Aus Oer Provinzialhauptstadt.
Gießen, den 15. November 1928.
Oer Ton macht die Musik.
Neue Wege für Eheleute.
.Sannst du die Türe nuf>t für fünf Pfennige (elfer ins Schloß werfen, wenn ich Kopfschmerzen habe “ fragt Mimi ihren Mann ärgerlich. .Verzeih (lebe Frau ich werde auf deinen Zustand Rücksicht nehmen. Ich habe wieder mal ganz vergessen daß ich eine Mimose geheiratet habe!' — .Laß 'deine faulen Späße, wenn du rücksichtslos warstI" — „Sprich doch nicht so gereizt!" entgegnet Oskar. „Ich sehr ein, daß man eine Türe auch le'ser schlichen kann und werde daran denken. Aber es ist doch nicht nötig, daß du ein so geringes Versehen in solch häßlichem Tone rügst! Wenn du mir so etwas ein bißchen nett sagen würdest, täte ich dir ganz bestimmt den Gefallen noch einmal so gern.
Am Abend kommt Oskar müde heim und läßt sich schwer in dve geliebte Sofaecke fallen. „Ach, liebster Oskar," flötet M.mi in den süßesten Tönen, „könntest du dich nicht etwas sanfter auf dein Ruheplähchen niederlassen?" Oskar richtet sich steil auf und sieht seine Frau verblüfft an: „Meinst du vielleicht, dieses katzenfreundliche Gesäusel. durch das man deine Verstimmung knüppeldick spürt, wäre dazu angetan, mir auf nette Art etwas beizubringen?!" — „So. es paßt dir also nicht, wenn ich dir mit lächelnder Miene etwas sage?! Du hast keine Ahnung, welche Anstrengung mich das freundliche Gesicht vorhin gekostet hat!" — „Das habe ich gemerkt! Aber dein offener Aerger ist mir zehnmal lieber als dein versteckter!" — „Wie soll ichs denn machen." Frau Mimi kämpft mit den Tränen, -du willst nur. daß ich alles unbesehen hinnehme!" — „Aber gewiß nicht. Mimi." beteuert Oskar. „du sollst nur deine Wünsche auf angenehm« Art kundtun."
Mimi schätzt ihren Wann sehr, und bei ruhiger Aeberlegung muß sie ihm Recht geben. Berechtigten Forderungen kommt er stets nach, aber die kleine Frau ist in den kritischen Augenblicken so reizbar, daß sie trotz besten Willens nicht den richtigen Ton findet. Bald klingen Spott und Ironie aus ihrem Munde, bald spürt man die Freundlichkeit wie Tünche über den verhaltenen Worten, und ost greift eine deutliche Derstim- ntung um sich.
Eines Tages macht sich Oskar nach dem Mittagessen mit einem Stäbchen und mit Ausdauer an seinen Zähnen zu schaffen. Mimi findet das entsetzlich, schon will sie sich in ungehaltenen Worten Luft machen, als ihr ein guter Gedanke kommt, so daß sie ihren Mann in seiner „mündlichen" Anterhaltung nicht unterbricht. — Als Oskar am Abend nach den Zahnstochern greift, liegt ein Kärtchen darüber. Verwundert liest er:
„Dringt dir das Stochern auch Genuß, Richt schön ist's, wenn man zuseh'n muß! Könntest du's etwas rascher machen, So blieb' dir viel mehr Zeit zum Lochen!"
„Das ist ja vorzüglich, einfach großartig," schmunzelt Oskar, „Mimimaus, waS bist du für ein kluges Frauchen!" Wohlgelaunt seht sich Oskar an den Tisch, eine fast übermütige Stimmung hat beide ergriffen, und die heikle Sstuation ist schnell überwunden.
Frau Mimi hat endlich den richtigen Weg gesunden, ab und au entdeckt Oskar ein kleines Kärtchen. Dem Aschenbecher entnimmt er folgende Zeilen:
„Gib mir die Asche bitte ab, Bevor lie fällt von selbst herab."
Hnt> als er eines Abends nach den: Hut greift, liest er lächelnd:
„Gehst du heut Abeird wieder aus, Komm' bitte nicht so spät nach Haus.
Dein Fcauchm freut sich und dein Kind, Wenn wir d.:h:im vereinigt sind!"
Weil sich Oskar den poetischen Ergüssen seiner Frau nicht blind verschließt, findet Frau Mimi eines Tages in einer Konfektpackung zu ihrer Aeberraschung ein kleines Briefchen:
„Wie es dein zarter Reim mir tut, So munde dir das Süße gut;
Derleibe es dir drum so ein, Wie ich all deine Decselein!" Tacho.
Gictzeuer Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarst das Pfund: Butter 210 bis 220; Matte 30 bis 35; Käse (JO Stück) 60 bis 140; Wirsing 12 bis 20; Weißkraut 8 bis 15; Rotkraut 15 bis 25, gelbe Rüben 10 bis 20; rote Rüben 10 bis 20; Spinat 25 bis 40; Anter-Kohlrabi 8 bis 10; Grünkohl 15 bis 25; Rosenkohl 40 bis 60; Feldsalat 100 bis 120; Tomaten 30 bis 40; Zwiebeln 12 bis 20; Meerrettich 50 bis 150; Schwarzwurzeln 40 bis 60; Kartoffeln 5; Aepfel 20 bis 40; Dirnen 10 bis 30; Dörrobst 40; Honig 40 bis 50; Hagebutten 10 bis 15; junge Hähne 100 bis 110; Suppenhühner 100 bis 120; Gänse 90 bis 120; Müsse 60 bis 80; das Stück: Eier 17 bis 18; Blumenkohl 60 bis 120; Salat 10 bis 20; Endivien 10 bis 25; Lauch 10 bis 15; Rettich 10 bis 20; Sellerie 10 bis 50 Pfennig; der Zentner: Wirsing 10 bis 12; Weißkraut 6 bis 7; Rotkraut 12 bis 15; Aevfel 20 bis 35; Dirnen 10 bis 20; Kartoffeln 4,50 bis 4,70 Mark.
Bornotizen.
— Tageskalender für Donnerstag. Oberhefsischer Geschichtsverein: Vortrag „Neues zum Treffen vom 21. März 1761 bei Grünberg und Laubach , Vortragender: Prof. Dr. Röschen (Lau- bacy), 8 Uhr, im Hörfaal des Physikalischen Instituts. — Lichtspielhaus. Bahnhofstraße: „Rasputins Liebes- abenteuer". — Slstoria-Lichtfpiele: „Maciste und die chinesische Truhe".
— Stadttheater Gießen Aus dem Stadtthcaterbureau wird uns geschrieben: Morgen findet die letzte Aufführung der erfolgreichen Operette „Gräfin Eva" statt, die wiederum in der erstklassigen Besetzung der letzten Aufführung herauskommt. — Die Veranstaltungen des Kam- merspielzhllus, den das Stadttheater zusammen mit dem Goethe-Dund herausoringt, haben in Gießen einen außerordentlichen Anklang gefunden Die ßeiiung dieser Deranstaltungen liegt in den Händen von Intendant Dr. Rolf P r a s ch, der auch wiederum die zweite Aufführung „Der Ackermann aus Döhmen" von Johannes von Saaz inszeniert. Die Aufführung sindet am Sonntag, 18. November statt und beginnt um 11,15 Ahr. Einleitende Worte: Intendant Dr. Rolf P r a s ch. Am 18 Ahr stndet als Fremdenvorstellung die letzte Aufführung von Rudolf Pres- bers reizendem Lustspiel „Ballerina des Königs" statt Spiellettung hat Rudolf Goll.
— Erd - und Feuerbestattung. Ein Lichtbildervortrag über dieses Thema findet auf Einladung des Dolksfeuerbeftatungsvereins am kommen- den Samstagabend in W i e s e ck statt. An Hand von etwa 150 Lichtbildern sollen die verschiedenen Bestattungsarten von der Urzeit bis zur Gegenwart ge- zeigt werden. Näheres in der heutigen Anzeige.
** Philosophische Fakultät der Lan- desuniversität Dr. phil. Rudolf Gerber, der sich für das Fach der Musikwissenschaft an der Landesuniversität habilitiert hat, wird am Montag, 19. November, 11 Uhr vormittags, Im Großen Hörsaal sich mit einer öffentlichen AntrUtsvorlesung über „Musik und Drama bei Giuseppe Verdi" einführen.
** Personalien. Aus dem hessischen Staatsdienst entlasien wurde der außerordentliche Professor in der philosophischen Fakultät der Landesuniversität Gießen Dr. phil. Kurt Otto Brand auf sein Nachsuchen, mit Wirkung vorn 1. November ab. — Ernannt wurden der Lehrer Heinrich Rühl zu Nieder-Florstadt, Kreis Friedberg, zum Rektor an der Dolksschule daselbst; die Schulamtsanwärterin Gertrude K u h r i n g au3 Liegnitz zur Lehrerin an der Dolksschule zu Nieder-Ohmen, Kreis Alsfeld.
**50jähriges Arbeitsjubiläum. Am heutigen Tage kann der Hausmeister Konrad Mandler in Gießen, Dammstraße 37, gebürtig aus Krofdorf, auf eine 50jährige Tätigkeit bei der Firma Klingspor G. m. b. H. bzw. deren Vorgänge- rin, der Firma Georgi & Klingspor, zurückblicken. Der Jubilar und seine Frau, denen schwere Schicksalsschläge nicht erspart geblieben sind — sie hatten zu Beginn des Krieges den Verlust eines hoffnungsvollen, lange Zeit vermißten Sohnes zu beklagen — erfreuen sich großer Rüstigkeit. Herr Mandler ist noch heute trotz seines Alters von 67 Jahren von morgens bis abends unermüdlich im Betriebe der Firma tätig. Seitens des Herrn Reichspräsidenten und des Herrn Kreisdirektors wurde ihm ein An- erkennungs- und Glückwunschschreiben übermittelt. Die Firma sowie die Beamten und Arbeiter ehrten den allseits geschätzten Mitarbeiter in einer schlichten Feier unter Ueberreichung von Geschenken, wobei der Hoffnung Ausdruck verliehen wurde, daß dem Jubilar noch lange Zeit die seitherige Gesundheit und Arbeitsfreudigkeit erhalten bleiben möchte.
LU. Universitäts-Gottesdienst. Am Sonntag, 18. November, vormittags 11.1er Uhr, findet in der Neuen Aula ein Universitäts-Gottesdienst statt. Die Predigt hält Professor Dr. F r i ck.
** Die Ergänzungswohlen zur Industrie- und Handelskammer Gießen betrifft eine Bekanntmachung im heutigen Anzeigenteil, auf die wir die Interessenten besonder aufmerksam machen.
** (Sin Drerteljahrhundert Mei st er. Der vorbereitende Ausschuß für die Wiedersehensfeier derjenigen oberhessischen Handwerksmeister, de im Jahre 1903, also vor 25 Jahren, die Meisterprüfung abgelegt haben, hat im Anzeigenteil unserer gestrigen Ausgabe die Einladung zu dieser festlichen Veranstaltung ergehen lassen. Auf diese Anzeige sei hier besonders hingewiesen.
•• Eine große Schweinerei. Dieser Tage wurde von dem Metzger in einer Nachbargemeinde unserer Stadt ein Schwein geschlachtet, welches das nicht gerade alltägliche Gewicht von 720 Pfund erreicht hatte. Das Schwein, ein
Muttertier der Edesfchveinrafse. stammt« ander bekannten Zucht des Schweinezuchtvereins Lang-Göns. Es wurde im vorigen Jahr auf der landwirtschaftlichen Landesausstellung in Darmstadt mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die Mehelsuppe bei dieser großen Schweinerei dürfte ganz besonders kräftig ausgefallen sein.
•* Puppenspiele. Die Firma Schade & Füllgrabe veranstaltete gestern im Kathol. Der- einshauS Puppenspiele, wobei ein Märchenspiel in zwei Auszügen .Der geprellte Tcusel" nach Grimm, ausgeführt von Schriftsteller Rob. May, zur Aufführung gelange. Es war für die außerordentlich zahlreich erfch enenen Kleinen eine besondere Freude, all oen tollen Einfällen des luftigen und doch klugen Kasperls Larisari zu folgen und zu sehen, wie schließlich der Teufel vom Kasperl überlistet wird. Was bei der Ausführung jung und allt besonders begeisterte, war die bezaubernde Art, die Zuschauer durch auf* munternde Zurufe anzufeuern, mitzuwirken und mikuerleben.
•* Erfolgreicher Polizei-Hunde» s p o r t. Bei der am (Sonntag auf ausgedehntem Gelände in Dilbel stattgehabten Suchhund-Prüfung des Rhein-Mainischen Landesverbandes der Polizei- und Schutzhund-Vereine ging der Hessische Polizei» und Sch utz h u nb-Ver- ein 19 14 Gießen als Sieger hervor. Die 'Beteiligung an der Prüfung war so groß, daß in zwei Gruppen geprüft werden mußte. Der hiesige Verein war in der schweren Konkurrenz mit dvei Hunden vertreten, von denen die deutsche Schüferhündin Alma von der Sonnver des Herrn Heinrich Matheis, Gießen, unter Erreichung der Höchstpunktzahl mit vorzüglich bewertet und mit der goldenen Derbandsmedaille ausgezeichnet wurde.
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