Ausgabe 
14.6.1928
 
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Nr. 138 Zweite; Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheflen)

Donnerstag, H. Juni (928

Was erwartet das Handwett von den kommenden Parlamenten?

Der Generalsekretär M Deutschen Handwerk-- unb GewerbekaTnmerlages, Dr. Meusch. Han- nover, sprach tn einer Versammlung de- Wittel- deutschen Harrdwerkerbund«^ $u Dera über die Frage ..Da- erwartet da- Handwerk von den kommenden Parlamenten V". Dr. Weusch streifte einleitend die in letzter Zeit immer wieder hcr- vorgeiretenen Versuche, da- allgemeine Parla­ment unter dem Desicht-punkt wirt­schaftlicher Eondertnteresfen der ein­zelnen Verus-gruppen umzublld«n ör wie- auf die damit verbundenen schwersten Dcsah- ren für eine nach einheitlichen Gesichtspunkten zu führend« Gefamtpolitik auf staats- und wirt- schasispoluischem Gebiete hin. Der Rcichsver- band de- deutsch-n Handwerk- habe au- diesem Drund« heraus immer wieder gefordert, dast di« grohen Veruf-stände der deutschen Volk-Wirt­schaft in die Willensbildung bei der politischen Gesetzgebung und Verwaltung auf legale Weise ei/igeschaltet würden. ES müht« daher ein Forum für alle Är«ife der Wirtschaft geschaffen werben, auf dem wirklich die einzelnen Glieder der deutschen Wirtschaft nach der ihnen inne­wohnenden Vedeutung sich zur Geltung bringen könnten. Der Versuch zu einer solchen Mitwir­kung sei im Vorläufigen ReichSwirt - s ch a f t - r a t unternommen, dessen Tätigkeit lei­der erheblich unterschätzt werde.

Für da- Handwerk fordere der Veich-verbanb nach wie vor eine durch gesetzliche Vollmachten geordnete und ermächtigte berufliche Selbst­verwaltung. 3n dieser Richtung werden die Vorschläge, die der vor acht Jahren vorgelegte Entwurf einer Reich-handwerk-ord- n u n g enthielt, dem Ziele nach unverändert aus­rechterhalten und wieder ausgenommen.

Üebergehend zur Frage der freien oder ge­bundenen Wirtschaft bemerkte Dr. Meusch, daß der Vegriff der freien Wirtschaft in den einzelnen Kreisen der Wirtschaft recht verschieden verstanden werde. Die eigentliche Sozialisierung sei zwar abgewendet, damr erlebten wir aber die fortschreitende Ausdehnung der Wirtschaft-sührung durch diebffent- liche Hand. An die Stelle der freien indivi­dualistischen Wirtschaft trete mehr und mehr in weiten Kreisen von Handel und Industrie eine kapitalistisch-kollektiv geimndene Wirtschaft. DaS Handwerk wolle den Grundsatz der freien Wirt­schaft nicht nur dem Staate gegenüber angewendet wissen, sondern auch im Verhältnis der wirt- schasllichen Erwerb-stände untereinander. Die kol­lektiv gebundene G r o b w i r t s ch a f t sei bis zu einem gewissen Grade selbst Wegbereiter einer vo-ialisierung. DaS Handwerk werde auch in der Zukunft weiterbesteyen.

An die Stelle der bisherigen sogenannten MittelstandSpolitik der Parlamente müsse eine tatkräftige und positive Politik treten, die den wirtschaftlichen Zusammenhängen auf den Grund geht und allen wirtschaftlichen Kreisen, nicht nur bevorzugten Tellen derselben, Rechnung trägt Die staatliche Wirtschaftspolitik als Ganzes ge­sehen, lasse leider einen Produzenten freundlichen Ginschlag vermissen. Die ganze Steuerpolltik sei letzten Endes nur der Ausdruck schwankender par­lamentarischer Mehrheit-Verhältnisse. Aufgabe de- neuen ReichSiageS bleibe es, ein neue» Gleichgewicht zwischen den einzelnen Wirt- fchast-zweigen herzustellen derart, daß ein Höchst- mah von Leistungsfähigkeit erreicht werden könne.

An der Spitze aller Forderungen für die künf­tige Politik stehe da- Verlangen nach einer Derwaltung-reform an Haupt und Gliedern. Das deutsche Volk könne nicht seine viel zu kostspiellge und täglich teurer wer­dende Verwaltung und daneben noch die Repa­rationslasten tragen. Für letztere werde eine Neuregelung notwendig, die der tatsächlichen Lei­stungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft Rechnung trage und aud)j>on der Seite des öffentlichen Haus­halt» her eine Senkung der Lasten ermögliche.

silebergehend zu den Verhältnissen auf dem inneren Markte wies Dr. Weusch auf die große

Bedeutung «nee gefunden Landwirt­schaft für da- Handwerk hin. Die Hils-maß- nahmen ter Reich-regicrung erschienen aber nicht geeignet, die gegenwärtig« Krisi- in der Land­wirtschaft auf t ie Dauer zu beheben und für sie die Grundlage einer gefunden Preiswirtichaft wieder herzustellen.

Auf sinanz- und fteuerpolllischem Gebiet biete sich ein ähnliches unbefriedigendes VUd. Die

Wirtschaft sei nicht mehr in der Lage, die un­geheuere Steuerlast zu tragen; insbesondere fei eine kräftigcSenkung derRealsteuern nottoenbig, vornehmlich der Gewerbesteuer. Sben'o bleche es Aufgabe de- neuen Reichstags, einen endgültigen Finanzausgleich zwi­schen Re:cd, Ländern und Gemeinden zu schaffen, der dem Zwange zur Sparsamkeit aus allen Gebieten Rechnung trage.

Erinnerungen an den berliner Kongreß.

Von Dr. 2l

Dor fünfzig Jahren wurde im Reichs- kanzlerpalai- der .Berliner Kongreß" er­öffnet, der für die politische Lage Europas in den nächsten Jahren von ausschlag­gebender Vedeutung wurde, linier Mit­arbeiter. dessen Vater damal» al- Ge­heimer Legation-rat de- Auswärtigen Amtes an den Verhandlungen beteiligt 1 war. schildert anschaulich au- seinen eigenen Erinnerungen gesellschaftlich und politisch bemerken-werte Episoden diese-Kongresses.

Al» im Sommer 1878 unter dem Vorsitz des Reich»kanzlcrS Fürst Dismarck in 'Berlin ein Kongrest zusammcntrat. um die durch den russisch­türkischen Krieg verwirrten und verschobenen Grenzen der Staaten Oft- und Südvst-Guropa» zu ordnen, empfand es jeder Deuttche mit Stolz, vast gerade die RcichSpauptstadt zum Sitze des Kongresse» erwählt worden war. Diese Emp­findung beherrschte besonder» in Berlin jung und alt, und sie war wohlberechtigt. Sie teilte sich auch der Heranwachsenden Schuljugend mit, und sie blieb meinem Elternhaufe um so weniger fern. alS mein Vater dem Auswärtigen Amt als Geheimer Lcgationsrot angehörte, also dem gro­hen Kanzler, den Europa zum Schiedsrichter er­koren hatte, unmittelbar unterstellt war und ihm regelmäßig Vortrag zu halten bitte. Wir lebten sozusagen in DiSmarckscher Atmosphäre, und von den deutschen Bevollmächtigt«', de» Kongresse« waren mehrere, wie Herr von Ra­do w i tz und Dr. Clemens Dusch, meine- Vaters befreundete Kollegen, deren Romen uns Kindern geläufig waren. Radowih wurde, wie man weiß, später Deutschlands Vertreter in Konstantinopel und Madrid, ein geschmeidiger aristokratischer Hofmann Dusch, später llnterstaatssekretär im Auswärtigen Amt und Gesandter in Du da pest, war aus der Dolmetscherlaushahn &en>oracgan- gen. ein Umstand, der allein schon eine Unter­enante Persönlichkeit au- ihm machte. .Die ganze Welt sieht in diesem Augenblick auf die Wil­helm st raße in D.Tliirl" So schrieben die Zeitun­gen. so sprach man an den Stammtischen, an denen mehr politisiert wurde beim je, und von der Wichtigkeit der Verhandlungen siel ein kleiner Abglanz auf die Gehilfen DiSrnarcks, ja sogar auf ihren hoffnungsvoll noch die Dank des Gymnasiums drückenden AachwuchS.

Bismarck besucht Oisraeli.

Drennender noch al» die Reuaierde auf poli­tische Rachrichten war der Wunsch, Einzelheiten au- dem Leben der berühmten Leute zu erfahren. Wie erstaunte man, als eine» TageS DiSmarck wo» feit langem nicht mehr vorgekommen war zu Fuß von feinem Palai» quer über den Wilhelmplatz schritt, um im Hotel »Der Kaiser- Hos" dem englischen Premiermmister D i » r a e 11, Garl os BeaconSsield, einen Desuch ab- Auftatten. der, wie man später erfuhr, den Zweck hatte, England in einem der strittigen Punkte zu einem Kompromiß mit Rußland zu veran­lassen. Vermied es Dismarck doch sonst, sich tn der Oessentlichkeit zu zeigen; er hatte, so schwer ihm das wurde, selbst den Besuch der Theater aufgegeben .well mich die Leute immer so anftarren. DaS war ein großes Opfer, denn DiSmarck hatte vorher gern das Theater besucht und sich häufig an den harmlosen Possen im Wallner-Theater vergnügt. In Privathäusern war er gleichfalls nur selten zu sehen, ilnb nun

von Wilk«.

hatte er sich sogar zu Fuß in ein Hotel be­geben! Freilich, der .Kaiserhof" war für jene Zeiten ein ganz außergewöhnliches Hotel; das geht schon darau» hervor, daß der alte Kaiser bei feiner Besichtigung zu feinem Bruder Karl tagte: .So schön haben wir- nichts" 66 war eher ein Palast al» ein Hotel, eine euro­päische Sehenswürdigkeit und vor allem eine Hochburg des Kongre'seS. Bevollmächtigte der verschiedensten Länder waren in diesem HauS abgestiegen und zur Mittagszeit man speiste damals um vier oder fünf alhr in Berlin schwirrten ein halbes Dutzend Sprachen durch­einander. DS ist sicher das letztemal gewesen, daß BiSmarck in Berlin zu Fuß über die Straße ging.

Ein Kongreß ohne Damen.

VomBerliner Kongreß hätte der spöttische Fürst von Vigne nicht wie vom Wiener Äongrefo witzeln können: .Der Kongreß tanzt, aber er schreitet nicht vorwärts!" Denn der üppige Kranz von schönen, geistreichen und galanten Damen, der dem Wiener Kongreß sein Gepräge verlieh, fehlte dem fleißigeren, sachlicheren Berliner Kongreß vollständig. Rur die Damen des Bis- marckschen Hauses, di« fromme wirtfchaftliche Fürstin Johanna und ihre Tochter Marie, die nachmalige Gräfin Rantzau, erwiesen die Honneurs des Kongresses, lind .bei Bismarcks" tarnte man nicht, sondern dinierte, und -war auSgiebig; man soupierte, und abends wurde musiziert. Gin Heer von Sekretären und Attachä», wie es sich jetzt zu den Tagungen des Völkerbundes in Gens versammelt, gab eS damals noch nicht, und wenn die wenigen jüngeren Herren, die den Kongreß­mitgliedern bet «geben waren, sich amüsieren, .das Tanzbein schwingen" wollten, mußten sie mit den Berliner Dallokalen vorliebnehmen, wo sich die Heinen Mädchen mit den weilen Herzen mit Leutnant» in Zivil. Kommis oder Studenten im Walzer- oder Polkatakt dreh en. So war es auch noch ein paar Jahre später. alS wir un». eben flügge geworden, kopfüber in den Strudel des Vergnügen- stürzten.

Oer Kongreß geht zum Vier.

Hatte der Kongreß fein Tages Pensum erledigt und zu Mittag gegeffen, so zog diese und jene Gruppe, da eS ein schöner und warmer Sommer war. in einen Biergarten, nicht selten in den seit langem verschwundenen ©arten von .KemperS Hof" am jetzigen Kemper-Platz. Geke Bellevue- und Lennöstraße. Dort gefeilten sich ihnen bis­weilen bekannte Männer der Feder zu, Paul Lindau, dem Grasen .Dill" DiSmarck be­freundet, der ernstere Friedrich Dernburg und der Nein« schlagfertig« Herausgeber der.Wespen", IuliuS S t e 11 e n h e i m. der in der von ihm erfundenen Gestalt des ewig vorschußbedürstigen Kriegsberichterstatters .Wippchen" auf seine Art an den blutigen Schlachten bei Plewna und am Schipka-Pah teilgenommen hatte. Paul Lindau, der unerschöpfliche Plauderer, hat mir gelegentlich diese ach so harmlosen Bierabende des Kongresses am Rande des Tiergarten- beschrieben, aus denen di« Konversation mit Scherzen, die niemand Weh taten, gewürzt wurde und munter dahinsloh. biS man sich zu einer Stunde trennte, in der jetzt da- Berliner Rachlleben erst sachte anhebt. GS war ein solider, seiner Würde bewußter Kongreß.

Trauerfeier in Dornburg.

Zum 100. Todestage Karl Augusts, 14. Juni Don Winand Walter.

Am 15. Juni des Jahres 1828 hatte Goethe nach einer musikalischen Rachmittagsgesellschast vorn Sohne die böse Rachricht erhalten, daß der Großherzog Karl August am Tage vvr- ber, von einer Reife nach Berlin heimkehrend, in Graditz bei Torgau plötzlich verschieden sei. Stumm hatte er sich in seine Gemächer zurück­gezogen. der Sohn hörte ihn Hagen und laut mit sich sprechen. Am Abend, alS der getreue Sdtrmann ihn zu trösten kam, sand er ihn gefaßt, aber erschüttert. Wenige Tage später entzog er sich der äußerlichen Trauer und den Feierlichkeiten der Beisetzung durch eine Reise nach Dornburg an der Saale, in dessen Schlöß­chen. das oben hart am Fel-abhang liegt und in» Tal schaut, er das Gleichgewicht der Seele wiederzugewcnnen gedachte.

Wie benommen war er nach der Ankunft durch di« Zimmer gegangen, hatte abwesenden DlickeS di« färbtaen Lahnlandschaften betrachtet, die da an den Wänden hingen, und war schließlich an das Fenster seines Gemaches getreten, hatte, immer tn heimlicher Zwiesprache mit dem ge­liebten Verstorbenen, in» Tal der Saale hinab­geschaut. die in anmutigen Windungen, mannig­fach durch Dusch. Wiese und Siedelung belebt, den Hellen Svmmertag zurückftrahlte, batte die waldigen Hügel gegenüber, die Aussicht in di« blaue Ferne und die Iunipracht der nahen Reben­gärten wie einen Gruß des nun Ewiggetrennten empfunden und nach neuer Arbeit gesucht, die blutenbc Seele zu Hellen.

Dach einem tätigen Tage früh eingeschlafen, weckte ihn da» ungewöhnte Licht der Hohe schon tn der Morgendämmerung, er fühlte sich gestärkt und empfand Trost.

Der fast Achtzigjährige trat in» Fenster, um den Morgen herannahen zu sehen; er nahm aber den Raum nicht tn der Mitte ein. sondern lehnte sich mit einer rührenden Bewegung zur Seite, al» ob er einem zweiten Platz machen wolle, der da diesen neuen Sommermorgen miterleben möchte

Er empfand es mit einer verhaltenen Andacht, neben ihm lehnte Karl August, der .liebe Herr"

und Freund seiner Jugend, seiner Mannes)ahre, und seine» olympischen Alters, blickte mit ihm in dieses morgenfrühe Tal unZ> hörte seine Worte, er ließ sich wie in alter Zeit mit dem traulichen Du anreben und antwortete auch so.

Oben strahlten am grünlich leuchtenden Däm­merungshimmel die drei Planeten in seltener Zusammenstellung. unwahrscheinlich hell in ihrem Licht, und die weite Landschaft darunter flim­merte unwirklich und unirdisch, tote au» Welt­abgründen hinaus.

,Riemand kannte dich so durch und durch wie ich. ein großer und bedeutender Mensch warst du, ein Zuf rühgeborener; ein Heines Jahrhundert länger, und wie würdest du an deiner hohen Stelle unser Deutschland vorwärts gebracht haben! Wie umfaßtest du alle-, StaatSweis- heit. Wissenschaft und Kunst. Wer macht es dir nach, mit neunzehn Jahren einen solchen Brief au schreiben, wie du ihn dem Staatsminister von Frctfch sandtest? Und wie umfaßtest du die Kunst, wie die Raturl Achtzehn Jahre alt warst du. alS ich nach Weimar kam, aber schon damals standest du voll Blüte und Sprossen, und man sah, was einst der Baum fein würde. Wie waren wir Freunde! Wie nahmst du an allem, wa» ich trieb, tiefsten Anteil. Mein Gartenhaus, di« Stätte meiner schönsten Stunden tn Weimar, schenktest du mir, wie ich Mr alle äußeren Würden verdanke. Zehn Jahre war ich älter als du. und daS kam unserer Freundschaft zu­gute. Danze Abende sahen wir zusammen bei mir in versunkenen Gesprächen über Kunst und Ratur. Wir saßen oft bis tief in die Rächt hinein, und eS war nicht selten, daß wir neben­einander auf meinem Sofa «inschliefen. Fünfzig Jahre hatten wir es miteinander fortgetrieben, und es war kein Wunder, wenn wir eS endlich zu etwas brachten!"

Reben dem Dichtergrelle auf dem leeren Platz« geriet der Vorhang in leis« wehende Betonung, war es der leichte Wind vor Sonnenaufgang, war es eine Geisterhand, die daran rührte, selbst von Bewegung ergriffen.

ilnö unsere verbundenen Schicksale, das köst­liche. unverlierbare Treiben der Geniezeit da­mals, mit Knebel, dem Guten, der jetzt uralt und grau ist. mit Einsiedel, dem sich auch schon die Schatten gesellen und all den lustigen Ge­sellen und untere Kunst, aus dem wilden Wesen Menschenweisheit zu formen! Unb Jahre ernster

Arbeit, und die Donnerschläge der Franzosenzeit und da» Altem und die tätige öinfebrl Du warst ein Mensch aus dem Ganzen, alles kam bei dir aus einer einzigen, großen Quelle! ilnb wie das Danze gut war, war auch das Einzelne gut, du mochtest tun und treiben, was du wolltest. Du warst, wenn dein Land auch Hein war. ein großer Regent. Du hattest Menschenkenntnis, edelstes Wohlwollen und die wichtigste Eigen­schaft. größer zu sein alS dein« Umgebung. Wenn dir über irgendeinen Fall zehn Stimmen berich­teten. hörtest du dabei die elfte, beste, in Mr selbst und entschiedest danach!"

Immer Heller wurde es im Osten, immer irdischer sahen Tal, Berg und Ferne aus, immer näher und menschlicher hoben sich Rebenranken und Vartendüfte zum Fenster hoch Goethe sah, wie in einem Bilde, leibhaftig den Freund vor sich, ein wenig beleibt in einem grauen unschein­baren Mantel, die abgegriffene Militärmüye ein wenig schief über bem gesund rötlichen bart­losen Antlitz mit den scharfblickenden, menschlich tiefen Augen Er empfand da» Dasein seines da hi rtgegan genen Freundes und Fürsten gleich einem klaren Kristall. Er lchnte sich an die morgenkühlen Scheiben und sprach leise, als flüftete er ein Debet, zu der leeren Stelle neben sich gewendet, al» eine Feier für den Toten;

.ilnb wenn mich am Tag die Ferne blauer Berge sehnlich zieht.

nachts da- ileoermah der 6ferne prächtig mir zu Häupten glüht All« Tag und all« Rächte rühm ich so des Menschen Los; Denkt er etoia sich ins Rechte, ist er ewig schön und groß.'

voö Duisburger 2Regen$eff.

Duisburg. 12. Juni.

Es war von besonderem Interesse, auf dem dies- jährigen Feste neben einer Reihe von bekannten Werken den problematischen Meister neu zu erleben. Neben den Hiller-Variationen wurde auch In diesem Jahre die Sinfonietta (hn vorigen Jahre durch Cle­mens Krauß in ihrem Wesen verkannt), ein echtes urwüchsiges Stück Regerscher Kunst, vor dem Hörer ausgebreitet. Generalmusikdirektor Paul Schein- fing erreichte im Larghetto, thematisch durchleuchtet.

La Macedoine!"

E- war ein ungalanter, ein humorloser Kon­greß. zumindest nach den Anschau ungern die un» in Fleisch und Blut übcrgegangen sind. 5r zeitigte nur c i n Bonmot, da- würdig ist. nicht auS dem Gedächtnis getilgt zu werden Man feilschte und man intrigierte um Mazedonien, da» auf­geteilt werden sollte, von Griechenland jedoch ganz für sich begehrt wurde. Zu Tiich bei Vismarcks wupde der griechische Gesandte R a n q a b 6 im Rebenamt ein Dichter und der Vater hübscher Töchter, die wir Jünglinge im Winter aus der Si-bahn um ihrer Grazie willen au» der Ferne anschwärmten von BiSmarck gefragt, ob er von jener süßen Speite Rlakroneiwudding mit Früchtefüllung, die au» uner'erschlichen Mdaeben im Küchenjargon »Macedoine heißt, noch eine Portion begehrte. Seufzend erwiderte Rangabö: .Ach. mein Fürst, ich möchte am liebsten ganz Mazedonien!- ES gab noch kein Te'ephon in allen Häusern, aber nach vierundzwanzig Stun­den hatte da» Wort feine Runde durch Berlin vollendet und auch mein Elternhaus nicht über­sprungen ...

Südwestdeutsche Konferenz für Innere Mission.

Die Südwestdeutsche Konferenz für Innere Mission hielt ihre diesjährige Sommertagung bei sehr gutem Besuche au» allen Teilen SudweftdeutschlandS in Bad-Rau­heim ab.

Sin BegrühungSabend im Evang. Ge­meindehaus eröffnete die arbeitsreich« Tagung. Orgelvorträge von Oberrea.lehrer BechlolS - hetmer und sonstige musikalische Darbietungen umrahmten die Ansprachen deZ AbendS. P'arrer Wüterich (Stuttgart) entbot dm WillkommenS- gruf) im Rainen de» Landes verbände) für Inner« Mission in Württemberg, dem für di« eS 3abr di« Geschäftsführung der Südwe'ldeut chen Konfe­renz übertragen worden ist. Sehr beifällig wur­den die Glücktounschgrüße auficnommcn. die u. a. vom hessischen Kultusministerium, von Bürger­meister Dr. Ahl, vom KreiSamt Friedberg, vom Dekanat Friedberg, vom Landeskirchenamt Kll cL vom badischen Landesverband eingegangen wa>en. Oberkirchenrat Wagner (G e'ien) sprach im Auftrage des hessischen LandeskirchenamtcS Tie Kirchenregierung in ID eihaben ließ durch Lan­deskirchenrat Ernst begrüßen, während für den hessischen Landesverein Pfarrer Wegner und Oberstudienrat Weimer für den odeihef ischen Verein für Innere Mission sprachen. Die Dad- und Kurverwaltung lieh durch Oberbaurat Derck begrüßen, Pfarrer Knodt entbot den Will- kommenSgruß der hiesigen evangelischen Ge­meinde. Dann bleit Frau Pfarrer Stange (WilhelmShöhe) einen tiefgründigen Vortrag über .Warum brauchen unsere Mütter die Innere Mission und warum braucht die Innere Mission untere Mütter?" Die Rednerin entwickelte treff* liche Gedanken über den Helferdtenst in der Inneren Mission.

Am Sonntag fand morgen» in der Dankeslirche ein Fe stgotteSd lenst, bei dem Pfarrer Mößner von der Diakonieanstalt KarlShö! c bei Ludwigsburg die Festpredigt hielt, wahrend im anschließenden Kindergotte »dien st Pfarrer O s ch m a n n (Stuttgart) predigt«. Der Rach­mittag vereinigte di« Kongreßbesucher mit vielen Demeindegliedern auf dem Johannisberg zu einer Iugendversammlung, bei der mehrere ober hessisch« Posaunenchöre mitwirkten. Landes- jugendpfarrer v. d. Au richtete tn seiner inhalt- reichen Ansprache beherzigenswerte Worte an die Jugend.

Bei der öfsentlichen Versammlung am Abend im Gemeindehaus, die sehr starken Besuch auftote», dankten Regierungsrat Grein vom Kreisamt Friedberg und Bürgermeister Dr. Ahl für die ihnen gewordene Begrüßung mit Ansprachen, die viel Verständnis für die Wohl­fahrtstätigkeit der Inneren Mission verrieten. Im Mittelpunkt des Abends stand die Behandlung de» Themas .Krankheit undSünde". Dazu

kontrapunktisch erarbeitet, geniale Momente, wie sie dieser unerhörten (Eingebung eigen sind. Auch in den Chorwerken (Requiem, Einsiedler, 100. Psalm) konnte der außeroktzentlich tüchtige Dirigent seinen vortreff­lichen Chor und das mit mächtiger Virtuosität spie­lende Orchester zu lichten Höhen emporfuhren. Reben diesen auf Monumentalität und innere Größe auf­gebauten Werken wurde das oielsarbige Bild durch den überperfön(id)en Ausdruck feiten vernommenen kammermusikalischen Stiles iHuftriert. Die Introduk­tion, Passacaglia und Fuge für zwei Klaviere wurde von Eduard Erdmann und Waller G i e s e k i n g durch unerhörte Pianistik in klangbefeelle Geistigkeit, fern jeder prunkvollen Virtuosität, emporgehoben. Die machtvoll in sich gestaltete Introduktion bleibt durch die organische Entwicklung flüssig, überpersön­lich baut sich die Passacaglia in zeitlose Formen, und die geniale Fuge, thematisch eng an die Form ge- fessell, steigert den Gedanken. Erdmann und Giese- fing waren mit innerer Kraft dabei, dos enorme Werk in glutvoller Entwicklung zu höchster (Entfal­tung zu bringen und in der Fuge das Kontrapunk- tische in letzter Reise zu erfassen. Meisterhaft spielt« auch der Geiger K u h l e n k a m p s der in der Diolinsolofonate die Tiefe Regerscben Geistes und die Schönheit des eigenen Tones sich aussprechen liefe. Und die vergeistigte Atmosphäre steigt in das Zeitlos« hinaus, wenn im Es-Dur-6treid)quartett, von ®re- vesmühl, Spindler, Hilbert und Frank« mit absoluter Klarheit vorgetragen, das allegro con grazia con spirito wie ein domartiges Gebilde sich selbst entwickelt und wie eine Rauchwolke di« Fuge in das Reich der Ewigkell emporhebt. Dem feinsinnigen Klavierkomponisten widmete Eduard Erdmann fein geistvolles Spiel, für das un­bekannte Lied warb Klara W i r z . W y fe, am Ria- vier K. H. Pillney. Das Klavierkonzert, von G i e f e k i n g rein pianiftiftb bis an die Grenzen der Möglichkeiten erschöpft, wurde aus einer verdichteten Schwermut durch intensives Rachschasien in seinem Wesen blofegeleat. Der Rheinische Madrigal-Chor unter Josephson erreichte in einigen Volkslied- bearbcUungen höchste Klangkultur, während der Orgelsolist Hans Bachem durch oberflächliches Spiel dem Geist des Kunstwerke» ins Antlitz schlug. Der 100. Psalm liefe das Fest macbtvoll ausklingen. Unter den Gästen bemerkte man Adalbert Lind­ner, den treuesten Freund des verewigten, und Frau Elsa Reger, der man den Ehrenvorsitz übertrug. K. V,

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