Nr 2(7 Drittes Blatt
(Siegener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWe»)
Freitag, 14. September (928
polnische Gegenwart.
Don unseren, Warschauer Mitarbeiter.
Warschau, 12. €<pt-
Gtr.c vorzügliche Ernte ein märche.rh^ ter Spafo- mrr Dr 2 -b«? 1 in Genf unb dazu HaidelLvertrag». c Handlungen m 11 Deutschland, d.s IijW die angc- nehmen Deslchtskuntte bet kölnischen C gen- wartsbetlachtu.g.n. Lber hie. lieg, schon jener gewisse $yn-d) vor Dtnler in der 2ult. Die Weichsel ift ja nicht nur ein Fluft, fte ifl auch eme KUmascheifr Der polnische <2. allommer enthüll auch gleichzeitig dic Destandte-.le des Fruhw nter». ür bN rtw s Lrügrrisches. etwas Ile ber Lg ne« und Uneh liches. U knoar >h Die polnische Bevölkerung nicht daran schuld' aber vielleicht hat sie sich dem Ähma angepabt.
Daft man hier mit Brian be Rede hochgradig zufrieden war, baft man In ihr die wahre Stimme Frankreich» liebt kann im Vorüberg hen erwüont werden. Für den Deutschen ist der vor einigen Tagen ersolgte Wiederbeginn der Handelsvertragsverhandlungen von größerer Bedeutung C» ist polnisch, wenn man die Handelsvertrogsvcr- handlungen mit einer Taktlo'igleit beginnt. Man beginnt mit einer Indiskretion über tlnt«?hal- tungen. die auf der Interparlamentarischen Union zwischen deutschen und polnischen Abgeordneten itattgeiunden hiben. Wir können daraus ein paar goldene Worte mitteilen, die der deutsche Aba ordnete Dr. Reichert den Polen ins Stammbuch schrieb ®r machte sie nämlich auf da« Vorbild der deu^ch-sranzösischen HandelS- veriragsr^erhandlunaon au':n<rk1am. Dort habe man mit kleinen Abmach.' gr.i und Konzessionen begonnen, um erst schliehlich nach langen Mühen au der Deneralvereinbarung zu gelangen. Die Polen aber sollten doch nicht den umgekehrten Weg einschlagen nach dem System: „2Llc6 oder nicht«" Da« ist ein guter Lat.
Im übrigen verhält sich die Warschauer Presse auch nicht gerade sehr entgegenkommend. Der .Elo» Prawdy" redet von deutscher Unsacht i ch k e i t. Deutschland habe sich den wunderlichsten nebensächlichster- Aoifnungcn hinge- geben. Der .Dlo» Prawdy' ist ein Regierungsblatt. Da« Orgin de» Ministerpräsidenten. Die .Epoka" spricht aber trotzdem von -einer beträchtlichen Dosis von Optimismus, mit dem Polen an die Verhandlung n herangeht. Sie begründet ihn mit dem Hinweis auf die Lende- rungen bei deutschen Regierung
Wie stehen die Dinge? Polen» Ausfuhr nach Deutschland vor dem Handelskrieg: belief sich auf 53b Millionen Zlott). die Einfuhr au» Deutschland auf 506 Millionen Zloty 1925 belief sich Polen» Effpori auf 544 Millionen Zloty, die Einfuhr auf 504 Millionen Zloty. Dann setzt der Handelskrieg ein. Die Zahlen für da« Jahr 1927 find: polnische Ausfuhr nach Deutschland 604 Millionen Zloty. Einfuhr au« Deutschland 736 Millionen Zloty. Der vorübergehende Rückschlag de« Jahre« 1926 ift weit weniger aus den Handelskrieg, al« auf die StaatSrunWälzung, die Entwertung de« polnischen Geldes und die darauf beruhende Einsuhrrestriktion zurückzuführen.
Diese vorübergehende Einschränkung de« Handel« mit Polen hat einen Teil der deutschen öfsenllichen Meinung zu dem Trugschlust veranlagt ein Hand.-lSvertrag würde eine Belebung des Warenaustausches zwischen fr-iben Ländern bringen. Wie sachverständig die Propheten waren, ergibt sich au» den oben angeführten Zahlen: Trotz de« HandelSfricHeS hat sich hie deutsche Ausfuhr nach Polen von 1926 auf 1927 nach den Zahlen de« .Glos Prawdy" wertmäßig — verdoppelt
Die entscheidende Tallache ist nämlich: Die polnische Wirtschaft ist auf Leben und Tod mit der deutschen verbunden, mit oder ohne Handelskrieg Polen muh auS Deutschland importieren, wenn e« überhaupt importieren will. ES m u ft nach Deutschland erportieren, wenn e« überhaupt ej portieren will. Aber der polnischen überreizten chauvinistischen Weltanschauung sind diese Dinge auherordenliich unbequem. SS folgt natürlich aus diesem Tatbestand, haft der Handelskrieg ausgesprochene Verluste für Polen gebracht hat. Man weift, haft gerade der polnische Bauer ein sehr starkes Iittereffe an der direkten Ausfuhr der Erzeugnisse feiner Viehzucht nach Deutschland besitzt Zur Zeil wandert ein erheb-
Verhängnisse.
Vornan von LieS-ek Dill.
Copyright by Martin Feuchtwanger, Halle (Saale). 26. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie stutzte bei diesen Worten und sah ihn an. dr hatte da» wohl nur fo hingefagt, wahrscheinlich, ohne etwas dabei zu denken. Aber er sah so nachdenklich in die Ferne.
Lch denke an ’.Hen». den Herrn (Eapitainc. her nichts mehr von sich hören läftt", sagte Charles. ,.d» ist doch eigentlich seltsam. Dir waren so gute Freunde. Da steht ja immer das Haus zum Pfand für alle Fälle. Das Geld wird er wohl inzwischen durchgebracht haben. Dazu braucht man sich heute nicht anzustrenaen. um dreihigtausend Frank klein- utfriegen. Rene verstand das immer schon sehr gut. früher lieh er sich manchmal Geld von mir und bann lieh er mir wieder, immer war der eine in des andern Schuld, in Orleans auf dem Internat. Das hat sich dann so eingebürgert und wird wohl so weiter gehen bis an unser Ende. (Einer stirbt ja gewöhnlich vor dem anderen, und wer dann übrigblcibt. ist der Schuldner des anderen, ober umgetchrt."
..Äcft, Charles, wozu heute wieder von diesem reden?" Odette nahm ein Buch aus ihrer Reisetasche. .Lch möchte lieber wissen, wohin wir reifen und was wir alles sehen werden."
^Du hast recht", jagte er. ..daß du das fertig- gebracht haft, alles hinter dir zu lasten und in bfe Welt hineinzugondeln wie ein Rentier."
.-Du bist ja nun einer", sagte iie, „.Lion d'or' ist gut verpachtet. Du hast nun dein Land, deine Pferde, deine 5aab und deine Weingärten, und ich kann auch einmal etwas anderes tun, als im Äon- tor sitzen und Rechnungen schreiben . .. Sieh, wie schön die Welt heute aussteht."
Die sohrt ging zwischen blühenden Sangärten und sanften grünen Wiesen, die mit bunten Blu-
Ncher Teil ber polnifch'n Ausfuhr über bie Tich echo< lvwakei auf den deutschen Markt Da» t>eruda4>? llntoften •» vermodert den Gewinn D.'» ist unbequem 5.c voln,'che Wirtschaft braucht den Handelsvertrag mit Deut ch- land.
Aber es ist nur z u poLnikfc werm man diese Situation in der OrifentiiAL't in ihr Gegenteil zu ncrl.yren trachtet Die örfanmungeänheran g 1 eg: auf polnischer Sr.te Die deutschen Unterhändler fotltcn sich nicht hinter» Licht führen lasten E» kommt ja fr- dies« Ve.hanb- langen nicht fo auf wirtschaftliche, sondern auch auf poistischc Dinge an. Eri.tz: den Fall, Deutschland gestaltete beispielsweise die zollfteie Ein- fuhr poknifcher Agrarerzeugntste. dann würbe die polnische Argterung sofort einen konzentrischen Angriff auf die deutschen Grenzmärkte, vor allen D.ngen auf Oft - p teuften, etö^nen. die vstpreuftische Landwirtschaft auf dem deutschen Markte und bi Ostpreußen unterbieten und ökonomisch vernichten Daft der po.nilche Staat Dirffchaftspfrftik so versteht, zeigt die künstliche Ausfuhr der oderfchlesstchen Kohle über Danzig, ber Dau be» Ha enS Gdingen. Die gesamte polnische Wirtschaftspolitik wird nicht von ölonomischen. sondern auSschlieh- l:ch von politischen Motiven bestimmt. Wenn also von einem Teile der deutschen Oeffentlich- let: von der Möglichkeit einer Trennung von Politik und Wirtschaft gesprochen wird, so ift daS Polen gegenüber fehl am Ort. Wenn
Polen durch brr. Han delspertra g cm Mrttel zur wirtschaf111 che n Erdrosselung Oftpreuften» erhielte. bar • sollte man sich nicht darüber täi chen daft biric Möglichkeit. koste es. was es wolle ausgenutzt werden würde.
Unter b ekn Gesichtspunkten muft ber weitere Deriauk der Verhandlungen betrachtet werden Wie aber steht es mit brr G re nzzon en - perordnung? Lnd dir po.ni'chen Zufiche- rungen wirk. ch haltbar? Die Grenzze entxr- ordnm.g . eferl da» gan-e ÄDttibc-rgebict. da» obe rschles fche Industriegebiet ber Willkür ber poln.'chen Verwaltung au« W < steht e» mit dem deutschen Schulwesen? Driand in Gens fah ja in bet Minder- be.tcnfrage e.ne 'ch.elchende Z.iegsg. ahr Er hat sich dabei bie polnische These zu eigen gemacht. d.e in der Grenzzonenverordnung chren prakti'chen Riederschlag hat. lieber den materiellen Verlaus der Besprechungen läfti sich im Augenblick nicht» voran»'agen. Man hat eben erst die Kommission gefribet Aber wir wollen unsere Betrachtung mit der Festste.ftmg schlieftcn: Man muft tn Polen fte?» auf Hebet- raschungen gefaftt fein. Polen ist da« Land der Wunder, und b.ere Wunder find für jeden Deutschen stet» und immer wieder eine höchst unangenehm' VI bcra'diu.ia P 0 . i- bleibt eine Geburt be» Deutschenhasses, auch unter dem zarten Schleier diplomatischer Umgang» form en
Häuser der Jugend.
Zentren der Jugendbewegung in Berlin, Frankfurt a. Main, Köln, München und Hamburg. — Wie der deutschen Jugend geholfen werden soll. — Zunge Touristen und jugendliche Ausreißer.
Von Walther (Gersky.
Wahrend früher, vor zehn Jahren, in den Zugendbunden heftige Kämpfe um weltanschauliche Fragen ausgetragen wurden, sind die Ungehörigen der neuen Zugendbewegung weit davon entfernt, ihre Kräfte in „unfruchtbaren Auseinandersetzungen" zu verschwenden: es gilt, praktische Dinge zu schas- fen, und deshalb haben sich vor wenigen lagen In Berlin Vertreter der verschiedensten Richtungen ber Jugendbewegung zusammengesunden. um einen seit einem Zohr gehegten Wunsch zu verwirklichen: ein H a u s der Jugend soll errichtet werden, ein Monumentalwerk, das nicht nur Säle für oefte und Tagungen, sondern vor allem eine grofte Jugendherberge mit mehreren hundert Betten enthalten soft. Zn engen bescheidenen Räumen haben sich die Leiter der Zugendoerbände versammeft, um alle Möglichkeiten für den Aufbau dieses Werkes zu erwägen, und es war ein erfreu- lieber Anblick für den Beobachter, wie sich bie Vertreter der verschiedensten sozialen Schichten einmütig zusammen sanden. Shihl und klar wurden Kosten- anschsäge gemacht, die wichtigsten Cinrichtungc-- gegenstände bestimmt, die dos Haus enthalten muh, unb zum Schluß kam man zu der lleberzeugung, bah die Kosten bes Baue» sich bei noch so bescheidenen Ansprüchen auf drei bis vier Millionen Mark belaufen werben. Da nun all die Zuaendoerbände über nur geringe finanzielle Mittel verfügen, entschlaft man sick>, eine reae Werbetätigkeit zu entfalten, um zunächst die staatlichen und kommunalen Behörden, dann aber auch die verschiedensten anderen Stellen für dieses .Haus ber Jugend" zu gewinnen. Auch durch ‘SkrbcDcranftal- tungen unb Zugendfeste will man versuchen, Mittel xu beschaffen, um an den Dau des Hauses möglichst bald Herangehen zu können.
Cin weithin sichtbarer Mittelpunkt soll für die gesamte deutsche Jugendbewegung durch dieses neue Haus geschaffen werden: von ihm aus will man die Bewegung leiten und fördern. Zugleich soll es aber auch ein Mittelpunkt des Zugendwanberns werden: denn all die jungen Wanderlustigen, die auf ihren Fahrten durch die Reichshauptstadt kommen, sollen dort ausreichende, bequeme unb billige Uebemachtungsmöalich- feiten finden. Die Wanderer sollen in biriem Haus ferner Gelegenheit haben, mit den Angehörigen der Berliner Jugendorganisationen Fühlung zu nehmen. sie sollen dort neue Anregungen empfangen, die fie später in ihrem Heimatort ihren Kruppen
oortragen und zur Anwendung vorschlagen können. Vor allem will man jedoch geeignete Raume für grofte Zugendtagungen erhalten, die nicht nur viele Teilnehmer aus Deutschland, sondern auch aus allen Teilen der Welt vereinigen sollen, unb auch die gcstUschafilicixn Kcranftaltungcn und Zu- fammenfünfte der Zugendgruppen sollen in dem neuen Haus statt finden, denn noch immer müssen diese Bünde in den öffentlichen Lokalen hohe lieber- preise für die Saalmiete zahlen, um den Wirt für den entgangenen Alkoholkonfum zu entschädigen. Slufterbem soll das neue „Haus ber Jugend" A n - lagen für Körper- unb Gesundheitspflege, geräumige Sportplätze, Ausstellungsräume und eine Auskunft» ft eile für Zugendwandern enthalten. Auch ein Archiv für Zugendwohlfahrt will man in dem geräumigen »au einterbringen; alle beteiligten Organisationen sollen in ihm ihre Geschäftsstelle haben, und auch bas Bureau bes Reichsausschusses ber deutschen Zugendoerbände soll dort eine Unter- fünft finden.
Allzu wenig hat bisher die Reichshauptstabt, die sonst auf ihre kulturellen Leistungen so stolz ist, für die Iugendbeweguna getan; eine Stabt wie Frankfurt a. M. hat Berlin in dieser Beziehung weit überflügelt Dort hat man zuerst den Gedanken eines .,H a u I« s der Jugend" in die Wirklich- feit umgesetzt, unb in einem Zahr unermüdlicher Werbung ist es den Frankfurter Zugendoerbänden gelungen, 300000 Mark für den Bau zu sammeln. Staatsbehörden und der Oberbürgermeister haben den Ehrenvorsitz bei den Werbeoeran- ftaltungcn übernommen, und vor kurzer Zeit erst haben öffentliche Versicherungsanstalten weitere 300 000 Mark als Hyvochek auf das neue Haus geliehen. Richt lange wird es dauern, bis ber Traum eines „Hauses der Jugend" verwirklicht fein wird, und bie Stadt Frankfurt a. M. wird stolz auf diese Äulturtat Hinweisen können. Auch in Köln, München und Hamburg hat der Plan für den Bau eines solchen Hauses bereits festere Form angenommen; in diesen Städten haben sich die Jugendoerdänbe bereits ernsthaft mit dem Projekt besaht, aber die Behörden wollen zunächst sehen, welche Haftung die Reichshauptstadt einnehmen wird. Wenn das ,4>aus der Zugend" in Berlin erbaut sein unb sich in ber Praxis bewährt haben wird, wollen auch diese Städte an die Verwirklichung ihrer Projekte Herangehen. Dabei muft man
men übersät waren, dazwischen flammten blutrote Mohnjelder in der Sonne. Es war eine einfache, liebliche Landschaft, sanft und beruhigend, darüber ein zartblauer Himmel, an dem leichte Federwölk- chen trieben. Himmeifahrtstag .... dachte Charles. Wie still cs da brausten war. Zuweilen hieft der Zug auf freiem Felde, und man Höne die Vögel brauften zwitschern. Grün unb festlich, ein stilles Land. Hier unb dort erschien in einer Talmulde ein kleines Dorf, eine Gruppe grauer Granithäuser in einem Wiciental. Man wunderte sich, bast dort Menschen wohnten, und sie gerade dort wohnten.
Zuweilen unterbrach die Eintönigkeit der Landschaft ein Tunnel, die Sonne schien üljer Weiden mit gesunden weihen Kühen, die im kniehohen Grafe standen und kauten. Auf einer kleinen Station muhten sie umsteigen. Alles duftete hier nach Camembert. Abteile, Wartesäle und Menschen. lleberaU standen Wagen mit runden weihen Co- memberffchachteln. Um vier Uhr nachmittags kamen fie in der alten Stadt Dijon an.
Zn ber Bahnhofftraste wogten sonntäglich ge- putze Menschen, lieber einem Cas» hing ein Riesen- plakat: „Allemande Knackwurst*
„Siehst du", lachte Charles, „das habe ich in Deutschland oft bekommen." Lor dem Caf» iahen die Menschen an kleinen Marmortischen im Straft enftaub unb tranken Bier. Musik klang aus den offenen Türen der Bore. Zn dem allen .Hotel de Bourgogne" stellten sie ihre Koffer ab unb gingen bann. durch bie Stadt Grofte Plakate kündigten Pferderennen an.
„Ach. die Reimen", sagte Charles. ..Rens hat mich einmal mitgenommen. Er ritt damals mit und gewann den zweiten Preis. Dollen wir aut den Rennplatz fahren9 Vielleicht treffen wir chn dorr'"
„Wozu?" fragte Odette. „Dir wollen uns Städte ansehen, und keine Menschen."
Odette hatte die Reise zusammen^estelft. Sie war mit ihren Cftem früher oft im Sommer an die Aüste gereift, fie kannte die grüne Rormond'e und bie Seebäder ber grauen Bretagne und etwas von
Paris, aber sonst hatte sie ihre Zugend In dem engen kleinen Orleans verbracht, unb nachher war fie jahraus, jahrein in B. geblieben, ohne herauszukommen. Charles hatte ja nie Zeit gehabt zum Reifen, und Madame Gontard oerftanb nicht, daft man sich hinaussehnte, nach anderen Gegenden, nach anderen Ländern.
Zm letzten Winter hatte Odette gefühlt, dah etwas geschehen müsse, um sich von diesen dumpsen, lastenden Erinnerungen zu befreien. Die düsteren winterlichen Bilder der engen alten Stadt begannen auf sie zu wirken wie ein böser Traum, der immer wiederkehrte.
Sie sühfte sich schon erleichtert, als der Zug endlich die Stadt im Rücken lieft, eine Befreiung kam über fie hier im Gewühl der fremden Stadt, wo einem niemand grüftte und niemand kannte.
Am Abend vor Pfingsten kamen sie in Vichy an. Menschenbelebte Promenaden empfingen sie, die Quellen waren belagert von ßanbleuten unb Mus- flüglem. unb vor den arohen Luxushotels sahen Amerikaner in weihen Liegeftühlen. die brillantgeschmückten Amerikanerinnen hörten den Serenaden der Musikanten zu, bie Männer mit den Brillen, die Shagpfrife im Munde, lasen ihre Leitungen. Zn einem ruhigen einfachen Hotel „Gloche d'or" an ber Promenade nahmen sie ein schönes Zimmer mit Balkon, und Odette lebte wieder auf. Es war. als ob Schatten gewichen seien, die fie in den letzten Tagen verfolgt.
Das elegante Bad hatte sich auch verändert. Man sah nur noch Fremde hier, kaum noch Landsleute, lltberaü wurde englisch gesprochen
Odette war glücklich. Morgens tränt sie ihre Duelle unter den schattigen Bäumen, während ein feines Orchester im Pavillon spielte. Sie kaufte sich eine Menge Bücher die sie nachmittags in dem (chattiaen Parke unter den allen Bäumen, denen der Effu bis m die hohen Kronen nachkletterte, hn Liegestuhl las.
Die Sonne brannu. ober im Parke war es tagsüber schong und kühl. Die Abende waren still und
aber bedenken daft die Re,ch-hauptstadt bis setzt nur zehn Zugendherbergen mit 437 Lagern besitzt, wahrend 8.'In 5i»> Venen, München !t«n Bremen. Mainz und Barmen je .Vri Betten ber wandernden Zugend zur Beriugung stellen A'.ifter- dem liegen die meisten Berliner ^.-gendherdergen in Bororten aw .9.'penick. Lichterfelde und 9tifol.it» see i? b.ifj fie für die ortsunkundigen Wanderer nur nach längerem Suchen zu erreichen sind.
Vor wenigen Wochen hat sich nun auch bie Retchshauptftadt entschl.'lien. ttoa> fui die Jugendbewegung zu tun; fte will nämlich — nach der Vollendung umfangreicher .'Neubauten — ein neue* fkim erahnen, das ebenfalls ..ixuis ber Zugend" genannt werden wird, aber mit dem umfangreichett den darf. Zn elfter Linie soll diese» neue naus der auswärtigen Zugend bienen
Hauptstadt auf Fahrten und Schulau:slugen besucht. Die Leiter und Organisatoren dieser Fahrten und Ausflüge muffen einige Wochen vorher die beabsichtigte Reise dem Vorsteher des neuen Hauses »neiden, ber ihnen bann einen Fragebogen »uschickt. Auf diesem muh nun vermerkt werben wie graft die Teilnebmerzahl ift wie lange ber Ausenthalt dauern wird, und welche Besichtigungen vorgenommen werden sollen. Hat nun der Hnftaltfleiter die Antwort in den Händen, so k
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sich, nut den Leitern von Tluseen und öffentlichen Sehenswürdigkeiten Vereinbarungen zu treffen, um den angemeldeten Jugendlichen ermäßigten oder freien Eintritt zu verschossen. Aber nicht nur deutfche. sondern auch ausländische Zugend- verbände will man in der städtischen Anftalt J- nehmen; aufterbem sollen Abkommen mit groben BerlidRrungen getroffen werben, durch d.e die Angehörigen der Organisationen während ihres Berliner Aufenthaltes gegen Unfall und Diebstahl ge- schützt werden. Aufterbem solle der neuen Anstalt ein Mädclien-Lehrlingsheim unb ein Lehrling: heim für Knaben angegliedert werben. Die Lehrlinge werben einen Beitrag von ungefähr 90 Mark im Monat zu entrichten haben. In bem alle Unkosten enthalten |inb. Wenn nun die Anwärter auf einen Platz in diesen Heimen mittellos sind, so daft ihre Angehörigen diesen Betrag nicht aufbrmg
nen. wird man an die zuständigen Behörden herantreten, um es auch den Aermsten zu ermöglichen, in einem solchen Heim Unterkunft zu finden Haupt- ächlich will man bei ber Aufnahme Rücksicht auf itefenigen nehmen, bei denen die
andere Begabung feftgeftellt haben. Aufterbem wird bas neue Heim in ständiger Fühlung mit den Vorstehern der Berliner* Bichnhofe, mit den Poftzei- ftationen und den Fürsorgestellen stehen, um die zugereisten. Jugendlichen vor den Ges ähren ber ihr,n Ein besonderes ‘Hupen- merk will man auf die abenteuerlustigen jugendlichen Ausreifter richten, die entweder mittellos ober mit geringfügigen, meist unterschlagenen Beträgen nach Berlin kommen unb sich bann später nicht mehr nach Haus trauen.
Kraftfahrer und Höchstgeschwindigkeit.
Die 'Beroirbnuna über den Kraftsuhrzeugverkehr fiefrt ftefanntPuft für da« Durchfahren geschlossener Ort»ic.'i< eine Höchftgelchwlnbigkeit«grenze Don 30 Kilometer vor. Ine nur mit Genehmigung ber höheren Verwaltungsbehörde bl« auf 40 Kilometer her auf gesetzt werben kann. Für bw freie Lanbftrafte frrt ber Gesetzgeber demgegenüber eiere besondere Drenze reich» Dorgefcften. Dies nun wird von den Krafffahrern vie.sach fo au«» gelegt, al« ob h er jede erreichbare ®c<d)toinbtfl» ke.'t gestattet wäre, ebenso tm* vieFoch die Annahme vorherricht, al« ob auch innerhalb geschlossener Orts teile jede beliebige (veschwmdlg- fe^t erlaubt fei, sofern fie bloft nicht die zulässige 4öchstgeschwuibigkeilsgren.ze übersteige. — Unb doch ift ba» nur oebingt richtig, — bedingt insofern, al« bet Kraftfahrer vor aÜen Dingen und -war ganz gleich, wo er sich be- habet, feine Fahrigrichwinbigkeit fo errviiiri<bkm hat. baft er bei Eintritt eine» Derkehrshinber- nis'es ober brofcenber Gefahr fein Fahrzeug rechtzeitig anzuhalten vermag. InSbefonbere muft er nach § 18 ber KrastiLchrzeug-Derkchrsorbnung überall ba. wo „ber Ueoerblick über bie Fahrbahn behinfrrt. bie Sicherheit des Fahren» durch bie Beschaffenheit b?« Wege» beeinträchtigt ist oder wo lebhafter Verkehr herrscht', so langsam sahren. baft ba» Fahrzeug auf kürzeste Entfernung zum Stehen gebracht werden kann.
feierlich an den Ufern der Allier. „Rur keine Schlaffer n,ehr", sagte Odette. „Loft uns die letzte Wache ftiedlich verbringen und ausruhen hier, van allem ..." Sie bekam hier ihre Farbe wieder. Die Mineralbäder erfrischten sie „Mir ist so wohl hier", fagtr fie, und lehnte ihren Kops an seine Schulter, als sie am zweiten Pfingsttag von ihrem Ncinen Balkan auf die Menschen herabschauten, die an ihnen varüberzogen, während von ferne die Däne der Kurmusik Herüberklongen und die Vögel im Park zwitscherten.
Dos Theater hatte für die beiden Pfingsttage seine äftesten Glanznummern herausgesucht: „Carmen" und „Faust".
Charles nahm eine Karte für Odette. „Gehst du nicht mit?" fragte sie.
.Rein, ich bin ja nicht musikalisch. Aber du muht einmal wieder ein Orchester Horen. Du hast alles solange entbehren mufien", sagte er. „Ich mache mir ordentlich Vorwürfe, daft ich dich jahraus, jahrein in dieser engen Stadt, an der dunklen Rue de Victor Hugo sitzen lieft. Wir hoben nicht eine Reife zusammen gemacht. Arme Odette!"
Sie trug ein kurzes, enges weiftes Seidenkleid und einen goldenen Kamm in dem glattfristerien dunklen Haar, einen hellroten Fransenschal um die Schultern. Sie war »ehr schön an diesem Abend. Bon ihren Lugen ging ein Leuchten aus, und Charles dachle: Run ift alles vorbei bei ihr; fie ist wieder die alte Odette...
Um halb neun Uhr begann das Theater. Er begleitete sie vor die Tür.
„Und was wirst du anfangen, Charles?" fragte sie an der Iheateriür.
.Lch schlendere noch etwas durch die Stabt*, sagte er.
Sie grüftte mit dem Fächer unb verschwand in dem Theoteroestibül.
Cr wanderte langsam durch die schattigen Parkwege. Vor den Türen bes Hotels, In denen alle Fenster ofienftanber, fasten bie Fremden unter schattigen Bäumen beim abenbfichen Tee.
(Fortsetzung folgt.)


