Seitag, !5. April 1928
Lietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessetü
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Schlauer, als die Polizei erlaubt
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so aut heißen können: das verbindend Gemein- | Gotteshaus oder die Gememd schaftliche ist die Sammlung der Veröffenttt- Bekenntnisses, die Predrgtkrrche chunaen deS Rordnicderländers Hans Dredemann die Synagoge gilt. Rur w>
wenige Kirchcnneu-
Hochschulnachnchien.
d>ungcn des -llordnieoerianoers jjan» -oE^Ln.inui>n de Dries (um 1568)? Auch ein holländischer Architekturhisloriker gesteht zu, daß seine Er- sindungen in Deutschland früher Anklang und Derwendung sanden als in Holland und sie sozusagen von da nach seiner Heimat zurückge
wandert seien. .
Der bürgerliche Hausbau — Wohn-. Speicher-. Zunft- und Derwaltungsbauten umfassend — ist die umfänglichste und wichtigste Aufgabenstellung der Zeit. So könnte man meinen, wirklich physiognomische Unterschiede in den eben gemach- ten Bemerkungen entdeckt zu haben. Das hecht aber gerade die besonderen Eigentümlichkeiten der deutschen Baukunst außer acht lassen: für die ober- und niederdeutschen Gebiete Fachwerk, für die letzten reinen Ziegelbau. ,
In diesen beiden Fassungen hat die namenlose deutsche Meisterschaft dauernd in Uebernahme und Erfindung Eigenstes gefordert. Und Zierform und Wesen des neuen Geschmackes, die Anordnung des Ganzen kam den Gegebenheiten des Baustoffes gefügig und in reichem Maße
C$un gar im Berg- und Landschlosse und im Stadtpalaste der Fürsten und Herren wurden absonderliche und eigentümliche Gestaltrmgen gefunden. bei denen man von wesentlich ander«! Grundanschauungen ausging als in Italien oder auch in Frankreich. Das steile Satteldach bleibt bis auf wenige besondere Fälle fremder Einwirkung und fremdartiger Prägung das gebräuchliche: davor legt sich über den hohen Mauerflächen das ..Zwerchhaus', d.h. ein Dach- giedel quer zur Firstlage und bis zu gleicher Höhe mit dieser aufgezogen.
Wo das nachdrückliche Betonen der Stockwerkschichtung im Quader- oder Verputz bau noch nicht mit fester Hand durchgeführt ist — und das läßt lange auf sich warten —. da bleibt die Höhenrichtung ohne Ausgleich oder ohne den von der neuen Gesinnung geforderten über- windenden Segenzug. die — noch — gotische Richtungsbestimmung ist herrschend.
Im Kirchenbau geht das Bedürfnis stark zu- rück. Das. waS da neu geschaffen wird, schließt sich an die Dorbilder aus gotischen Gewöhn- heiter. an, durchgehend, ob es das katholische
schöpfungcn werden nach grundsätzlich landfremden Anschauungen aufgebaut, und diese gehören der Spätzeit an, ohne deswegen etwa zum Festlegen eines sogenannten Iesuitenstiles zu berechtigen und zum Gleichsetzcn mit einem barocken Wesen oder Unwesen. Dasselbe gilt in bezug auf die geringe Zahl von Rathäusern, die nahe Anschauungsbeziehungen zu Italien verraten.
seiner dritten Festnahme einen Kriminalbeamten erheblich verletzte, Um ein neues Entweichen unmöglich zu machen, erhielten alle Behörden für diesen Verbrecher folgende besondere 'Anweisung: ..Rur EinzeltranSport in Begleitung drei geschulter Beamten, schwerste Fesselung! Uyter- bringung nur in besonders gesichertem Stockwerk und Flügel einer Strafanstalt! Zellenfenster dürfen nicht in der Rahe einer Regengosse oder eines Blitzableiters liegen! Wiederholte Leibes». Bett- und Zellenkontrvll' zu allen Tages- und Rachtzeiten. wobei den Gitterstäben besondere Aufmerksamkeit zu widmen ist! Genaue
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Durchsicht aller aus fr-r Zelle kommenden Bücher und Zeitungen, die Görisch bisher immer beschrieben hat. um Rachrichten an zur Entlassung kommende Gefangene weiterzuleiten, keine Abnahme von Schuhwcrk. KIe.dungsstücken. Toiletteartikeln. LebenSmitt^ln. vielmehr nur von barem Geld, von dem die GesänaniSverwaltung alles Gewünschte für den Häftling beschaffen kann! Besuche, selbst solche von nächsten Verwandten, aus bas Mindestmaß beschränken, ohne Hand- und Kußbegrüßung, im Beisein geschulter Beamten. .. .u
Taschenspieler Göh.
Zum bevorstehenden Gastspiel des Eurt-Göh- Ensembles gehen uns vom Stadttheaterbureau die folgenden Ausführungen zu:
- | Gotteshaus oder die Gemeindekirche des neuen ' » der Jesuiten oder
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ii S»üler ab Mr m ffT bie Melmähiger un «firtnueto».
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Europa vergeudet Menschen und spart Dinge: Atnerika vergeudet die Dinge, aber spart die Menschen. Schon seit einem halben Jahrhundert, besonders aber seit den letzten Jahren, studiert Amerika mit leidenschaftlicher Hingabe das Problem, wie der Anstrengung eines jeden Menschen ihre höchste Nutzwirkung gegeben werden kann: dank der Maschine, dank der Standardisation, dank der Arbeitsteilung und Arbeitsorganisation, hat sich das ganze Wesen der Produktion in einem Grade verändert, von dem wenige Leute auch mir eine Ahnung haben. Doch in dieser bis zum Par- oxismus getriebenen Kollektivarbeit liegt dauernd eine Falle verborgen: der Mensch läuft Gefahr, seine Individualität zu vertieren; weder als Produzent, noch als Konsument ist sein persönliches Wesen mehr sichergestellt.
Man muß nicht glauben, daß die Etile der Amerikaner sich nicht bewußt wäre, welchen Gefahren das Menschenmaterial daourch ausgesetzt ist. Doch ebensowenig muß man glauben, daß sie dem Menschen die Maschine opfern würde: in Amerika gebührt der Produktion vor allen andern Rücksichten der Vortritt. Während die Amerikaner darauf verzichten, die Individualität des einzelnen im Getriebe der Fabrik zu retten, sehen wir, wie sie sich andererseits seiner annehmen: wenn er tagsüber nur der Bestandteil einer Maschine ist, so soll er abends we-
Wirtschaftlich ist Amerika gesund• es gedeiht, trotz immer möglicher Krisen, dank des enorm«i Ueberslusses seiner natürlichen Hilfsquellen und dank der unvergleichlichen Wirksamkeit einer organisierten Produktion. Die Herrschaft über die Ma- terie, die dem Menschen zur Verfügung gestellt ist, erreicht einen anderswo unbekannten Grad: amerikanischen Augen erscheint Europa wie ein Armleuteland, Asien wie ein Kontinent des Elends. Die Uebertragung des Gurus in den Verbrauch des täglichen Lebens, die Verbreitung einer Lebenshaltung, die früher einigen Wenigen vorbehalten war, auf die breiten Masten sind eine neue Erscheinung in der Geschickte der Menschheit, ein glänzender Fortschritt. Doch vielleicht das größte Navum in der Gesellschaftsordnung, die diese Wunder vollbringt, ist der llmstand, daß alle Triebkräfte, auch die idealen und sogar beinahe die religiösen, dem einen großen Ziel, der Produktion, dienstbar gemacht werden.
Ganz im allgemeinen ist zu sagen: Man sei nur bereit und geneigt, die Fülle der Werke in Deutschland, deren Ursprung wir der neuen Kunstanschauung danken, als Wallachen ohne Voreingenommenheiten zu betrachten und zu unter* fudjen: dann wird man auf8 höchste interessiert, ja gespannt den Cingana und Fortgang beobachten. ganz wie das Aufdämmern und Erwachen und schließlich die Klarheit neuer Einsicht und Geistesverfassung. Allerdings geschah im deutschen Kunstgebiete das Ausstrecken der Fühler von dem im Raupengange gewonnenen Standorte auf dem festen Zweige der gotischen Konstruktions- und Anschauungsweise aus langsamer. Und so brachte es schwere Mühen für die Vereinbarung und Dewälttgung. das Umlernen und ästhetische Wohlgefüyl mit sich. Mithin stellt sich der Vorgang etwa so dar wie bei den Franzosen, in gewissem Gegensätze zu Italien wiederum, wo der berückende Falter aus der heimisch«! Puppe schlüpfte: dem Sh- stemgedanken und sicheren harmonischen Einheitsgefühle der Romanttk.
s ü h r a n g s e i n e s B r u d e r s vor den Untersuchungsrichter. Dann erschien er selbst m der Uniform eines Gerichtsdieners und lieh sich unter Vorzeigung einer gefälschten Urkunde ben einen der EiÄrecherkönige übergeben. Erst nach einigen Stunden wurde der Betrug entdeckt, aber es gelang lange Zeit nicht, die Verbrecher za fassen, und alS Emil Strauß nach seiner endlich erfolgten Wiederverhaftung zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, rührte ihn daS wenig, da er vorher wußte, daß er bald wieder entweichen
Oie Architektur der deutschen Renaissance.
Von Sari Horst.
Bor kurzem erschien im Propyläen-Der- lag. Berlin, und in der Ausstattung der Propyläen-Kunstgeschichte ein reich illustriertes Werk des Marburger Kunsthistorikers Earl Horst über »Die Archi- teftur der deutschen Renaissance'. Wir geben im folgenden mit Erlaubnis des Verlags eine kurze Probe aus dem Werk. Deutschland, recht eigentlich das Land der Litte in Europa, mit seiner Geistigkeit, bereitwilliger als jedes andere, sich mit den allseitig iibringenben Eigenarten der umwohnenden Döl- fer auSeinanderzusehen. indem es sich ihrer mit erstaunlichem Entgegenkommen annimmt — dieses Deutschland zeigt im Zeitalter dec Renaissance ein deutlicher erkennbares Selbstbeharren als ic in anderen Abschnitten der Architektur — ®ie der allgemeinen Kunstgeschichte. Die Macht ter Einflüsse von den Riederlanden her f<J>eint rr. niederdeutschen Gebieten unwidersprechlicher targetan. Die Zahl der Künstlernamen bestätigt mar, was die Beobachtung der Merkmale auf vm ersten Blick verrät. Die Aehnlichkeit der '-cbensverhältnifse wie die Gleichheit der örtlich rsrhandenen oder besser: der gewählten Dau- Ftoffe können doch Bedenken dagegen nicht genug Kühen. Jedoch ist ein einfaches Auf teilen der Länder deutscher Zunge — im Sinne des alten Leiches — in eine niederländische und eine italienische künstlerische Einflußsphäre ganz und gar «cht geraten oder auch mir zulässig. Ober- teutschland, das an Burgund, die Schweiz und teird) diese an Italien, audj an Italien unmittel- t*ir grenzt, besteht fester dem Rachbarn im Lesten wie dem im Süden gegenüber auf eigenem Lefitz oder Erwerb. Ein Bürgerhaus der letzten Keife des Stiles in Danzig oder Königsberg kennte gleich gut an der Grande Place in Krüssel oder in Leydens Straßen stehen. 3ein 'Nürnberger oder Ulmer Privatbau würde ir Verona oder Bergamo wahrscheinlich wirken, irrch Basler oder Sttahburger fünf- und sieben- rhsige Schauseiten in einer Sttahenflucht von Lijon oder Lille. Sollte es aber vielleicht eben-
Es haben Berufungen angenommen: Prof. Dr. med. et phil. Wilhelm Steinhaufen in Frankfurt a. M. auf dem Lehrstuhl der Physiologie in Greifswald als Rachfolger von Prof. A. Kohlrausch. Prof. Dr. Johannes Wei- gelt in Halle a. S. auf ben Lehrstuhl der Geologie unb Paläontologie in Greifswald als Rachfolger des Geh. Rats Otto Iaekel. Privatdozent Dr. Mas Braubach In Bonn auf den Lehrstuhl der mittleren unb neueren Geschichte an der bortigen Universität als Rach- fvlger von Geheimrat Alohs Schulte, unb Privat- dozent Dr. Hans Bonnet in Leipzig auf dem Lehrstuhl ber Aeghptologie In Bonn att “ * Wiedemann.
u ^schrecken.
Hanz anders verlief die Befreiung eines po- tuchen Verbrecher-, die vor nicht ganz einem "ahr die ganze Welt zum Lachen brachte unb ■i«r bei ben französischen Behörden mit wenig ftwmor ausgenommen wurde: b i e Flucht 2«on DaudctS aus bem Pariser Gefängnis. 2e>n Daudet, bet Herausgeber der ..Actwn r«ncaise". war in einem Prozeß zu einer ®elb- jib Freiheitsstrafe verurteilt worden, weigerte ich aber. inS Gefängnis zu gehen, unb konnte 11 nach erbitterter Gegenwehr seiner Anhänger .rxt her Polizei verhaftet werben. Sines Mor- wurde ber Gefängnisdirektor Eatry ans 5«lephon gerufen, und ein Monn, ber mit bet Stimme deS Innenministers Satraut sprach, befahl, gleichzeitig mit Daudet dessen Partei- 'rmmd Delest und ben Kommunisten Semard aus bet Haft zu entlassen. Der Gefängnisbirektor □artete einige Minuten und rief bann bas Innen- ni mtsterium an, um sich zu erkundigen, ob er H la.'sächlich mit Sarraut gesprochen habe. Das Ministerium hat zwölf Telephonleitungen, und «bi t Anhänger Daubets, die mit der Rückfrage c-rechnet hatten, benutzten elf Telephonleitungen. ■ in bem sie sich von Ministerialbeamten fort- s«brenb irgendwelche gleichgültige Auskünfte erteilen ließen, fo daß nur die zwölfte Geltung frei blieb. In diese hatte sich ein Partei- Iteunb Daubets eingeschaltet, der bem Gefängnis- bireltor Eatry auf die erwartete Rückfrage barsch .cllatte. er solle sofort den ihm erteilten Befehl luSsühren. D i e Befreiung gelang, Daube! begab sich sofort nach Belgien, alle Welt achte über die Mystifikation — nur ber Ge- 'itngniSbirektor. ber ganz korrekt gehandelt hatte, ■ t'i'-be als Sündenbock in die Wüste g«'chickt und \ nutzte sein Amt nicbetlegen.
Vie telephonische Befreiung spielt aber nicht int bei politischen Verbrechern eine Rotte: das »erüchtigte Brüderpaar Strauß, das sich mit Itedjt den zweifelhaften Ehrentitel der „Sin* 'M'cherkönige" erworben hat. ist bei seinen zahl- eichen Ausbrüchen aus dem Desängnis nicht iemcr mit Feile ober Säge vorgegangen, sondern Mit sich auch einmal des Telephons bedient. >mil Straub war nach einem Einbruch in ) - SMuseum der BerlinerKriminal- o ölige i, bei bem er das dort zur Schau geteilte beste Einbrecherwerkzeug stahl, rwrbaftet worden. Sein Bruder Erich, der zu Ziffer Zeit im Zuchthaus saß, entsprang in Berlin bet einem Gefangenentransport und widmete sich !®fort liebevoll der Befreiung seines Bruders. Mit den Gebräuchen im Untersuchungsgefängnis oertraut, rief er vom Kriminalgericht aus bei bem Gefängnis an und bestellte bic Vor-
ähnlichen goldenen Worten zuckt es in seinen Mundwinkeln. Der Kopf neigt sich leise verbindlich. übet dem Gesicht liegt eine harmlos strah- lende Lourtoisie: aber die Mundwinkel dementieren den tadellosen Kavalier. Götz ist ein ganz Heimlicher. . .
Götz ist auch als Stückeschreiber ein Heimlicher, ein Zerstörer des Ernstes dort, wo er am ernstesten ist: ein Unterminieret der Trauet durch Wegzaubetung ihrer Ursache. Man lebt in steter Unruhe, ob nicht im nächsten Moment die Bombe platzt. Götz ist auch geistreich parodistisch, vor allem aber von einem aggressiven llnemft: _ ein Revolutionär des Lachens. Er baut gern zunächst bitterernste Situationen auf, aufregende Kino- f jenen, die Katastrophen an künden: dann — vorbereitet durch viele weise Ironien — wanken die Fundamente der Tragik: ein Elefant ent- wickelt sich alS Mücke. Göhens, des Schauspielers unb Stückeschreibers. Gtunbgefühl ist: alleS ist nur halb so schlimm. Diese DemaSkietung beet Schlimmen als halb so schlimm, alS viertel so schlimm, als gar nicht schlimm. Göhens optimistische Ironie. Göhens spielerische Auslösung der Tragöbie ist ber Quell unseres aus tiefster Seele ftammenben Lachens. baS bet hinterlistige Ernst deS Schaufpielers unb Stücke- fchtcibets immer toieber in uns weckt. Götz ist ein charmanter Verführet zur Entrunzelung ber Stirne. Sein „Hokuspokus" zaubert uns bie harte Wirklichkeit fort: großer Taschenspieler Götz
Europäische Kultur unb ainerilanische Kultur
Von Slndrö Sieg rieb, Professor an ber pariser Sorbonne.
AB FABRIK Vorsprung [anfMifa ennen in April ge- erkämpfte fder Ber- 'nSiegauf ns-Berlin ■ in der chs Ziel um Han- iberg auf n 2.Piotr.
' von
Wir freuen uns, im folgenden einem der berühmtesten französischen Gelehrten das Wort zu einem Thema geben zu können, das heute die europäische Menschheit als Ganzes in höchstem Maße angeht. Professor Siegfried, der in Frankreich als bester Kenner und unabhängiger Kritiker Nordamerikas gilt, sucht hier an den Kern des amerikanischen Kultur- Problems heranzukommen.
Als Kolumbus die Neue Welt entdeckte, war sie für unsere Vorfahren in geographischem Sinne neu. Heute hat ihr wahrhaft revolutionäres System der Massenproduktion sie zum zweiten Male zur Neuen Welt gemacht, die wir, ohne es eigentlich zu ahnen, erst entdecken müssen. Das ame rikanische Volk ist im Begriffe, in großzügiger Weise, in einer von Tradition und politischen Hemmungen freien Atmosphäre eine neue, durchaus originelle Gef ellf cha ssordnung zu schaffen, deren Aehnlichkeit mit der unfrigen immer oberflächlicher wird.
Die Befreiung deS kommunistischen Schriftstellers Otto Braun aus dem Moabiter Untersuchungsgefängnis hat mit Recht sofort überall ungeheures Aufsehen erregt. Unser kriminalistischer Mitarbeiter schildert anschaulich, in welchem Umfang unb auf welch eigenartige Weife ähnliche Gefangenenbrsreiungen in den letzten Jahren vorgekommcn sind.
jletfetmauern — bas hat fich in letzter Zeit ■ft genug gezeigt — sperren ben Gesungenen Scht fo lieber von der Außenwelt ab. wie eS ; jd> der friedliche Bürger im allgemeinen vor- hpU. Dor ungefähr zwei Jahren hat der da- laJlge Regierungsdirektor und jetzige Polizei- NzrprSsident von Berlin, Weiß, öftentlichüber sie unzureichenden SicherungSmaßnahmen Klage
,führt, die den Verbrechern häufig Möglichkeiten «lAHlucht lassen und dadurch die mühevolle Ar- 'ti ber Kriminalpolizei zunichte machen. Po- üVche Verbrecher pflegen freilich im allgemeinen 41 auf so halsbrecherische Weise den Weg ni Freie zu suchen wie Einbrecher ober Fassaden- 1Mietet, sondern sich durch Tricks aus ihrem teilec zu befreien. Aber die Flucht des Kom- ruitften Braun mit Hilfe bewaffneter Parter* reunbe zeigt, baß auch politische Gefangene bet bitt Befreiung nicht vor Gewaltanwerrdung zu-
toütbe.
Falsche Uniformen waren von teher b-j der Befreiung von Gefangenen beliebte Hilfsmittel. I Nur wenige werden aber wissen, daß sich sogar der polnische Ministerpräsident Marschall Pli - sudlki einmal unrechtmäßig einen -arrsthen Offiziersrock angezogen hat, um einige zum Tode verurteilte Revolutionäre zu retten, damals war Pilsudski noch ein sozialdemokratischer Agitator Als im Jahre 1905 drei Teilnehmer wegen eines Attentats aus einen -arischen Beamten zum ^.ode verurteilt wurden, erfuhr man. daß die «LooeS- kandibaten in der Warschauer Zitadelle untcr- gebracht waren. In der Rächt vor der Doll- I ftredung des Todesurteils erschien nun em Offizier der Ochrana. begleitet von vier Pott ist en. bei dem Kommandanten der Warschauer oita*. eile und legte einen Befehl deS kommandierenden Warschauer Generals vor. der die ileberf up- r ung der drei Todeskandidaten in ein anderes Gefängnis anordnete, weil ein revolutionärer Befreiungsversuch verhindert werden sollte. Während die Verurteilten in schwere Ketten gelegt wurden, las der Oftizier in der ..Rowoje Wremja", dem reaktionären Regierungsorgan: dann trieb er seine Getan- genen mit Fußtritten aus der Tur und ließ sie recht unsanft in ein geschlossenes Auto Hetzen. Der Wagen fuhr schnellstens zur deutschen G r e n z e. Als sie deutschen Boden erreicht hatten, waren die Gesangenen unb Pilsudski. der sie in seiner Verlleidung entführt hatte, tn Sicherheit.
Recht unliebsame politische Zwischenfälle entstehen. wenn nicht nur eine politisch: Partei, sondern sogar Beamte einer f rem ben Macht an bet Befreiung politischer befangener beteiligt sind. Als am 4. Mai 1924 ber tourttem- bergische Kommunist Bozenharb von zwei Kriminalbeamten im Auftrag bes Staatsgerlchts- böses von Stuttgart nach Pommern transportiert | werden sollte, überredete Bozenhard die beiden | Polizisten, auf dem Wege vom Anhalter Bahnhof zum Stettiner Bahnhof in Berlin mit ihm zusammen in das Haus derrusfis ch e n Handelsvertretung zu gehen, von dem er behauptete, es sei ein Casö. Dort wurden die Beamten von einigen Freunden Bozenhards einige Zeit festgehalten, bis der Kommunist entflohen war. und bie Berliner Kriminalpolizei nahm das zum Anlaß, ohne Rücksicht aus die Erterritorialität des Hauses eine 5■ u - chung vorzunehmen unb fünf russische Beamte zu verhaften. Die Befreiung BoAenhards unb bie anschließende Haussuchung führte bann zu einem schweren diplomatischen K o n s l i t t zwischen der deutschen unb der russischen Regierung. Ungefähr ein Jahr vorher erregte eine andere Befreiung eines politischen Gefangenen in Deutschland gewaltiges Aufsehen. Als nämlich der bekannte Kapitän Ehrhardt nach bem Kapp-Putsch verhaftet werden sollte, bewahrte er sich seine Freiheit durch die Flucht nach München wurde aber am 30. Rovember 1922 dennoch verhaftet und nach Leipzig überführt. Dort wurde er am 13. Juli 1923 von Gesinnungsgenossen aus der Untersuchungshaft befreit.
[ Bon Casanovas berühmter Flucht aus den Bleikammern von Venedig bis auf den heutigen
, Tag sind Ausbrüche und Befreiungen von politischen und gemeinen Verbrechern immer wieder , vorgekommen: man kann eben nicht jeden Haft- i ling fo streng bewachen wie den Schwerverbrecher ■ Paul Görisch. der zweimal entfloh und bei
nigstens Mensch s e i n ! Die Beschäftigung seiner Miißcstiinden, fein Geld, die Erzeugnisse, die ihm die Serienfabrikation in Massen zur Dersügung stellt, mögen ihm dann vielleicht jene Würde des intellek- tiiell unabhängigen Menschen wiedergeben, deren die mehr und mehr organisierte Arbeit ihn beraubt.
Eine soziale Umwandlung von unermeßlicher Tragweite ist das Ergebnis dieser GejeUsck>!fls- Ordnung, die alle Kräfte einem einzigen Ziele unter- ordnet. Der Mensch, mehr Mittel als Zweck, nimmt feine Rolle, Bestandteil einer Maschine zu sein, hin, ohne auch nur einen Augenblick daran zu denken, daß er sich dadurch herab setze. Aber eingeklemmt zwischen dem kläglich entwickelten Individuum und der allzu mächtig organisierten (tzesellschast, findet sich die Familie in ihrem Wett herabgesetzt. In den Augen derjenigen, die nur darnach trachten, den größtmöglichen Ertrag der menschlichen Gesellschaft zu erreichen, ist die Familie beinahe wie ein lästiges Wehr, das die Strömung aufhält.
Unter dieser sozialen Zucht scheinen besonders d,e besten unter den erst schlecht assimilierten F r e m - den zu leiden. Auch vereinzelte Amerikaner altem Jahrgangs lehnen sich dagegen aus. Doch die I u • gend zeigt nicht die geringste Austehnung ober Reaktion gegen die Tyrannei der Vlasse: sie nimmt sie als s e l b st v e r st ä n d l i ch hin. denn sie denkt nicht individualistisch: das Regime paßt ihr. Urteigene zieht sie daraus so großen Gewinn, befindet sie sich so wohl beschützt, ist der Gedanke, an etwas mitzu- arbeiten, bas größer als sie selbst ist, so berauschenb, daß bei bieser mystisch gefärbten Hingabe an das Ideal der Masse alles Uebrige vergessen oder sicher nicht bereut wird. Wir werden aber nicht aushoren. zu fragen, ob in dieser Atmosphäre das Individuum weiterleben kann. Läuft Amerika in feiner Begeisterung, einen unvergleichlichen materiellen Erfolg zu verwirklichen, nicht Gefahr, die Flamme persönlicher Freiheit zu ersticken, bie bas wirtschafllich vielleicht kindliche Europa als eines der größten Güter der zioiliserten Menschheit betrachtet hat? ,
So beschleicht im Momente, ba die Vereinigten Staaten sich in einem Zustande allgemeiner Prosperität befinden, wie ihn die Welt überhaupt noch nie gekannt hat, ein Zweifel ben unparteiischen Beob- achter. Wirb diese unerhörte Demeisterung ber Guter dieser Erbe zu einerhoheren Kultur führe n ? Europa, die Begründerin ber modernen Methoden der industriellen Großproduktion, stutzt erschrocken ob dem Anblick der letzten logischen Aus Wirkungen seines Vorgehens. Erfüllt sich sein Schick sal, indem cs diese Folgen omrimmt? Würbe es nicht Gefahr laufen, feine frühere Kultur Goß- .zustellen, eine Kultur, bie mit Fordisierung unver einbar ist und bie vielleicht Europas eigentlichster Ausdruck war?
Wenn gewisse Europäer die Industrie des alten Kontinentes nach amerikanischem Muster verjüngen wollen, fo zaubern anbere unb betrauern die Vergangenheit, weil fie besser und verfeinerter war. Wenn sic nach ber Neuen Welt reisen, so eftcheint ihnen Europa von brüben besehen ander», als sie sich es dachten, anders auch, als europäische Denker cs ihnen geschildert litten. Ziehen sie ben Vergleich mit Amerika, fo sehen fie, daß in der Wertordnung Europas nicht einzig bie Verfolgung materiellen Wohlstandes geachtet wird, fonbern baß das freie, nicht auf materiellen Gewinn bedachte Denken noch in hohem Ansehen steht.
Wer ihn zum ersten Male sieht, derrkt wohl 'unächst: Ein gut auSschender, gepflegter, junger Man", vom Schicksal für den Frack bestimmt, für abgetönte Salongespräche. für die Begleitung junger Damen. Dann traut man ihm plötzlich nicht mehr recht: Man sucht sein glattes Gesicht ab und findet zwei heimliche Mundwinkel. Und immer gerade, wenn seine kultivierten Sätze i ,
am konventionellsten sind: bei Sprichwörtern oder I Rachfvlger von Alfred


