Ausgabe 
13.10.1928
 
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Hr.242 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Samstag. 15. Oktober (928

Stadttheater

auf den erstarrten

dies em Herrn

Die weife« Armee

Einer wankt zu den Soldaten

RSS- UvtCHicntn29,1(0

die

) Genosse.

er eine

er- sich

Desgleichen. Hundert bleiche De­den Dorleserrden an.

Iwanow!" Hier!" - hinüber.

Petrow!"

Hier!" : sichter starren

Rikandrow!^

Der Reutter hat mich damals besiegt," zahlt Karl Dallentin weiter:Stellen Sie

Dawespian und Reparationszahlungen.

Ion Dr. Dr. h. f. Bernhard Dernburg, ehem. Koloniaistaaissekretär und ^eichsfinanzminisier.

Zigarette.

Was ist das, Towarischtsch *) wollen Sie die Toten erschießen?"

Wieso?!"

Run: Rikandrvw ist doch vorgestern schon erschossen worden. Sie haben chn ja selber auf* gerufen."

Schon erschossen? . . . Hm! . . . Also wei­ter!" ruft der Beamte und streicht Ailandrow auf der Liste aus.

Der Mann an der Tischkante zündet sich lang­sam seine Zigarette an. Es war Ailandrow.

Tags darauf kam Denikin und befreite die Gefangenen.

Am Dienstag beginnt im Giehener An­zeiger Maria Grigoriewna Rasputin mit der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen an ihren Vater, den berühmten sibirischen Wundermann, dessen verhängnisvolle Rolle am Hof des letzten Zaren heute noch Stark umstritten ist

Sufmenlunjt TonnetMaß, bcn \ Cft. ttatbmut.

4 Uhr. im hont hvMV

Trr Vorhand.

deshalb, weil ich mit frühstücken werde! . . .

III.

herauszupressen, die sich wirtschaftlich, d. h. ohne Gefahr für die dauernde Zahlung der Annuitäten rechtfertigen liefe.

Die bisherigen Annuitäten sind ziemlich glatt geleistet worden. Allerdings steigt im Rormal- jahr die Annuität um nicht weniger als 750 Millionen, verglichen mit 1927, und der Stand des deutschen Budgets ist derart, dafe vermut- lich ohne neue Belastung der Produktion durch Steuern, d. h. Einschränkung der Wettbewerbs­fähigkeit Deutschlands nad; außen oder des Lebensstandards nach innen, dieser Mehrbetrag nicht aufgebrad)t werden kann. Aber min­destens bis hierher ist der Dawesplan scheinbar ein Erfolg. Es ist aber festzustellen, dafe die bisherigen Zahlungen nicht aus dernLleber» schüfe der deutschen Wirtschaft, d. h. aus der Ersparnis des deutschen Bockes auf­gebracht worden sind, sondern durch zahl­reiche Auslandanleihen, insbesondere des Reichs, der Staaten, der Gemeinden, der Landwirtschaft und der Industrie, im wesentlichen aus amerikanischer Quelle. Diese Anleihen be­liefen sich in den letzten vier Jahren auf zwu- schen 4 und 5 Milliarden Mark zu sehr harten Bedingungen. So ist auch die Lieberweisung der in Baluta zu zahlenden Teile der AnnuitÄ an die Gläubiger nur mit Hilfe der ge­liehenen Auslandvaluta lang- und kurzfristig, und die kurzfristige ist, als nicht safe- bar, in der genannten Summe nicht enthalten möglich gewesen. Denn der Lleberschufe des Exports über den Import, den die Ver­fasser des Plans annahmen, und von dem sie die Deckungsmöglichkeiten der Dalutaschulden er­warteten, ist nicht eingetreten. Das aus­gepowerte Land hat in den vier Jahren ein« passive Handelsbilanz von nahezu 5 Milliarden, d. h. Warenschulden in dieser Höhe gemacht, die gleichfalls zum Teil aus den Anleihen mit­gedeckt werden mufete. Es ist und bleibt eine ernsthafte Frage, ob dieser Anleihestrom in-

Guitrh, der vor dem Schminktisch sitzt und ihm den Rücken zuwendet, glaubt, dafe der Be­wunderer bereits hinausgegangen ist, und wen­det sich mit donnernder Stimme an seinen Se­kretär:

Alfted, Sie schreiben sofort an diesen kleb­rigen Kerl, dafe ich morgen zum Früh'tück leider nicht kommen kann. . (Hier hält Guitrh plötzlich inne, denn er hat im Spiegel bemerkt, dafe der erwähnte klebrige Kerl noch immer in

vor: der Mann ist ganz ruhig, ohne sich um* zusehen, weitergegangen mit dem Koffer in der Hand!

Kann man halt nix machen. . ."

II. *

Während des Zwischenaktes drängt sich ein Theaternarr in die Garderobe des berühmten Pariser Schauspi.lers Lucien Guitrh, und be­stürmt diesen, ihn doch morgen zum Frühstück zu besuchen.

Also gut, sagt Guitrh, um ihn nur los­zuwerden.ich komme".

Der andere dankt, verabschiedet sich und steuert auf die Tür zu.

der Garderobe ist. . .) Lind mit einer graziösen Handbewegung weist Guitrh ' ' Besucher und sagt lächelnd:

Schweigen.

Rikandrvw!! Zum Donnerwetter!!"

Grabesstille.

Plötzlich sagt einer der Gefangenen lehnt sich an die Tischkante und rollt

taste taigira 11 Morgen Conulag,

14. Cftobrr WWA nach Großen «Lind« w WiebSeUM. Mnarlch mlitnnß 2 Uhr nm «ntnubei- gnigSranli.Slr.0), SIbW mit bet VadnLLUbrnaM. Zahlreiche etroiinW. $

Vorstanv.

Im russischen Bürgerkrieg.

Denikins nähert sich Charkow. In der Stadt

Historisch-politische parallelen.

Deutschland, England und Frankreich in der Marokkokrisis im Jahre 1905.

Von Dr. Gustav Roloff, o. Professor der Geschichte an der Universität Gießen.

preffezensur und Satire.

Von O. Sronf.

Die Auswirkungen der Zensur selber muten uns heute wie eine Satire an. Wozu sie eigentlich nixfe lächerlich machen? Wenn wir den unge­heuren Wust der Verordnung n, Zeasurmandalen, uff. überblicken, wie sie in Deutschland, beson­ders nach den Karlsbader Beschlüssen im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts mit unerschöpflicher, bürokratisa-er Fruchtbar.eit her­vorgebracht wurden, und andererseits bedenken, bafe alle diese mühevollen Schreibereien zweck- l»z waren, den Sieg der freien Mei - niingSäufeerung doch nicht verhindern konnten, dann können wir unter dem Kontrast dieser Vorstellung.'n unmöglich ernst bleiben. Einige amüsante Einzelheiten geben der komi- Idten Gesamtszenerie lustige Pointen. Auf der Krlner Pressa sahen wir Probeabzüge von Zei­tungen, schwarz von Eintragungen und Strei- cfringen des Zensors. In den fertigen Exem­plaren gähnen grofee toeifee Lücken: nicht nur Svalten. sogar ganze Seiten fehlen. Heine hat bekanntlich in seinenReisebildern" diese Strei­chungen in gelungener Weise persifliert: Die Deutschen Zensoren Dumm­köpfe. (Die Gedankenstriche, welche bi? ganz« Seite einnehmen, sollen Streichungen bedeuten, nut noch das eine Wort blieb da­zwischen sichen.)

Die Zensur erstreckte sich nicht nur aus den Text, sondern auch auf bildliche Darstellungen. (Sin aus dem historischen Museum in Wien st ammendes Blatt veranschaulicht die Art der von den Zensoren in dieser Hinsicht geleisteten Kulturarbeit". Das Bild stellt Bajazzo mit der schlafenden Colombine dar. Die eine Brust dec Schlafenden ift_ unbedeckt: das war zu stark. 5>tr Zensor malte über die bemängelte Stelle ein dickes Tintenkreuz und gab den ebenso wohl- tv-vllenden wie energischen Rat, falls man auf Druckerlaubnis reflektiere, die Decke etwas weiter heraufzuziehen.

Wir können heute darüber lachen; den dama­ligen Publizisten, die unter dem Druck der Zen- sucschraube viel zu leiden hatten, kamen diese 5>inge im Allgemeinen wohl nicht besonders heitig vor. Sie hatten sich ihrer Haut zu weh­ren, suchten ih.en Meinung.na unter mancherlei Maskierungen freien Durchgang zu verschaffen. Miebt war die Einkleidung aktueller Dis- htlfitmen in die Form derTotengespräche" nach

gonntao, 14. Lst, jiuiict tibonnemtn "henuotiieiiuM sMiel des M?

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dem Vorbild L u l i a n s. Doch die stillschweigend geschluckte Berbftterung über die mafelose Knebe­lung der freien Meinungsäußerung schaffte see­lische Indigestionen. Die Spannung entlud sich ost in bissiger Satire, besonders das Bild, die Karllatur mit ihrer durch Polizeiparagraphen etwas schwerer zu fassenden Symbolik, war ge­eignetes Medium.

Das Berliner Kupferstichkabinett besitzt aus jener zopfigen Zopfzeit unter anderem eine sehr originelle farbige Äari'atur, betitelt:Der Den- kerklub, auch eine neue deutsche Gesellschaft." Lind was sieht man auf dem Bild? Lim einen Lisch herum eine Versammlung von Männern, die Maul.örbe vorgebunden haben. Am Kleider­ständer hängen noch einige dieser kynologischen Auhapparaturen für etwa neu Hinzukommende in Reserve. Triumph des Geistes: Der Maulkorb hindert ja nicht am Denken. Das tun diese Leute auch sehr angestrengt; sie debattieren so­gar miteinander, natürlich nur in Gesten und Mimik. Auf einem Schild an der Wand findet sich die Gcschästsordnung verzeichnet:Wichtige Frage, welche in heutiger Sitzung bedacht wird: Wie lange mochte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?"

Richt minder witzig ist eine Königsberger Kari­katur aus dem Jahre 1842, die auf einen Zwischenfall bei der Königsberger Zeitung Be­zug nimmt. Der Redakteur (Dr. Witt) wird mit einem Hängeschlofe am Mund vor die Tür gesetzt. Seine Stelle am Redaktionstisch nimmt ein Fuchs ein, der im Verein mit anderen Vier­füßlern die offizielle, von der Huld des Zensors überschattete Zeitung ferftgstellt. Die Rot.attons- maschineaa der Druckerei werden von zwei großen ... Krebsen bedient, Sinnbildern der Reaktion. Auf her Strafe« aber wartet das Publikum auf das Erscheinen der Zeitung: es sind Ochsen, Kälber und Schafe in Zivil.

Das exekutive Organ der Zensur, die Polizei, welche damals hau ig auf den Redaftionsstuben gastierte, war natürlich gleichfalls Zie.scheibe des Spottes. So erblicken wir beispielsweise auf einem, aus dem Jahre 1843 stammenden ano­nymen Blatt einen Redakteur am Schreibpult, von zwei Polizisten flaniert Während der Re­dakteur seinen Artikel schreibt, spitzen die zwei Uniformierten bereits ihre Gänsekiele, um dann nachher das Blatt mit ihren Kreuzbalken und Arabesken zu verschcn. Aber halt, da sieht man noch etwas auf dem Bilde, von oben her in die Fläche ragend; es ist der Arm eines

tigern Umfang dauernd fließen kann, zu- mai es mittlerweile klar geworden ist, dafe von einer Unerschöpflichkeit der amerikanischen Quel­len nicht die Rede fein kann. Ein solcher Zu^ ström könnte, was die Aufbringungsmöglichkeu der Annuitäten in Mark angeht, nur cntbehrc werden, wenn die Kapitalbildung in Deutschland entsprechende Fortschritte macht. Das ist aber allem Anschein nach nicht der Fall, d. h. di« steuerlichen Entziehungen sind zu grofe. Der Beweis liegt in der Höhe des Deutschen Zinsfußes, der zur Zeit bei der Reichsbank 7 °/o, für Dankdebitoren 10 °,'o, und für erste Hypotheken 9 bis 10 % beträgt, ohne auf das ausländische Kapital einen hinreichenden Eindruck zu machen, der einen zinsdrückenden Zufluß herbeiführt. Mit diesem Zinsfuß hat natürlich auch die deutsche Wettbewerbsfähigkeit auf dem Aus­landmarkt zu kämpfen. Aimmt man aber eine weitere Bergfreudigkeit des Auslandes an im letzten halben Jahr find kaum noch Ausland­anleihen getätigt so steht man vor der .euen Frage, ob neben der Dawesannuität auch die Zinsen und die Rückzahlungsverpflichtungen aus den Anleihen in Valuta gedeckt werden können.

Der Schluß aus diesem allen ist, daß d: Da- wesplan trotz seiner bisherigen reibungslos.n Erfüllung den Beweis einer dauernden Durch­führbarkeit noch nicht erbracht hat, weil feine Leistungen zwar durch ausgezeichnete Pfän­der sichergestellt find, soweit das Budget in Frage kommt, Dafe aber volkswirtschaftlich ge­sehen, derjenige Lleberschufe an Gewinn d. h. in nationalen Ersparnissen ebenf otoentg nachgewiesen ist, wie der Exportüber- s d) u fe . der die notwendigen Devisen schafft. Es ist deshalb richtig, von dem kommenden Jahr als von dem kritischen Jahr zu sprechen und die Llnruhe ist begreiflich, die auch den Repara­tionsagenten über den gegenwärtigen Zustand des Plans ergriffen hat.

dritten Polizisten, der dem Schreibenden die Feder führen hilft.

Das Bilderbuch ließe sich noch beliebig er­weitern; diese wenigen Beispiele jedoch geben eine hinreichende Vorstellung von der satirischen Bissigkeit der mundtot gemachten Publizisten. Als nach langen erbitterten Kämpfen die Zensur siel, da Quittierte die Karikatur auch dieses freu­dige Ereignis und sandte der Toten einen pa­rodistischen, von befreitem Lachen kontrapunk­tierten Trauerg.sang nach: Lächelnde 2tebatteure tragen den schwarz verhängten Sarg. An der Spitze des Zuges schreitet hoch erhobenen Haup­tes und eine Fackel tragend eine Göttin, die wieder auferstandene Poesie, welche mit ihrer Leuchte die zensurgewollte Finsternis bannt.

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schwarzer Hund jSohctmanni, auf den Amenlunch' hörcnd, eutlflnien. ibiebcrbrinflci er­hall Belohn, m-d FruklBrier Str. 60.

und dem Botschafter in Paris gibt die Antwort. Danach hat die englische Regierung aus eige­ner Initiative während der ersten deutsch» französischen Besprechungen über die Sicherung der deutschen wirtschaftlichen Ansprüche in Marokko mündlich und schriftlich in Paris erklären lassen (April 1905), ihr scheine die Haltung der deutschen Regierungunvernünftig", und England sei bereit, Frankreichjede in seiner Macht stehende Unterstützung" zu gewähren, wenn es sich darum handle, die zu erwartende deutsche Forderung nach einem marokkanischen Hafen zu bekämpfen. Venn schon diese Erklärung geeignet war, eine französisch- deutsche Verständigung zu erschweren, so gab Lansdowne, der englische Minister des Aus­wärtigen, dem französischen Botschafter noch zu verstehen, daß England beanfprud)e, ein Wort mit­zusprechen, wenn Frankreich etwa die deutschen An­sprüche in Marokko mit Zugeständnissen an anderen Stellen abkaufen wolle; England und Frankreich, sagte er, müßten sich vertrauensvoll über alle diplo­matischen Vorgänge unterrichten undsich vor allen Möglichkeiten besprechen." Natürlich mußte Frank­reich darin die Aufforderung sehen, Deutschland möglichst wenig entgegen^utommen, denn offen­kundig wünschte England eine Verstärkung Deutsch­lands im tropischen Afrika, das als Konzessionsseld in erster Linie in Betracht kam, nicht. Die franzö­sische Regierung hätte angesichts dieses Begehrens die englische gern noch weiter gedrängt und ein ausdrückliches Hilfeoersprechen für den Fall eines Bruches mit Deutschland erhallen, aber hieraus ließ sich Lansdowne nicht ein; über das Versprechen einer uneingeschränkten und vertrauensvollen Aus- spräche ging er nicht hinaus. Es war eine ähnliche Politik wie im Juli 1914: keineswegs eine Absage an Frankreich; England wollte sich vielmehr nur formell freie Hand wahren, um den Zeitpunkt seines Eintritts in dey Krieg sich nicht von Frankreich diktieren zu lassen, sondern mit Rücksicht auf seine öffentliche Meinung selbst be­stimmen zu können. An der grundsätzlichen Bereitwilligkeit, Frankreich im Kriegsfälle zu unterstützen, änderte das nichts.

Eine amtliche Unterlage für feine Erklärung im Ministerrat hatte Delcass« also nicht: ein Bündnis­angebot hat die englische Regierung nicht gemacht. Aber trotzdem war seine Behauptung nid)t ganz unrichtig und politisch sogar berechtigt. Denn die Aeußerungen der englischen Regierung hatten ihm deutlich gezeigt, daß Frankreich im Notfälle von England Hilfe erwarten konnte. Wenn England an einer Verhandlung mit der deutlichen Absicht, Deutschlands Wünsche zu bekämp en, teilnahm, dann war es auch an alle daraus ent pringenben Folgen gebunden. Was solche morali che Verpflich- tungen bedeuteten, hat ja das geheime, also for« mell ungiltige Flottenabkommen zwischen England und Frankreich im Jahre 1912, das von Frankreich immer als verschleiertesBünd- n i s betrachtet worden ist, bewiesen. Um so mehr durfte die französische Regierung auf die anti­deutsche Gesinnung in London rechnen, als in den nächsten Wochen englische Generalstabsoffiziere das Maasgebiet vereisten und die Flotte Demonstra- tionsfahrten nach Brest und der Ostsee unternahm.

Man kann noch fragen, ob Delcasss außer den amtlichen auch noch private, aber politisch vollwertige Mitteilungen aus London erhalten hat, die ihn auch formell zu seinen Aeußerungen berech­tigten. Man denkt da sofort an König Eduard, über dessen Tätigkeit In dieser Hinsicht die Akten freilich nichts enthalten. Aber das schließt nicht aus, daß Eduard VII. sich in Paris in dem von Delcafs6

herrscht der Terror; das Gefängnis ist über­füllt. Täglich wird vor den versammelten Ge­fangenen die Liste der heute zu Erschießenden verlesen. Jeder Aus gerufene muß sich mitHier!" melden und wird von den Soldaten in Empfang genommen. . .

Der au',rufende Beamte ist nervös, überarbeitet. Die Liste zittert in seiner Hand.

Durch die von Frankreich verlangt« und von England begünstigte Verkoppelung der Reparationen mit der von uns be­gehrten Räumung des Rheinlands steht der Dawesplan, der diese Reparationen rorläufig regelt, wieder im Mittelpunkt der Er­örterung. Solches lag nicht im Sinn seiner Verfasser, die stolz darauf waren, die Frage der Reparationen aus dem Gebiet der Politik in das der geschäftlichen Erledigung zu überführen. Der Dawesplan, der mit dem 1. September 1924 zu laufen begann, sieht eine gewisse Skala ftei- «emder Richtung für die ersten vier Jahre vor, eie als Liebergangsjahr« bezeichnet sind und läßt -da- erste Rormaljahr, in dem die ßeste dauernde Annuität zu leisten find, mit An­sang dieses Monats beginnen. Diese Annuität Beträgt 2500 Millionen Mark; dazu soll vom »nächsten Jahr ab ein Zuschlag auf Grund eines gewissen Wohlstandindexes treten, von dem sich heute infolge seiner Kompliziertheit und seines unlogischen Aufbaus nur sagen laßt, Laß er die deutsche Leistung in unbestimmter und wechselnder Höhe steigern kann, aber zu kei­ner Zeit «ine Senkung der Rormal- annuität herbeiführt. In den letzten vier Jahren hat Deutschland auf Grund dieses Plans 5470 Millionen Mark in bor aus Steuern. Zöllen, Industrie und Bahn geleistet. Rechnet man die Verluste anrechenbarer Art, die feit dem Waffenstillstand Deutschland erlitten und den Gegnern zugeführt hat, das Auslandsguthaben, . Anlagen und Wertpapiere, die Besahungsunkosten bis 1924, die deutschen Bar- und Sachleistungen bor dieser Zeit hinzu, so kommt man auf eine bisher gezahlt« Kriegsentschädi­gung zwischen 37 und 38 Milliarden Mark. Dabei ist nicht zu vergessen, dafe Deutsch­land den Krieg aus eigenen Mitteln si- nanzieren mufete und grofee verlorene Beträge für die Kriegführung seiner Alliierten aus- gegeben hat. Die unerschöpfliche Geldquelle, die die Entente in Amerika fand, stand uns nicht zu Gebote, und der Llnterschied zwischen den interalliierten Schulden und den öeutfdjen Re­parationen ist eben der, dafe di« Entente die von itzr nicht aufgebradjten Kriegslasten zurückzahlen soll, während Deutschland überdies den Preis .feiner Riederlage zu entrichten hat.

Man kann wohl annehmen, dafe vor dem Krieg Ziffern wie die genannten als astronomische Größen angesehen wurden und das Probleme, wie die Abbürdung solcher Summen, der inter­nationalen Finanz völlig unbekannt waren. Es ist bekannt, daß in der Londoner Konferenz 1921 die Gegner die deutschen Reparationen aus insgesamt 132 Milliarden im Wege des Diktats festgesetzt haben, und die französisch« Behauptung geht dahin, daß bis heute trotz aller Leistungen noch nicht einmal die auf die Re­parationsschuld aufgelaufenen Zinsen berichtigt sind. Der Dawesplan glaubte eine sehr sorg­fältig ausgedachte Maschinerie ausgestellt zu ha­ben, mit deren Hilfe die deutschen Annuitäten sichergestellt und notfalls eingetrieben werden könnten. Diese Maschinerie aber knarrt und ächzt, weil eben auch jene Sachverständigen die Gröhe und Vielseitigkeit der Aufgabe $ugege- benerweise nicht ganz richtig eanzu- sch ätzen wußten. Da es der Daweskornmission verwehrt war, die Gesamtsumme der deut­schen Schuld endgültig festzusehen, bleibt diese noch völlig im Dunkeln und die Annuitäten lau­sen, akzeptiert man die französische These, auf ungezählte Jahre.

Zugegebenermaßen ist der Dawesplan «in Ver­such, den Bestimmungen des Versailler Vertrags ensiprechend die Höchstsumme aus Deutschland

Frankreich sich anschickten, über die Rechrc aller anderen Staaten hinweg die Zukunft dieses bisher unabhängigen Landes zu bestimmen. Der Wider­stand Deutschlands gegen diese Gewaltpolitik führte zunächst zu. gereizten Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich (Frühjahr 1905), und da England sogleich Frankreich zur Seite tret, wär Delcasse, der französische Minister des Aus­wärtigen, dafür, jede Nachgiebigkeit abzulehnen und selbst einen Krieg nickt zu scheuen. Er berief sich im Ministerium, wie bald von ihm bekanntgegeben wurde, darauf, daß man unbedingt auf England rechnen könne, ja daß die Londoner Regierung ihm ein Bündnis für einen deutsch-französischen Krieg angeboten habe. In einigen auf Delcasss zurück- gehenden Zeitungsartikeln wurde sogar näher aus- geführt, England habe versprochen, den Kaiser- Wilhelm-Kanal zu besetzen und hunderttausend Mann in Schleswig zu landen. Indessen die ande­ren französischen Minister waren weniger Der- trauensvoll als Delcasfö. Sie sahen in der englischen Hilf« einen ungenügenden Ersatz für den Ausfall der russischen Armee, die soeben durch den japani­schen Krieg und die Revolution lahmgelegt worden war, und zwangen chren Kollegen zum Rücktritt (6. Juni 1905), um eine friedliche Verständigung mit Deutschland zu versuchen. Es kam infolgedessen bekanntlich zu der Konferenz von Alge- c i r a 5, wo ein leidliches Kompromiß für einige Jahre gefunden wurde.

Die Frage ist nun: was berechtigte DelcassL zu feinen Aeußerungen im Minifterrat? Hat er tat­sächlich derartige Angebote und Versprechungen von der englischen Regierung erhalten? Die intime Korrespondenz zwischen dem englischen Minister

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Geistesgegenwart.

Drei wahre Geschichten.

Don Sigismund von Nadecki.

i.

Karl Dallentin, der Münchener Komiker, langt in Kissingen zur Kur an. Den Koffer in der Hand, spaziert er durch eine Allee und sieht vor sich eine Gestalt gehen, die ihm be- kaimt vorkommt richtig, es ist der Komiker Otto Reutter. selbst von der Rückseite unver­kennbar! Reutter wand.lt tief in Gedanken, läßt die Arme steif hängen und haft dabei die

Finger gekrümmt, als wenn er zwei unsichtbare Koffer trüge. Karl Dallentin erkennt sein« Chance, schleicht kahenarttg von hinten heran und hängt seinen Koffer ganz vorsichtig in gekrümmten Finger hinein!

Lind wartet, gespannt auf den Effekt ?

Mit vollem Recht hat Paul Rohrbach in Nr. 236 desG. A." von einer Kapitulation Englands vor Frankreich gesprod-en. Man muß schon weit in der englischen Geschichte zurückgehen, um eine ähnliche Abhängigkeit Englands von Frankreich zu finden. Etwa in der Zeit vor dem endgüttigen Sturz der Stuarts (1688), als Ludwig XIV. zugleich den eng­lischen König und die Parteiführer im Solde hatte, um beide gegeneinander auszuspielen und so die englische Macht zu lähmen, spielte England eine ähnliche Rolle in der europäischen Politik wie heute. Damals hat eine große Koalition zwischen Holland, Spanien und dem Deutschen Reiche (Eng- land aus dieser Abhängigkeit befreit und Europas Freiheit gegen Frankreich gesichert. Heute ist eine solche Verbindung unmöglich, da England selbst wesentlich dazu beigetragen hat, den natürlichen Gegenspieler gegen die französische Vorherrschaft zur Ohnmacht zu verurteilen. Solange Deutschland sich nicht erheben kann, wird England die selbst ge|d)miebeten Ketten mit ihren politischen und wirt­schaftlichen Übeln Folgen nach menschlichem Er­messen tragen müssen. Der Jahrzehnte vor dem Kriege in England genährte Irrwahn, daß ein starkes Deutschland mit Englands Sicherheit und Reichtum unverträglich sei, rächt sich.

Wie sehr diese falsche Vorstellung in England geherrscht und zur Verschlechterung der europäischen Lage oeigetragen hat, zeigt auf Grund der neuesten britischen Aktenstücke, auf die kürzlich' an dieser Stelle hingewiesen worden ist, Graf Paul Mont- gelas im letzten Heft derKriegsschuldfrage". Eins der wichtigsten Kapitel in der Vorgeschichte des Krieges ist die marokkanische Angelegen­heit seit dem Jahre 1904, als England und