Ausgabe 
15.9.1928
 
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Die neue Schnellzuglime Köln-Leipzig.

Von Oberregierungsdaurat Wilh. Weber, Koblenz.

Die durch einen Okuraq Fries im Preußischen Landtage aufgerollte Frage einer neuenFern- verbin düng KölnLeipzig wird dem­nächst wieder in Konferenzen der beteiligten Kreise erörtert werden. Es ist deshalb Atoed* mäßig. über den heutigen Stand der Sache zu berichten.

Zwei Pläne stehen einander gegenüber, welche die neue Fernverbindung durch *2leub au - linien erstreben, und zwar der Plan der In­dustrie- und Handelskammer Siegen über Sie­genTreysaBebra. also mit Umfahrung von Kassel, kurz »Plan Siegen" genannt, und der erstmalig rn der Zeitschrift »Der Bahnbau". Hefte 6 bis 8. 1926 eingehender behandelte Plan des Derfassers mit (Einbeziehung von Kassel, kurz ^Plan Kassel" genannt.

Daneben bestehen noch Bestrebungen zur ®r- langung von Eilzügen Köln Leipzig über G ie- hen AlsfeldHersfeld, die ohne Neubauten, also über bestehende Linien mög­lich frnb. (Kurz .Plan (Sieben" genannt.)

Der platt (Siegen.

Der Plan der Industrie- und Handelskammer Siegen sieht von Köln bis Siegen-Ost Beibe­haltung dec Siegbahn über TroisdorfBetzdorf vor. Dann ist eine neue 22,4 Kilometer lange Bahn von der Sieg zur Lahn bei Fendingen zu bauen Die Nebenbahn im oberen Lahntale von Fendingen über Biedenkopf nach S a r - n a u bildet die Fortsetzung, sie ist zur zwei­gleisigen Hauptbahn auszubauen. Bei Sarnau wird der Umweg über Marburg durch eine 5 Kilometer lange neue Linie nach Bürgeln an der Main -Weserbahn abgeschnrtten. Bis Treysa wird die Main-W^serbahn benutzt, weiterhin bis Oberbeisheim ein Stück der Kanonenbahn. welches zweigleisig auszubauen ist. Darm folgt wieder eine 12,5 Kilometer lange Neubaulinie nach Heineb ach an der Haupt­bahn Kassel Debra zur Abschneidung der Aus­biegung über Malsfeld. Weiterhin bildet die be­stehend^ Dahn über Debra-EisenachErfurt die Fortsetzung nach Leipzig. 3m ganzen sind 40 Kilometer Bahnlinien neu zu bauen und 73 Kilometer eingleisige Bahnen zweigleisig aus­zubauen. Die Gesamtlänge KölnLeipzig wird 481,2 Kilometer, 70.1 Kilometer weniger als heute über HagenKasselDebra (552.3 Kilometer) und 49,5 Kilometer weniger als über HagenKasse! Aordhausen - Ha Ne (530,7 Kilometer) betragen. Die Höchststeigung ist 1:100, die verlorene Stei­gung zwischen Köln und Leipzig beträgt 900 Meter. Die Höchststeigung der heutigen Linie über Hagen ist 1:70, Mc verlorene Strigung be­trägt über Bebra 1087 Meter, über Aordhausen Haue 1136 Meter.

Der Plan Siegen wurde besprochen in einer Sitzung zu Köln am 28.3anuat 1928, die auf Einladung der Industrie- und Handelskam­mer Siegen stattfand. Es waren vertreten dre Städte Siegen und Köln, die Industrie- und Handelskammern Siegen, Köln, Stolberg und Aachen und Landtagsabgeordneter Fritz Fries. Die Beteiligung der Kammern Stolberg unb Aachen zeigt, daß es sich nicht nur um eine Verbindung der Städte Köln imb Leipzig han­delt, sondern um eine internationale Ver­kehrslinie erster Ordnung, die dem Ver­kehr von England, Belgien Bords rankreich und der'Aheinprovinz mit dem mittleren Deutschland (Thüringen, Sachsen. Schlesien) und den angren- dkn Ländern (Polen. Tschechoslowakei. Süd- rußland) dienen soll. Es wurde eine Eingabe an bre Hauptverwaltung der Deutschen Aeichsbohn- «sellschaf^ beschlossen, in welcher die Mängel der heutigen Verbrndung erörtert werden sollen und die Ausführung der Vorarbeiten nach dem Plane Siegen beantragt wird Der Abgeordnete Fries trat ebenfalls für diese Linie ein, obwohl sein Antrag, wie er angenommen wurde, die Fassung hat: »Das Staatsministerium wird ersucht, auf die AeichSregierung dahin einzuwirken, bah bal­digst' eine direkte Bahnverbindung zwischen Köln- Siegen Kassel nach Mittel- und Norddeutschlano geschaffen wird." Hier ist die Einbeziehung von Kassel doch ausdrücklich ver­langt.

Der plan Kassel.

Der Plan Kassel sieht vor eine Aeubaulinie von Köln-Kalk durch daS Bergische Land nach Welschenennest.Schcttelpunkt der Ruhr-Sieg­bahn (89,8 Kilometer), weiter durch das Sauer­land über Schmallenberg nach Brilon Wald, Scheitelpunkt der Bahn HagenKassel (64,6 Kilo­meter) und endlich von dort über Korbach nach WilhelmShöhe bei Kassel (78,3 Kilometer-. Zur Verbesserung deS Durchgangsverkehrs ge­hört bann noch die Anlage eines Durch- SangSbahnhofes bei Kassel im Zuge der hvre Wichelmshöbe Niedervellmar, da der heutige Kopfbahnhof Kassel hn Betriebe sehr lästig und ein Hauptgruird für die Umfahrung von Kassel ist. Die Strecke Niedervellmar - Hann. Munden kann später verbessert werden. Weiterhin wird die bestehende 'Dahn über Nord­hausen- Halle benufot. Die Entfernung Köln Leipzig wird 497.8 Kilometer, also 6.6 Kilo­meter mehr als nach Plan Siegen betragen. Dafür ist aber die verlorene Steigung 100 Meter ge­ringer. und von Köln ob Hann. Münden (257,1 Kilometer- hat bic Linie die äußerst günstige Höchstleistung 1:200. erst von dort ab 1:100 bet der alten Dahn. Eine weitere Abkürzung hon 20 Kilometer ist im Dolhaargebirge möglich durch eine Linie G chm a 11 en b c r g Korbach über Medebach, welche bi? Mlsbiegung über Brilon Wald abschneidet. Diese Llbkürzungssinie wird einige Zeit nach Herstellung der Hauptbahn sicher kommen. Tste Führung über Brilon Wald ist aber ohnehin nötig, weil dadurch noch andere wichtige Verbindungen hergestellt werden.

'Der Plan wurde in der Iahresbauptversaiimi- lung des VerkchrSvereins Kassel am 23. März 1928 vom Verfasser erläutert. Sr wird betrieben von der Stabt Kassel und ben übrigen entlang der Linie liegenden Städten und Kreisen.

Der plan Gießen.

Der Plan Sieben unterscheid?» sich von den beiden übrigen Plänen dadurch, dast lediglich eine neue Etlzugverbindung zwischen Köln, Trier unb Leipzig über bestehende Bahnen gewünscht wird. M* also sofort einge­richtet werden kamt.

Der Hauptzug ist gedacht «IS Verlänge­rung des Eilzuges 129 Trier Koblenz

über die Lahrrbahn nach Eiehen, wo der Flügekug von Köln über Betzdorf -Siegen- Dillenburg aufzunehmen ist, weiter nach Zu- sammenschluh beider Teile über Gründer g Alsfeld - Lauterbach Bad Salz­schlirf HerSselb Eisenach Erfurt nach Leipzig, entsprechend in bet Gegenrichtung mit Verwendung des Eilzuges 130 Koblenz Trier. Die Züge sollen allen genannten Städten die fehlende durchgehende Detbindung untere in- ander und mit Thüringen-Sachsen verschaffen. Der Plan wird feit dem Jahre 1927 betrieben von den an der Linie gelegenen Städten unter Führung des Hessischen Verkehrsverbandes (Vor­ort Darmstadt) mit Unterstützung der Industrie- unb Handelskammern Frankfurt a. W.-Hanau, Gießen. Koblenz, Limburg, Siegen, Wetzlar und Kassel, sowie emet Anzahl von Verkehrs- unb wirtschaftlichen Vereinen.

In technischer Hinsicht ist zu bemerken, daß die Entfernung KölnLeipzig 506,2 Kilo­meter beträgt. 44.1 Kilometer tneniger als über HagenKasselDebra Die Höchststeigung ist 1:80. die verlorene Steigung 987 Meter. Die Linie übertrifft die heutige Verbindung betrieb­lich bedeutend, bleibt aber Hurter bet Siegener Linie nicht unwesentlich unb hinter ber Kasseler Linie sehr viel zurück.

Kritik der drei pläne

Um bas Urteil vorwegzunehmen, sei gesagt, daß der Plan Stegen abzulehnen ist. Die berechtigten Pläne Kassel und Gießen stehen nicht nur nicht im Gegensatz, sondern bedingen sich eher und ergänzen sich gegenseitig. Man kann zugunsten des Planes Siegen nicht anfühven, daß die Neubauten geringere Kosten erfordern, als beim Plane Kassel, beim diese Ausgabe ist unwirtschaftlich, während ben höheren Kosten des Planes Kassel ein weit größerer wirtschaftlicher Wert entspricht. Dieser Plan Er­beutet bie Lösung des Problems, denn nur er schafft bie internationale Linie erster Ordnung, welche die größte Deschleunigung des Verkehrs zugleich mit den geringsten Betriebskosten er­möglicht.

Die Linie entspricht dem Erlasse des Neichs- verkehrsministers vom 13. Juli 1922 E. IV. 144, 5683 (NeichSverkehrsblatt Nr. 31 vom 25. Juli 1922), was vom Plane Siegen nicht gilt.

Durch Teilstrecken und Anschlüsse dient die Linie einerNeihe anderer wicht iger 03er» kehrsbehiehungen, was der Plan Siegen nicht vermag. So erhalten Stadt und Industrie- getxiet Siegen über Welschenemiest ebenfalls die gewünschte Verbindung mit Thüringen, Sachsen.

chlesien irfto., zugleich aber auch über Brilon- Altenbeken die dringend notwendige Verbindung mit Hannover, ben Hansestädten, überhaupt Nord- deutschland und ben nordischen Staaten. Das ganze westfälische unb niederrheinische Industrie­gebiet nimmt teil an ber Verbesserung des Ver­kehrs mit Thüringen, Sachsen. Schnellen usw. durch bic Teilstrecke Brilon Wald -Kassel. Die Teilstrecke Brllon Wald--Korbach wiederum ist Glied einer wichtigen Nord-Süd Verbindung vvm westfälischen Industriegebiet nach Frankfurt a. M. und Süddeutschland. Die an der Ma'm-Weser- bahn gelegenen Städte, wie Gießen, Marburg, Treysa usw. erlangen in Kassel Anschluß an den neuen West-Ost-Derkehr, zugleich aber auch bessere Verbindungen mit Berlin unb Ostdeutsch­land, welche die Neubaulinie KölnKassel für ben größten Teil ihres Verkehrsgebietes nach sich ziehen wird.

Ein werterer Vorzug dieser Linie ist bie Ein­beziehung der Großstädte Kassel und Halle in den West^Ostverkehr. An und für sich ist eS zur Beschleunigung des großen DurchgangS- ver^hrs oft nötig, sogar Großstädte zu um­fahren. Wenn aber, wie im vorliegenden Falle, die Großstädte zugleich an ber besten Linie liegen, bann ist ihre Einbeziehung ein Gewinn. Der Verkehr des Westens mit ben an ber Linie Eisenach Leipzig liegenden Städten Thü­ringens unb Sachsens gestaltet sich über bie Kasseler Linie ebenfalls am besten, zumal nach Verbesserung der Werrabahn zwischen Harrn.- Münden unb Wartha. Mit dieser Auszählung sind noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft.

Die einxetnen Teilstrecken der Linie Köln - Kassel erschließen zugleich in vortrefflicher Weife bic durchzogenen Gegenden Dieser Aufschluß ist ohnehin nottDenbig, unb manche Linien finb schon geplant, welche die neue Dahn ersetzt. Die ßmlen des Planes Siegen sind auch für ben Auf­schluß geringwertig.

Es ist möglich, bie Linie Köln Kassel in Teil­st r e ck e n nach und nach zu erstellen, wenn die Bahn auf einmal nicht ausführbar ist. Allein bie mittlere Teilstrecke Welschenenne st - Brilon Wald wirb ohne mehr zu kosten als ber Plan Siegen, schon weil größere Verkehrs­verbesserungen erzielen unb mehr aufschließen, als dieser Plan. Auch tann man einzelne Strecken als NotsiandSarbeit zur Beschäftigung von Erwerbslosen ausführen.

Wird durch ben Plan Kassel bic Linie für den großen internationalen Durchgangs­verkehr geschaffen, so entspricht ber Plan Gie­ßen einem innerdeutschen Verkehrs- bebütfnK. Für bie Stabte Aachen unb Köln bedeutet er eine Neben Verbindung mit Leipzig. Schlesien usw, während bie Aaupt- verbindung über Kassel führt. Da bieS auch heute der Fall ist. so kann ber Plan Kassel die am Plane Gießen interessierten Stäbte nicht schädigen, wie er ihnen im Gegentelle in anderen Derkchrsbezlebungen sogar nützt. Umgekehrt kann der Plan Gießen die am Plane Kassel interessier- ten Städte nicht schäbigen, denn cs handelt sich dabei um einen Verkehr ganz anderer Art, dem die Kasieler Linie gar nicht bienen kann. Ebensowenig vermag dies die Siegener Linie.

5>cr Plan Siegen scheint heule baS große Hemmnis zu fein, welche- ben berechtigten Bestrebungen, bie in ben Plänen Kassel und Gießen sich verkörpern, im Wege steht. Es ist zu wünschen, baß die fommenten Verhand­lungen in diesen Tagen eine Klarstellung bringen, damit ber Plan Siegen aufgegeben wirb unb bie Pläne Kassel unb Gießen gefördert werden.

Anmerkung der Redaktion:

Die vorstehenden, aus sachverständiger Feder stammenden Ausführungen geben einen erwünsch­ten Ueberblick über die verschiedenartigen Be­strebungen zur Verbesserung des Ch West.Ver­

kehrs tm mittleren Deutschland. Wenn man bie drei bargestellten Projekte miteinander ver­gleicht, so muh sich nach unserer Ansicht doch unbedingt die Erkenntnis aufdrängen, daß das Projek t Gießen, bas von allen maßgeben­den Kreisen, namentlich auch von ber Provinz Oberhel en mit allem Nachdruck gefördert wird, dasjenige darstellt, das zunächst xur Ver­wirklichung reif ist. Mit voller Absicht ist dieser Plan so ausgestellt, bah Neubauten ber Reichsbahn nicht notwcnbig werden, allo keine hohen Kostenaufwendungen nötig machen baß viel­mehr bestehenbe Strecken, b.c bisher nur langsam fahrenbe Personenzüge haben, von einem Paar durchgehender Eilzüge TrierK.b'errz unb KölnSiegen vereinigt in Gießen über Alsfeld (mit Abzweigung nach Fulda) und Hers­

feldDebra nad) Thüringen unb Sachsen befahr« werden. Diele Verbindung bringt allen an dem Projekt beteiligten Gegenden derart große Dortelle in bezug auf zeitliche unb kllometrischch Abkürzung bet Verbindung, daß es schlechtev- dings unverständlich ist, wenn dieses Projekt nicht schon in aller Kürze zur Durchführung gelangt. Jedenfalls müsien und werben sich die an der Entwicklung des ober hessischen Verkehr« interessierten Kreise nach wie vor einhellig unb vorbehaltlos für das in der Denkschrift de« Hessischen Verkehrsverbandes nieber- ael.gte Projekt eins:tzen. bas nach Lage bec Tinge diejenige Lösung darstellt, die in glücklichster Welle die Herstellung einer Durchaangs- verbinbung mit ber Wahrung mehr ört­licher DerkehrSinteressen verbindet.

Gründung eines Hilcherzeuger-Verbandes

des Zranksurier Mrischastsgebieis.

Eigener Bericht desGießener Anzeigers".

Friedberg, 14. September.

Die vom Klub für Landwirte, vom Hes­sischen Landbund und vom Reformbund der Gutshöfe heute nachmittag in den großen Saal des Hotels Trapp einbcrufcnc Versammlung, die sich mit der Milchfrage beschäftigte, erfreute sich eines sehr guten Besuchs aus ganz Oberhrffen und dem Hanauer und Gelnhäuser Bezirk. An die 400 Teilnehmer waren erschienen, darunter mehrere hessische Landtagsabgeordnete des Bauernbundes, Reicystagsabgeoroneter Lind (Jfsigheim), Vertreter der landwirtschaftlichen Behörden und Organisa­tionen. Dr. Sauer (Bad-Nauheim), Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes des Reformbundes der Gutshöfe, hieß als Versammlungsleiter namens der Einberufer willkommen, besonderer Gruß gatt dem Präsidenten der Hessischen Landwirtschastskam- mer, Oekonomierat Hensel (Darmstadt), Reale« rungsrat Dr. M e y e r vom Kreisamt Friedberg, den Vertretern des Verbandes hessischer landwirtschaft­licher Genossenschaften, den Vertretern der Bezirks­und Kreisbauernschaften, sowie den zahlreich an­wesenden Prcsfeverttetern oberhessischer und Frank­furter Zeitungen. Herzlicher Dank wurde dem Refc- renten des Tages, Landwirt Breidenbach (Gäd­heimer Höfe bei Würzburg), übermittelt, der ein oberhefsifches Kind ist und als praktischer Landwirt bei der Drganifation der unterfränkischen Milcher zeuger mit großem Erfolge gearbeitet hat. Wenn so viele Landwirte zu der bedeutsamen Versamm­lung erschienen seien, so sei das ein Beweis dafür, daß in der Milchfrage schon lange etwas Durchgrei­fendes hätte geschehen müssen, lieberen, wohin man schaue, könne man eine beängstigende Preissteige- runa feststellen. Nur die Preise für die landwirt­schaftlichen Produkte unterlägen dauernd heftigen Schwankungen, ohne daß bei einem Preisrückgang die Verbraucherschaft entsprechend profitieren würde und ohne daß dem Landwirt ein angemessener Preis gesichert fei. Zur Vorgeschichte der Verbands- gründung führte Dr. S a u e r u. a. aus:

Wir haben uns in der Arbeitsgemeinschaft landwirtschaftlicher Organisationen des Rhein- Main-Gebietes die größten Sorgen über die Lage am Milchmarkt gemacht, wir waren aber uno sind fast machtlos weil die mir schwer vrganisationsfähige Mllchproduktion allzu häufig infolge einer unwirtschaftlichen Konkurrenz im Angebot auf den Markt drückt. Ein Vortell nach dem anderen wurde dem Landwirt ab gerungen, man muhte sogar erleben daß der Milcherzeuger 13 und 14 Pf., die günstiger gelegenen Bezirke nur 18 bis 21 Pf. für den Liter Milch im Laufe dieses Jahres erhielten. Immer wieder forderte man allseits den Zusammenschluß. Den Anfang haben die Genosfenschafts- und Privatmolkereien mit der Gründung der Frankfurter Lie­fervereinigung gemacht, die 64 Prozent der nach Frankfurt zugeleiteten Milch ersaht. Es gilt nun. die noch bestehende große Lücke Au schließen durch den Zusammenschluß der- lenigen Milcherzeuger, die unmittelbar oder mittelbar durch Sammler die Milch den Städten in unserem Wirtschaftsgebiet zuführen. Der vor Jahresfrist unternommene Versuch, die Direkt- Milchlieferanten in eine Genossenschaft zusam­menzuschließen, ist gescheitert. Einen neuen An­sporn, in der Milchsragc etwas Entscheidendes zu tun. gab der In ilnterfranfen mit neuartigem Programm gegründete Milcherzeuzerverband, der trotz anfänglich gehegter Zweifel heute bereits schöne Erfolge zu verzeihen hat. Ende Mai dieses Jahres fand in Friedberg vor einem kleineren Kreise ein Vortrag über die unter* fränkische Organisation statt. Die Versammlung endete damit, daß ein achtgliedriger Gründungs­ausschuh eingesetzt und mit der Ausarbeitung der Satzung beauftragt wurde. In Zusammen­arbeit mit zwei verdienten Vorkämpfern, nämlich Präsident Hensel und Direktor (Berg, und mit dem unterstützenden Rat von Landtagsabg. Fenchel (Ober-Hörgern) wurden die Vorberei­tungen zur Gründung einer Organisation ge­troffen, so daß heute der Ocffentsichkeit ein fertiger Plan vvrgelegi werden konnte, der so schloß der Redner seine mit starkem Beifall aufgenommenen Ausführungen einen Weg zur Selbsthilfe zeigen wird.

Landwirt Breidenbach iGadheimerhöse bei Würzburg), Vorsitzender des 'Verbände- fränki­scher Milcherzeuger hielt bann sein von lebhaf­tem Beifall begleitetes Referat über: ..D i e erreicht der Landwirt eine bessere Bezahlung seiner Produkte, ins­besondere der Milch?" Er schilderte leb- haft die Notlage der Landwirtschaft, die einmal bedingt sei durch die starke Heranziehung zu sozialen Lasten und dann vor allem durch die völlige Ausschaltung ber Erzeuger bei der Preis­bildung. ES müsse etwa- unternommen werden, um bie Landwirtschaft aus dieser Notlage her- auszuführen. Wenn b'.c Regierung nicht Helse müfie die Bauernschaft nach dem Vorbikd an­derer Berufsstände zur Selbsthilfe fchreiten. vor allem durch entsprechende Organisationen Ein­fluß au* die Preisgestaltung zu gewinnen suchen. DaS fei nicht mit Jebem Produkt leicht möglich. Am leichtesten könne der Anfang mit der Milch gemacht werden, da für sie eine größere Einfuhr auS dem Auslande nicht in Frage komme. Es dürfe nicht heißen: »Soviel darfst bu nehmen!", sondern Die Preisbildung müsse auf Grund der Gestehungskosten berechnet werden. Heute biete man dem Landwirt ohne Beachtung der Ge­stehungskosten Spottpreise für seine Produkte, bie aber an den Verbraucher recht teuer weiter- verschachert würden. In ilnterfranfen, wo man tellwelle eine Spanne bis zu 100 Prozent zwi­

schen dem Erzeuger- unb Verkaufspreis ffit Milch gehabt habe, fei durch den Zusammenschluß für die Mitglieder des Verbandes heute schon ein MHrverdienst von 200 000 Wk. herauSgeholt wor­den. Es komme nicht darauf an, daß der ein­zelne für sich einen höheren Preis erziele, son­dern die allgemeine Krmiunktur gehoben würde. Deshalb sei bie Gründung eine# Verbände- nötig, dessen Satzung sich jeder einzelne zugunsten der Allgemeinheit fügen müsse. Durch den Zusam­menschluß werde es für die Landwirtschaft erst möglich, durch ihre Führer erfolgreich mit dem Handel unb dem Konsum zu verhandeln: auch städttsche Unternehmungen, wie bk sog Milch- Höfe in Mannheim unb Nürnberg, müßten ihre Macht na<b unb nach embüßen, wenn die Ver­bände der einzelnen Wirtschaftsgebiete in einem Spitzenve rband vereinigt würden, wie auch die AuSlandmilch dann toieber vom CDZarft ver­drängt werden könne. In langsamer, sorgfältiger Arbeit würde der Zusammenschluß bic Landwirt­schaft zu einer Besserung der Noklage führen.

Dr. Sauer verbreitete sich da,rn eingehend über den Organisatrvnsplan für die Neugrün­dung. Danach bezweckt der Verband die organi­satorische Erfassung der Mklä erzeuger. die un­mittelbar oder mittelbar Milch in die Städte des Tätigkeitsgebiets liefern; planmäßige Ver­sorgung bet Städte mit Frischmilch; Sinssilß- getonrnung auf die Preisbildung dergestalt, das; den Erzeugern ein auskömmlicher und möglichst stabiler Milchpreis gewährleistet wird; ®£tfüb- rung eines die Zerrüttung und Beunruhigung des Mllchrnarttes verhütenden Kundenschrchcv; Hebung des Milchverbrauchs en. Steigerung der Qualität. Länger verbreitete sich der Redner über den beabsichtigten NormallicferungSver- trag. über den zu schaffenden Ausgleichs­fond«. über Rechte und Pflichten der Mit­glieder usw.

In der sehr regen Aussprache erkannte Regierungsrat Dr. Meyer vom Kreisamt Friedberg an, daß bie Landwirtschaft wie jeder andere Stand daS Recht habe, ihre Interessen zu vertreten, ferner, daß der Erzeugerpreis für Milch zu niedrig sei. Andererseits müßten bie Behörden aber Bedenken gegen die neue Or- ?Ionisation haben, wenn dadurch eine wesent- iche Preissteigerung für die Verbraucher ent­stünde Es müsse den Erzeugern geholfen wer­den durch ileberbrüdung der enormen Spanne zwischen Erzeuger- unb Konsumentenpreis. Vor einer allzu straffen Organisation glaubte der Redner warnen zu müssen Mle übrigen Dis­kussionsredner richteten einen Appell an die Ver­sammlung. nicht auseinander zu gehen, bevor die Gründung des Verbandes vollzogen sei. Reichstagsabgeordneter Bürgermeister Lind (Issigbeim) wünschte die Aufnahme der ober* hefsifcyen Molkereigenossenschaften in den neuen Verband und ihre Ausgestaltung zu Aufnahmc- stellen für ^leberflußmilch in der Zeit der MUch- schwemme. Die Aufnahmestellen müßten mit staatlicher- Hille ausgebaut werden. Präs'rdent Hensel mahnte eindringlich zur Selbsthilfe. Landtagsabgeordnetcl Dr. v. Helmolt zur Opferbcreitschaft jedeS einzelnen Landwirts, ebenso Bürgermeister Mörser (Ockstedt) Landtagsabgeordneter Fenchel [am auf die Wichtigkeit der heutigen Versammlung au spre­chen und forderte für die ehrliche Arbeit des Landwirts auch ehrlichen Lohn. Oekonomierat Breidenbach (Dorheim), der auf die Kala­mität des jetzigen Futterrnangels hinwies, betonte; daß die Landwirte (einen großen Gewinn ma­chen. aber existieren wollten Molkereidirektor Dill (Ostherm Niedcr-Weiseli trat auch für die Vereinigung ein, wandte sich aber gegen den von einem Vorredner gemachten Vorwurf, daß oberhessifche Mölkerei-nr bic Preise unter­boten hätten.

Nach dem Schlußwort des Referenten Breidenbach wurde einstimmig bie Gründung b < Mtlcherzeuaer-Verbände» für das Frank­furter Wirtschaftsgebiet beschlossen und der vor­läufige Ausschuß mit den weiteren vorbereitenden Arbeiten betraut

Der Versammlung verlies einmütig und eindrucks­voll und hielt sich frei von gehässiger Polemik gegen andere Berufsstände.

Kleine Strafkammer Gießen.

* Gießen, 14, Sept. Zwei Minervlwasier- fabritanten aus Vilbel hatten vom bortigftt Amtsgericht hohe Geldstrafen erhalten, da sie Brunnenwasser unter Kochs alzzusatz al« Mineralwasser verkauft haben fallen. Das Berufungsgericht hielt weitere Aufklä­rungen für notwendig und setzte daher die beiden Sachen aus.

Wegen Arrcstbruches und unberechtigter Entfernung von Pfandsiegeln batte ein Kauf­mann aus Flensungen vom Gericht erster Instanz eine Gefängnisstrafe von einem Monat erhalten Das Berufungsgericht schloß sich dem Urteil erster Instanz an unb verwarf die Be­rufung des Angeklagten

Ein Landwirt aus Ebersgöns hatte einer Wirtin Steuererklärungen für da» Fi­nanzamt jur Feststellung der Umsatzsteuer an gefertigt. Er hatte aber keine genauen Unter­lagen dazu benutzt, sondern die eingesetzten De- träae viel zu nlcbria angegeben. Ct sowohl, att auch die Wirtin, die diese Erklärungen unter­schrieben hatte, erhielten daher Geldstrafen von je 120 Mark wegen Steuerhinterziehung. Ihre hiergegen eingelegte Berufung wurde ver­worfen.