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Nr.243 Zweiter Blatt

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Bulgarische Gedentiage

Das Jahr 1928 ist für Bulgarien ein Jahr »der Jubiläen, ein Jahr der Erinnerung und der Sammlung. Am 5. Oktober waren es zwanzig Jahre her, daß der damalige Fürst Ferdi­nand von Bulgarien eine Proklamation erließ, in der er das Vasallenverhältnis Ostrumeliens aut Türkei löste und sich zum König des g e - «einten Bulgarien erklärte. Gleichzeitig wei- a-erle sich Bulgarien, die Scptemberquote des für Ostrumetien schuldigen Tributes an die Hohe Morte zu zahlen. Als Antwort rüstete man in Konstantinopel zum Kriege, und türkische Truppen nückten an die bulgarische Grenze. Fast gleich- ,«itig mit der Königserklärung richtete Oester- «ich-llngarn ein kaiserliches Handschreiben an die Mächte, in dem die Annexion Bos­niens und der Herzegowina ausge- 'prochen wurde. Es fehlte wenig, so wäre der Weltkrieg, anstatt erst 1914, schon 1938 aus- q-cbrvchen, aber England war noch schwankend. Der englische Botschafter in Petersburg, Sic Arthur Ricolsvn, konnte dem zum Kriege drän- | «enden Iswolsky keine blutenden Erklärungen «eben. Dor allem aber muhte der russische Kciegs- iMinister General Rüdiger rn einer Geheim- fi.tzung der Duma zugeoen, dah Rußland nach ter Riederlage in der Mandschurei im Jahre 1904 noch nicht zu einem neuen großen Kriege gerüstet sei. Rußland vermittelte im Streit zwischen Bul- «crlen und der Türkei. Durch Austausch dec Kriegsentschädigung, die Rußland noch aus dem russisch-türkischen Kriege vom Jahre 1876 zu be­kommen hatte, gegen den Tribut, den Bulgarien ar das Osmanische Reich abführen muhte, wurde Öen bulgarisch-türkischen Konflikt die Spitze ab­gebrochen. Da gleichzeitig die Botschafter der lVcoßmachte sowohl in Petersburg als auch in Konstantinopel Dorstellungen machten, und da bfie Königsvroklaimation zuerst in Wien und in Berlin anerkannt wurde, und bald auch die Enteren Großmächte zustimmten, so gelang es schließlich auch, den russischen Widerstand zu imechen. Obwohl König Ferdinand in Petersburg wich nicht anerkannt worden war, nahm er die Gelegenheit des plötzlichen Totes des Großfürsten Wladimir wahr, um am Zarenhofe zu erscheinen. Nikolaus II. erteilte den Befehl, ihn mit dem TitelMajestät" zu begrüßen, und dadurch war öer Konflikt, wenn auch nicht de jure, so doch de facto gelöst.

Bulgarien begeht in diesem Jahre auch das »nszigjährige Jubiläum a l s selb- ; d Lndiger Staat. Der russisch-türkische Krieg hatte es vom türkischen Joch befreit, und Zar Mexänder II. gilt noch heute in Bulgarien als J öec Befreier. Cs begeht auch den tausend- Ljcihrigen Gedenktag der G ründung .Ades bulgarischen Zartums, das in der beschichte von Byzanz eine Rolle spielte: indessen hier mögen die historischen Zahlen ungenau sein. ' Bon allen Staaten, die im Weltkriege unterlagen, ift Bulgarien der einzige, der seine Dynastie ter K vburger aus der Katastrophe rettete. König Ferdinand mußte zwar abdanken, um schwere Verwicklungen zu vermeiden, aber er konnte den Thron seinem Sohn Boris überlassen, und leit die kommunistisch verseuchte Diktatur Stam- brüijskis gestürzt wurde, droht der Monarchie in Bulgarien keine Gefahr mehr. Wie alle im Kriege unterlegenen Staaten ist auch Bulgarien blühen- bet Landstriche in Mazedonien beraubt nyorten. Die Bulgarien geschlagenen Wunden sind iricht vernarbt. Im neuen Kabinett Ljaptschew, i)Os aus ter letzten Ministerkrise hervocging, sind die Promazedonier in der Person des Kriegs- ninisters Wolkow in der Reg'.erung verblieben.

bedeutet, daß zu einer E.nigung mit Jugo­slawien, und somit zu einer Befriedung des Bal-

Gießener GtaVttheater.

Die Tollarprinzessin".

Dollarprinzessin": Märchen aus uralten Zei- ten, erfolgreichste Operette ter Vorkriegszeit. Wie lang das schon her ist. Aber man begreift diesen Srfolg auch heute noch, obwohl heute die em* jache DorstellungAmerika" nicht mehr die glleiche Sensation bedeutet wie damals, und ob- w»»hl eine Schreibmaschine für uns ein durchaus allltägliches Möbel geworden ist.

Der Text von Willner und Grünbaum genau so blöd und unmöglich, wie bei den mdften Operetten. Aber auf den Text kommt es nicht an. Sondern auf die Musik. Die ist von Sa l L Und der verstaixd sein Geschäft. Seine Delodven ziehen noch heute. Es hätte nicht viel gefehlt, dann hätte ün zweiten Akt das ganze Theater mit Mann und Maus mitgesungen. M also.

Der zweite Akt macht es. Er hat die beiden Dchlager, die damals durch ganz Deutschland misten. Der eineWir tanzen Ringelreihen h'm und her" ist schmissig, gefällig, sangbar, lanzbar und in zahllosen Variationen zu wieder- h ölen. Der andereDas find die Dollar- p ^nuessen" besteht aus lauter Schmalz, ater d ie faustdicke Sentimentalität schmeißt das ganze Parkett um. Höchste Zeit, daß der Dorhang füll, sonst wären die Taschentücher gezückt worden.

Solange man also einer modernen Operette n.cht ganz sicher ist (wie nämlich das Publikum darauf reagiert, und das ist doch der springende Punkt), solange ist es immer noch am testen, man holt sich eine alte aus dem Kasten von schätzungsweise 1910 und klopft ihr den Staub erin bischen ab.

llnb frisiert sie auf neu, wie ter Oberregisseur Wiesner das gemacht hat mit einigen Text» m tuschen, einigen Charlestonschwenkungen. mit b-iel Ausstattung (Dekoration von ff le r), einem lila Scheinwerfer im rechten Augen­blick (Beleuchtung von Keim) und einer tatet» las gebimsten Gruppenkvtonne von acht hübschen Ei cis (Tanzregle: Klüfer). Einfach unwiter- li chtich. Applaus auf offener Szene nebst ent­sprechenden Wiederholungen.

Der Kapellmeister Harder hielt seine Leute ftraff beisammen und hotte alles aus ter dank­baren, manchmal über Operettenmaß breit instru- inentierten Partitur heraus. Es klappte sehr kchön. (Rur die Souffleuse war gelegentlich etwas laut.)

Gisa Bergmann hatte als milliartengeseg- n-<te Prinzessin aus Reuyork ansehnliche darstel- leci^che und (besonders tm 2. Akt) auch stimm- Ii.He Mittel einzusetzen, die den Anforderungen ihrer Partie durchaus entsprachen. Ihr Partner

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

land, noch ein weiter Weg ist. Eingedenk der Tragödie, die Bulgarien betroffen, werten die Gedenktage ohne rauschende Feste begangen wer­den. Es sind für das Königreich Tage ter Samm­lung und ter Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Rund um den Panzerkreuzer.

Berlin, 14 Oktober. (Eigene Meldung.) Wenn der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der Abgeordnete Wels, auf dem brandenburgischen Parteitage seiner Anhänger, einen sozialdemokratischenReichstags- an trag ankündigt des Inhalts:Der Bau des Panzerkreuzers ,A wird eingestellt", so wird man wobl nicht umhin können, die Absicht eines solchen Antrages auch ohne schon vorliegenden Be­schluß der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion als sicher annehmen zu dürfen. Das Spiel um den Panzerkreuzer geht also weiter, und die Kommu­nisten stehen im Kampfe gegen ihn nicht mehr allein auf weiter Flur.

Bei den Kommunisten ist man sich über ihre Haltung wenigstens im Klaren. Sie sind gegen den Panzerkreuzer nicht aus irgendeinem Pazifis­mus heraus, auch nicht, um die für den Bau not­wendigen Summen irgendwelchen sozialen Zwecken zuzuführen, wie sie das so schön behaupten, sondern innerpolitisch deshalb, weil sie damit den sozialdemo­kratischen Reichsministern, also der K 0 nkur - r e nz, Schwierigkeiten machen können und außenpolitisch auf Befehl Moskaus deshalb, weil die Sowjetregierung irgendeine groteske Furcht da­vor hat, daß Deutschland sich einmal in d i e antirussische Front werde einspannen las­sen und daß damit ein deutscher Panzerkreuzer lediglich ein Hilfsschiff der englischen Flotte sein würde. Das ist klar, wenn auch natürlich von po­litisch völlig falschen Voraussetzungen ausgehend, und alle Phrasen, mit denen heute der Volks- begshrensrummel umkleidet wird, können die

eigentlichen Hintergründe der kommunistischen Ak­tion für den politisch Einsichtigen nicht verschleiern.

Bei den Sozialdemokraten liegen die Dinge anders. Da ändert sich die Situation von Tag zu Tag, und der Kamps zwischen realpolitischer Einsicht weniger und der demagogischen Einstellung vieler zeichnet jeden Augenblick ein neues Bild. Wahlkampf gegen den Panzerkreuzer, Zu­stimmung der sozialdemokratischen Minister zum Bau, Anträge aus dem Lande aus Rücktritt dieser Minister, Verteidigungsreden aus dem Kabinett, hysterische Furcht vor dem kommunistischen Volks­begehren, Parole-Ausgabe der Nichtbeteiligung, und jetzt wieder ein Reichsantrag gegen den Panzerkreuzer: das alles zusammen ist nicht ge­rate das, was man eine gradlinige Politik zu nennen pflegt. Und schlimmer als das: es ist nicht einmal kluge Politik.

Der einfache Mann aus dem Volke versteht diese Dinge einfach nicht mehr. Warum, so fragt er sich, werde ich mit dem Bannfluch der sozialdemokrati­schen Partei belegt für den Fall, daß ich den kom­munistischen Antrag auf Verhinderung des Panzer­kreuzerbaues unterstütze, während gleichzeitig die- selbe Partei .g a n z genau dasselbe im Reichstag fordert? Die Unterschiede zwischen dem angekündigten sozialdemokratischen Antrag und dem Wortlaut des kommunistischen Volksbegehrens sind ja für den, der sich nicht mit den Einzelheiten der Politik beschäftigt, kaum erkennbar, und ein ehr­licher Sozialdemokrat wird übrigens auch selbst zu­geben müssen, daß felbft in der inneren Einstellung derer, die grundsätzlich den Pan- zerschiffbau verhindern wollen und derer, die nur den Panzerkreuzer A zum Scheitern bringen möch­ten, keine großen Unterschiede bestehen. Sieht das eigentlich niemand in der sozialdemo­kratischen Parteileitung? Wir fürchten, daß über diese neue von Herrn Wels angekündigte Taktik niemand in Deutschland froher sein wird, als die kommunistischen Drahtzieher des Volksbegehrens.

50 Jahre Schöheovemn Gießen.

Am Samstag und am gestrigen Sonntag beging ter Schühenverein Gießen in würdiger Weise die Feier seines 50jähri gen Be - stehens. Zwar liegen die a l:rersten Anfänge des Gießener Schützenwesens. das in dem Jute - verein von heute seine Fortsetzung findet, lieft über 300 Jahre zurück. Der Verein in seiner jetzigen Gestalt wurde jedoch im Jahre 1878 neu gegründet, und so kam er zu der vorgestrigen und gestrigen Feier des goldenen Jubiäums.

Oer Begrüßungsabend

am Samstag im Schühenhaus bi'tete einen glück­lichen Aufta.t ter Jubiläums-D.ranstaftun-'. Rach des Tages Last und Mühen hatten sich dort mit den Mitgliedern des Schützenvereins zahl­reiche Ehrengäste, Vertreter auswärti'er Schühenvereine und Abgesandte hie iger befreun­deter De reine zu einigen frohgestimmten geselli­gen Stunden zusammen gefunden. Der Saal des Schühenhaufes und die Dorzimmer waren voll­besetzt, ein Zeichen dafür, wie gern man der Ein­ladung ter Festleitung gefolgt war.

Dec 1. Dorsi Hemde des Dirins, Architekt Phil. Ric 0 laus, lenlte zu Beginn des Ab nd s die Gedanken ter Versammlung hin zu den im Weit- kriege gefallenen Schützenbrütern. terc: man durch Erheben von den Sitzen bei gedämpftem K ange der Weise des Kameratenliedes gedachte. So­dann entbot ter Vorsitzende den Ehrengästen insbesondere dem Vertreter ter Stadt, Bei­geordneten Dr. Hamm, den Stadtv. Schmie­der und Launspach, sowie den Pressever­tretern Dlumschein und Schmidt den

Deriretern ter auswär'igen Schühenvereine. ter hiesigen Vereine und allen Schützenbrütern herz­lichen Wi llommengruß. Dec Redner feierte dann den Geist hohen und tattereiten Gemeinsinns, ter wie in allen deutschen Schüh.nvereinen auch im Gießener Schützenverein allezeit eine gute Pslegstatt hat e und auch weiter haben wird, die tiefe Vaterlandsliebe und das Streten nach Einigkeit, Harmonie und Verbundenheit unter allen Deutschen, Grundsätze des deu schenSchützen- Wesens, zu denen sich auch ter Gießener Verein stets voll und ganz bekannt hcft. Die An­sprache klang aas in einem begeistert aufgenom- menen Hoch auf das geliebte deutsche Vaterland, dem man mit dem gemeinsamen Gesang des ersten Verses dec Rationalhymne huldigte.

Die übrigen Stunden wurden durch gemein­same Gesänge vortrefflicher Lieder, ausgezeich­nete. mit lebhaftem Beifall quittierte Gesangs- vorträge von Kurt Richter, instrumentale Darbietungen einer Kapelle und durch eine humo­ristische Ansprache ausgefüllt. Einige offizielle Handlungen brachten allerdings eine Unter­brechung der ganz auf frohe Geselligkeit ge­stimmten Tendenz des Abends. Beigeordneter Dr. Hamm sagte auf Wunsch ter Stadt­verordneten und ter Pressevertreter zugleich auch in deren Ramen dem Vorsitzenden und dem Verein Dank für die herzliche Begrüßung. Dann folgte eine Ehrung der Jubilare. mit der der Derein den verdienten Schützenbrüdern gebührenden Dank abstattete. Der einzige heute noch lebende Mitgründer des Dereins. Karl Stüber, wurde zum lebenslänglichen Mit-

Wario Haind 0 rfs (Wehrburg) erwies sich als ein Opevettentenvr von tüchtigem und geschultem Können, ter zumal in ter Mittellage über ein volles und tragfähiges Organ verfügt.

Einen artigen Sonder erfolg holte sich das Brautpaar, das die zweite C^ige spielt: Käthe Itter (keine große Stimme, ater ein drolliges naives Spiel, das den Leuten gefällt) und Albert Badewitz. munterer Liebhaber mit dem ge­wissen Darieteton, der in Verbindung mit einem Monokel nie versagt.

Von den übrigen: Sitta Hagner, A. Wies­ner und Ruschi Wiesner, welch letz­tere das Haus mit den um jeden Preis komischen Pointen bedienten, die übrigens leitet auch in ter modernen Operette noch immer unent­behrlich scheinen.

Dom Erfolg wurde schon gesprochen.

Dr. Th.

Oberhessischer Kunstverein.

Die neue Ausstellung, mit welcher der Ober- hessische Kunstvecein die Wintersaison eröffnet, umfaßt Oelgemälde des westfälischen Bauern- malers P. QL Böck stiegel, Dresden, von Alfred Kiehl, Lang-Göns, und Lothar Tol­ler, Darmstadt: außerdem Aquarelle und Zeich­nungen von Lothar Toller. Willi Hof fer­be r t, Ulrid) Haller st ede, Darmstadt, Hein­rich Küchel, Gießen, und Reinhart Berg­mann, Fürth L O.

Der hintere Teil des Saales ist Döck stie - gel Vorbehalten: man kennt ihn schon von einer früheren Sonderausstellung her, die Aquarelle und Graphik brachte. Diesmal xeigt er Oel- gemälde. Hier ist er völlig in seinem Element, hier ist der Eindruck von damals noch gesteigert: ein Furioso von Farben, zumal wenn die Mor­gensonne voll auf die beiden Schauwände fällt, springt dem überraschten Beschauer entgegen. Eine entfesselte Palette hat sich hier verschwen­derisch und schwelgerisch über die Leinwand er­gossen. Eine manchmal fast erschreckende Wild­heit des Kolorits, eine klobige Wucht schwerer und doch schneller Strichführung, die an den späten Corinth erinnert, ist für diesen Dauemmaler in erster Linie bezeichnend. Breit, bäuerisch und gesättigt das ist der erste und der bleibende Eindruck seiner Malerei. Des großen Wfttelbll- des etwa (Westfälischer Bauer") und der beiden flankierenden Landschaften, in denen eine verblüf­fend ausgedehnte, auf den ersten Blick unverein­bar erscheinende Skala von Farben ineinander- geschweißt ist. Die offene Feldlandschaft links bleibt denn auch minder gelöst und farbig über­zeugend, als das Waldinterieur rechts, das sich bei längerer Betrachtung erstaunlich zusammen­

schließt. Malerisch sehr fein ist trotz der groben und pastosen Technik das PorträtMein Vater" vor einem tiefgesättigten roten Grund. Zarter und ruhiger gemalt dasDauernkind" in sanf­terem Kolorit, während ein anderes (mit Holz- schuhen") in der ganzen Haftung, im Ausdruck des kindlichen Gesichts -- nicht im Ton an die Modersohn denken läßt. Weicher und salon- mäßiger als die übrigen Bildnisse wirkt das Porträt des Malers Felixmüller, welches in der farblichen Zusammensetzung sogar ein wer iz raffi­niert anmutet. (Eine Bezeichnung, die im übri­gen den Malereien Böckstiegels nicht im ge­ringsten gerecht wird.) In der bekannten Ma­nier erscheinen die BildnisseMutter am Abend" undSonja mit Sommerrosen", zwei schwerblü­tige Kompositionen über dem mächtigen Dcei- flang Rot-Gelb-Grün.

Don den anderen Ausstellern ist dem Bauern- malet vergleichsweise am ehesten ter hier noch wenig bekannte Alfred Kiehlzu temachbarn, ter in einigen seiner Orlbilder eine ähnliche Ge­drungenheit und Intensität des malerischen Aus­drucks erreicht. Aber stilistisch liegen feine Bilder auf einer vollkommen anderen Linie. Der Gesamt- eindruck ist bei ihm: neue Sachlichkeit, die sich allerdings schon zu mäßigen, wefterzuentwickeln und aus ter ihr wesenseig.ntümlic^en Starre und Cmpfindungsleere zu lösen beginnt. Seine Bilder erscheinen im Rahmen einer breiteren Entwicklung äußerst fortgeschritten, in einem Stadium, wo die Maler dem Beschauer allgemach wieder etwas zu sagen vermögen, sei es gefühls­mäßig. kraft der Stimmung, die vom Dargestellten auf den Betrachter übergcht (z. D.Alte Frau mit Kind und Kuh"), oder lediglich auf Grund der von ihnen aus strahlenden koloristischen Reize, wie sie im Gesamtbilde oder im Teilausschnitt einzelner Stücke zu empfinden sind, etwa in den Roten Häusern", im StillebenWeißdornzweig", im Stilleben mit der Kanne, in derLandschaft mit dem Zaun" und denStämmen am Bahn­damm". Selbst auf solchen Bildern, die stofflich noch für die junge sachliche Richtung durchaus cha­rakteristisch sind, ist schon überall die lähmende Llnbewegtheft und Gefühlsstarre gebrochen und aufgelockert, im Kolorit gemildert und erwärmt, (lieber denStämmen am Bahndamm" steht sogar ein Stück Himmel, das in seiner unwahr­scheinlich-zärtlichen, violetten Tönung fast an die romantische Landschaft Caspar David Friedrichs denken läßt, der ja an sich ter Gegtznwartsmalerei nicht gerate am verwandtesten zu sein scheint/) Don solchen Dutern, wie man sie jetzt hier zu sehen bekommt, darf man hoffen, daß die zeitgenössische Richtung nicht stecken bleibt und versandet: man darf sie als ein Beispiel nehmen, mit einigen Erwartungen in die Zukunft blicken und darauf gespannt fein, wohin die uh»

15 Oktober 1928

glich ernannt und mit der goldenen Schützen- natel ausgezeichnet. Für ihre Mitgliedschaft von mehr als 25 Jahren erhielten ebenfalls die goldene Schühennatel die Mitglieder Fritz Appel, August Dick 0 re. Heinr. Clges, Val. © o u t e r , W ilh. Hammel, Heinr. H e 11- I e r , Karl Huhn, Qlug. Kilbinger , Heinrich Ric 01ar. s . Ed. Roll. Hch. Roll. Ludw. Rinn, Ernst Lud. Sack, Ed. Silbereifen. Karl Steller, Karl Text 0 r , Karl Wie­gand, Heinr. W i n n. Herzliche Dankesworie an den Vorstand und ten Derein für diese Ehrung sprachen Karl Stüber und August Dick 0 namens der übrigen Jubilare.

Einige offizielle Glückwünsche wur­den dem Derein sodann schon dargebracht. Es sprachen: für den Marburger Schützen verein Schmus, Marburg, namens ter Schützengesell­schaft Byhbach Pl 0 ch , Butzbach, im Auftrage der Schishengesellschäst Marburg Bertram, Marburg, ferner Weil, Haigec. namens ter dortigen «Schützengesellschaft, Kceiker, Laubach, für den. Schühenverein Laubach. Zum Teil überreich!en die Redner wertvolle Jubiläums- geschenkt Der Dor ihende, Phil. Ric 0 laus, dankte herzlich im Ramen des feiernden Ver­eins und pries dabei in beredten Worten das schöne schützenbrüderliche Verhältnis zwichen den gratulierenden Vereinen und den Gießener Schützen.-.

Oie Akademische Feier

am Sonntag vormittag im Saale des Gesell» schaftsväreins brachte den eindrucksvollen Höhe­punkt ter ganzen Jubiläums-Veranstaltung. Cs war eia festliches und würdiges Bild, das sich dort dem Auge darbot. Hiftere Gießener Militärkapelle unter der Leitung des OtermLsikmeisters W. 2 ober leitete den feier­lichen Qßt mit einer Begrüßungs-Fanfare für HLroldfrompeten und Kesselpauken, komponiert von Obermusikmeister Löber, ein. linier den Klängeu dieser Fanfare tourten die Schützen- fahnen feierlich in den Festsaal verbracht. Hier­aus bqgrüßte im Auftrage des Schützenvereins Dr. Man Bentheim die Festver^ammlung, darunter als Ehrengäste u. a. Oberbürgermeister Dr. Kseller, Prvvinzialdirektor ©raef, Se. Magnliizenz dm Reitor ter Landes-Universität Prof, i Dr. Herzog, Hauptmann Faulen- bach als Vertreter ter Garnison, Landgerichts'- bireltvr Schmahl als Vertreter des Cante gerichLspräsitenten, Bürgermeister Dr. Seih, Jntetzdant Dr. Prasch, Stadtverordnete, die 'Vertreter ter Preffe, die Abgesandten ter SchüHenvereine, der hiesigen Vereine ufto. Als­dann fang Frl. Elisabeth Weeg von hier mit prächtiger Stimme und feiner Gesangskultur Deeßhovens Ehre Gottes in ter Ratur, dabei von ter Militärkapelle unter Obermusikmeister 2 ober 5 Leitung gut begleitet. Run mehr hielt ter erste Vorsitzende, Phil. Ricola us, die

Festrede.

Der Redner erinnerte zunächst daran, daß vor 50. fahren 32 Gießener Bürger das Erbe ter bis Hwei Jahre vorher bestandenen Schützenge» sell§chaft übernahmen und den Gief)ener Schützen»

Am Dienstag beginnt im Giebener An­zeiger Maria Grigoriewna Rasputin mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen an ihrenVater, den berühmten sibirischen Wundermann, dessen verhängnisvolle Rolle am Hof des letzten Zaren heute noch stark umstritten ist.

endlich nüchternen Glühbirnen, Kakteen, Tele­graphendrähte, Signalmasten und Schimmsträn'.e, an denen die Jüngsten ihre Künste üben, sich entwickeln werden. Kiehls Bilder beanspruchen mehr als örtliches Interesse: sie sind uns wichtig aftt Teilerschcinungen einer großen zeitgenössischen Estwicklung: vielleicht bezeichnen auch sie einen Wendepunkt in der jüngsten Malerei.

Ebenfalls Delbilber bringt der Darmstädter Tol­ler, der aber im großen ganzen oiel sanfter, weicher und fast altmodisch wirkt neben Bildern, mie man sie von Kiehl zu sehen bekommt. Eine sehr gute Arbeit von eigenartiger Technck ist die Land­schaftNieder-Beerbach", ruhig und einheitlich im Ton, überlegt gegliedert und von angenehm plasti- scher Fülle im Räumlichen. Die gleiche Malweise, aber wie mit einem gleichmäßig matten, samt­artigen Schleier verkleidet, begegnet in den Aqua­rellen, von denen uns dieFabrik" und ein Motiv «us Nieder-Beerbach am besten gefiel.

Eins Anzahl guter, lockerer, farblich zum Teil lehr reizvoller Aquarelle bringt der Darmstädter S) a (l e r ft e i) e , der dem hiesigen Publikum nicht mehr unbekannt fein dürfte: er bevorzugt Land- schaftsmotive und Stilleben: auch Holzschnitte und etliche Zeichnungen (mit hübschen, malerischen Archi­tekturstücken) find von ihm zu sehen.

Ebenfalls Aquarelle sieht man von Hoffer- bert, Darmstadt, der hier ausschließlich Landschaf­ten, zum Teil mit Verwendung von architektonischen Motiven, zum Vorwurf genommen hat. Alle Stücke sind in einer frischen, fließenden Manier gemalt, oft mit ganz flüchtigem Auftrag bingesetzt, dabei sicher gesehen, mit interessanten Perspektiven und guter Raumaufteilung. Ihrer farblichen Qualitäten wegen scheinen uns dieHäuser im Herbst" und die Straße in einem Moselstädtchen" vor allem zu be­achten. *

Mit rein graphischen Arbeiten ist H. Küchel, Gießen, in Der neuen Ausstellung vertreten: er zeigt eine achtteilige Folge von Kreidezeichnungen zu E. T. A. Hoffmanns entzückendem Märchen vom Goldenen Topf", sowie sechs Bleistiftzeichnungen zumWirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff. Küchel erweist sich mit beiden Bildergruppen als ein geschickter Illustrator romantischer Literatur, ein Zeichner von Phantasie und Einfühlungsgabe. Mit drei miniaturhaften Bleistiftzeichnungen, so­wie einem AquarellLandschaften, ist endlich der junge Maler R. Bergmann aus Fürth i. D. zu nennen.

*

Die Ausstellung wurde gestern, Sonntagvormit­tag, der Oeffentlichkeft übergeben. Der erste Dor- sitzende des Kunstvereins, Landgerichtsdirektor Bücking, hieß die Erschienenen willkommen und gab anschließend eine kurze Einführung in das Leben und Schaffen der ausstellenden Künstler.