschieden werden: es kommt wohl, auch nicht so genau darauf an, da der Film in erster Linie als Spielfilm und Dilderdrama aufgefaht werden will. Unb es muh eingeräumt werden, dah er, rein künstlerisch betrachtet, einfc vorzüg­liche und sepr selbständige Leistung bietet.

Die Regie arbeitet mit großen Mitteln und nach ganz großzügigen Gesichtspunkten, die Pho­tographie vor allem in Landschaftsbildern, Gruppen- und Großaufnahmen ist einwandsrei und von großer technischer Sauberkeit. Dabei ist der Film als solcher vortrefflich gelungen: er kommt mit einem vorbildlichen Mindestmaß an Text aus und ist überall verständlich und ein­dringlich in der Wirkung.

Auch die Besetzung ist bis in kleine Chargen hinein mit einer sehr sicheren Hand verteilt. Auf Malikoff (Rasputin), Diana Ka renne (Zarin), Trevor (Jussupoff), Kaiser (Zar), Murski (Postmeister), Schreck (Bikolaie- witsch), Abel (Generaladjutant) und Monko (Sasfonow) sei besonders hingewiesen. r ,

Zeitungsschau.

fchäftsführer des Vereins zur Wahrung der ge- Einsamen wirtschostlichen Interessen land und Westfalen und der Rordwestlichen Gruppe des Vereins Deutscher Ersen- und Stohl- rndustrieller, in einem längeren Aufiatz Zum gegenwärttgen Arbeitslampf in berEisenIndustrie u. a. folgendes aus:Es muß m diesem Zu» sammenhmng einmal offen ausgespWchen werden, wie unverständlich und tote kurzsichtig die Hol- tuna weiter Kreise des deutschen Durgertums, namentlich auch im Ausland«, empfunden wird. Dos Bürgertum, das ja erfahrungsgemäß nur »u sehr geneigt ist, Lohnkämpfe zunächst vom Ge- fühlsstandpuntt aus zu beurteilen, und sich des­halb auf die Seite derAermsten der Armen schlägt verkennt völlig, dah der Kanrpf um die Erhaltung der deutschen Wirtschaft überhaupt geht und damit auch im Jnteresfe der Erhalttmg des deutschen Bürgertums liegt. Der Aktionär in deutschen Landen, der sich rm Besitz deutscher Jndustriepapiere befindet, ist ja ohnedies schon seit einer Reihe von Jahren em« beklagenswerte Erscheinung. Das Bürgertum sollte aber begreifen, dah der Derkümmerungs- und Einschrumpfungsprozeh, der sich schon bet der deutschen Landwirtschaft feststellen laßt, auch auf das industriell« Leben übergreifen muh, wenn bbe deutsche Wirtschaft nicht endlich in die Lage versetzt wird, eine besche.dene Verzinsung heraus- zutoirtschaften. Man frage doch die Grohbanken, welche Meinung sie zu dem int Ruhrbezirk aus­gebrochenen Kampfe bertreten. Ich bin über- zeugt, daß alle Banken sich restlos hinter unsere Industrie stellen, denn wir kämpfen _ ja letzten Endes wenn wir unsere Lebensmoglichkeiten verteidigen auch für die Danken. Cs genügt, in dieser Beziehung auf die ausgezeichneten Aus- führungen zu verweisen, die Herr Jacob Gold- schmidt bei der großen Bankiertagung in Köln gemacht hat. Aber auch die Arbeiter müssen bei ruhiger Ueberlegung doch zugeben, dah wir bei unserem Kampfe vor allem ja bestrebt sind, unseren Arbeitern die notwendigen Arbeitsmog- (Weiten zu erhalten. Die Jndustrieverdrossenheit und die Abneigung, der deutschen Industrie über­haupt noch -Kapital anzuverttauen, hat schon so bedenkliche Formen angenommen, daß ernstliche Sorgen darüber berechtigt sind, wie wir unserer Bevölkerung in der Zukunft überhaupt noch Ar­beitsmöglichkeiten schaffen und erhalten können.

Ein Wort gerade auch in dieser Beleuchtung zu den sogenanntenRücklagen". Wenn von gewerkschaftlicher Seite zwar die geringe R«n- tabilität der Jndustriepapiere zugegeben wird, so wird doch gleichzeitig auf dieRücklagen" und auf di«stillen Reserven" verwiesen. Diese Ruck­lagen, um die ja der berechtigte Anspruch des Attionärs auf kärgliche Verzinsung seines Kopi» tals verkürzt wird, dienen doch in Wirklichkeit auch nur der Erhaltung und dem Ausbau der Arbettsstätt«, sie erfolgen also vorwiegend im Interesse der Arbeitnehmer. Ich wollte dies« Gedankengänge, die bei Betrachtung unserer Ver­hältnisse vor allem im Auslande immer wieder­kehren, denen sich aber das deutsche Bürgertum merkwürdigerweise bewußt verschließt, nur an­beuten, um zu zeigen, in wie außerordentltchem Ausmaß bei uns ernste WirtschaftSfragen lediglich nach polittfchen Gesichtspunkten bewertet zu werden pflegen. Es wäre sonst ja nicht möglich, dah die rheinisch-westfälischen Unternehmer, die für die wirtschaftliche Vernunft kämpfen, von weiten Kreisen des Bürgertums ihren Kampf nicht nur nicht unterstützt, sondern geradezu angegriffen werden.---Es ist die Frage ausgew^sen

worden, ob den Arbeitgebern nicht andere Mit­tel und Wege zur Verfügung gestanden hätten, die UnhOftbatteit des Schiedsspruches darzutun. Di« einzige Möglichkeit, die außer der durch- geführten Kündigung noch zur Verfügung stand,

der sich außer dem Vorsitzenden und Referenten und zahlreichen Teilnehmern des Lehrgangs auch besonders Prof. Dr. Schoenichen, der Leiter der preußischen Staatlichen Stelle für Raturdenk­malpflege, Prof. Dr. Auerbach (Karlsruhe) von der badischen Lanbesnaturfchutzstelle und Ver­treter der hiesigen Hochschule beteiligten, boten wertvolle Anregungen für die in Hessen einzu­schlagenden Wege. Eine besondere Kommission wird gemeinsam mit der Forstbehörde weiter beraten und ohne Ueberstürzung die Arbeiten zum Abschluß führen.

Am Samstagabend wurde in einer öffentlichen Versammlung des Tierschutzvereins für Hesen, die Oberschulrat Jung mit herzlicher Be­grüßung einleitete, von Albert Gaul (Dresden) das hochinteressante Thema »Tier u n d T i e r- schutz in den Religionen der Völker' behandelt. Anschließend gelangte, wie schon kurz bettchtet, der

Vogels ber gfllm

zur Vorführung. Bevor er abrollte, gab sein Schöpfer, Kreisschulrat Lorentz (Lauterbach), einige Erklärungen dazu ab. Er erwähnte vor allem, dah die gezeigten Bilder erst die An­fänge des Sammelstoffs seien, die erst ein Film werden sollten, wenn der Stofs lückenlos vor­handen sei. Aber der Film zeigt schon jetzt eine solche reiche Fülle von Raturschönheit«i, Sitten und alten Bräuchen, daß er ein sehr umfas endes und fesselndes Bild von einer Gegend

Darmstadt, 14. Rov.

In Verbindung mit der ersten hessischen Ra» turschutzausstellung fand her von Sams­tag bis Montag ein vom hesffschen Kultus­ministerium veranstalteter biologischer. Kursus statt, an dem 100 Lehrpersonen aller Schularten aus dem ganzen Lande teilnahmen, vorwiegend die biologisch interessierten Mit- glieber der heimatkundlichen Arb itsgemeinschaf- ten. Rach der Eröffnung der Ausstellung, worüber schon berichtet wurde, fand am Samstagnach- mittag In der Aula des Realgymnasiums eine Aussprach« über

Naturschutz in Hessen

statt, die von Landessorstmeister Hesse eröffnet und geleitet wurde. Ministerialrat Dr. LI r st a d t von der hesffschen Forst Verwaltung erstattete das einleitende Referat, das in tnieref anlcn Aus­führungen mit der Geschichte des Natur chutzes m Hessen beiannt machte und zeigen konnte, daß in Hessen in dieser Angelegenheit schon recht viel geschehen ist: besitzt unser Land insgesamt doch rund 600 Einzelnaturbenkmä er zumeist be­merkenswerte Bäume, Felspartien ufto.» die durch polizeilich« Verordnungen geschützt find, außer­dem im Hochmoor des Hengsters bei Offenbach a. M. ein größeres Naturschutzgebiet. Es besteht die Absicht, in Hessen ein Raturdenk­malschutz ge etz herauszu r n en. Li- Fcrst- verwaltung hat dazu schon bie Vorarbeiten in die Hand genommen. Die rege Aussprache, an

Oie deutsche Hochschule in der Statistik.

Di« Hochschulverwaltungen der deutschen Länder haben soeben in gemeinsamer Arbeit die erste deutsche Hochschulstatistik Susammen» gesiellt, in der alle Arten der deutsa>en Hoch­schulen statistisch ersaht werden. Diese Statistik ist nicht nur zu unmittelbarer Feststellung der Besucherzahl der einzelnen deutschen Hochschulen, der Stärl« der Besetzung der einzelnen Studien­fächer und ähnlicher Fragen, bie bie ot[gemeine Gestaltung unseres deutschen Hochschullebens be­treffen, zu verwerten. Ihr größter Wert liegt darin, daß sie einwandfreies Material zur Beant­wortung allerhand soziologischer prägen enthält und somit für mancherlei Untersuchungen auf bem Gebiet allgemein deutscher Kulturfragen Wichtig ist. Daher wird sie auch bei praktischen Maßnahmen der Unterrichtsverwaltungen der deutschen Länder in hervorragenden Maße heran- gezvgen werden können und sie 9^i babei gleich­zeitig die Richtlinien für die kunfttge deutsche Kulturpolitik. Die Stattstik beschäftigt sich m ihren großen Zügen einmal mit ber Zahl u n o Verteilung ber S kubierenden auf sämtlichen deutschen Hochschulen, dann mit dem Verhältnis zwischen weiblichen und ausländischen Stubiereiiden zu der Gesamtzahl, ferner mit ber sozialen Schichtung, mit den Konfessio­nen, der Vorbildung und dem Berufs­ziel und schließlich noch weiter auch sehr em» gehend mit dein Werlstubententum. Da» bei ist auch bereits das Sommersemester 1928 nut berücksichtigt worden, so daß bie Statistik wohl Anspruch auf unbedingt« Vollständigkeit haben kann Was zunächst die Zahl und Verteilung der Studierenden angeht, so beträgt die Gesamt» zahl aller Studierenden auf sämtlichen deutschen Hochschulen im Soinmerhalbjahr 1928 insgesamt 112 315 wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dah es sich dabei nur um wirklich eingeschrieben« Studierende handelt. , Einschließlich der nicht- inunatrifulierten Studierenden durfte die Zahl etwa 125 000 betragen. Die Verteilung der Ge­samtstudentenzahl auf bie einzelnen Arten der deutschen Hochschulen ist ungwich. Die Haupt­masse entfällt auf di« U n i v er s i tat en (rund 83 000 Studierend«) und auf die Technischen Hochschulen (rund 20 000 Studierende), ^und ein Zehntel der Gesamtstubentenzahl verteilt sich auf bi« Forstlichen Hochschulen,^ die Landwitt- fchafllichen Hochschulen, bie Tierärztlichen ^ch- fchulen, bi« Bergakademien, bie Handelshvch-

Johannes Schmidt, dessen Originalität bei den Genossen vom Cafe Größenwahn un­vergessen ist, schwang wieder einmal eine seiner großen Reden:Das habt ihr von eurrnt Goethe diesem Weltge.st in Pantoffeln. 68 war im Bohemekreis üblich, Johannes Schmidt ein wenig zu uzen. Eine halbe Stunde später warf ein anderer von der Cafehausrunde bie Worte hin:Wie schon Goethe gesagt, den ich den Weltgeist in Pantoffeln zu nennen pflege. Schmidt zuckt« zusammen, sah den Sprecher an, lachte dann gutmütig:Du pflegst? Gift, wollen wir nicht stteiten: ein Paiftoffel von dir, einer von mir!"

Der Maler St. war in Hannover als sau­grobes Genie bekannt. Einmal bekam ein Buch­händler von einem Kunstfreund den Auftrag, ihm ein Autogramm dieses Künstlers zu be­sorgen, etwa für 100 Mark. St. gab aber keine Autogramme, grundsätzlich nicht. Der Buchhänd­ler wußte sich indes Rat. Er schickte an St., den er kaum kannte und noch nie als Kunden gehabt hatte, eine beträchtliche hohe Antiquariats rechnung und schrieb dazu: Herr St. hätte sich nun wohl Zeit genug gelassen, die Rechnung zu bezahlen: jetzt aber platze ihm dl« Geduld und er bitte Herrn St., die Zahlung zugleich usw! St. war, wie Augenzeugen berichten, starr. Richt lange und bann setzte er sich hin unb schrieb dem Buchhändler einen Brief einen Brief... i So herrlich und geistvoll saugrob, bah der Buch­händler im siebenten Himmel war und feinem Kunden statt hundert Mark einhundertfünfzig mit Leichtigkeit für dieses originelle Autogramm abverlangen konnte

Richard Strauß war ber gefeierte Gast. Zu ihm drängten sich Männer und Frauen, ihm galten die Trinksprüche, und ihm zu Ehren wollte eine Dame aus demRosenkavalier'' fingen.

O Himmel, WaS hab' ich für eine Angst! gestand sie kokett dem Meister. .

Ha und ich erst," beruhigte sie Richard Strauß. *

Don dem Oberforstmeister Ludwig 2lugust von Seebach zu Zillbach in der Rhön erzählt man sich solgende Anekdote: Als Seebach einmal den Grohherzog Karl August von Sachsen-Weimar

kann, wenn der Reichsfinanzminister erklärt, baß Einsparungsmöglichkeiten nicht vorhanden wären. Man darf überhaupt nicht von einemunmöglich" sprechen, wenn es sich darum banbclt, bei einem Gesamtetat von rund zehn Milliarden Mark 500 Millionen Mark einzusparen. Abgesehen hier­von wird auch der neue Reichstag bei jedem Kapitel des Etats streng alle nur irgendwie vorhandenen Einsparungsmöglichkeiten seinerseits prüfen müssen, insbesondere hinsichtlich ber sogenannten übertrag­baren Posten und Fonds, die im letzten Etat mehr als 900 Millionen betrugen. Er wird diese Prüfung auch erstrecken müssen auf die Zuschüsse an die So­zialversicherungsträger, soweit diese mittelbar ober unmittelbar ber Dermögensbilbung ber Sozialver­sicherungsträger zugute kommen.

Es steht heute noch nicht fest, welche Steuerarten der Reichsfinanzminister zu seinen geplanten Steuer­erhöhungen heranziehen will. Sollte es sich aber, wie verlautet, um eine Erhöhung ber Erbschafts­teuer auf ber ganzen Linie unb eine Wieberein- ührung Der Vermögenszuwachssteuer hanbeln, so cheint mir dies unter keinen Umständen der richtige Weg zu sein, gerade im Hinblick auf bie von mir eingangs betonte bringenbfte Notwendigkeit inten­sivster Förderung der Neubildung von deutschem Eigenkapital. Angesichts ber allgemein anerkannten steuerlichen Ueberlaftung ber Wirtschaft muß aber barüber hinaus Grunbsatz sein, bah, selbst wenn eine stärkere Ausbeutung dieser oder jener Steuer­quelle erfolgen kann, bie baraus fliefjenben Mehr­einnahmen dafür verwandt werben müssen, den die deutsche Wirtschaft abdrosselnden Steuerdruck an anderen Stellen abzuschwächen.

Denn wir müssen uns darüber klar sein, daß es nicht nur gilt, Steuererhöhungen zu verhindern, sondern bah vielmehr wichtigste Voraussetzung zur Erreichung bes Zieles ber Preissenkung und ber Zinsverbilligung eine wirklich durchgreifenbe Sen­kung ber Steuern ist. Dabei benke ich vor allem an eine Senkung ber Einkommensteuern in ben mittleren Stufen, sowie ber Realsteueranspruche ber Länber unb Gemeinben."

wäre bie Stillegung gewesen. Di« Sttllegimg von Betrieben hat aber zur Voraussetzung, daß die Wirtschaftlichkeit so sehr erschüttert ist, daß in absehbarer Zeit an eine Fortführung nichts ge­dacht werden kann. Dies« Sachlage ist zunächst weder bei der effenschaffenden noch bei der eisen­verarbeitenden Industrie in wirklich zwingender Form vorhanden. Man will in Rheinland und Westfalen die Betriebe aufrecht erhalten, aber- unter Bedingungen, di« den Unternehmungen einen zwar bescheidenen, aber für die Kapital­bildung unbedingt notwendigen Ertrag beläßt. Oder will man etwa von der rheinisch-westfäli­schen Industrie oerlangen, dah sie mangels toirt- schafllicher Einsicht der Gewerkschaften unb der staatlichen Schlichtungsbehörden die Betriebe erst einmal völlig herunterkommen läßt, um bann über ben Weg monate» oder jahrelanger Still­legung zu Arbeitsbedingungen zu kommen, bie sicher bedeutend schlechter sein würden, als die bisherigen Löhne der Arbeiterschaft? Eine solche Haftung muh jeder verantwortungsbewußte wirt­schaftliche Leiter grundsätzlich ablehnen. Er hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, für die Rentabllität des ihm anvertrauten Kapitals zu kämpfen."

In einem AufsatzNeue Steuern?" gibt ber bernokratische Reichstagsabgeordnete Hermann Fischer imBerliner Tageblatt" eine Vorschau auf bie kommenben Etatberatungen, aus ber fol- genbe Ausführungen bemerkenswert sind:Ent- cheibenb ist vor allem bas eine: es muh eine grundsätzliche Neuorientierung ber deutschen Wirt- chasts- unb Finanzpolitik nach rein sachlichen unb volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgenommen werben. Man darf nicht dabei bleiben, dah nach dem Punkte bes geringsten patteipolitischen Widerstan- bes lebiglich Interessen- unb Gruppenwünsche, so­wie rein fiskalische Zielsetzungen gegeneinander ausbalanciert werden. Oberster Leitstern muh da­bei die Erkenntnis sein, dah unsere Wirtschaft, bie noch immer unter ben Folgen ber Kriegs- und Nachkriegszeit schwer zu leiden hat, in ben nächsten Jahren entscheiden!) um den Weltmarkt wirb kämp­fen müssen. Dieser Kampf kann aber nur erfolgreich sein, wenn es gelingt, bas burch die verfehlte Wirt­schaftspolitik der vergangenen Jahre unnatürlich überhöhte Preisniveau zu senken unb durch be­wußte Förderung der Neubildung von Eigenkapital bie Tatsache aus ber Welt zu räumen, dah bie beutschen Zinssätze um 90 bis 95 Prozent über dem Zinsniveau bes Weltkapitalmarktes liegen. Beide Ziele jedoch sind nur zu erreichen, wenn der seit 1924 von der deutschen Wirtschaft vergeblich geführte Kampf um eine Neuordnung des deutschen Steuersystems nach wirtschaftlichen Zweckmäßig­keitspunkten endlich Erfolg hat. Leider scheint sich ber neue Reichsfinanzminister Dr. Hilferding des Schwergewichts dieser Notwendigkeit nicht in ge- nügendem Maße bewußt zu sein, wenigstens so­weit es sich um bie Aeußerungen hanbelt, die er auf dem Einzelhandelstag zur Frage der Reichs- finanzpolitik gemacht hat. Dort erklärte er, daß er um neue Steuererhöhungen nicht herumkomme, weil er nicht die Möglichkeit sähe, wesentliche Er- sparnisse zu machen. Ich für meine Person kann mich dieser Ansicht nicht anschließen, solange cs fest- steht, baß bie öffentlichen Verwaltungsorgane nicht so zweckmäßig organisiert sind, wie die deutsche Wirtschaft als wesentlicher und entscheidender Tra- | ger der Staatseinnahmen mit Recht fordern muß.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß die deutsche Wirtschaft aus mittelbaren unb unmittelbaren Kriegsfolgen wesentlich höhere Belastungen hat als in der Vorkriegszeit. Aber gerade da hier be- stimmte, unbedingt zu erfüllende Zwangsläufig- keifen vorliegen, muh das Gebot äußerster Svar- famteit strenger und rücksichtsloser denn je verfolgt werden. Wenn eine kritische Betrachtung ber Finanz- ftatiftif zeigt, baß bie Gesamtsumme allernicht unbebingt zwangsläufigen Ausgaben heute weit über ber burchschnittlichen Erhöhung des allgemei­nen Preisniveaus liegt, so ist schon dies em ent­scheidender Beweis dafür, daß es nicht richtig fern