Aus der Provmzialhaupistadi.
Gießen, den 13. November 1928.
Licht und Farbe.
Müde ist das Licht geworden, die Farben, in Hellen Sommertagen in Fülle dargeboten, sind verblaßt. Düster ist es in den Stuben gewock»en. Nur wenn die Sonne, die immer seltener zwischen den Wolkenvorhängen hervorkommt, ihr Leuchten über die Erde wandern laßt, kommt auch ein ver- blichener Glanz schöner Sommertage zurück. Doppelt empfinden wir in diesen lichtleeren Wochen den Segen der freundlichen Strahlen unt> der belebenden Farbe, denn erst in ihnen werden wir recht ihre Bedeutung für uns gewahr. Es ist kein Zufall, daß man in der lichtleeren Zeit so viel Trübsinn, Unzufriedcnhrit mit sich und der Welt findet, und es ist gewiß von nicht zu unterschätzender Bedeutung, daß diese Zeit den Blick bereits auf das Lichlfest richtet, das groß und klein zu erfreuen vermag.
Aber auch noch einen andern Gedanken bringen uns diese Wochen nähr. Wir sehen und in unfern vier Wänden um, denn wir wissen, daß wir nun stärker als bisher an sie gefesselt sein werden. Wir vergleichen unsere Räume unö machen unsere besonderen Beobachtungen. Da ist vielleicht der beste Raum unserer Wohnung, sora- fättig ausgestattet aber wir fühlen uns nicht wohl t>artn. Dunkel und kalt erscheint er uns, mögen die Möbel noch so kostbar sein. Die Farbe fehlt. Und daneben ist vielleicht der schlichteste Raum, aber wir halten uns gern in ihm auf, es ist, als ob wir von ihm immer wieder Freude empfinden, durch ihn fröhlich und leicht gestimmt würden. Die Farbe ist es, die ihre belebende Wirkung auf uns ausübt.
Es gab eine Zeit, da liebte man zierliche, bunt« Möbel, dünne, leichte ©acbinen, lichte Tapeten. Mit Goldleisten hat man Nebensächlichkeiten verziert. Die spätere Zeit hat sich davon abgewandt. Geschmacklos, veraltet erschien ihr eine solche Wohnweise. Man wandte sich den dunklen, massigen Möbeln zu, den gedampften Tapeten, den schweren Vorhängen. Aber lange hielt auch das nicht an. Bald sagte man sich, daß diese Art der Wohnkultur nicht ganz das Richtige sei. Licht und Farbe! Das wurde der Ruf. Die Fenster wurden breit, die Gardinen dünn, die Möbel hell farbig. Sonnengeschopfe sind wir, sagte man; also wollen wir auch Sonne und Freude um uns haben.
Mode! sagt man. Aber ganz so sinnlos ist keine Mode. Sie entspricht immer auch dem Denken und Empfinden der Menschen, dre sie mitmachen, und fände sie keine Gefolgschaft, so wäre es gar keine Mode. Sin wenig Vernunft ist immer dabei. Auch in diesem Falle der Wohnkultur. Man wird sogar sagen: Das ist im Grunde das Vernünftigste, weil Natürlichste. Uni) wenn man sogar so weit geht, die Stimmungswerte von Farbe und Licht auch ganz bewußt auszuwerten, so daß man für Räume, die vornehmlich der Freude, der Gesellschaft dienen, die warmen, lichten Farben sprechen läßt, dort aber, wo Ernst wallen soll, die strengeren Foornen und gedämpferen Farben benutzt, so ist das gewiß vernünftig. Zu welcher anderen Anschauung man nach einer gewissen Zeit wieder gekommen sein wird, braucht uns nicht zu fünrmern, denn alles ist zeitbedingt und zeitgebunden. Genug, wenn
wir von unserem Wissen und unserem Geschmack soweit veranlaßt, werden, daß wir das erstreben, was uns am meisten zu entsprechen scheint.
Allerdings blerben trotzdem noch einige Fragen offen. Vor allem die: Wie erlange ich das Geld, um mir das Heim modernen Ansprüchen entsprechend auszugestalten? Unb für nicht wenige kommt auch die Frage in Betracht: Wie bekomme ich überhaupt ein Heim? Aber das sind wieder Fragen besonderer Art. S.
Gießener Wochenmarktpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarll: Butter 210—220, Matte 30—35 Pf. das Pfd. Käse 10 Stück 60—140 Pf. Wirsing 12—20, Weißkraut 8—15, Rotkraut 15—25, Gelbe Rüben 10—20, Rote Rüben 10—20, Spinat 25—40, Unter-Kohlrabi 8-10, Grünkohl 15-25, Rosenkohl 40—60, Feldsalat 100-120, Tomaten 30 bis 40, Zwiebeln 12—20, Meerrettich 50—150, Schwarzwurzeln 40—70, Kartoffeln 5, Aepfel 20 bis 40, Birnen 10—30, Dörrobst 40. Honig 40 bis 50, junge Hähne 100—110, Suppenhühner 100—120, Gänse 90—120, Nüsse 60—100 Pf. das Pfund. Eier 17—18, Blumenkohl 60—120, Salat 10—20 Endivien 10—30, Lauch 10—15, Rettich 10—20, Sellerie 10—50 Pf. pro Stück. Hagebutten 10-15 Pf. das Pfd. Wirsing 10—12, Weißkraut 6—7, Rotkraut 12—15, Aepfel 20-35, Birnen 10—20, Kartoffeln 4,50—4,70 Mk. der Zentner.
Bornotizen.
— Tageskalender für Dienstag: Stadttheater: Tanz-Gastspiel von Gret Pcrlucca, Beginn 20 Uljr. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Königin der Revue". — Astoria- Lichtspiele: „Rintintins Todesruf in der Nacht".
— Stadttheater Gießen. Aus dem Stadt- theaterburcau wird uns geschrieben: Heute um 20 Uhr findet das einmalige Gastspiel von Gret P a° l u c c a statt. Gret Palucca, eine frühere Meisterschülerin von Mary Wigman, ist heute die erste Tanzkünstlerin Deutschlands. Sie wurde in allen Städten mit jubelndem Beifall ausgenommen: auch in Gießen steht man ihrem Gastspiel mit großem Interesse entgegen. — Morgen, Mittwoch, bereits um 19.15 Uhr, findet die erste Wiederholung von Schillers „Don Carlos" statt. Die Neuinszenierung zu Schillers Geburtstag wahrt vor allem, sowohl im bildhaften Rahmen als auch in der Regie den ernsten Grundton des dramatischen Gedichtes. Oberspielleiter Hans T a n n e r t und der künstlerische Beirat Karl Löffler haben den Stil der spanischen Renaissance in möglichst einfacher und ausdrucksvoller Form angelegt. Auf diese theatersichere Konzentrierung des Stückes ist wohl der Erfolg der Erstaufführung zurückzuführen. — Bei der am Freitag, 16. November, stattfindenden letzten Wiederholung der Operette „Gräfin Eva" wirken wieder die erstklassigen Kräfte der ersten Aufführung mit. — Am Sonntag, 18. No- vember, vormittags 11.15 Uhr, wird als zweiter Tag des Kammerspielzyklus „Der Ackermann aus Böhmen" (Der Ackermann und der Tod) von Johannes von Saaz aus dem Jahre 1400 aufgeführt. Spielleitung Intendant Dr. Rudolf P rasch.
— Die Deutsche Demokratische Partei lädt auf Freitag, 16. November, abends 8,15 ilfjr, ins Cafe Leib zu einem Vortrag deS Arbeits- und Wirtschaftsministers Korellüber „Zehn Jahre Republik" em. Der Abend soll einem Rück- und Ausblick anläßlich des zehnjährigen Bestehens der Demokratischen Partei gewidmet sein. (Siehe Anzeige.)
— Die Gesangschule Heermann veranstaltet am Samstag. 24. November, in der Beuen Aula einen Schülerabend -um Besten der Gießener Studentenhil,e. Es werden dabei ferner mitwirken einige Schüler von Frau Dr. Spohr, Referendar Birnbaum und Hilmut Eger. Näheres ist aus dem heutigen Lbrzeigenteil ersichtlich.
L. U. Bvn der Landesuniversität. Cs habilitierten sich an unserer Universität: in der Medizinischen Fakultät Medizinalrat Dr. Heinrich Kllewe für das Fach der Hygiene und Bakteriologie; in der Philosophischen Fakultät, 1. Abtlg., Dr. Rudolf Gerber für das Fach der Musikwissenschaft.
** Justizperson alten. Ernannt wurden der Justizinspektor bei dem Amtsgericht Büdin- gen Jakob Dick le r, zu Orlenberg wohnhaft, zum Justizt-nspektvr beidem Amtsgericht Gießen, der geschä;frsleitende Justtzinspektor bei dem Amtsgericht Ulrichstein Georg Brücher zum Justizinspettor bei dem Amtsgericht Darmstadt 1, der Justizinspektor bei dem Amtsgericht Alsfeld Karl Friedrich zum Juftizinspektvr bei dem Landgericht Darmstadt, beide mit Wirkung vom 1. Dezember d. I. ab.
** Von der Sicher Straße. Der linke Bürgersteig der Licher Straße zwischen Landmannstraße und Georg-Philipp-Gail-Straße wird gegenwärtig mit Zementplatten belegt. Hierdurch findet auch der überbaute Treppenaufgang von der Karl-Bogt- Straße her einen guten Abschluß. Nach Fertigstellung dieser Arbeiten bleibt aber für die Bewohner und Passanten der Licher Straße sowie auch der anliegenden Straßen noch ein berechtigter Wunsch bestehen; dieser betrifft die Straßenbeleuchtung. Schon am Anfang der Licher Straße, nach dem Straßenstern Moltkestraße-Kaiserallee-Am Nahrungsberg, ist die Beleuchtung völlig ung«iügend. Aehn- lich ist es an der gleichen Stelle auch bei Der Straße „Am Nahrungsberg". Die erste Lampe in der Licher Straße befindet sich etwa 150 Meter aufwärts, wodurch der Straßenbeginn und auch der Anfang der Friedhofsanlage in Dunkel gehüllt find. Bis zur „Stadt Lich" folgen noch zwei weitere Lampen, die aber durchaus nicht genügen. Noch trauriger ist die Beleuchtung von der Straßenbahn- Haltestelle nach der Kaserne, sowie nach der Heiland Pflegeanstalt zu. Dort befinden sich wohl bis zum Beginn des Waldes einige Lampen, deren Lichtstärke aber völlig unzureichend ist. Vor einiger Zeit sind nun auf der rechten Seite bis zum Bahnübergang mehrere Betonmasten für die neue Lichtleitung aufgestellt worden. Es ist dringend zu wünschen, daß der Ausbau der Lichtleitung auch in diesem Stadtteil bald vorgenommen wird, damit die Bewohner in der Dunkelheit nicht noch Schaden erleiden.
** Der Stand der Maul- und Klauenseuche in Hessen. Nachdem längere Zeit Hessen völlig frei von Maul- und Klauenseuche war, ergibt sich auS dem amtlichen Nachweis, daß am 1. November in einem Gehöft des Kreises Groß-Gerau die Seuche frisch ausgebrochen ist.
•* Eine Heilkräuterwoche. Der Deutsche Drogisten-Verband veranstaltet gegenwärtig eine Reichs-Kräuterwoche, die den Zweck verfolgt, die Bürgerschaft in Stadt und Land mehr als bisher von den Vorteilen der Heillräuter zu überzeugen. „Vorbeugen ist besser als heilen!" Dieses Wort eines berühmten Arztes hat auch heute noch
feine volle Bedeutung: aber wenn auch die Bekämpf ung der KranHeit dem Arzt überlassen bleiben muß, so Eaim und soll der Laie doch di« leichte Erkaltung, den kleinen Schnupfen nicht erst zur ernsten Krankheit anwachsen lassen. Zu dieser Vorbeugungsmaßnahme ist der Gebrauch von Heilkräutern besonders zu empfehlen. Aach die Gießener Mitglieder des Deutschen Drogisten- Verbandes haben eS sich zur Ausgabe gemacht, in den Schaufenstern ihrer Fachdrogerien eine übersichtliche Schau der verschiedensten Heilkräuter hsrzurichten. Aus dem heutigen Anzeigenteil ist ersichtlich, welche Fac^wogerien unserer Stadt sich an der Veranstaltung beteiligen. Die Anzeige sei der Beachtung unserer Mitbürger empfohlen.
” Hessischer Feuerwehr-Verband. Die Abgevrdneten-Versammlung des Landesverbandes der Hessischen Freiwilligen Feuerwehren findet am Sonntag, 18. Rov., von vormittag- 11 Tlhr ab im Dolksbildungsheim in Frankfurt a. M. statt.
Kleine Strafkammer Gießen.
* Gießen, 10. Noo. Ein Arbeiter E. von Butzbach hatte eine mit ihm in dem gleichen Hause wohnende Frau R. durch rohe Schimpsworte schwer beleidigt, woraus diese ihm und seiner Ehefrau einen Eimer mit schmutziger Flüssigkeit überschüttete. Sie erhob wegen der Schimpfworte Prioatklage gegen E., worauf dieser mit einer Widerklage wegen des Schüttens mit der Flüssigkeit antwortete. Beide Teile wurden hierauf vom Amtsgericht Butzbach wegen Be- leidigung zu Geldstrafen von je 55 Mark verurteilt. E. erkannte die Rechtskraft des Urteils alsbald an, Frau R. legte jedoch Berufung dagegen ein und wollte die auf die Widerklage hin gegen sie erkannte Geldstrafe herabgesetzt haben. Das Berufungsgericht war jedoch der Meinung, daß er erste Richter mtt Rücksicht auf die gleiche Schwere jeder Beleidigung mit Recht auch auf die gleiche Strafe für jede Partei erkannt habe und wies deshalb die Berufung als unbegründet zurück.
Berliner Börse.
Berlin, 13. Nov. (WTB.-Fmrksprucht) Nach der festen Frankfurter Abendbörse ist auch im heutigen Dormittagsverkehr die Tendenz freundlich, da man der Ansicht ist, daß die Dermitb- lungsaktion nach der Nichtigkeitserklärung des Schiedsspruches vor dem Duisburger Arbeitsgericht wahrscheinlich von Erfolg sein wird. Die feste Haltung der Auslandsbörsen regt ebenfalls an, Gleltrowerte bleiben gefragt. Die Abendkurse sind behauptet. Schuckert 239.50, 6lernen» 409.50 bis 410 und Farben 250.
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Natürliches
Für die Gesundheit
Jenn Weisel, Gie&en, Sonnens trabe 6, Telephon Nr. M >...... SSS
BETRIEBS-CHRONIK
1925
1926
1927
1928
1923 Eröffnung des Bahrenfelder Werkes.
1924 Beginn der Umstellung des Betriebes auf
Grund wissenschaftlicher Untersuchungen.
Unabhängigkeit der Werkstätten von klimatischen Schwankungen durch Luftabschluß und Schaffung einer neuartigen Klima- Anlage.
Vollständige Durchführung der tweijährigen Versuchsergebnisse für die Mischungswerkstätten durch Schaffung einer mechanischen Mischanlage, die eine absolute Gleichmäßigkeit und sorgsamste Behandlung des Tabaks gewährleistet.
gelang die Auflockerung und sichere Reinigung des Tabaks auf pneumatischem Wege. Aufnahme der Kartonnagenfabrikation in drei eigenen Werken. Die Belegschaft des Hauptwerkes Bahrenfeld hat sich in 4 Jahren verzehnfacht.
Eröffnung des Zweigwerkes Hannover, ausgerüstet mit sämtlichen Einrichtungen des Bahrenfelder Werket
Seitdem werden die Reemtsma - Werke als die vollkommensten Cigarettenherstellungsbetriebe der Welt von Fachkommissionen aus allen Erdteilen zu Studienzwecken besucht
REEMTSMA CIGARETTEN


