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Nr. 242 viertes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Samstag, 15. Oktober 1928

Aord-Ost-Wünfche.

Seit einiger Zeit sind Im QTorboft-Cßiertel un­serer Stadt kommunalpolitisch interessierte Kräfte wieder recht rege geworden. Der Zweck ihrer Arbeit ist, eine verstärtte kommunale Förderung des nordöstlichen Stadt­teils herbeizuführen. Wer die Verhältnisse in dem Bezirk vorn Kirchenplah ab über die Gegend der Nordanlage, die Walltorstraste und die Marburger Straste bis zum Wiesecker Weg be­trachtet und dabei Vergleiche mit anderen Stadt­teilen anstellt, wird zugeben müssen, dast das Bestreben der Nordost-Vewohner berechtigt und unterstützenswert ist. Wir wollen nicht soweit gehen, zu sagen, dast das Nordostviertel bisher das Stiefkind unserer Kommunalpolitik gewesen sei. Sicher ist aber, dast dieser Stadtteil gegen­über den anderen ohne sein Verschulden nur allzu oft ins Hintertreffen geraten ist.

Bei dem Wunsch-Zettel des Nordost-Vierlels handelt es sich zunächst um das Damm st raste- Projekt, d. h. um die Verbreiterung der Dammftraße an der Einmündung in die Walltor- straste. Dast die Beseitigung dieses Engpasses und die bauliche Umgestaltung des dortigen Häuser­blocks austerordentlich dringliche Aufgaben find, wird von allen einsichtigen Männern zugegeben. Die Stadtverwaltung Hai sich bisher in aner­kennenswerter Weise um die Lösung dieser Ausga­ben bemüht. Bisher ist ihr der entscheidende Erfolg versagt geblieben. Hossentlich wird es chr möglich sein, in Bälde am besten noch im Laufe des nächsten Jahres diese Angelegenheit befriedi­gend erledigen zu können. Dazu ist aber auch notwendig, dast sie verständnisvolles Entgegen­kommen bei den beteiligten Bürgern findet. 3n dieser Gegend des Viertels muh weiter in ab­sehbarer Zeil die Umgestaltung des Kir­chen- und des Lindenplatzes vorgenom­men werden. Auch dieser Angelegenheit steht die Stadtverwaltung bereitwillig gegenüber, leider konnte sie aber noch nicht die Möglichkeiten zur Lösung finden. 3m Nordost-Diertel hofft man aber, dah es gelingen werde, diese notwendige Erneuerung auf die eine oder die andere Art in absehbarer Zeit ins Werk zu sehen. Nicht min­der dringend ist eine bessere Pflege und teilweise Neugestaltung der Stra­ßen. Ein Gang durch zahlreiche Strahenzüge des Nordostens zeigt, dah diese Forderung kein unbilliges Verlangen ist: als Beispiele seien hier nur die in nördlicher Richtung von der (Stein* strahe ausgehenden Straßen angeführt. Auch hin­sichtlich der Strastenreinigung und der Straßenbeleuchtung ist im Nordostviertel vielesfaul im Staate Dänemark". 3n den dor­tigen Dürgerkreisen hofft man, dast auch in dieser Hinsicht einmal auf den Knopf gedrückt wird, damit der Hebel zur Besserung in Funktion tre­ten kann.

Neben diesen Gegenwartsfragen steht als außer- vrdentlich bedeutsam die Forderung der um - fassendenbaulichenErschliehungdes Nordo st Viertels zur Steigerung der wirt­schaftlichen Chancen In diesem Bezirk. 3n dieser Hinsicht muh der Nordosten mit der Stadt recht unzufrieden sein. Während in den anderen Stadtteilen Bauland in erheblichem Umfange er­schlossen wurde, am meisten im Südviertel nebenbei bemerkt, ist diese Betätigung der Stadt mir anzuerkennen, ist man dem Nordostviertel auf diesem Gebiete noch alles schuldig ge­blieben. Da die Baulustigen in den anderen Stadtbezirken Bauland aufgcsch'o'sen vor inden, ist es natürlich kein Wunder, daß der Zug der Baulust nur dorthin gehr. Man sorge auch im Nordosten für baurti'es Gelände, und man wird sehen, dah gar mancher Bürger oder eine Bau­genossenschaft auch in diesem Stadtteil zum Bauen schreitet! Ohne die Erfüllung der elementarsten Vorbedingungen durch die Stadt ist das freilich nicht nötig. Wenn hier eltoa eingewendet wird, die Erschließung von Bauland erfordere zunächst die 3nvestierung eines erheblichen Kapitals, das die Stadt aber kaum verfügbar machen könne, so sei dem entgegengehalten, dah man eine der­artige Argumcntaiion vor der Baulandbereitung in den anderen Stadtvierteln nicht gehört hat. Die Notwendigkeit der Kapi alaufwendung für Skrähenaüsbauten usw. durch die Stadt ist selbst­verständlich nicht zu bestreiten: aber was bei den anderen Stadtteilen möglich war, kann doch bei dem Nordostviertel nicht etwa untragbar sein. Uebtigcns könnte die Geländeerschliehung und die Anregung der Daulust z. D. am Rodberg und an der Wihmarer Strahe sehr wesenllich begünstigt werden durch die Ausdehnung des Sckrahenbahnnehes über den Rodberg hinweg durch die Schwarzlach, die Steinstrahe und Westanlage, also durch die Schaffung einer Straßenbahn-Ring st recke. §ür_ die Straßenbahn dürsten sich hierbei auch günstige Möglichkeiten bieten. Sollte das aber nicht durch­führbar sein, so wäre evtl, an einen städtischen Autovmnibusbetrieb zu denken. Eines muh in diesem Zusammenhänge jedoch auch gleich gesagt werden: wenn die Stadt an die Dauland- erschliehung im Nordostviertel Herangehen wird, dann darf man von den beteiligten Grund­besitzern wohl erwarten, dah sie im. eigenen und im Gemeininteresse das Vorgehen der Stadt weit- gehendst unterstützen und es nicht durch Preis­überforderungen für Geländehergabe erschweren oder gar unmöglich machen. Man hofft Im Nord­osten, dah von der S:adt miit der 3nangriifnahme dieses bedeutsamen Problems nun nicht mehr ge­zögert wird, nachdem die anderen Stadtteile bis­her genügend berücksichtigt worden sind.

Der hier präsentierte Wunschzettel des Nord- vstens ist etwas reichlich. Das ist aber nur darauf zurückzusühren, daß in früheren 3ahren und noch bis heute das nordöstliche Viertel in der Kom­munalwirtschaft zu kurz gekommen ist. Man hofft, dah die Zukunft hierin eine Wendung zum Bessern bringen wird.

Turnen, Sport und Spiel.

Arbeiter-Turn- und Gportbund.

Am morgigen Sonntag hat Gießen I (Krcis- Klas.e) auf eigenem Platze Praunheim I zu Gast. Die Gäste stellen eine gute Mannschaft dar, die über beacht.iches K nnen ver.ügt. Wohl hat Gießen den Vorteil des eigenen Platzes für sich es wird sich jedoch anstrengen sen, wenn es den Gästen ein gleichwertiges Spiel liefern und keine Niederlage erleiden will.

Der morgige Sonntag bringt in den diesjähri­gen Derbandsspielen das entscheidende Spiel um die Führung der Tabellenspitze. W i e s e ck s 1. Mannscha t d e zur Z i. d e Tabel­lenspitze mit einem Puntt Dor.pr.nz vor Naun­heim innehat, sieht auf eigenem Platze Naun­heims 1. Mannschaft im Rück pi l bei sich. Wohl neigen die meisten Siegesaussichten zu Naunseim, jedoch sind die Siegesaussichten der Einheimi­schen gegen den körperlich überlegenen Gegner nicht aussichtslos.

Heuchelheim tritt in Heuchelheim gegen Lollar I an. Führen die Cinhrimischnr das am vergangenen Sonntag gezeigt: Spiel vor, so dürste Lollar mit wenig Siegesaussichten nach Heuchelheim kommen.

Alsfeld I fährt nach Marburg und wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, als Sieger die Heimreise antreten.

3n der zweiten Dezirksklas'e hat Nie­dergirmes I Beilstein I zu Gast. Zwei g eich- wertiae Gegner treffen hier auseinander, wovon der Glücklichere Sieger blciben wird.

3n G r oßen-Linden trifft die dortige erste

Mannschaft mit der ersten Mannschaft Oppen­rods zusammen. Zwei gleichwertige Gegner werden hier um den Sieg rii^.n, wobei Großen- Linden den Vorteil des eigenen Platzes hat und Wohl Sieger bleiben wird.

Naunheim II empfängt bei sich Leun I. Wer aus diesem Treffen als Sieger hervorgeht, ist unbestimmt.

W i e s e ck II geht nach Kinzenbach und wird gegen die dortige 1. Mannschaft eine Niederlage ein stecken müs sen.

H u n g e n I hat auf eigenem Platz Burk­hardsfelden I zu Gast und wird wohl Sieger bleiben.

3n der 3ugendklasse hat Treis Naunheim zu Gast. Hier werden die Gäste Sieg und Punkt: mit nach Hause nehmen.

3n Grünberg tref en Grünberg Groh- Seelheim aufeinander. Der Ausgang dieses Treffens ist offen.

Gießen fährt nach Leun und wird gegen die dortige 3ugend die Schlappe vom Dorsonntag ausgleichen.

Geschichten ans aller Welt.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten. Der Zauber der stillen Häuslichkeit.

(f) London.

Der Privatbeamte Stephan Matchus in London hat es fertiggebracht, den viel besungenen Zauber" der stillen Häuslichkeit in wört­lichstem Sinne in die Tat umzusetzen, indem er über zwei 3ahre fein einziges Wort mit seiner besseren Halste wechselte. Manche Ehefrauen pflegen es wohl zu lieben, wenn sie stets das letzte" Wort haben, nicht aber, wenn ihnen über­haupt keine Gelegenheit zu Auseinandersetzungen geboten wird, öo besagte Frau Matchus das ostentative Stillschweigen ihres Herrn und Ge­bieters gar nicht, und verklagte diesen wegen ungebührlichen Benehmens". Als der Richter Watson dann dengroßen Schweiger" vor Ge­richt ausforderte, sein eigentümliches Verhalten zu begründen, verweigerte Stephan der Schweig­same nicht die Aussage, sondern begann feit dem 28.3uni 1926 zum ersten Male in Gegen­wart feiner Gattin! zu sprechen:Während wir uns mit meiner Frau wegen einer Lappalie zankten, ergriff sie eine Teetasse, und erdreistete sich, mir folgendes zu sagen:Schweigst du nicht sofort, fliegt diese Tasse an deinen Kopf!" 3d) verstummte im Nu. Nicht etwa aus Angst, sondern aus Wut. 3ch faßte den Entschluß, nie wieder mit meiner Frau zu sprechen. Sie wünschte ja, dah ich schweige..." Frau Matchus unterbrach jetzt hastig die Deichte ihres Mannes:Natürlich war das nicht so gemeint, dah du für immer verstummst. Nur damals solltest du schweigen, da jedes Wort, das du gesprochen hast, eine Dummheit war!" Aus einem Blick ihres Mannes ersah die vor­laute Dame, dah sie sich wieder einmal ver- gallopiert hatte, und erschrocken beeilte sie sich, ihre Worte schleunigst zu fertigeren:Wiewohl du sonst stets so klug und überlegen äu reden pflegtest I ..." Dieses Kompliment verfehlte seine Wirkung nicht: der bockige Schweiger begann zu lächeln. Unö legte, milder gestimmt, keine Be­rufung gegen das wahrhaft klassische Urteil des braven Richters Watson ein:Sie haben über d ie Schnur gehauen, lieber Herr Matchus. Es war wohl richtig, dah Sie danals nicht weiter redeten: so retteten Sie die gewiß kostbare Teetasse. Daß Sie aber mehr als zwei 3ahre lang den Mund nicht wieder aufgetan haben, war eine empfindliche Verletzung 3hrer Pflichten als Ehemann und Haushaltsvorstand. 3ch verurteile Sie zu einer Geldstrafe von zwei Schilling und fordere Sie auf, von nun annormal" mit 3hrer Frau zu sprechen." Matchus bezahlte zunächst stumm die Strafe und söhnte sich dann in einem endlosen Redeschwall mit seiner zärtlichen Gatfin aus, wie ihn Richter Watson wohl noch nie zu hören bekam. ..

Herr von Nilrbck ans Ribbek in Amerika.

(a) Neuh ork.

Vielleicht würde der alte Theodor Fontane, weilte er heute noch unter uns Lebenden, statt des Herrn von Ribbek auf Ribbel im Havel­land und seines Birnbaums Herrn Robert Sherwood in Neuyork, wohnhaft an der Untergrundbahn-Endstation in Flatbush und seine Ulme besungen haben. Robert Sherwoods Name halte im Amerika einer älteren Generation ein­mal einen hallenden Klang, denn er war damals der populärste amerikanische Clown. Der alte Spaßmacher, er zählt gerade 73 3ahre hat sich schon längst von der Arena zurückgezogen: aber statt die Erwachsenen zu amüsieren, hat er sich zur Aufgabe seines Lebensabends gemacht, Kinder zu erfreuen.

Dem Hause gegenüber, in dem Sherwaod zu­rückgezogen mit seiner alten Schließerin wohnt, steht an der Strahe eine alte Hüne. Nachts, wenn hier draußen alles längst erstorben und im tiefften Schlummer ist, verläßt der alte Spah- macher, der durch seine heitere Kunst ein nettes, runde Vermögen verdient hat, mit einem großen Korbe beladen sein Haus und begibt sich zur Ulme. An ihre tief herabhängenden Zweige hängt der alte Knabe, leise in sich hineinkichernd, Puppen, Spielzeug, Hampelmänner und Donbonbeutel auf, denn an dieser Ulme führt der Schulweg vieler Kinder vorüber.

Und morgens in der Frühe, wenn die Kleinen in ihren Schulranzen jubelnd diesen Gabenbaum des alten Clowns plündern, steht dieser lächelnd an seinem Fenster hinter der heruntergelassenen 3alousie und freut sich mit.

Als er kürzlich seinen 73. Geburtstag feierte, brachten ihm die Kinder, samt und sonders ge­kleidet in Sherwoods historisches Clownkostüm, einen jubelnden Huldigungszug.

Um diesen Kinderfreund hätte, wie gesagt. Fontane ein rührendes Gedicht oder Dickens einen ganzen Roman schreiben können. 3ch muß mich auf den nüchternen Bericht beschränken.

Auch eine Nictzsche-Eriirncnuig.

K. Sils -Maria im Engadin.

Wer glaubt, bei den Einwohnern des Ober» engadins noch persönliche Erinnerungen aus den 3ahren zu finden, in denen von 1881 bis 1888 Friedrich Nietzsche in Sils-Maria lebte, der

wird ziemlich ohne Antwort auf seine Fragen bleiben. Natürlich, den Stein auf der 3nsel C h a st 6 kennt ein jeder, und manchem fällt auch ein, daß dieser Nietzsche ein deutscher Pro­fessor gewesen sei, der als einer der ersten hier oben herausgekommen und abgesondert von allem für sich gelebt hat. Es wundert wohl die Ein­heimischen, des Sommers zu sehen, daß fast tag­täglich erneuerte Blumensträuße Zeugnis davon ablegen, wie groß unter den Wanderern aller Nationen die Gemeinde derer ist, die oben, m der von ihm so geliebten Dergwelt dem euro­päischen Geiste, der Nietzsche war, chre Huldigun­gen darbringen wollen.

Aber nicht von alt dem will ich erzählen, sondern von dem einfachen Steinhaus in Sils- Maria. dicht unterhalb der steilen Hänge die zur Marmore aufsteigen, bei dem eine über der Haustüre im Gedenken an Nietzsche ang wachte Tafel den Fuß fast jeden Wanderers hemmt.

Eine Verkettung von Umständen hatte mich diesen Sommer in die jahrelang nicht ft> sehr ausgenützten Räume verschlagen. Vom allen 3n» ventar ist nichts mehr vorhanden, viel eher, daß man oben im Fextal oder auch sonst in Dündner- häusern auf Stücke stößt, die vorher zuc Ein­richtung des Nietzschehauses gehört haben. Mir selbst ist doch ein Geschirrschrank in Fex be­gegnet. der einst Nietzsches Bücher beherbergte. Geblieben ist diesem Haus nichts, als der Strom der täglich vorsprechenden Fremden, Deutscher aller Länder, Franzosen, Engländer, vor allem aber Amerikaner lösen von morgens bis abends einander ab. Der Wunsch, nicht mehr Vorhan­denes zu sehen, einen Blick zu tun auf so man­ches, was ihrer Auffassung nach hier hätte gehegt sein sollen, läßt sie zu allen Stunden des Tages bei uns einbringen.

Was tun, wenn in der Sommerfrische solch unruhvvller Strom sich auf uns ergießt? Der Eigentümer des Hauses weih schnell Rat. Deut­lich und klar steht es anderen Tages an unserer Tür zu lesen, daß das Haus bewohnt unddurch­aus ohne Nietzsche-Andenken sei". Ob das wohl hilft? Für zwei Wochen vielleicht, wenngleich der handgeschriebene Zettel die Neugierigen nun besonders zur Haustüre lenkt. Schon denken wir, der 3nhalt des Anschlages habe sich vielleicht so herumgesprochen, daß niemand mehr den sonst ja mit Recht sehr nahegelegenen Gedanken an hier zu findende Nietzsche-Erinnerungen hat. Da kommen eines Tages meine Kinder voller Auf­regung auf mich losgestürztI Während kurzer Abwesenheit hat ein Bewunderer, um wenigstens etwas von hier nach Hause zu tragen, den Zettel eingesteckt, und aufs neue beginnt seitdem der Besuch aller Verehrer. Eine Bünd­nerin. der ich davon erzählte, meinte nachdenklich, am Ende, wenn schon die Fremden es absolut wünschten, sei es vielleicht doch am besten, im nächsten 3ahr irgendein Nietzsche-Andenken im Haus zu zeigen! Freilich, ob es sich dann wohl um echte Erinnerungen handeln wird?

Dasschwache" Geschlecht.

(h) Rom.

Die Signora Maria D o n z i in Palazzolo San Oglio scheint eine würdige Vertreterin ihres schwachen" undzarten" Geschlechts zu fein. Neulich abends erschien, blutüberströmt, hände­ringend und lallend, der ihr ehelich angetraute Gemahl auf der Ortswache der Carabinieri und bat die anwesenden Beamten unter Anrufung sämtlicher Heiligen des Kalenders, doch dem Toben seinerbesseren Hälfte" Einhalt zu ge­bieten. Sie hatte in einem Anfall von Raserei, entstanden durch eine verlegte Suppen­kelle, ihren Mann, dessen beide Brüder, große erwachsene Burschen, den Knecht und einen her­beieilenden Nachbarn, fünf Männer also, windelweich geprügelt und blutig ge­schlagen, das Mobiliar zerttümmert, und stehe nun mit einem Knüppel in der Haus- t ü r, um jeden Vertreter des anderen Geschlechts den Wiedereintritt zu verwehren.

Zwei tapfere Carabinieri machten sich federn­den Ganges auf den Weg: nach einer Viertel­stunde kamen sie geknickt, mit eingeschlagenen Nasen und zerrissenen Uniformen wieder. Sechs Beamte h itten schließlich, nach einer Viertel­stunde erbitterten Ringens, das ungeahnte Glück, durch Beinstellen die Megäre zu Fall und in ihre Gewalt zu bringen. 3m Kittchen mußte sie angefettet werden, well sie sonst alles kurz und klein geschlagen hätte.

Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben. .

Ein gemütlichesVogelhaus".

Wer erinnerte sich nicht an den gemütlichen Gefängnisdirektor der klassischen Operette von 3ohann StraußFledermaus", der Herrn Eisen­stein so nett einlädt, die Freiheitsstrafe in seinem Salon" abzusihen:Mein schönes großes Vogelhaus, es ist ganz nahe hier, viel Vögel flattern ein und aus. bekommen frei Quartier..

Mitunter werden Operetten zur Wirklichkeit: das Bukarester Staatsgefängnis entspricht, ins­besondere was dasEin- und Ausflatttrn" an­belangt, in der Tat dem in derFledermaus" befangenen 3deal von einem Vogelhaus. Hatte

da der Herr Oberstaatsanwalt in der Mittags­stunde auf der belebtesten Straße von Bukarest einen gewissen Herrn Gaetan zu seiner größten Verwunderung im ofenen Auto vorbeisausen sehen. Der Beamte hatte Grund zur lieber* rafdjang, denn ©a.tan war treten Mord ersuchs an seiner Gerichten zu einer mehrjährigen Kerker- strase verurteilt worden, die noch lange nicht abgclaufen fein konnte. Kurzentschlossen bestieg der Staatsanwalt einen Wagen, ließ sich zum staatlichen Vogelhaus fah ea und verlangte den Gefangenen" Geatan zu sehen. Als dem Wunsche nicht entsprochen werden konnte, stellte es sich heraus, daß der Herr Sträfling wöchent ich vier- bis fünfmal einen kleinen Ausflug unter­nehmen durfte, um seine zahfr ihen Freundinnen zu besuchen. Gaetan war eben derschöne Georg" von Bukarest, und ftine Gönnerinnen hatten das ganze Aufsichtsper anal des Gefängnis es be­stochen. so daß sich d:r Don 3uan der rumänischen Hauptstadt so gut wie frei bewegen konnte. Er absolvierte denn auch Rendezvous und Ge­schäftsgänge in buntem Durcheinander, empfing in seiner Zelle Besuche vonKlienten" sowie vornehmen Damen und lebte überhaupt so, als befände er sich auf freiem Fuß. Run platzte die Bombe, und der Direktor, der wohl nicht ganz unentgeltlich ein Auge zugedrückt hatte, wurde seiner Stellung enthoben. Abzuwarten bfeibt nur, ob der neue Herr desVogelhau'es" die idyllischen Zustände in seinem Machtbezirk zu beseitigen in der Lage fein wird.

Wirtschaft?

Wochenbericht

vom Sranffurfer Effektenmarkt.

3n dieser Woche war die allgemeine Börfen- tage gekennzeichnet durch die wieder außer- orbentlich stark gewordene 3n tereffelof ig­le i t des privaten Publikums. Bereits gegen Ende der vergangenen Woche war eine gewisse Unsicherheit nicht zu verkennen, die ihre Ursache darin hatte, daß der Ordereingang wie­der minimal geworden war. Diese Unsicherheit nahm nun größeres Ausmaß an, und die T:n- denz wurde allgemein merklich schwächer, da die Spekulation, die namentlich in Spezialwerten verschiedene größere Käufe vorgenommen hatte, in ihrer Enttäuschung über das Versagen der zweiten Hand in stärkerem Maße Entlastunas- neigung bekundete und zu Realisationen schritt. Diese Abgaben trafen auf einen nur wenig aufnahmefähigen Markt, da auch das 3nter- es se des Auslandes, stark erlahm te. Die Umsahtätigkeit war im allgemeinen recht gering, und schon relativ kleine Umsätze bewirk­ten nennenswerte Kursveränderungen. Es darf daher nicht wundernehmen, daß verschiedene Vor­stöße der Baissespekulation vollenEr- folg hatten. 3m Vordergrund des 3nieresses stand der starke Kursrückgang der Neubesitz­anleihe, die von etwa 16'/z Prozent bis auf zeitweise 14,90 Prozent nachgab. An der Börse brachte man diesen Kurseinbruch in Zusammen­hang mit der Stinnesaffäre, doch dürste er im wesentlichen nur auf größere Abgaben der Spe­kulation Hurückzuführen sein. Auch die Altbesih- anleihe, Seren Notiz während der Ziehungstage ausgesetzt worden war, war angeboten und merk­lich schwächer (etwa 50,7 Prozent). Die Verstim­mung über den Anleihe rückgang teilte sich natur­gemäß den übrigen Märkten mit und verstärkte Die schon bestehende Lustlosigkeit und Zurück­haltung. Der Markt war aber außerdem durch erhebliche Kurseinbußen einiger anderer Pa­piere merklich beunruhigt. So war man verstimmt über die starke Abschwächung der Daimleraktie bis auf etwa 84 Prozent. Deren Ursache war wohl in erster Linie die Ungewißheit über das Schick­sal des Schapiroschsn Daimlerpaketes. Aber auch später, als die Neuregelung mit Schapiro be­kannt wurde, wonach die 14 Mill. Mk. Daimler­aktien von dem bekannten Dankenkonsortium, aus dem aber die Danatbank ausgeschieden ist, auf ein 3ahr beließen und zu einem ermäßigten Kurs neu in Option gegeben werden, konnte sich eine Erholung dieses Papier es nicht durchsetzen. Eine merkliche Unsicherheit ging sodann von dem star­ken Kursverlust der Harpenerattien aus, Die auf bis jetzt unbestätigte Gerüchte, daß bei der Harpener Dergbau-A.-G. mit einem Dividenden­ausfall zu rechnen sei, in größeren Posten an­geboten waren und um 10 Prozent auf 14 Pro­zent nachgaben. 3n Dörsenkreisen wurden Be­fürchtungen laut, daß das private Publikum, durch diese Kurseinbußen verschiedener Papiere kopficheu gemacht, in Zukunft noch mehr von der Börse abrüden werden und eventuell noch vor­handene Effektenbestände abstoßen werde. Un­günstig auf genommen wurde ferner die vor­übergehend ftarfe Abschwächung des Markkurses. Anderseits aber konnte der zunächst relativ leichte Geldmarkt kaum eine an­regende Wirkung ausüben. Später trat am Tagesgeldmarkte eine lokale Verknappung ein, die ein Anziehen des Tagesgeldfahes bis auf 7 Prozent verursachte. Gegen die Vorwoche merklicher abgeschwächt waren noch u. a. Danat­bank, Zellstoff Waldhof und die Mehrzahl der Elekttowerte. Nur Licht & Kraft lagen auf fort­gesetzte Schweizer Käufe recht fest. Zum Wochen­schluß konnte sich die Tendenz etwas bessern, da die Spekulation zu Deckungen schritt und die be­fürchteten Publikumsverkäuse ausbliebrn. Eine starke Stütze hatte der Markt ferner triebe: in der anhaltenden festen Haltung der Neutzorker Börse. Arn Markte der Auslandrenten bestand bei kleinen Umsätzen für Rumänien und Ungarn einiges 3ntereffe.

Wochenbericht

vom Frankfurter Produktenmarkt.

Die sich schon zum Schlüsse der vergangenen Woche bemerkbarmachende freundlichere Stimmung konnte sich auch zu Beginn der neuen Woche fortsetzen. Die weiter steigenden überseeischen Notierungen und das wieder sehr knapp gewordene Angebot von 3nlandware mach­ten einen günstigen Eindruck, so daß die Händler, davon angeregt, verschiedentlich zu größeren Deckungen schritten. Der Produttenmarkt konnte sich ziemlich lebhhaft gestatten. Besonders das Termingeschäft hatte einen bisher noch nie dagewesen en Umfang zu verzeichnen. Aber auch das Effektengeschäft war ziemlich rege. 3m Ver­laufe der Woche machte sich jedoch auf schwächere Auslandmeldiungen wieder eine größere Ver­stimmung bemerkbar. Auch das wieder größer